Logo weiterlesen.de
Eine Braut zum Verlieben

1. KAPITEL

Herzogtum Avernos, Verdonia
Wie alles begann …

„Nein, kommt überhaupt nicht infrage. Das tust du nicht, Miri. Und wenn du dich auf den Kopf stellst. Ich will auf keinen Fall, dass du da mit drinsteckst.“

Sie legte ihren Mantel ab, sodass das Hochzeitskleid zum Vorschein kam, das sie darunter trug. Ihr war egal, wie er sich aufspielte, sie würde keinesfalls nachgeben. Ihr anderer königlicher Stiefbruder, Leonard, trug schon lange den Spitznamen „der Löwe von Mount Roche“. Merrick dagegen erinnerte sie eher an einen Leoparden als an den König der Tiere. Wahrscheinlich weil er schlank und geschmeidig war – und tödlich leise, bis er ganz plötzlich angriff. Obendrein besaß er eine Schnelligkeit und Eleganz wie kein anderer.

„Dafür ist es zu spät, Merrick. Ich stecke da schon längst mit drin.“

Beim Anblick ihres Hochzeitskleides presste er die Lippen zusammen und blickte sie zornig an. „Aber nur weil du eine private Unterredung mit angehört hast.“ Er nickte. „O ja, kein Wunder, dass du rot wirst. Verdammt, Miri, ich bin der Chef des Königlichen Sicherheitsdienstes. Hätte ich jemand anderen bei so etwas erwischt, dann würde ich ihn ins finsterste Verlies werfen lassen. Und noch schlimmer – hätte jemand anderer dich beim Spitzeln erwischt, dann hätte ich hart durchgreifen müssen. Gegen meine eigene Schwester.“

„Du brauchst meine Hilfe“, beharrte sie.

Er packte sie bei den Schultern. „Hör mir zu, das ist verdammt ernst. Eine Frau zu entführen … das könnte Gefängnis für alle Beteiligten bedeuten.“

„Dann gehe ich eben ins Gefängnis.“

„Denk doch mal nach. Dein Plan ist es, Prinzessin Alyssa kurz vor ihrer Hochzeit zu entführen. Meinst du etwa, der Bräutigam merkt nicht, wenn seine Braut plötzlich weg ist? Du brauchst jemanden, der vor dem Altar ihre Stelle einnimmt. Damit die Leute wenigstens so lange nichts merken, bis du verschwunden bist.“

Er fuhr sich mit der Hand durch das blonde Haar. „Um das Verschwinden geht es ja. Meine Männer und ich verschwinden, Alyssa verschwindet, wenn auch gegen ihren Willen. Aber du bleibst in Bernard Dombrets Hand. Und was meinst du wohl, was passiert, wenn er dir den Brautschleier abnimmt?“

Aufgebracht fuhr er fort: „Dann erkennt er, dass er nicht Prinzessin Alyssa Sutherland, seine politische Verbündete, geheiratet hat, sondern mit Prinzessin Miri Montgomery vermählt ist, der Schwester seines politischen Erzfeindes. Oder hast du schon vergessen, dass Dombret und Leonard erbittert um den Thron von Verdonia kämpfen?“

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Natürlich habe ich das nicht vergessen. Aber glaubst du wirklich, Prinz Bernard wird mich ins Gefängnis werfen lassen? Was würde das für ein Licht auf ihn werfen – nur fünf Monate vor der Königswahl?“

„Auf jeden Fall wird Dombret nicht begeistert sein, um es noch milde auszudrücken“, entgegnete Merrick. „Ich bin sicher, er wird seine Wut und Enttäuschung an jemandem auslassen. Und das sollst auf keinen Fall du sein.“

„Bernard würde mir nichts antun. Jedenfalls nicht so, wie du es meinst.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher“, sagte Merrick. „Irgendetwas wird ihm schon einfallen, um sich für die Entführung seiner Braut zu rächen. Und ich werde nicht zulassen, dass du sein Opfer wirst.“

