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Eine Liebesnacht in Verona

Johanna Theden

Eine Liebesnacht in Verona

1. KAPITEL

Barbara verstellte Ben noch immer den Weg.

„Schreckst du denn vor gar nichts zurück?!“, zischte er. „Ich bin dein Sohn!“ Sie hatte ihm gedroht, Katja zu verraten – die Frau, die er liebte. Wenn er Robert Saalfeld sagen würde, dass Alain Briand gar nicht Valentinas Vater war. „Du bist verrückt! Komplett durchgeknallt! Los, lass mich hier raus!“ Sie packte ihn am Arm.

„Ich bin immer noch deine Mutter“, meinte sie.

„Dann verhalt dich auch so“, erwiderte er voller Verachtung.

„Ben!“ Ihre Stimme wurde eindringlich. „Ich bin auf das Geld aus Valentinas Erbe angewiesen. Unbedingt.“

„Ist das alles, worum es dir geht?“ Er konnte es nicht fassen, dass sie so erbärmlich war. „Du bist dafür bereit, Menschen anzulügen, zu betrügen und zu erpressen? Du bist echt das Letzte.“ Er stieß sie zur Seite und verließ das Büro. Zerknirscht blickte sie ihm hinterher. So hatte das alles auf gar keinen Fall ausgehen sollen.

„Du bist schuld, wenn jetzt alles schiefgeht!“ In ihrer ohnmächtigen Wut schrie sie Götz an, der sie vollkommen überrumpelt anstarrte. „Ben weiß, dass Alain gar nicht Valentinas Vater ist! Dass alles gelogen ist! Er hat gehört, wie du mit Alain darüber geredet hast!“

„Wie das denn?“ Götz konnte sich nicht erklären, wann das gewesen sein sollte. Aber Barbara interessierten solche Details nicht. „Und nun?“

„Ich habe ihm gedroht, Katja auffliegen zu lassen, wenn er seinen Mund nicht hält.“ Und Barbara glaubte auch nicht, dass Ben sie verraten würde. „Dafür will er nie wieder was mit mir zu tun haben.“

„Was hast du erwartet?“, entgegnete Götz. „Er liebt dieses Mädchen.“

„Und außerdem erinnert ihn die ganze Sache an seine eigene Geschichte“, ergänzte Barbara zornig. „Und da versteht er überhaupt keinen Spaß.“ Nun wurde Barbara von ihrem eigenen Sohn gehasst. Bens verächtlichen Blick würde sie nie vergessen können.

„Dann hilft wohl nur eines“, sagte Götz. „Du musst diese ganze Sache mit Valentina abblasen. Ich bin sicher, dann würde Ben dir auch wieder verzeihen.“ Aber Barbara dachte gar nicht daran, auf die zwei Millionen Euro von Valentina zu verzichten. Immerhin standen sie kurz vor dem Ziel. „Was ist, wenn Ben und Katja sich gemeinsam absetzen?“, warnte Götz. „Ein kurzer Anruf von unterwegs, und die Polizei steht vor deiner Tür.“ Barbaras Miene verfinsterte sich noch mehr.

„Wenn ich nur wüsste, wann Alain endlich das Sorgerecht für Valentina bekommt.“ Götz sah keine Möglichkeit, das Hauptverfahren zu beschleunigen. Das Gericht legte nun einmal die Termine fest. Und diese Sache konnte sich noch hinziehen. „Verdammt!“, fluchte sie. Es war klar: Lange würde sie Ben nicht hinhalten können.

„Wenn dir die Sache so wichtig ist, musst du wohl zu drastischeren Methoden greifen …“ Ein leiser Spott lag in Götz’ Worten. „Zieh die beiden bis zur endgültigen Entscheidung aus dem Verkehr. Ich habe neulich eine leer stehende Fabrik entdeckt, gar nicht weit von hier.“

„Bist du verrückt?!“ Barbara funkelte ihn an. „Die beiden zu entführen, ist viel zu gefährlich!“

„Ein Risiko gibt es immer.“ Er zuckte die Schultern.

„Wenn es brenzlig wird … Wenn Ben fliehen will …“ Auf gar keinen Fall würde sie so weit gehen. „Du hast deinen Sohn schon verloren. Ich will nicht, dass auch meinem etwas passiert.“

„Mach, was du willst.“ Als sie Markus erwähnt hatte, war kurz ein schmerzlicher Ausdruck auf Götz’ Gesicht erschienen. „Eine andere Möglichkeit sehe ich jedenfalls nicht.“

Ben klopfte derweil an Alain Briands Tür. Der Franzose war gerade allein mit Valentina und sichtlich überfordert – die Kleine schrie wie am Spieß. Ben trat wortlos ins Zimmer und marschierte direkt Richtung Sofa.

