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Eine Insel für Immer – Ein Hiddensee-Roman

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1. KAPITEL

Sie rannte die kaugummiverklebten Stufen hinunter. Eine Windböe hob ihren leichten Rock. An solchen Orten wie diesen zog es immer. Auch im Sommer. Sie rannte aus Wut, und der pralle Rucksack schlug gegen ihren Rücken. Nichts schien zu klappen. Seitdem Heiko, der ihr Chef und großzügiger Liebhaber gewesen war, ihr wegen einer Kleinigkeit gekündigt hatte, gab es nur noch diesen Zweitagesjob. Sie hatte sich auf ein Inserat hin vorgestellt – aber ohne Erfolg.

Sie rannte, bis sie auf dem Bahnsteig des S-Bahnhofs Berlin-Marienfelde stand. Sonja Malunke hörte die Lautsprecherdurchsage. „Die S2 nach Berlin Gesundbrunnen mit Umsteigemöglichkeit nach Stralsund hat Verspätung.“ Ewig lange würde die Fahrt mit der Umsteigerei bis Schaprode dauern.

Sie sah über die Gleise. Hinter ihnen wuchsen dicht belaubte Bäumchen, ein schmuddeliges gelb geklinkertes fensterloses Gebäude ragte hervor.

In diesem Augenblick begann die Luft wieder wie vor zwanzig Jahren zu riechen. Sie sah ihren Vater, wollte schreien, nein, bitte nicht, tu es nicht, Papa! Aber was konnte eine Dreizehnjährige schon tun? Depressionen hatten ihn gequält. Was hatten ihre Mutter und sie sich gefreut, als er sagte, dass es ihm gut ginge, die neuen Medikamente helfen würden.

Eine Woche später warf er sich von diesem Bahnsteig aus vor den Zug.

„Papa“, flüsterte Sonja. „Warum?“ Sie setzte sich, musste es tun, denn ihr war übel. Die Erinnerungen an den geliebten Vater schmerzten derartig, dass sie sich krümmte.

Du warst kein Kämpfer. Sonst hättest du den neuen Schub ausgehalten, wie du alle vorherigen ausgehalten hast. Heute ahne ich, dass es das Leben war, was schwierig für dich wurde. Papa! Aber ich, ich bin eine Kämpferin. Keiner macht mich klein. Weder der Discounter-Heiko noch dieser alberne Fatzke von eben, der mir sagte, aber Sie haben ja keinerlei Vorbildung, Frau Malunke. Als Sekretärin mit Schulabbruch und Schmalspurausbildung als Verkäuferin? Nun übernehmen Sie sich mal nicht, hatte er noch gesagt und die nächste Bewerberin hereingerufen.

Sonja hatte die Absage geahnt und deshalb schon morgens ein paar Sachen gepackt. Natürlich würde in ein paar Tagen der verbeulte Briefkasten nur Rechnungen und Mahnungen bereithalten. Bestimmt keine aufbauenden Briefe, Zusagen … Arbeitsamt und Hartz IV kommen für mich nicht in Frage. Ich werde als Freie arbeiten. Basta!

Diese Reise war ihre letzte Chance. Sonst brauche ich gar nicht mehr zurückkommen. Ihr Zug fuhr ein. Wenn nichts gelingt, mach ich es wie Papa, dachte sie, während sie einstieg. Als sie mit trotzig zusammengepressten Lippen einen Sitzplatz suchte, kamen die Tränen. Sonja Malunke suchte nach einem Taschentuch, fasste in die Taschen ihrer Jeansjacke und zog stattdessen ein Stück Papier hervor. Mattgelb, eine Visitenkarte. Kristian Peterson – Industriefotografie. Dünenheide 28, Ortsteil Vitte 18565 Insel Hiddensee, stand in dunkelgrauen Buchstaben drauf, mit einer Telefonnummer.

2. KAPITEL

Wie gerädert stand er auf. Er hatte die Nacht kaum geschlafen, fühlte sich verkatert, obwohl er gestern Abend nichts getrunken hatte. Aber dieses Zusammenschnüren in der Brust, das ihm an manchen Tagen das Luftholen erschwerte. machte ihn unruhig und schuf eine latente Angst.

Ich weiß schon, was du sagen willst, Onno. Stell mit deinem Geld was Vernünftiges an und höre nicht auf die Anlageberater. Spekulanten sind sie allesamt und Schweine!

Damit hatte er schon gerechnet, dass sich Onno Gerdes wieder in seinem Kopf meldete. In der Realität hatten sich die beiden seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen. Die kurze Affäre mit seiner Frau konnte er ihm nicht verzeihen, obwohl sie beide längst geschieden waren. Aber Kristian meinte, unter Freunden müsse das nicht sein. „Dat muss neet wesen, man dat ist so“, hatte Onno gebrüllt – er verfiel immer in Platt, wenn er emotional angekratzt war –, bevor er die Tür zuknallte und verschwand. Wenig später verließ er dann auch Rügen. Kristian wusste nicht, wo Onno jetzt lebte. Er hatte ihn bis jetzt auch nicht in seiner ostfriesischen Heimat ausfindig machen können. Aber dass der sich immer mal wieder in seine Gedanken einnistete, und er, Krischan, dann einen schweren Stand hatte, dass wusste er.

