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Eine Liebe fürs Leben

1. KAPITEL

Sein Leben war einfach perfekt!

Natürlich wusste Riccardo di Napoli, dass dieses Gefühl nicht von Dauer sein konnte. Er war gerade mal sechsundzwanzig Jahre alt, und ganz bestimmt würde die Zukunft einige Rückschläge und Enttäuschungen mit sich bringen. Trotzdem hätte er im Moment mit keinem Menschen auf der Welt tauschen mögen.

Das Schicksal hatte es wirklich gut mit ihm gemeint. Er war das einzige Kind einer Familie, deren Name in ganz Italien für Reichtum und Ansehen stand. Seine Eltern hatten ihn nach Strich und Faden verwöhnt, und natürlich war von Beginn an klar, dass er einmal das Firmenimperium erben würde – eine Bürde, die er mit Leichtigkeit schulterte. Schließlich verfügte er über einen messerscharfen Verstand und über die bedingungslose Unterstützung seines Vaters, denn Riccardo beharrte darauf, sich sein Geburtsrecht erst zu verdienen.

So hatte er die vergangenen acht Jahre an den besten Universitäten der Welt verbracht – zunächst in Oxford, dann in Harvard, um schließlich nach London zu gehen und dort seine erste praktische Berufserfahrung zu sammeln.

Nun befand er sich hier und gönnte sich eine kurze Pause, ehe er seinen maßgeschneiderten Karriereweg einschlug. Die Wochen in den Hügeln der Toskana, wo er sich mit einem bislang unbekannten Teil des Familienunternehmens vertraut machte, erwiesen sich als genauso lehrreich wie angenehm.

Er hatte schon immer gerne Wein getrunken, aber mit dessen Produktion hatte er sich noch nie auseinandergesetzt. Natürlich lag sein eigentliches Aufgabengebiet im Management, weshalb er niemals damit gerechnet hätte, dass diese kurze Auszeit sich als derart ergiebig herausstellen würde.

Sein Blick wanderte zu der Frau herüber, die neben ihm lag. Es war zu dunkel, um ihre Gesichtszüge klar erkennen zu können, doch das war auch gar nicht nötig. Die vergangenen sieben Wochen hatte er beinahe ausschließlich in ihrer Gesellschaft verbracht, und sowohl ihr Gesicht als auch ihr hinreißender Körper waren ihm in allen Einzelheiten vertraut.

Oh ja, das Leben meinte es wirklich gut mit ihm!

Beinahe wie aufs Stichwort drehte sich Charlie auf die Seite und stütze sich auf einem Ellbogen auf. „Ich wünschte, du würdest morgen nicht fahren“, seufzte sie mindestens zum hundertsten Mal. „Ich weiß, dass das so klingt, als würde ich klammern. Aber ohne dich werde ich mir hier furchtbar einsam vorkommen.“

Riccardo griff nach ihrer Hand und hauchte einen Kuss auf das zarte Gelenk, was sie sofort zu erregen schien. Das war jedes Mal so. Immer wenn er sie berührte. Sie hatten sich gerade erst geliebt. Genau hier. Inmitten der sternklaren Nacht und nur auf einer dünnen Decke, die sie von dem feuchten Gras trennte. Er spürte, wie ihre rosigen Brustspitzen hart wurden und sich all ihre Muskeln anspannten.

„Du bist unersättlich“, raunte er heiser. Aufreizend langsam ließ er seine Hand von ihrer schmalen Taille hinauf zu einer wohlgerundeten Brust gleiten. Sanft strich er mit dem Daumen über die steife Knospe.

Charlie stöhnte und vergrub ihre Finger in seinem Haar.

„Nein“, keuchte sie, denn sie wollte nicht, dass ihre Unterhaltung endete. Sie sehnte sich verzweifelt danach, herauszufinden, ob er sie genauso vermissen würde wie sie ihn.

