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Eine Fälscherbande auf Hof Weisenfeld

Felix H. Bendig

Eine Fälscherbande auf Hof Weisenfeld


Iris, Europa und Gerrit


BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Opa schenkt eine einsame Insel

O p a s c h e n k t e i n e

e i n s a m e I n s e l

Opa hatte die alte Pfeife mit dem zerbissenen Mundstück verkehrt herum in der Hand: die Öffnung zeigte nach unten. Asche rieselte auf seine Hose. Er blickte über Brigitte hinweg und lächelte.

"Ich werde mir erst einmal meine Pfeife stopfen", kündigte er an und tastete nach seinem Tabaksbeutel. Dieser lag neben seiner Kaffeetasse. Aber Opa schlug erst einmal seine Finger in den Sahnekuchen, trommelte auf die Untertasse, so dass der Kaffee überschwappte und fand dann den ledernen Beutel, den ihm Brigitte zu Weihnachten genäht hatte. Er strahlte über sein ganzes unrasiertes Gesicht.

"Was wolltest du mich noch fragen, Biggy?"

Brigitte sah, wie er den Beutel vom Tisch zog und dabei einem Kaffeelöffel einen solchen Stoß versetzte, dass dieser wirbelnd wie ein Hubschrauber in die dunkelste Ecke der Dachkammer flog.

"Oh", stutzte Opa, "hast du was verloren? Ah... Moment, also: Du wolltest mich was fragen?"

"Ja, Opa. Du bist doch als junger Mann einige Jahre zur See gefahren. Hast du auch eine einsame Insel entdeckt?"

Opa stopfte seine Pfeife und krümelte auf seine Hose, stopfte und krümelte, stopfte und krümelte...

"Du meinst, so, wie Robinson Crusoe? Aber klar. Überall sind einsame Inseln. Du musst nur über die großen Meere fahren und die Augen aufsperren. Was ein richtiger Seemann ist, der wittert eine einsame Insel noch bevor sie am Horizont auftaucht."

Als Opa die Pfeife anzündete und die Streichholzflamme sein Gesicht erhellte, sah Brigitte plötzlich in ihm den Seeräuber. Er hatte einen struppigen Vollbart, seine Nase war vom Rum gerötet, seine Augen funkelten wie Dolche. Er stand auf dem Deck, riss den Arm mit der Eisenkralle hoch und schrie: "Entern!!" Dann stürzte er sich mit seinem Holzbein ins Kampfgetümmel.

"Wohin führst du mich heute?" wollte Opa wissen.

Brigitte schreckte auf und überlegte.

"Vielleicht zum Waldrand?"

Opa wollte gerade seine Pfeife in die Kaffeetasse tauchen, als Brigitte aufsprang und seine Hand festhielt.

"Iß mal deinen Kuchen und trink deine Tasse leer. Der Kaffee wird ja kalt."

Und dann führte Brigitte ihren blinden Großvater die steile Treppe hinunter. Es war Zeit für den Nachmittagsspaziergang.

"Ich möchte die Geschichte von Robinson Crusoe auch mal lesen", knüpfte Brigitte beim alten Thema an. Sie waren auf dem Hof.

Opa blieb stehen, schnupperte wie ein Hase in die Luft. Dann drehte er den Kopf wie einen Radarschirm langsam nach links, noch langsamer nach rechts.

"Ich habe dir die Geschichte doch schon zwei- oder dreimal erzählt", wunderte er sich und hob sein Gesicht zum Himmel.

"Wie sieht der Himmel aus, Biggy?" Er schloss die Augen und wartete geduldig auf ihre Antwort. Auch sie blickte nach oben und drehte sich dabei.

"Der Himmel? Wie ein zerrissenes Bettlaken. Dahinter ist es hellblau. Die Sonne hat ein Milchglas vorm Gesicht."

"Also genau wie gestern", Opa nickte zufrieden. Sie gingen langsam um den großen Hofbrunnen herum, der unter einer mächtigen Kastanie stand. Isidor, der Hofhund kam verschlafen aus seiner Hütte und wedelte freudig mit dem Schwanz. Opa hielt in der linken Hand den weißen Spazierstock, in der rechten die kräftige kleine Hand seiner zehnjährigen Enkelin.

