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Eine Prinzessin auf Abwegen

1. KAPITEL

Die skandalumwitterte Prinzessin hatte es wieder getan. Evangelina Drakos war einem weiteren seiner besten Sicherheitsbeamten entwischt. Das war unverzeihlich. So etwas hätte nie passieren dürfen. Und trotzdem war es geschehen. Drei Mal in drei Wochen.

Makhail Nabatov duldete keine Fehler. Ganz egal, ob jemand sich beim Autofahren versehentlich heißen Kaffee über die Hose schüttete oder die Prinzessin aus den Augen verlor, die bewacht werden sollte. Jeder Fehler konnte eine Katastrophe auslösen.

Wütend schlug er die Wagentür zu und rollte mit den Schultern, um die Verspannung in seinem Körper zu lösen. Er hätte nie gedacht, dass ihn so ein Vorfall derart erschüttern würde. Wieder einmal hatte Prinzessin Evangelina es geschafft, sein wohlgeordnetes Leben völlig durcheinanderzubringen.

Als er sie kennenlernte, eine beeindruckende Gestalt mit glänzenden braunen Locken, leuchtenden Augen und goldbrauner Haut, schien sie ihm ganz die schüchterne Prinzessin. Damals war nichts zu spüren gewesen von dem forschen, lebenslustigen Partygirl, das mit schöner Regelmäßigkeit für Schlagzeilen in der Klatschpresse sorgte. Weshalb er sich schon gefragt hatte, ob die Medien in ihrer Darstellung vielleicht übertrieben.

Doch im letzten halben Jahr hatte er erkannt, dass sie recht hatten und er falschlag. Dabei irrte er sich nie. Aber die Prinzessin hatte ihn eines Besseren belehrt.

Das gefiel ihm nicht.

Es war unglaublich, dass ein einzelnes zierliches Persönchen der Königsfamilie so viel Ärger machen konnte. Aber sie hatte den Bogen ganz eindeutig heraus.

Er drückte die Kurzwahltaste seines Handys und hatte sofort den Mann am anderen Ende, der die Prinzessin hatte beobachten sollen. „Wo haben Sie sie zuletzt gesehen, Ivan?“

„Im Casino. Sie ist in der Menge untergetaucht“, erklärte Ivan mit vor Angst angespannter Stimme. Eine weitere Schwäche, die Makhail verachtete.

„Sie sind gefeuert.“ Damit beendete Makhail das Gespräch, steckte das Handy wieder in die Tasche und rückte seine Krawatte zurecht. Dann machte er sich auf den Weg zum Casino. Er würde wetten, dass Evangelina immer noch dort war. Zweifellos verspielte sie gerade das Geld ihres Vaters.

Geschickt schlängelte er sich an all den Menschen vorbei, die hier ihr Glück suchten. Prinzessin Evangelina hielt sich sicher nicht in der Vorhalle an den Spielautomaten auf, sondern irgendwo am Spieltisch. Der einzig passende Ort für ein verzogenes Gör mit einem Hang zum Drama und zu roséfarbenem Champagner.

Schnell durchquerte er die Lobby und steuerte auf die schwarze Doppeltür, die zwei Wachmänner im Anzug flankierten.

„Name?“, fragte einer der Männer knapp.

„Mak“, entgegnete er. „Ich bin hier mit der Prinzessin verabredet.“

„Ich fürchte, Sie können nicht einfach …“

Eine der Türen ging auf und eine Dame in hautengem Kleid schwebte heraus, umweht von einer Alkoholfahne. Er nutzte die Gelegenheit, griff nach der Tür, zog sie weiter auf und schlüpfte hindurch.

Mak entdeckte sie sofort. Sie saß an einem der Tische und sah lachend dem Mann zu ihrer Rechten zu, der ein Paar Würfel über den Spieltisch rollte. Als die richtigen Zahlen kamen, jubelte sie. Dann sah sie auf, zu Mak.

Die dunklen Augen weiteten sich, und ihre Lippen teilten sich ein wenig. Sie berührte den Arm ihres Begleiters, sagte schnell etwas zu ihm und wandte sich dann wieder von ihm ab. Sie versuchte nicht einmal, vor Makhail davonzulaufen, da es ohnehin sinnlos wäre.