„Ich auch nicht“, erwiderte sie mit fester Stimme. Die extra angefertigte Kopie des Hochzeitskleides passte ihr ganz genau, und wenn sie jetzt zitterte, lag es nicht an dem dünnen Stoff, sondern an ihren Gefühlen zwischen Wut und Kummer. „Ich habe doch alles ganz genau geplant. Wenn am Schluss der Hochzeitszeremonie der Brautschleier gelüftet werden soll, weigere ich mich einfach. Zur Not stelle ich mich krank und bitte darum, in mein Zimmer – Alyssas Zimmer – gebracht zu werden, um mich auszuruhen. Und sobald ich allein bin, ziehe ich mir irgendwas von ihren Sachen an und verschwinde.“

„Einfach so, ja? Und du meinst, niemand wird dich aufhalten?“ Merrick verschränkte die Arme. „So naiv kannst du doch gar nicht sein.“

„Warum sollte mich jemand aufhalten? Ich bin dann doch nur ein normaler Hochzeitsgast: Miri Montgomery, die ganz einfach durch die Vordertür rausgeht, und nicht Prinzessin Alyssa Sutherland-Dombret. Und jetzt hör auf zu diskutieren, Merrick. Wenn dir meine Idee so nicht gefällt, dann bring konstruktive Vorschläge. Was können wir anders machen?“

„Da gibt es nichts anders zu machen. Ich erlaube dir das Ganze einfach nicht.“

„O doch, das tust du.“ Sie spielte ihre Trumpfkarte aus. „Du erlaubst es – oder ich erzähle deinem großen Bruder, was du vorhast.“

Er wurde rot, und sie hatte das Gefühl, dass sie vielleicht zu weit gegangen war. „Du würdest zu Leonard gehen und …“

„Auf der Stelle.“

„Wenn du ihm das sagst und ihn zum Mitwisser machst, dann verliert er jede Chance auf den Thron. Er wäre automatisch ein Helfershelfer.“

Sie ergriff Merricks Hand. „Dann lass mich dir doch helfen. Gelingt dein Plan, wird Leonard den Thron besteigen. Und das willst du doch, oder?“

„Darum mache ich das Ganze nicht“, widersprach er. „Ich will lediglich eine faire Wahl. Und die gibt es nicht, wenn Dombret Prinzessin Alyssa heiratet. Gewinnt er sie als politische Verbündete, dann gehört der Thron so gut wie ihm.“

„In Ordnung. Wir tun es beide zum Wohle unseres Landes. Ich will, dass dein Plan funktioniert, und ich kann dafür sorgen, dass er es tut. Haben wir das jetzt geklärt?“ Sie deutete zur Tür. „Tauschen wir jetzt die Bräute aus, oder willst du noch mehr Zeit vergeuden?“

Einen Augenblick lang dachte sie, sie hätte verloren. Aber dann nickte er plötzlich, und Miri atmete auf. Sie wandte sich zur Tür, doch bevor sie sie öffnen konnte, hielt er Miri zurück.

„Einen Moment noch.“ Er zog sie zurück in das Zimmer des angemieteten Landhauses und sah sie kritisch an. „Was zum Teufel hast du mit deinen Haaren gemacht?“

„Dein Mitarbeiter sagte, Alyssa sei blond. Da dachte ich, meine Verkleidung ist echter, wenn ich mein Haar färbe.“

„Kannst du das denn … hinterher wieder rückgängig machen?“

Sie musste lächeln. „Natürlich kann ich das. Gefällt es dir dunkel besser als blond?“

„Bei dir … ja.“

Welche Ironie! Von dem Tag an, als ihre Mutter Merricks Vater König Stefan heiratete, hatte sie sich gewünscht, wie die anderen Montgomerys auszusehen – und die waren alle groß und athletisch, blond und mit braunen Augen. Miri hatte sich wegen ihres schwarzen Haares und ihrer grünen Augen immer wie eine Außenseiterin gefühlt. Umso mehr natürlich, weil sie nur durch Adoption und Ernennung zur Prinzessin geworden war und nicht durch Geburt. Nur in Gegenwart von Bernard Dombret hatte sie sich je …

