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Eine Frau, ein Wort

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  24. 20
  25. 21
  26. 22
  27. 23
  28. 24
  29. 25
  30. 26
  31. 27
  32. 28
  33. 29
  34. 30
  35. 31
  36. 32
  37. 33
  38. 34
  39. 35
  40. 36
  41. 37
  42. 38
  43. 39
  44. 40
  45. 41
  46. 42
  47. 43
  48. Danksagung

Über die Autorin

Haja Taddigs wollte ursprünglich Entwicklungshelferin werden, landete aber stattdessen im PR-Bereich. Nach einigen Jahren intensiver Unternehmens- und Verbraucherkommunikation hatte sie so viel Einblick in die Merkwürdigkeiten der menschlichen Seele gewonnen, dass sie beschloss, diese sinnvoll zu verwerten und Autorin zu werden. Seitdem schreibt sie für verschiedene TV-Formate. Zusammen mit ihrem Mann Mathias Taddigs lebt und arbeitet sie in Hamburg.

1

Alle im Flugzeug glotzen mich an und hassen mich. Wie schnell sich das Blatt wenden kann, denn grade noch haben sie Felix gehasst. Und er ist ja wohl auch der Schuldige hier und nicht ich! Noch immer stehen wir auf dem Flughafen von Palma de Mallorca, obwohl wir schon seit einer Stunde in der Luft sein sollten. Den Gang des Flugzeugs bevölkern nun mein Frischverlobter Felix, eine Stewardess, ein Flugbegleiter, der Pilot und ich, Nina.

Felix hatte sich bis eben noch auf der Toilette verschanzt, dann hat ihn der Pilot mit einem Generalschlüssel herausgeholt. Ich bin mir aber gar nicht mal sicher, ob ich darüber glücklich bin, denn jetzt hat Felix das Durchsagemikro des Fliegers vor dem Mund und erklärt den Passagieren, dass ich ihn den ganzen Urlaub über belogen hätte.

Ich reiße ihm das Ding aus der Hand. »Das stimmt doch gar nicht! Ich wollte es dir sagen, bin nur nicht dazu gekommen«, verteidige ich mich. »Und du hast ja auch die ganze Zeit was vor mir geheim gehalten!«

Plötzlich ist das Mikro weg. Der Flugbegleiter hat es. »Das stimmt. Dass er dir nämlich einen romantischen Heiratsantrag machen wollte, was ja wohl ein klitzekleiner Unterschied ist. Er will mit dir den Rest seines Lebens verbringen, und dabei bist du schon längst verheiratet!«

Der Flugbegleiter hat sich in dieser Talkrunde offensichtlich die Rolle von Britt Hagedorn ausgesucht. Und er findet Britt nicht nur gut, er möchte so sein wie sie – nur nicht so männlich! Das Problem ist: Britt, Detlev, oder wie immer er heißt, hat recht! Ich hätte Felix schon früher über mein Vorleben informieren müssen, immerhin sind wir seit fünf Jahren zusammen und jetzt seit einem halben Tag verlobt. Das mit dem Heiratsantrag war seine Mallorca-Überraschung für mich. Meine Überraschung für ihn war zugegebenermaßen weniger schön.

»Ich finde, man sollte immer ehrlich sein«, mischt sich jetzt die Stewardess ein, eine hübsche Blondine Typ Düsseldorf, und erntet dafür Applaus vom Talkshowpublikum in der Economyklasse. »Und man muss sich entscheiden, ob man mit jemandem wirklich zusammen sein möchte oder weiter vor einem ernsten Gespräch davonläuft.«

Ja, ja, ich habe es inzwischen auch verstanden, denke ich. Aber ausnahmsweise war ich gar nicht gemeint.

»Herrgottnochmal, ist ja gut!«, schimpft jetzt nämlich der Pilot. »Sobald ich zu Hause bin, spreche ich mit meiner Frau.«

Er bekommt dafür einen intensiven Kuss von der Stewardess und erstaunte Blicke von allen anderen. Britt/Detlev fängt sich als Erster.

»Sieht ganz so aus, als hätten wir eine Siegerin.« Er hebt den Arm der Stewardess wie nach einem Boxkampf. Mir wird es zu viel.

»Das ist echt wie bei Britt. Fehlt nur noch der Vaterschaftstest! Freiwillige vor!«, sage ich.

Die Stewardess wirft mir einen erschrockenen Blick zu und hält sich den eigentlich flachen Bauch.

»Woher weißt du das?«, fragt sie.

Jetzt schaut der Pilot sie entsetzt an. »Du bist schwanger? Ich dachte, du nimmst die Pille!«

Sauer dampft er in sein Cockpit ab. Die Stewardess verschwindet heulend in der Toilette, die bis vor Kurzem noch Felix als Asyl gedient hat. Ich hoffe, der Abflug verzögert sich noch ein bisschen, denn ich möchte gerne warten, bis sich eventuelle Kamikazegedanken des Piloten verzogen haben, bevor er mit einigen Tonnen Stahl, noch mehr Kerosin und uns an Bord abhebt. Ich habe sowieso Schiss vorm Fliegen – und zwar buchstäblich –, da brauche ich nicht auch noch einen guten Grund dafür.

Britt schaut Felix und mich an. »Und was ist jetzt mit euch?«

Ja, gute Frage.

2

Meine Kollegen im Büro sind sehr lustig. Das glauben sie zumindest. Ihre bahnbrechenden Humorattacken erstrecken sich vom Salz im Zuckertopf neben der Kaffeemaschine bis zum Telefonhörer, der mit Klebeband festgeklebt wird. Und so dachte ich natürlich auch an einen neuen Streich meiner unterqualifizierten und überbezahlten Büronachbarn, als das Telefon klingelte und sich eine weibliche Stimme als Headhunterin vorstellte. Ich wollte sie abwimmeln, sie ließ jedoch nicht locker und bat mich, nach der Arbeit noch einmal Kontakt mit ihr aufzunehmen. Ein kleiner Check im Internet verriet mir, dass diese Véronique Reich keine Erfindung der Abteilung nebenan war, sondern völlig real. Also rief ich sie abends an. Erstaunlicherweise kannte sie sämtliche Eckdaten meiner Ausbildung und meines Berufslebens.