Als einer der beiden Wachmänner von der Tür herbeieilte, sahen alle vom Spieltisch auf. „Prinzessin“, sagte er, „ist alles …“

Missbilligend schaute sie zu Mak hinüber. „Mir gefällt nicht, dass dieser Mann hier herumsteht, aber Sie können sicher sein, dass er sich nicht fortschicken lässt“, sagte sie scharf. „Er ist bei meinem Vater beschäftigt. Darum könnte die Sache problematisch werden.“ Sie klang überheblich in ihrem Befehlston, und ihre dunklen Augen leuchteten vor Wut, als sie Mak direkt ansah. „Werde ich jetzt in meine Zelle zurückgebracht?“

„Ihre Zelle?“, fragte er. „So bezeichnen Sie also Ihr Schlafzimmer mit dem rosa Rüschenzeug?“

Leichte Röte überzog ihre Wangen. „Nicht offiziell.“

„Wie sind Sie den Sicherheitsbeamten entwischt?“

Ein selbstgefälliges Lächeln umspielte ihre Lippen. „Haben Sie die Frauen vorn an den Spielautomaten gesehen? Die den Stammkunden das Geld aus der Tasche ziehen?“

Kurz schüttelte er den Kopf. „Nein.“

„Nun, Ihr Wachmann schon. Oder besser gesagt ist ihm aufgefallen, dass deren Ausschnitt bis zum Bauchnabel geht. Also habe ich die Gelegenheit genutzt, nach hinten zu verschwinden. Er hat vermutlich angenommen, ich hätte das Casino verlassen, was er mir geraten hat.“

„Er wurde getäuscht und war naiv genug zu glauben, Sie würden seiner Anweisung folgen.“

Mit übertrieben unschuldiger Miene hob Evangelina die Brauen. „Allerdings.“

„Ich bin nicht so dumm.“

Sie zog einen Mundwinkel hoch. „Das habe ich bemerkt.“

Einen Moment musterte er sie. Sie hatte etwas Katzenhaftes, geschmeidig, anmutig und mehr als bereit, ihre Krallen zu zeigen, wenn es erforderlich war. Er wusste genau, wie sie die Palastwachen einschüchterte und seine Männer austrickste.

Aber bei ihm würde sie keinen Erfolg damit haben.

„Ich würde Ihnen empfehlen, mit mir zu kommen, Prinzessin.“

„Und wenn ich es nicht tue?“

„Wird Ihr Vater davon erfahren.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und lenkte so seinen Blick darauf. Das machte sie noch reizvoller für ihn. Er fragte sich, ob ihre Haut überall so goldbraun war. Und wie wohl ihre Brüste aussahen.

Mak ballte die Hände zu Fäusten und kämpfte die Bilder nieder, die ihn bestürmten. Er ließ sich von Frauen nicht ablenken. Niemals.

Doch gerade hatte er diesen Grundsatz missachtet, was ungewöhnlich und höchst ärgerlich war. So etwas würde nie wieder geschehen.

„Es bekümmert mich nicht sonderlich, dass mein Vater davon erfahren könnte. Was soll er schon machen? Mich ins Verlies sperren? Oder mich mit einem Fremden verheiraten, wann es ihm gerade passt? Wir wissen beide, dass er Ersteres nicht tun wird und Letzteres ohnehin momentan versucht.“

„Ich werde Sie einfach über meine Schulter werfen und hinaustragen.“

Sie kniff ihre dunklen Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Das würden Sie nicht tun.“

Als er einen Schritt vortrat, wich sie nicht einmal zurück. „Ach nein?“

Einen Moment musterte sie ihn, dann sagte sie: „Ich erlaube Ihnen, mich hinauszubegleiten.“

Er griff nach ihrem Arm. Ihre Haut fühlte sich weich unter seiner Berührung an. Dann zog er sie näher an sich und beugte sich zu ihr, bis seine Lippen fast ihr Ohr berührten. „Und ich erlaube Ihnen, auf Ihren eigenen zwei Beinen dieses Haus zu verlassen.“

Mit loderndem Blick wandte sie sich zu ihm. „Was auch besser ist, denn die Alternative wäre weder für Sie noch für mich besonders reizvoll.“

„Dann haben Sie ja die richtige Entscheidung getroffen.“ Während er sie aus dem Raum führte, hielt er ihren Arm fest umklammert. Sie reckte ihr Kinn und hielt sich sehr aufrecht.

