Logo weiterlesen.de
Eine Braut für den Prinzen

1. KAPITEL

„Die richtigen Menschen zusammenzubringen, ist eine Wissenschaft für sich.“ Jessica Carter strich sich eine blonde Locke hinter das Ohr, während sie ihren Computer auf den Schoß nahm. Es war ein flaches Gerät, das aussah wie ein Clipboard und ihre Figur jetzt teilweise verdeckte. Was Stavros ausgesprochen schade fand.

Ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen, fuhr sie fort: „Die wichtigsten Komponenten für eine gute, funktionierende Ehe sind passender gesellschaftlicher Status, Wertschätzung, Erziehung und Lebenserfahrung. Ich denke, das sieht jede Ehevermittlung so.“ Sie hielt kurz inne, um Luft zu holen. „Ich gehe jedoch noch weiter und betrachte meinen Beruf nicht nur als Wissenschaft, sondern als künstlerische Aufgabe. Die wahre Kunst liegt nämlich in der Anziehungskraft und darf niemals unterschätzt werden.“

Prinz Stavros Drakos, zweitältester Sohn der königlichen Familie von Kyonos und auserwählter Thronfolger, lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Die künstlerische Seite interessiert mich weniger, Ms Carter. Die Kandidatin muss sich für ihre zukünftige Rolle eignen und zu meinem Volk passen. Das sind die wesentlichen Anforderungen. Fruchtbarkeit als Zugabe wäre natürlich auch nicht schlecht.“

Jessicas blasse Wangen röteten sich, und ihr voller Mund wurde schmal. „Wollen das nicht alle Männer?“

„Da bin ich mir nicht sicher. Und offen gestanden ist es mir auch egal. Für den Großteil der Männer trifft es jedenfalls nicht zu, auf die Bevölkerung ihres Landes Rücksicht nehmen zu müssen, wenn sie auf Brautschau gehen.“

Ihm war einerlei, was andere wollten. Er war nicht wie sie. Denn er war gezwungen, in die Fußstapfen seines älteren Bruders zu treten. Und Stavros hatte nur einen Wunsch: der bestmögliche König für Kyonos zu sein.

Seine Methoden mochten unorthodox sein, und sein Vater mochte sie nicht teilen. Doch er wollte nur das Beste für sein Land. Althergebrachtes war ihm einfach nicht in die Wiege gelegt worden.

Sie atmete tief aus. „Natürlich.“ Mit einem breiten Lächeln blickte sie ihm in die Augen. Fast unwirklich sah sie aus, so sauber und steif wie ein Überbleibsel aus den Fünfzigerjahren. „Ich … nun ja, ich will mich nicht beschweren, aber warum haben Sie mich überhaupt damit beauftragt, nach einer Ehefrau für Sie zu suchen? Den Medien konnte ich entnehmen, dass Sie sehr gut selbst dazu in der Lage sind.“

„Wenn ich einen neuen Anzug benötige, wende ich mich an einen Designer. Will ich eine Party feiern, engagiere ich einen Eventmanager. Warum sollte es in diesem Fall anders sein?“

Sie legte den Kopf schief. Ihr Haar war zu einem strengen Knoten frisiert, ihr Kleid mit dem kleinen Rundkragen bis oben hin zugeknöpft. Sie wirkte sehr gepflegt.

„Sie haben eine sehr … praktische Sicht der Dinge“, bemerkte sie.

„Ich muss ein Land regieren. Ich kann mich nicht mit Nebensächlichkeiten aufhalten.“

„Sicher. Ich habe eine Liste potenzieller Kandidatinnen zusammengestellt. Sie muss selbstverständlich noch verfeinert werden …“

Stavros nahm ihr den Tablet-PC aus der Hand und klickte ein paar Icons an. Auf eine Liste stieß er nicht. „Was ist das?“

Mit sanftem Nachdruck holte Jessica sich den Computer zurück. „Das ist ein Tablet-PC. Soll ich festhalten, dass technisch versierte Frauen nicht infrage kommen?“

„Nicht nötig. Aber halten Sie fest, dass Frauen mit lockerem Mundwerk nicht auf Ihrer Liste stehen sollten.“

Ihre Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln. „Jemand muss schließlich dafür sorgen, dass Sie nicht aus der Reihe tanzen.“

„So jemanden brauche ich nicht. Ich werde König sein.“

Darauf hob sie kaum merklich eine Augenbraue. „Oh, wenn das so ist.“ Dann tippte sie etwas in den Computer.