»Woher wissen Sie das alles?«, fragte ich.

»Berufsgeheimnis«, antwortete sie nur.

»Exakt. Ich hatte gedacht, meine Daten würden unter das Berufsgeheimnis fallen.«

»Mein Berufsgeheimnis ist, dass ich hinter die Berufsgeheimnisse der anderen komme.«

Ich stellte mir ihr Büro jetzt ein bisschen wie eine Geheimdienstzentrale vor. Riesige Aktenschränke mit persönlichen Informationen über alles und jeden. Ein Lager voll mit modernster Abhörelektronik, wie man sie in diversen Stasifilmen gesehen hat. Und Kameras mit riesigen Objektiven, wie sie nicht mal die Paparazzi haben, die auf den Bäumen um Brangelinas Anwesen leben.

»In Ihrem Fall habe ich einfach Ihr Profil im Internet angeklickt«, berichtete Frau Reich.

Ach ja, das hatte ich ja mal eingegeben. Eine Freundin hatte gemeint, man müsse so etwas haben. Eine Art Business-Facebook, also ohne Bilder von Urlauben, lustig frisierten Hunden und ausgelassenen Partys. Dass sie dadurch, mich ganz uneigennützig geworben zu haben, eine kostenlose Premiummitgliedschaft erhielt, kam irgendwie dazu. Also hatte ich das Profil eingerichtet und dort am Anfang hin und wieder meinen Exfreund Gregor ausspioniert. Nachdem er mich darauf hinwies, dass man sehen könne, wer sein Profil besuche, und er sich über mein Interesse an seinem Leben sehr freue, beendete ich beschämt mein Hobbystalking. Inzwischen hatte ich auch längst die Zugangsdaten vergessen. Und jetzt hatte mich also Frau Reich gefunden.

»Schlau, schlau!«, meinte ich, ein wenig enttäuscht, dass die Geheimagententheorie sich so mir nichts, dir nichts in Luft aufgelöst hatte.

Tatsächlich aber, wie sich viel später herausstellte, hatten Frau Reich und ich eine gemeinsame Bekannte, bei der ich mit meinen eigentlich relativ beschränkten Excelfähigkeiten ziemlichen Eindruck hinterlassen hatte.

Frau Schulte-Engel, unser kleinster gemeinsamer Nenner, hatte in unserer Agentur hübsche, eloquente Hostessen für einen Messestand gebucht, den sie betreute. Zum Eröffnungstag war leider ihre Assistentin ausgefallen, die sich um »alles mit Computer« kümmerte. Nun musste sie selber eine Kalkulation in Excel machen und scheiterte kläglich dran. Da ich noch nie sehen mochte, wie jemand leidet, bot ich ihr meine Hilfe an, und nach wenigen Klicks hatte sie die gewünschte Aufstellung. Sie wollte mich zum Dank zum Essen einladen, aber ich schlug aus, weil es nun wirklich keine große Sache gewesen war. Für mich zumindest nicht. Wir tauschten Visitenkarten aus, und während ihre in der Krimskramsschublade landete, hatte meine wohl ihren Weg zu Frau Reich gefunden.

»Und Sie passen genau auf die Anforderungen für eine Stelle, in einer jungen, aber sehr erfolgreichen Unternehmensberatung, die sich auf die Rekrutierung von Fach- und Führungskräften spezialisiert hat. Außerdem bieten sich für Sie exzellente Karrieremöglichkeiten«, fuhr Frau Reich fort.

»Aha«, sagte ich unaufgeregt. »Aber ich bin in meinem Unternehmen eigentlich ganz zufrieden.«

Das war gelogen. Meinen Job fand ich inzwischen so aufregend wie die zwanzigste Wiederholung von »Pretty Woman« zur Hauptsendezeit. Ich hatte schon lange darüber nachgedacht, den Arbeitsplatz zu wechseln, mich aber aus lauter Bequemlichkeit um nichts gekümmert.

»Es geht immer noch ein bisschen besser!«, beharrte Frau Reich. »Vor allem finanziell. Die Firma zahlt nämlich sehr gut.«

Darin unterschied sich das Unternehmen zweifellos von meinem aktuellen Arbeitgeber. Frau Reich hatte ab sofort meine volle Aufmerksamkeit.

3

Bist du dir sicher, dass das nicht das Jahresgehalt war?«, fragte Anja mich ungläubig.

»Im Monat!«, entgegnete ich. »Und ein vierzehntes gibt es noch dazu.«

Ungelegte Eier diskutierte ich nie mit Felix, sondern immer mit meiner Freundin Anja. Die wohnte mittlerweile in München, also hatte ich sie direkt angerufen, als ich zu Hause ankam.

»Die müssen sich da doch verhauen!«, argwöhnte Anja.

»Was soll denn das heißen? Meinst du, ich bin das Geld nicht wert?«, fragte ich trotzig.

Woher sollte Anja auch meinen Marktwert kennen? Sie arbeitete im Vertrieb für eine Modemarke, die sie selber nicht mal trug! Hinter vorgehaltener Hand nannte sie es immer Uschi-Mode. Was es leider genau traf. Nichts gegen Uschis, meine Lieblingstante heißt so. Und sie freut sich immer, wenn ich ihr ein Kleidungsstück schenke, das Anja handverlesen aussortiert hat und meine Mutter nicht haben will.

»Hast du es Felix schon erzählt?«, wollte Anja als Nächstes berechtigterweise wissen.

Felix war immer zufrieden mit dem jeweiligen Zustand und sperrte sich meistens gegen Veränderungen.

»Ach, Anja, du weißt doch, wie er so ist. Ich warte ab, ob ich überhaupt zum Vorstellungsgespräch eingeladen werde, und dann sage ich’s ihm.«

Wir fanden beide, dass das die beste Lösung sei.

»Hast du eigentlich schon geschlafen?«, erkundigte ich mich. »Du klingst ziemlich verpennt!«

»Nee, ich war nur die ganze Nacht wach, weil ich so Bauchschmerzen hatte. Tante Rosa steht wohl vor der Tür. Was aber auch langsam Zeit wird, ich hatte schon angefangen, mir Sorgen zu machen. Nur klopft sie diesmal nicht bloß an, sie will die Tür eintreten!«

Anja bekam nie »ihre Tage«. Bei ihr hieß das: Tante Rosa kommt zu Besuch.

»Hey, noch was anderes«, fuhr sie fort, »wir wollen in fünf Wochen nach Mallorca fliegen. Arne hat über einen Kumpel eine schicke Finca zum wirklich fairen Preis vermittelt bekommen. Wie sieht’s denn mit euch beiden aus, wollt ihr mitkommen? Ein paar Tage relaxen?«

»Warum nicht! Vorausgesetzt, die Finca ist nicht am Ballermann!«

Anja lachte laut auf. »Nee, da sind keine Fincas! Du warst wirklich noch nie dort?«

»Meine Eltern sind Nordseefans. Also ging’s jeden Sommer an den Deich.«

»Ist Mallorca denn für Felix okay?«, fragte Anja.

Nein, war es nicht. Er hasste Mallorca. Ich wusste, dass er vor Jahren mal mit Kumpels da gewesen war, die auch das Hotel ausgesucht hatten. Den Partyansprüchen entsprechend war es sehr günstig, lag nah an der Jubel-Trubel-Heiterkeit-Zone und noch näher an der Einflugschneise des Flughafens. Weil Felix damals mit Antibiotika behandelt worden war, durfte er keinen Tropfen Alkohol trinken, um sich das Ganze wenigstens schönzusaufen. Seit dem Erlebnis hatte er nie wieder einen Fuß auf die Insel gesetzt, obwohl ihm immer alle versicherten, dass Mallorca auch schöne Seiten habe.

»Ich krieg ihn da schon hin«, behauptete ich trotzdem.

Nach unserer letzten gemeinsamen Reise war sowieso ich für die Urlaubsplanung zuständig.

»Seit uns das Zelt in Zandvoort um die Ohren geflogen ist, hält er sich aus so was raus«, lachte ich.

Damals, zu meinem Dreißigsten, hatte ich bloß fliehen und mir nicht die Alter-Feger-Witze anhören wollen. Natürlich hatte ich sie dann später trotzdem auf meiner Mailbox. Und Felix hatte mir etwas ganz Besonderes bieten wollen. Mit ihm wurde es mir nie langweilig. Er kam immer mit irgendwelchen verrückten Ideen und Aktionen um die Ecke. Und sosehr ich ihn sonst für seine kleinen Pläne und sogar für seine Tollpatschigkeiten liebte, wäre ich an diesem Morgen lieber zu Hause geblieben und hätte auch noch recht damit gehabt. Jedenfalls schmiss er mich, obwohl ich ja immerhin Geburtstag hatte, morgens um acht Uhr aus dem Bett, setzte mich mit verbundenen Augen ins Auto und fuhr los. Die Augenbinde durfte ich erst abnehmen, als wir von den Grenzbeamten angehalten wurden, weil sie dachten, ich würde entführt. Bis dahin war ich noch gerührt von der Mühe, die Felix sich mir zuliebe machte. Leider hatte er, romantisch wie er war, auf ein Hotel verzichtet und unser altes Festivalzelt mitgenommen. Genau genommen mein altes Zelt, das ich nie hatte selber aufbauen müssen, weil es immer flirtbereite Jungs gab, die das für mich erledigten.

Aber dafür, dass Felix beruflich ganze Reihenhauszeilen in die Landschaft stellte, hatte er erschreckend wenig Ahnung vom Zeltaufbau. Erschwerend kam noch eine Orkanböe dazu, die uns das Zelt quasi aus den Händen riss und meilenweit davontrug. Inklusive zweier Champagnerflaschen, die Felix »zum Beschweren« reingelegt hatte. Uns blieb nichts anderes übrig, als in unserem Auto zu übernachten. Und zur Strafe ließ ich Felix nicht auf die Rückbank!

Ich versicherte Anja, dass es mit dem spontanen Urlaub schon hinhauen würde. Und sie drückte mir die Daumen, dass es mit dem Vorstellungsgespräch klappte.

Genau, als ich das Gespräch beendet hatte, kam Felix nach Hause. Ich winkte mit dem Handy, zog ihn zu mir und gab ihm zur Begrüßung einen extralangen Ich-erzähl-dir-gleich-was-Kuss.

»Ich habe grade mit Anja telefoniert«, begann ich.

»Ach, die feinen Münchner Herrschaften«, frotzelte Felix. »Wie geht’s denen denn? Man kriegt von ihnen ja gar nichts mehr mit.«

Was ein Witz war, denn ich telefonierte fast täglich mit Anja.

»Gut geht’s denen. Sie möchten mit uns Urlaub machen. Ich hab zugesagt.«

Ich sah einen Funken Widerstand in Felix’ Gesicht aufblitzen, weil er nicht gefragt worden war, aber dann hatte wohl auch er das Bild des wegwehenden Zelts wieder vor Augen.

»Spitze!«, sagte er. »Wohin denn?«

»Mallorca.«

Jetzt entglitten ihm doch ein paar mehr Gesichtszüge. Sein guter Wille kämpfte eindeutig gegen seine Urlaubserinnerungen.

Er bekam nur ein »Aha« raus. Ich tat so, als hätte ich seine Verstimmung nicht bemerkt, und berichtete ihm betont begeistert von der Finca. Dann versprach ich Felix noch, ihm ein paar Bikinis vorzuführen, die ich mitnehmen wollte. Damit war sein Widerstand endgültig gebrochen.

Die Bikinivorführung war erwartungsgemäß kurz: Ich zog mir einen an, er zog ihn mir aus.

Danach kuschelte ich mich im Bett eng an Felix heran. Der Nach-Modenschau-Sex hatte erfolgreich dafür gesorgt, dass das Thema Mallorca auf dem kurzen Dienstweg durchgewinkt wurde; jetzt wollte ich die Situation auch gleich nutzen, um das Berufliche zu klären.

»Kann sein, dass ich die Firma wechsle«, sagte ich.

»Wie kommt’s?«, brummte er schon im Halbschlaf. In Sachen Nach-dem-Sex-umdrehen-und-Einschlafen war Felix ein Mustermann. Deshalb fixierte ich ihn sanft auf dem Rücken, indem ich mich noch enger an ihn kuschelte, sodass es ihm unmöglich war, sich umzudrehen. Trotzdem musste ich aufpassen, dass er nicht einschlief.

»Mich hat eine Headhunterin angerufen. Ich würde in einer Unternehmensberatung zur Personalreferentin aufsteigen und hätte mehr Verantwortung und vor allem viel mehr Kohle. Was meinst du, soll ich mich da bewerben?«

Jetzt, wo ich die Fakten ausgesprochen hatte, wurde mir selbst klar, dass ich es auf jeden Fall versuchen sollte. Ich wusste, dass es in meiner Firma keine Aufstiegsmöglichkeiten gab. Zwar war ich nicht unbedingt scharf drauf, die Karriereleiter nach oben zu klettern, aber bei dem Gedanken, die nächsten dreißig Arbeitsjahre im selben Büro zu verbringen, zog sich mir der Magen zusammen! Allerdings stand ich mit meiner Sicht der Dinge ziemlich allein da.

»Klar könntest du dich bewerben, aber warum willst du deinen Job aufs Spiel setzen? Erstens verdienst du ja schon jetzt gut, und so coole Kollegen findest du auch nicht so schnell.«

Felix kannte meine Kollegen nur vom WM-Schauen und Grillen auf der Firmenterrasse und von einer Weihnachtsfeier, zu der man seinen Anhang hatte mitbringen dürfen. Da hatten die Hobbycomedians natürlich nicht genügend Zeit gehabt, um ihm so nachhaltig auf den Geist zu gehen, wie sie es bei mir jeden Tag taten. Zudem hatte ich manchmal das Gefühl, dass Felix einer von ihnen war.

»Ich würde es gerne versuchen«, säuselte ich. »Einfach mal meinen Marktwert testen. Meinen bei dir kenne ich ja schon.«

Ich rückte noch etwas näher an ihn ran, was eigentlich gar nicht mehr möglich war.

»Wenn ich jetzt Ja sage, darf ich dann ein bisschen schlafen?«, knurrte er.

»Ja.«

»Ja.«

Mission erfüllt! Ich entließ Felix aus meiner Umklammerung und ging direkt zu meinem Notebook, um die Mail mit der Bewerbung, die ich schon während des Telefonats mit Anja fertig gemacht hatte, an Frau Reich zu schicken.

4

Zwei Wochen später wurde ich tatsächlich zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Der Termin mit gleich drei Leuten aus der Geschäftsführung lief gut, und wie Frau Reich mir ein paar Tage später verriet, kam ich sofort in die engere Auswahl.

Ich versuchte mit allen Mitteln, die Bewerbungsphase geheim zu halten, denn nur weil meine Kollegen selbst den ganzen Tag damit beschäftigt waren, Privatgespräche zu führen und in der Firmenküche Milch aufzuschäumen, um wahlweise Latte macchiato oder Chai Latte zu trinken, hieß das noch lange nicht, dass sie sich nicht brennend für die Angelegenheiten anderer interessierten. Und mit jedem Anruf weckte Frau Reich in mir immer mehr Lust auf den neuen Job.

Ade, ihr zickigen Hostessen, die ich jahrelang überreden musste, bei der Arbeit keinen Kaugummi mehr zu kauen.

Adios, ihr schmierigen Möchtegern-Manager-Typen, die sich und ihren ebenso notgeilen Kollegen beweisen wollen, dass sie doch noch ein junges Kaugummi kauendes Ding herumkriegen.

Und vor allen Dingen bye-bye, ihr lieben Kollegen, auf dass ich nie wieder »Nina, kannst du mir mal eben bei diesem oder jenem helfen?« hören musste.

Das Beste am neuen Job war, dass sogar die Möglichkeit bestand, nach einer kurzen Anlernphase einen Standort im Ausland mitbetreuen zu dürfen. Ich müsste dazu zwar einige Male ins Ausland reisen, aber die meiste Zeit würden die Verantwortlichen ohnehin nach Deutschland kommen. Ich wurde schon ganz aufgeregt bei dem Gedanken an mehr Internationalität in meinem Jobleben. Bisher habe ich das etwas vermisst. Laut seiner Website unterhielt das Unternehmen Büros in London, Kapstadt und Los Angeles. Wobei Langstreckenflüge mich schon ganz schön nervös machten. Na ja, Kurzstreckenflüge eigentlich auch. In den letzten Jahren war ich mit meiner Flugangst recht gut klargekommen, indem ich nämlich nur noch mit dem Auto und dem Zug verreist war. Ob die Phobie noch da war, würde ich ja noch früh genug herausfinden, wenn ich die goldene Miles-and-More-Vielfliegerkarte hatte. Wichtig war erst einmal, den Job überhaupt zu bekommen, und es sah gar nicht so schlecht für mich aus.

»Das Unternehmen setzt auf neue Köpfe und möchte frischen Wind. Sie werden dort hervorragend hineinpassen«, schmeichelte mir die Reich.

»Wie können Sie sich da so sicher sein?«, fragte ich vorsichtig, »Sie kennen mich doch kaum.«

»Weil Sie die nötigen Qualifikationen haben. Und unter uns gesagt, weil Sie eine Frau sind. Die Firma hat seit einiger Zeit das Problem, viel zu männlich aufzutreten.«

Na, toll, der Zufall, dass ich Nina und nicht Noah Spielmann heiße, verschafft mir einen Job. Ich wusste noch nicht, wie ich das finden sollte. Also hielt ich mich an Frau Reich, die es super fand.

