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Eine Herzensbrecherin zum Verlieben

1. KAPITEL

Die Sand Bar, der kleinste aber feinste Club von Melbourne, lag in einer versteckten Seitengasse des Stadtzentrums und war an diesem Samstagabend besonders gut besucht.

„Ist der süß!“ Franny musste schreien, damit ihre Freundin sie überhaupt wahrnahm.

Verträumt starrte Caitlyn auf den gut aussehenden Typen, der in Jeans und T-Shirt am anderen Ende der Bar stand. Unbewusst spielte sie dabei mit ihren glitzernden Ohrhängern.

„Ja, ist er. Und für einen Mann, der sich die meiste Zeit draußen aufhält, hat er echt schöne Hände. Er spielt sicher Klavier.“

Franny prustete vor Lachen in ihr Cocktailglas und erschütterte damit den kleinen Flamingo aus Plastik, der nun bedenklich schief in ihrem Getränk herumtanzte. „Wenn der Junge Klavier spielt, dann machen mich die Kritzeleien auf dem Block neben meinem Telefon zu einem weiblichen Picasso.“

Auch Caitlyn griff nach ihrem pinkfarbenen Cocktail, sah Franny jedoch im selben Moment aus großen Augen an. „Was genau meinst du damit?“

„Du bist ganz ehrlich die einzige Frau, die es schafft, in einem Mann, dem sie gerade erst begegnet ist, einen möglichen Heiratskandidaten zu sehen.“

„Das stimmt nicht! Ich habe noch nie …“

„Du weißt, dass das stimmt“, fiel Franny ihrer Freundin ins Wort. „Du schwebst immer gleich im siebten Himmel. Aber du brauchst jemanden, der dich wieder auf die Erde zurückholt. Einen Typen, der dich mal nicht mit der Nummer durchkommen lässt, die du dauernd abziehst. Jemanden, der nach seinen eigenen Regeln spielt – und nicht nach deinen.“

Caitlyn starrte immer noch auf ihr Date, an dessen Waschbrettbauch sich gerade zwei aufgedonnerte Blondinen vorbeidrängelten.

„Glaub mir Franny, wir hören im Moment noch keine Hochzeitsglocken“, widersprach sie mit Nachdruck.

Franny stupste sie von der Seite an. „Hauptsache, ihr hört ab und zu die Bettfedern quietschen.“

Caitlyn gab der Freundin einen empörten Hieb auf den Oberarm. „Wir kennen uns erst seit einer Woche.“

Franny schüttelte den Kopf. „Das ist doch kein Gegenargument!“

Caitlyn hingegen war keine Frau, die mit irgendwelchen Typen sofort ins Bett ging. Schneller Sex bedeutete ihr nichts. Für sie musste sich das Feuer der Leidenschaft langsam ausbreiten. Verstohlene Blicke, heimliche Berührungen und scheue Küsse, die eine wunderbare Art von Anspannung verursachten. Das war Caitlyns Adrenalinkick. Die Vorfreude und dann der Moment in dem man die Hände nicht mehr voneinander lassen konnte. Die kurze Zeit der Realitätsverdrängung – besser als alles, was danach kam. Und so würde der gute Junge erst einmal warten müssen.

Gerade sah er zu Caitlyn und Franny hinüber und grinste. Er schien offen und selbstsicher, aber wenn Caitlyn ganz ehrlich zu sich selbst war, musste sie zugeben, dass er ihr auch ein wenig dämlich erschien. Trotz allem hatte Franny recht: Sein zerzaustes blondes Haar und seine Grübchen ergaben zusammen mit dem Grinsen ein ungemein süßes Gesamtbild.

Mit einem zufriedenen Lächeln gab Caitlyn der Freundin in Zeichensprache zu verstehen, dass sie sich kurz frisch machen wollte. Sie holte tief Luft und machte sich dann so klein und dünn wie möglich, um sich einen Weg durch die endlose Masse an feiernden Clubgästen zu bahnen.

Nach ein paar Metern musste sie jedoch wieder ihre normale Gestalt annehmen, um sehen zu können, wo sich die Damen­toilette befand. Sie drehte sich um und stieß mit dem Kopf gegen eine Wand.

Jedenfalls fühlte es sich so an. Im nächsten Moment jedoch bemerkte Caitlyn, dass die Wand ungewöhnlich warm und nachgiebig war und außerdem einen Anzug trug.