„Was notieren Sie da?“

„Ausgeprägte Tendenz zum Tyrannen. Schwach im Zwischenmenschlichen, stark in SA.“

„SA?“

„Schlafzimmeraktivitäten. Eine Abkürzung“, gab sie in schnippischem Ton zurück. „Legen Sie Wert auf eine jungfräuliche Braut, Prinz Drakos?“

„Stavros genügt. Und nein, lege ich nicht.“ Ihre Offenheit sollte ihn nicht überraschen. Jessica Carter war bekannt für ihre deutliche Art. Doch auch ein anderer Ruf eilte ihr voraus. Sie besaß ein einmaliges Talent, Verbindungen zu schaffen, die zu erfolgreichen Zusammenschlüssen führten und Vermögen vergrößerten. Sie war mehr als nur eine Heiratsvermittlerin. Jessica Carter war eine Strategin, und er wusste, dass sie die Beste auf ihrem Gebiet war.

Persönlich bedeutete ihm eine Heirat nicht viel. Darum war es eine glänzende Idee, die Vorbereitung auf Jessica Carter abzuwälzen. Und wenn die Medien davon erfuhren, umso besser. Er war bekannt dafür, Dinge auf seine Art zu regeln und ganz anders vorzugehen als sein Vater, der das Land regierte.

Mit diesem Schritt hatte er sich weiter von seinem Vater entfernt, als er sich je hätte vorstellen können.

„Das ist gut“, erwiderte sie. „Es ist nämlich immer peinlich, Frauen um den Nachweis ihrer sexuellen Historie bitten zu müssen.“

„Gehen Sie so weit?“

„Mitunter. Doch nicht nur bei Frauen.“

„Bei wem denn noch?“

„Wenn ich Ihnen das verraten würde, müsste ich Sie hinterher umbringen. Ich bin zu strikter Diskretion verpflichtet. Außer wenn es ausdrücklich gewünscht wird – beispielweise zu Publicityzwecken –, spreche ich nicht über meine Klienten.“

„Das ist allgemein bekannt“, erwiderte er. Vor drei Wochen hatte er einen alten Studienfreund und dessen neue Verlobten getroffen. Oxfordabschluss. Modelkarriere. Alles, was das Herz begehrte. Schön und klug. Und wer hatte die Verbindung geschaffen?

Jessica Carter.

Die Frau mit den meisten Elite-Verbindungen, wie es in der Presse hieß. Sie versorgte Milliardäre, Topmanager und Hoheiten – und zwar mit Verbindungen, die von Dauer waren.

Genau so etwas brauchte Stavros. Seit er wusste, dass er den Thron anstelle seines verschwundenen Bruders übernehmen musste, hatte er es aufgegeben, ein persönliches Interesse für die Auswahl seiner Braut zu zeigen. Seine eigenen Wünsche durften keine Rolle spielen. Er suchte nach einer Frau, die seinem Land eine perfekte Königin sein würde. Daneben hatte er natürlich auch ein paar persönliche Vorstellungen. Selbstverständlich sollte sie eine Schönheit sein. Klug. Freundlich. Fruchtbar.

Es dürfte doch nicht allzu schwierig sein, so eine Frau zu finden.

„Es geht nicht um mich, Ms Carter, sondern ausschließlich um Kyonos. Meine Familie hat viele Tragödien durchlebt. Ich muss der Fels in der Brandung sein. Ich muss meinem Volk ein stabiles und sicheres Fundament bieten können, und dafür ist eine solide Ehe die unabdingbare Voraussetzung.“

Der Tod seiner Mutter vor neunzehn Jahren hatte das Volk zutiefst erschüttert. Der Thronverzicht seines Bruders hatte Monate der Unruhe nach sich gezogen. Die Aktienkurse waren abgestürzt und der Immobilienmarkt stand kurz vor dem Zusammenbruch.