Ich habe nicht vergessen, was du mir oft genug eingetrichtert hast, dass es im Finanzwesen wie bei einer Religionsgemeinschaft sei. Ein paar Gurus sind da, die alles bestimmen, und die Masse der Gläubigen muss tun, was ihre Vorbeter sagen. Und jedes Übel, jeder Verlust sei Strafe für die Sünden, die diese Dummchen begangen hatten. Habe ich nicht vergessen. Inzwischen leuchtet mir das mantraartige Dauergebet sogar ein. Aber was hätte ich denn tun sollen? Irgendwie muss man sein Geld doch für das Alter aufheben, und unter dem Kopfkissen oder im Strumpf, das ist doch nur was für alte Frauen.

Kristian ließ Wasser in ein Glas laufen und warf ein Aspirin hinein.

Ach, hör doch auf. Konnte ich ahnen, dass mit diesen Lehmann Brothers so viel Kohle verbrannt wurde? Vor allem so viel Geld von Kleinanlegern? Vielleicht sind sogar die Anlageberater drauf reingefallen, die sitzen ja auch ganz am unteren Ende der Hierarchie.

Er kippte das bröselige weiße Gemisch mit einem Schwung hinunter und schüttelte sich.

Nein, ich war nicht zu gierig, das weißt du. Ich wollte doch nur …

„Hau ab Onno“, rief Kristian, „du hast mir noch gefehlt. Wenn du wenigstens wirklich hier wärst. Aber so – aus dem Hinterhalt …“

Er lauschte, aber nichts war zu hören, auch die inneren Stimmen waren verstummt. Plötzlich sah er sich wie in einem Film, dreizehn, vierzehn Jahre alt, wie er mit einer einfachen Rollenkamera und Schwarzweiß-Film unterwegs gewesen war. Damals hatte er alles fotografiert. Vom Baum gefallene Blätter, Abflussgitter, Bauruinen, Straßenlaternen. Nur keine Menschen.

Das habe ich mich damals nicht getraut. Warum eigentlich? Oder war es schon unbewusst Berufung? Heute kann ich solch ein absichtsloses Fotografieren nicht mehr.

Mit einem Mal war ihm, als hätte jemand den Strom abgestellt. Mehrere Minuten lang stand er einfach da, dann packte er eine Fototasche, klemmte zwei Stative unter den Arm, lief aus dem Haus, ohne einen Schlüssel mitzunehmen, im abgetragenen Trainingsanzug, unrasiert und ohne sich die Zähne geputzt zu haben.

Am Strand zog er seine Sachen aus und ließ sie auf dem Kies liegen, achtlos, ebenso das meiste seiner Ausrüstung. Er bohrte die Zehen in den körnigen Sand, blickte auf die See und entschied sich. Er nahm nur das Einbeinstativ und die Kamera mit, als er nackt in das Wasser ging. Erst als die Wellen seine Oberschenkel erreichten, blieb er stehen, zog das Einbeinstativ aus, positionierte es fest im Untergrund und fotografierte. Die Wellen, den Horizont, der bei ruhiger See nur ein Nichts war mit wenig Wolken darüber, er versuchte, vorbeifliegende Möwen und Seeschwalben einzufangen und einen Kormoran. Lichtete die am Horizont fahrenden Frachtschiffe als kleine Silhouette ab und zoomte dann die Details heran. Er hatte einfach Freude am Festhalten von Augenblicken. Egal was. Wie der Junge von früher.

Irgendwann spürte er unangenehm die Vormittagssonne auf dem Rücken. Das gibt einen heftigen Sonnenbrand. Er schob das Stativ zusammen, drehte sich um und ging zum Strand zurück. Neben seinen Sachen standen zwei Frauen und gingen nicht weg, als er näher kam.

Sonst kommt kaum jemand an diese Stelle. Der Radweg führt dichter an der anderen Seite vorbei. Warum ausgerechnet heute? Aber egal, sollen sie gucken. Hauptsache, sie lassen mir meine Fotoapparate.

Auf einem Bein hüpfend, zog er sich hastig an, schulterte die Fototasche und ging. Nach wenigen Schritten drehte Kristian sich um. Hatten sie ihn gerufen? Neuerdings hörte er nicht mehr so gut, besonders, wenn er mit den Gedanken woanders war. Eine der Frauen lief hinter ihm her und wiederholte etwas, was er nicht verstand.

„Bitte?“

„Ob Sie ein Foto von uns machen könnten? Wir hätten gern eine Urlaubserinnerung.“

Kristian schaute die Frauen genauer an. Ende vierzig, schätzte er, angezogen wie Hippies aus den sechziger Jahren. Lange Röcke, lila Seidenblusen, eine mit hochgesteckten Haaren, die andere mit grauen Strähnen im dunkelbraunen mittellangen, vom Wind zerzausten Haar. Freundinnen? Schwestern?