Sie gingen durch das Foyer nach draußen, wo sie die feuchte Abendluft empfing, die nach Salz schmeckte. In der Ferne toste das Meer. Mak öffnete die Beifahrertür seines Wagens.

„Einsteigen“, befahl er.

Evangelina kam seiner Anordnung nach und nahm steif im Wagen Platz, den Blick stur nach vorn gerichtet. Nachdem er ebenfalls eingestiegen war, startete er den Motor und lenkte den Wagen Richtung Palast.

„Und“, bemerkte sie im Plauderton, „Sie werden meinem Vater doch nichts erzählen?“

„Nein.“ Niemand hätte einen Vorteil davon, den König von diesem Vorfall zu unterrichten.

„Ich könnte es ihm verraten“, meinte sie leichthin.

„Warum das?“

„Wie ich schon sagte, meinetwegen würde er nichts unternehmen. Aber Sie … könnte er feuern.“

Makhails Griff um das Lenkrad verstärkte sich. „Das wird er nicht.“

„Ach ja?“

„Nein. Ich habe Ivan gefeuert und werde Sie nun persönlich bewachen. Ihr Vater weiß, dass niemand für diesen Job besser geeignet wäre.“

„Weiß er das?“, gab sie tonlos zurück.

„Die Palastwache kann Sie nicht im Auge behalten. Diese Männer müssen für die nationale Sicherheit sorgen und können sich nicht um eine Göre kümmern, die sich keinen Deut um ihre eigene Sicherheit schert. Das bleibt mir überlassen Ich bin sehr geschult auf diesem Gebiet. Und ich mache nie Fehler – im Gegensatz zu einem meiner Angestellten, was bedauerlich ist.“

„Zwei“, warf sie ein.

„Wie bitte?“

„Ich bin zwei Ihrer Angestellten entwischt, während sie sich wegen irgendeiner Frau die Hälse verrenkt haben.“

„Ehemalige Angestellte. Ihnen mangelte es an Disziplin, also haben Sie in meinem Team nichts mehr zu suchen. Ihnen ist das vielleicht nicht bewusst, weil Sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, aber hier geht es um mehr als nur Ihren guten Ruf.“

„Ach ja? Und ich dachte, es würde hauptsächlich darum gehen, dass ich eine gute Figur mache, um mögliche Ehekandidaten nicht abzuschrecken.“

„Es geht um Ihre Sicherheit, weil Sie für die politischen Machtverhältnisse von Bedeutung sind, Prinzessin.“

„Ist das so?“ Die Überraschung in ihrer Stimme klang aufgesetzt. „Und ich dachte, ich wäre einfach nur Evangelina.“

„Sobald man einen Titel trägt, ist man nicht nur irgendjemand.“

Sie wandte sich ihm zu, doch er hielt den Blick weiter auf die Straße gerichtet. „Bei mir nicht. Ich bin tatsächlich nur eine politische Schachfigur.“

„Aber eine wichtige“, entgegnete er.

Sie schnaubte und ließ sich in den Ledersitz fallen. „Was könnte ein Mädchen denn noch mehr verlangen?“

Eva glaubte, aus der Haut fahren zu müssen. Ihr Arm brannte immer noch von Makhails Berührung, und sie war wütend. Und hilflos.

Vor sechs Monaten, als ihr Vater ihr Makhail vorgestellt hatte, hatte sie erleichtert aufgeseufzt, weil er sie nicht selbst bewachen würde. Denn er verwirrte sie viel zu sehr. Er war zu groß. Zu männlich. Breite Schultern und kurzes braunes Haar, ausgeprägte Kiefermuskeln und ein Mund, der so aussah, als hätte sich noch nie ein Lächeln auf ihn verirrt. Und erst seine Augen … grau wie der Lauf einer Waffe. Grau – und kalt.