Sie kümmerte es sowieso nicht, ob ich meinen alten Job verlor. Sie war sich erstaunlich sicher, dass ich den neuen bekommen würde. Die Kopfgeldprämie dürfte sich auf jeden Fall gelohnt haben.

Selbst Felix freute sich inzwischen auf meinen möglichen neuen Job und vor allem auf die Option einer Zweitwohnung in einer der aufregendsten Metropolen der Welt. Den Mitarbeitern wurde in jedem Zielgebiet nämlich eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Ich glaubte, sogar einen Kapstadt-Reiseführer unterm Bett gesehen zu haben.

Zwei Tage vor unserer Abreise nach Mallorca hatte ich den zweiten Vorstellungstermin bei meinem potenziellen Arbeitgeber. Ich rechnete mit einer großen Gesprächsrunde, in der ich mich gegenüber anderen Bewerbern würde profilieren müssen. Ich hatte mir ein Outfit ausgesucht, mit dem ich eine starke Persönlichkeit ausstrahlte. Na ja, so ungefähr hatte es zumindest in der Frauenzeitschrift gestanden. Der Artikel stammte von einer Psychologin, und die musste sich ja damit auskennen. Auch ein fester Händedruck sei wichtig und signalisiere Offenheit und Selbstbewusstsein, selbst wenn man grade die Hosen ziemlich voll habe. Kein Problem für mich, bereits mit zwölf hatte ich meinen Vater beim Armdrücken besiegt.

Also schlüpfte ich in einen taillierten Hosenanzug in Taubenblau. Den Tipp mit der Farbe gab mir Frau Reich, die mich nach meiner Garderobe ausfragte und zu dem Schluss kam, dass meine bisherigen Businessoutfits meinen Typ nicht unterstreichen würden. Bedeutend besser als die dunkelgrauen und braunen Hosenanzüge, die ich bereits besaß, würde Taubenblau meine dunkelbraunen Haare betonen. Die Auswahl eines blauen Anzugs ist gar nicht so leicht, wenn man nicht mit einer Busfahrerin verwechselt werden will. Für die Bluse hatte ich weniger tief in die Tasche gegriffen, denn davon sah man genau genommen ohnehin fast nur den Kragen. Außerdem quetschte ich mich zur Feier des Tages in ein paar dunkelgraue Pumps, die ich ebenfalls extra gekauft hatte. Damit war ich nun keine niedliche eins fünfundsechzig mehr groß, sondern respektable eins dreiundsiebzig. Nachdem ich auf dem Bürgersteig in einen alten Kaugummi getreten war, sogar eins Komma sieben drei fünf!

Das Outfit stellte mich als toughe Powerfrau dar, und gleichzeitig bot es die Möglichkeit, durch das Öffnen oder Schließen eines Knopfes etwas mehr oder etwas weniger sexy aufzutreten. Auf dem Weg zum Termin öffnete ich den Knopf x-mal und schloss ihn genauso oft auch wieder. Schließlich hing er nur noch an einem dünnen Faden und verabschiedete sich genau in dem Moment, als ich mich entschieden hatte, ihn geschlossen zu lassen. Mist! Qualität hatte offenbar tatsächlich ihren Preis.

Normalerweise konnte ich mich in solchen Situationen voll auf Felix verlassen, der meine Missgeschicke durch eine seiner Chaosaktionen dann noch völlig in den Schatten stellte. Aber in diesem Fall war ich nun mal allein unterwegs, und das nun leider ziemlich aufreizend.

Als ich in Köln-Mülheim denselben Konferenzraum wie schon beim ersten Mal betrat, erwartete mich eine Überraschung. Es saß dort nämlich nicht die vermutete Menschenmenge, sondern nur der etwa 35-jährige Personalchef, der beim ersten Mal gar nicht dabei gewesen war.

»Herzlich willkommen, Frau Spielmann, mein Name ist Mario Renner. Ich bin hier bei NT Research Personal Consultings der Human Resources Director«, begrüßte er mich. Mit unnötigen Anglizismen im Berufsleben habe ich mich abgefunden, mit schlechter englischer Aussprache noch nicht, denn er wollte es wohl besonders gut machen und sprach sämtliche S wie Th aus. Im Normalfall hätte ich gedacht, dass er lispelt, aber auf Deutsch klang er ganz normal. Zum Glück ging’s dann auch auf Deutsch weiter. »Wir sind heute nur zu zweit!«

Aha, es würde also keinen Kampf gegen Konkurrenten geben. Nach einem viel zu festen Händedruck, bei dem der Personalchef leicht zusammenzuckte, nahm ich Platz. Sein Blick blieb den entscheidenden Bruchteil einer Sekunde zu lange an meinem Dekolleté hängen. Er merkte es selbst, und auch, dass ich es bemerkt hatte, ordnete die Papiere, die auf dem Tisch lagen, und schaute mich an. Dieses Mal ins Gesicht.

»Sie haben bei unserem Team einen sehr guten Eindruck hinterlassen, deshalb freue ich mich, Ihnen sagen zu dürfen, dass wir uns für Sie entschieden haben.«

»Echt jetzt? Ähm, super! Danke … ähm … sehr«, antwortete ich wenig eloquent, denn ich war völlig überrumpelt. Ich hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit einer sofortigen Zusage.

»Frau Reich hatte Ihnen ja die Dossiers zugeschickt. Haben Sie sich alles durchgelesen?«, fragte mich der Kerl gnadenlos, als ich noch damit beschäftigt war, das grade Gehörte zu verarbeiten und meinen Handschmeichler, den mir Felix heute früh als Glücksbringer geschenkt hatte, unauffällig in der Blazertasche verschwinden zu lassen.

Frau Reich hatte mir in der Tat am Vortag unter anderem einen Vertragsentwurf geschickt, allerdings während meiner Arbeitszeit. Ich hatte die Mail nur mal kurz überflogen und dann dummerweise vergessen, sie von meinem Büro-Account, den Frau Reich dreist zur Kommunikation nutzte, auf meine private E-Mail-Adresse weiterzuleiten. Mein Plan, nach Feierabend einfach noch mal in die Agentur zu gehen, war von Felix unterwandert worden, der ins Kino eingeladen hatte.

