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Eine Braut für den italienischen Grafen

Kate Hewitt

Eine Braut für den italienischen Grafen

1. KAPITEL

Vittorio Ralfino, der Conte de Cazlevara, blieb auf der Schwelle der mittelalterlichen Empfangshalle von Castello San Stefano stehen und ließ den Blick suchend über die Menschenmenge schweifen. Unter den zahlreichen festlich gekleideten Gästen, zumeist Winzern der Region, befand sich die Frau, die er zu heiraten beabsichtigte. Er hatte nur eine vage Vorstellung davon, wie sie heute aussah, denn seit ihrer letzten flüchtigen Begegnung waren sechzehn Jahre vergangen.

Damals, bei der Beerdigung ihrer Mutter, war Ana Viale etwa dreizehn Jahre alt gewesen. Er erinnerte sich an ein blasses, trauriges Gesicht, eingerahmt von allzu dichtem dunklem Haar. Kürzlich hatte er in einer Zeitschrift zwar ein neues Foto von ihr entdeckt, doch es war wenig aufschlussreich gewesen. Ihr Äußeres interessierte ihn ohnehin nur am Rande. Von seiner künftigen Ehefrau erwartete Vittorio in erster Linie Loyalität, Gesundheit, Bodenständigkeit und eine ebenso aufrichtige Begeisterung für Wein, vom Anbau bis zur Vermarktung, wie er selbst sie aufbrachte – Eigenschaften, über die Ana reichlich zu verfügen schien. Zudem würde das Weingut ihrer Familie seine Ländereien perfekt ergänzen.

Ungeduldig mischte er sich unter die Gäste. Ihm war bewusst, dass ihm die neugierigen Blicke seiner Nachbarn, Bekannten und einiger weniger Freunde folgten und er heute Abend vermutlich ihr Hauptgesprächsthema darstellte. In den letzten fünfzehn Jahren hatte er niemals mehr als ein paar Tage am Stück in Venetien verbracht. Jetzt war er jedoch zurückgekehrt, um für immer hierzubleiben, eine Ehefrau zu finden und sein Leben in die Hand zu nehmen.

„Cazlevara!“ Ein alter Bekannter schlug ihm kameradschaftlich auf den Rücken und drückte ihm einen Weinkelch in die Hand. Automatisch hob Vittorio das Glas an die Nase und atmete den fruchtigen Duft des Rotweins ein. „Probieren Sie! Was halten Sie davon?“

Vittorio trank einen Schluck und rollte den Wein fachmännisch einen Moment im Mund herum, um das Aroma voll auszukosten. „Nicht schlecht“, meinte er beiläufig. Auf eine ernsthafte Diskussion wollte er sich gerade nicht einlassen. Viel wichtiger war es ihm, Ana zu finden.

„Stimmen die Gerüchte, dass Sie zurückgekehrt sind, um wieder selbst Wein anzubauen?“ Paolo Prefavera, ein Winzer und Freund der Familie, lächelte ihm leutselig zu.

„Damit habe ich nie aufgehört. Castello Cazlevara produziert neunhunderttausend Flaschen im Jahr.“

„Während Sie durch die Welt reisen …“

„Das nennt man Marketing. Aber es stimmt, ich bleibe.“

Mit seiner Rückkehr nach Hause würde er verhindern, dass sein Bruder Bernardo den Gewinn des Weinguts verprasste, und es obendrein seiner Mutter verwehren, ihm zu nehmen, was ihm – und seinen Erben – zustand.

Bei diesem Gedanken fragte er: „Haben Sie Ana Viale gesehen?“ Als Paolo ihn überrascht ansah, verfluchte er sich für seine Ungeduld. Doch so war er schon immer gewesen. Hatte er einmal eine Entscheidung getroffen, setzte er sie unverzüglich um. Die Heirat mit Ana Viale hatte er bereits vor einer Woche beschlossen, eine kleine Ewigkeit in seinen Augen. Nun wollte er die Hochzeit so schnell wie möglich hinter sich bringen und die Weingüter vereinen.

