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Eine Lüge ist nicht genug

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Motto
  9. Erstes Kapitel
  10. Zweites Kapitel
  11. Drittes Kapitel
  12. Viertes Kapitel
  13. Fünftes Kapitel
  14. Sechstes Kapitel
  15. Siebtes Kapitel
  16. Achtes Kapitel
  17. Neuntes Kapitel
  18. Zehntes Kapitel
  19. Elftes Kapitel
  20. Zwölftes Kapitel
  21. Dreizehntes Kapitel
  22. Vierzehntes Kapitel
  23. Fünfzehntes Kapitel
  24. Sechszehntes Kapitel
  25. Siebzehntes Kapitel
  26. Achtzehntes Kapitel
  27. Neunzehntes Kapitel
  28. Zwanzigstes Kapitel
  29. Einundzwanzigstes Kapitel
  30. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  31. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  32. Vierundzwanzigstes Kapitel
  33. Fünfundzwanzigstes Kapitel
  34. Sechsundzwanzigstes Kapitel

Über dieses Buch

Das Leben endet tödlich, auch für reiche Industrielle. Das Leben geht weiter, auch für die Witwe des Firmenchefs der Papierfabrik. Das Leben ist ein abgekartetes Spiel, findet Hamilton, den die Hochzeit seiner Mutter mit dem Bruder seines Vaters anwidert. Das Leben auf dem Planeten ist in Gefahr, findet die Umweltaktivistin Olivia, wenn niemand etwas dagegen unternimmt, dass die Abwässer der Papierfabrik weiterhin den Copenhagen River verseuchen. Das Leben will gelebt werden, rät Horatio seinem Freund Hamilton.   Es ist was faul in dieser US-amerikanischen Kleinstadt, deren Einwohner von der Papierfabrik Elsinore Papers abhängig sind. Die vermeintliche Alternative »Arbeitsplatzabbau oder Ökologie« stimmt nicht mehr. Auf Dauer wird das Unternehmen nur überleben können, wenn es umweltverträglich produziert. Und auf Dauer wird das Leben nur dann wieder lebenswert, wenn sich eine böse große Frage beantworten lässt: Ist der alte Firmenchef Rex Prince ermordet worden, und wenn ja, wer steckt dahinter?

Über den Autor

Alan Gratz ist in Knoxville (USA) aufgewachsen und hat an der University of Tennessee kreatives Schreiben studiert. Schreiben kann man nur durch Schreiben lernen – deshalb hat er in vielen Jobs gearbeitet, die mit Schreiben zu tun haben. Seit 2002 lebt er von seinen Texten – jetzt erscheint sein erster Roman auf Deutsch.

Alan Gratz

Eine Lüge
ist nicht genug

Aus dem amerikanischen Englisch von
Gerold Anrich und Martina Instinsky-Anric

Für meine Englischlehrer in der Middle School und High School: Tom Pettit, John Tatgenhorst, Martha Gill, Dale Norton,
Warren Heiser, Neil McMahon und Mary Jo Potts:
Sehen Sie? Ich habe zugehört.

Einen besonderen Dank an Liz Waniewski dafür, dass sie das Wasser
getrunken hat, an Regina Castillo, weil sie mich ihre Witze stehlen ließ, an
Jon Manchip White, der mir die Kunst des Mordens beigebracht hat,
wenn ich über Horatio gesprochen habe, an William Shakespeare und
Raymond Chandler für ihre unschätzbare Hilfe, an Wendi und
Jo für ihre unendliche Geduld und Unterstützung
und an die Englischlehrer überall.

»Etwas ist faul im Staate Dänemark.«

William Shakespeare, »Hamlet«,
1. Akt, 4. Szene

Erstes Kapitel

Denmark, Tennessee, stank. Übel. Wie toter Fisch, im Abwasser frikassiert. Das hab ich auch meinem Freund Hamilton Prince gesagt, während wir in seinem Offroader über die Straßen fuhren.

»Du gewöhnst dich dran«, meinte er nur. »Denk einfach, das wäre der Geruch von Geld.«

Und ich dachte immer, Geld würde nicht stinken.

Die Elsinore Papierfabrik ist die Quelle des Gestanks und des Geldes, das hinter dem Vermögen der Familie Prince steht. Elsinore stellt das Papier her, das man für seinen Drucker braucht, das Papier, auf dem die Sportergebnisse stehen, und das, mit dem man sich den Hintern abwischt. Sie stellt nahezu jede Art Papier her, die es gibt, außer der Sorte, auf der Geldscheine gedruckt werden, doch davon kommt genug rein, sodass die Familie sich keine Sorgen zu machen braucht. Die Fabrik war außerdem der erste Ort, zu dem mich Hamilton bei meinem Sommerbesuch mitnahm. Ich war zwar nicht so richtig scharf darauf zu sehen, wie Papier hergestellt wird, doch Hamilton nutzte jede Entschuldigung, um aus dem Haus zu kommen, und ich sagte nicht nein.