„Gerne“, sagte er, während er dachte: Auch das noch. Aber er legte seine Sachen ab und ließ sich ihren Fotoapparat geben, besah ihn kurz – Meterware, Standardknipse – aber immerhin manueller Modus. Blende, Zeit einstellbar. Na dann. Er widerstand der Versuchung, einfach zu knipsen, und machte eine Serie, die den Frauen später sicher erstaunte Ausrufe – Das sind wir? – abringen würden. Fotografierte sie ganz, gezoomt nur die Gesichter, beide im Profil, die eine etwas zurückgesetzt, dirigierte sie hin und her, um die steife Körperhaltung der beiden aufzulösen, und hörte erst auf, als die Speicherkarte voll war.

„Tut mir leid, mehr geht nicht“, meinte er und gab ihnen den Apparat zurück. Sie sahen ihn verwundert an, schienen willenlos, fast, als würde er sie weiterdirigieren. Wenn ich jetzt sag, zieht euch aus, wir wollen noch ein paar Aktfotos machen, dann tun sie auch das. Früher hatte er welche gemacht. Damit hatte er längst aufgehört, weil er bei manchen Modellen so erregt wurde, dass er nicht mehr unbefangen über Einstellungen und Bildausschnitte nachdenken konnte. Immer war er ein wenig Voyeur dabei, und das störte ihn. Ob das heute was für mich wäre? fragte er sich, ließ den Gedanken aber gleich wieder fallen.

Er griff nach seinen Sachen, winkte und ging. Hörte „Danke“ hinter sich und dann noch einmal „Danke, Herr …“ von der anderen.

Hunger hatte er, schließlich war er ohne Frühstück aus dem Haus gerannt und hatte wenig Lust, sich jetzt etwas zu essen zu machen. Alles abladen, Fahrrad schnappen, zum Café Kanne radeln. Das brauchte er jetzt.

Schnell rasierte er sich, zog eine saubere Jeans und ein dunkelbraunes Polo-Shirt an und radelte seltsam gut gelaunt nach Vitte, pfiff irgendwas von Mozart. Hatte er früher oft gemacht, er konnte gut pfeifen, aber soviel Luft hatte er seit einiger Zeit nicht mehr. Als ihm bewusst wurde, dass er pfiff, hörte er auf und sah sich um, ob ihn jemand gehört hatte. Das war aber nicht der Fall. Und seine unmotiviert gute Laune hielt sich. In Vitte schwang er sich forsch jugendlich vom Rad, stellte es vor dem Café ab, überging ebenso jugendlich einen fiesen Schmerz in der Lendengegend und setzte sich draußen hin.

3. KAPITEL

Die Kraniche kamen zu Tausenden. Sie schwebten in riesigen Formationen an diesem Herbstmorgen, der die Düfte des Sommers gespeichert hatte, über die Insel. Ulf Jörgsen, Bürgermeister von Hiddensee, liebte diese Jahreszeit, ihre Frische und Kühle, wie es meist bei Septembergeborenen ist.

Der Frühnebel verzog sich schnell, der Himmel wurde blau, der Wind wehte gerade so, dass man ihn angenehm auf der Haut spürte. Er beobachtete den Flug der Vögel. Ein fantastischer Anblick, wie in jedem Jahr.

Hier war er glücklich. Jeden Tag aufs Neue, und Stress machte ihm nichts aus. Die Insel hatte eine überschaubare Zahl an Einwohnern, die wie anderswo alle Facetten menschlicher Ausdrucksformen barg, aber alles in allem positiver ausfiel als zum Beispiel drüben in Stralsund. Sein Bruder lebte dort und informierte ihn immer ausführlich. Die Leute hier hatten wie überall an der Küste und auf den küstennahen Inseln einen Dickschädel, aber dahinter verbarg sich meist eine große Herzlichkeit. Diese Schädel hielten etwas aus, wenn sie mal zusammenprallten, und wenn der Schmerz verklungen war, kam man prächtig mit ihnen zurecht.

Besser, als hier zu leben und auch noch Bürgermeister zu sein, hätte er es nicht treffen können. Auf Hiddensee war es ein Ehrenamt. Anmeldungen, Abmeldungen, Geburten, Sterbefälle wurden in der Verwaltung auf Westrügen in Samtens erledigt. Und Luis Bock, der Verwaltungsleiter, machte das gut. Weil er die Bürgersprechstunden im Vitter Rathaus und im Feuerwehrgebäude in Neuendorf abhielt, kannte er alle Hiddenseer, die Alteingesessenen wie die Neuen. Die, die hier bleiben wollten, beäugte er gründlich. Schließlich musste er wissen, welche Personen sich auf seiner Insel niederließen.

Gestern Abend noch hatte er mit diesem Fotografen gesprochen, Kristian Peterson. Auch einer, der immer häufiger kam, immer länger blieb. Das war einfach, wenn man ein schönes Haus gebaut hatte, genügend Geld verdiente, um Pausen einzulegen, da kam so jemand wie er mal schnell aus Berlin.

Krischan, wie Ulf und andere ihn nannten, hatte sich bereit erklärt, eine kostenlose Fotoserie von ihm, seiner Frau und dem Haus zu machen. Und seit gestern Abend fand Ulf ihn nicht mehr so arrogant wie sonst.