„Ich muss sie geschäftlich sprechen“, fügte er hastig hinzu. Vermutlich würde diese Erklärung jedoch nicht ausreichen, um Klatsch und Gerüchte zu vermeiden.

„Gerade eben stand sie noch am Kamin. Es wundert mich, dass Sie sie übersehen haben!“ Paolo lachte.

Der Sinn dieser letzten Bemerkung blieb Vittorio zunächst verborgen. Er näherte sich der überdimensional großen, gemauerten Feuerstelle, über der eine alte Jagdtrophäe, ein Bärenkopf, prangte. Vor dem Kamin stand eine Gruppe Männer, ins Gespräch vertieft. Auf einmal erkannte er, dass es sich bei der großen, kräftigen Gestalt in ihrer Mitte um eine Frau handelte: Ana. Das also hatte Paolo gemeint!

Obwohl sie einige der Umstehenden deutlich überragte, wirkte sie in dem offensichtlich teuren Hosenanzug nicht eben elegant. Ihr langes Haar, das im Nacken von einer Spange gehalten wurde, war dicht und ungebärdig. Trotz ihrer ebenmäßigen Gesichtszüge machte sie auf Vittorio einen herben Eindruck, besonders wenn er sie mit den zarten, zerbrechlichen und sehr schlanken Frauen verglich, denen er bisher seine Aufmerksamkeit gewidmet hatte.

Nicht, dass sie übergewichtig gewesen wäre – auch wenn seine Mutter, die Contessa, das vermutlich anders sehen würde – Ana verfügte lediglich über einen kräftigen Knochenbau.

Wie wird Mutter die Nachricht von meiner bevorstehenden Vermählung aufnehmen? überlegte er. Mit einer Eheschließung machte er all ihre Pläne für ihren Liebling Bernardo zunichte. Sein Bruder würde den Titel nie erben!

Mit einem Mal erschien ihm das enttäuschende Erscheinungsbild seiner Braut völlig belanglos. Er wollte keine Schönheit heiraten, denn schöne Frauen waren schwer zufriedenzustellen.

Die große, kräftige Ana dagegen würde dankbar annehmen, was er ihr zu bieten gedachte. Sie war gewiss nicht an männliche Aufmerksamkeiten gewöhnt, würde womöglich sogar erröten, sobald er sie ansprach, und ins Stottern geraten. Zuversichtlich straffte er die Schultern, setzte sein bewährtes unwiderstehliches Lächeln auf und trat zu ihr.

„Ana!“

Sie wandte sich zu ihm um, und für einen winzigen Moment leuchteten ihre Augen strahlend auf.

Das wird ein Kinderspiel, dachte er erfreut und hätte beinahe laut aufgelacht. Als sie sich zu ihrer vollen Höhe aufrichtete, musste er erneut an Paolos Bemerkung denken.

Doch ihre Begrüßung fiel überraschend kühl aus. „Conte Cazlevara.“

Ihre Stimme klang tief. Aus der Nähe betrachtet sah sie zwar nicht hässlich aus, doch farblos und langweilig.

Vittorio lächelte ein wenig breiter und brachte damit Grübchen auf seinen Wangen zum Vorschein. Es würde ausreichen, seinen Charme ein wenig spielen zu lassen, um eine Frau wie Ana um den kleinen Finger zu wickeln.

„Ich hoffe, ich bin der Erste, der Ihnen heute Abend zu Ihrem guten Aussehen gratuliert.“

Sie zog skeptisch eine Augenbraue hoch. „Das sind Sie allerdings!“

Es dauerte eine Weile, ehe er begriff, dass sie sich über ihn lustig machte – und gleichzeitig über sich selbst. Scheinbar gelassen ergriff er ihre Hand und führte sie an die Lippen, während er sich insgeheim für die plumpe Schmeichelei ausschalt, die sie sofort durchschaut hatte. Dumm war sie jedenfalls nicht. Die Begegnung verlief anders als geplant.