„Was erlauben Sie sich?“, empörte sich Alain. „Wieso platzen Sie hier einfach so rein?“ Ben bückte sich und holte unter dem Sofa Katjas Handy hervor.

„Fragen Sie Frau von Heidenberg“, sagte er kalt. „Die wird Ihnen alles erklären.“ Dann warf Ben der schluchzenden Valentina einen mitfühlenden Blick zu. „Sie sollten sich was schämen!“ Und damit verschwand er.

Lena hatte Eva auf den Kopf zugesagt, dass sie in Robert verliebt war. Und obwohl sich Eva zunächst angegriffen gefühlt hatte, beschloss sie nun, Lena die Wahrheit zu gestehen – schließlich hatte sich in der letzten Zeit ein freundschaftliches Verhältnis zwischen den beiden angebahnt.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich mich nach Markus noch mal so verlieben würde“, fügte sie noch hinzu. „Und das ausgerechnet in einen Mann, dessen große Liebe genauso tragisch gestorben ist. Und der das noch lange nicht überwunden hat.“

„Es wird lange dauern, bis Roberts Herz wieder frei ist für eine andere Frau“, bestätigte Lena seufzend. Eva nickte.

„Jetzt weißt du also Bescheid“, meinte sie dann. „Ja, ich liebe Robert. Aber es ist aussichtslos.“

„Ich suche mir auch immer die Falschen aus“, erwiderte Lena voller Mitgefühl. „Erst heirate ich einen notorischen Schürzenjäger, der sich als Schwein entpuppt. Und dann verknalle ich mich in einen Mann, der nur an seine verstorbene Frau denkt.“ Was man Robert ja nicht einmal vorwerfen konnte – schließlich zeigte sich ja gerade in seiner Trauer um Miriam sein gutes Herz. Weder Eva noch Lena würden in absehbarer Zeit eine Chance bei ihm haben. Immerhin stand also nicht zu befürchten, dass sie sich seinetwegen noch einmal streiten würden …

Eva konnte sich gut daran erinnern, dass sich Markus immer Sorgen um seine Schwester gemacht hatte. Er glaubte, dass Lena ständig das Unglück suchen und geradezu selbstzerstörerisch handeln würde. Wahrscheinlich war sie damals am meisten davon getroffen gewesen, dass ihr Vater die Familie verlassen hatte. In jedem Fall war Eva von ganzem Herzen froh darüber, sich mit Lena ausgesprochen zu haben. Nun musste sie ihr gegenüber wenigstens kein Geheimnis mehr um ihre Liebe zu Robert Saalfeld machen …

Katja reagierte entsetzt, als Ben ihr berichtete, dass seine Mutter ihn allen Ernstes erpresste.

„Ich wusste ja immer, dass sie eine dunkle Seite hat …“ Aber dass Barbara so weit gehen würde – das hatte Ben einfach nicht für möglich gehalten.

„Was willst du jetzt machen?“, fragte Katja.

„Wir müssen sofort weg hier“, stellte er fest. Auf das Geld, das Simon ihnen leihen wollte, würden sie jetzt nicht mehr warten können. Skeptisch verzog Katja das Gesicht. „Ich will nicht, dass meine Mutter dir die Polizei auf den Hals hetzt!“

„Entspann dich.“ Sie nahm ihn tröstend in den Arm. Bis morgen hätten sie sicher noch Zeit. „Wahrscheinlich sogar länger. Deine Mutter hat sicherlich genauso viel Angst vor uns wie wir vor ihr. Sie wird nichts tun. Sonst kann sie Valentinas Millionen nämlich vergessen.“

„Ich glaube es immer noch nicht …“ Ben ließ sich auf einen Sessel sinken und vergrub sein Gesicht in den Händen. „Wie kann man einem kleinen Baby seinen Vater wegnehmen? Das ist doch krank!“

„Erbärmlich, ja“, pflichtete Katja ihm bei.

„Vor allem, wenn man bedenkt, dass wir – also sie und ich – so etwas Ähnliches selbst durchgemacht haben“, fuhr er fort. „Was ist sie nur für ein Monster?“ Robert und Valentina taten ihm so unendlich leid.

„Weißt du, was wir machen? Wir warten noch auf Simons Geld, und dann hauen wir sofort ab.“ Ben nickte. „Und sobald wir in Sicherheit sind und deine Mutter uns nichts mehr anhaben kann, rufst du Robert an und verrätst ihm alles. Damit er sein Baby zurückbekommt.“ Nachdenklich sah Ben seine Freundin an. Doch je länger er überlegte – Katja hatte recht! Das klang nach einem vernünftigen Plan, bei dem niemand zu Schaden kommen würde.