Merricks Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Es könnte klappen“, gab er widerwillig zu. „Nach den Fotos zu urteilen, seid ihr in etwa gleich groß. Und auch eure Statur ist ähnlich.“

„Gut. Das war nämlich meine größte Sorge.“

„Meine nicht“, erwiderte er ernst. „Wenn du dich als Miri Montgomery davonmachen willst, dann werden sich die Leute wundern, warum du auf einmal blondes Haar hast. Vor allem, wenn du aus Alyssas Zimmer kommst.“

„Du meinst, das macht jemanden misstrauisch?“ Sie schüttelte den Kopf. „Die werden einfach denken, ich hätte mal was Neues ausprobiert. Und dass ich aus Alyssas Zimmer komme? Kein Problem.“

Ganz plötzlich schlüpfte sie in ihre Rolle. „Ich habe der Braut geholfen. Die Arme hat wohl was Falsches gegessen. Sie bittet darum, vorerst nicht gestört zu werden. In ein, zwei Stunden geht es ihr bestimmt wieder besser. Ach ja, und könnten Sie Prinz Dombret von ihr etwas ausrichten? Sagen Sie ihm bitte, sie freue sich darauf, nachher wieder zu ihm zu kommen, wenn sie sich ein bisschen ausgeruht hat.“

Merrick wirkte nicht gerade begeistert. „Das könnte schon klappen.“

„Das wird es.“

„Werd bloß nicht übermütig, Miri. Du siehst ihr nicht hundertprozentig ähnlich. Und perfekt ist der Plan auch nicht.“

„Zur Not improvisiere ich. Mit etwas Glück bemerkt niemand die Unterschiede, schon gar nicht unter dem Brautschleier. Du wirst mir aber Alyssas Schleier geben müssen. Wenn ich einen anderen trage … Frauen fällt so was auf.“

„Den gebe ich dir.“ Seine Stimme wurde ganz rau. „Du siehst in dem Kleid einfach großartig aus, meine Liebe. Ich wünschte nur, dass das alles echt wäre, dass du für deine eigene Hochzeit so angezogen wärst statt für diese Farce.“

Obwohl er es nicht wissen konnte, hatte er mit diesen Worten einen wunden Punkt bei ihr getroffen. Trotzdem versuchte sie zu lächeln. „Danke. Aber dafür bräuchte ich einen Bräutigam, oder?“ Schade, dass der Mann, an den sie dabei dachte, kein Interesse mehr an ihr hatte, obwohl er früher das Gegenteil behauptet hatte.

Merrick sah sie warmherzig an. „Du bist doch erst fünfundzwanzig und hast noch genug Zeit, dich zu verlieben.“

Er schaute auf seine Uhr und wandte sich zur Tür. „Es wird Zeit.“

Sie verließen das kleine Landhaus, das Merrick als Kommandozentrale genutzt hatte, und stiegen in einen silbergrauen Geländewagen. Seine Männer hatten einen schwarzen Wagen gleichen Typs und fuhren voraus über die hügeligen Straßen von Avernos, dem nördlichen Herzogtum von Verdonia.

Die ganze Fahrt über berichtete Merrick ihr, was er über Prinzessin Alyssa herausgefunden hatte, auch Nebensächlichkeiten. Nach einer halben Stunde bogen die beiden Wagen in eine schmale Landstraße ein, um darauf auf einem nicht asphaltierten Seitenstreifen zu halten.

