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Eine Familie für Julianne

1. KAPITEL

Kevin Vaccaro ließ die Stirn aufs Lenkrad seines Mietwagens sinken. Das Mittagessen, das man während seines Fluges serviert hatte, lag ihm schwer im Magen, und in der sengenden Junisonne wurde es im Auto schnell drückend heiß.

Noch kannst du umkehren.

Er hob den Kopf und betrachtete das Haus. Rein äußerlich war er bereit. Er hatte die Reiseklamotten – verwaschene Jeans und ein übergroßes T-Shirt – am Flughafen gegen ein gestreiftes Poloshirt und Kakihosen getauscht, die er sich von seinem Bruder geliehen hatte. Er war gekämmt, rasiert und durchaus präsentabel.

Doch in seinem Innern sah es ganz anders aus.

Das Haus wirkte unnahbar und abweisend. Der zweistöckige Bau im spanischen Hacienda-Stil war hellgelb gestrichen und mit weißen Akzenten abgesetzt. Darüber strahlte der Himmel geradezu unwahrscheinlich blau.

Kevin war erst einmal in dieser wohlhabenden Wohngegend Albuquerques gewesen – als Robyn ihm ihr Elternhaus gezeigt hatte. An jenem Halloweentag hatten sie über zwei Stunden im Auto gesessen und zugesehen, wie Robyns Vater an die verkleideten Kinder Schokoriegel verteilt hatte.

Die Kinder wurden aus ärmeren Stadtvierteln von ihren Eltern mit dem Auto hergebracht, hatte Robyn erzählt. Kevin erinnerte sich daran, dass er sich damals über den Anflug von Neid in ihrer Stimme gewundert hatte – und das, obwohl er ziemlich zugedröhnt gewesen war und ansonsten oft nicht viel mitbekommen hatte. Jetzt war er zwar absolut nüchtern, aber er fragte sich immer noch, was damals in Robyn vorgegangen war.

Auf dem Grundstück ließ nichts erkennen, ob Victor Booth überhaupt zu Hause war. Kevin hatte ihn anrufen wollen, aber der Mann stand nicht im Telefonbuch. Obwohl er als „Dr. Vic“ vor einigen Jahren regelmäßig im Frühstücksfernsehen aufgetreten war und sein Foto auf mehreren Selbsthilfebüchern prangte, die sich unglaublich gut verkauften, war es schwer, überhaupt etwas über ihn herauszufinden.

Kevin atmete tief durch. Er war über dreitausend Kilometer geflogen und wusste nicht mal, ob er hier jemanden antraf. Aber er wollte Robyn unbedingt finden und sich dafür entschuldigen, dass er sie verlassen hatte. Dann konnte er vielleicht endlich mit diesem Kapitel seiner Vergangenheit abschließen und ein neues Leben beginnen.

Auch wenn er noch gar nicht wusste, wie das aussehen sollte.

Als die Hitze im Wagen unerträglich wurde, seufzte Kevin einmal tief, stieg aus und ging zum Haus hinüber. Ein Glück, dass es nicht regnet, dachte er selbstironisch, sonst säße ich heute Abend immer noch dort.

„Was gibt’s denn da draußen so Spannendes zu sehen, Juliekäferchen?“

Julianne McCabe stand am Wohnzimmerfenster und versuchte, den verhassten Spitznamen zu überhören, der ihrem Vater einfach nicht abzugewöhnen war. Was ihr diesmal leichtfiel, denn der Anblick des großen, schlanken Mannes, der mit federnden Schritten aufs Haus zukam, bot tatsächlich eine Ablenkung.

„Schau doch selbst“, erwiderte sie, nahm die Brille ab und putzte die Gläser mit dem Saum ihrer ärmellosen Bluse. Doch ihr Vater hatte sowieso schon humpelnd den Raum durchquert und sich neben sie gestellt. Eigentlich hätte er in seinem Arbeitszimmer sein sollen, um zu schreiben. Oder im Liegestuhl, um seinen eingeklemmten Rückennerv zu schonen. Stattdessen ließ er sie kaum aus den Augen, um „für sie da“ zu sein.