Doch Riccardo ignorierte ihren Protest. Genau genommen war ihm nicht mal richtig bewusst, dass sie gesprochen hatte. Das Blut, das schneller und schneller durch seine Adern rauschte, übertönte jedes Geräusch, sodass er sich einzig und allein auf ihren Körper konzentrierte. Der süße Geschmack ihrer Lippen, die seidige Glätte ihrer Haut, die langen schlanken Beine, die ihn willig umfingen … Sein Körper strebte Höhen entgegen, die er so nicht kannte.

„Riccardo … hör auf …“, flehte sie, nur um ihn in der nächsten Sekunde noch enger an sich zu ziehen. Dabei warf sie den Kopf zurück, schloss die Augen und gab sich ganz dem alles verzehrenden Verlangen hin, das sie in Riccardos Nähe von Anfang an beherrscht hatte. Bald fand sie zu einem schnellen, ekstatischen Rhythmus, der in einem überwältigenden Höhepunkt endete.

Erschöpft schmiegte sie sich an seine Brust und genoss das sanfte Streicheln seiner Hände.

„Habe ich dir schon gesagt, dass du wunderschöne Brüste hast?“, fragte Riccardo leise, woraufhin Charlie glücklich lächelte.

„Ich denke schon, aber das soll dich um Gottes willen nicht davon abhalten, es mir noch mal zu sagen!“ Sie grinste frech und kitzelte ihn am Kinn. Sie liebte das raue Gefühl seiner Bartstoppeln an ihrer glatten Haut.

Die Jungs an der Universität schienen alle noch keinen Bartwuchs zu haben. Allerdings waren sie auch erst achtzehn – genauso alt wie sie selbst. Nicht, dass Riccardo das gewusst hätte. Rasch schob sie diesen Gedanken zur Seite und konzentrierte sich auf die vor ihr liegende Aufgabe – nämlich herauszufinden, was er für sie empfand. Und damit meinte sie nicht die sexuelle Lust.

Charlie verschränkte die Hände unter dem Kinn und schaute ihn aufmerksam an.

„Wirst du mich vermissen?“, fragte sie.

Jetzt, während die Leidenschaft noch immer in ihnen nachklang, fiel es Riccardo leicht, sich einzugestehen, dass er sie tatsächlich vermissen würde.

„Drei Tage, das ist ja wirklich eine halbe Ewigkeit“, neckte er und strich ihr sanft das Haar aus der Stirn.

„Ich weiß, dass es keine halbe Ewigkeit ist, aber es ist dennoch eine lange Zeit. Ich meine, die vergangenen Wochen haben wir praktisch jede freie Minute miteinander verbracht. Es wird einfach ein bisschen … merkwürdig sein, im Weinberg zu arbeiten und dich nicht zu sehen.“

In meinem Weinberg, dachte Riccardo stolz. Doch davon wusste Charlie ja zum Glück nichts. Sie glaubte, dass er ein Abenteurer war, der sich während der Sommermonate das nötige Geld für seine Reisen verdiente.

Dieser Gedanke amüsierte ihn. Und er hatte keinesfalls vor, ihr die Wahrheit zu sagen. Berechnende Frauen, die nur hinter seinem Geld her waren, gab es bereits mehr als genug. Umso mehr genoss er die Abwechslung, mit einer Frau zusammen zu sein, die ihn für einen armen Schlucker hielt.

Als Charlie zur Seite rückte und sich neben ihn auf die Decke legte, verschränkte er die Arme unter dem Kopf und genoss den Anblick ihres nackten Körpers. Die Sonne hatte ihrer Haut einen goldenen Braunton verliehen, der wunderbar zu ihrem honigblonden Haar und den großen blauen Augen passte. Nicht zum ersten Mal dachte er, dass sie viel jünger als ihre vierundzwanzig Jahre aussah. Aber das lag vielleicht auch nur daran, dass sie kein Make-up trug.