„Hör zu, Miri. Das Ganze sollte nicht länger als zwanzig Minuten dauern.“ Er tippte mit dem Zeigefinger auf die Uhr am Armaturenbrett. „Wenn wir dann noch nicht zurück sind, fährst du los. Von Avernos aus immer südlich, quer durch Celestia, und halt nicht an, bis du Verdon erreichst. Such auf keinen Fall nach mir und ruf niemanden an. Sieh nur zu, dass du wegkommst. Haben wir uns verstanden?“

„Ja, sicher.“

„Ich meine es ernst, Miri. Schwör mir, dass du nichts riskierst und wirklich losfährst, wenn ich nicht in genau zwanzig Minuten zurück bin.“

Obgleich es ihr unendlich schwerfiel, sagte sie dann: „Ich schwöre.“

Er nickte zufrieden. Dann stieg er aus dem Wagen und gab seinen Männern ein Zeichen. Alle vier waren schwarz gekleidet und zogen sich auf sein Kommando hin schwarze Masken mit Sehschlitzen übers Gesicht. Dann ging die Truppe über den Grasstreifen neben der Straße auf einen kleinen Hügel zu, der vom dichten Laubwald halb verdeckt war.

Wie gebannt starrte Miri auf die Uhr am Armaturenbrett. Die Zeit schien zu schleichen. Als fünfzehn Minuten vergangen waren, kam es ihr vor, als warte sie bereits seit Stunden.

Nach exakt neunzehn Minuten und dreißig Sekunden tauchte Merrick aus dem Wald auf. Er hatte seine Gefangene bei sich – eine Frau in einem Hochzeitskleid, das genau wie Miris aussah. Prinzessin Alyssa Sutherland. Sie sah wunderschön aus, fand Miri, und diese Erkenntnis entmutigte sie etwas. Sie war auch etwas kleiner als sie. Aber das sollte kein Problem sein. Miri hatte extra ein Paar hochhackige Schuhe mitgebracht. Schnell öffnete sie die Wagentür und rannte Merrick entgegen.

„Es wird Zeit“, sagte er. „Aber noch einmal: Du musst das alles nicht tun. Noch kannst du zurück.“

„Ich ziehe das durch. Es … gibt Gründe dafür.“

Mehr wollte sie dazu nicht sagen. Hätte Merrick die Wahrheit gewusst, dann hätte er sie niemals mitmachen lassen. Als Prinzessin Alyssa Miris Stimme hörte, erstarrte sie.

„Wir müssen uns beeilen, Merrick“, erwiderte Miri. „Das Verschwinden der Prinzessin wird sicher schnell bemerkt werden.“

Merrick zog Alyssa den Brautschleier herunter und warf ihn Miri zu. „Hier. Wird das gehen?“

„Ausgezeichnet. Die Kleider sind fast identisch, und die kleinen Unterschiede verdeckt der Schleier.“

Miri warf Prinzessin Alyssa einen skeptischen Blick zu und sprach nun in ihrer Muttersprache weiter – in der Hoffnung, die Prinzessin würde sie so nicht verstehen. Denn nach Merricks Aussage war Alyssa bereits als kleines Kind nach Amerika gekommen und erst vor Kurzem zurückgekehrt, um Prinz Bernard Dombret zu heiraten.

„Sei vorsichtig“, sagte sie mit warnendem Unterton. „Ich weiß doch, wie du auf schöne Frauen reagierst. Sie könnte dich von einem Grizzly in einen Teddybären verwandeln.“

Merrick lachte kurz auf. „Mach dir um mich keine Sorgen, denk lieber an dich“, meinte er mit erstaunlich sanfter Stimme. „Verglichen mit Dombret bin ich in der Tat ein Teddybär. Geh jetzt, immer durch den Wald. Du wirst auf eine kleine Kapelle stoßen, und direkt daneben liegt ein bewusstloser Wachposten. Setz den Brautschleier auf und setz dich neben ihn. Wenn er zu sich kommt, sagst du ihm, er sei kurz ohnmächtig geworden. Erzähl ihm irgendwas, Hauptsache, er meldet den Vorfall nicht.“

Sie nickte kurz. Dann rannte sie in den Wald, raffte das Kleid hoch, um sich nicht damit im Unterholz zu verfangen. Alles hing jetzt davon ab, dass sie beim Wachposten war, noch ehe er wieder zu sich kam. Merkte die Wache, dass etwas nicht stimmte, und gab Alarm, würde man Merrick und seine Leute sehr schnell ergreifen.

Auf einer kleinen Lichtung entdeckte sie die Kapelle, der Wachposten lag immer noch bewusstlos im Gras neben einer Steinbank. Sie sah, dass dem Mann ein kleiner Betäubungspfeil aus dem Hals ragte, den sie rasch herausriss und ins nahe Gebüsch warf.

Bisher schien alles gut gegangen zu sein, niemand hatte Alarm geschlagen. Sie ließ sich auf der Bank nieder und steckte ihr Haar so zurecht, wie die Prinzessin es trug. Dann setzte sie sich sorgsam den Brautschleier auf, sodass ihr Gesicht völlig darunter verborgen war. Gerade rechtzeitig – denn der Wachposten begann sich bereits zu regen.

„Was …“

Sie kniete sich neben den Mann. „Geht es Ihnen wieder besser?“, fragte sie leise. Sie konnte nur hoffen, dass sie so ähnlich wie Prinzessin Alyssa klang. Erst jetzt fiel ihr ein, dass es besser gewesen wäre, die Gefangene ein paar Sätze sagen zu lassen. So hätte sie sich besser auf ihre Sprechweise einstellen können. „Sie sind plötzlich ohnmächtig geworden“, erklärte sie. „Soll ich Ihrem Vorgesetzten Bescheid sagen, dass Sie umgekippt sind?“

Er sah sie verängstigt an. „Nein, nein, es geht mir gut.“

„Drinnen warten sie sicher auf uns.“ Sie half dem Wachposten hoch, was ihm sichtlich unangenehm war. „Geht es Ihnen wirklich gut? Vielleicht sollten wir doch lieber einen Arzt …“

„Nein, bitte nicht“, flüsterte er. „Bitte erzählen Sie niemandem, was passiert ist. Das könnte mich meine Stellung kosten.“

„Das wäre ja furchtbar“, entgegnete sie voller gespieltem Mitgefühl. „Wissen Sie was, der kleine Vorfall bleibt unser Geheimnis. Schließlich ist ja nichts passiert.“

Der Wachsoldat nickte erleichtert. „Danke, Hoheit. Ich bin dankbar, dass Ihr die Gelegenheit nicht genutzt habt, um fortzulaufen.“

Um fortzulaufen? Miri runzelte die Stirn. Warum sollte Alyssa fortlaufen wollen? Was ging hier vor? Wollte Dombret die Hochzeit erzwingen? War er so versessen auf den Thron, dass ihm alle Mittel recht waren?

Das konnte sie nicht glauben. Sie kannte doch Bernard Dombret. Solche Rücksichtslosigkeiten passten nicht zu dem Mann, den sie seit ihrer Kindheit kannte, und schon gar nicht zu dem Bernard Dombret, in den sie sich vor einem Monat verliebt hatte. Tränen traten ihr in die Augen.

„Natürlich bin ich nicht fortgelaufen“, murmelte sie. „Wo sollte ich denn hin …?“

Zusammen gingen sie den Durchgang entlang, der den Garten vom Vorplatz der Kapelle trennte. Dort standen Wachen Spalier, und als sie diese passierte, kam es ihr wie ein Spießrutenlauf vor. Beim Eintreten in den Vorraum stolperte sie fast, weil es innen so dunkel war und sie durch den Schleier nicht gut sehen konnte.

Der Wachsoldat stützte sie. „Eure Hoheit …?“

„Alles in Ordnung, danke“, flüsterte sie.

Eine ganze Schar von Brautjungfern umringte sie, bevor sie sich wieder zu Paaren gruppierten. Eines der jungen Mädchen machte vor Miri einen Knicks und überreichte ihr einen Strauß prächtiger lilafarbener Lilien, die wunderbar mit dem silbrig-weißen Braukleid harmonierten. Miri begann fast zu weinen. Eigentlich hätte dies alles echt sein sollen. Es hätte ihr wahrer Hochzeitstag sein sollen und nicht diese … diese Lüge.

