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Eine Nachbarin zum Verlieben

1. KAPITEL

Mike Conroy öffnete die Ladeklappe seines weißen Pick-ups. Die strahlende Maisonne fiel auf die ungewöhnlichen Einkäufe, die er darin transportiert hatte. Er begann mit dem Ausladen: erst die schwarzen Plastikeimer, dann die Jutesäcke und die Gartenerde.

Als Letztes waren die Würmer dran.

Er gönnte sich einige Sekunden Pause, um seine steifen Schultern zu rollen und sich zu fragen, wie es mit ihm so weit hatte kommen können. Schon als Teenager wusste er sehr genau, was er vom Leben erwartete. Seit frühester Jugend hatte er das Ziel gehabt, ein erfolgreicher Anwalt zu werden, und das war ihm auch gelungen. Er hatte in der Großstadt leben wollen – erledigt. Er hatte immer davon geträumt, eine attraktive Frau zu finden. Auch das war bereits abgehakt.

Und nicht nur, dass er all diese Wünsche wahr gemacht hatte, er hatte sie auch bereits hinter sich gelassen und sich für ein völlig anderes Leben entschieden. Doch nie und nimmer hatte er geplant, eine Wurmfarm anzulegen. Nicht einmal im Entferntesten hatte er an so etwas gedacht.

„Hey, Dad! Ist das nicht total cool? Wo sind die Würmer? Kann ich sie sehen?”

„Noch nicht, Teddy. Wir müssen sie so schnell wie möglich aus der Sonne und hinunter in den Keller schaffen. Sobald alles unten ist, können wir mit dem Bau loslegen.“

„Und wann bekommen wir Wurmmist für den Garten, Dad? Hoffentlich dauert es nicht zu lange!“

Mike war bewusst, dass sich sein Sohn unter „nicht zu lange“ vorstellte, dass das entsprechende Ereignis binnen der nächsten drei Sekunden eintreten würde. „Jetzt tragen wir erst mal alle unsere Einkäufe in den Keller. Dann kommen wir wieder herauf, waschen uns die Hände, setzen uns kurz hin zum Ausruhen und trinken ein Glas Orangensaft. Und danach legen wir mit unserer Wurmfarm los.“

„Hey, Dad.“ Teddy, dessen brauner Strubbelkopf immer ungekämmt aussah, der es schaffte, ein Loch in eine neue Jeans zu reißen, noch bevor er sie richtig angezogen hatte, und dessen T-Shirt gerade vier verschiedene Essensreste zierten, strahlte ihn an. „Würmer sind richtig cool. So etwas Tolles habe ich noch nie gemacht. Echt nicht, Dad!“

„Ich weiß, mein Junge. Deshalb machen wir es ja.“

„Und wir bauen einen Wassergarten. Mit Fröschen und so.“

„Klar, schließlich habe ich dir das doch versprochen.“

„Mom würde das nie erlauben.“

Mike zog sich sein T-Shirt über den Kopf und warf es schwungvoll auf den Autositz.

Der Frühling war in Chicago normalerweise eine angenehme Jahreszeit, doch dieses Jahr war der Mai viel zu warm. Den ganzen Nachmittag war es brütend heiß gewesen. Mike spürte, wie ihm Schweißtropfen den Rücken hinunterrannen.

Unter keinen Umständen würde er auf Teddys Bemerkung über seine Mutter eingehen. Es kostete ihn viel Kraft, sich zusammenzureißen und Nancy nicht vor ihrem gemeinsamen Sohn zu kritisieren. Aber es gelang ihm zunehmend besser. Auf jeden Fall hatte er sich geschworen, niemals zuzulassen, dass Teddy im Scheidungskrieg seiner Eltern zwischen die Fronten geriet.

„Hey, Dad …“

Glücklicherweise blieben ihm weitere Fragen von Teddy erspart, da in diesem Moment ein weißer Geländewagen in die Einfahrt des Nachbarhauses einbog und dort hielt.