Ich deutete mit dem Kopf auf ein offenes Bier im Becherhalter. »Eins für die Straße?«

»Ist ja nur eins und wir haben es nicht weit.« Er nickte über die Schulter nach hinten. »Für dich ist Bier im Kühlkasten, garantiert alkoholfrei.«

Seit ich letzte Woche angerufen hatte, um zu sehen, ob das mit meinem Besuch noch klarging, hatten wir nicht mehr miteinander gesprochen, aber Hamilton blieb auch jetzt still, und ich ließ ihn schmoren. Er hatte eine Menge am Hals mit seinem toten Vater, der Heirat seines Onkels mit seiner Mutter und so. Ich wollte so viel fragen, wollte ihn aber auch nicht drängen.

Jetzt kam leichter Nieselregen auf, und Hamilton schaltete die Scheibenwischer ein, während wir auf eine kleine Zufahrtsstraße abbogen. Ein Schild informierte uns, dass wir auf die Elsinore Papierfabrik zusteuerten, aber das hätte mir meine Nase auch sagen können. Die Anlage ist so weit von Hamiltons Haus entfernt, dass man sie von dort aus nicht sehen kann, aber nicht weit genug, um sie nicht zu riechen. Das war früher vielleicht einmal anders. Seit Generationen hatte die Papierfabrik Hamiltons Familie gehört und war von ihr geleitet worden. Sein Vater war Generaldirektor, als er starb, und jetzt führte Hamiltons Onkel die Firma. Irgendwann würde auch Hamilton sie übernehmen und damit sicherlich ein Riesenvermögen verdienen.

»Ich hasse sie«, sagte Hamilton, als ich ihm genau das sagte. »Sie ist wie ein Gefängnis. Mein eigenes persönliches Gefängnis.«

Hamilton neigte schon immer ein bisschen zur Melodramatik. Es war immer noch dieselbe alte Leier, die ich schon früher oft gehört und nie geglaubt hatte, doch der Ton, in dem er das jetzt gesagt hatte, ließ mich die Dinge plötzlich anders sehen.

Zuerst hielt ich es für eine Täuschung wegen der beschlagenen Windschutzscheibe, doch als wir näher an den Sicherheitszaun vor der Fabrik kamen, sah ich ein Mädchen neben der Straße stehen und ein Schild hochhalten. Ihre Haare waren vom Regen angeklatscht und ihr Gesicht vom Wegwischen der Wassertröpfchen verschmiert, doch trotzdem konnte ich sehen, dass sie umwerfend war. Ihre Windjacke spannte an genau den richtigen Stellen und auch ihre Jeans saßen ziemlich gut. Hamilton hielt neben ihr und ließ das Fenster runter.

»Was machst du denn hier?«, fragte er.

»Protestieren.« Sie hielt ihm das Schild vor die Nase. Darauf stand: »Elsinore vergiftet den Copenhagen River.«

»Bleib mir bloß vom Hals damit.«

»Denmark ist euch Typen schon hundert Jahre lang damit vom Hals geblieben. Es ist Zeit, dass Elsinore sauber wird. Der Fluss ist so verdreckt, dass es dich umbringt, wenn du daraus trinkst.« Es regnete nun etwas stärker, doch das Mädchen wirkte davon unbeeindruckt.

»Hier sieht dich doch niemand«, meinte Hamilton.

Sie hielt sich das Schild gegen den Regen über den Kopf. »Du hast mich gesehen.«

Ich mochte das Mädchen bereits jetzt. »He«, rief ich ihr zu, zog die alte Baseballkappe meines Vaters vom Kopf und warf sie ihr durch das offene Fenster zu. Sie fing sie mit der freien Hand und ließ sie nicht in den Matsch fallen, was mir sehr recht war.

Das Mädchen nahm ihre Haare hinten zu einem Pferdeschwanz zusammen, zog die Kappe auf und ich sah, dass ich falschgelegen hatte. Sie war nicht umwerfend, sie war atemberaubend.

Nachdem ihr Kopf nun bedeckt war, hielt sie das Schild wieder Hamilton vor die Nase. Er warf mir einen bösen Blick zu und ließ den Offroader durch das Fabriktor schießen.

»Du brauchst sie nicht auch noch zu ermutigen«, sagte er.

»Freundin von dir?«, fragte ich.

»Sie heißt Olivia. Eine vom Ort.«

Ich blickte Hamilton an, aber er würdigte mich keines Blicks. Wir gehen beide auf ein teures privates Internat, die Wittenberg Akademie in Knoxville, und wenn man die Schule auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringt, bekommt man zwei Gruppen: die Internatsschüler und die vom Ort. Ich bin einer vom Ort. Ich bin aus Knoxville. Ich gehe aufs Wittenberg, wohne aber nicht im Schülerwohnheim wie die anderen. Wir sind dreiundzwanzig vom Ort. Wir kennen uns untereinander und alle kennen uns. Uns kostet es weniger, aufs Wittenberg zu gehen, viel weniger, und wenn das nicht so wäre, könnten es sich die meisten von uns nicht leisten. Manchmal wollen die reichen Schüler nichts mit uns zu tun haben, aber Hamilton war nie so. Und deshalb gefiel es mir auch nicht, wie er Olivia »eine vom Ort« nannte, das klang abwertend. Es passte nicht zu Hamilton und es nervte mich.

»Meinst du die Olivia, der du Briefe geschrieben und die du jeden zweiten Abend angerufen hast?«, fragte ich.