Julianne setzte die Brille wieder auf und verzog das Gesicht, als sich ihre langen Ponyfransen im Metallgestell verfingen. Wann hatte sie das letzte Mal Kontaktlinsen getragen? Oder Make-up? Wie lange war es her, dass sie Energie oder Lust gehabt hatte, sich zurechtzumachen?

„Wer ist das denn?“, murmelte ihr Vater, als der junge Mann hinter dem blühenden Busch verschwand, der ihnen den Blick zur Haustür versperrte. Zwei Sekunden später klingelte es.

Julianne spürte ein leichtes Kribbeln und schämte sich dafür. Wie weit war es mit ihr gekommen, dass schon ein Fremder an der Tür für sie angenehme Abwechslung bedeutete?

„Das werden wir wohl gleich rausfinden“, bemerkte sie trocken.

„Ich geh’ schon“, erwiderte ihr Vater prompt. „Wahrscheinlich nur ein Vertreter – oder jemand, der unsere Seelen retten will.“

Dafür ist es wohl schon zu spät, dachte Julianne kopfschüttelnd und schenkte ihrem Vater den liebevoll-geduldigen Blick, der ihr zur zweiten Natur geworden war. Schließlich tat er alles, um sie zu umsorgen und zu beschützen. Da war es ja wohl nicht zu viel verlangt, wenn sie die bewundernde, dankbare Tochter gab.

„Da er mit leeren Händen kommt, sind wir wohl nicht in Gefahr“, erwiderte sie und ging zur Tür. Schließlich musste sie es ausnutzen, wenn sie schon mal halbwegs wach war. „Außerdem hat er schon zehn Minuten im Auto gesessen und das Haus beobachtet.“

Ihr Vater versperrte ihr mit seinem Gehstock den Weg. „Bleib hier.“

Also ging Julianne hinter ihm her, als er zur Tür eilte, so schnell sein eingeklemmter Nerv es zuließ. Hinter seinem Rücken würde sie allerdings nicht viel zu sehen bekommen – Victor Booth war groß, breitschultrig und für sein Alter ein stattlicher Mann.

Sie blieb neben Gus stehen, dem graubraunen, uralten Labrador, der zur Familie gehörte. Er lag in einem Sonnenstrahl, der durch das Fenster in der Haustür fiel, und ließ sich den Pelz wärmen.

So würde ich den Tag auch gern verbringen, dachte sie. Dann fiel ihr ein, dass sie genau das tat – abgesehen von …

„Tut mir leid, Sie zu stören, Mr. Booth“, sagte der Fremde mit starkem Ostküsten-Akzent. „Mein Name ist Kevin Vaccaro, ich bin ein … äh, Freund von Robyn. Ist sie zufällig hier?“

Julianne hielt den Atem an. Er war also doch kein Fremder.

„Nein“, stieß ihr Vater hervor – mit einer Mischung aus Trauer, Ärger und Bedauern. Genau die Gefühle, die sie selbst auch schon viel zu lange quälten. „Robyn ist vor drei Monaten gestorben.“

Julianne stellte sich auf die Zehenspitzen und erhaschte einen Blick auf den Fremden. Er war jetzt auffallend blass geworden, wirkte ansonsten aber sehr attraktiv. Das überraschte sie nicht – Robyn hatte ihre Lover immer rein nach dem Aussehen ausgewählt. Jede dieser „Beziehungen“ war schräger gewesen als die vorherige. Und normalerweise hatte immer Robyn Schluss gemacht.

„Das tut mir so leid“, stotterte Kevin. Seine braunen Augen spiegelten Schock und ehrliches Entsetzen wider. „Ich hatte keine Ahnung … ich sollte besser gehen …“

„Nein“, sagte Julianne, schob ihren Vater zur Seite und traf innerhalb von Sekunden eine Entscheidung, die wahrscheinlich ihrer aller Welt ins Wanken bringen würde. „Nein, kommen Sie rein.“

„Julie!“

„Lieber Himmel, Dad, er steht unter Schock. Wir können ihn nicht einfach wegschicken!“

Verwirrt schaute Kevin sie an. Er schien sie erst jetzt zu bemerken, und sie dachte daran, wie sie wohl auf Außenstehende wirken musste – abgemagert, mit Ringen unter den Augen, an ihrem Äußeren uninteressiert.

„Sie kennen mich“, sagte Kevin.