Jetzt saß er neben ihr. Es war eine Sache, mit seinen idiotischen Angestellten Spielchen zu treiben. Sie hatten es ihr einfach gemacht, weil sie viel zu sehr an dem interessiert gewesen waren, was um sie herum vorging. Aber Makhail war in einer Weise nur auf sie konzentriert, wie sie es bei keinem anderen erlebt hatte. Es war, als würde er in sie hineinsehen, und das gefiel ihr überhaupt nicht.

„Habe ich richtig gehört? Ein Mädchen, das im goldenen Käfig sitzt, bittet noch um ein paar zusätzliche Diamanten?“

„Glauben Sie, nur weil ich reich bin, dürfte ich mich nicht beschweren?“, erwiderte sie gekränkt.

„Ganz und gar nicht. Meine Aufgabe besteht allerdings nicht darin, eine Meinung zu haben, die eine gewisse Art von Mitgefühl erfordern würde. Ich bin hier, um für Ihre Sicherheit zu sorgen und dafür, dass Sie keine Skandale verursachen.“

„Bis zu meiner Hochzeit?“

„Auch danach, wenn ich muss.“

War das verwunderlich? Schließlich war sie ein Mitglied der Königsfamilie und dazu bestimmt, einen Mann aus einer anderen Königsfamilie zu heiraten. Seit ihrer Geburt wurde ihr Leben durch andere bestimmt, das ging bis zu den Schuhen, die sie morgens anzog.

Und natürlich wurde auch der Mann, den sie heiraten würde, mit großer Sorgfalt ausgewählt.

Es war über sechs Monate her, dass sie mit der entsetzlichen Angst aufgewacht war, niemals eine eigene Entscheidung treffen zu können. Seit diesem Tag begehrte sie ernsthaft auf. Da konnte Makhail Nabatov noch so viel über Pflichten reden. Er hatte keine Ahnung, wie es war, in ihrer Haut zu stecken.

Er war der Feind.

„Ich wage zu behaupten, dass mein Mann seine eigenen Wachleute haben wird, die sicherstellen müssen, dass ich brav bin.“

„Und Sie glauben, dass die auch nur einen Deut besser sind als die Wachleute Ihres Vaters?“

Immer noch sah er sie nicht an, sondern starrte weiter auf die Straße. Seine leicht gebogene Nase sah aus, als wäre sie schon mindestens einmal gebrochen gewesen.

„Vielleicht nicht. Aber es könnte ja auch sein, dass ich gar nicht mehr vorhabe wegzulaufen. Das hängt von der Wahl meines Vaters ab. Oder ob ich mich in meinen zukünftigen Mann verliebe.“

Was sie jedoch bezweifelte. Denn sie hatte eine vage Vorstellung, wen ihr Vater unter den wenigen möglichen Kandidaten auswählen würde. Bastian, König von Komenia, einem kleinen Fürstentum in Osteuropa, der sich nach einer Königin umsah. Eva empfand nichts für ihn, auch wenn sie es versucht hatte.

Bastian besaß sehr großen Einfluss, sowohl finanziell als auch militärisch. Und das würde Kyonos enorm zugutekommen.

Für ihren Vater spielte es keine Rolle, ob sie sich zu dem Mann hingezogen fühlte oder ihn liebte. Bastian war fraglos attraktiv. Sogar ziemlich. Aber es sprang kein Funke über. Wenn er sie berührte, spürte sie nichts. Er war nicht der Richtige.

Doch wie es aussah, würde sie nie die Gelegenheit bekommen, den Richtigen zu finden.

„Sie wollen Liebe, stimmt’s?“, fragte Mak.

„Natürlich. Wollen wir das nicht alle?“

„Nein“, antwortete er. Ohne eine Erklärung. Einfach nur nein. Sie wusste nicht, warum sie das überraschte. Außerdem machte es sie wütend. Denn er könnte lieben, wen er wollte. Er könnte heiraten, wen er wollte. Und trotzdem wehrte er die Liebe ab. Wahrscheinlich weil er mehr an einer Affäre interessiert war als an wahrer Hingabe.

„Ich schon.“ Sie sah aus dem Fenster, und ihr Magen krampfte sich zusammen, als sie sich dem Palast näherten.