Sie wich zurück, wurde jedoch im Gedrängel erneut an die Wand gedrückt.

„Wow“, stöhnte sie. Die Situation war irgendwie beunruhigend, und Caitlyn versuchte, sich aufrecht zu stellen, indem sie sich an der Wand abstützte.

Dann sah sie nach oben, und ihr Blick war wie gefesselt: Die Wand hatte ein Gesicht. Ein ernstes Gesicht mit dunklen Augen. Schwarzes Haar. Eine sehr gut aussehende Wand.

Caitlyn blickte in die dunklen Augen. Wie lange, wusste sie nicht. Sekunden? Minuten?

„Tut mir leid“, sagte sie schließlich, so atemlos, als hätte ihr der jüngste Zusammenstoß die Luft abgeschnitten.

Als sie schon überzeugt war, keine Antwort mehr zu bekommen, hörte sie eine samtige tiefe Stimme. „Was genau?“

Caitlyn schluckte. Zumindest versuchte sie es. Aber ihr Mund war wie ausgetrocknet.

Sie schüttelte sich den Pony aus dem Gesicht und gab sich Mühe, selbstsicher zu wirken. Dennoch zitterte sie ein wenig, als sie direkt in die Augen des Unbekannten sah und antwortete: „Es ist nicht meine Art, mich fremden Männern in die Arme zu werfen.“

„Dafür machen Sie das gar nicht so schlecht.“

Sie lachte und merkte, dass ihre Brust gegen seine gedrückt wurde. Gegen seinen starken warmen Oberkörper. Caitlyn fühlte ihre Knie nachgeben. Sie hielt sich am Jackenkragen des Fremden fest und wünschte sich, dass sie seine Augen besser sehen könnte. Lag darin der Anflug eines Lächelns? Eigentlich war es recht hell im Club, aber irgendwie schien dieser Mann von Dunkelheit umgeben.

„Okay“, entgegnete sie. „Es ist meine typische Anmache. Nicht sehr originell, aber ein Klassiker. Mein täglich Brot.“

„Mmm. Es gibt Gründe, warum Klassiker zu solchen werden.“ Die überlegten Worte und der angenehme Klang seiner Stimme waren wie eine Berührung. Als würde jemand sanft mit dem Finger ihre Wirbelsäule hinab streicheln.

„Und der wäre?“

„Sie haben sich bewährt.“

Caitlyn fühlte die intensiven Bass-Schläge der Musik bis in ihren Magen. Oder vielleicht war es ihr Puls, der unaufhaltsam raste. Möglicherweise spürte sie auch den heftigen Pulsschlag des Fremden. Nah genug standen sie sich ja.

„Caitlyn March“, stellte sie sich vor, denn es schien ihr recht unhöflich, an jemandem zu kleben, den sie nicht kannte. Irgendwie schaffte sie es, seine Hand zu schütteln.

„Dax Bainbridge.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen.“

„Ebenfalls.“

Die Discolichter flackerten in diesem Moment: an – aus, an – aus. Und Dank der visuellen Untermalung eines ohrenbetäubenden 80er-Jahre-Hits konnte Caitlyn das Gesicht des Fremden endlich richtig erkennen.

Er sah unfassbar gut aus. Unter normalen Umständen hätte Caitlyn in die andere Richtung geblickt – aus Angst davor, die Beherrschung zu verlieren.

Der Fremde lächelte Caitlyn an.

Kein selbstgefälliges Grinsen, nur die Spur eines Lächelns, die über sein ernstes Gesicht huschte. Und seine dunklen Augen leuchteten auf.

Ganz sicher musste das Herz jeder Frau bei diesem Anblick ein paar Sekunden aussetzen. So wie Caitlyns Herz – und ihr Gehirn. Es war, als hätte sie jemand mit einem Baseballschläger am Kopf getroffen.

Aus dem Augenwinkel nahm sie die Bewegungen der tanzenden Clubgäste wahr, doch all das erschein ihr wie in Zeitlupe. Wieder fühlte sie die Bass-Schläge der Musik in ihrem Magen – immer tiefer, immer heftiger.

Bewegten der Fremde und sie sich ebenfalls zur Musik? Es fühlte sich zumindest so an.

„Tanzen Sie?“ Die Worte waren gesagt, ohne dass sie es wollte. Sie merkte, dass er über eine passende Antwort nachdachte, und korrigierte sich schnell: „Ich meine, generell, in Clubs wie diesem? Ich wollte nicht fragen, ob sie ein professioneller Tänzer sind. Sie sehen ja nicht wie ein Balletttänzer oder so aus. Und sicher wäre es auch ziemlich schwierig Pirouetten zu drehen, in einem Anzug wie Ihrem.“

Er antwortete nicht. Es war auch nicht so, als ob Caitlyn das noch erwartet hätte. Sie stand so fest an ihn gedrückt, dass sie sein Herz schlagen fühlte. Oder vielleicht lachte er sie aus?

Sie war kurz davor, diesem Mann zu verfallen. Er roch so gut. Und er lachte.

Sollte er doch. Caitlyn würde sich umdrehen und gehen … in die Richtung, in die sie wollte, als sie über ihn gestolpert war. Wohin war das noch mal? Himmel, er roch so gut und fühlte sich so gut an. Ein wohliger Schauer erfasste Caitlyns Körper. Sie konnte nicht weggehen.

Auch weil der Fremde sie – wie sie erst jetzt bemerkte – immer noch in den Armen hielt.

Nicht irgendwie unangemessen oder unschicklich. Er hielt sie einfach. Aus den Boxen ertönten gerade die ersten Klänge eines großen Welthits, die die Club-Besucher geschlossen auf die viel zu kleine Tanzfläche strömen ließen.

Sicher wollte er sie nur davor bewahren, nochmals gegen ihre Mitmenschen geschubst zu werden. Oder gegen Wände. Er war also höflich.

Noch mehr Drängeln, noch mehr Schubsen. Schon wurde sie wieder gegen ihn gestoßen. Er hielt sie noch fester. Die Menschenmenge löste sich. Sein Arm tat es nicht. Doch keine bloße Höflichkeit.

Er drückte sich an sie. Oder sie sich an ihn? Wie auch immer – noch näher konnte man sich kaum sein. Ihre Schenkel waren zwischen seinen. Durch den Stoff ihres Kleides konnte sie seine Muskeln spüren und das kalte Metall seiner Gürtelschnalle an ihrem Bauch. Das Blut rauschte Caitlyn so laut in den Ohren, dass sie die Musik nicht mehr hörte. Um sie herum drehte sich alles.

Es fühlte sich an, als würde der Boden unter ihren Füßen wegbrechen. Als befände sie sich kurz vor dem freien Fall. Noch eine falsche – oder richtige – Bewegung von diesem Mann und sie würde die Arme um ihn schlingen, sich ihm an den Hals werfen und niemals mehr loslassen. Von ihm gingen Stärke und Wärme aus, und Caitlyn sah sich bereits mit ihm durch den Hinterausgang flüchten. Und in der kleinen Seitengasse wäre sicher eine Ecke, in der sie …

Und dann fiel ihr der Junge an der Bar wieder ein. Der Junge, mit dem sie verabredet war. Wie hieß er noch mal? Sie hatte doch wirklich seinen Namen vergessen.

Diese Tatsache und noch mehr die Erkenntnis, dass sie sich unter den gegebenen Umständen nicht mehr lange auf ihren High Heels halten würde, alarmierten Caitlyns Bewusstsein. Unsicher wich sie zurück, löste sie ihre Finger von der Jacke des Fremden und ihren Körper von seinem.

Der Welthit war vorbei. Im nächsten Augenblick erfreute der DJ seine Fans mit einer langsamen Ballade, und das Discolicht verwandelte sich in einen Sternenhimmel.

„Danke, dass Sie mich gerettet haben.“ Caitlyn musste die Worte fast schreien.

„Es war mir eine Ehre, Sie retten zu dürfen.“

Obwohl der Abschied ihr einen Hieb in die Magengrube versetzte, schaffte sie es zu lachen. Woraufhin sich in dem ernsten Gesicht ihres Gegenübers nochmals der Anflug eines Lächelns zeigte.

Das machte ihn liebenswert. Und sexy.

Hatte sie das laut gesagt? Hoffentlich nicht. Das wäre wie in einer dieser Albtraumszenen, in der man nicht wusste, dass man den hinteren Saum seines Kleides versehentlich in sein Unterhöschen gestopft hatte. Wie peinlich.