»Ja, schon.« Er hielt die Augen auf die Zufahrtsstraße gerichtet. »Ich hab halt mit den Anrufen aufgehört. Wahrscheinlich ist sie sauer auf mich.«

»Meinst du?«

Hamilton schoss wieder einen Blick auf mich ab, doch ich wich ihm aus. Ich muss zugeben, ich war auch ein bisschen sauer, teils wegen der Sache mit »eine vom Ort«, aber auch darüber, wie Hamilton Mädchen einfach fallen ließ, als ob es da immer eine Warteschlange gäbe. Schlimm genug, dass tatsächlich immer eine wartete. Hamilton fliegt auf diesen blonden nordischen Schwimmerinnentyp. Markantes Kinn, kräftige Nase. Scharfe Klamotten. Er ist belesen, wohlerzogen und wohlhabend. Alle lieben ihn. Alle bis auf seine Exfreundinnen.

Aber ich bin lang genug mit Hamilton befreundet, um trotzdem nicht neidisch zu sein. Er könnte mit Leichtigkeit auf jemanden wie mich herabsehen, aber das macht er nicht. Seit wir zusammen angefangen haben, verbindet uns das Baseballfeld. Ich war schon immer Hamiltons inoffizieller dritter Zimmergenosse und benutze sein Zimmer als Ausgangsbasis, wenn ich auf dem Schulgelände bin.

Hamilton parkte den Wagen. »Komm, wir müssen uns bei der Security anmelden.« Er schnappte sich sein Bier und rannte durch den Regen zu einem kleinen Betongebäude. Ich holte tief Luft und erinnerte mich (wieder) daran, dass Hamilton im Moment nicht er selbst war, ließ mein alkoholfreies Bier und meine Meinung im Wagen und rannte ihm nach.

Drinnen wurde Hamilton von einem der Securityleute fast umarmt.

»Warum warst du noch nicht hier, seitdem du zurück bist?«, frage ihn der Mann. Auf dem Aufnäher auf seiner Uniform stand in Kursivschrift Bernard.

Hamilton zuckte mit den Schultern. »Du weißt schon, beschäftigt.«

Bernard nickte mitfühlend.

»Es hat uns echt leidgetan, als wir das mit deinem Vater gehört haben. Er war ein guter Mann«, sagte der andere Securitymann. Auf seinem Aufnäher stand Frank.

»Nicht wie dieser Onkel von dir«, brummelte Bernard. Frank stieß ihn mit dem Ellbogen an.

»Jungs, ihr könnt offen reden, wir sind unter Freunden«, betonte Hamilton. »Wenn wir schon dabei sind, das ist mein bester Freund aus der Schule. Horatio Wilkes.«

Wir gaben uns die Hand. So, wie sie mich ansahen, reichte Hamiltons Vorstellung, um mir ihre lebenslängliche Zuneigung zu garantieren.

»Sollen wir es ihm sagen?«, fragte Bernard.

Draußen donnerte es. Das passte zu der plötzlich frostigen Atmosphäre.

»Mir was sagen?«, fragte Hamilton.

Frank blickte sich um, als könnten sich Spione in dem kleinen, etwa drei mal drei Meter großen Raum befinden, in dem wir standen. Dann bedeutete er uns, mit in den Monitorraum zu kommen. Auf einem Dutzend Bildschirme flimmerten die Bilder der Überwachungskameras von der Fabrik und Hamiltons Haus. Eine von ihnen zeigte das Eingangstor, wo Olivia noch immer stand, ihr Protestschild hielt, meine Baseballkappe trug und umwerfend gut aussah.

Bernard holte eine alte Kaffeebüchse aus einem hohen Regal und zog eine unbeschriftete Videokassette heraus. »Das hätten wir dir wahrscheinlich zeigen sollen, sobald du von der Schule zurück warst. Aber wie du schon gesagt hast, da war anderes zu erledigen.«

»Habt ihr Jungs Olivia halb nackt auf dem Band, oder was?«, alberte Hamilton im Versuch, die seltsame Anspannung in dem Raum zu lockern.

Frank schenkte Hamilton ein schwaches Lächeln, machte den Mund auf, um etwas zu sagen, doch dann schob er einfach schnell die Kassette ein.

Der Zentralmonitor in der Reihe flackerte, dann justierte er sich. Es kam ein Bild aus dem Inneren der Fabrik. Eine riesige Maschine summte im Hintergrund und wickelte gewaltige Mengen Papier zu mächtigen Rollen auf. Die digitale Zeiteinblendung unten im Bildschirm zeigte ein Datum, das mehr als zwei Monate zurücklag.

»Das ist ja wahnsinnig spannend«, sagte Hamilton. »Es ist fast so aufregend, wie …«

Hamiltons Vater kam ins Bild.

»… zuzusehen, wie Farbe … trocknet«, beendete Hamilton seinen Satz. Er setzte sich und blickte wie gebannt hin. Es musste ein Schock für ihn sein. Das letzte Mal, dass er seinen Vater lebend gesehen hatte, war in den Weihnachtsferien gewesen. Danach hatte er zwei Monate lang nicht mit ihm gesprochen, und dann holte ihn der Direktor aus dem Unterricht und sagte ihm, sein Vater wäre tot.