Mike sah auf. Teddy auch. Sogar Slugger – ihr Basset, der auf der Veranda vor dem Haus gemütlich geschnarcht hatte – hob schläfrig ein Augenlid.

Mike und Teddy waren erst vor zwei Wochen aus der Chicagoer Innenstadt heraus in diesen idyllischen Vorort gezogen.

Ein Leben außerhalb der Stadt – noch etwas, was Mike absolut nicht geplant hatte. Doch das war ein weiterer der Kompromisse, die seine Scheidung gefordert hatte.

Zumindest sahen die Häuser in dieser Gegend nicht alle identisch aus. Das hätte er nicht ertragen. Silver Hills war ein neuer Vorort im Westen Chicagos. Hier war Platz für großzügige Gärten und Häuser für jeden architektonischen Geschmack und Bedarf.

Mikes Haus bestand hauptsächlich aus Holz und Glas und hatte ein steiles Giebeldach, das fast bis zum Boden reichte. Besonders auffällig war der imposante Backsteinkamin, der sich über zwei Stockwerke erstreckte. Zudem lag das Haus am Ende einer Sackgasse lag. An der Rückseite befand sich eine ruhige, geräumige Holzterrasse mit Blick auf ein dahinter liegendes, unberührtes Waldstück.

Im Garten ihres Nachbarhauses auf der anderen Seite hatte Mike schon beim Einzug ein „Verkauft“-Schild gesehen, doch auf dem Grundstück lange kein Lebenszeichen wahrgenommen. Erst vor einigen Tagen war dann ein voller Umzugswagen vorgefahren, der von mehreren Männern der Umzugsfirma ausgeladen wurde. Doch vom Besitzer hatte bislang jede Spur gefehlt. Das schien sich nun zu ändern.

Das Nachbarhaus war eleganter und teurer, komplett aus Naturstein gemauert, mit zwei Dachgauben im Obergeschoss und großen Flügelfenstern neben der Eingangstür. Für Mikes Geschmack war es etwas zu protzig. Auch der Landhausstil passte seiner Meinung nach nicht besonders gut in die Gegend, aber das konnte ihm ja egal sein.

Mike verpasste die Möglichkeit, einen Blick auf den Fahrer des weißen Geländewagens zu werfen, weil das Kind, das vom Rücksitz des Wagens kletterte, seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Ein Mädchen. Und was für eines! Mädchenhafter ging es schon gar nicht mehr. Die Kleine musste etwa so alt sein wie Teddy. Und sie war von oben bis unten in Pink gekleidet – vom pinkfarbenen, mit Pailletten und Perlen besetzten Oberteil bis zu den weißen Hosen mit pinken Abnähern an den Kanten. Von den Spangen und dem Reifen auf ihrem trotzdem völlig ungebändigten roten Lockenkopf ganz zu schweigen …

Als das Mädchen ausgestiegen war, konnte er sich davon überzeugen, dass selbstverständlich auch seine Schuhe perfekt auf den Rest des Outfits abgestimmt waren. Sie waren nicht nur pink, nein, bei jedem Schritt leuchtete auch noch eigens ein pinkfarbenes Licht auf!

Teddy stand da wie vom Donner gerührt. Das lag allerdings weniger an dem Wunder in Pink, sondern vielmehr daran, dass Slugger – der sonst nur dann eine Gemütsäußerung abgab, wenn ein saftiges Steak in Sicht war – plötzlich pausenlos zu bellen begann.

Erst jetzt bemerkte Mike, dass das kleine Mädchen einen Hund an einer Leine führte. Zumindest musste er bis zum Beweis des Gegenteils davon ausgehen, dass es sich um einen Hund handelte. Das winzige, wollige Etwas war weiß und sollte vermutlich eine Kreuzung zwischen einem Minipudel und einem Schnauzer darstellen. Und genau wie das Mädchen war das Hündchen mit einem Halsband aus pinken Strasssteinen, der passenden Leine und einem pinken Mäntelchen – trotz der Hitze! – gnadenlos durchgestylt.