„Und ob ich Sie kenne“, fiel ihr Vater anklagend ein. „Und Sie sind hier nicht willkommen.“

„Dad. Es war doch nicht seine Schuld.“

Dessen war sich Julianne absolut sicher, obwohl ihr Vater die Wahrheit einfach nicht akzeptieren wollte. Robyn war schon drogenabhängig gewesen, bevor sie Kevin kennengelernt hatte. Als er sie sitzen ließ, hatte ihr das nicht besonders gefallen, ihr Problem aber auch nicht verschlimmert.

„Kann ich Ihnen was zu Trinken anbieten?“, fragte sie, als sie Kevin an ihrem Vater vorbei ins Wohnzimmer führte. „Kaffee? Wasser?“

„Ein Bier?“, fügte ihr Vater gereizt hinzu.

Kevins karamellbraune Augen verrieten einen Anflug von Ärger. Julianne wusste, dass er nur ein paar Jahre jünger war als sie selbst, aber im Moment kamen ihr diese Jahre vor wie Jahrhunderte. Er trug ein Polohemd, das ihm eine Nummer zu groß war, und Hosen, die etwas zu tief hingen – offenbar war er jung genug, um sich um solche Dinge noch keine Gedanken zu machen. Trotzdem hoffte sie, dass er reifer war, als er aussah.

„Ich war alkohol- und drogenabhängig und bin jetzt clean“, sagte er leise, als er sich bückte, um Gus hinter den Ohren zu kraulen. Dann wandte er sich Julianne zu. „Und danke, nein.“

Damit setzte er sich auf die Kante der opulenten Ledercouch. Die Hände zwischen den Knien, starrte er vor sich hin, offenbar noch immer geschockt. Schließlich schaute er zu Juliannes Vater auf. „Was ist passiert?“

Victor warf Julianne einen entnervten Blick zu, als er sah, dass das Babyphon keinen halben Meter von Kevin entfernt auf dem Couchtisch lag. Wahrscheinlich würde Kevin nicht so weit denken, aber trotzdem …

„Ich schulde Ihnen keine Erklärung“, stieß ihr Vater hervor.

„Ich bin gekommen, weil ich Antworten suche“, erwiderte Kevin mit überraschend fester Stimme. Offenbar war er nicht so leicht einzuschüchtern. „Oder besser gesagt … eigentlich bin ich gekommen, weil ich mich bei Robyn entschuldigen wollte. Aber jetzt …“

„Das ist eine private Familienangelegenheit. Wir sind nicht verpflichtet, Ihnen Auskunft …“

„Meine Schwester ist bei einem Badeunfall ums Leben gekommen“, warf Julianne ein. „Wir waren zusammen im Urlaub in Mexiko.“

„Ach, verdammt“, stieß Kevin leise hervor. Seine ungekünstelte Reaktion weckte ihr Mitgefühl. Robyn hatte ihn nicht geliebt. Als er sie verließ, war sie zwar schrecklich wütend gewesen – aber mehr aus verletztem Stolz.

Wie Kevin für ihre Schwester empfunden hatte, wusste natürlich nur er. Aber dass er sie verlassen hatte, konnte man ihm kaum vorwerfen. Robyn war ein schwieriger Mensch gewesen.

Wieder fing Julianne einen Blick ihres Vaters auf, doch sie schüttelte unbeirrt den Kopf. Und dabei wusste sie genau, was es sie kosten würde, dass sie sich in dieser Sache gegen ihn auflehnte.

„War sie auf Droge?“, fragte Kevin.

„Ja“, antwortete Julianne ehrlich, noch bevor ihr Vater sein „Was geht Sie das an?“ beendet hatte.

„Natürlich geht es ihn was an“, sagte Julianne, überrascht von ihrer eigenen Heftigkeit. Es war lange her, dass sie so stark empfunden hatte. „Er hat ein Recht, es zu erfahren. Er ist …“

„Julie!“

Schwer auf den Stock gestützt, kam ihr Vater auf sie zu, und sie standen sich ärgerlich gegenüber. Das hatte sie nun davon, dass sie sich nicht schon viel früher gegen ihn durchgesetzt und diese Lüge beendet hatte. Aber nun war damit Schluss.