Für einen Moment war ich wirklich kurz beleidigt, weil er das getan hatte.

»Natürlich«, log ich.

»Fantastisch! Haben Sie dazu noch irgendwelche Fragen?«

»Ähm … nein, nein, das wird ja schon in Ordnung sein. Sie sind ja Profis«, meinte ich.

»Alles klar, dann müssen Sie nur noch hier unterschreiben.«

Er schob mir tatsächlich einen Arbeitsvertrag hin. Ich überlegte, was ich tun sollte.

»Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich ihn mitnehme und zu Hause noch mal in aller Ruhe durchgehe? Ich fliege übermorgen in den Urlaub, würde Ihnen den Vertrag aber vorher noch zukommen lassen.« Ich fand mich ganz schön souverän.

»Ich versteh nicht ganz, Frau Spielmann«, erklärte mir der Personalheini entrüstet. »Sind Sie mit den Vertragsklauseln nicht einverstanden oder wie ist Ihre plötzliche Zurückhaltung zu verstehen?«

Er sah seinen Vertragsentwurf wohl als großes Meisterwerk an. Das war er ja vielleicht auch, ich hatte es halt nur noch nicht geschafft, ihn zu lesen. Es war wohl als rhetorische Frage gedacht, denn er ließ mir grade noch Zeit zum Luft holen, aber nicht mehr für eine Antwort.

»Wenn es Ihnen um den Bonus geht, da gibt es sicherlich noch Verhandlungsspielraum, allerdings können wir keine weitere Woche warten. Sehen Sie, es gibt eine Reihe Mitbewerber, die sofort unterschreiben würden, da können wir auf Ihre Bedenken keine Rücksicht nehmen. Zumal Sie den Entwurf auch bereits vorliegen hatten.«

Das Plädoyer war somit beendet. Und der Mann war echt gut! Er hatte genau den richtigen Nerv bei mir getroffen: Ich wusste tatsächlich noch nicht, ob ich unterschreiben sollte, wollte aber definitiv nicht, dass ein anderer den Job bekam.

So ging es mir auch beim Shoppen. Merkte ich in der Boutique, dass eine andere Kundin auf genau das Teil scharf war, das ich grade anprobieren wollte, war es so gut wie gekauft, auch wenn ich mir sonst unsicher gewesen wäre. Das erklärt einige Fehlkäufe in meinem Kleiderschrank.

Um mir jetzt keine Blöße zu geben, blieb mir wohl nichts anderes übrig, als zu unterschreiben, auch wenn ich ein wirklich beschissenes Gefühl hatte, weil ich unvorbereitet war und es nicht zugeben wollte. Ich konnte es überhaupt nicht leiden, so gedrängt zu werden.

Ich beugte mich also vor und bemerkte, dass ich mir dabei jede Menge Blöße gab. Ich verbog mich so, dass mein Gegenüber mir nicht mehr bis zum Bauchnabel schauen konnte, was allerdings auch verhinderte, dass mir auch nur noch ein Blick in den Vertrag gelang. Ich unterschrieb praktisch blind. Dann setzte ich mich schnell wieder grade hin.

»Herzlich willkommen im Unternehmen!«, sagte der Personalchef nun fröhlich.

»Vielen Dank«, antwortete ich, meinte es aber nicht so. Das war jetzt doch ein bisschen schnell gegangen.

»Sie werden eng mit Herrn Dr. Bayer, dem neuen Partner unseres Recruitings, zusammenarbeiten. Sie möchten Herrn Dr. Bayer sicherlich so schnell wie möglich kennenlernen. Ich hätte Sie beide auch gerne bekannt gemacht, nur leider bereitet er grade ein Firmen-Incentive vor. Wann, sagten Sie, sind Sie im Urlaub? Übermorgen schon?«

Wieder ließ er mir nur Zeit, einmal halb zu nicken.

»Dann sehen Sie sich eben nach dem Urlaub. Wo geht es denn eigentlich hin?«

Mir war es ein wenig peinlich zuzugeben, dass wir nach Mallorca flogen. Finca hin oder her, das gängigste Klischee waren ja immer noch die saufenden und grölenden Massen im 17. Bundesland.

»Freunde von uns haben eine Finca auf Mallorca gemietet«, antwortete ich in der Hoffnung, dass er nun in mir keine Partymaus sah. Schließlich saß ich mit halb geöffneter Bluse vor ihm.

»Ach, das ist ja ein Zufall«, plapperte er sichtlich erfreut weiter. »Unser Incentive nächste Woche findet auch dort statt. Wo genau sind Sie denn da?«

Weder wusste ich den Ort, noch ob ich es jetzt gut fand, dass die Insel offenbar von zukünftigen Kollegen nur so wimmeln würde.

»Die Planung ist zwar topsecret, aber wenn ich dem Dr. Bayer stecke, dass Sie auch auf der Insel sind, wird er es sich nicht nehmen lassen, Sie kennenlernen zu wollen. Besuchen Sie uns doch einfach und bringen Sie Ihren Göttergatten gleich mit.«

Entsetzt starrte ich ihn an. Meinen Göttergatten? Woher wusste er …? Und dann erinnerte ich mich. Bei der Bewerbung hatte ich einen Fragebogen ausfüllen müssen, in dem auch nach dem Familienstand gefragt worden war. Das hatte ich ordnungsgemäß mit verheiratet beantwortet, womit ich aber leider nicht Felix meinte.

»Ähm … ja klar«, sagte ich. Ich ärgerte mich in Grund und Boden, dass ich das Thema noch nicht aus der Welt geschafft hatte. Mein brasilianischer »Ehemann« war irgendwo auf der Welt mit seinem deutschen Pass unterwegs, den ich ihm besorgt hatte, und der Mann, den ich liebte und mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte, wusste nicht, dass ich verheiratet war.

Was eigentlich ein Akt der Nächstenliebe hatte sein sollen, war zu einem einzigen Chaos geworden. Dass ich mich dabei sogar strafbar machte, war mir vorher nicht so klar gewesen.

Gleich nach dem Abi hatte ich in Köln ein heiß begehrtes WG-Zimmer ergattert. Meine Mitbewohnerin Anita und ich bildeten ein prima Team. Ich war die Organisierte und kümmerte mich um einen Haushaltsplan, sie hingegen organisierte uns Gästelistenplätze auf Partys. Immer mit am Start war auch Anitas Freund Ed, ein Brasilianer. Aus dem niederrheinischen Landei, das ich vorher war, wurde rasch eine Partyqueen.

Anita studierte Regionalwissenschaften Lateinamerika und kannte sich vor allem mit den männlichen Bewohnern dieses Erdteils besonders gut aus. Und die wiederum kannten sich auch bestens in unserer WG aus, da sie auch gerne hin und wieder als Übernachtungsmöglichkeit für in Deutschland gestrandete und orientierungslose Latinos diente. Wir hatten kein Problem damit. Die Jungs hielten sich an unsere Regeln, pinkelten im Sitzen und aßen meine Kinder Pinguis nicht weg. Doch mein naives Mutter-Teresa-Gen trieb mich knietief in die Bredouille.

Ed konnte sein Visum nicht mehr verlängern. Er war als Capoeira-Tänzer nach Deutschland gekommen und hatte eigens dafür ein Arbeitsvisum erhalten. Nach einer Verletzung blieb zunächst der Erwerb aus und dann die Aufträge, und ohne Aufträge keine Arbeitserlaubnis, und ohne Arbeitserlaubnis raus aus Deutschland.

Also beschloss Anita Eduardo zu heiraten. Natürlich nicht nur aus Liebe, sondern damit er eine Aufenthaltserlaubnis bekommt und endlich einen anderen Job ausüben konnte, als uns den ganzen Tag mit Reis und schwarzen Bohnen mit Speck zu bekochen. Als Ed seine Papiere endlich zusammen hatte und sie sich beim Standesamt anmelden konnten, verschwand Anita plötzlich. Sie schrieb uns eine E-Mail, dass sie die Liebe ihres Lebens kennengelernt habe und ihm jetzt nach Neuseeland folgen werde. Und so wurde ich aus pragmatischen Gründen Eds Ehefrau. Erst im Nachhinein hatte ich mich schlaugemacht und erfahren, dass es hochgradig illegal war, was wir getan hatten. Also beschlossen wir, keinem etwas davon zu sagen. Meine Beziehung zu Ed blieb rein platonisch und nach einer Weile zog er zu seiner hypereifersüchtigen brasilianischen Freundin, die mich mit ihren nächtlichen Kontrollanrufen beinahe in den Wahnsinn trieb. Irgendwann brach unser Kontakt dann ab und wir verloren uns aus den Augen. Dass ich mit einer solchen Scheinehe hätte richtig Kohle machen können, erfuhr ich erst viel später. Und nun wurde es höchste Zeit, in meinem Leben aufzuräumen.

»Also, wir sehen uns auf Malle!«, holte mich mein neuer Personalchef ins Hier und Jetzt zurück.

5

Als ich zur Tür raus war, musste ich mich erst mal setzen. So fühlte sich das also an, wenn man Karriere machte. Ich hatte grade einen hochinteressanten Job mit einem Supergehalt, Aufstiegsmöglichkeiten und sogar Auslandsaufenthalten an Land gezogen! Trotzdem fühlte ich mich einfach nur fertig. Die Nummer hatte mich ein bisschen überrollt. Vor allem öffnete sich in mir die Büchse der Pandora, die ich jahrelang sicher verschlossen gehalten hatte. Mir war nun klar, dass ich für meine Zukunft in meiner Vergangenheit aufräumen musste. Und ich musste meine Gegenwart darüber informieren.

»Ich glaub’s selbst noch nicht«, berichtete ich Felix am Handy. »Das war kein zweites Vorstellungsgespräch, das war ein Termin zur Vertragsunterzeichnung!«

»Was? Krass!«, antwortete er. »Herzlichen Glückwunsch! Mit dem Gehalt, das die versprochen hatten?«

»Nein …«, begann ich und wurde schon von Felix unterbrochen.

»Ach schade, doch wieder leere Versprechungen.«

»… ich bekomme mehr«, fuhr ich fort. »Ich habe gut verhandelt.«

Dass ich deshalb noch mehr bekam, weil ich lediglich gezögert hatte, den Vertrag zu unterschreiben, musste ich ihm ja nicht verraten. Auch nach all unseren gemeinsamen Jahren versuchte ich noch immer, ihn zu beeindrucken.

»Knaller! Dann kündige ich meinen Job, bleibe zu Hause und spiele auf deine Kosten Playstation«, verkündete er.

»Faulpelz!«, lachte ich. »Aber gute Idee, dann kannst du auch schön unsere Bude auf Vordermann bringen. Und du kochst natürlich. Nein, besser, du machst erst einen Kochkurs, und dann kochst du.«

»Ja, okay, schon verstanden«, maulte er im Spaß, »ich behalte meinen Job. Ähm … apropos: Hast du deinen alten überhaupt schon gekündigt?«

»Nein«, gestand ich. »Ich wusste ja nicht, dass es alles so schnell geht.«

»Mensch, dann bist du ja mit zwei Firmen auf einmal verheiratet. Bigamie ist in Deutschland doch verboten.«

Oh Mann, dieses Ehethema tauchte heute auch echt überall auf! Ich beschloss, die Sache mal mit einem Scherzgeständnis anzutesten:

»Dir hat es doch bisher auch nichts ausgemacht, dass ich verheiratet bin.«

»Nein«, antwortete Felix lachend, »aber nur, weil wir deinen reichen alten Mann im Keller eingesperrt haben und in Saus und Braus von seinen Rentenschecks leben!«

Damit war das Thema auch schon wieder durch. Aber wenn es mal hart auf hart käme, konnte ich nun guten Gewissens sagen, ich hätte ihm schon mal davon erzählt.

