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Eine Ewigkeit für deine Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  27. 21. Kapitel
  28. 22. Kapitel
  29. 23. Kapitel
  30. 24. Kapitel
  31. 25. Kapitel
  32. 26. Kapitel
  33. 27. Kapitel
  34. 28. Kapitel
  35. 29. Kapitel
  36. 30. Kapitel
  37. 31. Kapitel
  38. 32. Kapitel
  39. 33. Kapitel
  40. 34. Kapitel
  41. 35. Kapitel
  42. Epilog
  43. Danksagungen

Über die Autorin

Cindy Miles wuchs an der Küste Georgias, USA, auf, wo sie auch heute noch lebt. Sie nutzt jede Chance, um alte Schlösser und Burgen, unheimliche Moore zu erforschen und – mit etwas Glück – den einen oder anderen Geist zu entdecken.

Auf Cindy Miles ’ englischsprachiger Website

www.cindy-miles.com

erhalten Sie weitere Informationen über die Autorin.

Für meinen Sohn Kyle,

dessen moderne Ritterlichkeit mich stolz macht

und mich inspiriert

- vor allem zu einem ganz besonderen jungen Ritter

namens Jason.

Ich hab dich lieb!

Prolog

Im Nordwesten von Wales

Zusammenkunft der »Weißen Hexen für die Ewigkeit«

Halloween 1865

Irgendwann mitten in der Nacht

Gut, meine Damen!«, rief Mordova. »Und nun öffnet eure Pergamente!«

Willoughby schloss die Finger noch fester um ihre Schriftrolle. Eine Brise wehte durch das Wäldchen, und trockenes Laub flatterte zu Boden. Irgendwo in der Nähe raschelte trockener Mais, als der frische Herbstwind durch das Feld fegte. Über ihnen schien hell der Vollmond durch das Blätterdach der Birken und Eichen und tauchte alles in seinen silbrigen Schein. Mehrere Feuer mit orangerot glühenden Flammen brannten auf der kleinen Lichtung.

»Willoughby!«

Sie zuckte erschrocken zusammen und funkelte dann ihre Schwester an. »Tu das nicht, Millicent!«

»Na, dann öffne die verflixte Rolle doch endlich!«, flüsterte Agatha. »Ich kann es kaum erwarten, deine Aufgabe zu sehen!«

Die drei Ballaster-Schwestern scharten sich um Willoughby, die Älteste, und blickten ihr über die Schulter, als sie langsam das Pergament entrollte. Alle vier schnappten nach Luft, als sie den Inhalt sahen. Und auch alle anderen Weißen Hexen wandten den Blick von ihren eigenen Schriftrollen ab, um sich Willoughby zuzuwenden und sie anzustarren.

»Es geht um sie!«, rief Millicent, die drittälteste Ballaster, begeistert. »Oh, Willoughby! Weißt du, was das bedeutet?« Sie klatschte vor Aufregung in die Hände.

»Ja, Willoughby Ballaster«, sagte Mordova, die zu ihnen herübergekommen war. »Ist dir klar, was das bedeutet?«

Willoughby blickte auf, doch bevor sie etwas sagen konnte, fuhr die Leiterin der Sitzung fort.

»Es bedeutet, dass du und deine Schwestern die schwierigste aller Aufgaben habt.« Mordovas langes, silbernes Haar schimmerte im Mondlicht, als sie sich umdrehte und an den Rest der Hexen wandte. »Für diejenigen von euch, die dieses Jahr neu hinzugekommen sind, möchte ich kurz erklären, worum es geht: Die Seelen von Christian und Emma verzehrten sich seit Jahrhunderten danach, zusammenzusein, doch das wurde ihnen in all diesen Jahrhunderten immer wieder verweigert.« Sie machte eine anmutige Handbewegung. »Und alles nur, weil sie sich versehentlich selbst verflucht haben.«

Mordova schnalzte mit der Zunge und schüttelte den Kopf. »Der arme Christian of Arrick-by-the-Sea! Als dieser tapfere, verdienstvolle Kreuzritter mit dem Tode rang, schwor er, dass er allzeit auf die Liebe seiner Auserwählten warten würde. Und seinem Schwur getreu ist er hier, erdgebunden, aber in Wahrheit nur ein Geist.« Mordova verschränkte ihre Hände und begann auf und ab zu gehen. »Bei Christians Aufbruch zu den Kreuzzügen wandte Emma, seine Auserwählte, eine uralte Beschwörung an, die sie nie hätte vollziehen dürfen.« Sie schüttelte erneut den Kopf. »Sterbliche! Immer überzeugt davon, dass sie die nötige Kontrolle haben, um Zaubersprüche anzuwenden.«

Willoughby, ihre Schwestern und die anderen Weißen Hexen starrten Mordova mit interessierten Blicken an. Die Leiterin der Versammlung wandte sich zuerst der Menge zu und dann den Ballasters – wobei sie sich insbesondere auf Willoughby zu konzentrieren schien.

»Emma versuchte, ihre einzig wahre Liebe im Kampf zu schützen. Sie wandte einen walisischen Zauber mit uralten Beschwörungsformeln an – bedauerlicherweise jedoch sprach sie den Vers nicht richtig aus …«

»Und was geschah?«, fragte eine Stimme in der Menge.

Mordova setzte ein gewinnendes Lächeln auf, obwohl der Feuerschein ihr Gesicht in Schatten tauchte. »Alle zweiundsiebzig Jahre wird Emma wiedergeboren und kehrt nach Arrick-by-the-Sea zurück. Wie eine vom Licht angezogene Motte – nur weiß sie nicht, warum. Und sie erkennt auch ihre einzig wahre Liebe nicht.«

Ein allgemeines Seufzen ging durch die monderhellte Nacht.

»Und in der Zwischenzeit erwartet Christian geduldig seine große Liebe«, fuhr Mordova fort, »seine Auserwählte und Seelenverwandte. Elf Mal hat er Emma bisher dazu gebracht, sich von Neuem in ihn zu verlieben.« Sie stieß einen tief empfundenen Seufzer aus. »Und wegen diesem bisschen falsch ausgesprochener Magie geschieht jedes Mal etwas Unvermeidliches: Emma stirbt, nur um wiedergeboren zu werden und alles zu vergessen, was vorher war. Und jedes Mal bricht dem armen Christian das Herz. Ich fürchte, dass es nicht mehr zu heilen sein wird, wenn das noch viel länger so weitergeht.«

Schweigen erstillte die ohnehin schon stille Nacht.

Willoughby erwiderte den Blick ihrer Schwestern, nickte und räusperte sich, weil ihre Kehle eng geworden war, bevor sie sich Mordova zuwandte. »Wir, die Ballasters, nehmen diese Aufgabe mit Stolz und Freude an.« Sie ließ ihren Blick über die erwartungsvollen Gesichter der versammelten Hexen gleiten und erhob ihre Stimme. »Wir werden dafür sorgen, dass Christian und Emma ein für alle Mal vereint werden!«

Donnernder Applaus schallte durch das Wäldchen, begleitet von Lachen, Zurufen und Pfiffen. Viele der anderen Hexen gingen zu Willoughby und ihren Schwestern, um ihnen Glück zu wünschen – und, falls nötig, ein paar selbst erfundene Zaubersprüche anzubieten. Als die Menge sich zerstreute, trat Mordova vor die Ballasters und blickte sie mit ernster Miene an.

Willoughby erhob das Kinn. »Kann der Rat nicht helfen?«

Doch Mordova schüttelte den Kopf. »Der Rat lenkt, aber wir helfen nicht.«

Willoughby seufzte. »Das dachte ich mir schon.«

»Ich weiß, dass ihr reinen Herzens seid und gute Absichten habt.« Mordovas bernsteinfarbene Augen glänzten im Schein des Feuers. »Was ich euch jetzt sage, soll euch nicht einschüchtern, sondern ermutigen – und ich bitte euch, mir sehr gut zuzuhören: Nicht einer eurer Vorgängerinnen ist es gelungen, Christian und Emma wiederzuvereinen, und sie hatten viele Jahrhunderte mehr Erfahrung mit Magie als ihr jungen Ballasters. Die Aufhebung und Erneuerung einer solch falsch angewandten Beschwörung ist bestenfalls riskant. Es wird keine leichte Aufgabe! Sie kann ziemlich herzzerreißend sein – und auch gefährlich. Ich warne euch: Seid vorsichtig mit der Magie, die ihr anwendet! Seid euch absolut sicher bei jedem einzelnen Wort eurer Zauber, denn nur ein einziges falsch ausgesprochenes könnte das Ende ihrer Chancen sein. Für immer.«

Im Nordwesten von Wales, 1937

Arrick-by-the-Sea

Wieder einmal mitten in der Nacht …

»Wir waren einfach nicht genügend vorbereitet!«, rief Agatha. »Was haben wir nur falsch gemacht?«

»Eine weitere verlorene Chance!« Millicent rang die Hände. »Du liebe Güte, Willoughby, was sollen wir jetzt nur tun?«

»Vielleicht sollten wir Mordova einweihen?«, meinte Maven.