Warum nur, Bernard?

Sie holte tief Luft und begab sich zum Torbogen, der zum Altarraum führte. In diesem Moment setzte die Orgel mit dem Hochzeitsmarsch ein. Eigentlich sollte sie jetzt den Gang zwischen den Sitzbänken entlangschreiten, aber sie starrte nur auf den Mann, der dort vor dem Altar auf sie wartete.

Er war eine beeindruckende Erscheinung: hochgewachsen, stattlich, mit schwarzem Haar. Dennoch hätte ihn wohl niemand als wirklich gut aussehend bezeichnet, zumindest nicht im Vergleich mit Merrick und Leonard. Bernards Gesichtszüge waren zu streng, sein Gesicht kantig. Er konnte seinem Gegenüber geradezu Angst machen, bis er zu lächeln begann. Dann wirkte er plötzlich völlig verändert.

An jenem Tag kurz vor König Stefans Tod hatte er auch gelächelt. Er hatte sie angelächelt, und da war es um sie geschehen. Hoffnungslos und unsterblich hatte sie sich in ihn verliebt. Sie dachte, er würde dasselbe für sie empfinden, sie genauso lieben. Sie hatte vorgehabt, ihm in seinem Bett auch ihre körperliche Liebe zu beweisen. Aber dann hatte sie die Nachricht vom Tode ihres Stiefvaters erhalten und war sofort nach Hause geflogen.

Sie hatte Bernard einen Brief hinterlassen, für den sie sich noch heute schämte – konfuse Sätze voller Liebe und Kummer. In leuchtenden Farben hatte sie ihm darin ausgemalt, wie sie sich ihre gemeinsame Zukunft vorstellte, schwärmerisch, kindlich, naiv. Wie dumm sie gewesen war!

Wieder blickte sie auf den Mann, der da vor dem Altar stand. Ja, sie war immer sehr impulsiv gewesen, und das hatte sie nun davon. Sie hatte sich einem Mann an den Hals geworfen, der das Leben nur in Grautönen wahrnahm, ohne jede Farbe. Einem Mann ohne Gefühle, für den nur Ehrgeiz zählte. Miri fühlte, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten. Aber dann gelang es ihr, ihren Kummer in Wut zu verwandeln. Diese Wut würde sie brauchen, um alle anderen Gefühle im Zaum zu halten und die kommende furchtbare Stunde zu überstehen.

Sie holte tief Luft und schritt vorwärts. Sie würde Rache nehmen, auf eine Weise, wie sie es sich nie hatte vorstellen können. Erinnerungen durchströmten sie, Erinnerungen daran, wie alles begonnen hatte.

Sie war so dumm, so entsetzlich dumm.

Jetzt war es bereits weit nach Mitternacht, und irgendwie hatte sie im Trubel ihre Freunde verloren, mit denen sie auf der kleinen Karibikinsel Mazoné Urlaub machte. Gemeinsam waren sie zur Eröffnung eines Klubs etwas abseits der Flaniermeile gegangen, und erst nach Stunden hatte sie bemerkt, dass die Freunde nicht mehr da waren. Nun war es ihr zu laut, zu voll, und sie beschloss, allein zum Hotel zurückzugehen.

Das war ein Fehler, denn einen besonders guten Orientierungssinn hatte sie noch nie gehabt. Und das bestätigte sich jetzt wieder in dieser fremden Stadt. Erst war sie zuversichtlich drauflosmarschiert, in dem Glauben, problemlos zum Hotel zurückzufinden. Aber kurz darauf befand sie sich inmitten einer dunklen, bedrohlich wirkenden, heruntergekommenen Gegend. Und sie hatte keine Ahnung, in welche Richtung sie gehen musste.

Sie versuchte in ihren hochhackigen Schuhen selbstbewusst und zielgerichtet einherzuschreiten, aber sie stöckelte nur hilflos drauflos. Sie hoffte, einem Polizisten zu begegnen, einem Taxi oder einem ritterlichen Helden hoch zu Ross. Irgendjemandem, der ihr die richtige Richtung zeigen konnte oder – noch besser – sie zum Hotel begleiten würde.

Doch anstatt eines Retters aus der Not hörte sie Schritte näher kommen, und ihr wurde angst und bange. Die Schritte hallten unheilvoll durch die menschenleere Straße, und dann vernahm sie voller Schrecken plötzlich eine Stimme: „Schnappt sie!“

Miri bog um die nächste Ecke, streifte blitzschnell ihre Pumps ab und rannte los. Adrenalin schoss durch ihren Körper und betäubte sie. Ihr Herz schlug so laut, dass sie keine anderen Geräusche mehr wahrnehmen konnte. Waren sie noch hinter ihr her, hatten sie vielleicht schon aufgeholt? Sie bekam kaum noch Luft, kämpfte gegen die Panik an und versuchte krampfhaft, sich an die Selbstverteidigungstricks zu erinnern, die Merrick ihr beigebracht hatte.

Konzentrier dich, Miri, machte sie sich Mut. Ellbogen! Ja, wenn die Angreifer nahe genug waren, würde sie zuerst ihre Ellbogen einsetzen, dann ihre Fingernägel. Die Faust auf die Nase. Aber zuerst würde sie ihnen ihre Geldbörse vor die Füße werfen, in der Hoffnung, dass ihr das Gelegenheit geben würde, zu entkommen. Kreditkarten und Geld ließen sich schließlich ersetzen.

Aber anderes nicht.

Sie rannte um die nächste Ecke – und prallte gegen einen Muskelberg.

O nein, bitte, bitte! Das darf nicht passieren!

Offenbar hatte einer der Kerle ihr den Weg abgeschnitten. Sie trat etwas zurück und holte zu einem Schlag aus – den der Unbekannte mühelos abwehrte. Auch als sie ihr Knie in seinen Unterleib und ihm den Ellbogen in den Magen rammen wollte, parierte er ihre Angriffe mit einer Leichtigkeit, die jahrelanges Training verriet. Ihr wurde klar, dass sie gegen diesen Mann keine Chance hatte. Sie wollte schreien, aber nur ein klägliches Wimmern entrang sich ihrer Kehle. Nun hielt der Mann sie an beiden Armen fest.

Vergeblich versuchte sie, sich seinem Griff zu entwinden. „Bitte …“, schluchzte sie, „bitte lassen Sie mich los.“

2. KAPITEL

„Ganz ruhig“, hörte sie die Stimme des Mannes. „Ich tue Ihnen nichts.“

„Dann lassen Sie mich doch los … bitte.“

„Sobald Sie aufhören, mich zu attackieren.“

In seinem Tonfall schwang ein leicht amüsierter Unterton mit, und wäre sie nicht so verängstigt gewesen, dann wäre ihr etwas in seiner Stimme bekannt vorgekommen. Doch bevor sie antworten konnte, vernahm sie von hinten Schritte. Das mussten ihre Verfolger sein. Die Männer blieben plötzlich stehen, als sie Miri und den Mann bemerkten. Der ließ ihre Hände los, stellte sich schützend vor sie und wandte sich ihren Verfolgern zu.

„Keine Angst“, raunte er ihr zu. „Ich kümmere mich um die Kerle.“ Dann erhob er seine Stimme: „Die Kleine gehört jetzt mir. Verschwindet, dann muss ich euch nichts tun.“

Sie lugte hinter seinem breiten Rücken hervor und erschrak, als sie sah, dass es nicht nur zwei, sondern sogar drei kräftige Männer waren. Sie hätte nicht den Hauch einer Chance gehabt! Die drei wichen etwas zurück.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Eine Braut zum Verlieben" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen