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Café Luna: Verbotenes Glück

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

„Was für ein Tag“, seufzte die 23-jährige Luisa Vogt, als sie sich aus ihrer Jacke schälte und sich suchend umblickte. Es wurde Zeit, dass ihre beste Freundin Molly sich endlich mal eine richtige Garderobe anschaffte!

„Du sagst es!“, stimmte Molly lautstark aus der Küche zu und kam Luisa mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern entgegen – gefolgt von Luisas braunem Labrador namens Katze. „Stell dir vor, da habe ich heute bei dem Shooting von Chantal ausgeholfen, und dieser Starfotograf hatte nichts Besseres zu tun, als mich die ganze Zeit anzuflirten! So viel Süßholz, wie der Junge geraspelt hat, hätte ich mir eine komplette Kücheneinrichtung daraus basteln können!“

„Oder gleich einen stummen Diener“, schlug Luisa vor, ihre Jacke noch immer in der Hand.

„Das wäre sowieso das Beste überhaupt!“, entgegnete Molly aus vollem Herzen. „Ein Mann, der nichts fordert, aber trotzdem mir stets zu Diensten wäre?“

Grinsend warf Luisa ihre Jacke über einen Stuhl und verkniff sich eine passende Bemerkung. Immerhin war ihr gerade die perfekte Idee für Mollys Geburtstag gekommen, der in nicht allzu langer Zeit anstand. Ob man aus Süßholz wohl tatsächlich etwas schreinern lassen konnte?

„Jedenfalls hab ich mir mal seine Telefonnummer geben lassen“, seufzte Molly schwer, während sie die Weinflasche öffnete. „Für Tom. Vielleicht wäre der ja was für ihn.“

„Wie jetzt, ich dachte, er hätte dich angegraben?“ Manchmal konnte sich Luisa nur über ihre beste Freundin wundern. Da war sie seit Urzeiten auf der Suche nach dem richtigen Mann, und wenn sie dann angebaggert wurde, passte es ihr auch nicht.

„Ach, komm schon!“, Molly zwinkerte mit einem Auge und tippte sich vielsagend an die Stirn. „Starfotograf in der Modelwelt – entschuldige, aber da ist ja wohl schon wieder alles klar!“, tat sie ganz abgeklärt. Seitdem sie in ihren schwulen Nachbarn Tom verliebt gewesen war, glaubte sie, eine Art Expertin auf dem Gebiet zu sein. Konzentriert starrte sie auf die Weinflasche und wechselte das Thema. „Gibt’s wenigstens bei dir spannende Neuigkeiten?“

„Hör bloß auf!“ Luisa ließ sich neben Molly auf deren gemütliches Sofa plumpsen. Molly, die ihnen beiden gerade ein Glas Rotwein einschenken wollte, wurde von dem Rückstoß der Sofafedern ein paar Zentimeter nach vorne katapultiert und glich die ruckartige Bewegung damit aus, dass sie sich blitzschnell auf die Knie niederließ. Trotzdem gelangte noch ein weiterer ordentlicher Schwall Wein in das Glas vor Luisa.

„Kaffeeböhnchen, du darfst heute so viel trinken, wie du willst, dazu musst du keine fiesen Sofatricks anwenden!“, grinste sie und erntete ein verständnisloses Gesicht. Luisa war ganz offensichtlich derart in Gedanken versunken, dass sie Molly gar nicht zugehört hatte. Also drückte Molly ihr kurzerhand das Glas in die Hand und forderte sie auf: „Los, raus damit, erzähl mir jede Einzelheit.“

Luisa nickte. Molly war die beste Zuhörerin, die sie sich wünschen konnte, für all die irritierenden Neuigkeiten, die heute auf sie niedergeprasselt waren. Also nahm sie einen tüchtigen Schluck, stellte das Glas auf den Couchtisch und vergaß es auf der Stelle. Zu viel hatte sie zu berichten …