„Warum?“

Sie wandte sich ihm wieder zu. „Jeder – außer Ihnen natürlich – will Liebe. Denn Liebe ist …“

„Eine Menge Arbeit.“

Eva sah auf seine Hände, die das Lenkrad fest umklammert hielten. An seinem linken Ringfinger saß ein breiter Platinring. „Sind Sie verheiratet?“

„Nicht mehr.“ Seine Stimme klang tonlos und verriet nichts.

„Warum nicht?“

Zum ersten Mal, seit sie losgefahren waren, warf er ihr einen Blick zu. „Ich wusste nicht, dass wir Freunde werden müssen, nur weil ich Sie beschütze.“

„Lassen Sie mich eines klarstellen“, erwiderte Eva verärgert. „Sie werden mich nicht beschützen. Nicht wirklich. Sie bewahren mich nur vor Ärger – oder vermeintlichem Ärger. Ich bin eine erwachsene Frau von zwanzig Jahren. Fast schon einundzwanzig.“

„Uralt“, gab er trocken zurück.

„Wie auch immer. Nein, wir müssen keine Freunde werden. Das wäre sowieso nicht möglich, weil wir verschiedene Pläne verfolgen.“

„Und wie sieht Ihr Plan aus, Prinzessin?“

Sie hielten vor einem großen schmiedeeisernen Tor in der hohen Mauer, die den Palast umgab. Im Hintergrund schimmerte blau die Ägäis.

„Wenn ich Ihnen das verrate, Mr Nabatov, wäre es viel zu einfach für Sie, die Oberhand zu gewinnen.“

2. KAPITEL

„Die Sache war schon überall online, bevor du das Casino überhaupt verlassen hast, Eva.“ Mit grimmiger Miene ging ihr Vater vor ihr auf und ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Würfelspiel, ein Mann an deinem Arm. Du sahst aus wie eine gewöhnliche Studentin.“

Was aus dem Mund ihres Vaters einer Beleidigung gleichkam. Denn alles Gewöhnliche war für Stephanos Drakos unter der Würde der verehrten königlichen Familie von Kyonos.

„Vater …“

„Königliche Hoheit.“ In diesem Moment trat Makhail ein. „Eva sollte eigentlich von einem meiner Männer beobachtet werden. Er wurde inzwischen für seine Unachtsamkeit entlassen. Ich habe beschlossen, die Prinzessin in Zukunft selbst zu bewachen.“

Verdammt zuvorkommend von ihm, dachte sie und hätte ihrem neuen Bewacher dafür am liebsten seine selbstgefällige Miene aus dem Gesicht geprügelt. Stattdessen räusperte sie sich und wandte sich an ihren Vater. „Glaubst du wirklich, ich komme keine Sekunde ohne ein … ein Kindermädchen aus?“

„So ist es“, erwiderte König Stephanos.

Mit funkelndem Blick sah Makhail sie an. „Ich bin kein Kindermädchen, Prinzessin.“

„Sie verfügen auch über eine größere Waffe als die meisten Kindermädchen“, gab sie zurück.

Er hob eine Braue. „Unter anderem.“

„Wie reizend“, meinte sie knapp.

„Woher weiß ich, dass ich Ihnen vertrauen kann, Mr Nabatov, wenn Ihre Agenten unfähig zu sein scheinen, meine Tochter nicht zu verlieren?“

Mit grimmiger Miene wandte Makhail sich dem König zu. „Das waren Anfänger. Im Gegensatz zu mir. Aber die Möglichkeiten sind begrenzt, Königliche Hoheit. Normalerweise sind die Menschen, für deren Sicherheit man sorgt, vernünftig genug, diesen Schutz auch zu wollen. Bei Prinzessin Evangelina sieht das anders aus.“

„Weil ich vor mir selbst beschützt werde“, entgegnete sie. „Und das ist eine Beleidigung.“

„Du benimmst dich wie ein Kind und wirst deshalb auch so behandelt“, erklärte Stephanos. „Ich bin dabei, eine Verbindung für dich zu schaffen, die dem Wohl von Kyonos zugutekommt, eine Verbindung zugunsten unseres Volkes. Aber du verschmähst sie.“

„Ich will ja nur ab und zu mein eigenes Leben führen, ein bisschen …“

„Du bist Mitglied des Königshauses, Eva. So einfach ist das nicht.