Ulf Jörgsen und seine Frau Anke wohnten in einem umgebauten Fischerhaus in dem kleinen Dorf Kloster. Seitdem ihre beiden Töchter ihr eigenes Leben führten, waren sie wieder allein. Die Ruhe nach der turbulenten Zeit, in der sie groß wurden, gefiel ihm, und doch vermisste er die Kinder.

Dieser Herbstmorgen schmeckte nach Sehnsucht. Der Kranichzug machte sie schmerzhaft intensiv, und mit bittersüßer Sehnsucht beobachtete er die Frau, die in einem engen schwarzen Laufanzug an seinem Haus vorbeijoggte und in den Weg nach Vitte einbog. Diese Friedrichsen aus Tübingen. Für ihr Alter noch eine ganz gute Figur und auch der Hintern ist nicht so breit gesessen wie der von Luis’ Sekretärin. Er schaute ihr lange hinterher.

„Ulf, was stehst du am Fenster, setz dich zu mir, das Frühstück ist fertig!“

„Gleich Anke, gleich, ich schau so gern den Wolken nach …“

„Den Wolken? Snak keen Dünnschiet! Du? Seit wann? Ich hab wohl gemerkt, dass du der Friedrichsen hinterher siehst.“

„Wem sehe ich hinterher?“

„Se Mors hett ook bloß twee Hälften. Spiel nicht den Dummbart. Meinst wohl, du kannst mir was vormachen. Immer, wenn die vorm Haus rumhüpft, gaffst du ihr auf den Hintern.“

„Ich gaffe nicht auf fremde Hintern.“

„Läuft sie wieder nach Vitte?“

„Woher weißt du das?“

„Na, sie zeigt dir ja die Rückseite. Ich kenn dich doch. Da weiß ich, wo du hinsiehst und am liebsten anfassen willst.“

Er hatte so eine Vorahnung. Natürlich sagte er nichts darüber, setzte sich und griff nach dem Ei unter der Häkelhaube. „Was du immer hast! Du brauchst dir nichts dabei denken. Ich stehe jeden Morgen am Fenster, seit wir hier eingezogen sind. Und das weißt du.“

„Ich denke mir gar nichts. Und wie du deinen Tag beginnst, weiß ich auch. Aber neuerdings stehst du da so lange, bis die Friedrichsen vorbei ist. Ich bin doch nicht blind. Das fällt auf, mein Lieber!“

„Mir nicht.“

Während er die Fremde im Kopf hatte, seltsamerweise sogar an Krischan denken musste, beugte er sich vor, küsste Anke, murmelte, „riechst so lecker wie ein frisches Brötchen“, wobei ihn das Gefühl beschlich, dass diese Neue anders war als jene Frauen, die auf der Insel wochenlangen Urlaub machten.

Draußen wirbelte ein plötzlicher Windstoß gelbe, rote und braune Blätter durcheinander.

4. KAPITEL

Kaffee trinkt er. Nichts anderes. Dass ich ihn hier in diesem gemütlichen Café Kanne finde, dachte Sonja, immer noch erstaunt. Vitte? Da muss man erst drauf kommen. Schließlich kann er sich ja überall auf der Insel aufhalten. Jetzt erst weiß ich, dass es sie gibt. Ich dachte, Hiddensee läge sonst wo, vielleicht in der Südsee. Peinlich, peinlich, sollte ich besser keinem erzählen.

„Kristian“, flüsterte sie. Bei ihm bleibt einem ja glatt der Verstand stehen. Der hat sicher nicht so Komisches drauf wie Heiko. Als das mit ihm anfing, säuselte er jedes Mal: Nackt bist du mir am liebsten, als wenn so ein Spruch einen anmachen könnte. Aber meinen neuen Kaschmirpullover knallte er achtlos auf eine Apfelsinenkiste, und die gezogenen Fäden verzeihe ich ihm bis heute nicht. Der glaubt doch allen Ernstes, seine jungen Mitarbeiterinnen wären wild auf ihn. Der soll sich doch mal im Spiegel begucken. Meine Mutter sagte, Kind, es gibt viele Gründe, warum eine Frau bei einem Mann bleibt. Das muss nicht immer Liebe sein. Recht hat sie. Jedenfalls ist dieser Kristian Peterson ein ganz anderes Kaliber. Und Geld hat er auch. Hoffentlich nicht alles auf Pump gekauft. Danach sieht er eigentlich nicht aus … Und mein erstes Honorar hatte er ja sofort gezahlt. Bar auf die Kralle.

Sonja strich sich über die Ponyfransen, griff nach ihrer Sonnenbrille, die im Haar steckte, und setzte sie auf.

In Kloster hatte sie in einem der ältesten Gasthäuser der Insel ein Zimmer gefunden. Preiswert. Mit einem kostenlosen Leihrad. Mit Frühstück. Gott sei Dank mit Frühstück. Gnadenlos üppig belegte sie mehrere Brötchen, steckte sie ein, übersah ebenso gnadenlos die Blicke der anderen Gäste. Glück gehabt! Plötzlich erinnerte sie sich an das Grimmsche Märchen von Hans im Glück. Der bekam immer alles, was er wollte und sich wünschte. Wenn ihre Dinge schiefliefen, las sie vor dem Schlafengehen Märchen. Ansonsten las sie nicht viel.