Molly staunte nicht schlecht. Dass es bei den Hansens, der Kaffeerösterei, in der Luisa arbeitete und an der sie nach dem Tod des Chefs – ihres biologischen Vaters – sogar Anteile besaß, nicht immer rund lief, hatte sie in den letzten Wochen mitgekriegt. Seitdem Luisa wusste, dass nicht Robert, der Mann, den sie bis dahin für ihren Vater gehalten hatte, sondern Maximilian Hansen ihr Erzeuger war, war in ihrem Leben ganz schön viel passiert. Und Molly war von Anfang an dabei gewesen. Hautnah hatte sie mitbekommen, wie Luisa ihre ganzen Erinnerungen hinterfragte, von ihrer Mutter die ganze Wahrheit eingefordert hatte und sich anfangs nur sehr langsam daran gewöhnte, nun in Eleonore Hansen eine neue Großmutter und einen Halbbruder zu haben. Letzterer – Daniel Hansen – versuchte allerdings nicht nur alles, um Luisa aus der Firma zu ekeln, sondern schien auch keinerlei Skrupel zu haben, das Unternehmen mit seinen finanziellen Forderungen zu ruinieren. Und nun hatte sich auch noch herausgestellt, dass in den eigenen Reihen ein Spion sein Unwesen trieb, der ausgerechnet der Konkurrenz Interna verriet. Comtess Coffee hatte in den letzten Monaten der Firma Hansen den Platz als Marktführer streitig gemacht und setzte nun alles daran, den Familienbetrieb zu zerstören. Was nichts mit eventuellen wirtschaftlichen Gründen zu tun hatte, sondern einzig und alleine mit den Rachegelüsten von Valerie von Heidenthal, der selbst ernannten Chefin von Comtess Coffee. Schließlich hatte sie es nie verwunden, dass Maximilian Hansen sich damals nicht für sie, sondern für seine Frau Christine, die Mutter von Daniel, entschieden hatte.

„Rausgefunden haben wir die Spionagegeschichte, als einer unserer wichtigsten Vertragspartner abgesprungen ist“, beendete Luisa ihren Bericht und schüttelte noch immer geschockt über das Geschehene den Kopf. „Wenn wir den Kunden nicht irgendwie zurückgewinnen können und vor allem den Maulwurf nicht bald finden, dann weiß ich auch nicht weiter …“ Die sonst so optimistische Luisa ließ sich ins Sofa zurücksinken und sah Molly aus traurigen Augen an. „Komisch ist das schon“, gestand sie. „Plötzlich geht es um alles oder nichts. Und die Rettung von Hansens Kaffeehaus – etwas, das gestern noch das Allerwichtigste für mich war – ist auf einmal zur Nebensache geworden.“

Das Café verschlang trotz seiner besten Lage in der Hamburger Innenstadt bereits seit Jahren mehr Geld, als es einnahm, und war zum großen Teil mit schuld an der finanziellen Schieflage, in der sich Hansen Kaffee momentan befand. Während Daniel Hansen und der neue Geschäftsführer Piet Larsson dafür plädierten, das Kaffeehaus sofort zu verkaufen, war Luisa fest davon überzeugt, aus dem bisher eher altbackenen Etablissement ein florierendes Geschäft machen zu können. Denn wenn sie etwas verstand, dann, wie ein gemütliches, blühendes Café auszusehen hatte und was dort angeboten werden musste.

Molly stupste ihre geknickte Freundin aufmunternd an. „Jetzt lass mal nicht die Flügelchen hängen, deine Eleonore wird schon wissen, was zu tun ist, oder? Außerdem: eins nach dem andern. Erst rettet ihr die Firma, und dann kannst du immer noch das Projekt Kaffeehaus in Angriff nehmen. Ich wette, deine Großmutter lässt sich von deinem Konzept überzeugen!“