„Tu das nicht, Juliekäferchen. Sag es ihm nicht.“

Zur Not auch gegen deinen Willen, dachte sie.

„Was um alles in der Welt soll sie mir nicht sagen?“ Kevin sprang auf. „Worum geht es hier eigentlich?“

In diesem Moment ertönte aus dem Babyphon das Gegluckse eines gerade erwachten Kindes, und Kevin starrte völlig entgeistert auf das Gerät.

„Robyn war schwanger, als Sie sie verlassen haben“, sagte Julianne leise.

Während Kevin die Worte langsam verarbeitete, hatte Julianne das Gefühl, ihr breche das Herz.

Als Kevin vor über einem Jahr aus purem Überlebenswillen beschlossen hatte, sein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen, hatte er naiverweise geglaubt, gegen die Versuchung für immer gefeit zu sein. Jedenfalls, nachdem er die ersten schlimmen Entzugserscheinungen überwunden hatte.

Doch da hatte er ja auch noch nicht ahnen können, dass das Schicksal einige heftige Überraschungen für ihn bereithielt.

Denn als er jetzt an der Wiege seiner kleinen Tochter stand, hätte er schon viel dafür gegeben, der Realität für ein paar kostbare Momente entfliehen zu können. Aber natürlich wusste er, dass es für einen geheilten Abhängigen „nur ein Glas“ oder „nur einen Joint“ nicht gab. Ebenso wenig konnte man „nur einen Schritt“ von einer Klippe machen.

Und noch während er ziemlich überwältigt seine Tochter betrachtete – du lieber Himmel: seine Tochter! –, die ihn mit ihren großen, graublauen Augen anstarrte, wusste er ganz genau, dass er sie niemals, niemals, im Stich lassen oder enttäuschen wollte.

Sie nannten sie Pippa, als Abkürzung für Philippa. Wie Robyn gerade auf diesen Namen gekommen war, wusste niemand so genau. Trotzdem schien er zu dem Kind zu passen. Langsam streckte Kevin die Hand nach dem Baby aus, und fünf rosige Finger schlossen sich um seinen Daumen. Die Kleine begann mit den Beinen zu strampeln und lächelte ihn dann an. Und obwohl Robyns Schwester und ihr Vater draußen im Flur standen und sich stritten – über ihn, zweifellos –, musste Kevin leise lachen.

Im Grunde konnte er ja sogar verstehen, warum Robyns Vater ihm die Existenz des Kindes verschwiegen hatte. An seiner Stelle hätte er es wahrscheinlich genauso gemacht. Wenn jemand seine Tochter – seine Tochter! – geschwängert und dann verlassen hätte.

Aber so war es ja gar nicht, und das weißt du auch, sagte seine innere Stimme.

Na ja, nicht ganz …

Vorsichtig, um das Baby nicht zu erschrecken, kniete Kevin sich hin, legte einen Arm auf die Wiege und seinen Kopf darauf. Ungläubigkeit und Hilflosigkeit stiegen in ihm auf, als er die Kleine betrachtete.

Das hast du ja wieder mal prima hingekriegt, dachte er mutlos. Was um alles in der Welt sollte er jetzt machen? Er wusste ja noch nicht mal richtig, wie er für sich selbst sorgen sollte – wie konnte er sich da um ein Kind kümmern?

Sicher, er dachte seit einiger Zeit daran, wieder ein geregeltes Leben zu führen, aber bis jetzt war das eher ein Plan. Im Moment hatte er keine Arbeit, kein eigenes Zuhause und kein Geld – abgesehen von den paar Dollar, die er sich bei seinem Bruder Rudy verdient hatte. Der hatte in New Hampshire einen alten Gasthof gekauft und renoviert, wobei Kevin ihn tatkräftig unterstützt hatte.

Trotzdem reichte das nicht, um ein Kleinkind aufzuziehen.

Und wenn es nach dem Großvater ging, der draußen lautstark mit seiner Tochter diskutierte, würde er dazu auch gar keine Gelegenheit bekommen.