„Weißt du“, begann Charlie vorsichtig, „ich bin nicht mehr allzu lange hier. Bald muss ich zurück nach England.“

„Ja, und das wird sehr aufregend für dich werden. Einen neuen Job anzufangen, neue Leute kennenzulernen …“

„Ähm, ja“, entgegnete sie vage und dachte dabei an das Studium, das vor ihr lag. Vor zwei Monaten hatte sie es nicht abwarten können, endlich ans College zu kommen. Jetzt, nach diesem endlos langen Sommer in der Sonne, fürchtete sie sich beinahe davor. „Und du wirst dann auch wieder unterwegs sein … Ist dir eigentlich klar, dass du mir nie verraten hast, wo deine nächste Station sein wird?“ Dabei hatte sie ihm praktisch alles über sich erzählt. Wie ihr Vater gestorben war, als sie gerade mal sechs war, und wie ihre Mutter sich abgerackert hatte, damit es ihren beiden Töchtern an nichts fehlte. Oder dass ihre Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, woraufhin Charlie sich zunächst in kein Auto mehr gesetzt hatte. Und dass ihre Schwester in Australien lebte, glücklich verheiratet war und ein kleines Baby hatte, das Charlie nur von Fotos auf ihrem Computer her kannte.

Also gut, sie hatte ihm eine Notlüge über ihr Alter aufgetischt, denn ihr Instinkt hatte sie gewarnt, dass er sich ihr wahrscheinlich nicht nähern würde, wenn er wüsste, dass sie noch ein Teenager war. Diese harmlose Flunkerei hielt Charlie jedoch für verzeihlich.

Im Großen und Ganzen waren sie glücklich. Sie genossen die Gesellschaft des anderen, und das war gut so.

„Wer weiß?“, antwortete Riccardo und zuckte leicht die Achseln. „Ich lebe das Leben eines Abenteurers …“

„Und was wirst du tun, wenn die Zeit des Abenteuers vorüber ist?“

„Mich niederlassen, heiraten, sechs Kinder kriegen.“

Charlie lachte, doch sie verspürte einen leichten Stich, wenn sie an seine Kinder dachte – alle mit seinem dunklen Haar und seinen braunen Augen und seiner olivfarbenen Haut.

„Das ist nicht dein Ernst.“

„Du hast recht.“ Riccardo dachte an das Leben, das vor ihm lag. „Zumindest jetzt noch nicht. Ich habe noch viel zu viel vor, als dass ich jetzt schon heiraten und eine Familie gründen würde. Also, was ist jetzt mit dem Sprung in den Pool und einem Drink in Lucca?“

„Ich weiß nicht recht.“ Charlie streckte sich. „Ich habe kein gutes Gefühl dabei, einfach Fabios Pool zu benutzen. Ich weiß, dass er und Anna heute Abend ausgegangen sind, aber ich glaube nicht, dass es ihnen gefällt, wenn zwei der Arbeiter sich auf ihrem Besitz vergnügen.“

Fabio und Anna hatten die Leitung des großen Weinguts inne und besaßen eine kleine Villa mit Pool. Charlie wohnte in einer kleinen Wohnung im angrenzenden Dorf und fuhr jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit. Dieses Arrangement funktionierte sehr gut, und Charlie wollte es nicht dadurch riskieren, dass sie die Abwesenheit ihrer Arbeitgeber ausnutzte. Leider wollte Riccardo nichts davon hören.

„Entweder der Pool, oder wir brechen ins Haus ein und benutzen ihre Dusche …“

„Das würdest du nicht wagen!“

„So etwas solltest du zu einem Mann wie mir niemals sagen.“ Riccardo grinste, stand mit einer fließenden Bewegung auf und warf sie sich über die Schulter, wobei er Charlies Protest geflissentlich ignorierte. Sie konnte noch so sehr zappeln, er schlug unbeirrt den Weg zum Pool ein.

Sobald sie im Wasser waren, musste auch sie zugeben, dass es die reinste Wonne war – wunderbar kühl und erfrischend. Außerdem machte es wahnsinnigen Spaß, ihn zu berühren und von ihm liebkost zu werden. Wie sollte sie ihm auch widerstehen, wenn er sie an den Rand des Pools legte, sodass ihre Beine im Wasser baumelten, und seinen Mund auf ihre empfindsamste Stelle senkte, um sie so zu lieben? Wie konnte sie etwas widerstehen, das sich dermaßen gut und richtig anfühlte?