Nachdenklich sah Luisa nun zu Boden. Vermutlich hatte Molly sogar recht. Bisher war sie mit ihren Ideen, das Café wieder rentabel zu machen, nur auf Ablehnung gestoßen. Daniel und der neue Geschäftsführer Piet wollten das Geschäft abstoßen. Lieber heute als morgen. Auch wenn ihre Großmutter Eleonore sich bereit erklärt hatte, sämtliche Vorschläge erst einmal auf ihre Wirtschaftlichkeit und Machbarkeit zu prüfen. Im Gegensatz zu dem, was nun auf dem Spiel stand, war das Risiko, das sie eingingen, wenn das Café wieder eröffnet würde, eher Pipifax. Aber wie auch immer: Ein Café zu besitzen, in dem es nicht nur den leckeren Wachmacher-Kaffee in allen Varianten geben würde, sondern auch Luisas himmlisch süße Kaffeesüßigkeiten angeboten wurden, war schon immer ihr Kindheitstraum gewesen. Und die letzten Wochen, die sie damit verbracht hatte, ein Konzept zur Rettung des Kaffeehauses auszuarbeiten, hatten ihr nur noch einmal deutlicher vor Augen geführt, wie sehr ihr Herz für diesen Traum schlug. Seit klein auf hatte Luisa bereits eine Vorliebe für Kaffee und Süßigkeiten gehabt. Beides in ihrem eigenen gemütlichen kleinen Café anbieten zu können – so stellte sie sich das Paradies vor! Doch nun galt es, Hansen Kaffee vor dem kompletten Ruin zu retten und in der Familie – zu der sie sich selbst inzwischen ebenfalls rechnete – zu halten. Denn ohne es recht zu merken, war ihr in den letzten Wochen nicht nur Eleonore immer mehr ans Herz gewachsen, nein, sie selbst verstand sich auch mehr und mehr als ein vollwertiges Mitglied dieser Familie. Egal, was Daniel dazu sagte und wie viele Stolpersteine er ihr in den Weg legen mochte. Egal, ob sie rettungslos in den Sohn des größten Konkurrenten verliebt war. Ebenjene Firma, die Hansen Kaffee mit unfairen Mitteln den überlebenswichtigen Auftrag abgejagt hatte – Comtess Coffee. Der arme Konstantin! Diese Situation war sicherlich nicht leicht für ihn. Zwar hatte er dem eigenen Familienunternehmen den Rücken zugekehrt, ein von Heidenthal blieb er in den Augen vieler Angestellter hier trotzdem. Als er heute Mittag in die Firma gekommen war, musste ihm schon irgendwer gesteckt haben, was passiert war. Denn er hatte ein derart unglückliches Gesicht gemacht, dass Luisa beinahe alle Vorsicht zum Teufel gejagt und Konstantin umarmt hätte. Nichts hatte sie sich sehnlicher gewünscht, als die Sorgenfalten von seiner Stirn zu streicheln und die herabhängenden Mundwinkel wieder fröhlich zu küssen. Doch sie hatte sich zurückgehalten, immerhin waren sie übereingekommen, ihre Beziehung in der Firma vorerst noch geheim zu halten.

„Und, hast du schon einen Verdacht, wer der Spion ist?“, unterbrach Molly Luisas Gedanken und schüttete eine Riesenpackung importierter Wasabinüsse in eine Schale. Seit sie mit einer unbedachten Enthaarungsaktion das Model Chantal DuVal vor einem Heiratsschwindler gerettet hatte, ging es Mollys Karriere prima. Chantal empfahl sie ihren Kolleginnen, und Molly verbrachte ihre freie Zeit neben ihrem Job im Frisiersalon auf diversen Shootings.

„Überhaupt nicht“, entgegnete Luisa ratlos. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass einer der Angestellten von Hansen Kaffee etwas so Gemeines und Hinterhältiges tun konnte. Auch wenn es natürlich irgendwer gewesen sein musste …

Dem nachzugehen war das Hauptthema auf der Agenda für den nächsten Tag. Im Reha-Zentrum, in dem sich Eleonore seit ihrem Sturz von einer Leiter befand, sollte am nächsten Morgen noch vor Arbeitsbeginn eine Art Krisensitzung stattfinden. Bis dahin, so hatten sich Luisa und ihre Großmutter verständigt, sollte Piet in der Firma weiterrecherchieren. Immerhin war ihm als Erstem die Spionage aufgefallen.

„Also eines ist schon mal klar“, erklärte Molly und streckte sich, „entweder hat die Schlange Valerie von Heidenthal bei der Sache ihre Finger im Spiel, oder aber sie hat ihr sauberes Töchterchen dazu gebracht, einen eurer Mitarbeiter in ihren Bann zu ziehen!“

Luisa lächelte schräg. Mollys Kumpel Tom – ebenjener göttlich gebaute Adonis mit Vorliebe für kleine bärige Männer, in den Molly sich zunächst verknallt hatte – war passionierter Film-noir-Gucker. Mollys Fantasie schlug bestimmt deshalb Purzelbäume, weil sie erst gestern wieder eine Film- und Pizzasession mit Tom, Humphrey und Lauren hinter sich gebracht hatte. Abgesehen davon musste sie Molly recht geben. Auch Luisa verdächtigte Konstantins Mutter und Schwester. Nur: Wen bei Hansen hatten sie bestochen oder erpresst?