»Pah!«, schnaubte Agatha. »Hast du ’s schon vergessen, Schwester? Der Rat kann nicht helfen!«

Willoughby rieb sich mit dem Zeigefinger das Kinn und blickte zu den Burgruinen hinaus. Christian schritt im Mondlicht auf den Zinnen auf und ab. Er hatte Emma soeben gerade zum zwölften Mal verloren.

Willoughby konnte seinen Schmerz von ihrem Platz aus spüren.

Es musste ein für alle Mal etwas getan werden.

Angestrengt dachte sie nach und ging dabei langsam auf und ab.

»Seht ihn euch nur an, den armen Kerl!«, flüsterte Maven. »Ich kann es nicht ertragen, schon wieder seinen Kummer mit ansehen zu müssen. Wir müssen etwas unternehmen!«

»Unbedingt! Wo haben wir etwas falsch gemacht, Willoughby?«, fragte Agatha. »Unser Zauber war perfekt ins Werk gesetzt. Wir hatten ihn schließlich zweiundsiebzig Jahre lang geplant!«

»Aye, und wir sollten dankbar sein, dass darauf keine Vergeltung folgte.« Willoughby schüttelte den Kopf. »Wir gehen das Ganze ein bisschen zu zaghaft an, finde ich – vor allem, wenn wir mit einer solch verhunzten Beschwörung wie Emmas arbeiten. Und aus der Ferne zaubern hat einfach keinen Zweck«, erklärte sie. »Wir müssen näher an ihnen dran sein. Und aggressiver. Nicht zwischen Bäumen hindurchspähen und Zaubersprüche aus dem Wald loslassen.« Sie nickte vor sich hin. »Wir werden die neuen Besitzer des Gutshauses neben der Burg sein, Schwestern. Es steht zum Verkauf! Wir haben die Mittel, es zu erwerben und zu renovieren …« Sie erwiderte die Blicke ihrer verblüfften Schwestern. »… und ich weiß auch, was sonst noch getan werden muss. Das ist allerdings riskant.«

Maven zog eine Augenbraue hoch. »Wie riskant?«

Willoughby rieb sich das Kinn. »Äußerst riskant.«

Die drei anderen Ballasters schnappten nach Luft.

»Du meinst doch nicht den …«, begann Millicent.

»Schscht!« Willoughby legte zwei Finger an ihre Lippen. »Es ist der heikelste aller Zauber, der nicht ausgesprochen werden darf.« Sie warf einen strengen Blick auf die anderen. »Ihr wisst, von welchem ich rede, aye?«

»Aye«, antworteten die anderen in gedämpftem Ton.

»Ich bin mir nicht sicher, und mir ist auch gar nicht wohl dabei, Willoughby. Niemand in der Geschichte der Weißen Hexen hat das je geschafft. Dieser Zauber wäre Christians und Emmas allerletzte Chance«, sagte Maven. »Ihre ewige Liebe hängt von diesem kleinen bisschen Magie ab. Wenn sie missglückt … wenn wir scheitern, ist es vorbei für die beiden.«

»Für immer«, fügte Agatha hinzu.

Willoughby blickte wieder zu den Ruinen hinaus und verfolgte die Silhouette des tapferen Kreuzritters, der immer noch die Zinnen abschritt. Doch dann blieb er auf einmal stehen, drehte sich um und starrte auf die See hinaus.

»Also gut«, sagte Willoughby entschlossen und suchte die Blicke ihrer Schwestern. »Wir dürfen eben nicht scheitern, klar? Wir werden keine weitere Sekunde Zeit verschwenden. Zeit ist von entscheidender Bedeutung, Mädchen. Die Dreizehn ist eine Glückszahl, und wir haben noch zweiundsiebzig Jahre Zeit, um den riskantesten aller Zauber vorzubereiten!« Sie holte tief Luft und ließ sie langsam wieder aus, um dann in gedämpftem Ton zu sagen: »Bei Morticias Stab, lasst es uns diesmal nicht wieder vermasseln!«

1. Kapitel

Savannah, Georgia

Forevermore Photography

September, heutzutage

Irgendwann am späten Nachmittag …

Wow, Emma, die sind fantastisch! Ich kann es kaum erwarten, die von meiner eigenen Hochzeit zu sehen.«

Emma hockte auf ihrem Fensterbrett, von dem sie einen großartigen Ausblick auf die River Street und den Savannah River hatte. Sie lächelte Zoe Canady – oder Mrs. Zanderfly in spe – zu, als sie sich Emmas Portfolio ansah. Die beiden jungen Frauen waren schon seit dem College beste Freundinnen, und Emma hatte Zoe versprochen, im Dezember ihre Hochzeitsfotos zu machen. »Droht Jay immer noch, seine Trauzeugen unter ihren Smokings Curly-, Larry- und Moe-T-Shirts tragen zu lassen?«

Zoe lachte, und Emma sah wieder dieses Leuchten, das die Gesichter von Bräuten erstrahlen ließ wie das Nordlicht. Es war schon fast so etwas wie ein Phänomen in Emmas Augen. Für einen kurzen Moment fragte sie sich, wie es sich anfühlen mochte, so rundum glücklich und verliebt zu sein.

»Na klar«, lachte Zoe. »Und ich habe ihm darauf gesagt, dass meine Brautjungfern und ich dann alle Footballschuhe unter unseren Kleidern tragen.«

»Und du ihn mit einem treten wirst«, warf Emma ein.

»Oder sie auch in unserer Hochzeitsnacht trage.« Beide Frauen lachten.

Die späte Nachmittagssonne fiel durch das Fenster und tauchte das zweihundert Jahre alte Studio mit seinen Ziegelwänden in rötlich gelbes Licht und graue Schatten. »So«, sagte Emma nach einem Blick auf ihre Uhr und stand vom Fensterbrett auf, um ihr Studio aufzuräumen. »Du solltest jetzt besser gehen, sonst kommst du zu spät zum Dinner mit deinem zukünftigen Göttergatten.«

»Du hast recht, aber ein paar Minuten hab ich noch.« Zoe, die sich an Emmas Schreibtisch gesetzt hatte, bewegte gedankenverloren die Maus, und der Bildschirm erwachte zum Leben. »Wow!«

Emmy stellte ein Stativ an die Wand und ging zu ihrer Freundin, um einen Blick über ihre Schulter zu werfen. Die Burgruine von Arrick-by-the-Sea, die sie sich beim Mittagessen angesehen hatte, jagte ihr auch jetzt wieder heiße und kalte Schauer über den Rücken.

»Wo ist das?«, fragte Zoe neugierig.

Emma lehnte sich mit der Hüfte an den Tisch. »In Wales.«

»Kennst du jemanden in Wales?«

Emma starrte das spröde graue Gestein der Burg an, die zerfallende Mauer, die sie umgab, und die Irische See dahinter und schüttelte den Kopf. »Keine Menschenseele.«

Zoe drehte sich im Sessel, schob ihr langes rotblondes Haar, um das Emma sie schon immer beneidet hatte, hinter die Ohren und zog die Augenbrauen hoch. »Du hast schon wieder geträumt, nicht wahr?«

Emma seufzte und rieb sich ihre Augen. »Wenn man es überhaupt so nennen kann. Ich sehe nämlich eigentlich nichts in meinen Träumen; ich fühle nur etwas«, erklärte sie.

»Und davon bist du so besessen, dass du nächtelang aufbleibst und im Netz herumsurfst, bis du das Gefühl gefunden hast?« Sie zeigte auf Emma und tippte sich an die Stirn. »Du hast schon dunkle Ringe unter den Augen, Emma, und siehst aus wie ein Vampir. Wie lange hast du dieses Mal geträumt?«

Emma blickte wieder auf den Computerbildschirm und die imposanten Burgmauern von Arrick. »Monate.« Sie konnte es sich nicht erklären – nicht mal ansatzweise. Als sie dann aber auf diese atemberaubende Aufnahme der Festung aus dem zwölften Jahrhundert gestoßen war, hatte sie es irgendwie gewusst.