Slugger, bei dem sie aufgrund seines sonst so gemäßigten Temperaments noch nie auch nur auf die Idee gekommen waren, ihn anzubinden oder einzusperren, flog wie ein Pfeil über die Stufen der Veranda und raste hinüber aufs Nachbargrundstück, um den tierischen Neuankömmling gebührend zu begrüßen.

Was folgte, war ein Bell- und Heulkonzert, das erst abebbte, als sich der Pudel hinsetzte, um direkt in der Einfahrt sein kleines Geschäft zu verrichten, was Slugger ihm natürlich sofort nachmachen musste.

Dann startete eine wilde Jagd der beiden Hunde quer durchs Gelände.

So weit, so gut. Nur dass mittlerweile Teddy – sein freund­licher Sohn – zu dem Mädchen hinübergelaufen war, um ihr voller Begeisterung alles über seine Pläne für die neue Wurmfarm zu berichten.

Teddy brauchte das Wort „Wurm“ nur ein einziges Mal auszusprechen, und schon stieß die Kleine einen markerschütternden Schrei aus, der Tote hätte erwecken können. Ihr Stimmvolumen war absolut erstaunlich für einen Menschen, der kaum einen Meter groß war. Möglicherweise hatten sie hier eine künftige Castingshow-Siegerin vor sich …

Sofort schoss eine Frau aus dem Haus, die ganz offensichtlich fürchtete, dass ihre Tochter in höchster Lebensgefahr schwebte. Natürlich wusste Mike nicht mit Sicherheit, ob es sich bei der Frau wirklich um die Mutter des Kindes handelte, doch angesichts ihrer Aufmachung erschien diese Schlussfolgerung mehr als naheliegend.

Jedenfalls hatte sie dieselben roten, ungezähmten Locken, die auf ihren Schultern tanzten. Anders als ihre Tochter schien sie jedoch die Farbe Grün zu bevorzugen. Doch dabei war sie kaum weniger konsequent: Ihre Bluse war in Grün und Weiß gehalten, ihre Jeans waren weiß, ihre Sandalen und ihr Schmuck grün. Alles passte zusammen.

Mike starrte sie fasziniert an.

Was für ein Glück, dass er fest entschlossen war, Sex und Frauen für den Rest seines Lebens abzuschwören.

Rothaarige Frauen waren besonders schwierig, jeder Mann wusste das. Abgesehen davon war sie höchstwahrscheinlich ohnehin verheiratet. Trotzdem musste ein Mann schon mit einem Bein im Grab stehen, damit ihm entgehen konnte, wie attraktiv diese Frau war.

Sie war groß und geschmeidig und wirkte sehr sportlich. Gleichzeitig hatte sie eine üppige Oberweite, die es ihm schwer machte, die Augen abzuwenden. Andererseits lohnte sich auch der Blick in ihr Gesicht mit den dunkelgrünen Augen und den hohen Wangenknochen. Und dieser Mund … oh, dieser Mund, der war nicht nur appetitlich, sondern geradezu überwältigend.

Diese Frau ließ sich, das musste Mike der Ehrlichkeit halber zugeben, mit „hübsch“ oder „attraktiv“ nur unzureichend beschreibend. „Umwerfend sexy“ traf es da schon eher.

Glücklicherweise fehlten ihm die Zeit und Muße, um weiter über die äußerlichen Vorzüge dieser Frau nachzudenken, da nun erst recht die Hölle über alle Anwesenden hereinbrach.

Auslöser dafür war eine schneeweiße, langhaarige Angorakatze, die hoch erhobenen Hauptes aus der Vordertür des Nachbarhauses spaziert war, die die Frau achtlos hinter sich offen gelassen hatte, als sie ihrer vermeintlich in Lebensgefahr schwebenden Tochter zu Hilfe geeilt war. Selbstbewusst ließ sich die Katze auf einer der Stufen vor dem Haus nieder, rekelte sich in der Sonne und begann sich die Pfoten zu lecken.