Diskret überprüfte sie ihren Rocksaum. Alles in Ordnung.

„Na dann“, sie deutete hastig in Richtung Bar. „Ich werd jetzt dann besser zu meiner Freundin zurückgehen. Sie denkt sonst noch, dass ich von Außerirdischen entführt wurde. Nicht dass sie übermäßig an UFOs interessiert wäre, oder so. Obwohl wir eines Nachts mal was echt Seltsames gesehen haben …“

Lass gut sein. Geh einfach!

„Also, schönen Abend noch!“ Sie winkte ihm zu.

Er nickte amüsiert. Dann lächelte er wieder – nur ein bisschen. Und in seinen Augen flackerte noch einmal das Leuchten auf, das Caitlyn kurz vorher beinahe um den Verstand gebracht hätte.

Sie machte einen Knicks. Einen Knicks! Dann tat sie einen hastigen Schritt zurück, rannte dabei irgendjemanden um und machte auf dem Absatz kehrt, wobei sie ein unverständliches „Entschuldigung“ nuschelte. Prompt stieß sie gegen den nächsten Tänzer und blickte nochmals zurück, damit sie sich mit einem Schlussakt-Winken von ihrer neuen Bekanntschaft verabschieden könnte. Das Letzte, das er von ihr sah, sollte ja keine Szene sein, in der sie einem weiteren Typen den Ellbogen ins Gesicht rammte.

Doch er war bereits verschwunden.

Verwirrt blieb Caitlyn für einen Moment in der Mitte der Tanzfläche stehen.

Als sie kurz darauf von einer Gruppe grinsender Männer umzingelt wurde, die alle dieselben T-Shirts mit der Aufschrift „Schüchtern – bitte ansprechen“ trugen, kam ihr messerscharfer Verstand jedoch schnell wieder zurück. Sie beendete den Belagerungszustand und strebte auf wackeligen Beinen in Frannys Richtung.

Ihre Knie zitterten noch immer, und sie konnte sich nicht erinnern, jemals so intensiv auf ein erstes Treffen mit einem Mann reagiert zu haben. Auch auf keines danach. All diese Gefühle nur aufgrund einer einzigen Berührung ihrer Körper, eines schmachtenden Augenkontakts und einer nicht einmal fünfminütigen Unterhaltung. Da waren keine verstohlenen Blicke gewesen, keine unbeholfenen ersten Annäherungsversuche. Nur eine Detonation, die Caitlyns ganzen Körper erfasst hatte. Sie hielt sich eine Hand auf ihren schmerzenden Magen.

Und das gerade jetzt. Intensität war doch das absolut Letzte, das sie wollte oder brauchte. Die kürzliche Trennung von ihrem Verlobten hatte ihr genug Intensität für ein ganzes Leben beschert.

Der arme George hatte es sehr schwer genommen. Kein Wunder: Er war sich Caitlyns Liebe so sicher gewesen, dass er ihr den Verlobungsring seiner Großmutter geschenkt hatte. Aber Caitlyn hatte Panik bekommen – wie immer. Und so hatte sie George verlassen.

Sie verdrängte die Gedanken daran. Obwohl der Vorfall nicht mehr ganz so schwer auf ihr lastete, fühlte es sich immer noch an, als würde ein alter Schal um ihre Schultern liegen. Ein Schal, der nach Mottenkugeln roch. Jetzt war doch alles anders. Sie war anders. Zumindest versuchte sie, anders zu sein.

In den ersten Wochen nach der Trennung hatte sie versucht, dem männlichen Geschlecht für immer abzuschwören. Doch nachdem sie sich endlose Samstagabende auf der Couch verkrochen hatte, war sie an den Rande eines Nervenzusammenbruchs gelangt. Danach hatte sie sich mit Frannys Hilfe dazu entschlossen, dass sie keine selbst auferlegte Enthaltsamkeit ausleben müsste, sondern sich ganz einfach an zwanglosem Spaß versuchen sollte. Zusammen mit irgendeinem gut aussehenden, aber oberflächlichen Typen. Sozusagen als Balsam für ihre geschundene Seele.

„Was war denn das eben?“, fragte Franny und konnte gar nicht schnell genug von ihrem Barhocker aufspringen.