Eva schluckte ihre Erwiderung hinunter. Auch wenn es ihr überhaupt nicht gefiel, hatte ihr Vater recht. Jedes Privileg hatte seinen Preis. An jeder Unze Gold hing ein schweres Gewicht, ganz egal, ob sie es akzeptierte oder nicht.

Trotzdem lag ihr eine Gegenantwort auf der Zunge, Worte, die sie nie aussprechen würde.

„Bin ich entlassen?“, fragte sie.

„Du kannst gehen.“ Ihr Vater nickte.

Sie drehte sich auf dem Absatz um und marschierte in die Halle. Als sie allein war, schlug sie die Hände vors Gesicht und presste die Handflächen gegen die Augen, um die Tränen zurückzuhalten. Sie hatte keine Zeit für Schwäche – und, was noch wichtiger war, sie konnte es sich nicht leisten, Schwäche zu zeigen.

Nicht gegenüber ihrem Vater, und ganz sicher nicht der Presse gegenüber. Und vor allem nicht bei Makhail, ihrem neuen Gefängniswärter. Der Einzige, der sie zumindest ein bisschen verstand, war ihr Bruder Stavros. Aber er hatte im Moment seine eigenen Probleme.

Versonnen ging sie durch den langen leeren Gang. Ihre High Heels klackten laut auf dem Marmorboden. Wenn sie eine Vorstellung davon hätte, was sie tun sollte, wäre alles einfacher. In den letzten Monaten war sie vor allem mit ihren Skandalen beschäftigt gewesen und damit, die Pläne ihres Vaters zu vereiteln, der einen passenden Ehemann für sie suchte.

Aber was könnte sie darüber hinaus noch tun?

Eva wusste, was sie wollte, und ihr war auch klar, dass sie es vermutlich nie bekommen würde. Einen Mann, der sie liebte. Nur sie allein. Und den auch sie über alles liebte. Eine Ehe, die nichts mit Politik oder Geschäften zu tun hatte.

Aber das war nichts als Fantasie. Es gab kleine Mädchen, die davon träumten, Prinzessin zu sein. Sie hingegen träumte davon, sie selbst sein zu dürfen, ihr eigenes Leben zu führen. Auch wenn das nicht möglich war, hatte sie sich an diese Hoffnung geklammert. Viel zu lange schon.

Und wenn sie erst einmal verheiratet war … wäre alles verloren, jede Hoffnung dahin, zermalmt unter diesem schweren Gewicht. Dann würde nicht mehr ihr Vater die Kontrolle über sie haben, sondern ihr Ehemann.

Es war trostlos.

„Prinzessin.“

Die tiefe volle Stimme mit dem russischen Akzent konnte nur einem Mann gehören. Sie wandte sich um und sah Makhail dastehen, in seinem schwarzen Anzug ganz das Abbild eines Geheimagenten.

„Ich habe mit Ihrem Vater alles festgelegt.“

„Ach ja?“

„Er sagt, Sie haben noch sechs Monate Zeit bis zur Hochzeit.“

Sie verdrängte die Übelkeit, die in ihrem Magen aufstieg. „Also bin ich jetzt verurteilt?“

„So sehen Sie das?“

Sie lachte, ohne zu wissen, warum. Denn ihr war ganz und gar nicht danach zumute. „Wie würden Sie sich denn fühlen, wenn Sie einem völlig Fremden als Ware angeboten werden? Um seine Kinder zur Welt zu bringen und … und mit ihm zu schlafen.“

„Ich denke, das würde mir nicht gefallen“, gab er trocken zurück. „Allerdings war ich auch nie daran interessiert, mit Männern ins Bett zu gehen.“

„Sie wissen genau, was ich meine.“

„Hören Sie zu, Prinzessin …“

„Eva. Bitte nur Eva. Das ist einfacher, wenn wir die nächsten Monate miteinander zu tun haben.“

„Dann sollten Sie mich Mak nennen.“ Es war kein Angebot, das er aus Freundlichkeit machte.