Es war der zweite Tag auf Hiddensee, der zweite Tag, an dem sie diesen Mann beobachtete. Sonja setzte ihr weichstes Lächeln auf, dieses mädchenhafte, was ihr meist gut gelang. Sie wusste auch, dass dieses Lächeln einen scharfen Gegensatz zu ihrer engen schwarzen Lederhose schuf. Dennoch suchte sie sich auch jetzt einen Tisch aus, an dem der Fotograf sie nicht sehen konnte. Sie wollte ihn beobachten und spätestens morgen ansprechen. Zufrieden registrierte sie, dass der Mann allein an seinem Tisch saß und auf niemanden zu warten schien. Genau so wie gestern.

„Ein Kännchen Kaffee“, bestellte sie bei der weißblonden Bedienung. Dabei mochte sie keinen Kaffee. Aber der war günstiger als die anderen Getränke.

Ihr Exgeliebter becircte längst eine Neue. Sie hatte zwar nicht wie Hans im Glück sieben Jahre bei einem Herrn gedient, aber immerhin waren es doch satte zweieinhalb geworden. Nur weil sie zwei Tage nicht zur Arbeit erschienen war und den Porsche mitgenommen hatte, kündigte er ihr.

So viel Mist hab ich dem Kerl weggeräumt, Waren geschleppt bis zum Muskelkater und abgelaufene Joghurts und solchen Kram diskret entsorgt. Da gab’s nämlich ganz schön viel davon, okay, ich hab auch was mitgenommen, wäre ja auf dem Müll gelandet, und so aufgeschäumte süße marmeladige Joghurts esse ich eben gern. Und einmal war er ziemlich beschickert, da fing er an, nackt wie er war, zu wiehern und den Hengst zu machen. Rannte selig grinsend hoch aufgerichtet durch das Zimmer. War der sauer, weil ich vor Lachen aus dem Bett gefallen bin.

Aber sonst war er schon nett. Zuvorkommend. Großzügig. Und die anderen Nächte in seinem Bett, manchmal auch in der Küche, waren nicht die schlechtesten.

Langeweile gab’s nicht, dachte Sonja. Soweit eine Frau wie ich Fantasie von einem Filialleiter erwarten konnte, etwas hatte er davon. Für meine Großzügigkeiten lieh er mir den Porsche. Ist doch was, wenn Frau nur einen kleinen gebrauchten Fiat hat? Wahrscheinlich habe ich den nun zu früh verkauft. Aber Heiko ist auch selten blöd. 33 ist wahrlich kein schlechtes Alter bei einer Frau, und wenn er sich jetzt eine rothaarige Zwanzigjährige antut, dann wird er sich noch umsehen. Die haben ganz andere Interessen als einen Filialleiter mit Wampe und abgelaufenen Joghurts und so. Kündigt per Mail. Feige Nuss! Traut sich wohl nicht, mich dabei anzusehen. Den Porsche bin ich damit endgültig los. Der fehlt mir. Gerade jetzt, ohne Job und ohne Kohle.

Sonja brannte ihre Wünsche in den Rücken des Fotografen. Ich! will! dich! Und gerade noch rechtzeitig bückte sie sich, denn dieser stand auf und sprach mit einem Mädchen. Er sieht viel lässiger aus als letztens so braunleinengehypt in Berlin. Jünger! Sie fand, dass ihm die Jeans verteufelt gut stand. In seinem Alter! Da hatten die meisten entweder keinen Arsch mehr in der Hose oder zu viel davon. Sonja lächelte. Der Mann hat was. Ihn und einen Job werde ich kriegen. Sein Haus gefällt mir. Mit Reetdach, weißen Steinen und Bogenfenster – super. Sogar Büsche und Bäumchen hat er ringsum. Ich weiß zwar nicht, wie die Dinger heißen. Egal. In dem Haus könnte ich leben. Könnte? Will ich. Werde ich.

Bei diesen Vorstellungen wurde sie fast glücklich. Morgen würde sie ihn hier wie zufällig treffen, ohne Anstrengung, und endlich kam ihr der Tag besonders hoffnungsfroh vor.

Und wenn er morgen nicht hier ist? meldete sich eine innere Stimme zweifelnd.

„Dann gehe ich zu seinem Haus und klingele. Und wenn er nicht da ist, setze ich mich vor die Tür und warte, bis er kommt. Er wird mich schon wiedererkennen. Das krieg ich hin. Denn er wird mich ansehen – denn ich bin jung, und er ist alt. So einfach ist das.“ Erschrocken schlug sie die Hand vor den Mund, denn sie merkte erst jetzt, dass sie laut gesprochen hatte. Nervös hustete sie, griff nach ihrer Tasse und verschüttete den Kaffee. Um sich zu beruhigen, betrachtete sie das schön restaurierte hochgiebelige Haus, in dem das Café untergebracht war, drehte ihren Stuhl so, dass sie auf den Hafen schauen konnte. Vor das blaue Kaffeekännchen stellte sie einen Spiegel. Richtete ihn so aus, dass sie den Fotografen im Blick hatte. Er notierte sich etwas, dann schaute er zum Wasser. Gleiche Blickrichtung wie Sonja, wie ein Schienenpaar. Zwischendurch grüßte er jemanden. Und die meisten, die vor dem Café saßen, waren ganz sicher Touristen.