Stavros war dazu bestimmt worden, wieder stabile Verhältnisse zu schaffen, und das hatte er geschafft. Mit Nobelhotels und trendigen Geschäften hatte er Thysius, die größte Stadt auf der Insel, zum Erblühen gebracht. Außerdem sorgte er für ein zusätzliches Staatseinkommen, indem er den Sitz seiner eigenen Gesellschaft auf die Insel verlegte.

Er hatte viel getan, um sein Land, das am Abgrund stand, zu retten. Seit seinem achtzehnten Lebensjahr drehte sich sein gesamtes Leben ausschließlich um seine Heimat. Den Luxus einer unbeschwerten Jugend hatte er nie kennengelernt. Traurigkeit oder Furcht niemals verspürt. Dafür war in seiner Welt kein Platz. Als zukünftiger Herrscher musste er über allen Gefühlen stehen.

„Ich weiß, dass das ein großer Schritt ist. Nicht nur für Ihr Land, sondern auch für Sie“, sagte Jessica, „Schließlich wird die Auserwählte Ihre Frau.“

Gleichmütig zuckte er mit den Schultern. „Eine Anschaffung, von der ich schon seit einiger Zeit weiß.“

Langsam stieß Jessica die Luft aus. „Mr … Prinz Drakos, würden Sie bitte aufhören, sich so schonungslos offen zu geben? Ich kann kaum einen Mann als Heiratskandidaten vermitteln, der so freimütig sein Desinteresse an romantischer Liebe zeigt.“

„Warum versuchen Sie es nicht einfach unter der Überschrift ‚Heirate einen übersättigten Prinzen und du erhältst dafür einen Titel, eine kleine Insel, ein Schloss und eine Krone.‘ Das sollte fürs Erste reichen.“

„Gemäß dem Motto: Mit Geld lässt sich keine Liebe erkaufen“, warf sie ein.

„Wie nett. Abgedroschen, übertrieben und vermutlich haben die Beatles das Copyright darauf, doch immerhin nett. Aber wenn man die Idee zu Ende denkt, kommt das dabei heraus: Mit Liebe lässt sich Glück nicht erzwingen.“

Etwas veränderte sich in Jessicas Blick. Ein Anflug von Kälte lag plötzlich in ihren grünen Augen. „Das stimmt leider Gottes. Doch wir bereiten hier eine Verkaufsstrategie vor. Und Sie sind dabei keine große Hilfe.“

Seine Miene veränderte sich. „Könnten Sie nicht etwas über meine vorbildlichen Manieren bei Tisch schreiben?“

„Das kann ich nicht bezeugen, und ich möchte keine Unwahrheiten verbreiten. Gut, Sie sind mein Klient. Aber ich führe außerdem eine ganze Liste mit Frauen, denen ich geschäftlich und loyal verpflichtet bin.“

Es war faszinierend, wie diese Frau zwischen heiß und kalt wechselte. Sie selbst gab sich beinahe prüde, doch wenn sie den Mund öffnete … Und was für ein schöner Mund.

Allein bei dem Gedanken zog sich sein Magen zusammen.

„Glauben Sie, dass sich meine Königin darunter befindet?“, fragte er.

„Wenn nicht, werde ich durch ganz Europa reisen und alle goldbehangenen Büsche abklopfen, bis eine herunterfällt. Vorher betrachte ich meine Mission als nicht erfüllt.“

„Sie gelten als die Beste Ihres Fachs. Und Sie haben einen meiner Junggesellenfreunde unter die Haube gebracht.“

„In meinem Geschäft gibt es keine Halbheiten. Es geht ausschließlich um den Erfolg“, erklärte sie nachdrücklich.