„Das möchte ich nicht.“ Sie sprach bewusst scharf.

Er lachte. „Warum das?“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Weil es Sie vermenschlichen würde. Und ich ziehe es vor, so lange wie möglich wütend auf Sie zu sein.“

Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das jedoch nicht seine Augen erreichte. Er machte einen Schritt auf sie zu, dann noch einen und umkreiste sie langsam wie ein Raubtier eine besonders verlockende Beute. „Sie werden genug Gründe finden, wütend auf mich zu sein, Eva. Also müssen Sie sich keinen aus den Fingern saugen.“

„Dann sind wir uns in diesem Punkt einig.“ Herausfordernd sah sie ihn an. „Und, was hat mein Vater für die nächsten sechs Monate vorgeschlagen? Galas und Einladungen zum Tee?“

„So in etwa.“

„Wie nett“, bemerkte sie trocken.

„Ganz sicher nicht, weder für Sie noch für mich. Und wenn Sie nicht wollen, dass ich während unserer gemeinsamen Zeit übermäßig gereizt bin, würde ich vorschlagen, dass Sie aufhören, sich wie ein Kind zu benehmen.“

Sie versteifte sich, während die Wut in ihr hochkochte. „Ich benehme mich nicht wie ein Kind. Vielmehr werde ich wie eines behandelt.“

„Glauben Sie etwa, dass Sie die wichtigen Antworten des Lebens in einem Casino oder in einer Bar finden, Eva? Dass diese Art von Freiheit wichtiger ist als Ihre Pflicht gegenüber Ihrem Land? Wenn Sie so denken, sind Sie wirklich noch ein Kind.“

Als er sich zum Gehen wandte, verspürte Eva den seltsamen Drang, ihn darum zu bitten, bei ihr zu bleiben. „Moment“, rief sie.

Er drehte sich wieder zu ihr um. „Ja?“

„Wo werden Sie wohnen? Haben Sie ein … ein Heim auf Kyonos?“

„Ich bleibe hier.“ Jetzt lächelte er. „Damit ich Sie besser beschützen kann.“

„Sagte der böse Wolf?“

Amüsiert hob Mak eine dunkle Braue. „Wenn Sie meinen?“

Flirtet er mit mir? Und habe ich gerade mit meinem Bodyguard geflirtet?

Auf eine sehr zurückhaltende Art sah er umwerfend aus, auch wenn er mit seinen markanten Zügen nicht im eigentlichen Sinne schön war. Aber … männlich. In seiner Nähe war sie sich ihrer Weiblichkeit sehr bewusst. Sie stellte sich vor, dass die dunklen Bartstoppeln auf seinen Wangen sich unter ihrer Handfläche sicher rau anfühlten.

Schnell versuchte sie, das Bild zu verscheuchen, und atmete tief durch, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

„Es muss nicht notwendig zu Problemen zwischen uns kommen, Eva.“ Sein Akzent färbte ihren Namen in einer Weise, wie sie es noch nie gehört hatte. Es war … faszinierend.

„Doch. Weil wir verschiedene Ziele haben, Mak.“

„Und was ist Ihr Ziel, Prinzessin?“ Eindringlich sah er sie an. Sein Blick wirkte viel zu aufmerksam, sodass sie am liebsten die Arme um sich geschlungen hätte, um so viel wie möglich von sich zu bedecken. Weil sie glaubte, er könnte durch ihr dünnes Kleid hindurchsehen, direkt in ihr Innerstes, was verwirrend war. Denn dort würde er ihre Ängste, ihre Wünsche entdecken, die sie noch nie einem Menschen offenbart hatte. „Wollen Sie Ihren Ruf ruinieren, um einer arrangierten Ehe zu entgehen?“

„Der Gedanke ist mir tatsächlich gekommen. Außerdem sollte der Glückliche, der mich zur Frau nimmt, wissen, auf was er sich einlässt. Dass ich nämlich nicht nur eine lammfromme Partybegleitung bin.“

Wieder warf er ihr diesen kühl-abschätzenden Blick zu. Mak wählte jedes Wort mit Bedacht, als er weitersprach. „Kein Mensch glaubt wohl allen Ernstes, dass Sie lammfromm sind.“

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