Als könnte sie Gedanken lesen, schlug Molly auch schon vor: „Daniel vielleicht?“, und schien sehr zufrieden mit dieser Idee. Luisa aber zuckte nachdenklich die Schultern. „Nur, weil er ein egomanischer, unfreundlicher, spielsüchtiger Mistkerl ist, muss er noch lange nicht gleich so wenig Rückgrat haben“, verteidigte sie ihren Halbbruder. Wenn auch nur halbherzig.

Das fand auch Molly, die nun grinsend einen Finger hob und sich einer Meute imaginärer Zuschauer zuwandte. „Liebe Geschworene“, sagte sie mit ernster Stimme, „dieses Plädoyer dürfte Sie ebenso wenig überzeugt haben wie mich.“ Dann fiel ihr offenbar etwas ein: „Aber sag mal, hat Eleonore ihn nicht rausgeworfen? Ich meine, wenn er die Firma nicht mehr betreten darf, dann kann er ja wohl kaum wichtige Informationen weitertratschen. So leid es mir tut, ihn aus dem Kreis der Verdächtigen ausschließen zu müssen.“

„Das musst du gar nicht“, erklärte Luisa ihr, „anscheinend hat er sich Rückenstärkung bei seiner Mutter geholt, und die hat Eleonore aus Australien angerufen. Keine Ahnung, was die beiden verhandelt haben, aber das Ende vom Lied war, dass Daniel wieder in der Im- und Exportabteilung sitzt – arrogant wie eh und je.“

„Muttersöhnchen!“, kommentierte Molly abfällig, bevor sie plötzlich über das ganze Gesicht zu grinsen begann. „Ha! Import und Export? Ist das denn nicht die ideale Position? Ich meine, ist das nicht die Abteilung, in der sämtliche Informationen über Absatz und Einkaufs- und Verkaufspreise gebündelt werden?“

Luisa nickte langsam. Ja, das stimmte, und um ehrlich zu sein, hatte auch sie zuallererst diese Verbindung gesehen. Aber irgendwie passte es nicht zu Daniel. Nicht, dass er für Geld nicht in der Lage wäre, sämtliche Bedenken über Bord zu werfen. Aber er war so gewissenlos wie gerissen, und Luisa konnte sich einfach nicht vorstellen, dass er so unklug gewesen wäre, Informationen zu verkaufen, die ihn sofort verdächtig machten. Hieße das doch, das Schicksal geradezu herauszufordern. So leichtfertig war ihr Halbbruder nicht. Oder?

„Dann eben dieser neue Geschäftsführer, wie heißt er gleich? Peter?“, schlug Molly schulterzuckend vor, als sei das Ganze eine Art Gesellschaftsspiel.

Luisa tat Mollys lockere Art, mit der Situation umzugehen, gut. Den ganzen Tag über hatten sämtliche Informationen und mögliche Konsequenzen in ihrem Kopf ein heilloses Durcheinander angerichtet. Was würde nur mit all den Mitarbeitern von Hansen passieren, wenn sie Konkurs anmelden müssten? Was trieb Comtess Coffee nur zu solch unlauterem Schachzug? Es war das eine, innerhalb der wirtschaftlichen Gegebenheiten den eigenen Vorteil so gut wie möglich zu nutzen, etwas ganz anderes jedoch, mit unfairen Mitteln den Untergang einer ganzen Firma anzukurbeln und sich dann zurückzulehnen, um genüsslich zuzugucken.

„Piet“, beantwortete Luisa, nicht ganz bei der Sache, Mollys Frage. Ob Valerie von Heidenthal womöglich einen privaten Racheplan verfolgte? Das würde so einiges erklären …

„Piet, Peter, der Wolf – wie auch immer, jedenfalls kann man in dieser Situation niemandem trauen“, erklärte Molly mit dramatischer Geste. „Und zwar absolut niemandem. Muss da nicht absolut jeder verdächtig werden, solange seine Unschuld nicht erwiesen ist?“

Der seltsame Unterton in Mollys Stimme ließ Luisa aufhorchen. Ihre beste Freundin sah ihr fest in die Augen, und Luisa wusste sofort, auf was sie hinauswollte – oder besser auf wen.

„O nein!“, erklärte sie rundheraus. „Das meinst du jetzt aber nicht ernst! Konstantin wäre nie und nimmer dazu in der Lage. Du hättest mal sehen müssen, wie durch den Wind der heute in der Firma war. Ich hab ihn leider kein einziges Mal alleine erwischt!“

Da Molly noch immer nicht allzu überzeugt aussah, fügte Luisa im Brustton der Überzeugung noch hinzu: „Ich bitte dich, wenn jemand eine ehrliche Haut ist, dann Konstantin. Der würde es ja nicht einmal schaffen, wegen einer Kleinigkeit zu lügen!“

„Ähhh“, Molly warf einen skeptischen Blick auf ihre beste Freundin, wie sie da zerzaust, aber mit erhobenem Kopf und blitzenden Augen auf ihrem Sofa saß, und entschied, dieses Thema nicht weiter zu vertiefen. Dass Konstantin mal eben vergessen hatte zu erwähnen, dass er in einer Beziehung steckte, als er Luisa begegnet war, wollte sie Luisa in diesem Moment nicht wieder unter die Nase reiben. Zumal er sich hoffentlich, wie versprochen, inzwischen von seiner Freundin getrennt hatte.

„Ich weiß, wer es vermutlich ist“, lenkte Molly daher schnell von diesem Thema ab.

Luisa machte große Augen. „Was? Wer?“

„Na so wie immer – entweder der Gärtner oder der Pförtner“, grinste Molly und bückte sich schnell, als gleich zwei ihrer grellorangen Sofakissen angesegelt kamen.

Ebenjener besagte Pförtner – Johann Rieger – befand sich exakt in diesem Moment bei Eleonore Hansen im Aufenthaltsraum des Reha-Zentrums, das einer herrschaftlichen Villa mit großer Parkanlage mehr ähnelte als einer medizinischen Einrichtung. Johann Rieger lächelte vor sich hin, als er sich umblickte. Eleonores selbst ernannter Kurschatten, Graf von Lüdow, hatte sich unweit mit einem Whiskey in einem Ohrensessel niedergelassen und ließ Eleonore und Johann nicht aus den Augen.

Johann Rieger hatte Eleonore, mit der ihn inzwischen eine freundschaftliche Beziehung verband, mal wieder Selbstgebrautes mitgebracht, wie der betagte Pförtner die Köstlichkeiten nannte, die er in seiner Küche zauberte. Dünn geschnittene Scheiben Roastbeef mit einer Honigsenf-Meerrettichsoße lagen zu Röschen gedreht auf einem Teller. Dazu gab es dunkles Sauerteigbrot. Nicht, dass es in dem Reha-Zentrum nicht gutes Essen gäbe, aber zwischen ihm und Eleonore hatte sich eine Art Tradition entwickelt, seitdem er sie das allererste Mal im Krankenhaus besucht und das Mittagessen dort gesehen hatte: graues Hackfleisch, bleicher Kartoffelbrei und Erbsen aus der Dose. Seitdem verging kein Besuch des Pförtners bei der Patriarchin, bei dem er ihr nicht eine kleine schmackhafte Aufmerksamkeit mitbrachte.

Heute allerdings schien Eleonore irgendetwas zu beschäftigen. Zwar aß sie mit Genuss, lächelte ihn freundlich an und plauderte über das Wetter und das Kricketspiel, das sie heute Nachmittag im Park beobachtet hatte, aber sie war nicht so recht bei der Sache. Johann Rieger nahm sich verunsichert eine Scheibe Brot und beobachtete die alte Dame nachdenklich. Sollte er geradeheraus fragen, was sie bedrückte? Aber was, wenn sie darüber nicht mit ihm sprechen wollte. Immerhin durfte er nicht vergessen, dass er nur der Pförtner war. Auch wenn sie ihn neulich „einen guten Freund von mir“ genannt hatte und das vor diesem albernen von Lüdow, der daraufhin beinahe sein Monokel verschluckt hätte.

Eleonore Rieger kannte den Ausdruck auf Johanns Gesicht. Er machte sich Sorgen. Um sie. Sie wusste, dass sie heute eine nicht ganz so gute Gesprächspartnerin war wie sonst, aber sie konnte nicht anders. Immer und immer wieder gingen ihr die Worte ihrer Enkelin durch den Kopf, die sie heute Mittag angerufen hatte, um ihr von der neuesten Katastrophe zu berichten. Seit ihr Sohn Maximilian so unerwartet gestorben war, hatte sich Eleonores Leben noch einmal komplett verändert. Plötzlich war sie, die sich in den letzten Jahren immer mehr aus der Firma zurückgezogen hatte, wieder die Chefin. Und damit die Einzige, die die Firma wieder in eine stabile Lage manövrieren konnte. Ihr Sohn hatte sich um alle notwendigen Neuerungen gedrückt, und nun musste dringend jemand richtungweisende Entscheidungen treffen. Ihre Schwiegertochter Christine war bei ihrer Schwester in Australien, Daniel war nicht zu trauen, und Luisa? Eleonore hatte zunächst nicht gewusst, was sie von dieser kaffeebegeisterten, impulsiven jungen Dame, die auf einmal ihre Enkeltochter war, halten sollte. Dass Eleonore jetzt bei dem Gedanken an Luisa lächeln musste, zeigte nur, wie viel sich in den letzten Wochen verändert hatte. Das Mädchen mit seiner anpackenden Art und seinem Optimismus war ihr ans Herz gewachsen.

Dieser neue Schlag bedeutete, dass Hansen Kaffee ernsthaft in Gefahr war! Reichte es nicht, dass Daniel bei jeder Gelegenheit damit drohte, seine Anteile an der Firma meistbietend zu verkaufen und so das Familienunternehmen der Konkurrenz zu öffnen? Ihr verstorbener Mann Wilhelm würde sich im Grabe umdrehen. Eleonore wurde es noch heute warm ums Herz, wenn sie daran dachte, dass Wilhelm ihr eine ihr gewidmete Kaffeerezeptur zu ihrem Jahrestag hatte schenken wollen – kurz bevor ein Autounfall ihn mitten aus dem Leben gerissen hatte. Der Kaffee trug den Kosenamen, mit dem Wilhelm Eleonore anzusprechen pflegte – Luna. Café Luna – die Kaffeemischung, für die Hansen Kaffee berühmt und bekannt war. Die Rezeptur war das bestgehütete Geheimnis ganz Hamburgs, ach was, der gesamten Kaffeewirtschaft! Und momentan das einzige Pfund, mit dem sie wuchern konnten. Denn ansonsten sah es für das Familienunternehmen der Hansens nicht gerade rosig aus. Eleonore seufzte und schalt sich gleich darauf ruhelos. Sie hatte das alles eigentlich vor Johann geheim halten wollen. Nichts, was er tun könnte, außer sich eine Menge unnötiger Sorgen zu machen. Irgendetwas würde ihr schon einfallen. Musste ihr einfallen. Ihre Mitarbeiter vertrauten auf sie.

„Kann ich irgendetwas tun?“, fragte der sensible Pförtner leise und sah ihr forschend ins Gesicht. „Ich merke doch, dass Sie etwas beschäftigt.“

Eleonore versuchte ein wegwerfendes Lächeln, doch sie wusste, dass er nicht so einfach zu täuschen war. Also entschied sie sich für die Wahrheit und dafür, das Thema zu wechseln.

„Es tut mir leid, Herr Rieger, Sie haben recht, ich denke in der Tat gerade über bestimmte Dinge nach, über die ich jedoch momentan nicht reden möchte.“

„Natürlich“, nickte er schnell, sie sollte bloß nicht das Gefühl bekommen, er wolle sich aufdrängen.

„Allerdings gibt es da noch ein anderes … nun, sagen wir Problem, bei dem ich mich über Ihre Hilfe freuen würde. In einer Woche steht der Geburtstag von Claus von Heidenthal an …“

Johann Rieger blickte sie fragend an. Er hatte keine Ahnung, was das mit ihm zu tun haben könnte, bis Eleonore erklärte: „Die von Heidenthals haben sich entschlossen, genau an dem Tag eine ‘kleine Feier’ zu Ehren ihrer selbst zu machen. Ich meine, was für die von Heidenthals ‘klein’ bedeutet. Mir fehlt noch eine Begleitung.“

Das Erstaunen auf Johanns Gesicht wich langsam, aber sicher einem sehr erfreuten Ausdruck. Er konnte sich einen Seitenblick auf den Grafen nicht verkneifen, der vergeblich die Ohren spitzte, hatte er doch sehr wohl auch aus der Entfernung bemerkt, dass es dort drüben bei seiner Angebeteten und diesem Pförtner irgendetwas Wichtiges zu besprechen gab.

„Sie wissen ja, Gnädigste“, grinste Johann und versuchte sich an einem kleinen Kratzfuß im Sitzen, „Sie können immer auf mich zählen!“

Eleonore musste lachen, für ein paar Sekunden vergaß sie sogar die Firmenprobleme, als sie ihm gut gelaunt zuflüsterte: „Herr Rieger, hören Sie sofort damit auf! Wenn ich mit einem antiquierten Aristokraten ausgehen wollte, hätte ich unseren lieben Grafen gefragt.“

Lachten die etwa über ihn? Graf von Lüdow drehte der Fensternische beleidigt den Rücken zu und neigte huldvoll den Kopf in Richtung der Bridgerunde rechts von ihm. Frau von Seebergen, Witwe des bekannten Flugunternehmers, nickte lächelnd zurück. Na bitte, ging doch!

Luisa gegenüberzusitzen hatte Konstantin derart mitgenommen, dass er kaum in der Lage gewesen war, den unangenehmen Neuigkeiten zu folgen, die ihm von Luisa, Piet und Daniel berichtet wurden. Ein Spion in den eigenen Reihen? Große Verluste? Hansen Kaffee bedroht? Er schüttelte den Kopf und blieb blinzelnd stehen. Wo befand er sich eigentlich? Er war nach Feierabend einfach losgelaufen. Geradeaus, rechts, links, er erinnerte sich nicht mehr. Den ganzen Tag war er schon durch die Firma geirrt, als wäre er nicht er selbst. Jedes Mal, wenn Luisa an ihm vorbeilief, hatte sein Herz stehen bleiben wollen. Vielleicht war auch genau das geschehen? Vielleicht hatte es in dem Moment aufgehört zu schlagen, als Maren ihm eröffnet hatte, dass er Vater wurde. Dass sie schwanger war von ihm. Er hatte eigentlich erst heute eine Verabredung mit Maren gehabt. Behutsam und vorsichtig wollte er ihr da alles sagen. Dass er einer anderen begegnet war, die ihm gezeigt hatte, was Liebe wirklich sein konnte. Konstantin mochte Maren wirklich und hatte all die Jahre ihre Beziehung nicht hinterfragt. Dabei hatte er gar nicht gemerkt, dass die Liebe zu ihr irgendwann verloren gegangen war – bis er mit Luisa dieses Gefühl ganz neu erleben durfte. Ein Teil von ihm hatte sogar gehofft, dass Maren ebenso empfand. Überschäumende Glücksgefühle, spontanes Herzklopfen und das unstillbare Bedürfnis nach der Nähe des anderen – solche Gefühle waren zwischen Maren und ihm nie entstanden. Aber genau dieses Glück hatte er bei Luisa gefunden – und so viel mehr. Und er wollte Luisa nicht mehr verlieren. War er doch sicher, dass er ohne sie nicht mehr leben konnte. Das war, bevor Marens „Schatz, du wirst Vater“ ihn kalt erwischt hatte. Maren war enttäuscht gewesen, weil er nicht genug spontane Freude über die Schwangerschaft zum Ausdruck hatte bringen können. Aber wie hätte er? Wollte er eigentlich Kinder? Hatte er jemals richtig darüber nachgedacht? Mit Luisa, ja, da hatte selbst der Gedanke an Großfamilie, Familienkutsche statt stilvollem Zweisitzer, Familienurlaub an der Ostsee anstatt auf Teneriffa etwas unglaublich erstrebenswert Romantisches. Aber nun war es Maren, die von ihm schwanger war. Er konnte sich noch gut an den Abend erinnern, an dem er aus Tansania zurückgekehrt war. Sie hatten wie immer, wenn sie sich länger nicht gesehen hatten, bei Maren miteinander gegessen, ein wenig Wein getrunken und waren dann miteinander ins Bett gegangen. In der Nacht musste es geschehen sein, denn danach hatte Konstantin nur noch ganz selten bei ihr übernachtet und wenn, dann war zwischen ihnen nichts passiert.

Plötzlich stutzte Konstantin. Unbewusst hatten ihn seine Füße bis vor den Juwelier getragen, in dem ihm von Maren unerwartet ihre Verlobungsringe präsentiert worden waren. Sie hatte von Heirat geredet, und er hatte nur an Trennung und an Luisa denken können. Ein Kind jedoch … ließ plötzlich alles in einem ganz anderen Licht erscheinen. Ein Kind bedeutete nicht nur, für eine Person Verantwortung zu tragen, sondern für zwei. Da war plötzlich ein Lebewesen, das dich brauchte. Und zwar nicht nur hin und wieder, sondern mindestens für die nächsten achtzehn Jahre. Konstantin ließ den Kopf hängen. Was sollte er nur tun?

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