Das Verrückte war, dass der Mann auf dem Band gar nicht wie Hamiltons Vater aussah. Als ich ihn das letzte Mal getroffen hatte, war er mittelalt gewesen, hatte sandbraune Haare und glatte Haut. Der Mann auf dem Bildschirm hatte schlohweiße Haare, ein Gesicht wie eine Walnuss und sah aus, als wäre er hundert Jahre alt. Doch es war Mr Prince, ganz eindeutig. Seine Augen hatten einen traurigen, irgendwie leeren Ausdruck, der mir bekannt vorkam, den ich aber nicht einordnen konnte.

Hamilton drehte sich zu mir um und schaute mich an, und da wusste ich, wo ich den Blick schon einmal gesehen hatte.

»Hamilton«, sagte sein Vater, und versetzte uns allen damit einen Schreck, sogar den Securityleuten.

»Dad? Was ist mit deinem Gesicht passiert? Deinen Haaren?«, sagte Hamilton zu dieser geisterhaften Erscheinung auf dem Bildschirm. Aus irgendeinem Grund kam es ihm nicht völlig bescheuert vor, zu einem Videoband zu sprechen.

»Hamilton, wenn die Jungs dir dieses Band zeigen, bedeutet das, dass etwas Schlimmes passiert ist. Etwas sehr Schlimmes. Es bedeutet, dass ich ermordet worden bin.«

Es war, als würden Frank und Bernard wegschrumpfen und Hamilton und ich wären alleine mit dem Geist seines Vaters.

»Es war Gift«, sagte sein Vater. »Ganz langsam, über Wochen. Vielleicht Monate.« Er hustete schwer. »Ich hätte es dir sagen sollen, weißt du, aber ich wollte dich nicht beunruhigen. Genauso wie deine Mutter. Ich … ich war bei allen möglichen Ärzten. Wurde behandelt. Ich habe gedacht, es würde besser.« Wieder hustete er. Diesmal schlimmer, und ich konnte Hamilton zusammenzucken sehen.

Die Augen von Hamiltons Vater wurden müde. »Ich hab nicht gewusst, wie das Zeug in meinen Organismus gelangt ist. Aber jetzt glaube ich, dass jemand es mir verabreicht hat. Absichtlich.« Er hustete wieder abgehackt und spuckte kleine Tröpfchen von Schleim und Blut aus. »Ich kann nichts beweisen, aber …«

Hinter der Kamera schlug eine Tür laut zu. Hamiltons Vater blickte über die Schulter und flüsterte dann schnell in die Kamera: »Es geht alles um die Papierfabrik.« Wieder brach er hustend ab. »Du denkst, du kennst jemanden, vertraust ihm, und dann …«

Ein Schatten fiel auf sein Gesicht. Jemand stand dicht bei Hamiltons Vater, immer noch hinter der Kamera.

»Hallo, Claude«, sagte Hamiltons Vater. »Hast du noch mehr Dioxinproben genommen? Ich, äh, hier war was mit der Überwachungskamera nicht in Ordnung. Überprüfe ich gerade.« Er blickte zurück in die Kamera. »Ich bin sicher, dass mein Sohn das reparieren könnte, wenn er hier wäre.«

Hamilton legte eine Hand auf den Schirm. Aber das Bild war bereits weg.

»Ich würde es nicht glauben, wenn ich es nicht gesehen hätte«, sagte ich.

Hamilton drehte sich um. »Ich glaube es. Und ich weiß genau, wer es getan hat.«

»Wer?«

»Mein Onkel Claude.«

Frank und Bernard schlurften herum und taten so, als wären sie gar nicht da und bekämen die ganze Sache nicht mit.

»Das kannst du nicht wissen«, sagte ich zu ihm.

»Dad hat es ja praktisch gesagt! Er hat seinen Namen genannt!«

»Nur den von dem, der ihn unterbrochen hat. Das heißt noch nicht …«

»Er hat die Firma übernommen, als Dad gestorben ist«, sagte Hamilton. »Und der Bastard hat meine Mutter geheiratet«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Er hat meine Mutter geheiratet.«

Manchmal werde ich störrisch und das war eine der Gelegenheiten. »Hör mal, Hamilton, ich weiß nicht, was zwischen dir und deinem Onkel ist, aber du kannst nicht einfach solche Schlüsse ziehen. Du kannst es einfach nicht sicher wissen, dass er es war.«

Hamilton trat einen Schritt zur Seite und wollte mir nicht ins Gesicht blicken.

»Nein, nein, ich denke, du hast recht. Wir wissen es nicht mit absoluter Gewissheit«, sagte er und machte sich über meine Zurückhaltung lustig. »Aber bis es so weit ist, keine noch so leise Andeutung von keinem von uns. Zu niemandem.«

Frank und Bernard krochen wieder aus den Aktenschränken hervor und nickten

»Warum nicht?«, fragte ich.

»Das ist eine Familienangelegenheit«, belehrte Hamilton mich. »Die Princes waschen ihre schmutzige Wäsche nicht öffentlich.«

»Bist du verrückt? Damit müssen wir zur Polizei gehen.«

»Nein. Kein Wort. Kein Wort zu irgendjemandem. Schwört es!«

»Wir schwören es«, sagten Frank und Bernard fast gleichzeitig.