Und obwohl sie keine Ahnung hatte, was genau sie wusste, war ihr klar, dass sie dorthin fahren musste. Dass es ungeheuer wichtig war, dorthin zu fahren.

»Wann reist du ab, und warum hast du es mir nicht vorher schon gesagt?«, fragte Zoe stirnrunzelnd.

Emma sah ihre Freundin an und zeigte mit zwei Fingern auf sie. »Mach nicht so ein grimmiges Gesicht, Zoe!« Sie seufzte. »Ich wollte dich nicht damit belasten. Du hast genug mit deinen Hochzeitsvorbereitungen zu tun, da kannst du nicht auch noch eine jammernde Freundin brauchen.«

Zoe legte eine Hand auf Emmas Schulter. »Red keinen Unsinn, Emma! Du könnest nie eine Belastung für mich sein, und das weißt du auch. Du bist meine beste Freundin. Eine so gute beste Freundin, dass ich niemand anderem als dir meine Hochzeitsfotos anvertrauen würde.« Das Stirnrunzeln kehrte zurück, aber nur kurz; dann wurde Zoes Ausdruck weicher, und sie lächelte und legte ihren Kopf ein wenig schief. »Du bist ganz schön seltsam, Emma Calhoun! Du machst die erstaunlichsten Fotos von Menschen, die einander lieben, aber du … du bist achtundzwanzig Jahre alt und immer noch allein. Sieh dich doch mal an!« Sie zeigte auf sie. »Haut wie Porzellan, wunderschönes, zimtfarbenes Haar – du hast sogar einen Waschbrettbauch, Mädchen!« Zoe hob ihr T-Shirt an und stieß ihren Zeigefinger in ihren eigenen, viel weicheren Bauch. »Ich würde alles tun für einen Bauch wie deinen! Aber wie dem auch sei, du bist jedenfalls eine sehr, sehr attraktive Frau, und trotzdem wirst du heute Abend allein nach Hause gehen, eine Pizza bestellen und dir im Fernsehen … lass mich überlegen … Die Mumie ansehen – und danach wahrscheinlich auch noch Die Rückkehr der Mumie.«

Emma zuckte die Schultern. »Ich interessiere mich für Mumien.«

»Nein, du interessierst dich für den Typen, der die Mumien tötet.«

Emma widersprach ihr nicht, sondern schaute ihre Freundin nur aus schmalen Augen an. »Versuchst du zu erreichen, dass ich mich besser fühle?«

Zoe lächelte. »Wann reist du ab nach Wales? Und was noch wichtiger ist, auch wenn das jetzt vielleicht egoistisch klingt – wann bist du wieder hier? Rechtzeitig genug für meine Hochzeitsfotos?«

Emma ging zum Fenster und blickte auf die Touristen herab, die über das Kopfsteinpflaster der River Street flanierten. Ein Schlepper tutete, bevor er von den Docks ablegte, und eine Reisegruppe, die auf der Jagd nach Savannahs Geistern war, schlenderte vorbei. Selbst durch die geschlossenen Fenster drang der Duft von frisch gemachten Pralinen aus der Confiserie unten. Als Emma sich wieder nach Zoe umdrehte, tanzten feine Staubkörnchen wie Feen im Zwielicht, das durch das Fenster hereinfiel. Es war alles ziemlich surreal, aber nicht annähernd so surreal wie ihre Träume.

Irgendetwas zog sie nach Wales und insbesondere nach Arrick-by-the-Sea. Es war komisch, ja, und Zoe hatte recht: Sie war ziemlich seltsam. Die Träume, die Nacht für Nacht ihren Schlaf störten, ließen sich weder beschreiben, noch trugen sie ein flimmerndes Neonschild mit der Aufschrift Hier liegt dein Schicksal. Doch nach Monaten, in denen ihr Gefühl sie den zerfallenden Ruinen aus dem zwölften Jahrhundert förmlich entgegengedrängt hatte, hatte sich Emma nun schließlich einen Flug nach Wales gebucht. Sie hatte sich ein Zimmer in einem hübschen Bed and Breakfast reserviert, das in einem alten Herrenhaus in der Nähe der Burg lag, und sich den ganzen Oktober frei genommen, um den Atlantik zu überqueren und zu befriedigen, was auch immer es in ihr sein mochte, das sie fast schon zur Verzweiflung trieb.

»Hey!«, sagte Zoe und schwenkte eine Hand. »Erde an Emma! Versprichst du, rechtzeitig zurück zu sein?«

Mit einem zufriedenen Seufzer grinste Emma. »Ich reise in einer Woche ab. Und natürlich verspreche ich, rechtzeitig zurück zu sein, um deine Brautparty, das Probeessen und deine Hochzeit zu fotografieren.« Mit dem Zeigefinger beschrieb sie ein X über ihrer Brust. »Ehrenwort.«

Arrick-by-the-Sea

September, heutzutage

Gegen Abend

»Sieh dich doch nur an, Junge! Ein richtiges Nervenbündel bist du, wie du hier hin und her tigerst! Du machst mich schon ganz schwindlig.«

Christian of Arrick-by-the-Sea blieb stehen und sah seinen alten Freund an. Der Ritter war ein auf Grimm Castle ansässiger Geist, der jedoch oft nach Arrick kam. Die beiden waren schon seit Jahrhunderten befreundet. »Ich kann nicht anders, Godfrey«, erwiderte er achselzuckend und blickte seufzend auf die schon dunkle See hinaus. »Ich kann einfach nichts dagegen tun.«

Sir Godfrey of Battersby kratzte sich unter seinem großen, breitkrempigen Hut. »Verdammt, Junge, du müsstest mittlerweile wirklich daran gewöhnt sein! Das ist jetzt doch schon das … neunte Mal, nicht?«

»Das dreizehnte.«

Godfrey brummte etwas vor sich hin.

Das Auf und Ab der bewegten Irischen See, die gegen die Grundfeste von Arrick schlug, trug wenig dazu bei, Christian an diesem speziellen Abend zu beruhigen. Es war der Abend vor ihrer Ankunft, und sein Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken. Emma Calhoun war dieses Mal ihr Name. Seltsamerweise blieb sie immer Emma, nur ihr Nachname war jedes Mal anders. Wie würde sie diesmal aussehen? Ihre Seele war immer dieselbe, Ihr Äußeres jedoch veränderte sich mit jeder Wiedergeburt. In gewisser Weise war es so, als begegnete man jemandem immer wieder zum allerersten Mal.

Nur, dass er immer schon wusste, wer sie war.

Und sie schon leidenschaftlich liebte.

Christian fuhr sich mit der Hand durchs Haar. All das war wirklich mehr als genug, um einen Mann verrückt zu machen.

»Reiß dich zusammen, Junge, und hör auf, so ein Gesicht zu machen! Sag mir lieber, was du vorhast. Weißt du dieses Mal schon etwas über sie?«, fragte Godfrey. »Wie sie aussieht und so weiter?«

Christian warf Godfrey einen Blick zu. »Ich glaube, Du hast viel zu viel Spaß an all dem, alter Mann.«

Godfrey strich sich übers Kinn. »Ich gebe zu, dass es unterhaltsam ist, auch wenn es nur alle zweiundsiebzig Jahre vorkommt.« Er lachte leise. »Besonders gefällt mir, wenn du dich ihr zum ersten Mal zeigst.« Er schüttelte den Kopf. »Das ist ein Riesenspaß. Alle reden darüber, weißt du. Sogar drüben auf Grimm. Nur das Ende mag ich nicht«, schloss er mit einem verständnisvollen Blick auf Christian. »Glaubst du, dass es diesmal anders sein wird?«

Christian zuckte die Schultern und stieß einen tief empfundenen Seufzer aus. »Ich hoffe es!«, erwiderte er, den Blick auf den Weg gerichtet, der zu dem Anwesen der Schwestern Ballaster führte. »Ich glaube, die alten Mädchen führen etwas im Schilde. Sie sagten, dieses Mal sei von größter Wichtigkeit und ich sollte äußerst vorsichtig mit meinem Umwerben sein.«

»Du bist doch sowieso immer viel zu vorsichtig«, sagte Godfrey und blickte zum Gutshaus hinüber. »Sie sind ganz schön seltsam, diese alten Mädchen.«