„Irgendwie gelingt es mir nicht, Ihre Begeisterung zu teilen.“

„Das ist in Ordnung, meine Zuversicht reicht für uns beide aus. Nun …“ Jessica senkte den Blick auf ihr Tablet „Ihre Schwester heiratet in wenigen Wochen, und ich möchte, dass Sie dort in Begleitung erscheinen. Sind wir uns da einig?“

Er runzelte die Stirn. „Ich würde nie mit einer Affäre auf einer Hochzeit erscheinen.“ Dieser Satz machte ihm bewusst, dass es schon einige Zeit her war, seit er mit einer Frau ausgegangen war.

„Und verschwinden Sie nicht mit einer der Brautjungfrauen“, ermahnte Jessica ihn. „Momentan hält man Sie für frei und jederzeit verfügbar.“

„Sie wiederholen sich.“

„Es ist aber wichtig. Wir wollen doch nicht, dass alle infrage kommenden Frauen aus dem Königreich auftauchen. Darum müssen wir sehr zurückhaltend vorgehen.“

„Und weshalb sollen wir nicht alle passenden Frauen zusammentrommeln?“

„Hören Sie, Märchenprinz, wenn Sie meine Unterstützung weiterhin wünschen, halten Sie sich bitte an meine Empfehlungen. Was heißt, dass Sie bei Prinzessin Evangelinas Trauung meinen Anweisungen folgen werden.“

„Ich würde mich doch nicht auf eine Brautjungfer stürzen. Die Freundinnen meiner Schwester sind entschieden zu jung für mich“, protestierte er.

„Ah … Sie haben also eine genaue Vorstellung, was das Alter betrifft.“

„In der Tat, die habe ich. Nicht in Evangelinas Alter. Mindestens dreiundzwanzig und höchstens achtundzwanzig.“

Jessica blickte ihn skeptisch an. „Warum ist jemand mit über achtundzwanzig zu alt?“

„Ich brauche eine Frau, mit der ich Kinder haben kann. Am besten mehrere. Und je älter sie ist …“

„Richtig“, erwiderte sie kurz angebunden und richtete ihr Augenmerk wieder auf den Computer.

„Wenn ich Sie frage, wie alt Sie selbst sind, wäre das unangemessen?“, erkundigte Stavros sich.

„Ich habe mit meinem Alter kein Problem, Prinz Stavros. Ich bin dreißig. Obwohl es Sie eigentlich nichts angeht.“

„Ich meine es nicht persönlich.“

„Schon in Ordnung“, sagte sie. „Außerdem werde ich mich nicht um den Posten bewerben.“

„Wie schade“, erwiderte er und sah, wie sie zart errötete.

Jessica legte ihren Tablet-PC auf den mit Schnitzereien verzierten Tisch zu ihrer Rechten und verschränkte dann die Hände im Schoß, um das Zittern zu bezwingen. Immer wieder sagte sie das Falsche. Was sie nicht überraschte, da sie zur Kratzbürstigkeit neigte, wenn sie nervös wurde.

Diese Eigenart hatte sie sich zunutze gemacht. Kunden und Medien mochten ihre forsche Haltung, die es ihr ermöglichte, die Menschen auf Distanz zu halten, ohne ihre Verwundbarkeit zu offenbaren.

Und bei Prinz Stavros Drakos würde sie ihre Abwehr ganz sicher nicht aufgeben.

„Ich werde an drei junge Damen eine Einladung zur Hochzeit verschicken“, erklärte sie. „Bei der Feier werden Sie mit jeder exakt zwanzig Minuten Konversation betreiben, nicht mehr. Und ich möchte, dass Sie danach eine von ihnen in die engere Wahl nehmen. Ich habe für Sie eine Liste von Fragen ausgearbeitet, die Sie den Damen stellen werden.“

„Zwanzig Minuten? Nicht mehr?“ Seine dunklen Brauen hoben sich.

Er war so sexy, dass es an ihren Nerven zerrte. In den letzten Jahren hatte sie Männer wie Kunstwerke betrachtet. Attraktive Objekte, die jedoch keinerlei Gefühle in ihr erweckten.

Ganz anders Stavros. Er verursachte ein heftiges Ziehen in ihrer Magengegend. Lange schon hatte sie nichts Ähnliches mehr gespürt. Mehr noch. Sie hatte die Hoffnung inzwischen aufgegeben, dass ihr so etwas überhaupt noch passieren konnte.