Caitlyn setzte sich auf ihren Platz und gab sich Mühe, Interesse für ihren lauwarmen Cocktail vorzutäuschen. „Was eben?“

„Du und der Anzugmensch da hinten. Das. Ich dachte schon, ihr wolltet euch mitten auf der Tanzfläche an die Wäsche gehen. Wer war das?“

„Dax … Irgendwas.“

„Ok, mal langsam. Dein Date heute ist ja ein echt süßer Junge. Aber der Anzugmensch ist ein MANN.“

Caitlyn sah hinüber zu ihrem blonden Date, der gerade im Begriff war, der „Ich-bin-schüchtern“-Truppe zuzuprosten. Sie kniff die Augen zusammen und drehte sich dann wieder Franny zu.

„Wieso betonst du das Wort Mann so komisch?“

„Ich denke, die Betonung hat er sich verdient.“

Franny wurde plötzlich still. Und das für länger, als Caitlyn es je für möglich gehalten hätte.

Sie folgte dem Blick der Freundin und entdeckte Dax Irgendwas auf der anderen Seite der Tanzfläche. Um ihn standen ein paar Leute, während er mit offensichtlicher Ratlosigkeit eine junge Frau vor ihm betrachtete. Sie musste ungefähr in Caitlyns Alter sein. Das Mädchen hatte sich Feenflügel über ihre Arme gespannt, und flatterte herum, als wollte sie gleich abheben.

Er war größer als alle, die ihn umringten. Er hatte breitere Schultern. Caitlyn musterte das schwarze Haar und den dunklen Anzug. Und das ernste Gesicht.

Er wirkte, als wäre er für die ganze Welt verantwortlich.

Aber auch, als würde er immer das bekommen, was er wollte.

Franny hatte recht, er war ein richtiger Mann. Caitlyn holte tief Luft. Er hatte so gut gerochen. Als ihr bewusst wurde, dass ein Rest von seinem Duft noch immer auf ihrer Haut lag, kam die Erregung zurück und durchströmte Caitlyns ganzen Körper, genau wie in dem Moment, in dem sie diesem attraktiven Mann tief in die Augen gesehen hatte und darin die Leidenschaft erkannte, die sie selber fühlte.

Doch egal, wie sehr ihr Körper ihn begehrte, ihr Verstand sagte, dass er eine Nummer zu groß für sie war. Zu viel Leidenschaft, zu viel Intensität. Sie war auf der Suche nach Balsam für ihre Seele, nicht nach einem Feuer, das alles verzehren würde.

Schade.

Dax Irgendwas schaute flüchtig auf seine Armbanduhr. Dann sah er sich im Raum um. Beinahe wäre sein Blick auf Caitlyns getroffen.

Schnell drehte sie sich um. Sie spürte, wie ihre Wangen glühten. Caitlyn packte Franny am Arm und riss damit die Freundin aus ihrem Trance-Zustand.

„Hör auf, ihn anzustarren“, flüsterte sie, als könnte er sie hören. „Du renkst dir sonst noch die Halswirbel aus.“

„Das wäre es wert.“

Es war kurz nach zwei Uhr morgens in dem vernebelten, lauten und stickigen Nachtclub, als Dax beschloss, dass er lange genug in den Geburtstag seiner Schwester Lauren hineingefeiert hatte. Eigentlich hatte er für Privatvergnügen keine Zeit.

Er musste auf dem schnellsten Weg nach Hause. Dort wartete noch ein Berg Petitionen an die Stiftung, über deren definitiven Verlauf nur er entscheiden konnte. Und auch die ausländischen Börsenberichte musste er noch einmal überprüfen, bevor er endlich schlafen gehen konnte.

Doch irgendwie weigerten sich seine Beine, ihn heimzutragen. Sie blieben einfach wie angewurzelt stehen. Und das hatte nichts damit zu tun, dass der Boden des Clubs um diese Uhrzeit von verschütteten Alkoholresten nur so klebte. Der Grund war eher eine gewisse junge Frau mit verträumten braunen Augen.

Verträumte braune Augen, die tief in seine geblickt hatten. Und warme Haut, die sich unter seinen Händen wie Samt angefühlt hatte. Dazu dieser weiche rote Mund, der dazu gemacht schien, geküsst zu werden. Richtig geküsst.

Caitlyn … Irgendwas. Allein die Erinnerung an ihren Namen brachte Dax aus dem Gleichgewicht. Doch seine Beine bewegten sich nicht. Noch einmal ließ er den Blick durch den Raum schweifen.

Die Menschenmenge tanzte zu den Rhythmen eines recht seltsamen Stückes. Verschwitzte, zügellose Körper, die sich hin- und herwiegten. Dax erhaschte immer mal einen Blick in die entfernteren Ecken des Clubs, bevor die zappelnde Masse ihm diesen dann wieder versperrte.

Er rieb sich die Schläfen, um seiner wachsenden Anspannung Herr zu werden. Zu gern hätte er sie noch einmal gesehen: das kastanienbraune Haar, die weiße Haut und die zarten Rundungen. Diese Erinnerung wollte er dann mit nach Hause nehmen. In sein leeres Bett.

Die Menge lichtete sich. Und dann entdeckte er Caitlyn. Selbst im gedimmten Licht glänzte ihr Haar. Sie saß auf einem Barhocker, die Beine übereinandergeschlagen. Ihr rechtes Bein wippte zum Takt der Musik. Daxs Blick wanderte von ihren High Heels über das dünne Abendkleid bis zu ihren nackten Schultern hinauf. Sie war so süß. So sexy.

Das Nächste, was ihm auffiel, war, dass wohl ein halbes Dutzend Männer diese Frau ins Visier genommen hatte. Die gierigen Blicke, die sie ihr zuwarfen, waren mehr als eindeutig. Er konnte sich nicht vorstellen, wie Caitlyn diesem Wolfsrudel lebend entkommen wollte.

Vielleicht sollte er ihr dabei helfen? Jetzt, da er ihren Namen kannte, fühlte er sich irgendwie für sie verantwortlich. Er wusste, dass sie mit ihrer ungezwungen Art leicht in Schwierigkeiten geraten konnte. Über ihre Lippen kam schnell mal ein Wort zu viel.

Ihre Lippen …

Sein Anzug fühlte sich zu eng und zu warm an. Er lockerte seinen Hemdkragen, doch es half nichts. Tief in seinem Inneren wusste er, dass es nur eins gab, was zu tun war.

Er hatte halbe Sachen schon immer gehasst. Noch nie hatte er die Theorie vertreten, dass manche Dinge besser ungesagt blieben. Wenn er der Welt je ein Erbe vermachen könnte, wäre es eine einzige Botschaft: Jeder sollte zu Ende bringen, was er angefangen hat.

Plötzlich ließen sich seine Füße wieder bewegen. Entschlossen machte Dax sich auf den Weg und …

„Hey. Du siehst aus, als wärst du auf der Flucht!“ Rob, Laurens Ehemann, packte ihn an der Schulter und nagelte ihn damit erneut am Boden fest.

Dax seufzte schwer. So musste sich ein Rennpferd fühlen, das am Startblock zurückgehalten wurde.

„Reisende soll man nicht aufhalten“, fuhr Rob fort und zeigte in Richtung Bar. Auf SIE. „Ich hab euch vorhin tanzen sehen. Wer ist das?“

Caitlyn. Der Klang ihres Namens war für Dax wie der Gesang einer Sirene. Er schob die Hände in die Hosentaschen und sah seinen Schwager durchdringend an.

„Das war kein Tanzen. Die Menschenmassen hier sind schuld. Und das Gedrängel. Ich habe nur dafür gesorgt, dass die junge Dame nicht zertrampelt wird.“

„Natürlich. Das Gedrängel.“ Rob grinste bis über beide Ohren.

Zu spät erkannte Dax, dass er dabei war, sich selbst zu verraten. Weil er genau gewusst hatte, worauf sein Schwager anspielte. Er blickte hinüber zur Tanzfläche. „So eine Menschenmenge kann ziemlich gefährlich sein, Rob.“

„So eine Frau auch.“

So eine Frau. Allein der Gedanke an ihre Nähe fühlte sich an wie Feuer, das durch seine Adern schoss. Wie ein Waldbrand nach Monaten der Dürre.

Er ballte die Fäuste in seinen Taschen, bis sich die Nägel in seine Handflächen bohrten. Es half nichts.

Er musste sich der Situation stellen.