Genau das hatte er mit ihr angestellt – einen gewöhnlichen Teenager mit ganz normalen Beziehungen in eine Frau verwandelt, die bereit war, alles mit ihm auszuprobieren. Eine ganz neue Welt öffnete sich für sie, und sie saugte jedes Detail in sich auf, weil sie liebte, was er mit ihr tat, weil sie ihn liebte. Mit einem tiefen Seufzer kam sie zu einem wundervollen Höhepunkt.

Kein Mann hatte sie jemals zuvor nackt gesehen, und zu Beginn hatte Riccardos unverhüllte Sexualität sie gleichermaßen fasziniert wie verängstigt. Sie fragte sich, wie er wohl reagiert hätte, wenn er gewusst hätte, dass sie als Jungfrau zu ihm gekommen war.

Vermutlich mit Entsetzen. Denn er war mit Gewissheit nicht unerfahren gewesen. Ganz und gar nicht. Erfahrene Männer wie er mochten ebenso erfahrene Frauen. Und abgesehen davon war sie angeblich vierundzwanzig. Wie viele vierundzwanzigjährige Frauen gab es wohl, die gänzlich unerfahren waren? Er hätte ihre Lüge sofort durchschaut, und das wäre dann das Ende gewesen.

„Wollen wir jetzt los?“, fragte Riccardo und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Er genoss es, dass sie seinen nackten Körper mit Blicken verschlang. „Wenn wir uns jetzt nicht auf den Weg machen, wird es nichts mehr. Denn ich muss morgen früh raus.“

Diese Bemerkung versetzte sie sofort in Bewegung. Rasch schwang sie sich aus dem Pool. Hand in Hand schlenderten sie durch den Weinberg zu der Stelle, wo sie ihre Räder stehen gelassen hatten. Als sie einigermaßen trocken waren, schlüpften sie in ihre Kleider.

Gott sei Dank besaß Riccardo ein Auto. Ein uraltes Teil, das er sich laut eigener Aussage auf seinen Reisen durchs Land zugelegt hatte. Er würde es auch am nächsten Tag benutzen, um seine Mutter zu besuchen. Charlie hatte keine Ahnung, was er damit tun würde, wenn er seine Reise fortsetzte – Riccardo war ein Freigeist. Und er fuhr wie ein typischer Italiener – so als gehörte die Straße ihm allein.

Den Großteil der Fahrt verbrachten sie in einträchtigem Schweigen, nur hin und wieder tauschten sie einige belanglose Sätze aus, bis sie schließlich die beeindruckenden Mauern von Lucca erreichten. Charlie verschlug es jedes Mal wieder die Sprache.

Nachdem sie einen Parkplatz im Stadtzentrum gefunden hatten, spazierten sie zu ihrer Lieblingsbar hinüber, die bereits gut gefüllt war. Riccardo legte einen Arm um ihre Schulter und zog sie an seine Seite. Es überraschte ihn, dass er sie tatsächlich vermissen würde – und nicht nur ihren Körper. Sie brachte ihn zum Lachen mit ihren heiteren Erzählungen, und sie war eine erfrischende Abwechslung gegenüber den Frauen, mit denen er sonst ausging.

„Wir sollten zuerst etwas essen“, sagte er.

„Okay. Wollen wir in unsere übliche Pizzeria gehen?“ Charlie, deren Bankkonto selten einen Betrag aufwies, den man als großzügig bezeichnen konnte, favorisierte die billige, fröhliche Pizzeria, in der sie bereits etliche Male gegessen hatten.

„Nein, ich möchte in ein eleganteres Restaurant gehen.“

„Ich kann mir kein teures Restaurant leisten, Riccardo, das weißt du.“

„Ja, ja“, entgegnete er ungeduldig, „ich weiß. Du sparst für eine Anzahlung auf ein eigenes Haus, sobald du deinen neuen Job angefangen hast.“

Da an dieser Aussage nur der Teil mit dem „Sparen“ stimmte, hielt Charlie es für angebracht, den Gang ihrer Unterhaltung ein wenig zu ändern. „Was ist mit dir?“, fragte sie. „Du musst ebenfalls sparen, wenn du die Welt bereisen willst.“ Sie waren vor einem äußerst vornehm aussehenden Restaurant angelangt, das etliche Tische draußen stehen hatte. Die gestärkten Stoffservietten und das geschmackvolle Blumenarrangement deuteten darauf hin, dass es Charlies Konto alles andere als guttun würde, hier zu speisen. Sie blieb abrupt stehen und schaute zu Riccardo auf.