Wir verabschiedeten uns, denn inzwischen war ich bei meiner Agentur in der Kölner Innenstadt angekommen. Ich hatte mir nur einen halben Tag freigenommen. Den ersten verdutzten Gesichtern begegnete ich noch vor der Eingangstür.

»Hey, was hast du dich denn so rausgeputzt? Hattest du ein Vorstellungsgespräch?«, fragte mich meine Kollegin Carola, die auf dem Weg zur Mittagspause war.

»Wie kommst du denn darauf? Darf man sich nicht mal mehr hübsch anziehen?«, konterte ich, ohne ihre Frage zu beantworten. Sie hatte mich mit einem Blick durchschaut. Wie machte sie das nur?

Ich bat meinen Chef in den Konferenzraum, um ihn über die Neuigkeiten in Kenntnis zu setzen. Dabei fiel mir ein, dass ich bei dem ganzen Galopp zwar Felix, aber Anja noch nicht informiert hatte. Also zückte ich mein Handy.

Hab den Job, aber … Weiter kam ich nicht mit dem Tippen, denn nach einem knappen Klopfen flog die Tür auf. Ich drückte schnell auf Versenden und versteckte das Handy unter meinem Bein.

»Kindchen, was hast du denn?«, fragte mich mein Chef pseudobesorgt. »Bist du schwanger?«

Die Annahme war in seinen Augen nicht ganz unberechtigt, denn Schwangerschaften verbreiteten sich unter meinen Kolleginnen inzwischen schneller als ein Magen-Darm-Virus. Und das bei einer Unisextoilette für alle.

»Nein. Nein!«, wiegelte ich ab.

»Da bin ich ja beruhigt. Mit dem Heiopei solltest du dir das auch gut überlegen.«

Die Abneigung meines Chefs betraf nicht Felix persönlich, sondern alle männlichen Freunde meiner Kolleginnen. Ich denke, er markierte auf diese Weise irgendwie sein Revier.

»Ich bin dir so dankbar für alles, was ich hier lernen durfte«, begann ich meine Rede etwas sentimentaler, als ich wollte.

»Ach, ein paar Dinge kann ich dir noch beibringen. Zum Beispiel, dass man während eines Gesprächs sein Handy besser ausschaltet.«

Er spielte darauf an, dass das Handy unter meinem Hintern nun im Sekundentakt mit kleinen Vibrationen eine SMS nach der anderen ankündigte.

»Ich hoffe, es ist ein Handy«, legte er nach.

Ich überhörte den Kommentar einfach, zog das Handy hervor, warf es in meine Handtasche und tat so, als wäre nichts gewesen. Dann fuhr ich mit meiner Rede fort.

»Aber ich will mehr, und wir wissen beide, dass diese Firma mir nicht mehr geben kann.«

Er machte große Augen und setzte zu einer Antwort an, aber so weit ließ ich es nicht kommen.

»Ich suche neue Herausforderungen, etwas, woran ich über mich hinauswachsen kann. Ich weiß, dass ich das kann, und deshalb bitte ich dich um Auflösung meines Vertrags. Ich habe vorhin schon bei meinem neuen Arbeitgeber unterschrieben.«

»Kindchen, warum hast du denn nichts gesagt? Wir hätten schon noch etwas für dich gefunden. Und wo hast du unterschrieben?«

Ich nannte ihm meine neue Firma und glaubte, in seinem Blick Betroffenheit zu erkennen. Schon hatte ich wieder ein schlechtes Gewissen.

Gleich nach dem Gespräch rief ich Anja an, die mir inzwischen mindestens zehn SMS geschickt hatte.

»Ich hab den Job, aber ich muss mich jetzt mal dringend um Ed kümmern. Ich will nicht, dass mein Familienstand die Runde macht und Felix davon erfährt, bevor ich es ihm erklären konnte.«

Anja war die Einzige in meinem aktuellen Verwandten- und Bekanntenkreis, die wusste, dass ich verheiratet war.

»Früher oder später musst du es Felix ja sowieso erzählen. Mach das doch auf Mallorca bei ’ner schönen Flasche Wein am Strand bei Sonnenuntergang«, schlug Anja vor.

Das war der perfekte Plan. Vor allem, weil es bedeutete, dass ich noch ein paar Tage Zeit hatte, bevor ich Felix die ganze Wahrheit offenbaren musste.

6

Die Nacht vor unserer Abreise nach Mallorca war eine Aneinanderreihung von finstersten Albträumen! Meine Flugangst, die ich in den hintersten Ecken meines Unterbewusstseins sicher verstaut geglaubt hatte, meldete sich pünktlich vor Reisebeginn zurück zum Dienst, quälte mich die ganze Nacht und ließ mich kaum schlafen. Ständig stellte ich mir jede mögliche Art zu sterben vor. Dann war ich wieder wach, starrte in die Dunkelheit und grübelte. Wenn das Flugzeug in der Luft auseinanderbrach, dann würde es sicherlich ziemlich kalt, bevor man dann irgendwann unten zerschellte. Ich muss eine Jacke mitnehmen, dachte ich mir, damit ich die letzten Sekunden meines Lebens nicht mit Frieren beschäftigt bin, sondern mit meinem Leben abschließen kann! Wenn es wie ein Film vor meinem geistigen Auge vorbeizieht, will ich es gemütlich haben, im Kino ärgere ich mich ja auch jedes Mal, wenn die Klimaanlage zu kalt eingestellt ist. Also kletterte ich aus dem Bett und machte mir einen Zettel: Parka mitnehmen!

Einen Vorteil hatte meine Flugangst immerhin. Wenn man nämlich dem Tod so in die Augen schaut, rückt das schlechte Gewissen Felix gegenüber in den Hintergrund. Ich wollte nicht mehr drüber nachdenken. Also schnappte ich mir meinen uralten Discman und eine CD von den Drei Fragezeichen, setzte mir die Kopfhörer auf und war schon nach wenigen Minuten in den tiefsten Träumen.

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