Briand hatte in seiner Verzweiflung Eva angerufen und sie gebeten, Valentina zu nehmen. Sie sollte erst wieder in seinem Zimmer erscheinen, wenn die Kleine sich wieder beruhigt hatte. Eva band sich das Baby im Tragetuch vor die Brust und ging in die Küche. Valentina hatte längst aufgehört zu weinen. Und Robert freute sich sehr über diesen unverhofften Besuch.

„Ist sie heute Abend auch wieder bei dir?“, fragte er. Eva schüttelte den Kopf.

„Heute Abend beabsichtigt Monsieur, sich wieder selbst um sein Kind zu kümmern“, meinte sie sarkastisch. „Vorausgesetzt, Valentina weint nicht wieder.“

„Dann kriegst du mein kleines Geschenk eben schon jetzt“, sagte Robert zu der Kleinen. Auf einem der Beistelltische in der Küche stand eine Tüte, und aus der holte er nun einen süßen Stoffteddybären heraus. „Schau mal, der passt auf dich auf, damit du nicht mehr weinen musst.“ Zärtlich kuschelte er den Teddybären an Valentina heran, die in begeistertes Glucksen ausbrach. Eva beobachtete die Innigkeit zwischen den beiden voller Rührung.

„Morgen früh habe ich sie wieder“, erklärte sie dann. „Wir drei könnten zusammen was unternehmen.“

„Oh ja, das wäre schön.“ Ein Strahlen ging über Roberts Gesicht.

Alain telefonierte unterdessen mit Barbara. Der Franzose war nach Bens Auftritt in seinem Zimmer vollkommen aufgelöst.

„Ben wird nichts verraten“, versuchte Barbara, ihn zu beruhigen. „Er ist schließlich mein Sohn.“

„Ich hatte nicht den Eindruck, dass ihm das noch was bedeutet“, sagte Briand aufgebracht.

„Schluss jetzt!“ Man konnte hören, dass Barbara langsam wütend wurde. „Hör auf zu jammern! Ich habe alles im Griff, auch Ben!“ Dann legte sie auf. Er raufte sich die Haare, und da klopfte es schon wieder an seiner Tür. Eva brachte Valentina zurück. Und sie machte keinen Hehl daraus, dass der neue Teddybär ein Geschenk von Robert Saalfeld war. Alain verzog kurz ärgerlich das Gesicht, beschloss dann aber, freundlich zu bleiben.

„Ist doch nett, wenn Valentina viele Stofftiere hat“, meinte er nur. Eva hob irritiert die Augenbrauen. „Eigentlich hatte ich mich ja unheimlich darauf gefreut, endlich wieder einen Abend mit ihr zu verbringen“, fuhr er fort. „Aber ich muss heute leider unbedingt nach München. Geschäftlich. Könnten Sie meinen kleinen Engel ausnahmsweise noch mal zu sich nehmen?“

„Selbstverständlich.“ Die Verachtung in Evas Stimme war nicht zu überhören.

„Ich würde nicht wegfahren, wenn es nicht äußerst wichtig wäre“, behauptete er.

„Natürlich.“ Sie glaubte ihm kein Wort. Kaum war Briand im Bad verschwunden, um sich umzuziehen, zückte sie ihr Handy und wählte Roberts Nummer. Sie erreichte nur seine Mailbox. Aber sie hinterließ ihm die Nachricht, dass er den heutigen Abend nun doch mit Valentina verbringen konnte.

André war noch immer Feuer und Flamme von der Idee, im Fürstenhof eine zweite Küche einzurichten. Und am besten gleich ein zweites Restaurant dazu. Insgeheim wünschte er sich nämlich nichts sehnlicher, als wieder alleiniger Chef in seinem Reich zu sein und sich nicht dauernd mit seinem Neffen und dessen genialer Begabung auseinandersetzen zu müssen. Dass sowohl Charlotte als auch Werner seine Pläne rundheraus ablehnten, störte ihn nicht. Er verlangte sogar schon jetzt von Hildegard, sich zu entscheiden, in welcher Küche sie in Zukunft arbeiten wolle. Schließlich wusste der Senior sich nicht anders zu helfen und präsentierte seinem Bruder einen Kostenvoranschlag. Da erst begriff André, wie teuer eine zweite Küche und ein zweites Restaurant tatsächlich werden würden. Werner verlangte von ihm, allein einen Kredit für die Umbaumaßnahmen aufzunehmen – schließlich könnte André nicht erwarten, dass sich die anderen Eigentümer des Fürstenhofs aufgrund seiner persönlichen Pläne verschulden würden. Und so war die Idee schneller wieder vom Tisch, als sie entstanden war.