Christian rieb sich den Nacken und blickte auf die schwarze See hinaus. Vielleicht würde er diesmal nicht so behutsam sein mit dem Umwerben. »Da ich weiß, wie es enden wird, habe ich ohnehin fast keine Lust, es zu versuchen«, sagte er. Tatsächlich hatte dieser Gedanke ihn schon sehr beschäftigt, und manchmal dachte er, dass es vielleicht das Beste wäre, Emma ganz zu meiden …

»Zu deiner Zeit hast du viele Köpfe abgeschlagen, Junge. Du bist einer der tapfersten und gefährlichsten Krieger, die ich kenne. Ich hege nicht den kleinsten Zweifel, dass du auch diesmal wieder mit der Begegnung mit deiner Liebsten fertig wirst«, sagte Godfrey und strich über die lange Feder, die seinen breitkrempigen Hut schmückte. »Wann kommt die Kleine?«

»Morgen.«

Ein Lächeln huschte über Godfreys Gesicht. »Wir könnten zum Flughafen gehen und uns das Mädchen schon mal ansehen.«

Christian schüttelte den Kopf. Er hatte den Schwestern Ballaster vor Jahren, nachdem er Emma das letzte Mal verloren hatte, seine Situation geschildert. »Willoughby hat mich schon gebeten, hierzubleiben.«

Godfrey antwortete mit lautem, ausgelassenem Gelächter. »Mein Gott, Junge!«, sagte er kopfschüttelnd. »Dich hat es aber wirklich schlimm erwischt, was?« Wieder schüttelte er den Kopf. »Tja, mich hat sie nicht gebeten, hierzubleiben, und ich werde mich morgen in aller Frühe zum Flughafen begeben. Der junge Catesby hat versprochen mitzukommen.« Er bedachte Christian mit einem etwas gönnerhaften Lächeln. »Du kommst hier ja bestimmt sehr gut allein zurecht. Auf und ab tigernd, dir den Nacken kratzend und so weiter und so weiter. Krank vor Sorge, wie ich dich kenne.«

Christian brummte nur verärgert. Justin Catesby, ein weiterer, wenn auch sehr viel irritierender Geist, würde zweifellos schon bald erscheinen und sich mit Godfrey über den armen Christian lustig machen. Justin war ein Draufgänger und ein arroganter Schnösel, doch wie Godfrey war auch er schon seit Jahrhunderten mit Christian befreundet.

»Aber was hältst du von einer Partie Würfelknochen bis dahin?«, fragte Godfrey.

Aber Christian war in Gedanken bei längst vergangenen Zeiten. Schwerter, Pfeile, Blut – die Hand immer fest um den Griff seiner Klinge, das waren vertraute, schweißtreibende, männliche Dinge. Aber wenn es um seine große Liebe ging? Würde er dann wirklich die Kraft aufbringen, ihr aus dem Weg zu gehen? Gott, eine Nacht noch, und dann würde sie schon hier sein …

Sein Magen kribbelte vor Aufregung, und sein Mund fühlte sich an, als hätte er Asche gegessen. Nervös fuhr er sich mit den Fingern durchs Haar.

Aye. Er hatte sich wirklich in einen rückgratlosen Trottel verwandelt.

»Arrick! Lass uns Würfelknochen spielen, Junge!«, brüllte Battersby.

Christian holte tief Luft und gesellte sich zu seinem alten Freund und einem sogar noch älteren Spiel, das er eigentlich gar nicht spielen wollte. Und so stieß er einen leidgeprüften Seufzer aus, als er sich setzte, und Godfrey of Battersby lachte.

Es würde die längste Nacht in Christians Leben werden.

Am Tag darauf

Emma hielt den Atem an, umklammerte den Sitz des alten Autos und trat fest mit beiden Füßen auf nicht vorhandene Bremsen, als das Vehikel gerade noch zwischen einer uralten Steinmauer und einem großen Lieferwagen durchschlüpfte. Danach hielt sie es nicht mehr aus und schloss die Augen.

Die Frau am Steuer kicherte.

Emma öffnete ein Auge und sah die reizende ältere Dame an, die den Wagen lenkte. Millicent Ballaster war eine der Besitzerinnen des Gutshauses, in dem sie ein Zimmer gebucht hatte. Zumindest war sie so nett gewesen, sie abzuholen. Das reizende alte Mädchen hatte sie fast zerquetscht mit ihrer stürmischen Umarmung, als sie sich im Flughafen begegnet waren. Mit einem unbekümmerten Grinsen auf ihren faltigen Wangen hielt Millie das Steuer gerade mal mit einer Hand.

»Kein Grund zur Sorge!«, sagte sie und tätschelte stolz das Armaturenbrett des Wagens. »Sie ist recht zuverlässig, diese alte Klapperkiste.«

Es war nicht die alte Klapperkiste, was Emma Sorgen machte, sondern ihr Leben, um das sie fürchtete. Sie umklammerte den Sitz noch fester und lachte erzwungen. »Oh, ich, ähm … ich zweifle nicht daran, dass sie es ist.« Oh Gott, ich schaffe es nie in einem Stück bis Arrick-by-the-Sea!

Es waren die längsten zwei Stunden ihres Lebens.

Irgendwann bogen sie von der einspurigen Straße, auf der sie gefahren waren, auf eine sogar noch schmalere ab. Sie bogen um zwei scharfe Kurven, und dann begann die alte Klapperkiste eine Anhöhe zu erklimmen. Der hohen Bäume wegen, die rechts und links die Straße säumten, kam Arrick-by-the-Sea erst in Sicht, als die Straße ebener wurde und der Wagen nicht mehr aufwärts fuhr.

Emma stockte der Atem, und ihr Herz schlug schmerzhaft hart gegen ihre Rippen.

»Was für ein Anblick, meine Liebe, nicht?«, sagte Millicent.

Der Wagen hatte kaum angehalten, als Emma auch schon die Tür öffnete und ausstieg. »Fabelhaft«, murmelte sie.

Dann sagte sie nichts mehr und nahm einfach nur die Aussicht in sich auf.

Sie hatten vor einem beeindruckenden alten Herrenhaus geparkt, das rechts von dem Pfad lag, der zu Arricks Burgruinen führte. Drei Stockwerke hoch und von der Länge eines Fußballfelds, war das Haus gewiss kein kleines Anwesen. Große steinerne Blumenkästen rechts und links der massiven Doppeltür quollen über von leuchtend roten und pinkfarbenen Geranien. Der Website nach war dieses Haus im siebzehnten Jahrhundert erbaut worden, mit den Jahren aber baufällig geworden. Heute war es liebevoll renoviert und einfach wunderschön. Ein Labyrinth aus Vogelbeerbüschen, die mindestens so groß wie Emma waren, befand sich auf dem großen Platz hinter dem Haus. Millie hatte ihr erzählt, dass mittendrin ein großer Springbrunnen stand. Aber all dies würde sie sich später ansehen müssen.

Ihr Blick kehrte zu dem schmalen Pfad zurück, der sich zu den Klippen hinaufschlängelte.

Und den Burgruinen, die sich direkt am Rand davon befanden.

Wieder stockte ihr der Atem.

Ohne nachzudenken, begann sie in diese Richtung zu gehen. Sie war jedoch erst ein paar Schritte weit gekommen, als die Eingangstüren des Gutshauses weit geöffnet wurden und drei ältere Frauen hinauseilten. Sie scharten sich um Millicent und starrten Emma schweigend an. Eine von ihnen, die recht mollig war und ein gutmütiges Gesicht und rotes Haar hatte, klatschte schließlich in die Hände und lächelte sie an.

»Willkommen! Ich bin Willoughby, und … Ach Gott, was sind Sie für ein hübsches Ding! Wir sind ja so froh, Sie hier zu haben!«, sagte sie. Wie eine dicht gedrängte Gruppe kamen sie auf Emma zu, und Willoughby fuhr fort: »Wir sind die Schwestern Ballaster. Millicent kennen Sie ja schon.«

»Und haben Gott sei Dank ihren grauenhaften Fahrstil überlebt«, warf die hochgewachsene, schlanke Schwester in ihrer Mitte ein und grinste. »Ich bin Maven.«

»Und ich Agatha«, stellte sich die Kleinste vor, die vor Aufregung die Hände rang und fast schon auf und ab sprang wie ein Jack Russell, der Fangen spielen wollte. »Wir sind wirklich sehr, sehr froh, dass Sie gekommen sind«, sagte sie mit merkwürdig erstickter Stimme.