„Auf keinen Fall.“

„Vertrau mir, Darling.“

„Ich bin nicht passend angezogen für ein solches Restaurant“, wandte sie ein und zog ihn zur Seite, damit ein äußerst elegantes Paar mittleren Alters an ihnen vorbeigehen konnte. „Und du übrigens auch nicht!“

Ein Leben im privilegierten Luxus hatte dazu geführt, dass Riccardo sich nicht um die Meinung anderer Leute scherte, weshalb er nur die Achseln zuckte.

„Also wirklich, Riccardo. Manchmal bist du einfach unmöglich!“

„Hm, heißt das, du wirst mich doch nicht vermissen, wenn ich weg bin?“

„Versuch bitte nicht, das Thema zu wechseln!“

„Ich habe dich noch nie zuvor wütend gesehen. Süß. Aber wie auch immer, es spielt keine Rolle, welche Kleidung wir tragen. Wen interessiert das? Den Besitzer mit Sicherheit nicht. Dazu ist der Konkurrenzkampf in der Gastronomie viel zu groß. Er wird sehr froh darüber sein, dass wir bei ihm essen wollen – egal in welchem Outfit.“

Charlie starrte ihn an. Einerseits beeindruckte sie seine Selbstsicherheit, andererseits war sie fest entschlossen, sich nicht von ihm beeindrucken zu lassen.

„Komm schon.“ Riccardo griff nach ihrem Arm und schob sie in Richtung Eingang. „Und bevor du mir wieder erklärst, dass es zu teuer ist – das Dinner geht auf mich.“ Er gab ihr nicht mal die Gelegenheit zu antworten. Ehe sie sich versah, saßen sie auch schon an einem exklusiven Tisch für zwei.

Es war das erste richtige Restaurant, das Charlie von innen sah, seit sie in Italien angekommen war. Die Gäste waren größtenteils über fünfzig, und sie spürte, wie sich etliche Blicke auf sie richteten, sodass sie nervös auf ihrem Stuhl herumrutschte, bis Riccardo eine Augenbraue hob.

Um sie weiter in Verlegenheit zu bringen, bestellte er Wein und warf ihr einen langen Blick zu, für den Fall, dass sie protestieren wollte.

Das war einer der weniger angenehmen Aspekte des Wanderlebens, wie er festgestellt hatte. Man hielt ihn für arm. Obwohl er es genoss, bei Charlie nicht auf der Hut sein zu müssen, hätte er gerne Geld für sie ausgegeben. Wahrscheinlich war es ganz normal, dass er das Bedürfnis hatte, ein bisschen anzugeben und sie zu beeindrucken. Trotzdem merkwürdig.

„Du wirst das noch bereuen“, wisperte Charlie und bekämpfte ihre Verlegenheit, indem sie einen Schluck von dem kühlen, trockenen Weißwein nahm. „Spätestens dann, wenn du mit dem Rucksack durch Europa reist und nicht genug Geld hast, um den nächsten Zug zu nehmen …“

„Das wird nie der Fall sein“, gab Riccardo wahrheitsgemäß zurück. Er hatte sie dazu gebracht, keinen BH zu tragen, und jetzt wanderte sein Blick zu ihren üppigen Brüsten, die sich unter dem einfachen weißen T-Shirt deutlich abzeichneten.

Er bildete sich einiges auf seine Kultiviertheit ein, doch in diesem Moment war an der Reaktion seines Körpers ganz und gar nichts Kultiviertes. Rasch konzentrierte er sich wieder auf ihr Gesicht. Das war sicherer.