Carlo – der zerrupfte alte Kater, der vor etwa einem Jahr während eines heftigen Gewitters plötzlich vor Mikes Fenster aufgetaucht war und sich seither geweigert hatte, wieder seiner Wege zu gehen – steckte neugierig seinen Kopf aus der Katzenklappe, entdeckte das weiße Kätzchen und rannte in riesigen Sätzen darauf zu. Die Frau stieß einen Schrei aus, der die letzten Zweifel daran, ob es sich tatsächlich um die Mutter des Mädchens handelte, für immer beseitigte.

Das Kätzchen flüchtete ins Haus, dicht gefolgt von Carlo. Mittlerweile waren auch die Hunde darauf aufmerksam geworden, dass sich hier etwas Spannendes tat, und schlossen sich der wilden Jagd an. Sobald sie sich von ihrem ersten Schock erholt hatten, setzten auch Teddy und seine neue Freundin den Tieren nach.

Blieben – zumindest kurzzeitig – nur noch er und die schöne Fremde.

Sie schien ihn kurz zu mustern. Dabei fiel Mike ein, dass er kein T-Shirt trug und schweißnass und schmutzig war. Doch ihrem Gesichtsausdruck war nicht zu entnehmen, was sie über ihn dachte. Was sie von der Situation hielt, war dagegen eindeutig.

Sie rang nach Luft. „Ich fürchte, wir müssen uns ein andermal vorstellen. Eigentlich hatte ich gehofft, meine Nachbarn unter weniger stressigen Umständen kennenzulernen …“

„Glauben Sie mir, ich auch.“

„Mir ist zwar im Augenblick eher nach Heulen, aber wahrscheinlich werde ich bis heute Abend über all das lachen können.“

„Ich bestimmt auch.“ Ihm gefiel, dass sie nicht hysterisch wurde – zumindest nicht mehr, seit sie sich davon überzeugt hatte, dass ihrer Tochter nichts passiert war.

„Leider“, sie atmete tief durch, „sind weder unsere Katze noch unser Hund kastriert. Wir wollen nämlich später irgendwann mit ihnen züchten. Übrigens sind beide Tiere weiblich.“

„Oh-oh“, erwiderte Mike nur und sprintete los.

Amanda Scott rannte hinter ihrem neuen Nachbarn her. Gleichzeitig rief sie ebenso laut nach Kind, Hund und Katze wie er.

Ein Umzugsunternehmen hatte schon vor Tagen ihre Möbel und schweren Kisten angeliefert, doch mit dem Auspacken und Einräumen konnte sie erst heute beginnen.

Dementsprechend sah es im ganzen Haus aus, als wäre ein Wirbelsturm durchgefegt. Umzugskisten, Koffer, Möbel und Teppiche bildeten quer durchs Haus einen Hindernisparcours, den es erst einmal zu bewältigen galt. Doch das war nicht der einzige Grund, warum sie außer Atem war.

Es lag an ihm.

Ihr war klar gewesen, dass es ihr als überzeugter Stadtbewohnerin nicht leichtfallen würde, sich an das Leben in einem Vorort zu gewöhnen, doch an diese Art der Herausforderung hatte sie dabei nicht gedacht.

Fünf Jahre lang hatte sie ein Leben geführt wie aus einem Hollywoodfilm: ein Penthouse mitten im Zentrum von Chicago, ein anspruchsvoller, gut bezahlter Job in einer Werbeagentur und eine Ehe mit ihrem Traumprinzen Thom. Dann kam das Baby. Und als Nächstes die Scheidung.

Zuerst hatte sie sich vorgenommen, nie wieder in ihrem Leben Sex zu haben. Denn leider verliebte sie sich immer wieder in die falschen Männer. Das war die traurige Wahrheit, und Amanda hatte sie akzeptiert.