Willoughby lächelte noch breiter. »Wir konnten Ihre Ankunft kaum erwarten, meine Liebe. Wir waren so gespannt auf Sie!«

Emma lächelte die Schwestern an. »Danke für diesen wundervollen Empfang«, sagte sie und fragte sich, wieso sie so froh waren, sie zu sehen. Lief das Geschäft um diese Jahreszeit vielleicht nicht gut?

Dann schweifte Emmas Blick wieder zu den Ruinen ab. Das verwitterte Gemäuer des Torhauses hob sich stark von der graublauen See dahinter ab. Die höhlenartige Öffnung, vor der sich einst ein mit Eisenzähnen versehenes Fallgitter befunden hatte, war gähnend leer.

Emma hielt inne. Woher wusste sie das?

»Ach, Sie werden noch Zeit genug haben, diese Festung zu erforschen«, sagte Willoughby und zog Emma am Ellbogen zu der alten Klapperkiste zurück. Emma nahm ihren einzigen Koffer und die Tasche mit ihrer Kameraausrüstung, hängte sie über ihre Schulter und schloss den Kofferraum. Willoughby tätschelte ihr den Arm. »Kommen Sie, meine Liebe! Packen Sie zuerst aus und richten Sie sich ein. Sie müssen doch erschöpft sein von diesem schrecklich langen Flug. Wir haben heißen Tee und Zimtkuchen für Sie.«

Emma erwiderte die Blicke der vier erwartungsvoll dreinschauenden Schwestern, die so unterschiedlich aussahen wie Tag und Nacht und sich dennoch alle ähnlich waren. Und Emma alle sehr sympathisch waren, wie sie in diesem Augenblick beschloss. »Ja, vielen Dank«, sagte sie lächelnd. »Das klingt wunderbar.« Und das tat es auch. Sie hoffte nur, dass sie sich nicht blamieren würde mit ihren Essgewohnheiten, und nahm sich vor, ihren Appetit zu zügeln. Nachdem sie das Gewicht ihres Gepäcks verlagert hatte, ließ sie sich von Willoughby in Richtung Haus ziehen.

Kurz bevor sie die Schwelle überschritt, blieb Emma wieder stehen und blickte über ihre Schultern zu den Ruinen von Arrick zurück. Sie fröstelte, als der kühle Septemberwind von der Irischen See herüberwehte und ihr in die Wangen biss.

Als sie zu den Ruinen hinüberschaute, entdeckte sie auf der Mauer ihr gegenüber eine hochgewachsene Gestalt. Sie stand mit vor der Brust verschränkten Armen reglos auf einem der Wehrgänge von Arrick Castle.

Im selben Moment lugte die Sonne hinter einer bedrohlich dunklen Wolke hervor, und ein goldener Strahl fiel auf das Gemäuer, auf den Boden und schließlich geradewegs in Emmas Augen. Blinzelnd kniff sie sie zusammen.

Die Gestalt auf der Mauer war plötzlich verschwunden.

»Kommen Sie, Liebes«, sagte Willoughby und zog sie weiter. »Lassen Sie mich Ihnen das Haus zeigen.«

Nachdem sie ein paar Sekunden länger mit schmalen Augen die inzwischen leere Burgmauer angestarrt hatte, zuckte Emma die Schultern und betrat ihr Zuhause für den nächsten Monat.

Wobei sie sich nur flüchtig fragte, ob es einen Burgverwalter geben mochte, der sich um die Ruinen und das Gelände kümmerte …

2. Kapitel

Kaum betrat Emma die Eingangshalle des Gutshauses, fielen ihr zwei Dinge auf: Das Erste war der herrlich dekadente Duft von Zimt, Vanille und Karamell, der ihren Magen auch prompt zum Knurren brachte. Bald würde sie anfangen, an ihrem eigenen Arm herumzukauen, wenn sie nicht schnellstens an diesen verflixten Kuchen herankam. Gott, die Düfte aus der Küche rochen wirklich himmlisch!

Das Zweite, was ihr auffiel, war, dass sie Augen auf sich spürte, als beobachtete sie jemand aus den Schatten. Es war allerdings nicht die Art von Gefühl, das man in einem unheimlichen, von Gespenstern heimgesuchten Haus empfinden würde. Nein, das war es nicht; dieses Haus wirkte ja alles andere als bedrohlich auf sie. Es war nur dieses komische Gefühl, das einen erfasste, wenn man immer wieder über die Schulter blicken musste oder die Härchen an Nacken und Armen sich aufrichteten. Schnell ließ Emma ihren Blick über alle Ecken und Nischen in der Halle und dem Wohnzimmer dahinter gleiten.

Die Zimmerdecken waren etwa vierzehn Fuß hoch; wunderschön bemalte Kacheln bildeten die Fußleisten; schwere, bodenlange burgunderfarbene Vorhänge hingen rechts und links der Fenster, und das prachtvolle dunkle Mahagoni des Treppengeländers schimmerte im Lampenlicht.

Emma sah nichts Verdächtiges, aber das Gefühl, beobachtet zu werden, blieb.

Merkwürdig.

Oder auch nicht. Das Haus war schließlich über zweihundertfünfzig Jahre alt. Aber Emma kam aus Savannah. Sie war gewöhnt an Gespenster, die in alten Häusern spukten; schließlich war ihre Heimatstadt bekannt dafür.

Nicht, dass sie auch nur irgendetwas von diesem Unsinn glaubte.

»Emma, Liebes«, sagte Willoughby.

Emma erschrak, und die ältere Dame lachte.

»Keine Bange, Liebes, Sie brauchen hier nicht nervös zu sein! Hier gibt es keine Gespenster, das kann ich Ihnen garantieren.« Willoughby lächelte und zwinkerte ihr zu. »Ich hab sie schon vor Jahren hinausgeworfen«, scherzte sie und deutete mit dem Kopf in Richtung Treppe. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer. Sie haben übrigens den ganzen zweiten Stock für sich. Meine Schwestern und ich bewohnen den ersten, wir sind also direkt unter Ihnen, falls Sie etwas brauchen sollten.« Wieder zwinkerte sie Emma zu. »Sie sind unser einziger Gast, verstehen Sie?«

Emma erwiderte das Lächeln. Wahrscheinlich sah sie aus wie ein Idiot und klang auch so. Wenn vier ältere Damen in diesem Haus lebten, konnte es nur völlig ungefährlich sein. Sie folgte Willoughby zwei Treppen hoch und über einen langen Gang mit viktorianischen Wandleuchten, die ein gedämpftes Licht verbreiteten. Hier und da standen ein paar hübsche Holzstühle mit dicken, burgunderfarbenen Kissen an der Wand. Schließlich hielt Willoughby an einer Tür inne, die schon halb geöffnet war.

»So, da sind wir«, sagte sie und stieß die Tür so weit auf, dass sie an die Wand dahinter prallte. Sie ging herein, und Emma folgte ihr. Im Zimmer machte Willoughby eine weit ausholende Handbewegung. »Machen Sie es sich bequem, meine Liebe! Das ist Ihr Sekretär, Ihre Kommode, die Tür zu Ihrem Bad … und dort steht ein Teeservice für Sie neben dem Bett. Oh, und den Kamin können Sie natürlich auch benutzen. Sie haben hier oben nur keinen Fernseher, fürchte ich.«

Zufrieden faltete sie die Hände vor ihrem Bauch und nickte. »Gut. Wenn Sie ausgepackt haben, werden Sie uns unten in der Küche finden. Und beeilen Sie sich besser, meine Liebe«, fügte sie augenzwinkernd hinzu. »Agatha kann nämlich ihr eigenes Gewicht in Zimtkuchen verputzen.«

Und damit ging sie auch schon hinaus und schloss die Tür.

Emma stand mitten im Zimmer, den Koffer in der Hand, die Kameratasche an der Schulter.

So, jetzt bin ich endlich hier.

Und was jetzt?

Ihr Blick glitt zu den bodenlangen Vorhängen am Ende des erstaunlich großen Raums. Neugierig stellte sie ihre Sachen ab und ging hinüber, zog mit klopfendem Herzen den schweren Stoff beiseite und lächelte, als sie aus dem Fenster sah.

Von hier aus hatte sie einen ungehinderten Blick auf Arrick-by-the-Sea.

So schnell sie konnte, räumte Emma ihre Sachen weg, wusch sich das Gesicht und putzte sich die Zähne, bevor sie einen dicken, cremefarbenen Fischerpullover überzog, sich die Haare kämmte und sie zu einem Knoten verdrehte, den sie mit einem Clip feststeckte. Sie würde ein paar Stücke Zimtkuchen verputzen, sie mit etwas Tee herunterspülen und dann sofort zu den Ruinen hinübergehen, um sie sich genauer anzusehen. Gott, sie hatte noch Stunden, bevor es dunkel wurde! Viel Zeit zum Erforschen und Fotografieren.