Nun stand sie entschlossen auf und trat einen Schritt zurück, um ein wenig Distanz zu schaffen. Oder wenigstens wieder Kontrolle über ihren Körper.

„Mehr brauchen Sie nicht. Nicht zu diesem Zeitpunkt. Ich habe eine Reihe von Kandidatinnen auf der Grundlage unseres letzten Telefonats ausgesucht. Dann habe ich ausgesiebt und die Anzahl der Damen auf die drei reduziert, die Sie auf der Hochzeit treffen. Bei einer oder mehrerer von ihnen sollte es funken. Anziehungskraft“, fuhr Jessica fort, wobei ihr das Wort fast im Hals stecken blieb, „ist eine der leichteren Aufgaben in diesem Stadium. Doch in Wirklichkeit ist es alles andere als … einfach.“ Ihr Magen spielte wieder verrückt. Die Eindringlichkeit, mit der Stavros sie ansah, ließ ihren Atem stocken.

Es war beinahe unglaublich, wie umwerfend er aussah. Als ob er nur gute Gene abbekommen hätte. Ein energisches Kinn, eine ebenmäßige, gerade Nase und die Lippen … Manchmal fest geschlossen und unnachgiebig. Dann wieder zart und weich, wenn er lächelte. Eine beinahe unwiderstehliche Einladung zum Küssen.

Sie schluckte und versuchte, nicht daran zu denken, wie lange es her war, dass sie geküsst worden war. Und erst recht wollte sie nicht daran denken, Stavros auf den Mund zu küssen.

„Wie dem auch sei“, meinte sie und holte tief Luft. Was sie als Nächstes sagen würde, wusste sie genau. Ihre Vorgehensweise war ihr längst in Fleisch und Blut übergegangen. „Lassen Sie uns mit der grundlegenden Anziehungskraft beginnen. Ich nenne es ‚den Blitzschlag‘, was viele mit dem verwechseln, was man ‚Liebe auf den ersten Blick‘ nennt. Sie werden sich bei der Hochzeit zu der einen oder anderen Dame stärker hingezogen fühlen. Später werden wir versuchen herauszufinden, welches Gefühl andauern könnte und welches nicht.“

„Und Sie werfen mir einen Mangel an Romantik vor! Dabei haben Sie selbst ein kühl kalkuliertes System entwickelt. Ich will mich nicht beschweren, doch … lassen Sie uns völlig offen miteinander reden.“ Ein Lächeln umspielte seinen Mund, als er sich erhob und um den Schreibtisch herumkam. „Sie sind kein bisschen romantischer als ich.“

Seine Stimme war weich wie geschmolzene Butter. Jessica räusperte sich und trat einen weiteren Schritt zurück.

„Was ist denn schon Romantik? Nichts als ein paar Gefühle und die Projektion unrealistischer Ideale auf den Partner. Eine Romanze ist nichts als eine Illusion. Darum plädiere ich dafür, eine Partnerschaft von Anfang an auf ein solides Fundament aufzubauen. Daraus kann Liebe erwachsen. Und wenn das Fundament tatsächlich hält, kann die Liebe auch tief sein und allen Schicksalsschlägen trotzen. Wenn die Menschen aber mit nichts als diesem ‚Blitzschlag‘ beginnen, ohne sich anderweitig abzusichern, wird die Beziehung unweigerlich scheitern.“

Als Stavros sich durchs Haar strich, spannte sein Hemd über dem Oberkörper. Zu gern hätte Jessica gewusst, wie diese Muskeln sich unter ihren Händen anfühlten.

Ach du meine Güte. Hör sofort auf damit!

„So war das also bei Ihnen?“, fragte er. „Sie sind solch einem Blitzschlag, wie Sie es nennen, gefolgt, und das Ganze ist in einem Desaster geendet?“

Es war noch sehr viel komplizierter gewesen, doch das würde sie niemals preisgeben. „Jedenfalls kann ich es aus eigener Erfahrung beurteilen“, gab sie zu.