Lena hatte vor, heute Abend ihren Einstand im Fürstenhof zu feiern und ihren Kollegen ein kleines Buffet und ein paar Getränke auszugeben. Als sie im Dorf die nötigen Besorgungen machte, traf sie auf Jacob Krendlinger. Und Evas Bruder konnte nun mal nicht anders – er musste mit jeder attraktiven Frau flirten. Lena lachte über seine charmanten Bemerkungen. Und lud Jacob dann spontan zu ihrem Einstand ein.

Katja und Ben packten schon mal ihre Sachen zusammen. Katja verfuhr dabei sehr routiniert, Ben hingegen war langsam und sah ausgesprochen traurig aus. Er hätte sich so gern von seinen Freunden verabschiedet. Von Tanja, Nils, den Sonnbichlers … Aber wenn seine Mutter mitbekam, dass Katja und er abreisen wollten, würde sie ihnen sofort die Polizei auf den Hals hetzen. Deshalb mussten sie ihren Plan geheim halten.

„Es tut mir so leid.“ Katja brach es beinahe das Herz, ihren Freund so unglücklich zu sehen. Bevor er etwas entgegnen konnte, klopfte es an der Tür zur Dachkammer. Schnell schnappte Katja sich das Gepäck und verschwand im Nebenzimmer.

Barbara stand vor der Tür.

„Was willst du denn hier?!“, fragte er ablehnend.

„Mit dir reden“, antwortete sie sanft.

„Ich bin fertig mit dir.“ Sie gab sich betroffen.

„Ich kann ja verstehen, dass du böse auf mich bist … Es war ein Fehler, dir damit zu drohen, Katja auffliegen zu lassen. Aber ich konnte nicht anders. Ich werde selbst erpresst.“ Ben fiel aus allen Wolken, als er das hörte. Sie wurde erpresst? „Lass mich rein, und ich erkläre dir alles. Bitte gib mir wenigstens noch diese eine Chance.“ In diesem Moment kam Katja aus dem Nebenzimmer.

„Wir sollten uns anhören, was sie zu sagen hat“, fand sie. Und so ließ der völlig verwirrte Ben seine Mutter eintreten.

Barbara hatte sich die ganze Geschichte sorgfältig zurechtgelegt: Sie behauptete, von Götz erpresst zu werden. Er sei es, der hinter Valentinas Erbe her wäre und sie gezwungen hätte, mit Alain Briand gemeinsame Sache zu machen.

„Er hat mich in der Hand“, erklärte sie seufzend. „Als mein Anwalt weiß er alles über mich.“ Sie brach in Schluchzen aus. „Vielleicht hätte ich ihm nicht so viel über mich erzählen sollen. Er hat Beweise gegen mich in der Hand, mit denen er sofort die Wiederaufnahme meines Verfahrens erreichen könnte. Aber ich will nicht wieder ins Gefängnis! Nur deshalb habe ich bei dieser schlimmen Sache mitgemacht.“ Ben und Katja tauschten einen Blick – sie wussten beide nicht, ob sie Barbara glauben konnten. „Ich gebe zu, ich mag Robert nicht besonders“, fuhr sie fort. „Aber ich würde doch nie auf die Idee kommen, ihm sein Baby wegzunehmen. Ich weiß doch selbst genau, wie schlimm es ist, wenn man sein eigenes Kind nicht sehen kann!“

„Aber trotzdem machst du bei diesem Plan mit!“, hielt Ben ihr vor.

„Weil Götz mich dazu zwingt!“ Sie ließ die Tränen über ihr Gesicht laufen. Alles hing davon ab, dass sie ihren Sohn und dessen Freundin überzeugte. „Deshalb habe ich auch so überreagiert und dich wegen Katja unter Druck gesetzt. Das war ein Fehler. Das hätte ich nie tun dürfen. Es tut mir leid. Aber ich hatte Angst. Bitte, glaubt mir.“

„Meinst du, meine Mutter sagt die Wahrheit?“ Katja war sich alles andere als sicher. Aber eigentlich erschien ihr die Geschichte, die Barbara erzählt hatte, fast zu verrückt, als dass man sie sich hätte ausdenken können. Und Götz Zastrow war eine so miese Aktion durchaus zuzutrauen.

Der fand Barbaras neusten Schachzug allerdings alles andere als witzig.

„Wie kommst du dazu, mir die Schuld in die Schuhe zu schieben?“, empörte er sich.

„Was hätte ich denn machen sollen?“, fragte sie gereizt. „Irgendwie musste ich Ben ruhigstellen.“

„Aber das ist absurd!“ Schließlich war Götz immer gegen ihren Plan gewesen.