Sie hatte keine Ahnung, was sie innerhalb der alten Mauern finden würde, aber aus irgendeinem Grund konnte sie es kaum erwarten, es herauszufinden. Schnell griff sie in ihre Kameratasche, holte ihre kleinere Digitalkamera heraus und verließ das Zimmer.

Christian lehnte sich an die nördliche Burgmauer, verschränkte seine Arme vor der Brust und hielt seine Augen auf das Herrenhaus gerichtet. Seine Miene war noch genauso finster wie zuvor – was ihn sich aus irgendeinem Grund ein bisschen besser fühlen ließ.

»Mensch, Junge, sei doch nicht so schwerfällig! Du hättest dich genauso leicht wie wir ins Haus der Schwestern schleichen können, um dir das Mädchen aus der Nähe anzusehen.« Godfrey lachte. »Sie hatte keine Ahnung, dass wir da waren.«

»Oh doch«, widersprach ihm Justin Catesby, der sich ihnen angeschlossen hatte. »Und ob sie es gewusst hat! Sie hat andauernd über ihre Schulter geblickt – in diese Richtung und die andere«, sagte er und machte es ihnen vor. »Ein kluges Kind, die Kleine.« Er stieß Christian freundschaftlich gegen den Arm. »Es war sehr vernünftig von dir, hierzubleiben, während wir dort herumgeschlichen sind und sie beobachtet haben.« Er schüttelte den Kopf und pfiff durch die Zähne. »Sie ist nämlich verdammt hübsch.«

Das Gute daran, ein Geist zu sein, war Christians Ansicht nach, dass er, obwohl er keine Lebenden anfassen konnte, dies sehr wohl mit einem anderen Geist tun konnte.

Und deshalb packte er Justin an der Kehle und drückte zu. »Vorsicht, Junge! Ich bin nicht in der Stimmung für deine Scherze.«

Justin Catesby, der mindestens sieben oder acht Jahre jünger und fast so groß wie Christian war, erwiderte dessen finsteren Blick und fing dann lauthals an zu lachen. Der Idiot lachte so heftig, dass Tränen aus seinen Augen liefen. Christian wandte den Blick ab und ließ seinen Freund los.

»Verdammt, Chris!«, sagte Justin. »Nun sei doch nicht so furchtbar ernst, Mann. Du hast allen Grund, dich zu freuen, statt so grimmig dreinzuschauen.« Er legte einen Arm um Christians Schultern. »Deine Braut ist wieder hier, mein Junge! Du hast sie wie lange nicht gesehen? Zweiundsiebzig Jahre?«

»Aye, zweiundsiebzig Jahre«, bestätigte Godfrey. »Das ist eine verdammt lange Zeit.«

Trotz allem hellte Christians Miene sich nicht auf. »Es ist also alles … in Ordnung mit ihr?«

Justin Catesby grinste. »Du meinst, wie sie diesmal aussieht?«

Christian knurrte nur.

Catesby rieb sich das Kinn. »Na schön, da du nicht den Mut hast, hinüberzugehen und sie dir selber anzusehen, und auch nicht die Geduld aufbrachtest, an deinem Torhaus ihre Ankunft abzuwarten …« Als keine Reaktion von Christian kam, fuhr er fort: »So wie heute habe ich sie noch nie zuvor gesehen. Ich meine, sie war schon immer hübsch, aber heute?« Er schüttelte den Kopf und sah Christian an. »Mein Gott, Chris – sie ist atemberaubend!«

»Aye, sie sieht fantastisch aus«, ergänzte Godfrey. »Ihr Haar hat die Farbe von Piment und reicht ihr ungefähr bis hier«, sagte er, auf seine Schulter zeigend.

»Nein, mehr wie Zimt«, berichtigte ihn Justin. »Meinst du nicht?«

Godfrey sah ihn an. »Hmm. Da könntest du recht haben.«

Christian rieb sich mit den Fingerknöcheln seine Augen.

Justin trat noch näher. »Haut wie Porzellan, glatt und makellos. Und die blauesten Augen, die du dir vorstellen kannst.«

Christian nahm seine Hände von den Augen und sah seine Freunde an. Zuerst glitt sein prüfender Blick über Justins wettergegerbte, geisterhafte Züge. »Ich habe das Gefühl, du hast zu lange hingesehen«, sagte er dann.

Justin Catesby und Godfrey of Battersby brachen in schallendes Gelächter aus.

»Tja, mein Junge«, sagte Godfrey, nachdem er sich wieder beruhigt hatte, »jetzt hast du Gelegenheit, das Mädchen selbst zu sehen.« Er machte eine Kopfbewegung. »Da kommt sie.«

Christians Magen verkrampfte sich, und plötzlich dachte er, dass es klüger gewesen wäre, Gawan Conwyk auf Grimm Castle einen Besuch abzustatten, statt hierzubleiben und sich zu quälen. Doch als hätte sein Kopf einen eigenen Willen, drehte er sich in Richtung Herrenhaus, schluckte und beobachtete wie gebannt die zierliche Gestalt, die über den kiesbestreuten Weg auf Arrick zukam. Hilflos fuhr er sich mit einer Hand durchs Haar, rieb sich das Kinn und scharrte mit den Füßen. Erst seufzte er ein paarmal schwer, dann fluchte er.

»Ich kann ehrlich sagen, dass ich nie müde werde zu sehen, wie du dich jedes Mal windest, wenn du deine Emma wiedersiehst.« Justin schüttelte den Kopf. »Das ist ungeheuer amüsant. Und aus irgendeinem Grund sogar noch mehr diesmal.«

»Offensichtlich, da du extra von Sealladh na Mara hergekommen bist, um zuzusehen«, murmelte Christian. »Geh nach Hause, Mann.«

Justin lachte. »Eher würde ich sterben. Schon wieder.«

Und da beschloss Christian, seine beiden verrückten Freunde nicht weiter zu beachten und sich lieber darauf zu konzentrieren, dass er unsichtbar blieb, während Emma den Weg heraufkam. Vielleicht würde ein kurzer Blick auf sie genügen. Und dann würde er Arrick verlassen.

Es schien ewig zu dauern, bis Emma über diesen schmalen Pfad die Burg erreichte. Christian lief ungeduldig auf und ab, fluchte noch ein bisschen mehr, und als er schließlich mit seiner Geduld am Ende war, begann er auf sie zuzugehen. Sein Magen schnürte sich zusammen, als sie näher kam. Seine Emma. Wieder hier. Und sie kam ihm immer näher …

»Ruhig, Junge«, sagte Godfrey irgendwo hinter ihm.

Innerhalb des Torhauses, von wo aus Emma nicht zu sehen war, blieb Christian stehen und wartete. Selbst wenn er sich nicht unsichtbar gemacht hätte, würden die Schatten zwischen dem dunklen Gemäuer seine Gestalt verschluckt und ihn verborgen haben.

Seltsamerweise hatte er mit dem Eintreten des Todes ein paar … Tricks gelernt. Sein Leben und seinen irdischen Körper hatte er verloren, im Ausgleich dafür aber ein paar superbe Talente errungen. Zur Entschädigung gewissermaßen, dachte er. Wie die unheimliche Fähigkeit, die leisesten Geräusche aus großen Entfernungen zu hören. Was manchmal äußerst irritierend sein konnte. Aber er musste diese Fähigkeit ja nicht jetzt gebrauchen. Das Knirschen von Kies unter Emmas Füßen hörte sich schon viel zu nahe an, und bevor Christian seinen nächsten vernünftigen Gedanken fassen konnte, kam sie um die Ecke und in Sicht, sodass sie plötzlich direkt vor ihm stand.

Emma erstarrte und schnappte nach Luft.

Christian ebenfalls.

Zuerst hatte er gedacht, sie habe ihn gesehen. Aber dann kam ihm dunkel zu Bewusstsein, dass sie nicht ihn, sondern die Struktur des Torhauses anstarrte.