Ana akzeptierte den Handkuss, dann entzog sie ihm die Hand wieder.

Mittlerweile hatten sich die anderen Gäste um sie herum etwas zurückgezogen, doch Vittorio spürte ihre neugierigen Blicke.

„Was verschafft mir das Vergnügen?“, fragte Ana. „Unsere letzte Begegnung liegt sicher schon viele Jahre zurück.“ Als ihre Stimme stockte, fragte er sich verwundert, woran sie gerade dachte.

„Es ist wunderbar, endlich wieder unter den schönen Frauen Italiens zu leben.“

„Anscheinend haben Sie auf Ihren Reisen gelernt, große Reden zu schwingen. Mich beeindrucken Sie damit nicht.“ Sie warf ihm ein abschätziges Lächeln zu, wandte sich um und ging davon.

Vittorio blieb allein und schockiert zurück. Sie hatte ihn eiskalt abserviert, zur großen Erheiterung der Umstehenden, die sich nicht die Mühe machten, ihr süffisantes Grinsen zu verbergen. Er war öffentlich heruntergeputzt worden wie ein ungezogener Schuljunge. Wie unangenehm und überaus peinlich.

Außerdem war sein Eröffnungszug gründlich fehlgeschlagen!

Ursprünglich hatte er geplant, sie mit Charme und ein paar netten Komplimenten einzuwickeln, um dann in wenigen Tagen schon um ihre Hand anzuhalten. Die unverheiratete, fast dreißig Jahre alte Frau würde seinen Heiratsantrag als einmalige Gelegenheit ansehen, als Geschenk des Himmels.

Jetzt erkannte er, wie überheblich er gewesen war. Er hatte übereilt und unüberlegt gehandelt. Es würde weit größerer Anstrengungen bedürfen, um Ana Viale für sich zu gewinnen.

Die Herausforderung reizte ihn jedoch, obgleich die Zeit drängte. Er war siebenunddreißig Jahre alt und wünschte sich dringend einen Erben. Doch auf ein paar Wochen kam es nun auch nicht an.

Er setzte nicht darauf, ja wünschte sich noch nicht einmal, dass Ana sich in ihn verliebte. Sie sollte lediglich in eine Vernunftehe einwilligen. In ihr glaubte er die Frau gefunden zu haben, die am besten zu ihm passte, eine andere kam für ihn nicht infrage.

Bei ihrer nächsten Begegnung würde er geschickter vorgehen und sich das Heft nicht wieder aus der Hand nehmen lassen.

Ana sah sich bewusst nicht mehr nach dem Conte de Cazlevara um. Wie arrogant er ist! dachte sie wütend. Warum hatte er sie überhaupt angesprochen? Sicher, sie waren Nachbarn, aber sie hatten sich seit weit über zehn Jahren nicht mehr gesehen und auch vorher kaum je ein Wort miteinander gewechselt. Was bezweckte er mit seinen verlogenen Komplimenten?

Von wegen schöne Frauen! Dazu zählte sie nicht und würde es nie! Sie wusste nur zu gut, dass sie hochgewachsen war, einen groben Knochenbau hatte und zu wenig weiblich auftrat. Ihre Stimme war zu laut, ihre Hände und Füße waren unelegant groß. Nie würde sie auf ihn anziehend wirken, einen Mann, der die Gesellschaft von graziösen Models und eleganten Damen der Gesellschaft gewöhnt war. Ein wenig neidisch war sie schon auf die schlanken, zierlichen Frauen, die ihre Weiblichkeit mit sexy Outfits unterstrichen, in die sie selbst sich nie würde zwängen können.

Dass Vittorio ihre Einschätzung teilte, hatte ihr sein erster Blick bewiesen. Er hatte sie fast verächtlich betrachtet. Damit stand er nicht allein, kein einziger Mann hatte sie bisher für schön oder begehrenswert gehalten.

