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Eine Nanny zum Verlieben

1. KAPITEL

Bis jetzt war es ein netter Abend gewesen. Kayla James hatte das Geplauder mit ihrer Freundin Betsy entspannt genossen.

Doch dann setzte sich die zierliche Frau mit dem dunklen Pferdeschwanz plötzlich kerzengerade auf und blickte sie aus großen Augen an.

„Oh nein, das gibt’s ja nicht. Ich glaube, mir ist gerade klar geworden, warum du dich immer davor drückst, mit Männern auszugehen oder überhaupt welche kennenzulernen. Du hast die oberste Regel für Nannys gebrochen!“

Kayla wurde feuerrot und beugte sich hastig über die Schüssel mit Salzbrezeln auf dem Couchtisch. „Keine Ahnung, was du meinst“, murmelte sie.

„Jetzt tu doch nicht so“, erwiderte Betsy. Aufgeregt rutschte sie auf der Couch hin und her. „Du weißt genau, was ich meine!“

Abwehrend schüttelte Kayla den Kopf. „Nur, weil ich letztes Wochenende nicht mit dir zu dieser Speed Dating Party wollte, musst du nicht gleich falsche Schlüsse ziehen.“

„Wenn es nur das letzte Wochenende gewesen wäre“, sagte Betsy. „Aber du bist schon seit Monaten mit keinem Mann ausgegangen. Dein ganzes gesellschaftliches Leben beschränkt sich auf die Abende mit uns Mädels von der Nannyagentur.“

Dankbar stürzte sich Kayla auf das neue Thema. „Ich frage mich übrigens, wo Gwen bleibt. Sie meinte, sie könne zwar erst später, würde aber auf jeden Fall noch kommen. Die anderen haben heute ja keine Zeit.“

Gwen war die Inhaberin der Nannyagentur, die junge Frauen wie Kayla und Betsy als fest angestellte Kindermädchen vermittelte.

„Sie wird schon noch auftauchen“, erwiderte Betsy gleichmütig. „Kein Grund, das Thema zu wechseln.“

Etwas verzweifelt griff Kayla auf die Ausrede zurück, die sie immer benutzte. „Ich bin mit meinem Job und dem College nebenher eben völlig ausgelastet.“

„Mit dem College? Diese Ausrede zieht aber schon eine ganze Weile nicht mehr!“

Dagegen gab es leider nichts zu sagen. Kayla seufzte. Die Zeit, in der sie ihre Abende und Wochenenden mit Hausarbeiten und Lernen verbracht hatte, war vorbei. Vor zwei Monaten hatte sie das College erfolgreich abgeschlossen – mit fast siebenundzwanzig Jahren.

Seitdem lagen ihr ihre Freundinnen ständig in den Ohren, sie solle endlich das Leben genießen – und sich zum Beispiel öfter mal zu einem Date verabreden.

„Ich hätte euch gar nichts davon erzählen sollen, dass ich damit fertig bin“, gab sie zurück.

„Dann hätten wir keine Abschlussparty für dich organisieren können. Und gib zu, du hattest Spaß. Aber seitdem ist echt nicht viel los bei dir. Wann hast du das letzte Mal was Schönes unternommen?“

„Heute. Ich war shoppen und habe BHs gekauft.“ Kayla griff nach ihrem Strickkorb, zog einen fast fertigen Handschuh heraus und hob ihn hoch. „Was meinst du, wird der Lee passen? Er ist schon ganz schön groß für seine acht Jahre.“

Was tat man nicht alles, um endlich auf ein anderes Thema zu kommen?

„BHs?“, fragte Betsy verwundert. Auf Lee, eins der beiden Kinder, die Kayla betreute, und seinen Handschuh ging sie gar nicht erst ein. „In welcher Farbe?“

„Was hat die Farbe damit zu tun?“

Etwas mitleidig schaute Betsy sie an. „Sag bloß, du trägst weiße Baumwollunterwäsche.“

Wieder wurde Kayla rot. „Das ist nun wirklich meine Sache, oder?“

„Na schön, dann erzähl mir von den BHs, die du gekauft hast.“

„Sie waren für Jane.“

„Für Jane! Janes erste BHs!“

War das vielleicht endlich etwas, womit sie Betsy von ihren bohrenden Fragen abbringen konnte? Etwas heikel war das Thema zwar auch, schließlich lautete die zweitwichtigste Regel für Nannys, die Kinder, auf die man aufpasste, nicht zu lieb zu gewinnen. Aber wenigstens verschaffte es ihr ein wenig Zeit, und vielleicht tauchte dann ja auch endlich Gwen auf.

„Ja, unfassbar, oder?“, sagte sie. „Und ihre Freundinnen tragen auch alle schon einen. Die Zeit vergeht wirklich wie im Flug.“

„Oh ja.“ Betsy griff nach einer Salzbrezel und nahm dann wieder Kayla ins Visier. „Und du hast Mick und seinen Kindern jetzt schon sechs Jahre deines Lebens geschenkt.“

Oh nein, da waren sie trotz Kaylas Bemühungen wohl wieder am Ausgangspunkt angelangt.

„Ich habe ihnen die Zeit nicht geschenkt. Es ist mein Job, mich um seine Tochter und seinen Sohn zu kümmern, und ich werde dafür bezahlt“, erwiderte sie eine Spur zu laut.

Das Jobangebot damals war ideal für sie gewesen. Mick arbeitete als Feuerwehrmann und brauchte nach dem Tod seiner Frau jemanden, der im Haus wohnte und auf die Kinder aufpasste, wenn er Vierundzwanzigstundenschichten hatte. Andererseits war er wegen des Schichtplans manchmal auch tagsüber zu Hause, dadurch konnte Kayla in ihrer Freizeit Kurse am College belegen und auf ihren Abschluss hinarbeiten.

Aber den hatte sie jetzt in der Tasche – und die Kinder benötigten mit ihren elf und acht Jahren auch keine ständige Betreuung mehr. Kein Wunder, dass die anderen von der Nannyagentur der Meinung waren, sie bräuchte mal einen Tapetenwechsel.

Auf der Treppe zum Obergeschoss waren schwere Schritte zu hören, dann rief eine Männerstimme: „Lala?“

Das war der Name, mit dem Lee sie angeredet hatte, als er noch zu klein gewesen war, „Kayla“, auszusprechen.

Kayla sprang auf, bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck, um ihrer neugierigen Freundin nicht noch mehr Futter für Spekulationen zu liefern, und ging zum Fuß der Treppe.

„Sie haben gerufen, Boss?“, fragte sie, Tonfall und Stimmlage der „bezaubernden Jeannie“, aus der alten Fernsehserie imitierend. Mick und sie duzten sich schon lange, und er gab ihr nie das Gefühl, der Boss zu sein, nach dessen Anweisungen sie sich zu richten hatte. Ganz im Gegenteil, er nahm so weit wie möglich Rücksicht auf sie – und wenn es etwas zu regeln gab, sprachen sie es gemeinsam durch.

Das war ja das Problem. Sie fühlte sich nicht als Angestellte, sondern als ob sie zur Familie gehörte. Und seit einiger Zeit entwickelte sie noch ganz andere Gefühle …

Deshalb hielt sie vorsichtshalber den Blick auf Micks Schuhe gerichtet, bis er die Treppe hinuntergekommen war. Offenbar hatte er gerade geduscht, denn ein verführerischer Duft umgab ihn. Sie bemühte sich, ihn nicht zu tief einzuatmen. Das edle Duschgel und passende Aftershave hatte sie ihm zu Weihnachten geschenkt. Vielleicht war es nicht besonders klug gewesen, einen Duft auszuwählen, der sie so anmachte …

„Hallo Betsy“, begrüßte Mick ihre Freundin über Kaylas Schulter hinweg. „Ich lass euch gleich in Ruhe, ich muss nur kurz mit Kayla reden.“ Leiser fügte er hinzu: „Können wir in die Küche gehen?“

Nun endlich blickte Kayla auf – und bereute es sofort. Als sie Mick vor sechs Jahren zum ersten Mal gesehen hatte, war er ein Mann mit Dreitagebart und Schatten unter den Augen gewesen, der sich müde durchs Leben schleppte und tiefe Trauer im Blick trug. Doch seitdem hatte sich viel geändert. Noch immer trug er sein dunkles Haar in einem einfachen, geraden Schnitt, doch ansonsten hatte er sich zu einem unglaublich attraktiven, humorvollen Mann entwickelt. In seinen braunen Augen blitzte oft der Schalk, und wenn er lächelte – was er oft tat – schmolz Kayla einfach dahin.

Vermutlich gab es immer noch schwere Stunden in seinem Leben – manchmal ertappte sie ihn dabei, wie er im dunklen Wohnzimmer saß und ins Leere starrte –, aber er hatte es geschafft, den größten Teil seiner Trauer zu verarbeiten und seinen Kindern ein toller und fröhlicher Vater zu sein.

Ein guter, warmherziger Mann.

Der sie mit ebenso wenig Interesse betrachtete wie das fünfzehnjährige Mädchen von nebenan, das manchmal als Babysitter eingesprungen war, wenn sich Kaylas Kurse mit seinem Dienstplan überschnitten hatten.

Sie folgte ihm in die Küche und gab sich Mühe, dabei nicht zu offensichtlich auf seine breiten Schultern zu starren, die in dem einfachen Sporthemd so überaus sexy aussahen. Die Farbe, ein warmes Elfenbeingelb, stand ihm perfekt – kein Wunder, sie und Jane hatten das Hemd gemeinsam ausgesucht, als Weihnachtsgeschenk von seiner Tochter. Und sie hatte gewusst, dass es zu seinem gebräunten Teint einfach umwerfend aussehen würde.

Als er sich in der Küche unvermittelt zu ihr umdrehte, hätte er sie beinah dabei ertappt, wie sie ihn verträumt anhimmelte. Er war zwar erst vierunddreißig, aber wenn er mitbekommen hätte, an was sein Kindermädchen dachte, wenn sie zusammen waren, hätte er wahrscheinlich einen Herzinfarkt bekommen.

Schnell schaute sie zu dem großen Kalender hinüber, der mit Magneten am Kühlschrank befestigt war. Mick folgte ihrem Blick.

„Okay, wir haben alles im Griff, oder? Jane ist bei ihrer Freundin schräg gegenüber, sie kommt allein nach Hause, ruft dich aber kurz vorher an, damit du vor dem Haus auf sie wartest. Und Lee ist bei den Pfadfindern und wird von Jareds Mutter nach Hause gebracht.“

„Geht klar.“

Dieses Ritual führten sie so oder ähnlich jeden Tag aus. Vielleicht lag es daran, dass Mick seine Frau so unerwartet verloren hatte, oder daran, dass er als Feuerwehrmann jeden Tag mit Katastrophen zu tun hatte. Jedenfalls unterstützte ihn Kayla tatkräftig dabei, ihm zu jeder Zeit den Seelenfrieden zu geben, den er offenbar brauchte.

Tatsächlich lächelte er jetzt breit. „Dann habe ich ja keine Ausrede mehr, warum ich mich nicht mit den Jungs auf eine Pizza und ein paar Bier treffen sollte.“

„Mir fällt keine ein“, gab sie ebenfalls lächelnd zurück, obwohl sie sich bei diesen Gelegenheiten immer fragte, ob bei den Abenden mit den „Jungs“, wohl auch ein paar heiße Frauen dabei waren. Bis jetzt war Mick nur ein paar Mal ausgegangen, und dann auch nur, wenn seine Freunde ihn zu einem Date gedrängt hatten. Aber in letzter Zeit waren es mehr Verabredungen geworden. Offenbar öffnete er sich langsam für den Gedanken, wie schön es wäre, wieder jemanden an seiner Seite zu haben. Und in seinen Augen kam Kayla da als Kandidatin leider wohl überhaupt nicht infrage.

Als er die Hand ausstreckte und spielerisch an ihren blonden Haaren zog, wurde das wieder einmal überdeutlich. Das machte er auch oft genug mit seiner Tochter.

„Warum schaust du so traurig?“

Wieder bemühte sie sich um ein Lächeln. „Ach, das ist nur einer dieser Tage …“

„Oh ja, ich weiß, was du meinst.“ Mick schob die Hände in die Taschen seiner Jeans. „Sie werden so schnell groß. Ich bin fast umgefallen, als Jane mir erzählt hat, was ihr heute gekauft habt. Plötzlich hatte ich das Gefühl, ich bin hundert Jahre alt.“

„So ein Quatsch. Du bist nur ein paar Jahre älter als ich.“

Er schüttelte den Kopf. „Schon. Aber gestern habe ich meinem kleinen Mädchen noch das Laufen beigebracht, und heute trägt sie …“ Er zog eine Hand aus der Tasche und machte eine vage Geste. „Du weißt schon.“

Amüsiert über seine Verlegenheit beugte sie sich näher zu ihm. „BHs“, flüsterte sie ihm verschwörerisch ins Ohr. „Das ist kein unanständiges Wort.“

Ihre Blicke trafen sich. Oh, dachte sie verblüfft, als sie in seinem etwas erkannte, was vorher nicht da gewesen war. Unvermittelt wurde ihr heiß, und auf einmal schien es im Raum zu wenig Sauerstoff zu geben. Gern hätte sie sich irgendwo festgehalten, aber sie hatte Angst, einen elektrischen Schlag zu bekommen, so aufgeladen war die Atmosphäre.

BHs? Unanständig? Eigentlich waren die beiden Worte ja relativ unverfänglich, aber plötzlich fühlte es sich sehr verheißungsvoll an, Mick so nah zu sein.

Er unterbrach den Blickkontakt, wandte sich ab und holte ein Glas aus dem Hängeschrank, das er unter dem Wasserhahn füllte. Dann trank er beiläufig einen großen Schluck. Eine völlig normale und alltägliche Handlung. Hatte sie sich den Moment vorher und die knisternde Spannung nur eingebildet?

Kayla räusperte sich und verschränkte die Arme vor der Brust. Vielleicht nahm er sie nicht als weibliches Wesen wahr, weil sie im Winter meist Jeans und weite Flanellhemden trug. Andererseits hatte er dafür schon zu anderen Zeiten genug Gelegenheit gehabt, ihre weiblichen Vorzüge zu bewundern – im Sommer, wenn sie in Shorts und Trägertops herumlief, oder in den Urlauben, wo er sie sogar im Bikini gesehen hatte.

Er hatte nie das geringste Interesse gezeigt. Als sie sich neulich die Haare auf Schulterlänge hatte schneiden lassen, hatte er es zwei Wochen lang überhaupt nicht bemerkt. Und dann auch nur, weil jemand anderes es erwähnt hatte.

Zu allem Überfluss schien ihm die neue Frisur nicht zu gefallen. Das hatte er zwar nicht direkt gesagt, doch sein Gesichtsausdruck hatte Bände gesprochen.

Es war ihr ein bisschen peinlich gewesen – genau wie die Situation an dem Abend vor sechs Monaten. Da hatte Mick sie auf der Türschwelle erwischt, gerade, als sie einem Mann, mit dem sie ausgegangen war, einen Gutenachtkuss hatte geben wollen. Und anstatt sich mit einer Entschuldigung zurückzuziehen, war Mick im Türrahmen stehen geblieben und hatte gewartet, bis sie ins Haus kam.

Zwar war sie über die Unterbrechung ganz froh gewesen – das Date war nicht wirklich vielversprechend verlaufen, zumindest nicht aus ihrer Sicht. Aber hinterher hatte sie im Bett gelegen und sich vorgestellt, wie Mick sie von dem anderen weg und in seine Arme zog. Wie er seine älteren Rechte geltend machte.

Kein gutes Zeichen.

Seitdem war sie mit keinem Mann mehr ausgegangen, weshalb Betsy ihr ja damit in den Ohren lag.