„Aber verheiratet sind Sie nicht.“

„Nein, ich bin glücklich geschieden.“ Wobei „glücklich“ etwas übertrieben war. „Vor Kurzem habe ich den vierten Jahrestag meines Single-Daseins gefeiert.“

Überrascht sah er sie an. „Und Sie glauben trotzdem noch an die Ehe?“

„Sicher. Dass meine Ehe gescheitert ist, hilft mir bei meinem Job sogar. Ich weiß, wodurch Beziehungen zerstört werden und wie man eine solide Basis schafft. Von dem Weisen, der sein Haus auf Fels gebaut hat, haben Sie schon gehört, nehme ich an?“

Stavros nickte versonnen. „Das liegt irgendwo in meinen Kindheitserinnerungen vergraben.“

Da war es wieder, dieses charmante, freche Lächeln. Es verriet, dass jede Frau nach fünf Minuten die Hüllen fallen ließ, wenn er es nur wollte. Unwillkürlich wanderte ihre Hand zum obersten Knopf ihres Kleids. Gleich darauf ließ sie sie blitzartig fallen und machte einen Schritt zurück. Mit dem Ergebnis, dass er ihr drei Schritte entgegenkam. Jessica räusperte sich. „Dann ist ja alles klar. Ich werde dafür sorgen, dass Sie eine Ehe eingehen, die auf Fels gebaut ist anstatt auf Sand.“

„Gut zu wissen“, erwiderte er.

„Sie und ich werden ein starkes Team bilden zum Wohl Ihres Landes“, erklärte sie mit einer Zuversicht, die sie nicht empfand.

Da streckte er ihr seine Hand entgegen. Eine starke, gebräunte, männliche Hand. Für einen kurzen Augenblick starrte Jessica unschlüssig darauf.

Dann gab sie sich einen Ruck und streckte ihm ihrerseits die Hand entgegen.

Er ergriff sie, und Jessica wurde heiß.

Mit dieser Wirkung hatte sie nicht gerechnet. Sicher, sie kannte Fotos von ihm, die ihm aber nicht gerecht wurden. Er war mindestens einen Kopf größer als sie und verbreitete einen geradezu himmlischen Duft nach reiner Haut und Sandelholz.

In seiner Gegenwart fühlte sie sich klein, unterlegen und sehr, sehr weiblich.

Sie ließ seine Hand wieder los und ballte ihre zur Faust. Sie brannte wie Feuer.

„Ich warne Sie, Ms Carter. Ich kann ein schwieriger Auftraggeber sein“, sagte Stavros.

Ihr stockte der Atem. „Ich … ich werde schon mit Ihnen fertig.“

Er lachte. Es war ein tiefes Lachen. „Wir werden sehen.“

2. KAPITEL

„Haben Sie alles zu Ihrer vollen Zufriedenheit vorgefunden, Ms Carter?“

Jessica wirbelte herum. Ihr Herz klopfte schneller. Stavros stand mitten in der Empfangshalle ihres Hotels und lächelte sie an.

„Ich … Ja, sehr. Ich habe Sie nicht hier erwartet. Heute. Oder überhaupt.“

Er blickte um sich, als wollte er sich versichern, hier richtig zu sein. „Dies ist eines meiner Hotels.“

„Das ist mir bekannt. Ich dachte nur …“

„Sie dachten, ich würde mich nicht wirklich an der Führung meiner Hotels, Casinos und den anderen Unternehmen beteiligen. Doch das Gegenteil ist der Fall. In einem anderen Leben wäre ich wahrscheinlich ein erfolgreicher Unternehmer geworden.“ Plötzlich klang er vollkommen anders. „Ich teile meine Zeit in meine Aufgaben als Prinz und die des Geschäftsmanns ein. Beide sind mir gleich wichtig.“

Mit dem reichlich missratenen Versuch eines Lächelns trat Jessica einen Schritt zurück. „Also … wenn ich es richtig verstanden habe: Unter all den Hotels, die Sie auf der gesamten Insel besitzen, haben Sie sich ausgerechnet meines für eine Stippvisite ausgewählt?“

Seine sinnlichen Lippen formten sich zu einem angedeuteten Lächeln. „So ist es. Doch es gibt auch einen geschäftlichen Grund für meine Anwesenheit.“

Ihr Magen zog sich zusammen. Vergiss es. Es war lange her, dass ein Mann sie derart angezogen hatte. Und Stavros war ein Klient.