Mit ihrem Äußeren hatte sie sich abgefunden. Formlose Hosenanzüge und eine pragmatische, geradlinige Denkweise dienten ihr als Schutzschild vor seelischen Verletzungen. Dennoch hatte ihr seine Geringschätzung wehgetan. Einen Moment lang hatte sie sich ehrlich gefreut, ihn wiederzusehen, und geglaubt, er würde sich erinnern …

Dann hatte er ihr diese albernen, verlogenen Komplimente gemacht. War das ein Anflug falsch verstandener Ritterlichkeit gewesen, oder, schlimmer noch, wollte er sich über sie lustig machen?

Warum hatte er sie überhaupt angesprochen? Obwohl dem Conte de Cazlevara die Frauen zu Füßen lagen, war er auf der Party zielstrebig auf sie zugesteuert. Sie hatte ihn beobachtet, als er auf der Schwelle stand und den Blick suchend durch die Halle schweifen ließ. Selbst aus der Entfernung war er eine atemberaubende Erscheinung, trotz seiner Größe von etwa einem Meter neunzig bewegte er sich geschmeidig und elegant.

Dann hatte ein anderer Winzer sie in eine Unterhaltung gezogen, kurz danach hatte der Conte sie bereits angesprochen.

Aber wieso?

Wollte er sich nur auf ihre Kosten amüsieren? War er überzeugt davon gewesen, sie würde jedes seiner Worte dankbar aufsaugen? Dann hatte ihre Zurückweisung ihn zu Recht verärgert.

Ausgezeichnet! Sie lächelte.

Abgesehen von den wichtigsten Fakten wusste sie nicht viel über den reichsten Mann von ganz Venetien. Das Weingut der Cazlevaras, das beste der Region, befand sich seit vielen Jahrhunderten in Familienbesitz, wesentlich länger als die dreihundert Jahre, die ihre eigene Familie schon Wein anbaute.

Beim Tod seines Vaters war Vittorio noch ein Teenager gewesen. Mit achtzehn Jahren war er auf ausgedehnte Reisen gegangen, um den Weinverkauf zu forcieren, und fünfzehn Jahre lang nur auf Stippvisiten nach Hause zurückgekehrt. Vermutlich boten die sanften Hügel und uralten Weinberge einem Mann wie ihm keine ausreichende Unterhaltung.

Obwohl er ausgesprochen attraktiv war, strahlte er eine gewisse Härte aus. Diesen Eindruck hatte sie jedenfalls gewonnen, als er sie abschätzig betrachtet hatte.

Während sie weiter über den kurzen Wortwechsel mit ihm nachsann, erinnerte sie sich an eine der wenigen Begegnungen mit dem jungen Vittorio de Cazlevara.

Es war bei der Beerdigung ihrer Mutter gewesen, ein kalter, feuchter Novembertag, sie war gerade dreizehn Jahre alt gewesen. Sie hatte Erde in das offene Grab werfen müssen. Der Klumpen war mit einem dumpfen Geräusch auf dem Sarg aufgeprallt, und sie hatte vor Entsetzen und Schmerz aufgeschrien.

Dann war Vittorio, der damals etwa zwanzig war, neben sie getreten. In ihrem Kummer hatte sie ihn zunächst nicht bemerkt. Als sie aufblickte, sah sie direkt in die schönen dunklen Augen voller Mitgefühl.

Er hatte ihr mit dem Daumen über die Wange gestreichelt und eine Träne fortgewischt. „Es ist in Ordnung, wenn du trauerst, rondinella“, hatte er so leise zu ihr gesagt, dass niemand sonst es hören konnte. Kleine Schwalbe hatte er sie genannt. „Du darfst weinen!“ Sie hatte ihn nur wortlos angesehen, und er hatte hinzugefügt: „Weißt du, wo deine Mutter jetzt ist?“

Gleich wird er mir erzählen, dass sie glücklich von einer Wolke im Himmel aus auf mich herabsieht, hatte sie zutiefst enttäuscht gedacht.

Stattdessen hatte er auf ihre Brust gedeutet. „Sie ist dort, in deinem Herzen.“ Dann hatte er ihr traurig zugelächelt und war davongegangen.

Sie wusste, dass er einige Jahre zuvor den Vater verloren hatte. Dennoch war sie erstaunt gewesen, wie gut er ihre Gefühle nachvollziehen konnte. Dieser Mann, im Grunde ein Fremder, hatte ihr die einzigen Worte gesagt, die ihr in ihrer Trauer halfen. Er hatte ihr einen Weg gezeigt, mit dem Verlust umzugehen.

Im Lauf der Jahre hatte sie kaum mehr an seine Bemerkung am Grab ihrer Mutter gedacht. Doch als er an diesem Abend auf sie zukam, waren die Erinnerungen schlagartig wiedergekehrt, und sie hatte sich über das Wiedersehen gefreut.

Wie dumm von ihr zu erwarten, er würde sich dieser Begebenheit entsinnen oder ihr heute noch so viel Verständnis entgegenbringen wie damals! Sie ärgerte sich über sich selbst, denn normalerweise war sie keine Träumerin. Während ihrer Zeit im Internat waren ihr alle Gedanken an Romantik und Liebe ausgetrieben worden. Sie war das hässliche Entlein unter Schwänen gewesen, ein Happy End hatte es für sie nicht gegeben.

Später, an der Universität, war sie Roberto begegnet. Vorübergehend hatte sie es wieder gewagt zu träumen. Vergebens.

Dennoch musste sie unbewusst einen letzten Funken Hoffnung gehegt haben, der endgültig erloschen war, als Vittorio sie zunächst verächtlich angesehen und ihr dann die verlogenen Komplimente gemacht hatte.

Entschlossen straffte sie die Schultern, ging zu einem befreundeten Winzer, der nur wenige Schritte von ihr entfernt stand, und begann eine Unterhaltung mit ihm. Sie nahm sich vor, keinen weiteren Gedanken an Vittorio de Cazlevara zu verschwenden. Was er ihr damals gesagt hatte, war heute bedeutungslos. Vermutlich erinnerte er sich ohnehin nicht mehr daran. Doch aus einem unerfindlichen Grund schmerzte sie dieser Gedanke.

Als Ana die gewundene Auffahrt zur Villa Rosso hinauffuhr, entdeckte sie in einem der Fenster noch Licht. Wie meistens, wenn sie ausgegangen war, blieb ihr Vater bis zu ihrer Rückkehr auf. Noch vor wenigen Jahren hätte er sie zu dem Empfang begleitet. Heute hielt er sich solchen Veranstaltungen fern, angeblich, um seiner Tochter Unabhängigkeit zu ermöglichen. Sie vermutete jedoch, dass ihm am gesellschaftlichen Leben nichts lag. Von Natur aus ruhig und zurückhaltend, zog er es vor, sich so oft wie möglich seinen geliebten Büchern zu widmen.

„Ana?“, rief er, als sie wenig später ins Haus trat und ihren Mantel ablegte.

„Ja, Papa?“

„Wie war es? Wer war alles da?“

„Alle wichtigen Weinproduzenten, nur du hast gefehlt“, antwortete sie, während sie zu ihm ins Arbeitszimmer ging.

Enrico Viale saß in einem bequemen Ledersessel vor dem Kamin, in dem ein Feuer munter prasselte. Ein Buch lag aufgeschlagen auf seinem Schoß. Er zog die Lesebrille von der Nase und lächelte seiner Tochter zu, als sie eintrat. Ein Netz aus tiefen Falten überzog sein schmales Gesicht. „Du musst mir doch nicht schmeicheln!“

„Ich weiß.“ Ana ließ sich in einen Lehnstuhl ihm gegenüber sinken und streifte die Schuhe von den Füßen. „Dabei habe ich heute selbst Komplimente erhalten.“

„Oh?“ Er schlug das Buch zu und legte es zusammen mit der Brille auf einen Beistelltisch neben seinem Sessel. „Von wem?“

Ursprünglich hatte Ana nicht vorgehabt, ihm von Vittorio zu erzählen. Doch sie erwähnte seinen Namen bereits, noch ehe das Gespräch mit ihrem Vater richtig in Gang gekommen war.

„Vom Conte de Cazlevara. Wusstest du, dass er zurückgekehrt ist?“

„Ja“, antwortete Enrico nach kurzem Zögern.

„Davon hast du mir gar nichts erzählt!“

Wiederum ließ er sich Zeit mit einer Antwort, und Ana hatte den vagen Verdacht, er versuchte etwas vor ihr zu verbergen. Das war allerdings unwahrscheinlich. In den Jahren seit dem Tod ihrer Mutter hatte sich zwischen ihnen eine offene und innige Beziehung entwickelt.

„Es erschien mir nicht wichtig.“

Die knappe Erklärung leuchtete Ana ein, schließlich war die Rückkehr eines flüchtigen Bekannten nicht von Bedeutung.

„Es ist spät, und ich bin müde, ich gehe schlafen. Gute Nacht.“ Sie stand auf, gab ihrem Vater einen liebevollen Kuss, hob ihre Schuhe auf und verließ den Raum. Von der Eingangshalle führte eine geschwungene Marmortreppe in die erste Etage der Villa, wo ihr Zimmer lag. Das schöne alte Herrenhaus verfügte über acht Schlafzimmer, von denen nur zwei ständig benutzt wurden, Übernachtungsgäste hatten sie nur selten.

Während sie sich zum Schlafen fertig machte, gingen Ana die kurzen, belanglosen Sätze, die sie mit Vittorio gewechselt hatte, immer wieder durch den Sinn. Erneut ärgerte sie sich über seine zweifelhaften Schmeicheleien und wunderte sich über die heftigen Empfindungen, die er in ihr auslöste. Bereits als er über die Schwelle von Castello San Stefano getreten war, hatte sie seine Anwesenheit geradezu körperlich gespürt.

Sie schlüpfte in ihren Pyjama, öffnete die Haarspange, schüttelte ihr Haar, bis es ihr lose über die Schultern fiel, und trat ans Fenster.

Mondlicht überzog die Gartenanlage vor dem Haus mit silbernem Glanz, in der Ferne zeichneten sich die Weinberge ab, denen die Villa Rosso ihren Namen und die Familie ihren Wohlstand verdankte. Seit Generationen bauten die Viales hier rote Trauben an, aus denen sie einen edlen Rotwein kelterten, der in Italien, und neuerdings auch im Ausland, reißenden Absatz fand.

Sie ließ sich auf ihrem Lieblingsplatz am offenen Fenster nieder und zog die Beine unters Kinn. Eine frische Brise kam auf, zauste ihr Haar und kühlte ihre Wangen, die sich erstaunlicherweise ganz heiß anfühlten.

Was ist mit mir los? fragte sie sich überrascht. Sicher lag es nur an ihrem mangelnden gesellschaftlichen Umgang, dass der kurze Wortwechsel mit Vittorio sie dermaßen aus der Fassung bringen konnte. Sie ging nur selten aus und wenn, dann aus beruflichen Gründen. Die Männer, die sie bei diesen Gelegenheiten traf, waren in der Regel doppelt so alt wie sie mit ihren neunundzwanzig Jahren und kamen als Ehemänner nicht in Betracht.