Soweit er es beurteilen konnte, hatte diese Frau mit Selbstschutz nicht viel am Hut. Sie war ihm so nah gekommen. Einem vollkommen Fremden. So etwas war gefährlich. Für Frauen wie sie waren nur nette Männer geeignet, vielleicht jemand wie Rob. Kein pragmatischer Realist, wie Dax selbst es war. Und doch war da diese immense Anziehungskraft gewesen. Auf beiden Seiten.

War so etwas genug, um die Sache weiter zu verfolgen? Er wusste absolut nichts über sie, mal abgesehen von der Tatsache, dass sie sein Blut mit nur einem Blick zum Kochen brachte. Der Name Bainbridge war nicht unbekannt. Die meisten Leute brachten damit gewisse Vorzüge in Verbindung. Vorzüge, die Dax als Fluch betrachtete.

Er blickte hinüber zu Lauren und sah, wie sie lachte und tanzte. Sie war so jung gewesen, als ihre Eltern starben. So aus der Bahn geworfen von dem uferlosen Chaos, das sie hinterließen. Es hatte sie zu einem leichten Opfer gemacht, in einem Meer von Haien, die ihre Chance auf das große Geld witterten.

All das schien Ewigkeiten zurückzuliegen. Dax war 22 gewesen, als ihm die komplette Verantwortung aufgebürdet wurde: für eine am Boden zerstörte 16-jährige Schwester, die er kaum kannte, und auch für das traditionsreiche Familienunternehmen, das damals kurz vor dem Ruin gestanden hatte. All seine eigenen Zukunftspläne waren von einem Tag auf den anderen zu Asche zerfallen.

Er hustete. Die stickige Luft in diesem Club brachte ihn fast um. Jemand hatte es mit der Nebelmaschine eindeutig übertrieben. Dennoch konnte er SIE sehen: den niedlichen Hitzkopf mit dem kastanienbraunen Haar.

Im Gegensatz zu ihr verfügte Dax über einen sehr ausgeprägten Selbstschutz-Mechanismus. Das war auch notwendig. Er wollte nie wieder von irgendetwas bis ins Mark getroffen werden. Das war ihm einmal passiert: durch die selbstsüchtigen und systematischen Intrigen seiner Eltern, kurz vor deren Tod.

Caitlyn hingegen wirkte auf ihn nicht wie ein Wolf im Schafspelz. Darauf hätte er seine Seele verwettet.

Sie war anders als die Frauen, die er sonst kannte. All diese Frauen, die ihn als Antwort auf ihre Gebete sahen, in denen sie sich Diamanten und Pelzmäntel gewünscht hatten. Caitlyn hatte ihn eher so angesehen wie ein Kind die Schokolade in einem großen Süßwarenladen.

Der Raum war unerträglich heiß und überfüllt. Trotzdem war Dax hellwach. Da sie das Thema Anmachsprüche bereits hinter sich gelassen hatten, konnte er der ungezwungenen Art dieser Frau nur die Stirn bieten, wenn er mit der Wahrheit herausrückte. Dass er sie wollte …

Sollte er es wagen?

Er schaute auf seine Uhr und zuckte zusammen. Es war viel zu spät. Doch zu spät wofür? Fast halb drei. Er hatte noch eine Menge Arbeit auf seinem Schreibtisch liegen. Andererseits würde diese morgen früh vielleicht besser zu erledigen sein.

„Ich werd dann mal gehen“, sagte Dax bestimmter als er eigentlich wollte. Doch seine Worte wurden ohnehin von den Bass-Schlägen der Musik übertönt.

Also klopfte er Rob auf die Schulter und zog los, um sich von seiner Schwester zu verabschieden. Er fand sie hüpfenderweise auf der Tanzfläche, wobei sich das Feenkrönchen auf ihrem Kopf und die Flügel auf ihrem Rücken im Takt mit bewegten.

„Hallo Bruder! Bitte sag nicht, dass du nach Hause musst!“

„Doch, ich muss wirklich. Ich hab um 6 Uhr eine Konferenzschaltung.“

„Dann mach doch die Nacht durch. Tanz ein bisschen!“ Sie vollführte ein paar Tangoschritte, um ihn zu ermutigen.

„Leider habe ich die Steppschuhe in meinem Zweitwagen vergessen.“

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