Hamilton starrte mich an. »Schwöre!«

Und in genau diesem Moment machte ich einen Fehler. Wenn ich den nicht gemacht hätte, hätte ich uns eine Menge Ärger erspart. Vielleicht hätte ich sogar verhindern können, dass jemand niedergeschossen wird. Aber ich hab noch nie behauptet, ich wäre ein Genie.

»Ist ja schon gut, ich schwöre.« Ich fühlte mich wie ein Drittklässler, der gerade in die Hände gespuckt hat, um ein Abkommen mit feuchtem Händedruck zu besiegeln.

»Mit dem Verstand magst du dir nicht sicher sein, Horatio, doch ich weiß es hier ganz genau«, sagte Hamilton und zeigte auf sein Herz.

Auf einem Monitor hinter ihm sah ich Olivia am Zaun, die ihr Schild hochhielt. Ich konnte sogar jedes einzelne Wort lesen. »Elsinore vergiftet den Copenhagen River.«

Eines war jedenfalls sicher. Irgendwas war faul in Denmark, Tennessee. Was hier so stank, war nicht nur die Papierfabrik.

Zweites Kapitel

Ein Angestellter kam uns in der Auffahrt mit zwei aufgespannten Schirmen entgegen, damit wir nicht im Regen gehen mussten. Für sich hatte er keinen, und ich bemerkte, wie er selbst bei der Aktion triefend nass wurde. Als wir dann drinnen und im Trockenen waren, teilte er uns mit, dass wir das Abendessen verpasst hatten. Ich vermutete, dass unser kleiner Abstecher genau aus diesem Grund zu diesem Zeitpunkt stattgefunden hatte.

Hier im Haus war der Gestank der Fabrik keineswegs geringer, und ich fragte mich langsam, ob ich nicht alle meine Klamotten verbrennen musste, wenn ich am Ende des Sommers nach Hause kam. Ich schnüffelte am Ärmel meines Shirts, gut roch das nicht.

Hamilton führte mich über eine riesige mit Teppich ausgelegte Treppe in das erste Stockwerk des Hauses. Natürlich ist ›Haus‹ hier ein sehr weitgefasster Begriff. Anwesen käme besser hin, vielleicht sogar Schloss. Ich wusste, dass die Familie Prince reich war, doch erst, als es mir direkt ins Auge stach, wurde mir klar, dass sie maßlos, ja unverschämt reich war. Das Haus roch nicht nach Geld, aber auf jeden Fall sah es danach aus.

»Mein Zimmer liegt in dieser Richtung. Meine Mutter und … ihr neuer Mann, also deren Zimmer ist um die Ecke im Westflügel.«

Hamilton warf einen vernichtenden Blick durch den Flur zum Zimmer seiner Mutter.

»Ist hier schon mal wer verloren gegangen?«, fragte ich.

»Jeder, der hier wohnt, ist verloren«, entgegnete Hamilton düster.

Wieder das Melodram. Aber wenn man bedenkt, was wir gerade auf dem Überwachungsmonitor gesehen hatten, war das vielleicht gar nicht so übertrieben. Ja klar, Hamiltons Vater war gerade mal vor zwei Monaten gestorben, und seine Mutter Trudy geht hin und heiratet wieder, noch bevor sie den Kleiderschrank ihres toten Mannes ausräumen konnte. Aber sie hat nicht einfach nur geheiratet, sie hat den Bruder ihres Ehemanns geheiratet. Das war verrückt und alles, aber Hamilton benahm sich, als wäre es mehr als das, als hätte seine Mutter irgendwie die Familie verraten. Und nun, nachdem er seinen Vater in voller Lebensgröße bei Crime Time hatte auftreten sehen, konnte ich verstehen, wenn sich seine Wut in etwas Härteres verwandelte. Etwas Grausameres.

Alles das machte die Situation für mich etwas peinlich. Fairerweise muss gesagt werden, dass mein Sommerbesuch vor dem Tod von Hamiltons Vater geplant worden war und lange bevor Mrs Prince wieder heiraten wollte. Andererseits brauchen viele Dinge länger als die Hochzeit seiner Mutter. Außerdem wäre es irgendwie mies, seinen besten Freund im Stich zu lassen, nur weil sich seine Familie plötzlich als Paradebeispiel für den Begriff gestört herausstellt.

Hamilton Prince und ich kennen uns, seit wir gemeinsam an der Schule angefangen haben. Die meisten Schüler auf dem Wittenberg kommen von nicht so sehr weit her, zum Beispiel aus North Carolina, Georgia, Kentucky und Ohio. Aber es gibt auch jede Menge internationaler Schüler: eine Reihe von Saudis, einige Russen und Ungarn und dieser belgische Junge, den alle nur ›Belgier‹ nannten, weil wir seinen Namen nicht aussprechen konnten. Und dann gibt es noch die Leute wie Hamilton, die von irgendwelchen Hinterposemuckelorten in Tennessee kommen, um den Schulen dort zu entkommen, wo sie immer noch nichts von der Evolution gehört haben.