Es war Anfang September. Passend dazu sang Bryan Ferry den „September Song“. Aus den Lautsprechern neben dem Eingang hörte Sonja danach: „As time goes by.“ Die CD spielte wohl wieder von vorn. Ihre Mutter war vernarrt in den Song und bekam immer so einen Sehnsuchtsblick. Einmal hatte Sonja kess gefragt: „An Papa denkst du dabei aber nicht?“ und sich postwendend eine Ohrfeige eingefangen.

Aber in diese Stunde passte Bryan Ferry. Das Spätnachmittagslicht war weich, warf längere Schatten als im August, und die Sonne glitzerte auf den Wellenspitzen.

Entschlossen steckte Sonja den Spiegel ein, stand auf, nahm den Weg zur Toilette, schwang bei jedem Schritt ihren kleinen festen Hintern. Sie wusste, dass er in gerader Haltung, durchgedrücktem Rücken mit etwas Hohlkreuz gut zur Geltung kam. Und in Leder sowieso. Sie wusste, dass Männer ihr hinterher schauten. So etwas spürt eine Frau. Und wenn sie das spürte, wurde sie groß und schlank und strahlte. Jedenfalls hatte sich Sonja für diesen Auftritt Mühe gegeben.

Im Waschraum tuschte sie die Wimpern nach, tropfte etwas Glyzerin in die Augenwinkel und verwuschelte ihr aufgestecktes Haar, bevor sie sich zufrieden im Spiegel betrachtete.

Zurück kam sie mit leichtem Hüftschwung, setzte sich, schob die Tasse mit dem Kaffeerest fort und dachte an den zu Ende gehenden Sommer. Sie bezahlte, und als sie das Cafe verließ, schaute sie für heute ein letztes Mal wie hypnotisiert zu dem Mann in der hellen Jeans herüber und empfand so etwas wie Besitzerstolz. „Kristian“, flüsterte sie leise. „Kristian.“ Als sie mit ungefähren zwei Metern Abstand an ihm vorbeiging, verzog sie ihre Lippen mit dem ausgeprägten Amorbogen zu einem angedeuteten Lächeln und registrierte seine Tränensäcke und das Silbergrau der Haare.

Erst als sie sich von niemandem mehr beobachtet glaubte, holte sie aus der Tasche das letzte Brötchen vom Frühstücksbüfett und biss gierig hinein, betrachtete am Hafenbecken ein rostrot gestrichenes Boot, dessen ebenso rostrotes Segel mit der Aufschrift: ‚Vitte’ im Wind flatterte. Der Skipper war nicht zu sehen. Vielleicht besitzt Kristian auch ein Boot. Der verdient doch eine Menge. Bestimmt. Schon sah sie sich mit wehenden Haaren, den Kopf dekorativ nach hinten gebogen, fotogen dahingleiten.

Sie stieg aufs Rad, fuhr langsam die Straße ‚Norderendeʻ entlang, überlegte, dass der Kristian bloß nicht morgen mit der Fähre woanders hin muss, bitte nicht. Ich brauche ihn.

In Kloster sah sie die Hinweistafeln: ‚Gerhart Hauptmann-Hausʻ. Nie davon gehört. Ein Schauspieler?

Sonja hatte Zeit. Ein langer Abend lag vor ihr. Hunger hatte sie auch. Sie überschlug ihre Barreserve. Egal, dachte sie, das wird sich ändern.

Am Kirchweg fand sie ein Restaurant. Der Wind wurde frischer. Trotzdem setzte sie sich auf die große Terrasse, mit Blick auf Büsche, Wiesen und Meer. Sonja aß gut, aß viel, aß auf Vorrat. Zwischendurch erhellte ein Strahlen ihre Augen, und der junge Kellner fragte beim Abräumen: „Verliebt?“

„Fast.“ Sie zahlte und stand auf.

Am Strand schuf die Sonne für ihre Liebeswünsche die passende Kulisse, sank an der Linie, die das Meer vom Himmel trennte, ins Wasser, und das Meer schimmerte orangerot. Aus einem plötzlichen Impuls heraus hüpfte sie wie Rumpelstilzchen auf einem Bein. In Abwandlung des Märchens sang sie: „Einen Tag sollst du noch haben. Dann bist du mein.“

5. KAPITEL

„Moin. Frau Friedrichsen?“

„Ich kaufe nichts. Sind Sie Versicherungsvertreter?“

„Seh ich so aus?“ Ulf Jörgsen guckte besorgt.

„Gerade weil Sie nicht so aussehen.“ Nora musterte ihn von unten nach oben an, ein aufmerksamer Blick, der sofort das Wesen des vor ihr stehenden Mannes zu erfassen schien.

„Kommen Sie gut voran?“

„Was wollen Sie von mir?“, fragte sie misstrauisch.

„Kegenʼn Backohmd kamme nich jåånen!“ Jörgsen grinste breit über Noras verblüfftes Gesicht. „Plattdeutsch kennen Sie nicht? Entschuldigen Sie, war nur ein kleiner Scherz. Wir haben uns doch schon mal gesehen. Ich bin Ulf Jörgsen, der hiesige Bürgermeister, und freue mich, wenn so fleißige Lies…, äh Frauen, ihre Häuser selbst renovieren. Respekt! Schaffen Sie das alles? Oder haben Sie jemanden, ich meine, einen Mann dafür?“ Suchend sah er sich um, entdeckte aber niemanden außer Nora und sich selbst. „Haben Sie Erfahrung mit den Problemen, die noch auf Sie zukommen werden? Wir haben gute Handwerker. Ich meine, wollen Sie jeden Tag auf dieser ollen Leiter rumklettern und Mörtel abklopfen? Ich weiß doch, dass dieses Häuschen ganz schön marode ist. Zurzeit haben wir ja mehrere Leute, die sich wie Sie auf unserer wunderschönen Insel niederlassen. Ganz besondere Menschen, so wie Sie.“

„Ich komm schon zurecht. Handwerker werde ich ganz sicher noch brauchen. Aber was ich kann, mache ich selbst. Tut mir gut.“

„Na dann. Sind ja auch prima in Form.“

„Wie?“

„Na, ich sehe Sie morgens laufen, wenn Sie Ihre Runden drehen.“

Kristian legte den Hörer auf und schaute aus dem Fenster. Das war kein gutes Gespräch gewesen. Hatte man ihn schon vergessen? Einfach von heute auf morgen zu den abgetakelten Fregatten geschoben? Es ging ihm nicht gut. Die Verspannungen im Nacken, dieser Druck auf der Brust, und irgendwie war da immer häufiger ein unangenehmes Gefühl im Magen.

In der Küche holte er sich ein Glas aus dem Schrank und goss sich Cognac ein, der dort immer stand. Schon der erste Schluck entspannte.

Andererseits, was hast du denn bloß erwartet? fragte er sich. Hast allen mitgeteilt, dass du jetzt aufhörst – wenn’s am schönsten ist, hast du noch groß geklotzt –, und jetzt kommst du angekrochen und willst wieder Aufträge. Als wenn die anderen darauf warten würden. Die haben sich ja ganz schnell nach anderen Fotografen umgesehen. Das mussten sie auch, sie konnten ja nicht ahnen, dass ich mich verzockt habe und dringend Geld brauche.

Kristian lachte bitter, trank das Glas leer und goss sich neuen Cognac ein.

Verzockt und vergeigt. Nie habe ich eine Spielbank betreten, das Glück im Lotto gemieden wie der Teufel das Weihwasser und Pferde nur zum Reiten betrachtet. Und ausgerechnet mir geht das Ersparte bei dieser beschissenen Geldanlage verloren. Verzockt von anderen, an die ich Esel glaubte. Kristian schlug mit der geballten Faust auf den Küchentisch, und verzog das Gesicht vor Schmerzen.

Raus, ich muss raus. Er griff nach der Jacke, stieg in seine grünen Gummistiefel und eilte zum Strand. Voller Unruhe lief er am Wassersaum entlang, bückte sich, prüfte Steine, fand zwei Hühnergötter, befühlte sie auf dem Rückweg in der Jackentasche. Unterdessen war es dunkel geworden. Kein guter Tag.

Sie fühlte sich verlassen wie ein Kind und beschloss, Kristian anzurufen und gleich wieder aufzulegen. Sonja starrte auf ihr Handy, tippte langsam seine Nummer ein und warf gleichzeitig einen Blick auf die Armbanduhr. 22.45 Uhr. Da würde doch auch ein älterer Mensch noch wach sein? Oder gingen Leute über Fünfzig gleich nach den Nachrichten ins Bett? Zu ihrer Überraschung hörte sie wirklich seine Stimme mit einem knappen „Hallo?“.

Sie versuchte erst gar nicht zu antworten, lauschte nur auf seine Atemzüge, genoss dieses stumme Zuhören, es war wie ferne Musik. Sonja zuckte zusammen, als sie jetzt: „Wer ist denn da?“, vernahm. Schnell drückte sie das Gespräch weg. Seine Stimme war weich, so hatte sie diese nicht in Erinnerung. Vielleicht sprach er zu Hause anders als in Berlin? Da war er knapp, auffordernd und autoritär gewesen. Sie war versucht, noch einmal anzurufen – aber was sollte er ihr sagen, wenn er nicht wusste, wer ihn anrief?

Sonja legte sich in das weiß lackierte Pensionsbett und betete, dass der Fotograf weder verheiratet noch anderweitig liiert war. Es war keine Zeit mehr, das selbst herauszufinden. Morgen würde sie ihn ansprechen, auf sich aufmerksam machen, nachher war er weg, und alle Hoffnungen verzogen sich wie eine Fata Morgana.

Die heiße Dusche entspannte die schmerzenden Nackenmuskeln. Später zog er sich eine DVD mit einer Aufnahme von Monteverdis Orfeo aus dem Regal, schob sie in den DVD-Player und holte sich ein Glas Rotwein. Barockopern beruhigten ihn normalerweise. Nur heute nicht. Er war nervös, kribbelig, trank den Wein zu schnell, und nach einem Drittel schaltete er den Player aus. Er konnte sich nicht konzentrieren, gähnte und wollte nur noch ins Bett und schnell einschlafen, um nicht über seine Sorgen grübeln zu müssen.

Während er das Glas in die Küche brachte, klingelte das Telefon. Kristian sah auf die Wanduhr – 22.45 Uhr –, während er sich fragte, wer ihn um diese Zeit noch anrufen könnte, bevor er abnahm: „Hallo?“ Er hörte jemanden am anderen Ende schweigen. Er spürte, dass es ein unruhiges Schweigen war, kein gesammeltes, das Ruhe bringen würde. Als das Schweigen immer nervöser schien, wurde aufgelegt. Das ärgerte ihn. Gereizt wollte er das Telefon in die Ecke werfen, atmete durch, stellte es weg und ging ins Bett.

Sie zog die Bettdecke über den Kopf und stellte sich sein Gesicht vor. Ein schweres, beinahe faltenloses Gesicht und keinen schmallippig gewordenen Mund, wie ihn ältere Männer häufig haben, nein, sie sah diesen vollen Mund, wahrscheinlich küsste er gut. Seine Halspartie war nicht mehr so straff, aber Sonja fand, dem Mann stehe sein Alter. An seine Hände konnte sie sich nicht erinnern, und die Augen waren dunkel, vielleicht braun. Sein Blick wirkte freundlich und offen, nicht misstrauisch. Aber so dumm war sie nicht. Sie wusste, dass auch ein freundlicher Blick hart, ernst und wütend werden konnte.

Dieses Mal werde ich nichts falsch machen! Und in Berlin werde ich dann mit ihm in Heikos Klitsche gehen, der fetten Irina an der Kasse sagen, ich möchte den Geschäftsführer sprechen, letztens kaufte ich hier Salat, so was von vergammelt … Allein dafür brezel ich mich auf, mit Kleid und Hut, dem Heiko wird vor Ärger die Lülle triefen.

In der Dunkelheit wanderte ihr Blick durch das Pensionszimmer, zu dem Kleiderschrank aus Holz, dem Schreibtisch, Stuhl, zu den Bildern, Fotografien von Hiddensee, Hafen, Pferde, Natur. Sie stellte sich das Innere seines Hauses vor und begann, es nach ihrem Geschmack einzurichten. Die Küche ließ sie aus, Kochen konnte sie nicht. Bisher hatte sie in ihrer kleinen Berliner Küche ausschließlich die Mikrowelle zum Aufwärmen von Fertiggerichten genutzt oder mit Heiko gegessen, in Szenerestaurants am Prenzlauer Berg wie dem Rodeo, das über einen dunklen Hinterhof zu erreichen war. Beim ersten Besuch konnte sie nicht glauben, was Heiko ihr versprochen hatte. Aber nachdem sie die alte Treppe raufgestiegen waren, staunte sie mit offenem Mund über den prächtigen Kuppelsaal mit den festlich eingedeckten Tischen. Nur hatte ihr Filialleiter leider keine Lust, nach getrüffeltem Rahmwirsing noch irgendwo abzutanzen. Nein. Ins Bett wollte er dann. Mit ihr.

Wenn ich bei Kristian wohne, können wir ja auch außerhalb essen. Wie kocht man bloß? Sonja seufzte.

In ihrer Vorstellung kam sie über das Schlafzimmer nicht hinaus. Ob die Tapete hellrosa-weiß gestreift sein dürfte? Würde er das zu mädchenhaft finden? Und so ein riesiges Bett mit Baldachin oder besser nicht? Ich lege mich mit grün lackierten Fußnägeln da drauf und mit sonst gar nichts. Grün hebt sich so schön von rosa ab.

Eins nach dem anderen, ging es ihr durch den Kopf, ehe sie gegen zwei Uhr einschlief.

6. KAPITEL

„Ist das warm!“ Nora Friedrichsen setzte sich auf die Leitersprossen und ließ die Beine baumeln, während sie die Hemdärmel hochkrempelte, die ständig rutschten. In der Dachrinne lag eine Flasche Wasser. So brauchte sie nicht jedes Mal nach unten steigen. Sie griff danach, öffnete und trank durstig. Den Rest goss sie sich über das Gesicht und ließ es vom Wind trocknen.

Diese Insel … Kennengelernt hatte sie Hiddensee vor vielen Jahren, und die Erinnerung daran war geblieben als eine Sehnsucht, der man gern nachhängt. Sie hatte sogar seit einiger Zeit im Gesamtwerk Gerhart Hauptmanns gelesen.

Als die Dinge geschahen, die ihr Leben durcheinander wirbelten, übergab sie ihren anstrengenden Job für die Zeit des Jahresurlaubs ...

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