Er dagegen hatte fast seinen geisterhaften Atem und das bisschen Verstand verloren, das ihm geblieben war. Ihm zitterten die Knie, als sie direkt neben ihm stehen blieb und er nichts anderes tun konnte, als sie mit seinen Blicken zu verschlingen. Sie war nicht mehr als einen halben Meter weit von ihm entfernt. Christian starrte sie an, ohne sich darum zu scheren, dass sein Verhalten vielleicht schamlos war oder er sich damit im Grunde nur noch mehr Schmerz zufügte. Er konnte einfach nichts dagegen tun. So gründlich er konnte, musterte er sie, von ihren stiefelbedeckten Füßen über ihre in Jeans steckenden Beine und den viel zu großen Pullover, bis hin zu ihrem glatten, zimtfarbenen Haar, das mit helleren Tönen durchsetzt und im Nacken zusammengebunden war. Ihr Kopf reichte ihm gerade mal bis zur Schulter, und Christians Kehle wurde eng bei den Erinnerungen, die ihn jäh durchfluteten …

»Ich liebe es, wenn dein Kinn auf meinem Haar ruht«, Emma schlang ihre Arme um seine Taille und schmiegte ihren Kopf an seine Brust. Als sie sein Kinn nicht sofort dort spürte, wo sie wollte, begann sie zu zappeln, und Christian ergab sich lächelnd.

»Siehst du? Das ist schon besser!« Sie schmiegte sich noch fester an ihn.

Christian lachte und schlang seine Arme um seine Liebste. Tief atmete er ein, schmeckte den blumigen Duft ihrer Haut auf seiner Zunge und küsste sie aufs Haar. »Gott, Frau, du machst mich vollkommen verrückt …«

Das Bild verblasste, als die heutige Emma sich ihm direkt zuwandte, den Kopf ein wenig schräg legte und sehr aufmerksam zu lauschen schien. Ihre Brust hob und senkte sich unter schweren Atemzügen, und Christian konnte das schnelle Pochen ihres Herzens hören.

Ausgerechnet da bewegte sie sich, ganz leicht nur, aber so, dass das Licht vom Torhauseingang jetzt auf ihr Gesicht fiel. Christians Mund wurde trocken, als hätte er Kreide gekaut, als er die forschenden blauen Augen betrachtete, die mit langen, dunklen Wimpern gesäumt waren, und die perfekt geschwungenen, zimtfarbenen Augenbrauen. Die vollen Lippen, die er schon so oft geküsst hatte, konnten sich zu dem strahlendsten Lächeln verziehen, doch jetzt biss sie sich mit ihren ebenmäßigen weißen Zähnen besorgt auf ihre Unterlippe, und Christian wusste, ohne hinzusehen, dass sie am Rand ihres Kinns eine kleine Narbe hatte. Ihm wurde innerlich ganz kalt. Alles vertraute Dinge – Dinge, die ihm unauslöschlich in Erinnerung verblieben waren. Dinge, von denen er geglaubt hatte, er würde sie nie wieder sehen …

Denn zum ersten Mal, seit sie beide gestorben waren, sah Emma haargenau wie sie selbst aus. Wie die Emma, die ihn zu den Kreuzzügen hatte reiten sehen, sich die Tränen aus ihren Augen gewischt und ihm nachgesehen hatte …

»Bitte, Chris! Ich flehe dich an, verlass mich nicht!«, rief Emma. »Ich fürchte, ich werde dich nie wiedersehen.«

Christian schwang sich vom Pferd. Mit zwei Schritten war er bei ihr, nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und sah ihr in die Augen. Mit seinen Daumen wischte er die Tränen von ihren Wangen. »Ich muss gehen, Liebste. Aber ich werde zu dir zurückkehren.« Er presste seine Lippen auf die ihren, küsste ihre Augen und löste sich dann von ihr. »Ich schwöre es dir, Emma! Warte auf mich.«

Sie nickte. »Ich werde immer auf dich warten«, flüsterte sie.

Und dann, bevor Emma seine eigenen Tränen sah, ging er.

Oh Gott.

Mit einem tief empfundenen Seufzer ging Emma an ihm vorbei und holte ihn aus der Vergangenheit zurück. Durch das Torhaus ging sie in den Burghof, und Christians Herz zog sich zusammen, als er ihr nachsah. Aye, sie war genau dieselbe – ihre Art, sich zu bewegen, ihr Gang … Er rang mit sich, um nicht zu tief einzuatmen hinter ihr, weil er wusste, dass er ihren Duft sowieso nicht wahrnehmen konnte. Aber er wusste, dass er da war – und sehr angenehm …

Wieder verkrampfte sich alles in ihm, und er rieb sich die Augen, in der Hoffnung, die Erinnerungen verdrängen zu können. Aber es nützte nichts. Diesmal würde es noch härter sein, sie zu verlieren, das konnte er jetzt schon spüren. Möglicherweise war die Tatsache, dass sie genauso wie zu ihren Lebzeiten aussah, aber auch ein Zeichen, dass es diesmal anders werden würde? Es war das dreizehnte Mal, dass Emma ihn gefunden hatte. So viele Jahre hatte er gehofft …

Unwillkürlich wurden Christians Augen hart. Bestimmt würde er sich selbst und Emma noch viel größeren Schmerz zufügen, wenn er sie umwarb, wie er es früher immer getan hatte. Es wäre ein Fehler, das konnte er irgendwie schon spüren.

Zwei Mal blieb Emma stehen und blickte langsam über ihre Schulter. Für ihn sah es so aus, als schaute sie ihn geradewegs an.

Mit einem letzten, harten Blick fluchte Christian unterdrückt und verschwand aus dem Burghof und der Burg.

Emma verhielt wieder den Schritt, und diesmal drehte sie sich um.

Sie hätte schwören können, dass sie gerade die tiefe Stimme eines Mannes hatte fluchen hören. Natürlich war hier außer ihr niemand. Sie blickte zum Himmel auf. Vielleicht war es nur ein Seevogel gewesen oder der Wind, der durch die Ritzen in den Steinen pfiff. Achselzuckend drehte sie sich um und ließ ihren Blick über den vor ihr liegenden Burghof gleiten. Ihren Augen entging nichts. Arrick war ein erstaunlicher Ort, dem die Website nicht einmal annähernd gerecht geworden war.

Nachdem sie durch die dunkle, gähnende Öffnung des Torhauses getreten war, wo sie genau erkennen konnte, wohin sich die Zacken des Fallgitters einst zurückgezogen hatten, trat sie auf einen großen, von einer mächtigen alten Steinmauer umgebenen Hof hinaus. Ein großer Teil des Hauptgebäudes war noch intakt – sie würde eine Taschenlampe mitbringen müssen, um den Palas, wie diese Bauten auch genannt wurden, zu erforschen. Zwei Treppen befanden sich an der fernen Seite, die zu der zum Meer hinausgehenden Mauer hinaufführten. Das dunkelgraue Hauptgebäude war mindestens dreißig Meter hoch. Es gab sogar einige Stellen, wo Emma die Löcher in den Balken sah, die die Bodendielen trugen und sich vermutlich über das gesamte Gebäude erstreckten. Obwohl ein Teil davon recht baufällig aussah, war es doch erstaunlich, wie intakt die Burg noch war. Ihr Anblick verursachte ihr ein merkwürdiges Gefühl in ihrer Magengrube.

Nachdem sie ihre kleinere Digitalkamera aus der Tasche genommen hatte, machte sie ein paar Aufnahmen: eine von dem Torhaus, vom Hof aus gesehen, eine andere über die Mauer vor der See und eine weitere von den mit Efeu überwucherten Steinstufen. Als sie zur See hinausblickte, nahm sie das blaugraue, von dem scharfen Wind mit Schaumkronen bedeckte Wasser und den schier endlosen Himmel mit den dunklen Wolken auf. Dann hielt sie inne und drehte sich wieder um, schon halb in der Erwartung, eine der Schwestern aus dem Bed and Breakfast hinter sich stehen zu sehen. Der Wind hatte ihr Haar zerzaust und fast gänzlich aus dem Clip gerissen. Es wehte ihr ums Gesicht, und Emma strich es sich aus ihren Augen.

Wieder war niemand da. Aber ihre Haut prickelte, und die Härchen in ihrem Nacken sträubten sich.

Sie hatte das deutliche Gefühl, dass jemand ganz in ihrer Nähe war und sie beobachtete …

Nach einer Weile blinzelte sie und begann über sich selbst zu lachen. Ihre Fantasie ging anscheinend mit ihr durch. Zoe würde sich biegen vor Lachen über sie und ihre Schreckhaftigkeit. Mit einem Kopfschütteln und einem kleinen Lachen legte sie ihre Kamera in ihre Tasche, schlang ihre Arme um sich, schloss die Augen und holte ganz tief Luft. Der salzige Geschmack der See ließ sich auf ihrer Zunge nieder, und der scharfe, schneidende Wind kam vom Ozean herüber und fegte über sie. Er roch – und schmeckte – wunderbar.

Und er löste wieder dieses eigenartige Gefühl in ihrem Magen aus. Emma öffnete die Augen.

Was war das?

Dann knurrte ihr Magen, laut und vernehmlich. Jetzt wusste sie, woher das merkwürdige Gefühl kam: Es war Hunger. Obwohl sie sich mit Tee und Zimtkuchen gestärkt hatte, bevor sie zu der Burg gegangen war, schien das nicht genügt zu haben. Die Ballasters hatten ihr von einem chippy nur wenige Kilometer südlich von Arrick erzählt, einem Fish-and-Chips-Imbiss. Darauf hatte sie Appetit. Vielleicht würde sie ins Dorf gehen.

Doch plötzlich verdunkelte sich der Himmel, und Emma erhob den Blick zu den schweren, Unheil verkündenden Wolken, die sich über ihr zusammenbrauten. Auch ein paar Regentropfen fielen schon. Fish and Chips würden warten müssen.

Emma steckte die Hände in die Taschen und blickte sich noch einmal auf dem Burghof um, bevor sie zurückging. In den nächsten Wochen würde sie noch jede Menge Zeit zum Fotografieren haben.

Als sie das Torhaus betrat, überkam sie wieder dieses komische Gefühl, das dieses Mal sogar noch ausgeprägter war. Verwundert blieb sie stehen, schaute sich um und streckte geistesabwesend eine Hand aus, um die alte Mauer zu berühren. Ein seltsames Prickeln durchlief ihre Hand, und ihr fiel auf, wie kühl sich der feuchte Stein unter ihren Fingerspitzen und ihrer Hand anfühlte. Mit einem letzten Blick zurück schob sie die Hände wieder in ihre Taschen und eilte den Weg zum Herrenhaus hinunter.

Heute Abend würde sie ein langes, heißes Bad nehmen, sich ausruhen und noch etwas Tee und Zimtkuchen aus der Küche stibitzen. Dann würde sie sich mit einem guten Buch hinlegen und morgen in aller Frühe aufstehen.

Sie hatte vor, bei Sonnenaufgang ein paar gute Aufnahmen von der Burg zu machen. Vielleicht würde sich dann etwas in ihr regen – oder etwas geschehen, das rechtfertigen würde, dass sie den Atlantik überquert hatte, um dieses Arrick-by-the-Sea zu sehen.

Emma wurde es so leicht ums Herz bei dem Gedanken, dass sie auf dem Weg zurück zum Gutshaus fast in einen kleinen Trab verfiel.

3. Kapitel

Emma ließ sich in einem der weich gepolsterten Plüschsessel im Wohnzimmer nieder. Agatha hatte das Feuer im Kamin geschürt, sodass nun Flammen aufloderten und eine angenehme Wärme im ganzen Zimmer zu verbreiten begannen. Nach einem reichhaltigen Abendessen aus Hühnerfrikassee und frisch gebackenen Brötchen war Emma angenehm gesättigt. Endlich. Und alle vier Ballasters saßen ihr auf dem Sofa gegenüber. Lächelnd. Und mit einem komischen kleinen Anflug von … irgendwas in ihren Augen.

Sie saßen einfach nur da, starrten sie an und warteten.

Emma räusperte sich. »Sie haben ein wundervolles Haus«, sagte sie. »Ich würde gern etwas über seine Geschichte hören.«

Die Schwestern strahlten. Agatha wippte auf und ab; Maven unterdrückte ein Kichern und rang die Hände, während Millicent Willoughby aufs Knie klopfte. »Fang du an, Schwester. Du kannst die Geschichte so gut erzählen.«

Emma hätte schwören können, dass Willoughby ihrer Schwester einen bösen Blick zuwarf. Aber der Ausdruck war so schnell verschwunden, wie er erschienen war. Willoughby beugte sich ein wenig vor und lächelte noch breiter. »Nun, ich muss sagen, dass wir eine aufregende, romantische Geschichte hier auf Arrick haben. Das Haus selbst wurde im siebzehnten Jahrhundert von einem jungen Lord namens Garrick erbaut. Aber der wurde des Lebens als Großgrundbesitzer müde und ging zur See.« Sie beugte sich noch mehr zu Emma vor, zog eine ihrer roten Augenbrauen hoch und senkte ihre Stimme. »Es geht das Gerücht, dass er ein Furcht erregender Pirat geworden ist.«

»Und das stimmt wohl auch«, warf Millicent ein. »Schließlich gibt es im ganzen Haus Geheimgänge und verborgene Zimmer.«

»Und vergesst nicht die Tunnel«, sagte Agatha. »Erzähl ihr von den Tunneln, Willoughby!«

»Von den Tunneln?«, fragte Emma.

»Oh ja«, erwiderte Willoughby. »Es gibt ein ganzes Labyrinth hier unter dem Haus. Die meisten sind mit noch mehr Tunneln unter der Burg verbunden und führen direkt zur See.«

»Wir glauben, dass Garrick die Tunnel damals benutzte, um seine Beute ungesehen ins Haus zu bringen«, sagte Millicent.

Willoughby seufzte. »Das stimmt. Aber die Eingänge sind seit über einem Jahrhundert zugemauert. Der Einsturzgefahr wegen, denke ich.«

Emma lächelte. »Wahrscheinlich.«

»Erzähl ihr auch von ihm«, sagte Millicent.

Willoughby sah Emma an.

Emma lächelte. »Von wem?«

»Nun«, begann Willoughby, »es ist eigentlich nur eine Legende, aber angeblich war es ein grimmiger walisischer Krieger, der vor Jahrhunderten die Burg erbaute. Er war ein großer, kräftiger Mann, und es heißt, dass er einem Mann mit einem einzigen Hieb seines Schwerts den Kopf abtrennen konnte.«

»Sauber wie eine Pusteblume«, fügte Millicent vergnügt hinzu.

Willoughby warf ihrer Schwester einen strengen Blick zu, bevor sie fortfuhr. »Aye, er war wirklich ziemlich wild und hitzig. Aber dann, so heißt es, begegnete er seiner einzig wahren Liebe, und sie heilte sein hartes, einsames Herz. Sie war seine Auserwählte, wissen Sie, und sie verliebten sich sehr schnell und ungestüm und hatten vor zu heiraten.« Ein grimmiger Ausdruck erschien auf Willoughbys Gesicht.

Und ein leiser Seufzer entrang sich Agatha.

»Seine Auserwählte?«, fragte Emma, so fasziniert von der Geschichte, dass sie sich jetzt vorbeugte.

Willoughby nickte. »Aye. Seine Seelenverwandte.«

Wieder setzte dieses merkwürdige Kribbeln in Emmas Magen ein. »Und was wurde aus den beiden?«

Willoughby seufzte. »Niemand weiß es mit Sicherheit, aber es heißt, der junge Krieger sei fortgegangen, um an den Kreuzzügen teilzunehmen.« Sie schniefte ein bisschen. »Und nie zurückgekehrt.«

Ein Kloß bildete sich in Emmas Kehle. »Und seine Auserwählte?«

Alle vier Ballasters wechselten einen Blick; dann wandten sich alle Emma zu. »Sie starb an gebrochenem Herzen.«

Es wurde still in dem warmen Wohnzimmer. Aus irgendeinem Grund verspürte Emma einen leisen Kummer. Nein, mehr als nur einen leisen eigentlich sogar. »Wie traurig«, sagte sie.

Wieder räusperte sich Willoughby. »Es heißt, dass der Krieger, der so verliebt war in seine Frau, auf dieser Erde geblieben ist.« Sie warf Emma einen Blick zu. »Weil er nicht ohne seine Auserwählte gehen wollte.« Wieder richtete sich ihr Blick erwartungsvoll auf Emma.

Emma wunderte sich darüber, doch dann weiteten sich ihre Augen, als sie sich an die Gestalt erinnerte, die sie auf der Burgmauer gesehen hatte …

Nein, das war nicht möglich …

In dem Moment knackte laut ein Holzscheit im Kamin, und Emma fuhr zusammen und unterdrückte einen Aufschrei.

»Was ist mit Ihnen, meine Liebe?«, fragte Willoughby mit großen Augen.

Emma erwiderte ihren fragenden Blick und schenkte der älteren Dame ein einnehmendes Lächeln. »Nichts. Es ist alles bestens. Es ist nur …

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