Kevin rieb sich die Nasenwurzel, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Es war wohl doch alles ein bisschen viel gewesen: Erst die Nachricht von Robyns Tod, dann …

„Ist alles okay?“

Er hatte Julianne nicht hereinkommen hören, nicht einmal mitbekommen, dass der Streit draußen beendet war. Dafür fiel ihm der anklagende Unterton in ihrer Stimme auf. Offenbar hatte ihr Gewissen sie dazu getrieben, ihm die Wahrheit über Pippa zu sagen – aber glücklich schien sie darüber nicht zu sein. Oder über ihn.

Kevin seufzte und ließ die Hand sinken. „Nicht wirklich, nein.“

„Tut mir leid, war eine dumme Frage.“

Beinahe hätte er gelächelt. „Wo ist Ihr Vater?“

„Unten. Er versucht, sich zu beruhigen.“ Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: „Aber glauben Sie nicht, dass Sie sich das Kind einfach schnappen und abhauen können. Er hätte Sie schneller eingeholt, als Sie bis drei zählen könnten.“

Kevin wandte kurz den Kopf, um Julianne anzusehen, doch sie hatte nur Augen für das Baby. Aber du wärst noch schneller als er, dachte er. Laut sagte er nur: „Ja, ich glaube, mit dem Stock könnte er mir ernsthaften Schaden zufügen. Ganz zu schweigen von dem Kampfhund hier.“

Schwanzwedelnd kam der leicht übergewichtige Labrador auf ihn zu und leckte Kevin die freie Hand, dann ließ er sich schnaufend neben ihm nieder.

Julianne seufzte. „Na schön, Gus ist nicht gerade ein Wachhund, aber unterschätzen Sie meinen Vater nicht. Wenn er sich nicht gerade den Nerv eingeklemmt hat, macht er täglich Krafttraining.“

„Und jetzt ist er sauer auf Sie, weil Sie ihn mit Ihrer Entscheidung einfach übergangen haben?“

„Er wird’s überleben“, sagte Julianne. Die unerwartete Stärke überraschte ihn, denn ansonsten wirkte sie eher unscheinbar. „Ich weiß, was Sie denken“, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu. „Aber Dad ist kein schlechter Mensch. Er leidet nur – und damit meine ich nicht seinen eingeklemmten Nerv.“

Kevin überdachte ihre Worte, dann antwortete er langsam: „Glauben Sie mir, Sie haben keine Ahnung, was ich denke.“

„Nein, wahrscheinlich nicht.“ Nach einer weiteren Pause fügte sie hinzu: „Pippa ist ein Wunder, wissen Sie.“

Kevin schaute kurz zu Pippa, dann sah er sich die Tante seiner Tochter zum ersten Mal richtig an. Sie stand in der Tür, die spindeldürren Arme über einem weißen, formlosen Top verschränkt. Dazu trug sie weite Hosen, die wie braune Papiertüten mit Dehnbund aussahen. Hinter den Brillengläsern lagen ihre hellblauen Augen tief in den Höhlen. Die Frau war so blass, dass man fast durch sie hindurchschauen konnte, und ihr schulterlanges, weißblondes Haar verstärkte den Effekt noch. Selbst an ihren schlechtesten Tagen hatte Robyn nicht so ausgemergelt ausgesehen.

Ich möchte wissen, was mit ihr los ist, dachte Kevin, aber laut sagte er: „Wieso ist sie ein Wunder?“

„Hätte Robyn sich nicht bei einem Sturz den Knöchel gebrochen, dann hätte Dad nicht rechtzeitig herausgefunden, dass sie schwanger ist. Vermutlich wäre es nachher zu spät gewesen, um noch einzugreifen. Mit vereinten Kräften haben wir sie mehr oder weniger zum Entzug gezwungen und sie dann für den Rest der Schwangerschaft nicht aus den Augen gelassen. Sonst …“

Ein Stich traf Kevin mitten ins Herz. „Ist sie okay?“, fragte er leise.

„So weit ja“, erwiderte Julianne. „Sie ist zwei Wochen zu früh zur Welt gekommen, hatte aber Normalgewicht. Und es sieht so aus, als ob sie in ihrer Entwicklung sogar etwas voraus wäre. Wir sind also optimistisch.“

Optimistisch, aber nicht sicher. Sorge wandelte sich in Panik, als er daran dachte, dass Pippa vielleicht irgendwann besondere Hilfe brauchen würde. Was, wenn er nicht wusste, was zu tun war? Oder sich teure Spezialisten nicht leisten konnte?

„Dad hat sich übrigens nur nach dem gerichtet, was Robyn wollte“, fuhr Julianne fort. „Sie war überzeugt, dass Sie sie im Stich gelassen haben, und wollte nicht, dass Sie von dem Kind erfahren.“

Kevin kaute auf seiner Unterlippe. „Na ja, ich habe ihr nicht gesagt, wo sie mich erreichen kann, also hatte sie damit wohl recht. Aber ich hätte sie nicht verlassen, wenn ich gewusst hätte, dass sie schwanger ist. Selbst zu meinen schlimmsten Zeiten war ich nie völlig verantwortungslos.“

„Haben Sie sie geliebt?“

Um Zeit zu gewinnen, kitzelte er die Kleine am Bauch. „Wir wussten beide, dass es nicht für die Ewigkeit ist, wenn Sie wissen, was ich meine“, antwortete Kevin. „Selbst wenn wir fähig gewesen wären, länger als fünf Minuten vorauszudenken. Ich bin nicht gerade stolz darauf, aber ich will auch nicht lügen. Und Robyn hat behauptet, dass sie die Pille nimmt.“

„Und Sie haben ihr geglaubt?“

Er lächelte ein wenig. „Na ja, ich habe selbst auch noch vorgesorgt, um sicherzugehen. Aber es gab eine Nacht, wo …“

„Ist ja nicht so wichtig“, unterbrach ihn Julianne hastig. „Jedenfalls hätte Robyn Ihnen gar nichts von der Schwangerschaft sagen können, weil sie es selbst nicht wusste. Ich nehme zumindest an, dass ihr Schock nicht gespielt war, als der Arzt sie mit der freudigen Nachricht überraschte. Aber das ist jetzt alles Vergangenheit. Was zählt, ist Pippa. Und was Sie jetzt tun werden. Ob Sie sie wollen.“

Im ersten Moment wusste Kevin nicht, was er sagen sollte. Nicht, weil ihn die Frage überraschte, sondern weil er die „richtige“ Antwort einfach nicht sofort herausbrachte. „Es geht doch nicht darum, ob ich sie will“, sagte er, nachdem er tief durchgeatmet hatte.

„Worum denn sonst? Entweder wollen Sie ihr Vater sein oder nicht.“

Er spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. „Verdammt noch mal, ich habe doch gerade erst davon erfahren! Ich bin ebenso wenig darauf vorbereitet, Vater zu werden, wie in der Nacht, als das Kondom versagt hat. Okay, ich bin jetzt klarer im Kopf als damals, aber trotzdem wäre es nett, wenn ich mehr als fünf Minuten Zeit bekäme, mich an den Gedanken zu gewöhnen. Mein ganzes Leben ist gerade auf den Kopf gestellt worden – und ich kann im Moment überhaupt keinen klaren Gedanken fassen. Deshalb wäre ich Ihnen dankbar, wenn ich etwas Zeit hätte, mir über ein paar Dinge klar zu werden, okay?“

Sein Herz schlug so heftig, dass es wehtat, und er wandte sich hastig wieder der Wiege zu. Das Baby sah ihn mit großen, etwas besorgten Augen an. Na toll, du Trampel, dachte er. Jetzt hast du es geschafft, der Kleinen Angst zu machen.

Julianne trat neben ihn und umklammerte die Wiege mit knochigen Händen. Ihre Fingernägel waren kurz geschnitten, am linken Ringfinger trug sie einen locker sitzenden, diamantbesetzten Platinring.

„Tut mir leid“, sagte sie leise, ohne ihn anzusehen. „Ich stehe wohl auch noch etwas unter Schock. Schließlich sind Sie ziemlich überraschend hier aufgetaucht. Ich … wir wollen nur das Beste für die Kleine. Das ist alles.“

Ungläubig schaute Kevin zu ihr auf. „Und Sie denken, ich will das nicht?“

„Tut mir leid“, wiederholte sie mit zitternder Stimme. Tränen schimmerten in ihren Augen. Verflucht, jetzt hatte er beide erschreckt, die Tante und das Kind.

„Ja, mir auch“, sagte er seufzend. „Ich wollte Sie nicht anschreien. Schließlich hätte ich das alles nie erfahren, wenn Sie nicht gewesen wären.“ Als sie nichts erwiderte, fuhr er fort: „Haben Sie sich die ganze Zeit um Pippa gekümmert?“

Julianne strich dem Baby über die Wange. „Ja“, flüsterte sie. „Seit sie auf die Welt gekommen ist.“

In dem Moment wandte Pippa Kevin den Kopf zu und lächelte leicht. „Sie können sie ruhig auf den Arm nehmen, wenn Sie mögen.“ Als er zögerte, fügte Julianne hinzu: „Sie müssen nur darauf achten, ihr Köpfchen zu stützen …“

„Ja, ja, ich weiß.“ Er stand auf, dann schob er die Hand unter Pippas Nacken und Kopf, hob das kleine, überraschend schwere Bündel aus der Wiege und drückte es an seine Brust. Eine Welle von Emotionen überrollte ihn, als ihr weicher Flaum ihn am Kinn kitzelte. Das Gefühl der Verbundenheit war überwältigend. Dies war sein Kind, und daran konnte nichts und niemand etwas ändern.

„Sie haben nicht zum ersten Mal ein Baby auf dem Arm“, bemerkte Julianne.

„Ich bin der Jüngste von sechs Geschwistern“, erwiderte er. „Das heißt, dass ich jede Menge Nichten und Neffen habe.“

Umsichtig rückte er Pippa auf seinem Arm zurecht, sodass sie mit dem Po in seiner Armbeuge ruhte. Als die Kleine ein wenig zu quengeln begann, schaukelte er sie leicht hin und her, und sie beruhigte sich sofort.

„Dann sehen Sie Ihre Familie wohl oft?“

Da war sie wieder, diese unerklärliche Sehnsucht, die er auch in Robyns Stimme manchmal gehört hatte, wenn sie für ein paar Augenblicke ihre rebellische Kaltschnäuzigkeit vergaß.

„Öfter, als manchem von uns lieb ist“, erwiderte Kevin lächelnd. „Meine drei ältesten Brüder wohnen mit ihren Familien nur ein paar Straßen vom Haus meiner Eltern entfernt.“

„Und wo ist das?“

„In Springfield, Massachusetts.“

„Ah, daher der Akzent.“

„Was für ein Akzent?“, fragte er erstaunt, und um ihre Mundwinkel zuckte es.

„Und Ihre anderen Geschwister?“

Offenbar versuchte Julianne, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, und Kevin war ihr dankbar dafür.

„Meine Schwester Mia heiratet in ein paar Wochen einen Investmentbanker in Connecticut – an dem langen Wochenende um den vierten Juli. Und mein Bruder Rudy hat mit seiner Frau gerade einen Gasthof in New Hampshire eröffnet.“

Und dann gibt’s da noch mich, fügte er im Stillen hinzu. Den Versager, der bis jetzt noch gar nichts zustande gebracht hat.

„Sind sie alle glücklich?“, fragte Julianne.

„Ja, ich denke schon. Wenn man keine Postkartenidylle erwartet. Wir schreien uns an, wir streiten uns, wir machen Fehler. Einige kleine, andere größere.“ Er zuckte die Schultern. „Manche von uns, wie ich zum Beispiel, haben unseren Eltern mehr Sorgen gemacht als die anderen. Und mein Dad war auch noch Polizist. Es muss ihn fast umgebracht haben, uns dabei zuzusehen, wie wir unsere eigenen Erfahrungen machen. Aber wir sind immer füreinander da, und mehr kann man ja eigentlich nicht verlangen, oder?“

Einen Moment lang sah sie ihn ausdruckslos an, bevor sie zum Wickeltisch ging und dort einen Wäschekorb voller Strampelanzüge und winziger Unterwäsche ausleerte.

„Und was ist mit Ihnen?“, fragte er. Pippa hatte den Kopf an seine Schulter gelegt und war wieder eingeschlafen. Als Julianne ihn stirnrunzelnd ansah, fügte er hinzu: „Mit Ihrer Geschichte?“

„Meiner … Geschichte?“

„Ja. Sie leben schon seit … mindestens einem Jahr hier? Aber Sie tragen einen Ehering. Wohnt Ihr Mann auch hier im Haus?“

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