"Ich möchte auch eine einsame Insel entdecken", fing Brigitte wieder an. Sie verließen inzwischen den bäuerlichen Hof und bewegten sich an den Getreidefeldern entlang auf das kleine Waldstück zu.

Opa ging nicht darauf ein. Er schien zu grübeln. Brigitte beobachtete ihn dabei von der Seite. Ihr Großvater war schon 77 Jahre alt, aber er ging kein bisschen gebeugt. Mit der hohen Stirn und dem weißen Stoppelhaar, dem schmalen Schädel und der ebenso schmalen Nase wirkte er überhaupt nicht wie ein Altbauer. Seine blinden Augen waren überraschend lebendig. In seinen altmodischen, aber noch gut sitzenden Anzügen, die er immer mit Weste trug, wirkte er auf Brigitte wie ein Gutsherr, der mal eben das HerrenhausSchloß verlassen hatte, um seine Ländereien zu besichtigen. Aber Opa kümmerte sich überhaupt nicht mehr um Hof Weisenfeld. Sein Sohn, ihr Papa also, hatte alles bestens im Griff.

Ihr Großvater deutete mit dem Stock nach vorn. "Kurz vor dem Wald führt ein schmaler Weg nach oben. Sind wir schon da?" Er war ganz aufgekratzt, wollte schneller gehen.

"Was ist denn da oben, Opa?" fragte Brigitte.

Sie überlegte, ob es nicht zu gefährlich war, einen blinden alten Mann den steilen Weg hinauf über die vielen Baumwurzeln zu lotsen. Als ob er ihre Gedanken erraten hatte, mahnte er:

"Du musst nur auf die Baumwurzeln aufpassen, die Steigung schaffe ich schon."

Und ob er die schaffte. Brigitte musste ihn immer wieder bitten, langsamer zu gehen. Oft gelang es ihr nur in letzter Sekunde, ihn um die starken Wurzeln herumzuführen. Aber dann war der Gipfel erreicht. Brigitte jappte. Opa schnaufte und drückte ihr dankbar die Hand.

"So. Und jetzt, Opa?"

Opa wendete sein Gesicht der Sonne zu und wies mit dem Stock auf die endlosen Getreidefelder im Tal.

"Das ist das Meer. Ein wildes, wogendes Meer. Und dies hier...", er stocherte mit dem Stock in den Waldboden, "... dies ist meine einsame Insel."

"Hier?" Brigitte schaute sich ungläubig um. Sie standen auf einer Waldlichtung. Vor ihnen ging es steil hinunter. Unten sah man die Getreidefelder, fast bis zum Horizont. Alte Bäume standen hier oben. Der eine war uralt und hohl.

Opa deutete mit dem Spazierstock über seine Schulter.

"Siehst du den hohlen Baum hinter mir? Ja? Der ist gut für Vorräte und alles, was du verstecken willst."

Opa gab Brigitte ein Zeichen. Sie setzten sich beide auf den Boden. Die Lichtung war mit weichem Gras und Moos bewachsen.

"Ich war so alt wie du, als ich diese Insel entdeckte", fuhr Opa fort.

"Aber das hier ist doch gar keine Insel", widersprach Brigitte.

Opa schaute sie mit seinen eingetrübten Linsen an.

"Woher willst du das wissen? Du musst nur deine Sinne schärfen, dann wirst du alles erleben, was Robinson Crusoe auch erlebt hat."

"Aber wie geht denn das, Opa? Meine Lehrerin sagt immer, dass ich logisch denken kann. Wie kann ich denn noch mehr meine Sinne schärfen?"

"Ja, denken sollst du in der Schule, das ist fein", und er tätschelte Brigitte beruhigend die kleine Hand, "aber hier, wo du eine einsame Insel entdecken kannst, sollst du glauben und fühlen... Schließ mal deine Augen."

Brigitte machte gehorsam die Augen zu. Oh Gott, dachte sie. Das ist Opas Welt. Dann hörte sie Opas ruhige Stimme.

"Es ist für dich noch unangenehm, du möchtest am liebsten die Augen gleich wieder aufmachen. Das wäre schade. Warte noch ein bisschen. Sperre mal deine Ohren auf. Lausche auf den Wind."

Er machte eine Pause. Dann sprach er sehr leise und eindringlich.

"Hörst du, wie der Wind die Wellen an den Strand schleppt? Wie sie anrollen? Immer aufs Neue. Immer mit der gleichen Melodie: RRRRRrrrrrschschschzzzzz..."

Das ist doch nicht möglich, dachte Brigitte. Sie sah es jetzt ganz deutlich: Das blaue Meer, die hohen Wellen, die Schaumkronen... und den Strand. Einen weiten, einsamen Strand. Das war ihre einsame Insel. Sie war es wirklich! Brigitte wagte nicht, die Augen zu öffnen. Sie hatte Angst, alles mit einem Lidschlag zu zerstören. Vorsichtig blinzelte sie. Das Meer war noch immer da. Sie machte die Augen ganz auf.

Ja, da waren wohl die Getreidefelder. Aber wenn sie wollte, auch das Meer und der Strand.

"Opa, Opa", Brigitte zupfte aufgeregt an seinem Ärmel, "wie hast du das gemacht. Ich habe sie gesehen, ganz deutlich – die einsame Insel..."

"Das hast du selber gemacht, Biggy. Überlege mal: Wenn der Glaube Berge versetzen kann, dann kann er auch mit Leichtigkeit aus so einem Roggenfeld ein schäumendes Meer machen."

Opa stand auf. Es wurde für ihn Zeit. Er nahm Brigitte bei den Schultern.

"Ich schenke dir diese Insel, Biggy. Pass gut auf sie auf und verteidige sie gegen jeden Feind. Nur einen darfst du zu dir lassen. Das ist ´Freitag´. Du wirst ihn eines Tages am Strand entdecken."

Sie bewunderte Opa, wie er alles schon im Voraus wusste. Vorsichtig führte sie ihn den Weg hinunter, an den Roggen-, Hafer- und Gerstenfeldern vorbei, dann über den elterlichen Hof und zu seiner Dachkammer hinauf.

"Erzähl mir später von deiner Insel, Biggy, ich bin schon gespannt", sagte Opa.

Brigitte versprach es. Dann nahm sie das Tablett mit dem Kaffee­geschirr und ging hinunter in die Küche.

Immer Ärger mit "Freitag"

I m m e r Ä r g e r

m i t „F r e i t a g“

Klara Weisenfeld trocknete sich gerade an einer alten Küchenschürze die Hände ab, als Brigitte mit Opas Geschirr hereinkam. Verwundert blieb diese einen Augenblick im Türrahmen stehen. Es kam viel zu selten vor, dass ihre Mutter eine Schürze trug. Auch Kopftücher lehnte sie ab. „Ich bin eine moderne Landwirtin“, sagte sie immer. Das Wort „Bäuerin“ hasste sie. Mit Stolz stellte Brigitte wieder einmal fest, dass ihre Mutter eine aparte Frau war. Wer ihr auf der Straße begegnete, musste sie für eine Lehrerin oder Modeschöpferin halten. 39 war sie jetzt, aber in ihrem Gesicht sah man noch kein einziges Fältchen. Ihr blondes volles Haar war kurz geschnitten und modisch frisiert. Sie hat diese gewölbte Stirn und die nach oben etwas spitz zulaufenden Ohren, genau wie ich, dachte Brigitte.

"Ich bin gerade mit dem Spülen fertig. Jetzt kann ich noch einmal von vorn anfangen", jammerte ihre Mutter.

"Lass nur, Mutti, ich mach das schon."

Brigitte ließ sich das Tablett nicht abnehmen.

"Danke, Brigitte", die Mutter band sich lächelnd die Schürze ab. "Aber dann machst du dich an deine Hausaufgaben. Sagtest du nicht etwas von einem Aufsatz?"