Bis heute war Jessica damit beschäftigt, ihre Wunden zu lecken. Die gescheiterte Ehe nach nur fünf Jahren und die Umstände, die damit verbunden waren, hielten sie davon ab, auch nur im Entferntesten an eine Verabredung mit einem Mann zu denken. Und das war in Ordnung. Sie hatte ihre damalige Stelle gekündigt, die Partnervermittlung gegründet und sie über die Jahre zum Erfolg gebracht.

Jene, die es gar nicht können, lehren es, und die, die keinen eigenen Partner finden, suchen ihn für andere.

Das stimmte nicht. Vor Jahren hatte sie jemanden gefunden und geglaubt, dass irgendein Zauber sie für immer aneinander binden würde. Als ob das so einfach wäre.

Seitdem hatte sie das Leben aller Träume, Hoffnungen, Gefühle und jeglichen Vertrauens beraubt. Zuletzt hatte sie es wesentlich einfacher gefunden, die Tür hinter dem ganzen Durcheinander zu schließen, als zurückzugehen und die frühere Ordnung wiederherzustellen.

Aber ihr Exmann hatte kein Recht, sich jetzt in ihre Gedanken zu schleichen. Das war für immer vorbei.

In ihrem neuen Job hatte sie sich in die Liebe verliebt. Mit all den mystischen Eigenschaften, die sie damit verband. Und inzwischen hatte sie an Erfahrung gewonnen und wusste, dass eine echte Beziehung mehr war als nur Schmetterlinge im Bauch. Ihre Aufgabe erschien ihr dadurch in einem völlig neuen Licht. Sie wollte beweisen, dass die ewige Liebe existierte und Ehen geschlossen wurden, um zu halten.

Es war ein seltsames Gefühl. Sie schuf Beziehungen und knüpfte erfolgreiche Bande für glückliche Ehen. Aber sie selbst lag jede Nacht allein in ihrem Bett.

„Und was ist dieser geschäftliche Grund?“, fragte sie Prinz Stavros kühl.

„Ein Grund ist, dass ich meinen Direktor über die Ankunft der Gäste informieren muss, die zur Hochzeit von Eva und Mak anreisen werden. Die gesamte Unterbringung einschließlich Maks Eltern ist eines meiner Geschenke an sie. Er wollte zwar endlos mit mir darüber diskutieren, doch ich bin hartnäckig.“

„Und Sie setzen sich immer durch, nicht wahr?“ Längst hatte Jessica den Eindruck, dass ein Nein in seinen Ohren nicht existierte. Jede Anweisung des Kronprinzen war für seine Umgebung ein Befehl. Nicht weil er ein Tyrann war, sondern weil seine Präsenz und sein Charisma ihm jeden Widerspruch ersparten. Die Menschen taten, was er wollte, nur um ein Lächeln von ihm zu erhalten.

„Ausnahmslos.“ Sein verführerischer Blick verwirrte sie.

Sie musste sich räuspern. „Und der andere Grund?“

„Ich bin hier, um Sie abzuholen. Wenn Sie mich bei der Suche nach einer Braut unterstützen, ist es hilfreich, mich zu verstehen. Und um das zu können, müssen Sie zuallererst mein Land verstehen.“

„Ich habe eine Menge über Kyonos recherchiert und …“

„Nein. Sie müssen mein Land und mein Volk kennenlernen. So wie ich es kenne.“

Sein Vorschlag gefiel ihr nicht. Es war nicht ihre Art, mit einem Klienten allzu vertraut zu werden, obgleich es natürlich wichtig war, über ihn Bescheid zu wissen. Doch ihr Problem war, dass sie viel zu stark auf ihn reagierte. „Soll das eine Einladung zu einer ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Eine Braut für den Prinzen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen