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Eine Nacht ist nicht genug …

1. KAPITEL

Immer aufgebrachter sah Emily den Mann an, der vor ihr stand. Er war schlichtweg die Arroganz in Person.

Groß wie ein Basketballspieler mit Schultern wie ein Rugbyprofi– und er versperrte ihr die Sicht. Schlimmer noch, er hatte eins dieser modernen Telefone in der Hand, die alles konnten: Internet, Musik, Kamera. Bei jedem Tastendruck piepste das Gerät, und zwar ziemlich laut. Dabei fängt jetzt jeden Moment die Ouvertüre an!, dachte Emily verärgert und räusperte sich nachdrücklich.

Sie hatte das ganze letzte Jahr wie verrückt gearbeitet und jeden Cent gespart, damit sie und ihre Schwester ganz bis nach Italien reisen und diese wunderbare Oper besuchen konnten. Auf keinen Fall würde sie sich dieses Erlebnis von einem rücksichtslosen Idioten verderben lassen, der sein Privatleben für wichtiger hielt als dieses große Kulturereignis – und als den Respekt gegenüber anderen Menschen, die den Abend genießen wollten.

Als Emily sich ein zweites Mal räusperte, wandte sich der Mann ein wenig zu ihr um und blickte sie kurz an, doch das Piepsen ging weiter. Dafür wurde es im Orchester leiser, und es ertönte nun ein einzelner lauter Oboenton, auf den sich die anderen Instrumente abstimmten. Nun würde jeden Moment der Dirigent auftauchen. Und noch immer stand der große Mann vor Emily und versperrte ihr die Sicht.

Sie räusperte sich ein drittes Mal und betrachtete finster den breiten Rücken und die Muskeln, die sich unter einem edlen schwarzen Jackett abzeichneten. Als der Mann von den teuersten Plätzen heraufgekommen war, hatte Emily gesehen, dass er schmale Hüften und eine schmale Taille hatte. Er fiel auf, da er größer war als die meisten Anwesenden. Noch dazu war er elegant gekleidet, hatte eine perfekte Figur und strahlte selbst in der heißen, menschengefüllten Arena eine Aura kühler Distanz aus. Bestimmt ist er extra hier hochgekommen, um seine elitären Sitznachbarn nicht zu stören, dachte Emily, hier oben auf den billigen Plätzen macht das ja nichts.

„Acqua! Cola! Vino bianco! Vino rosso!“, rief einer der durch die Menge eilenden Getränkeverkäufer, und am liebsten hätte Emily alles auf einmal bestellt. Ihr war heiß, und sie hatte Durst. Diesmal hustete sie, anstatt sich zu räuspern.

Warum, um alles in der Welt, war Kate noch nicht wieder da? Nur ihre kleine Schwester brachte es fertig, unmittelbar vor Beginn einer Opernaufführung auf die Toilette zu müssen. Emilys Kehle wurde immer trockener, und der Mann versperrte ihr noch immer die Sicht. Plötzlich drehte er sich um und fing ungeniert an, mit seinem hochmodernen Handy zu fotografieren.

„Sie machen jetzt Fotos?“, fragte Emily äußerst kühl.

„Sì“, bestätigte er zufrieden lächelnd. „Ich brauche einen neuen Bildschirmhintergrund für mein Handy. Und dieser Ausblick ist einfach fantastisch, finden Sie nicht?“

„Ich würde sagen, dass der ‚Ausblick‘ sich hinter Ihnen befindet“, entgegnete Emily scharf. „Sie wissen schon, die Bühne, das Orchester …“

„Oh nein, da irren Sie sich. Die Schönheit des Abends befindet sich direkt vor mir“, widersprach der gut aussehende Fremde und sah ihr mit einem Blick in die Augen, den sie am ganzen Körper spürte. Unwillkürlich wünschte Emily, sie würde etwas Schickeres tragen als einen billigen Baumwollrock und ein T-Shirt. Diesmal zog sich ihr wirklich die Kehle zusammen, und sie gab einen erstickten Laut von sich. Als ihr die Tränen in die Augen traten, hörte sie, wie der Fremde den Getränkeverkäufer herbeirief und schnell mit ihm auf Italienisch sprach. Dann reichte er ihr eine Flasche Wasser.

„Für Ihren Hals“, sagte er leicht amüsiert.

Emily konnte schlecht die genervte Diva spielen und das Wasser ablehnen, nachdem er nun sein Telefon eingesteckt hatte und ihr ein Lächeln schenkte. Ein ziemlich atemberaubendes Lächeln noch dazu.

„Danke“, erwiderte sie atemlos, was sicher nur daran lag, dass sie so zu ihm aufblicken musste.

„Freuen Sie sich auf die Oper?“, fragte ihr Retter und setzte sich auf den freien Platz neben ihr.

„Ja“, antwortete Emily nervös. Wo steckte bloß Kate? Und wo blieb der Dirigent? Jeder Moment schien plötzlich eine kleine Ewigkeit zu dauern.

Der Mann nickte. „Sie ist wirklich gut und wird jedes Jahr hier aufgeführt.“

„Ich weiß.“ Emily hatte sich einen Reiseführer aus der Bücherei ausgeliehen und ihn praktisch verschlungen. Doch jetzt verschlang sie mit den Augen etwas ganz anderes. Ihr Sitznachbar war nicht nur gut aussehend, sondern geradezu atemberaubend attraktiv. Aus der Entfernung war ihr in erster Linie sein Körperbau ins Auge gefallen, doch aus der Nähe fesselten sie vor allem seine Gesichtszüge.

Er war groß, dunkel und attraktiv und wie praktisch alle Einwohner dieser Stadt makellos perfekt frisiert. Doch es war viel mehr als nur das: der markante Kiefer, der kaum merkliche dunkle Schatten von Bartstoppeln – und ein breiter, sinnlicher Mund, der in reizvollem Kontrast zu seinen maskulinen Zügen stand. Ob dieser Mund sich wohl so glatt anfühlte, wie er aussah? Auf jeden Fall lud er zum Berühren geradezu ein. Ebenso faszinierend waren die Augen des Fremden: Sie waren von langen dunklen Wimpern umgeben und hatten einen satt glänzenden schokoladenbraunen Ton.

„Wollen Sie Ihr Wasser nicht?“, fragte der faszinierende Mann, den es offenbar nicht aus der Ruhe brachte, dass sie ihn so intensiv betrachtete. Nein, es schien ihm zu gefallen, neben ihr zu sitzen und sie ebenfalls ausgiebig zu betrachten.

Emily fiel die Flasche wieder ein, die er ihr gegeben hatte und die sie noch immer in der Hand hielt. Ihr war so heiß, dass das Wasser inzwischen eigentlich sieden müsste.

„Sie sollten etwas trinken“, erklärte der Fremde gelassen. „Sie scheinen ziemlichen Durst zu haben.“

Wieder breitete sich das Lächeln auf seinem Gesicht aus und ließ ihn viel weniger arrogant erscheinen. Seine Lippen wirkten erstaunlich weich und gaben den Blick auf strahlend weiße, gerade Zähne frei.

Er betrachtete die leere billige Stofftasche, die neben Emily lag. „Sie haben kein Picknick mitgebracht und keinen Geliebten, mit dem Sie zusammen den Zauber dieses Abends erleben wollen?“ Mit einer ausholenden Geste wies er auf die Leute auf den umgebenden Sitzplätzen, von denen sich viele aus mitgebrachten Proviantkörben bedienten. Bei den meisten handelte es sich um Paare. Die romantische Stimmung des Abends war förmlich greifbar.

„Ich bin mit meiner Schwester hier“, verteidigte Emily sich. „Sie ist nur kurz zur Toilette gegangen.“ Um ihren attraktiven Sitznachbarn nicht weiter anzustarren, öffnete sie die Wasserflasche.

„Woher kommen Sie?“, fragte der Mann.

„Aus Neuseeland.“

Ihr Gesprächspartner wirkte überrascht. „Da haben Sie aber eine weite Anreise hinter sich! Kein Wunder, dass Sie sich auf die Musik freuen.“

„Ja, ich will schon seit Jahren herkommen“, bestätigte Emily, die von dieser Reise immer geträumt hatte. Jetzt wollte sie herausfinden, ob Italien wirklich so warm und voller köstlicher Aromen und Düfte war, wie sie es sich immer ausgemalt hatte. Mit dem Opernbesuch hatte sie Kate locken und überreden können, auf dem Weg nach London hier Station zu machen.

Hätte Emily die Wahl und genügend Geld gehabt, wäre sie noch weitergereist: nach Venedig, Florenz, Rom und … Unzählige Male hatte sie sich sämtliche italienischen Filme des DVD-Ladens angesehen, bei dem sie arbeitete, und sogar einige Sätze Italienisch gelernt. Als sie nun zur Bühne hinunterblickte, wo die Orchestermusiker in sanft schimmerndem Licht leise warteten, ging für sie ein Traum in Erfüllung.

Ihre anfängliche Verärgerung war nun vergessen. Sie trank einen großen Schluck aus der Flasche und setzte sie dann zufrieden seufzend ab.

Plötzlich spürte Emily, wie kühle, kräftige Finger sanft ihr Kinn umfassten. Als der Fremde sanft ihr Gesicht zu sich herumdrehte, ließ sie es wie benommen geschehen. Sein eindringlicher Blick schien sie noch näher zu sich zu ziehen. Dann strich er ihr mit dem Zeigefinger die Wassertropfen von der Unterlippe und hauchte leise: „Sie hatten wirklich sehr großen Durst.“

Die zarte Berührung ließ etwas in ihr aufflammen, und sie wurde von dem schier übermächtigen Wunsch erfüllt, seinen Finger mit der Zunge zu berühren.

Die gespannte Vorfreude des Publikums war nichts im Vergleich zu Emilys erwartungsvoller Erregung. Sie wurde von dem starken Wunsch nach mehr ergriffen, was einfach verrückt war. Wie konnte sie sich wünschen, dass ein vollkommen fremder Mann sie küsste?

Doch Emily, die nie etwas für flüchtige Affären oder gar OneNight-Stands übriggehabt hatte, hätte sich am liebsten zurückgelehnt und ihrem neuen Bekannten freie Hand gelassen – hier und jetzt. Die Flasche glitt ihr aus der Hand, als sie mühsam herausbrachte: „Ihnen ist doch klar, dass es gleich losgeht?“

Der Mann senkte die Lider, sodass sie seine funkelnden braunen Augen fast vollständig verhüllten. „Ich glaube, es hat schon längst begonnen.“

Er zog seine Hand zurück, streifte jedoch ihren Oberschenkel, als er die kleine Kerze zur Hand nahm, die neben Emily lag. Bei der erneuten Berührung schien sich alles in ihrem Innern zusammenzuziehen. Die Empfindungen, die sie nun erfüllten, waren neu und aufregend und machten sie schwindelig. Als der Mann ihr erneut in die Augen sah, wusste sie, dass ihm das heftige Verlangen nicht entging, das in Wellen über sie hereinbrach.

„Wir zünden sie an, sì?“ Er zog ein metallenes Feuerzeug aus der Tasche, und als die kleine Flamme einen warmen Schein auf sein Gesicht warf, konnte Emily die Augen nicht abwenden – von seinem sinnlichen Mund, dem Funkeln in seinen Augen und seinem eindringlichen Blick.

Luca zwang sich, den Blick von der jungen Frau abzuwenden, die ihn mit ihren faszinierenden Augen fesselte. Doch als er ihr die angezündete Kerze reichte, reagierte sie nicht, und er musste sie einfach noch einmal ansehen: Noch immer saß sie unbeweglich wie eine Statue da und musterte ihn mit diesen großen meergrünen Augen. Lächelnd nahm er ihre Hand.

Sie war einfach zauberhaft: honigfarbenes Haar, eine sanft kurvige Figur und Augen, deren tiefes Grün noch von ihrem T-Shirt betont wurden. Als Luca heraufgekommen war, um besseren Empfang auf seinem Handy zu haben, war sie ihm gleich aufgefallen. Ihre unverblümte Art und Weise, ihr Missfallen deutlich zu machen, hatte ihn amüsiert. Und dann ihr sinnlicher Blick, die langen schlanken Beine … sie war einfach unwiderstehlich.

Luca spürte ihre Finger beben und schloss diese um die Kerze. Sie hielten sie gemeinsam fest, was ihm sehr gefiel. Unwillkürlich wünschte er sich, mehr von ihr zu spüren als ihre Hand.

„Sie sollten einen lieben Menschen bei sich haben, mit dem sie sich die Oper zusammen anhören können.“ Wenn er dieser jemand wäre, würde er den Arm um sie legen und sie einfach an sich ziehen.

„Sie auch“, erwiderte sie und sah ihn unverwandt an.

„Stimmt. Aber leider muss ich mich um meine Gäste kümmern“, erklärte er schulterzuckend. „Aber in einer Parallelwelt würde ich mir mit Ihnen die Oper ansehen.“

„Mit einer vollkommen Fremden?“, fragte die junge Frau gespielt unschuldig.

„Wir würden uns bestimmt nicht lange fremd bleiben.“

Luca sah, wie ihre grünen Augen sich weiteten. Er wusste, dass sie das Gleiche dachte wie er: dass sie sich körperlich näherkommen und Erfüllung finden würden. Obwohl es ganz und gar verrückt war. Wann hatte er je die Hand einer fremden Frau gehalten und sich ausgemalt, dass sie in seinen Armen lag? Und wann hatte er je geglaubt, er könne Erfüllung bei einem anderen Menschen erfahren? In seinem Leben spielten Beziehungen keine Rolle mehr, einzig und allein seine Arbeit verschaffte ihm Befriedigung.

Die junge Frau errötete, doch sie hielt seinem Blick stand. „Wie schade, dass es keine Parallelwelten gibt.“

„Ja.“ Luca wollte diese verführerische Vorstellung noch ein wenig in die Länge ziehen. „Aber es bleibt einem immer das Morgen.“

Lächelnd wiederholte sie: „Morgen.“

In diesem Moment brach ohrenbetäubender Applaus los. Der Dirigent stand mit erhobenem Taktstock am Pult. Luca musste dringend an seinen Platz zurück, denn er hatte tatsächlich Gäste, um die er sich kümmern musste. Verdammt, dachte er bedauernd und schenkte der jungen Frau ein letztes Lächeln, als er ihre Hand losließ und aufstand. „Ciao, bella.“

2. KAPITEL

Es dauerte eine Weile, bis Emily wieder ruhig atmen konnte. Dann schüttelte sie den Kopf und versuchte, das kurze, aber intensive Erlebnis mit einer Portion Sarkasmus abzuschütteln. Was für ein Casanova!, dachte sie. Er hatte ihre Verärgerung in heftige Anziehung verwandelt und sie so um den Finger gewickelt, dass sie ihm praktisch zu Füßen gelegen hatte.

Sie blickte ihm nach, als er die Stufen hinunter zu den teuren, exklusiven Sitzplätzen ging, ohne sich umzuwenden. Offenbar hatte er sie schon vergessen. Bestimmt tat er so etwas ständig: nichts ahnende Frauen mit seinen tiefbraunen, faszinierenden Augen in seinen Bann ziehen. Kein Wunder, dass er so viel gelassene Arroganz ausstrahlte: Männern wie ihm fiel so gut wie alles in den Schoß – besonders Frauen. Doch zu ihrer eigenen Überraschung wäre Emily erfreut darüber gewesen, zu diesen Frauen zu gehören. Sie fand den charmanten Fremden schier unwiderstehlich.

Als die ersten Takte der Ouvertüre erklangen, ließ Kate sich auf den Platz neben ihr plumpsen.

„Super, du hast Wasser“, stellte sie fest und trank die Flasche halb leer.

Emily presste sich gedankenverloren den Finger dort auf den Mund, wo der Fremde sie berührt hatte. Das bedeutendste Ereignis des Abends schien bereits hinter ihr zu liegen.

Doch die Arena di Verona sollte sie nicht enttäuschen. Als über zwei Stunden später tosender Applaus das Amphitheater erfüllte, war Emily ganz überwältigt. Ja, es hatte sich gelohnt, den weiten Weg hierher zu kommen. Die Aufführung, die Musik, die Atmosphäre – alles war so wunderschön gewesen, wie sie es sich ausgemalt hatte. Zumindest fast alles. Denn aus irgendeinem Grund hatte die flüchtige Begegnung mit dem attraktiven Fremden dazu geführt, dass Emily etwas vermisste: Berührungen, genüssliches Vergnügen, ein Gefühl dafür, dass sie als Frau begehrenswert war. Sie war bisher immer zu beschäftigt gewesen, um eine Beziehung zu führen, und der eine Versuch, den sie gestartet hatte, war den Aufwand wirklich nicht wert gewesen. Doch plötzlich, nach dieser einen leichten Berührung, hatte sich die Tür zu ihrem sinnlichen Selbst weit geöffnet. Am liebsten wäre sie sofort hindurchgegangen.

Stattdessen ging sie mit Kate durch die Menge der fröhlichen, gut gelaunten Menschen, die aus dem Amphitheater auf die Piazza drängten. Emily wünschte, der Abend würde ewig dauern. Sie blieb stehen, noch ganz erfüllt von den wunderschönen Klängen, vor allem aber von der Erinnerung daran, wie der charmante Fremde ihr über den Mund gestrichen hatte …

„Findest du nicht auch, dass der Sopran beim letzten Duett ein bisschen danebenlag?“, riss Kate sie aus ihrer Träumerei. Sicher würde diese nun die Aufführung Ton für Ton sezieren.

Doch so genau hatte Emily während des Duetts nicht hingehört. Ihr Blick war unwillkürlich immer wieder zu einem bestimmten der teuren Sitzplätze geglitten, wo ein schwarzer Schopf alle anderen Gäste überragt hatte. Die Musik war eher zu einer Art Hintergrundmusik einer Träumerei geworden, der sie sich normalerweise nicht hingab.

„Ähm, welchen Teil meinst du?“, fragte sie, während ihr beim Gedanken an die zufällige Begegnung warm wurde und sie lächeln musste.

Ihr Lächeln verschwand jedoch, als ihre Schwester ungehemmt und in voller Lautstärke den Refrain des größten „Hits“ des Abends anstimmte.

„Kate!“, flüsterte Emily zutiefst verlegen, doch ihre Schwester lächelte nur frech und sang weiter. Als sich die Menschen um sie zu scharen begannen, wäre Emily am liebsten im Boden versunken. Diese Art Aufmerksamkeit war ihr äußerst unangenehm. Doch dann fiel ihr plötzlich eine Gruppe elegant gekleideter Männer ins Auge. In ihrer Mitte stand ein dunkelhaariger Mann, der die anderen um einen halben Kopf überragte. Und natürlich war eine Frau bei ihm: eine stilbewusste Italienerin, die offenbar sehr an ihm interessiert war.

Eine Geliebte, mit der er sich zusammen die Oper angehört hat?, dachte Emily unwillkürlich und wurde von dem Gefühl eines schweren Verlusts erfüllt. Sie hatten zwar nur wenige Worte gewechselt, doch es war ihr vorgekommen, als hätten sich unendlich viele Möglichkeiten eröffnet. Doch mit der Frau an seiner Seite konnte sie es natürlich nicht aufnehmen.

Sobald Kate das erste Mal Luft holte, nutzte Emily die Gelegenheit, sie mit sich zu ziehen. „Reicht das jetzt?“

„Nein“, entgegnete Kate und lächelte allen Menschen zu, die sie ansahen. „Mir kam gerade eine Superidee.“

Die wollte Emily sich aber nicht mehr anhören, sie wollte einfach nur weg. Vorher jedoch musste sie sich noch einmal umsehen. Als sie einen Blick über ihre Schulter warf, stellte sie fest, dass der charmante Fremde sie lächelnd ansah und ihr zuzwinkerte. Emily erwiderte sein Lächeln nicht, sah ihn jedoch weiterhin unverwandt an, um sich ein letztes Mal seinen Anblick einzuprägen.

Hinter der nächsten Ecke blieb Kate stehen und sagte energisch: „Ich werde mich nicht die nächsten zwei Tage lang von Brot ernähren. Wir sind schließlich in Italien! Ich will Pasta und Pizza, und ich will in einem Restaurant essen!“

„Kate.“ Emily war mit ihrer Geduld fast am Ende. Begriff ihre Schwester nicht, dass sie sich das einfach nicht leisten konnten?

„Ich werde uns mit Singen auf der Straße ein bisschen Geld verdienen“, verkündete Kate.

„Bitte nicht, Kate“, erwiderte Emily entgeistert. Doch sie kannte ihre kleine Schwester nur zu gut und wusste, dass diese nach Aufmerksamkeit geradezu lechzte.

„Komm schon, Em, du hast doch selbst gesehen, wie viele Leute eben zugehört haben. Mit nur drei Liedern bekommen wir genug für ein fantastisches Essen mit tausend Gängen zusammen“, versuchte Kate sie zu überzeugen.

Bei der Vorstellung lief Emily das Wasser im Mund zusammen, aber sie ignorierte es. „Bestimmt braucht man eine Erlaubnis, wenn man auf der Straße Musik macht“, wandte sie ein.

Kate tat, als würde sie gähnen. „Du immer mit deinen Regeln und Vorschriften. Langweilig!“

„Eine von uns muss ja ein bisschen Verantwortungsbewusstsein zeigen.“ Und das war schon immer ihre Aufgabe gewesen. Schon seit Jahren trug sie die Verantwortung für sich und ihre Schwester allein, sie war Mutter, Vater, Schwester, Freundin, Geldverdienerin, Köchin, Haushaltshilfe und Chauffeurin – alles in einer Person.

„Schade, dass du mich nicht auf dem Klavier begleiten kannst. Oder wollen wir vielleicht das Duett singen?“, fragte Kate.

„Auf gar keinen Fall.“ Emily begleitete ihre Schwester gern, vermied es aber um jeden Preis, im Rampenlicht zu stehen.

„Ich singe doch nur zehn Minuten, da hat bestimmt niemand etwas dagegen.“

Seufzend trat Emily zur Seite und sah zu, wie ihre impulsive, temperamentvolle Schwester ihren Strohhut abnahm und ihr Haar schüttelte. Innerhalb kürzester Zeit war sie von einer kleinen Menschenmenge umringt, was Emily nicht überraschte, denn mit ihren langen roten Locken und der schlanken Figur erregte Kate auch dann Aufmerksamkeit, wenn sie nicht sang. Und sobald ihre engelhafte, klare Stimme erklang, musste man ihr einfach lauschen.

Als immer mehr Menschen stehen blieben, warf Kate Emily einen triumphierenden Blick zu und lief zu Höchstform auf. Emily blieb am Rand stehen und blickte sich ängstlich nach Carabinieri um.

„Ihre Schwester hat Talent“, hörte sie plötzlich eine tiefe Stimme hinter sich, und Emily zuckte zusammen.

Sofort schien ihr ganzer Körper wieder hellwach zu sein und so zu vibrieren, dass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte.

„Ja“, erwiderte sie nur.

„Und Sie auch.“

Wie war er darauf gekommen? Emily schüttelte den Kopf. „Nicht so wie meine Schwester.“

„Nein“, stimmte er zu, und als er weitersprach, war sein markanter Akzent deutlicher zu hören. „Ihre Schwester ist noch ein Kind. Sie dagegen haben die Talente einer Frau.“

Emily atmete heftig ein. „Das meinen Sie doch nicht ernst!“

„Oh doch.“ Mit seinen dunklen Augen sah er sie amüsiert und ein wenig herausfordernd an. „Bei dem Blick, den Sie mir über die Schulter zugeworfen haben, konnte ich gar nicht anders, als Ihnen zu folgen.“

Emily spürte, wie ihr heiß wurde. Sie sollte die Begabungen einer Frau besitzen? Wenn das doch nur stimmte! Dann würde sie ihn dazu bringen, sich vor ihr hinzuknien und sie wider alle Vernunft zu begehren. Die Vorstellung ließ sie erbeben, doch Emily versuchte, ruhig zu bleiben. Seit wann war sie eine Sexgöttin? Sie konnte sich ja nicht einmal daran erinnern, wann sie das letzte Mal Sex gehabt hatte!

Die trällernde Kate, die Frau, die sie an seiner Seite gesehen hatte – all das war vergessen. Emily nahm nur noch seine warme Stimme und sein sinnliches Lächeln wahr. Ein solches Gespräch voller zweideutiger Bemerkungen zu führen war eine ganz neue Erfahrung für sie, die ihr jedoch sehr gefiel.

„Wenn das so ist, sollten Sie vielleicht vorsichtig sein“, erwiderte sie.

„Ganz bestimmt“, entgegnete er jungenhaft lächelnd. „Luca Bianchi“, fügte er dann hinzu und reichte ihr die Hand.

Emily betrachtete seine Hand, bevor sie ihm wieder in die Augen sah. „Sie befürchten also nicht, dass ich Sie beißen werde?“

„Um ehrlich zu sein, hoffe ich sogar darauf.“

„Emily Dodds.“ Als sie ihm die Hand reichte, schien ein Stromschlag ihren ganzen Arm zu durchlaufen.

„Emily.“ Seine Art, ihren Namen auszusprechen, ließ sie erbeben. Dann umfasste er ihre Hand fester. „Hat Ihnen die Oper gefallen?“

„Ja, ich fand die Aufführung wunderschön.“

Er nickte. „Sie war wirklich gut. Allerdings hätte ich mir etwas nettere Gesellschaft gewünscht. Wie war es bei Ihnen?“

„In Ordnung.“

„Aber es hätte besser sein können?“

„Vielleicht.“ Gespielt schüchtern senkte sie den Blick. „Lassen Sie meine Hand eigentlich auch wieder los?“

„Um ehrlich zu sein, ich hatte mit dem Gedanken gespielt, sie mitzunehmen.“

„Heute Abend nicht“, erwiderte Emily, konnte jedoch nichts gegen das Lächeln tun, das sich auf ihrem Gesicht ausbreitete. Dass ein derart attraktiver Mann sie so unverhohlen umwarb, machte sie fast schwindelig.

„Nicht? Wie schade“, erwiderte er lächelnd. „Aber uns bleibt ja immer das Morgen.“

Einen Moment, der eine kleine Ewigkeit zu dauern schien, sah Emily ihm in die schokoladenbraunen Augen. Millionen von „Wenn doch nur …“-Sätzen gingen ihr durch den Kopf, als seine Finger sich noch fester um ihre schlossen.

„Ich hab’s dir doch gesagt!“, rief Kate und schüttelte übermütig ihren umgedrehten Hut. „Genug für ein Fünf-Gänge-Menü in einem schicken Restaurant!“

Als Emily an ihrer Hand zog, drückte Luca sie leicht und ließ dann schließlich los.

„Sie haben sich ein Abendessen ersungen?“, fragte er trocken.

„Nein, das morgige Mittagessen. Ich bin übrigens Kate.“

„Hallo, Kate. Ich bin Luca, ein Freund Ihrer Schwester.“

Ein Freund?, dachte Emily, als er ihr einen neckenden Blick zuwarf.

„Ich würde Sie beide gern auf einen Drink einladen. Bestimmt haben Sie nach dem Singen in dieser Hitze Durst.“

„Wir …“ Gerade als sich Emilys vernünftige Seite durchsetzen wollte, zwinkerte Luca ihr noch einmal leicht zu. Und das allein genügte, dass ihre stets vernachlässigte leichtlebige Seite sich durchsetzte.

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