"Ja, aber erst für übermorgen", rief Brigitte ihrer Mutter nach, die schon aus der Küche war.

Etwas später saß sie in ihrem Zimmer und schaute zum Fenster hinaus. Von hier aus hatte sie den ganzen Hof im Auge. Links vom Brunnen stand das lang gestreckte flache Gebäude für die Schweine-, Hühner- und Gänseställe. Früher waren hier auch zwei Pferde untergebracht. Aber die sind jetzt durch einen Traktor ersetzt worden. Schade, dachte Brigitte immer wieder. Hinter dem Brunnen schimmerte durch das Geäst der Kastanie der rote Backsteinbau für die Kuhställe. Unmittelbar rechts daneben die Holzscheune für Getreide, Heu und andere Futtermittel. An der Scheunenwand rechts die Hundehütte von Isidor, dem Schäferhundmischling. Brigitte schaute auf ihr neues Heft. "Deutsch" stand da in der ersten Zeile in ihrer Sonntagsschrift. Und darunter: "Brigitte Weisenfeld". Sie schlug die erste Seite des Heftes auf. Da stand schon das Aufsatzthema:

"Wie mein schönster Traum wahr wurde."

Sie legte das neue Heft sorgfältig zur Seite und nahm das abgegriffene Kladdeheft, das schon einige "Eselsohren" hatte. Natürlich musste sie den Aufsatz erst einmal mit Bleistift vorschreiben.

Sie überlegte sich einen Anfang. Manchmal half es, wenn sie etwas auf dem Bleistift herumkaute. Es half nicht. Dann riss sie einige lockere Blätter aus der Kladde heraus und faltete Schiffchen. Auch das half nicht. Natürlich hatte sie schon oft schöne Träume, aber meistens hatte sie die am anderen Morgen wieder vergessen. Besonders, wenn Mutti morgens laut an ihre Tür klopfte. Dann war alles wie weggeblasen.

Ohne hinauszublicken, wusste sie, dass der große Trecker von den Wiesen gekommen war. Jetzt hob Brigitte den Kopf und sah, wie Georg und Ferdinand von ihren hohen Sitzen sprangen und den Kreiselmäher abkoppelten. Vater stellte den Motor ab und ging zu Isidor, der mit wedelndem Schwanz an seiner Kette zerrte. Brigitte war wütend auf ihre Brüder. Die Zwillinge waren nur zwei Jahre älter als sie und durften schon überall dabei sein: auf den Feldern, in den Ställen, auf dem Viehmarkt, ja, sogar wenn eine Kuh kalbte, durften sie helfen. Und sie? Brigitte sollte lieber Mutti zur Hand gehen, fand Vater.

Blödsinn. Die Brüder waren überhaupt keine Hilfe für Vater. Sie hatten nur dummes Zeug im Kopf. Sie alberten herum und waren für ihn eigentlich nur eine Belastung. Das hatte sie oft genug beobachtet. Ach, was soll’s! Mit einer ärgerlichen Bewegung wischte sie die Kladde zur Seite, spuckte ein Stück Holz von ihrem Bleistift aus und stand auf.

Sie verspürte plötzlich große Lust, auf ihre einsame Insel zurückzugehen. Ohne Opa. Ganz allein wollte sie das kleine Paradies noch einmal entdecken.

Mutter erlaubte ihr, noch bis zum Abendessen draußen zu spielen. Als sie aus der Haustür trat, sah sie, wie Georg und Ferdinand im ehemaligen Pferdestall verschwanden.

Sie lief über den Hof, wieder an den duftenden Getreidefeldern vorbei und erreichte den schmalen Weg mit den vielen Baumwurzeln. Sie nahm die Steigung mit Riesenschritten und kam völlig aus­gepumpt oben an. Still war es hier oben. Kein Blatt regte sich.

Brigitte schloss die Augen. Sie sah nur bunte Kreise in allen Farben des Regenbogens. Das Blut hämmerte in ihren Schläfen. Sie setzte sich mit geschlossenen Augen auf das weiche Moos. Die Kreise verschwanden, und wurden Stück für Stück wie ein Puzzle durch die neue Landschaft ersetzt.

Zuerst sah sie das Meer, ruhig, spiegelglatt und bis zum Horizont so weit. Der Strand leuchtete in der Abendsonne. Ihre Insel.

Sie stand auf und ließ ihren Blick in die Runde schweifen. Erst glaubte sie an eine Täuschung. Aber sie irrte sich nicht. Da winkte ihr jemand zu. Mit beiden Armen, eindringlich, bittend. Das musste „Freitag“ sein. Natürlich. Opa hatte es vorausgesagt. Sie zog hastig ihren Latzrock glatt und spurtete den schmalen Weg hinunter. Brigitte flog geradezu über die vielen Baumwurzeln, stolperte auch, fing sich wieder und war endlich am Strand. Sie sah ihn sofort. Er lag mehr, als er stand, aber er winkte immer noch.

In wenigen Sätzen war sie bei ihm und hob ihn hoch. Er war schmutzig und glitschig, seine Kleidung war alt und zerschlissen. Er war zu erschöpft, um ein Wort herauszubringen.

Brigitte packte zu und schleppte ihn mit sich fort. Sie musste oft Pausen einlegen. Als es dann den Wurzelweg hinaufging, kämpfte sie um jeden Zentimeter, stieß sich mit den Füßen von Wurzel zu Wurzel ab. Es verging wohl eine ganze Stunde, bis sie „Freitag“ endlich ganz nach oben befördert hatte.

Sie war zufrieden. Ja, sie konnte sogar behaupten, dass sie nie zuvor so zufrieden mit sich war.

Zuerst stellte sie „Freitag“ gegen einen uralten Baum. Er war zu weich in den Knien und fiel immer wieder um. Dann suchte sie eine weiche Stelle des Waldbodens und rammte „Freitag“ mit den glitschigen Füßen voran in den Boden. Ja, das ging, denn „Freitag“ war vorher auf Papas Feldern als Vogelscheuche verpflichtet. Da hieß er vielleicht auch ganz anders. Aber jetzt war er „Freitag“ und „Freitag“ schlug die Augen auf, ließ sich nicht lange bitten, sondern begann zu erzählen.

Ja, er kannte ihren Opa, den "Weisen mit der Eisenkralle". Auf diese Insel hatte er ihn ausgesetzt, zur Strafe, weil er eine Flasche Rum aus der Kombüse gestohlen hatte. Aber er wollte ihn wieder abholen, wenn er von seinen gefährlichen Piratenstreifzügen zurückkam. Und dann erzählte er von seinen großen Fahrten mit ihrem Opa, von fremden Häfen und schrecklichen Stürmen... Als es dunkelte, wurde Freitags Stimme immer undeutlicher und leiser. Dann war er eingeschlafen.

Brigitte sprang auf, ging vorsichtig den Waldweg hinunter. Sie war verwirrt und nachdenklich zugleich.

Als sie am Pferdestall vorbeikam, hörte sie deutlich ein Kichern, dann wieder Flüstern. Zuerst dachte sie an Einbrecher und wollte schon zu ihrem Vater laufen. Dann aber glaubte sie, Ferdinands Stimme gehört zu haben. Sie riss eine Stalltür auf: Georg und Ferdinand saßen auf Holzschemeln in der hintersten Ecke, wo das Pferdegeschirr hing und... rauchten. Entsetzt prallte Brigitte zurück.

Die Zwillinge sprangen auf. Beide machten übereinstimmende verdutzte Gesichter, was ihre Ähnlichkeit noch unterstrich. In einem solchen Moment bemerkte Brigitte auch, dass ihre Brüder weder Vater noch Mutter glichen. Eher hatten sie etwas von Opa. Zumindest diesen schmalen Schädel. Sie hatten dunkelbraune Haare und blasse, für ihr Alter viel zu ernste Gesichter. Aber ihre Gemeinheiten konnten sie nicht von Opa haben. Offenbar hatten sie Vater vermutet. Georg ließ seine Zigarette fallen, trat dann so ungeschickt darauf, dass sich die Glut immer mehr verteilte. Brigitte war sofort zur Stelle, schnappte sich den Wasserkübel, der immer griffbereit in der Ecke stand, und goss alles über die Glut. Die Brüder schrien auf. Das viele Wasser war auch gegen ihre Hosen geklatscht. Georg stürzte sich auf seine Schwester. Brigitte hielt ihn fest und blickte ihn herausfordernd an.

"Wenn du mir auch nur ein Haar krümmst, werde ich alles Vater erzählen."

Ferdinand schüttelte seine Beine und kam näher.

"Das tust du doch sowieso, oder?"

"Ihr seid wahnsinnig. Nur ein Funken und wir haben hier die größte Katastrophe. Das hat euch Vater immer wieder eingehämmert. Ich werde euch nicht verraten, wenn ihr mir versprecht, das nicht wieder zu tun."

"Ja, ja, Mamilein, wir versprechen es", höhnte Ferdinand.

"So, jetzt hau schon ab."

"Nein", protestierte Brigitte, "ihr geht zuerst, sonst wird aus unserer Abmachung nichts."

"Auch das noch", stöhnte Georg und zog seinen Zwillingsbruder mit sich hinaus. Sie schlichen unbemerkt auf ihr Zimmer, um sich zum Abend trockene Sachen anzuziehen.

Ganz plötzlich auf dem Schulhof

G a n z p l ö t z l i c h

a u f d e m S c h u l h o f

Brigitte mied den Vorplatz, wo die großen Jungen mit ihren kleinen Opfern grausame Späße trieben. Wo sie sich schwächere Schüler vornahmen und sich auf deren Kosten vergnügten.

Es gab aber noch eine Ecke auf dem Schulhof, da war man einigermaßen sicher.

Das war seitlich vom Schulgebäude, wo eine Bahn für Wettläufe angelegt war. Hier setzte sich Brigitte immer auf eine Bank und ließ sich von der Sonne bescheinen. Es roch hier nach Holunderblüten, wenn sie ihr Pausenbrot aß. Sie verstaute gerade ihr Butterbrotpapier und wollte in einen Apfel beißen. Da schoss eine lärmende Schar von Jungen an ihr vorbei. Der kleine Piefke wurde gejagt. Offenbar hatten sie es auf seine nagelneue gelbe Schirmmütze abgesehen. Sie umkreisten ihn, drängten ihn vor sich her, bis er direkt vor ihre Bank stolperte. Piefke drehte sich zu Brigitte um, seine Augen waren angstvoll geweitet. Er keuchte.

"Hier, nimm du sie!" Er drückte ihr seine Mütze in den Schoß und rannte davon. Die Jungen unterbrachen ihr Johlen, waren etwas verwirrt. Die einen jagten Piefke nach, stoppten dann aber ihren Lauf. Verblüfft starrten sie auf die Mütze in Brigittes Schoß.

"He, was haben wir denn da für ein Pflänzchen!"

Das war dieser grässliche Gänsel. Alle nannten ihn "Gans", weil er auch immer so ein strohdummes Zeug schnatterte. Ein bulliger Junge mit einem breiten Boxergesicht und einem ebenso breiten Grinsen. Er war schon zweimal sitzen geblieben und hockte jetzt in Brigittes Parallelklasse. Die anderen waren auch nicht viel klüger. Sie umstellten ihre Bank und begafften sie von allen Seiten. Einige machten schon erste Versuche, ihr die Mütze zu entreißen, andere wollten den angebissenen Apfel. Sie verteidigte sich, indem sie beides fest an ihren Leib presste.

Das wurde dem Gänsel dann doch zu langweilig. Mit einem harten Griff packte er Brigitte und zog sie von der Bank hoch. Sie schrie, wand sich und strampelte.

Die Jungen johlten, einige krallten sich von hinten in ihre Jacke, baumelten an ihrem Kragen. Der Reißverschluss drückte auf ihren Hals, sie bekam keine Luft mehr. Mit letzter Kraft trat sie wild um sich. Ihre Fußspitze bohrte sich in das Schienbein von Gänsel. Der brüllte auf.

"Weg da", schrie die ´Gans´ seine Bande an, "das ist jetzt meine Sache." Während die ganze Meute auseinander fuhr und einen Kreis bildete, schleuderte Gänsel sie mit einer solchen Wucht auf den Boden, dass ihr linkes Bein sich verdrehte. Dann warf er sich mit seinem ganzen Gewicht auf Brigitte. Ein irrsinniger Schmerz durchfuhr ihr Bein. Ihr wurde übel. Sie hatte nicht mehr die Kraft zu schreien. Sie konnte nur noch kläglich wimmern.

"Dämliche Hexe", hörte sie ihn noch zischen. Dann riss er Piefkes Mütze aus ihren Händen und rannte mit den anderen davon.

Die Schulglocke gab das Ende der großen Pause bekannt. Brigitte wollte aufstehen, aber sie schaffte es nicht einmal, sich aufzurichten. Jede noch so kleine Bewegung, die sie mit dem linken Bein versuchte, tat weh. Sie legte sich vorsichtig auf den Rücken. Au, weiha! Brigitte schob sich langsam mit den Händen in Richtung Bank, dabei stieß sie sich mit dem rechten Bein etwas ab, während sie das linke kraftlos nachzog. Sie biss die Zähne zusammen, wischte sich immer wieder den Schweiß von der Stirn. Endlich war die Bank erreicht. Sie konnte sich anlehnen. Dann wartete sie.

Würden sie Brigitte in der Klasse vermissen? Sie blickte zur Fensterfront hinauf. Wenn jemand aus dem Fenster guckte, musste er sie hier sehen. Aber von ihren Sitzen aus konnten die Schüler nicht hinuntergucken, dafür waren die Fenster zu hoch. Und wann schaute schon mal ein Lehrer aus dem Fenster...

"Was machst du denn hier?"

Brigitte blickte in Richtung Vorplatz. Da stand Herr Wachmann mit einem Müllsack in der Hand. Er leerte den großen Abfallkorb.

"Brauchst du eine Sondereinladung, kleine Lady? Die Pause ist längst vorbei."

Er kam, immer noch den Müllsack in der Hand, lächelnd näher. Sie mochte den Hausmeister, dem der viele Ärger an dieser Schule tiefe Falten ins Gesicht gegraben hatte. Er war eben kein Tyrann, wie viele seiner Kollegen an anderen Schulen. In brenzligen Situationen schlug er sich immer auf die Seite der Kinder. Und er war immer zu einem Scherz aufgelegt. Sie ging auf ihn ein.

"Ein bisschen Sonne tanken. Das ist gut für den Knochenwuchs und meinen Teint. Die Bräune passt gut zu meinen blonden Haaren." Wachmanns Gesichtszüge entgleisten.

"Na, da hört doch wohl... oh Gott, Kleine, was ist los, hast du geheult?"

Brigitte deutete auf ihr linkes Bein.

"Da ist wahrscheinlich etwas gebrochen."

Der Hausmeister erschrak. Hastig ging er in die Hocke und schnürte behutsam ihren Schuh auf. Er schüttelte den Kopf.

"Hör auf, Mädchen, du machst Scherze, was? Kannst du die Zehen bewegen? Versuchs mal... nein, die rühren sich nicht. Bleib hier ganz ruhig liegen, ich komme gleich wieder."

Und schon war er weg. Seinen Müllsack hatte er einfach liegengelassen.

Wenige Minuten später hörte sie von Ferne das Martinshorn eines Rettungswagens. Es verstummte erst, als der feuerrote Wagen in den Schulhof einbog. Weiß gekleidete Männer kamen mit einer Trage gelaufen, legten ihr eine provisorische Schiene ans Bein. Sie bekam eine Spritze gegen die Schmerzen.

Und dann sah sie alles wie durch einen weißen Schleier: den Röntgenraum im Krankenhaus, das Eingipsen ihres Beins, die Fahrt nach Hause... Sie schlief, träumte oder döste. Plötzlich merkte Brigitte, dass sie zu Hause in ihrem Bett lag.

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