„Ben hält erst mal den Mund“, sagte sie entschieden. „Das ist das Wichtigste.“

„Und ich bin der schwarze Mann im Hintergrund?! Verdammt, wieso hast du mir nicht vorher gesagt, was du planst?!“ Götz hatte von ihren Alleingängen die Nase wirklich gestrichen voll.

2. KAPITEL

Lenas Einstand war in vollem Gange. Jacob suchte ihre Nähe, aber er spürte, dass ihr Blick immer wieder abschweifte und Robert Saalfeld suchte. Aber der war offensichtlich mit seinen Gedanken ganz woanders.

„Bist du noch bei uns?“, sprach sie ihn schließlich an. Er entschuldigte sich für seine Unaufmerksamkeit, und sie fragte ihn, woran er gerade gedacht hatte.

„An meine Frau …“, gestand er zögernd. Lena schluckte, gab sich dann aber verständnisvoll. „Ist das dein neuer Freund?“ Robert zeigte auf Jacob. Sie verneinte überrascht.

„Evas Bruder ist sehr süß“, stellte sie fest. „Aber viel zu nett für mich. Ich stehe auf Männer, die eigentlich nicht gut für mich sind.“ Frech sah sie ihm in die Augen. Aber er hielt sich nur an seinem Glas fest und reagierte nicht auf diese Aufforderung zum Flirten.

Kurz darauf brachen die Gäste auf, und Lena zog sich etwas beschwipst in die Wohnung zurück. Ihr Vater reagierte gereizt, als er merkte, dass sie angetrunken war. Er hatte gerade den Kopf mit anderen Sachen voll.

„Ich bin keine sechzehn mehr!“, fauchte Lena, als er sie zu maßregeln versuchte.

„Du benimmst dich aber so“, entgegnete er.

„Wie willst du das denn beurteilen?“, schoss sie zurück. „Du warst ja schließlich gar nicht da, als ich so alt war.“ Verärgert wandte er sich ab. „Das willst du nicht hören, was?“, provozierte sie ihn weiter. „Und übrigens – ich war heute auf dem Friedhof, an Mutters Grab. Ist sie dir noch nicht mal einen Grabstein wert?“

„Ich dachte, du kaufst ihr einen“, spottete er böse. „Von deinem ersten Gehalt. Das Geld kommt ja sowieso von mir.“ Sie warf ihm einen finsteren Blick zu.

„Du bist so was von kalt“, hielt sie ihm vor und machte sich daran, die Wohnung zu verlassen. Er versuchte, sie zurückzuhalten. Vergeblich.

Eva wunderte sich derweil darüber, dass sie noch keine Nachricht von Robert erhalten hatte. Hildegard hatte ihr erzählt, dass er vorhin bei Lenas Einstand gewesen war. War ihm das etwa wichtiger gewesen, als mit seiner Tochter zusammen zu sein? Oder hatte er einfach seine Mailbox nicht abgehört?

Robert saß allein und traurig im Wohnzimmer und hing seinen Gedanken nach. Da klopfte es an der Wohnungstür. Es war Lena.

„Tut mir leid, ich bin ein bisschen beschwipst“, begann sie. „Aber weißt du was? Es ist mir völlig egal, ob du schlecht für mich bist oder nicht.“ Damit warf sie sich dem überrumpelten Robert an die Brust und küsste ihn.

Beim Frühstück am anderen Morgen erzählte Jacob seiner Schwester, dass Lena zwar versucht hatte, bei ihrem Einstand mit Robert zu flirten, dass der aber nicht darauf eingegangen war. Natürlich beruhigte Eva das sehr. Aber Jacob forderte sie nun schon zum wiederholten Male auf, Robert endlich zu sagen, was sie für ihn empfand. So konnte das alles doch nicht mehr weitergehen! Und insgeheim gab sie ihrem Bruder ja recht: Wie sollte Robert ahnen, was für Gefühle sie für ihn hatte, wenn sie ihm nie die Wahrheit gestand? Auch wenn er mit seinem Herzen noch immer bei Miriam war – es musste endlich raus. Und wer wusste schon, was dann passierte? Vielleicht sah Robert sie ja plötzlich mit anderen Augen. Vielleicht hatte sie irgendwann doch eine Chance bei ihm …

Im Saalfeld’schen Wohnzimmer traf Eva nur auf Charlotte, die sich mit ihr an den Tisch setzte und einen Kaffee mit ihr trank. Sie unterhielten sich über Valentina – es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis die Kleine die Nächte durchschlief – und Charlotte war sichtlich glücklich, ihrer Enkelin nahe zu sein. Dann aber musste sie sich umziehen, weil sie noch einen Termin hatte. Herzlich verabschiedete sie sich von Eva, die sich nun Valentina zuwandte.

„Dein Papa ist vielleicht eine Schlafmütze“, sagte sie zu dem Kind. „Hoffen wir mal, dass wir Glück haben und ihn noch erwischen.“ Da ging plötzlich die Tür auf, und Robert stand im Zimmer. Und hinter ihm erschien Lena. Mit zerzausten Haaren. Sie trug über ihrer Unterwäsche nur ein Oberhemd von Robert. Eva blieb beinahe das Herz stehen. Sie brachte kaum ein „Guten Morgen“ heraus. Auch Robert und Lena war die Situation sichtlich unangenehm.

„Ich zieh mir mal was an“, meinte Lena und verschwand schnell wieder in Roberts Zimmer.

„Ich geh dann auch wieder“, sagte Eva beklommen.

„Bleib doch!“, bat Robert.

„Quatsch!“ Ihre Erwiderung kam etwas zu heftig. „Was ich dich noch fragen wollte – hast du deine Mailbox abgehört?“ Er schüttelte den Kopf. „Herr Briand war heute Nacht doch in München, und du hättest Valentina sehen können. Egal.“

„Nein, nicht egal … Wenn ich das gewusst hätte …“ Er stockte. „Dann wäre ich heute Nacht bei meiner Tochter gewesen.“ Das schlechte Gewissen stand ihm ins Gesicht geschrieben. Hastig beugte er sich über Valentina und sprach liebevoll mit ihr. Eva erklärte schließlich, dass sie jetzt mit dem Kinderwagen eine Runde durch den Park drehen wollte. „Da komme ich mit!“, rief er.

„Du hast Besuch“, sagte sie kühl.

„Gib mir zehn Minuten!“ Er würde sie im Park treffen. Eva verließ die Wohnung so schnell sie konnte.

„Stell dir vor, Robert hatte heute Nacht Damenbesuch!“ Charlotte war schon auf dem Weg zum Parkplatz, aber diese Neuigkeit musste sie ihrem Exmann noch mitteilen. „Ich bin ihr eben vor dem Bad begegnet.“

„Kenne ich sie?“, fragte Werner erstaunt. Charlotte bejahte. „Frau Krendlinger?“

„Wie kommst du denn darauf?“, wunderte sich seine Exfrau.

„Sie ist hübsch, und sie liebt Valentina.“

„Das ist doch kein Grund“, fand Charlotte. „Nein: Lena Zastrow.“ Genervt schloss Werner die Augen.

„Ausgerechnet!“, stöhnte er dann. „Nimmt das denn nie ein Ende mit dieser Sippschaft?!“

„Es muss ja nichts Ernstes sein“, versuchte sie, ihn zu beschwichtigen. „Und wenn es Robert guttut …“

„Hör doch auf!“, schnaubte der Senior. „Sie ist Zastrows Tochter! Hinter der adretten Fassade verbirgt sich der Charakter ihrer Eltern! Das sagt mir mein Instinkt.“

Das durfte doch einfach nicht wahr sein! Eva hatte sich auf eine Bank im Park gesetzt und kämpfte mit den Tränen. Und sie hatte Robert gerade sagen wollen, dass sie in ihn verliebt war! Der Schmerz zerriss ihr das Herz, aber da kam er schon auf sie zu. Mit aller Macht nahm sie sich zusammen.

„Es ging nicht schneller“, entschuldigte er sich und ließ sich neben Eva nieder. Valentina lag im Kinderwagen und schlief. Die beiden schwiegen eine Weile, dann sagte er: „Es ist einfach so passiert.“

„Du musst mir nichts erklären“, wehrte Eva ab.

„Will ich aber“, erwiderte er. „Schließlich sind wir befreundet.“ Sie zuckte die Schultern. „Lena stand gestern Abend plötzlich vor meiner Tür. Nichts Ernstes. Nur Spaß.“

„Sieht sie das auch so?“, fragte Eva.

„Glaube ich schon.“ Robert gab sich betont locker. „Sie hat eine Menge hinter sich, genau wie ich. Sie sucht nichts Festes.“ Da wusste Eva natürlich etwas anderes, aber das behielt sie für sich.

Lena erschien vollkommen aufgekratzt in der Wohnung ihres Vaters. Götz hatte gerade noch in einer Mappe geblättert, die Erinnerungen an seinen verstorbenen Sohn Markus enthielt – nun ließ er diese Mappe schnell in seinem Aktenkoffer verschwinden.

„Ist irgendwas passiert?“, fragte er. „Du bist so gut gelaunt.“ Dabei hatten sie sich gestern doch noch gestritten. Lena zuckte die Schultern. Da machte er ihr spontan einen Vorschlag: „Was hältst du davon, wenn ich einen Grabstein für Cosima in Auftrag gebe und wir auch Markus’ Namen eingravieren lassen?“

„Markus?“, wiederholte sie perplex. „Aber …“

„Ich weiß, er liegt nicht in Cosimas Grab. Aber das ist doch traurig. Nur weil seine Leiche nie gefunden wurde, gibt es keinen Ort, an dem wir uns an ihn erinnern können.“ Lena schwieg überfordert und verwirrt. „Ich muss viel an ihn denken“, fuhr Götz fort. „Und ich dachte, das wäre schön und angemessen. Damit er nicht in Vergessenheit gerät, dein Bruder.“

Heute hatte Simon endlich das Geld von der Bank abholen können. Vierhunderttausend Euro bekam sein Vater, damit er sich in den Fürstenhof einkaufen konnte. Und fünfzigtausend Euro lieh Simon Katja und Ben als Starthilfe für ihr neues Leben.

„Du bist unglaublich!“ Maike war sichtlich beeindruckt von der Großzügigkeit ihres Mannes. „Aber hätten wir nicht doch ein bisschen von dem Geld behalten sollen? Für Frankreich?“

„Wieso?“, erwiderte er. „Du hast dort einen guten Job. Und ich finde bestimmt auch was. Vielleicht wieder als Sommelier, mal schauen.“ Und was die vierhunderttausend Euro für André anging: Ohne seinen Vater hätte Simon das ganze Geld ja gar nicht gewonnen. Schließlich hatte André ihm das Lotterielos geschenkt. „Und irgendwann wird er mir das Geld zurückzahlen. Vorher soll er sich aber ruhig seinen großen Traum erfüllen. Und Katja und Ben … Die beiden brauchen das Geld nun wirklich mehr als wir.“ Er nahm Maike an beiden Händen. „Geld macht nicht glücklich, das habe ich in den letzten Wochen kapiert. Alles, was ich brauche, bist du.“ Sie strahlte und schmiegte sich dann zärtlich an ihn. Er hatte ja recht: Sie hatten endlich zueinandergefunden und würden in Paris ein neues Leben beginnen. Da war es wichtiger, Französischvokabeln zu pauken, als sich um Simons Geldgewinn Gedanken zu machen …

Ben hatte die ganze Nacht wach gelegen und über seine Mutter nachgedacht. Natürlich wollte er Barbara glauben. Und nun hatte er sich auch dazu entschlossen. Was aber bedeutete, dass er nicht mehr so ohne Weiteres mit Katja abhauen konnte.

„Ich würde Barbara vorher gerne helfen, diesen Zastrow loszuwerden“, gab er zu. Für Katja war es kein großes Problem, noch etwas länger in der Dachkammer zu bleiben. Zumal sie in den letzten Tagen immer mal wieder heftige Seitenstiche verspürt hatte, die sie an die Schmerzen der Blinddarmreizung erinnerten, unter der sie in Griechenland gelitten hatte. Sie versuchte zwar, sich vor Ben ihre Beschwerden nicht anmerken zu lassen, aber ein paarmal hatte er doch mitbekommen, wie sie sich kurz vor Schmerzen krümmte.

„Lass uns schauen, was wir für deine Mutter tun können“, meinte sie nun.

„Ich glaube, ich weiß sogar schon, was“, sagte er langsam.

Er hatte seine Mutter ins Restaurant gebeten, um ihr einen Vorschlag zu machen. Barbara war sichtlich nervös.

„Ich weiß, es klingt verrückt“, begann er. „Aber was hältst du davon, mit uns zu kommen?“

„Mit euch?“ Sie glaubte, sich verhört zu haben.

„Du verschwindest einfach, tauchst unter. So wie wir.“ Barbara war sprachlos. Und gerührt. Dass Ben ihr diesen Vorschlag machte, bedeutete schließlich, dass er ihr glaubte. Und dass er ihr helfen wollte.

„Das ist ganz schrecklich lieb“, sagte sie leise. „Aber es geht nicht. Götz würde mich überall finden. Und wenn es das Letzte ist, was er tut. Er hat Geld und alle Möglichkeiten. Damit würde ich euch nur in Gefahr bringen.“

„Ich lasse dich aber nicht bei dem zurück“, beharrte Ben.

„Meine Probleme habe ich mir selbst eingebrockt, und ich werde euch nicht in Mitleidenschaft ziehen.“ Sie gefiel sich außerordentlich in dieser tapferen Pose. „Außerdem will ich nicht weglaufen.“

„Denk wenigstens darüber nach“, bat Ben.

„Du bist ein guter Mensch“, stellte sie nun fest. „Und dass du diesen Vorschlag überhaupt gemacht hast, nach allem, was du schon mit mir erleben musstest … So oft, wie ich dich verletzt habe … Das bedeutet mir sehr viel.“ Sie drückte seine Hand. Und er akzeptierte ihre Absage schweren Herzens.

Nichtsdestotrotz ging er wütend auf Götz Zastrow los, als der ihn kurz darauf aufforderte, seinen Wagen ins Parkhaus zu fahren.

„Für Sie sind Menschen wohl nur Marionetten!“, schimpfte Ben böse. Götz seufzte.

„Was genau hat Ihnen Ihre Mutter erzählt?“, fragte er dann.

„Alles“, zischte Ben. „Dass Sie hinter den miesen Machenschaften um das Baby stecken, dass Sie meine Mutter erpressen und dass sie Angst vor Ihnen hat. Versuchen Sie gar nicht erst, es zu leugnen.“ Götz ging das alles höllisch auf die Nerven, aber er spielte dennoch mit.

„Fein, dann wissen Sie es jetzt!“, erklärte er scharf. „Ein Fingerschnipp, und sie sitzt wieder hinter Gittern. Lebenslänglich!“

„Wie er mich angegiftet hat! Als wäre ich ein Serienkiller!“ Götz beschwerte sich prompt bei Barbara über den Zusammenstoß mit ihrem Sohn.

„Ist doch süß“, erwiderte sie. „Ben macht sich Sorgen um mich.“

„Wahnsinnig süß“, bemerkte Götz voller Ironie. „Was mich am meisten nervt, ist, dass ich laufend deine Schmierenkomödien mitspielen muss.“

„Und warum?“, hielt sie dagegen. „Weil du und Alain euch habt belauschen lassen! Nur deswegen musste ich schon wieder etwas aus dem Hut zaubern.“

Ben hatte Götz’ Wagen widerwillig ins Parkhaus gefahren. Und dann hatte er auf dem Rücksitz den Aktenkoffer des Anwalts entdeckt und mitgehen lassen. Katja erklärte sich sofort dazu bereit, das Schloss zu knacken – vielleicht fand sich in dem Koffer ja etwas, womit man Zastrow unter Druck setzen konnte. Aber zunächst einmal sahen sie nur einen Haufen Akten. Und, so langweilig es auch war, sie würden die alle durchlesen.

Robert platzte in den Personalraum, als Lena sich gerade für ihre Schicht umzog. Erschrocken hielt sie sich ihre Bluse vor die Brust.

„Entschuldige!“, sagte er.

„Wir kennen uns ja bereits“, erwiderte sie grinsend und zog sich nun weiter um.

„Wie geht es dir?“, fragte Robert unsicher.

„Meine Welt ist in Ordnung“, stellte sie fest. „Und deine?“

„Ich hoffe, du bist nicht verärgert, weil ich es vorhin so eilig hatte“, meinte er. „Normalerweise bin ich charmanter.“

„Valentina geht vor, das ist vollkommen okay.“ Es fiel ihr nicht ganz leicht, so großzügig zu sein, aber sie gab sich alle Mühe. „Hast du Lust auszugehen?“, fragte sie dann. „In Tölz gibt es heute ein interessantes Konzert.“

„Heute?“

Sie spürte, dass sie ihn damit überforderte, also ruderte sie zurück.

„Vergiss es. Pass auf, vielleicht sollten wir einfach klären, was diese Nacht bedeutet hat.“ Er nickte, und sie entschied sich dafür, sich cool zu geben. „Ich habe jedenfalls nicht vor, dich zu heiraten.“ Dass er erleichtert wirkte, kränkte sie insgeheim.

„Nichtsdestotrotz: Es war schön“, erklärte er nun. „Wir sind Freunde. Wir können etwas trinken gehen, reden …“
 „Spaß haben“, ergänzte sie. „Oder auch mehr Spaß haben. Ohne Verpflichtung, einfach so.“

„Klingt gut“, fand er. Und wegen des Konzerts heute Abend würde er sie noch anrufen.

Danach ging er in den Park, um mit Nils eine Trainingsstunde im Stockkampf zu absolvieren. Und er beichtete dem Fitnesstrainer, dass er die letzte Nacht mit Lena Zastrow verbracht hatte.

„Es war toll, sie ist süß, schön …“ Robert seufzte. „Es hat alles gepasst. Aber das Herz fehlt.“

„Du bist einfach nur aus der Übung“, vermutete Nils. „Es muss doch nicht immer Liebe sein. Ein gepflegtes Abenteuer hat auch seine Qualitäten. Genieß es!“

Abends machten sich seine Eltern für eine Charity-Gala in München zurecht. Robert war überrascht, dass die beiden zusammen ausgingen.

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