Betsy. Ihre Freundin wartete immer noch im Wohnzimmer, während sie hier mit Mick in der Küche stand und … ja, was tat sie hier eigentlich noch? Es war längst alles geklärt.

Mick schien zu demselben Schluss zu kommen.

„Na gut, dann gehe ich jetzt wohl mal“, sagte er, öffnete die Spülmaschine und stellte sein Glas hinein. „Viel Spaß euch beiden.“

„Dir auch.“

Er ging zur Tür, die in die Garage führte, dann hielt er noch einmal inne.

„Kayla?“

„Ja?“, fragte sie.

„Falls ich dir das noch nie gesagt habe …“

Sie hielt den Atem an, während ihr Herz auf einmal schneller schlug.

„Du bist wunderbar. Du warst schon immer wunderbar.“ Er drehte sich zu ihr um, streckte die Hand aus. „Ein echter Kumpel“, fügte er hinzu und klopfte ihr leicht auf die Schulter.

Von seiner Berührung breitete sich Hitze in ihrem Körper aus, obwohl sie ihr dickes Flanellhemd trug.

Das eigentlich sein Flanellhemd war. Seit sie es letztens aus dem Trockner genommen hatte, hatte sie sich einfach nicht mehr davon trennen können.

„Ja, ein wirklich guter Kumpel“, wiederholte er.

Als er hinausging, spürte sie die tiefe Enttäuschung über sein Lob bis in die Magengrube. Unglaublich, wie die Worte „guter Kumpel“, einem die Laune verderben konnten.

Aber bei ihr taten sie das nun mal.

Weil … Oh nein. Es hatte wohl keinen Zweck es länger zu leugnen. Betsy hatte recht, Kayla hatte tatsächlich die oberste Regel für Nannys gebrochen. Die Regel, die lautete: „Verlieb dich nie in den Vater.“

Erst, als die Kellnerin ein kaltes Bier vor ihm abstellte, wurde sich Mick seiner Umgebung richtig bewusst – und schaute sich so verwundert um, als würde er sich nicht seit Jahren mit seinen Freunden Will, Austin und Owen hier treffen. Allerdings war er auch schon ein paar Wochen nicht mehr hier gewesen.

„Haben die seit unserem letzten Treffen die Wände neu gestrichen?“, fragte er stirnrunzelnd angesichts des zweifarbigen Designs. „Wieso das denn? Die alte Farbe war doch noch gut. Und was sind das für Fernseher? Waren die alten kaputt?“

Verblüfft schaute Austin ihn an. „Junge, das sind Flatscreens, auf denen kann man wenigstens die Spieler erkennen. Oder fandest du die alten in Briefmarkengröße etwa besser?“

Mick nahm einen Schluck von seinem Bier. „Ich mag einfach keine Veränderungen“, murmelte er.

„Lieber Himmel, Mick“, bemerkte Owen tadelnd. „Du klingst wie ein mürrischer alter Mann. Demnächst wirst du noch die Kinder anschreien, wenn sie deinen Rasen betreten.“

Dummerweise fühlte sich Mick auch wie ein mürrischer alter Mann, genau darin lag ja das Problem. Seine Tochter trug jetzt BHs. Sein Sohn war beim Baseball nicht mehr in der Kinder-, sondern in der Jugendmannschaft. Seine Nanny hatte das College abgeschlossen.

„Meine Kinder sind schon fast zu groß, um auf dem Rasen zu spielen“, erklärte er düster. „Lee und Jane und Kayla werden vor meinen Augen erwachsen. Da bekommt man ja Angst, mal einen Moment wegzusehen. Du schaust wieder hin, und – schwupp – wollen sie heiraten.“

„Mick …“ Sein Freund Will starrte ihn ebenso überrascht an wie einen Moment vorher Austin. „Was hat denn Kayla damit zu tun? Kayla ist kein Kind. Sie war schon erwachsen, als sie bei dir angefangen hat.“

„Sie ist Studentin“, gab Mick heftig zurück. „Also noch ein halbes Kind. Mehr oder weniger.“ Es klang selbst in seinen Ohren albern, aber irgendwie musste er ja seine Gedanken an sein Kindermädchen in sichere Bahnen lenken.

„Du hast uns erzählt, dass sie vor Kurzem ihren Abschluss gemacht hat. Und sie sieht aus wie Mitte zwanzig.“

„Ein junges Mädchen“, wehrte Mick ab.

Austin grinste. „Für mich eindeutig eine Frau. Und eine sehr attraktive dazu.“

„Lass die Finger von ihr“, entgegnete Mick mit Nachdruck.

Wieder schauten die anderen ihn kopfschüttelnd an. Er machte eine Kopfbewegung zum nächsten Bildschirm, um von dem heiklen Thema abzulenken. „Das Spiel fängt gleich an.“

„Aber erst kommen die Cheerleader“, gab Austin zurück.

Das war auch der Grund für Micks Warnung – Austin betrachtete Frauen ziemlich oberflächlich und stand auf kurze Röcke und große Oberweiten.

„Du kannst sie nicht ewig beschützen“, bemerkte Will, der neben Mick saß, leise. „Glaub mir. Ich habe fünf jüngere Brüder und Schwestern großgezogen. Sie werden schneller groß, als dir lieb ist, und haben dann nichts anderes im Kopf, als ihr eigenes Leben zu führen. Das ist nun mal so.“

„Daran will ich aber lieber gar nicht denken“, stöhnte Mick.

Nachdem er Ellen verloren und die gemeinsame Zukunft, die sie sich ausgemalt hatten, ein so grausames und plötzliches Ende gefunden hatte, konnte er sich gar nicht vorstellen, jemals seine Kinder zu weit aus den Augen zu verlieren.

Will lachte leise. „Keine Sorge, die Natur hat etwas erfunden, was es dir leichter macht, sie loszulassen. Man nennt es ‚Pubertät‘.“

„Ja, kann schon sein.“ Mick nahm einen weiteren Schluck aus seinem Glas. „Und damit kommt das nächste Problem auf mich zu. Aber ich habe Jane schon gesagt, dass sie sich Jungs aus dem Kopf schlagen kann, bis sie dreißig ist.“

„Na dann viel Glück“, erwiderte Will lachend. „Du wirst dich noch wundern. Vielleicht wäre das alles leichter für dich, wenn du dich selbst wieder verliebst.“

„Vergiss es.“ Das konnte sich Mick einfach nicht vorstellen. Ellen und er hatten zwar sehr jung geheiratet, doch die Ehe war überaus glücklich gewesen. Trotzdem hatte er nicht vor, wieder eine feste Beziehung einzugehen. Er wurde ja kaum mit seiner jetzigen Situation als voll berufstätiger Feuerwehrmann und alleinerziehender Vater fertig. Auf keinen Fall konnte er auch noch die Verantwortung für eine Frau übernehmen. Diese zusätzliche Belastung wollte er sich nicht antun, auch wenn es für ihn bedeutete, auch in Zukunft immer allein ins Bett zu gehen.

„Ich habe jetzt schon zu viel um die Ohren. Und dann müsste ich erstmal eine Frau finden, die Jane und Lee gefällt“, antwortete er Will. „Und Kayla. Sie müsste sie natürlich auch mögen.“

„Mick, Kayla ist nur die Nanny. Sie wird ja wohl nicht ewig bei euch bleiben, oder?“

Doch.

Nein, natürlich nicht. Aber ein Leben ohne Kayla konnte und wollte Mick sich ebenso wenig vorstellen wie seine Tochter in der Dessousabteilung.

Dafür quälte ihn seit sechs Monaten ein Bild, das er einfach nicht wieder los wurde: Kayla in den Armen eines Mannes, der sie gerade küssen wollte …

Es war ihr freier Abend gewesen und er hatte auf dem Weg in die Küche ein Geräusch an der Haustür gehört. Ohne nachzudenken, hatte er die Tür aufgerissen und gesehen wie …

Die Szene ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Ein junger Mann mit Bürstenschnitt hatte die Hände um Kaylas Gesicht gelegt und sich über sie gebeugt. Dann schien die Zeit stehen zu bleiben, denn Mick fiel auf, wie golden Kaylas Haar im Licht der Außenleuchte schimmerte, wie lang und dunkel ihre Wimpern waren und wie unglaublich blau ihre Augen, als sie aufblickte und ihn in der Tür stehen sah.

Sie war rot geworden, hatte sich hastig von ihrem Begleiter gelöst, noch bevor er ihre Lippen berührte, und ein paar unverständliche Worte gestammelt, den Blick dabei immer auf Mick gerichtet.

Und anstatt die peinliche Situation zu entschärfen und sich mit einer Entschuldigung wieder ins Haus zu begeben, war er einfach stehen geblieben und hatte ihr die Tür aufgehalten. Wahrscheinlich hatte er dabei ziemlich finster ausgesehen, denn er war tatsächlich ziemlich aufgebracht gewesen.

Wie ein überfürsorglicher Vater.

Oder ein eifersüchtiger … Nein!

Aber was er auch tat, seit jenem Abend sah er in Kayla nicht mehr einfach „nur“, das Kindermädchen. Das war sie nie gewesen, denn die Kinder hatten sie von Anfang an ins Herz geschlossen, und sie tat wirklich mehr für sie, als ihre Jobbeschreibung umfasste.

Allerdings hatte er Kayla vor diesem peinlichen Moment an der Tür auch nie als Frau wahrgenommen, noch dazu als verflixt begehrenswerte und attraktive. Und obwohl sie den jungen Mann seitdem wohl nicht wiedergesehen hatte und seines Wissens auch nicht mit einem anderen ausgegangen war, wurde er das beunruhigende Bild einfach nicht wieder los.

Sie wird ja wohl nicht ewig bei euch bleiben, oder?

Jetzt war es Wills dahingeworfene Frage, die ihn quälte. Einfach unvorstellbar, dass Kayla eines Tages nicht mehr bei ihnen sein würde. Sie gehörte schließlich zur Familie. Auf einmal verspürte er den Drang, nach Hause zu eilen und sich zu vergewissern, dass sie noch da war und sich nichts verändert hatte. Und er kannte sich gut genug, um sich nicht damit zu quälen, diesem Drang zu widerstehen. Es kostete einfach viel zu viel Kraft.

Also stand er auf und legte ein paar Geldscheine auf den Tisch.

„Wo willst du denn hin?“, fragte Austin überrascht.

„Ich möchte zu Hause sein, wenn Lee von den Pfadfindern kommt. Und Jane geht vom Haus ihrer Freundin zu Fuß heim, da ist es mir lieber, wenn ich in der Nähe bin.“

Außerdem muss ich zu Hause sein, damit Kayla keinen fremden Mann küsst.

Allerdings hatte er ganz vergessen, dass sie ja ihre Freundinnen von der Nannyagentur zu Besuch hatte. Das fiel ihm erst wieder ein, als er ihre Autos vor dem Haus stehen sah. Um Kaylas freien Abend nicht noch einmal zu stören, ging er durch die Garage in die Küche, um sich ein paar Reste vom Abendessen aufzuwärmen. Schön, nun hatte er seinen Seelenfrieden, aber er kam sich auch ziemlich dumm vor. Schade um die schon bestellte Pizza in der Bar, die sich jetzt seine Freunde wohl gerade teilten.

Als er auf der Suche nach etwas Essbaren den Kühlschrank durchforstete, hörte er Kaylas Stimme.

„Na schön, ich gebe auf. Ihr habt gewonnen.“

Sie klang ziemlich gestresst, daher schloss er den Kühlschrank wieder und ging leise durchs Esszimmer in Richtung Wohnzimmer. Vielleicht brauchte sie Hilfe, weil ihre Freundinnen sie wegen irgendetwas bedrängten.

Und er mochte es nicht, wenn jemand seiner Kayla auf die Nerven ging.

Nein. Nicht seine Kayla.

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