Hamiltons Kaff ist Denmark, Tennessee, und ich kann nur sagen, es ist ziemlich hart. Schon nachdem ich einmal durchgefahren war, wusste ich, dass es in Denmark als toller Abend gilt, mit voll aufgedrehter Musikanlage rumzukreuzen und sich auf dem Supermarktparkplatz volllaufen zu lassen.

»Komm«, sagte Hamilton. »Ich zeig dir das Heimkino, das Dad noch eingerichtet hat, bevor er …«

Es schnürte ihm sichtlich die Kehle zu und ich unterbrach ihn. »Hör mal Hamilton, irgendwie ist das nicht richtig. Ich gehöre nicht hierher. Zu Hause in Knoxville hab ich sechs Schwestern, die es gar nicht erwarten können, mir wieder das Leben zur Hölle zu machen.«

»Nein, Horatio, ich bin froh, dass du hier bist. Im Moment bis du der einzige normale Mensch in meinem Leben.«

Da hatten wir wieder so einen verrückten kumpeligen Moment, in dem einer von uns seine schwache, verwundbare Seite offenbarte, und keiner von uns so recht wusste, wie er damit umgehen sollte. Also machten wir es wie immer: Wir taten so, als wäre nichts.

»Komm, ich zeig dir den Riesenbildschirm«, sagte Hamilton. »Und du musst auch die Playstation dazu sehen.«

»Geh vor«, meinte ich nur.

Der Begriff Heimkino traf voll und ganz zu. Es war wie ein echtes Kino im Haus. Es gab sechs Reihen mit Kinosesseln, die gepolsterten, hochklappbaren, und der Bildschirm war größer als einige Kinoleinwände, die ich gesehen hatte.

»Wir waren es leid, über eine Stunde bis zum nächsten Kino zu fahren«, erklärte er.

»Ich hasse es, fünfzehn Minuten bis zum nächsten Café zu fahren, und trotzdem wirst du es nicht erleben, dass ich mir eines in meinem Zimmer aufbaue«, witzelte ich.

»Wir haben hier Video, DVD, sogar einen richtigen Filmprojektor. PS3, Xbox, es gibt eine Popcornmaschine da drüben, und hier …« Hamilton machte die Tür zu einem Wandschrank auf, hinter der Schnapsflaschen verborgen waren. »Bitte schön! Hier gibt es sogar alkoholfreies Bier für Mr Oberbrav.«

»Na ja«, meinte ich, »nur weil du die totale Stimmungskanone bist, wenn du genug getrunken hast.«

Hamilton warf mir ein alkoholfreies Bier zu und machte sich selbst einen Whisky auf Eis. Er nahm einen Schluck und schüttelte den Kopf. »Wenn du so ein Leben wie ich hättest, würdest du auch trinken.«

Ich sah mich in Hamiltons Heimkino um und war versucht, ihm zu sagen, dass ich mich nicht groß beschweren würde, wenn ich ein Leben hätte wie er, doch sein Vater hatte uns gerade erzählt, dass er ermordet würde, und so schluckte ich die Bemerkung runter.

»Mach dir mal keine Gedanken«, bemerkte Hamilton. »Wir machen schon noch einen Trinker aus dir.«

Ich ließ den Verschluss von meinem alkoholfreien Bier knallen. »Das haben schon bessere Männer als du versucht.«

Einige Minuten standen wir schweigend da und tranken. Es gab sehr viel zu bereden, und nichts davon hatte mit alkoholfreiem Bier oder Videospielen zu tun, das war uns beiden völlig klar. Ich entschied, dass es an mir wäre, die Dinge anzusprechen.

»Jetzt hole ich wohl besser erst mal mein Zeugs aus dem Wagen«, sagte ich.

»Wahrscheinlich ist das schon längst erledigt«, meinte Hamilton. »Wir müssen nur rausbekommen, wo sie dich untergebracht haben.«

Das Haus war voller großer leerer Zimmer. Ich meine, da gab es schon jede Menge Kram drin – Betten, Stühle, Schreibtische –, aber es war klar, dass niemand drin lebte. Aber wirklich gruselig war, dass jedes von ihnen so eine Art Motto hatte: Zauberer von Oz, mittelalterlich, viktorianisch, Hunde.

»Nachdem mein Vater gestorben ist, hat meine Mutter den Spleen bekommen, alles neu zu gestalten«, erklärte Hamilton. »Jeden Raum anders.« Er schaltete das Licht im nächsten Zimmer an.

»Da ist meine Tasche«, sagte ich. Sie lag auf einem riesigen Himmelbett, das von langen üppigen grünen Samtvorhängen umgeben war. Die übrigen Möbel sahen antik aus. Ein großer Kleiderschrank aus Kirschholz, ein kleiner Rollschreibtisch, lederbezogene Sessel mit hohen Rücklehnen. Rhett Butler und Scarlet O’Hara blickten einander von ihren Bildern an den gegenüberliegenden, dekorativ tapezierten Wänden herausfordernd an.

»Oh, nicht das Vom-Winde-verweht-Zimmer«, stöhnte Hamilton. »Komm, schnapp dir deinen Kram, wir bringen dich woanders unter.«

Ich griff nach meiner Tasche, doch sie war leer.

»Die haben meine Klamotten weggeräumt«, stellte ich fest.

»Gehört alles zum Service«, meinte Hamilton, zog eine Schublade auf und nahm einen Stapel mit meinen T-Shirts heraus.

»Nein, lass mal. Das ist schon in Ordnung. Mit dem Unterhaltungszimmer da vorne auf dem Flur werde ich hier wohl kaum ständig rumhängen.«

»Sie haben dich wahrscheinlich hier untergebracht, weil du so ziemlich nah bei meinem Zimmer bist. Es macht aber keinerlei Mühe …«

»Ganz ehrlich, Hamilton, es ist mir total egal.« Ich ließ mich auf dem großen Federbett in Ohnmacht fallen. In einem solchen Raum konnte man das nur so ausdrücken. »Wenigstens bin ich nicht in dem Zimmer mit den Barbiepuppen gelandet.«

»Wie du willst«, brummte Hamilton. Er setzte sich in einen der großen Ledersessel, ließ seinen Drink im Glas kreisen, und wir steckten plötzlich wieder in dem unbehaglichen Schweigen. Diesmal war es er, der es brach.

»Morgen wird das Testament verlesen.« Hamilton blickte auf die Eiswürfel. »Kommst du mit?«

»Und ich hatte schon Angst, keiner würde mich bitten zur Testamentseröffnung zu kommen, nachdem ich schon meinen besten Anzug rausgesucht hab und alles.«

»Also, was ist, bist du dabei?«

Ich setzte mich auf. »Hamilton, ich gehör nicht dazu. Das ist eine Familienangelegenheit. Ich werde total zufrieden damit sein, den ganzen Vormittag Zombies zu killen und auf deinem großen Bildschirm Tore zu schießen.«

»Komm schon, Horatio, ich brauche da deine Hilfe. Du hast meinen Vater gehört. Jemand hat ihn umgebracht, vielleicht Claude.«

»Vielleicht auch nicht.«

»Wie auch immer. Aber ich brauch dich, um rauszubekommen, wer und warum.«

Ich stand auf und stellte meine Tasche unten in den Kleiderschrank. »Wieso glaubst du, dass meine Einschätzung besser ist als die von irgendjemand sonst?«

»Du bist so ziemlich der schlauste Typ, den ich kenne.«

Toll. Jetzt wurde ich doch noch als Genie hingestellt.

»Aber du hast die Eins in Philosophie«, meinte ich.

»Und du hast überall sonst Einser«, sagte Hamilton. »Bitte, Horatio, hilf mir, das Geheimnis zu ergründen.«

Ich setzte mich in einen Sessel mit Blumenmuster.

»Es ist kein Geheimnis, es ist ein Problem«, sagte ich. »Jemand hat deinen Dad abgemurkst. Das Problem ist, rauszubekommen, wer es war. Ein Geheimnis ist vor allem, warum jemand glaubt, einen anderen töten zu müssen. Ich kann helfen, dein Problem zu lösen, aber in Geheimnissen bin ich nicht gut. Die überlasse ich dir.«

»In Ordnung.« Hamilton stand auf und streckte mir die Hand hin. Zum zweiten Mal an diesem Tag ließ ich mich auf etwas ein, das mich eigentlich gar nichts anging.

Hamilton schlug mir auf die Schulter. »Komm, wir killen ein paar Zombies.« Er ging aus dem Zimmer. Auch auf das Risiko hin, mich ohne ihn zu verirren, blieb ich noch ein paar Sekunden und fragte mich, ob es nicht besser wäre, den ganzen Sommer auf dem Sofa rumzuhängen und Columbo-Wiederholungen zu gucken. Ich seufzte. Ich hatte Hamilton zweimal mein Wort gegeben, und da musste ich jetzt durch, es ging nicht anders.

Mein Blick fiel wieder auf das Bild von Scarlett. Sie erinnerte mich in ihrem herrlich schleppenden Südstaaten-Tonfall daran, dass morgen ein neuer Tag war.

Aber genau vor dem hatte ich Angst.

Drittes Kapitel

Eigentlich hätte ich einen großen Plastikwegweiser mit farbiger Kennzeichnung gebraucht, wie man sie in Einkaufszentren findet, um mich am nächsten Morgen in dem riesigen Haus zurechtzufinden. Doch ich hatte Glück und fand den Aufzug nach unten. Von da an war ich jedoch verloren wie Theseus im Labyrinth, bis ich aus einem Raum weiter vorne im Flur Stimmen hörte. Auf dem zentimeterdicken Teppich waren meine Schritte so leise wie Windgesäusel, und an der Tür spitzte ich die Ohren, um etwas mitzubekommen.

»Ich verstehe nicht ganz«, sagte ein älterer Mann. »Hast du gesagt, Olivia und Hamilton hätten so was wie eine Beziehung?«

»Meine Güte, Dad.« Eine jüngere männliche Stimme, Ende Highschool, vielleicht College. »Du willst mir doch nicht allen Ernstes erzählen, du hättest nichts bemerkt.«

»Das geht dich überhaupt nichts an!«, kam eine gedämpfte, aber wütende Stimme. Es war das Mädchen, wegen dem sich gestern Abend im Auto das Fenster auf meiner Seite beschlagen hatte. Ich lehnte mich neben der Tür gegen die Wand, noch nicht bereit, mich bemerkbar zu machen.

»Es geht uns etwas an, sag ihr das, Dad.«

»Also, sicherlich … Es ist so, dass es möglicherweise zu Kompli… Hattet ihr richtige Dates?«

»Oh, klar. Wenn Larry mal mit einer zusammen war, hast du sie gleich zum Abendessen nach Hause eingeladen und mit ihr zusammen das Geschirr ausgesucht.«

»Jetzt komm bloß nicht mit der Masche ›keiner beachtet mich‹. Du weichst den Fragen aus.«

»Bringen sie dir bei den Juristen bei, so mit den Zeugen des Gegners umzugehen? Bin ich jetzt im Kreuzverhör?«

»Ich bin noch nicht an der Uni. Das kommt noch.« Er seufzte genervt. »Sag’s ihr, Dad. Sag ihr, dass Hamilton nicht gut für sie ist.«

»Oh. Also.« Ihr Vater senkte die Stimme. Immerhin befanden wir uns hier ja in Hamiltons Haus. »Ich denke, der Junge ist schon ganz in Ordnung, aber als der einzige Sohn unseres Arbeitgebers … ich meine, unseres Exarbeitgebers … womit ich meine, als einziger Stiefsohn unseres jetzigen Arbeitgebers …«

»Er benutzt dich, Liv«, unterbrach Larry. »Das ist dir doch klar, oder? Wenn er zurück auf dieser schnöseligen Privatschule ist, meinst du echt, dass er dann noch scharf auf dich ist? Wenn er da ein Dutzend reiche kleine heiße Feger hat, die ihn alle anhimmeln? Du bist gut genug für einen Sommer, aber für einen Prince bist du kein Heiratsmaterial.«

Ich weiß, dass sich Familienmitglieder alle möglichen Gemeinheiten an den Kopf werfen dürfen, die sie einem Außenstehenden niemals durchgehen ließen, aber Larry war eindeutig zu weit gegangen, und um das zu wissen, musste ich mich nicht im selben Raum befinden. Ich stieß ein bühnenreif übertriebenes Husten aus und ging hinein, womit ich den alten Mann fürchterlich erschreckte. Ganz klar, Olivia hatte Tränen in den Augen. Sie wandte sich schnell ab in der Hoffnung, ich würde es nicht bemerken. Larry und ihr Vater hatten es gar nicht mitgekriegt, und ich gab ihr einen Augenblick, um sich zu sammeln, während ich den Blödmann spielte.

»Tut mir leid«, sagte ich zu den Jungs. »Ich suche die Futterkrippe.«

»Die, äh, die was?«, fragte der alte Mann.

Unbestimmt deutete ich mit dem Kopf über die Schulter auf das ganze Haus. »Bei Toys"R"us hab ich mich links gehalten, aber irgendwo in der Nähe vom Möbelhaus hab ich mich verirrt.«

»Wir sind hier mitten in einer Besprechung«, sagte der, der Larry sein musste. Er war rund fünf Zentimeter größer als ich und sah aus, als hätte er sich schon den Anfängerspeck angefuttert, wie viele Jungs im ersten Collegejahr. Ich schätzte ihn auf zwanzig bis einundzwanzig. Wenn man als jüngstes von sieben Kindern aufwächst, kriegt man ein Auge fürs Alter.

»Das hab ich gehört«, sagte ich. »Ich bin Horatio Wilkes, ein Freund von Hamilton vom Wittenberg.«

Wittenberg hatte ich absichtlich erwähnt, nur damit Larry sich Sorgen darüber machte, ob ich wohl gehört hatte, wie er sich das Maul über Hamilton und seine schnöselige Schule zerrissen hatte. Ich dachte auch daran, die kleinen heißen Feger zu erwähnen, doch es machte mehr Spaß, ihn schwitzen zu sehen.

»Horatio?«, sagte der Vater prüfend, als er den Namen hörte, und reichte mir die Hand. Es ist ein seltsamer Name, ich weiß, doch die Mädels scheinen ihn zu mögen.

Ihr Vater wirkte reichlich harmlos, und so nickte ich ihm freundlich zu und drückte ihm fest die Hand. Er war älter, als ich bei jemanden erwartet hätte, der Kinder in der Highschool und auf dem College hat, doch vielleicht ließen ihn die schütter werdenden weißen Haare und die winzige runde Brille, die er trug, so wirken, als sei er reif fürs Altersheim. Andererseits hatte er einen kräftigen Händedruck und war für so einen alten Knacker noch ganz gut beieinander.

»Paul Mendelsohn, Justiziar für Elsinore Paper International und für die Familie Prince. Mein Sohn Lawrence und meine Tochter Olivia.«

»Wir sind uns schon begegnet«, sagte Olivia, jetzt wieder ganz gefasst. Sie trug meine Baseballkappe, ein einfaches Tanktop und diese Jeans, die ihre Hüften so toll betonten.

Es gab ein allseits verlegenes Lächeln. Ich schob die Hände in die Hosentaschen und schaukelte vor und zurück. Larry räusperte sich.

»I

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