Obwohl sie sich im Grunde nur ihrer Tochter zuliebe entschlossen hatte, in diesen Vorort zu ziehen, würde sich diese Entscheidung auch positiv auf den Vorsatz auswirken, auf Sex zu verzichten. Schließlich waren die einzigen Männer, die sie in diesem Umfeld kennenlernen würde, verheiratete Familienväter.

Zu dieser Sorte zählte zweifellos auch ihr neuer Nachbar. Jedenfalls würde keine Frau, die ihre sieben Sinne beisammenhatte, ihn je wieder vom Haken lassen, wenn sie ihn erst einmal an der Angel hatte.

Es war nur … dieser Mann hatte sie in seiner ganzen Größe und Schönheit auf dem falschen Fuß erwischt. Das dunkelbraune Haar war nicht ungewöhnlich, aber schon der dunkle Schatten seines Dreitagebarts hatte etwas Besonderes, Verruchtes.

Die hellbraunen Augen erinnerten sie an die Farbe von Whiskey. Der nackte Oberkörper ihres Nachbarn war glatt und muskulös, seine Jeans saßen tief auf den Hüften, und auf seiner gebräunten Haut schimmerte ein Hauch von Schweiß. Der Kerl war eine geballte Ladung Männlichkeit. Vermutlich produzierte er Unmengen von Testosteron.

Wieder rief er nach seinem Sohn, seinem Hund und seiner Katze. Sogar seine Stimme, einen gleichmäßigen Tenor, fand sie anziehend.

Nicht dass das ein Problem war. Sie hatte nur einfach gehofft, eine nette alte Lady als Nachbarin zu bekommen. Oder eine Familie mit sechs Kindern und einem überforderten Vater mit Bierbauch.

Nach dem Wohnzimmer kam die Küche mit den hellen Birkenmöbeln und dem großen Erkerfenster – einer der Gründe, warum sie sich für dieses Haus entschieden hatte. Doch vor lauter Schachteln, die sich überall aufstapelten, war von all dem nicht viel zu sehen.

Princess, ihre Angorakatze, hatte sich auf einen dieser Schachtelstapel gerettet, doch lange würde sie dort nicht in Sicherheit sein. Amanda sah zu, wie ihr Nachbar sie sich mit einer schwungvollen Bewegung schnappte und beruhigend an sich drückte. Princess schmiegte sich vertrauensvoll an ihn, als würde sie ihn schon ihr Leben lang kennen. Aber sie hatte ja auch Grund zur Dankbarkeit. Schließlich hatte er sie vor dem zerrupften Kater gerettet, der auf der Suche nach ihr um den Kistenstapel schlich.

„Ich nehme sie“, bot Amanda an.

Der Nachbar reichte ihr die Katze in einer Wolke von weißem Katzenhaar.

Sie griff sich das Bündel, trug Princess in die Gästetoilette und schloss die Tür hinter ihr.

Eine Katze hatten sie damit dingfest gemacht, blieben noch eine weitere Katze und zwei Hunde. Und, nicht zu vergessen, zwei Kinder.

Die Hunde hatten aufgehört zu bellen. Das schien Amanda Grund zur Besorgnis zu sein. Außerdem hörte sie ein Weinen. Aus der Entfernung konnte sie nicht sagen, um welches der Kinder es sich handelte, doch das Geräusch kam aus dem Obergeschoss, wo sich zwei Schlafzimmer und ein Bad befanden.

Amanda reagierte schneller als Mike und nahm auf dem Weg nach oben immer drei Stufen auf einmal.

Dort saß ihr süßes kleines Mädchen auf dem Nachbarsjungen und schlug wie von Sinnen auf ihn ein. Zwar wog sie bestenfalls halb so viel wie der Junge, doch Amanda wusste, dass ihre Tochter unglaubliche Kräfte entfalten konnte, wenn sie die Nerven verlor. Sie zog Molly von dem Jungen herunter und rügte sie für das Schlagen.

„Schlagen ist nie eine Lösung“, stellte Amanda mit einer Stimme fest, die keinen Widerspruch duldete. „Das weißt du genau. In diesem Haus wird nicht geschlagen. Niemals. Wenn es ein Problem gibt, das ihr nicht untereinander klären könnt, kommst du zu mir. Aber Schlagen kommt nicht infrage. Und jetzt entschuldigst du dich sofort.“

Darauf folgte ein geräuschvolles Hin und Her mit den wohlbekannten Argumenten „Aber er …“ und „Sie hat gesagt …“ und „Nein, er hat angefangen …“ und „Ich konnte nicht anders …“ und „Du warst gemein, gemein, gemein!“. Et cetera.

Es dauerte einige Minuten, bis alle Tränen getrocknet waren und Amanda sich vergewissert hatte, dass keines der Kinder ernsthafte Verletzungen davongetragen hatte.

Der Nachbarsjunge sah genauso aus wie sein Vater: kräftig und groß gewachsen. Eine Miniaturausgabe des Erwachsenen, der plötzlich am Treppenabsatz erschien: „Ich habe die Hunde gefunden.“

„Oh, gut. Wo?“

„In dem Raum, der wahrscheinlich Ihr Wohnzimmer wird. Hinter der Couch. Slugger habe ich rausgeschmissen, und ich habe die Haustür hinter ihm zugemacht. Doch nun gehen wir besser. Es war wirklich sehr nett bei Ihnen, aber ich möchte Ihre Gastfreundschaft auf keinen Fall überstrapazieren.“

Er streckte einen Arm aus, an dem sein Sohn wie ein Äffchen auf seinen Rücken kletterte und von hinten seinen Hals umklammerte, während er gleichzeitig die Beine um die Hüften seines Vaters schlang. Im anderen Arm hielt der Nachbar seinen Kater. Seinen Hund konnte Amanda sogar von hier oben bellen und an der Tür scharren hören.

„Hm …“ Sie kratzte sich verlegen am Hals. Wie konnten sie diese fürchterliche erste Begegnung doch noch zu einem guten Ende bringen? Sie versuchte es mit einem: „Nett, Sie kennenzulernen“, doch es klang eher nach einer Frage als nach einer Feststellung.

„Ach, wir haben uns doch gar nicht kennengelernt. Und das ist vielleicht sogar besser so.“ Mike flüchtete mit seiner schweren Last bereits die Treppe hinunter, während er das sagte. Sein Sohn redete unaufhörlich, während ihm der elende Kater ins andere Ohr miaute. „Wenn Sie Hilfe beim Umziehen brauchen, geben Sie einfach Bescheid!“

„Danke“, antwortete sie, aber insgeheim dachte sie, dass es eher Geldscheine regnen würde, als dass sie ihn um Hilfe bitten würde. „Sie auch!“

Mike zog die Stirn hoch, als könnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, je in eine Lage zu geraten, in der er ihre Hilfe benötigte. Trotzdem schaffte er es, gleichzeitig noch zu grinsen. Es war ein fatalistisches Grinsen. Eines, das so viel hieß wie: Wenn unser Kennenlernen schon in die Hosen gehen muss, dann wenigstens gleich ordentlich.

Ein interessanter Mann, dachte Amanda. Überhaupt machten alle Familienmitglieder, deren Bekanntschaft sie bisher gemacht hatte, einen ziemlich verwegenen Eindruck. Die Katze sah aus wie ein Streuner, und die Ohren des Hundes streiften auf dem Boden. Außerdem hatte er diesen unangenehmen Hundegeruch … Allen vieren hätte wohl ein gründliches Bad nicht geschadet.

Doch sie hatte auch Positives bemerkt. Er hätte schreien können – so, wie es die meisten Männer in einer Krise taten. Oder die Geduld verlieren. Oder die Schuld jemand anderem zuschieben – im Zweifelsfalle natürlich ihr.

Stattdessen hatte er sich ohne Zögern an die Lösung der Prob­leme gemacht.

Vielleicht würde er ja doch gar keinen so schlechten Nachbarn abgeben.

„Mom!“ Molly zerrte an ihrer Bluse. „Ich will diesen Jungen nie mehr sehen, solange ich lebe! Ich hasse ihn! Und ich bin durstig! Und ich will fernsehen!“

Amanda musste beinahe lachen. Einige Sekunden lang hatte sie sich tatsächlich Sorgen über ihre künftige persönliche Beziehung zu ihrem Nachbarn gemacht. Doch die Realität hatte sie sofort wieder eingeholt.

Im Augenblick herrschte in ihrem Leben wirklich auch ohne ihren neuen Nachbarn schon das totale Chaos. Da musste sie sich nicht auch noch künstliche Probleme schaffen.

2. KAPITEL

„Ich verstehe das einfach nicht, Dad. Warum hat sie mich geschlagen? Und überhaupt: Hast du gesehen? Ich habe nicht zurückgeschlagen.“

„Ja, das habe ich gesehen, Teddy. Das hast du gut gemacht. Ein Junge darf niemals ein Mädchen schlagen. Oder jemanden, der kleiner ist als er selbst.“

„Aber ich hätte es gern getan!“

„Das glaube ich dir. Das Mädchen hat sich auch wirklich nicht gut benommen. Aber deshalb darfst du ihr trotzdem nicht wehtun. Wenn du wütend bist, musst du die Wut auf eine andere Art herauslassen. Zum Beispiel, indem du rennst, so schnell du kannst. Oder du boxt in ein Kissen. Oder du versuchst, dich abzulenken, und tust etwas, was dir Spaß macht.“

Als Teddy aus der Badewanne auf den schwarz-weiß karierten Fliesenboden stieg, erwartete Mike ihn schon mit einem großen schwarzen Badetuch.

Teddy war jetzt zwar sauber, aber dafür stand das Bad unter Wasser. Und zwar, weil sein Sohn dachte, er sei schon groß genug, um allein zu baden. Vielleicht war er das auch, nur war sich Mike nicht sicher, ob das Haus das langfristig überstehen würde. Obwohl er die ganze Zeit dabeigeblieben war, war alles um ihn herum – er eingeschlossen – klatschnass.

Erst frottierte Mike die Haare seines Sohnes, der daraufhin zu kichern begann. Dann wickelte er Teddy in das Badetuch, klemmte ihn unter den Arm und trug ihn den Flur hinunter in das einzige Zimmer des Hauses, das bereits eingerichtet war.

Und zwar richtig: Das Bett besaß die Form eines Autos. Die Tapete zeigte jede Menge Lastwagen, Autos und Traktoren. Auf dem Boden hatte Mike einen dicken, weichen dunkel­braunen Teppich verlegt.

Der hatte mehrere Vorteile: Erstens bot er eine Geräuschisolierung, zweitens verringerte er die Verletzungsgefahr, und drittens sah man auf der dunklen Farbe den Schmutz nicht, den Vierjährige – oder zumindest sein Vierjähriger – so verursachten. Vorhänge gab es keine. „Wir Männer“, hatte Teddy erklärt, „brauchen keine solchen Frauensachen.“

Die Hälfte des Zimmers war mit Spielsachen gefüllt. Weil Teddy am liebsten Fahrzeuge mochte, die sich bewegten, hatte ihm Mike eine „Garage“ für seine großen Bagger, Traktoren und Lastwagen gebaut. Die Unmengen von kleinen Autos, die sich noch dazu jede Nacht zu vermehren schienen, wurden in robusten Blecheimern aufbewahrt.

Mike hatte seinem Sohn erklärt, dass ihm Ordnung ziemlich egal war. Trotzdem mussten die Sachen jeden Abend in die Tonnen geräumt werden, da Teddy sich verletzen konnte, wenn er nachts aufstand und über die herumliegenden Autos stolperte.

Zu Mikes Erleichterung hatte Teddy diese Erklärung verstanden und die entsprechende Hausregel akzeptiert.

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