Und ich will auch keinen! Sie hatte die Hoffnung auf eine Heirat bereits vor Jahren aufgegeben, als sie erkannte, dass Männer an ihr kein Interesse zeigten. Lieber wollte sie ihr Leben dem Geschäft, ihrer Familie und Freunden widmen. Romantische Liebe kam für sie nicht infrage. Das hatte sie akzeptiert …

Doch jetzt war Vittorio zurückgekehrt! Seine wenn auch offensichtlich unaufrichtigen Komplimente hatten ihren Seelenfrieden gestört und lang vergessene und verdrängte Sehnsüchte neu entfacht. Jahrelang hatte niemand sie als Frau wahrgenommen, bis sie schließlich selbst ihre Weiblichkeit vergessen hatte.

Sie hob den Kopf, schloss die Augen und atmete tief durch. Mit einem Mal wünschte sie sich mit aller Kraft, er würde sie voller Verlangen ansehen, nicht voller Abscheu. Sie wollte die Worte, die er heute Abend zu ihr gesagt hatte, noch einmal aus seinem Mund hören, doch diesmal sollte er sie ernst meinen.

Einmal wenigstens wollte sie sich ganz als Frau fühlen.

2. KAPITEL

„Signorina Viale, Sie haben Besuch!“

Wieder einmal hatte Ana ihr Handy auf dem Schreibtisch vergessen, sodass ihr junger Büroangestellter Edoardo in den Weinberg kommen musste, um ihr seine Nachricht zu überbringen.

Die Arbeit an den Rebstöcken bereitete ihr immer viel Freude. Besonders im Frühjahr, wenn sich die Pflanzen dem warmen Licht der ersten Sonnenstrahlen entgegenreckten, gab es für sie keinen schöneren Ort auf Erden. Stolz ließ sie den Blick über die sanft geschwungenen Hänge schweifen, die von Weinstöcken in ordentlichen Spalieren überzogen waren, so weit das Auge reichte, und atmete genüsslich den würzigen Duft der fruchtbaren Erde ein.

„Es ist Signor Ralfino, der Conte de Cazlevara.“

Was will er nur von mir, fragte sie sich überrascht, wir sind uns doch erst vor drei Tagen auf Castello San Stefano begegnet? Ein Schauer lief ihr über den Rücken, eine Art Vorahnung, wie sie sie gelegentlich vor einem Gewitter befiel. Sie besaß ein ausgezeichnetes Gespür für das Wetter, konnte selbst bei strahlendem Sonnenschein heranziehenden Regen vorhersagen und wusste instinktiv, wann es angebracht war, ihre wertvollen Pflanzen zum Schutz vor Frost abzudecken, Fähigkeiten, die zu ihrem hervorragenden Ruf als Winzerin beigetragen hatte. Leider funktionierte ihre innere Stimme nicht annähernd so gut, was Männer betraf!

„Wartet er in meinem Büro?“

Edoardo nickte.

In dieser Aufmachung kann ich ihn unmöglich empfangen, dachte sie ärgerlich. Wie immer bei der Arbeit im Weinberg trug sie eine bequeme alte Hose und ein weites Hemd, das ihr nach der stundenlangen körperlichen Tätigkeit feucht am Rücken klebte. Auf Besucher war sie nicht eingestellt, schon gar nicht auf diesen.

„Bitte richte ihm aus, dass ich gleich komme.“ Als der junge Mann ging, seufzte sie tief. Sie hatte keine Ahnung, was der Conte von ihr wollte noch warum er sie so nervös machte.

Missmutig strich sie sich das Haar aus der Stirn und zupfte an ihrem Hemd. In dieser Montur konnte und wollte sie ihm nicht gegenübertreten! Doch ihr blieb keine Wahl. Zur Villa zurückzukehren, um sich umzukleiden, würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Also straffte sie die Schultern und machte sich auf den Weg.

Das Wirtschaftsgebäude, in dem sich auch ihr Büro befand, ein großes cremefarbenes Backsteinhaus mit rotem Ziegeldach, war ihr ebenso zur Heimat geworden wie die Villa Rosso.

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