„Weil?“

„Weil ich … weil ich dafür sorgen werde, immer genug Geld zu haben. Außerdem werde ich ohnehin eines Tages Karriere machen.“ Er lehnte sich im Stuhl zurück und betrachtete sie aufmerksam. Ohne den Kopf zu wenden, schnippte er mit den Fingern, worauf sofort ein Kellner an ihren Tisch kam. Charlie fragte sich, woher er diese natürliche Autorität besaß.

Nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, griff sie den Gesprächsfaden wieder auf. „Ich kann mir dich nicht wirklich hinter einem Schreibtisch mit einem Berg von Papieren vorzustellen, während das Telefon unaufhörlich klingelt und der Chef dich anschreit, weil du den Bericht noch nicht fertig hast, auf den er seit drei Tagen wartet.“

Riccardo konnte nicht anders – das Bild, das sie zeichnete, war so komisch, dass er lachen musste.

„Vielleicht“, sagte er und schaute ihr tief in die Augen, „werde ich der Chef sein, der Befehle erteilt.“

„Oh nein, bitte werde nicht zu einem dieser langweiligen Büromenschen. Versprich mir das!“

„Okay, ich verspreche es. Ah, da kommt unser Essen. Genau zum richtigen Zeitpunkt. Unser letzter gemeinsamer Abend, ehe ich meine Mutter besuche.“

Der Kellner servierte zwei Gerichte, bei deren Anblick einem das Wasser im Mund zusammenlief. Dennoch war Charlie abgelenkt. Sie fragte sich, was für ein Mensch seine Mutter wohl war. Bislang hatte Riccardo herzlich wenig über sein Privatleben preisgegeben. Oh ja, sie wusste, was ihn erregte, was er von Politik hielt, was sein Lieblingsessen war und welche Länder er bereist hatte. Aber sein familiärer Background blieb im Dunkeln.

„Erzähl mir von deiner Mutter“, forderte sie ihn auf. Da sie dabei nach ihrem Weinglas griff, entging ihr, wie sich für einen kurzen Moment ein Schatten über Riccardos Gesicht legte. Als sie erneut zu ihm herüberschaute, war er bereits wieder sein übliches heiteres Selbst.

„Sie ist eine typische italienische Mama und versucht, ihren kleinen Jungen vor der ganzen Welt zu beschützen.“ So viel entsprach zumindest der Wahrheit. Riccardo widmete sich dem Steak auf seinem Teller, einer netten Abwechslung zu der ganzen Pizza und Pasta, die er in letzter Zeit gegessen hatte. Er erzählte Charlie gerade genug von seiner Familie, um ihre größte Neugier zu befriedigen und dabei nicht direkt zu lügen. Erst als sie ihn rundheraus fragte, wo seine Mutter lebte, wich er ihr aus.

Charlie glaubte, den Grund dafür zu kennen. Es war keine Schande, eingestehen zu müssen, dass die Eltern in ärmlichen Verhältnissen lebten, doch sie konnte verstehen, dass es ihm schwerfiel. War es ihr nicht einst ganz genauso ergangen? Dass sie eine teure Privatschule besucht hatte, lag nur daran, dass sie im Alter von elf Jahren ein Stipendium bekommen hatte. Während der kompletten Schulzeit war ihr immer bewusst gewesen, dass sie mit den anderen Mädchen aus gutem Hause nicht konkurrieren konnte. Taktvoll wechselte sie daher das Thema, auch wenn dieser viel zu kurze Einblick in sein Privatleben an ihr nagte – würde sie ihn weiterverfolgen, könnte ihre Beziehung an Tiefe gewinnen, und danach sehnte sie sich.

Viel später erst wurde ihr bewusst, dass Liebe und Verzweiflung eine fatale Kombination waren.

Doch in jenem Moment war ihr das Gefühl von Bitterkeit noch vollkommen unbekannt. Sie genoss einfach nur das exzellente Essen und den teuren Wein und überlegte dabei, wie sie das Gespräch wieder auf ihn lenken konnte.

Doch Riccardo war ein gewandter Gesprächspartner. Er wollte nicht über sich reden, also tat er es auch nicht. Ihm blieben nur noch wenige Stunden in ihrer angenehmen Gesellschaft, und da fiel ihm weiß Gott Besseres ein, als Fragen zu beantworten. Ja, er hatte da eine ganz bestimmte Vorstellung, wie sie die Zeit stattdessen nutzen konnten …

Ihm gefiel dieser Gedanke. Weniger behagte ihm allerdings der Verdacht, dass er mehr vermissen würde als nur ihren willigen Körper. Doch zu diesem Zeitpunkt in seinem Leben kam eine feste Bindung für ihn nicht infrage.

Sie konnten nicht zu ihr fahren, weil ihre beiden Mitbewohnerinnen zu Hause waren. Seine Wohnung schied ebenfalls aus, weshalb leider nur das Auto blieb. Doch wenn es um sexuelle Abenteuer ging, war er eigentlich für alles zu haben.

Und Charlie ebenso, wie er feststellte.

Nicht gerade der gemütlichste Ort, dachte Charlie, aber Not macht erfinderisch, und sie sehnte sich einfach danach, ihn erneut zu berühren, ehe er zu seiner Mutter fuhr. Deshalb gab sie auch nicht den Hauch eines Protests von sich, als er in einen Feldweg einbog und den Motor abstellte.

„Du hast etwas wiedergutzumachen“, murmelte Riccardo leise, während er sich wünschte, er würde ein halbwegs anständiges Auto fahren, anstatt dieser Schrottlaube, die er sich passend zu seiner Rolle zugelegt hatte.

„Was soll das heißen …?“

„Das heißt, dass ich dich am Pool befriedigt habe ….“

„Oh ja, das hast du wirklich.“ Allein bei der Erinnerung wurde ihr ganz heiß.

Sie liebten sich mit der Kreativität zweier Menschen, die den Körper des anderen auf intime Art und Weise kannten. Und diesmal blieb keiner von beiden unbefriedigt. Versonnen dachte Charlie darüber nach, dass die Erfüllung, die sie in Riccardos Armen fand, unmöglich noch größer werden konnte. Zufrieden kuschelte sie sich an ihn und wäre womöglich sogar eingeschlafen, wenn er nicht in diesem Moment die Tür geöffnet und sich sanft von ihr gelöst hätte.

„Tut mir leid, aber irgendwas stimmt mit dem Scheinwerfer nicht. Ich schau kurz mal nach“, sagte er und gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. „Und dann bringe ich dich nach Hause, meine kleine Hexe.“

Er ließ die Tür halb offen stehen, und in diesem Augenblick sah sie es – ein paar Papiere, die ihm während ihres Liebesspiels aus der Hosentasche gefallen sein mussten. Darunter war auch ein zusammengefalteter Briefumschlag, auf dem in kühner Handschrift Name und Adresse seiner Mutter standen.

Charlie griff nach dem Umschlag. Plötzlich war sie hellwach. Rasch prägte sie sich Name und Adresse ein. Leider hatte sie weder Zettel noch Stift zur Hand, außerdem wusste sie nicht, ob Riccardo sie durch die Windschutzscheibe sehen konnte. Nervös schaute sie nach draußen und ließ sich dann auf den Sitz sinken, ehe er kurz darauf zurückkam.

„Alles klar. Was hast du da?“, fragte er.

„Das?“ Sie gähnte und setzte sich auf. „Oh, mir gehört das nicht. Es muss dir aus der Tasche gefallen sein. Hoffentlich hast du nicht noch mehr verloren …“ Sie begann, auf dem Boden zu suchen, während er die Papiere in seine Tasche stopfte.

„Vergiss es. Komm schon, Zeit zu fahren, meine Kleine.“

Charlie lächelte. Sie glaubte an das Schicksal, und das hatte ihr auf wundersame Weise die Adresse seiner Mutter zugespielt. Jetzt war sie in der Lage, ihm zu zeigen, dass er sich nicht zu schämen brauchte – ganz egal, wie sein familiärer Background aussah. Sie würde ihm nämlich einen Überraschungsbesuch abstatten!

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