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Eine Braut für den Kronprinzen

1. KAPITEL

„Wie viel schulde ich den Gläubigern jetzt noch, Mr. Watkins?“

Bedauernd zog der weißhaarige Anwalt die buschigen Augenbrauen hoch: „Zwölf Millionen Dollar.“

Alexandra wurden die Knie weich. Noch so viel? Am unangenehmsten waren ihr die Schulden bei Manny Horowitz, dem ehemaligen Manager ihrer Mutter. Nicht einmal ihn hatte sie bezahlt, und dabei hatte er sich jahrelang für ihre Karriere aufgeopfert. Ich muss das Geld einfach zusammenbekommen!

„Nur den Diamantschmuck kann ich noch verkaufen. Alles andere habe ich schon versteigert. Hoffentlich reicht der Erlös aus, um die restlichen Schulden zu begleichen!“

Für Alexandra selbst schien von dem einstigen Millionenbesitz ihrer Mutter nichts übrig zu bleiben. Doch das war zweitrangig. Hauptsache die Regenbogenpresse bekam keinen Wind von ihrem Bankrott. Bloß nicht noch mehr Negativschlagzeilen! Als herauskam, dass eine Überdosis Schlafmittel Schuld am frühen Tod ihrer Mutter gewesen war, hatte man sie schon genug durch den Schmutz gezogen. Man munkelte, Kathryn Carlisle hätte nach der gescheiterten Ehe mit Scheich Mustafah Tahar aus lauter Verzweiflung Selbstmord begangen. Beweise gab es dafür allerdings keine. Und Alex wusste schone lange nicht mehr, was sie eigentlich noch glauben sollte.

„Ich bedauere sehr, dass Sie sich in Ihrem Alter schon mit derartigen Problemen herumschlagen müssen, Miss Grigory.“

„Danke, aber so jung bin ich nun auch wieder nicht mehr.“ Nach den letzten Monaten fühlte sie sich, ehrlich gesagt, sogar ziemlich alt. Aber als ungewolltes Kind der schönsten Frau der Welt hatte sie es im Leben schließlich nie leicht gehabt. Sehr früh schon hatte sie erwachsen werden müssen. Doch für den alten Anwalt klang fünfundzwanzig wahrscheinlich sehr jugendlich.

Seit dem Tod ihrer Mutter Weihnachten vor fünf Monaten hatte Mr. Watkins Tag und Nacht gearbeitet, um ihr zu helfen, den riesigen Schuldenberg abzutragen. Und das ohne dabei auch nur ein einziges abfälliges Wort über den ausschweifenden Lebenswandel der Diva zu verlieren, der letztlich wohl auch für ihren frühen Tod verantwortlich gewesen war. Hinterlassen hatte sie außer ihrer sträflichst vernachlässigten Tochter aus der ersten von sechs gescheiterten Ehen nicht viel. Von ihrem Schmuck, ein paar saftigen Klatschgeschichten und Waschkörben voll unbezahlter Rechnungen einmal abgesehen.

„Wo bekomme ich denn Ihrer Meinung nach den besten Preis für die Schmuckstücke?“ „Wenden Sie sich an das italienische Juweliergeschäft ‚Casa di Savoglia‘ an der Fifth Avenue in New York.“

„Oh, das kenne ich. Mein Vater hat dort für meine Mutter ein Diamantarmband gekauft und es ihr in der Hochzeitsnacht geschenkt.“ Das ist auch das Einzige, was sie mir je von meinem Vater erzählt hat, dachte Alex. Darüber dass Oleg Grigory eines der größten Casinos in Las Vegas besaß, hatte sie hingegen kein Wort verloren. Auch dass er sehr jung und unter mysteriösen Umständen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, hatte sie nie erwähnt – geschweige denn dass es Gerüchte gab, er sei mit der russischen Mafia im Geschäft gewesen. All dass hatte sie erst sehr viel später selbst herausgefunden.

Mr. Watkins nickte. „Ja, die Juweliere dort sind zweifellos Experten im Diamanthandel und weltberühmt.“

Nachdenklich nagte sie an der Unterlippe. Das heißt, ich muss schnellstmöglich nach New York. Doch wie sollte sie das Flugticket bezahlen? Na, da würde ihr schon etwas einfallen. Hoffentlich war der Schmuck, den ihre Mutter über die Jahre von ihren unzähligen Ehemännern und Liebhabern bekommen hatte, tatsächlich so viel wert, wie sie immer geglaubt hatte. Dann könnten vielleicht schon bald alle Schulden Vergangenheit sein, und sie könnte endlich ein neues Leben beginnen.

„Sobald ich den Flug gebucht habe, melde ich mich bei Ihnen.“

„Sehr gut. Und machen Sie sich keine Sorgen. Die Angestellten der Casa die Savoglia haben den Ruf, bei allen Geschäften äußerste Diskretion zu wahren.“

Diskretion. Was würde sie dafür geben, keinerlei Verschwiegenheit nötig zu haben! Alex seufzte leise.

Mitleidig blickte Mr. Watkins seine junge Mandantin an. „Wenn das Flugdatum feststeht, mache ich für Sie einen Termin mit dem Geschäftsführer.“

Dankbar drückte sie dem alten Anwalt die Hand. Dann machte sie sich auf den Weg zur Arbeit. Ob sie wollte oder nicht, sie musste ihre Chefin um ein paar extra Urlaubstage bitten. Die ältere Dame, die das Kosmetikstudio leitete, in dem Alex als Maskenbildnerin arbeitete, hatte ihr bisher noch nie eine Bitte abgeschlagen. Bestimmt würde sie auch heute nicht Nein sagen. Angenehmer wurde die Situation dadurch aber auch nicht wirklich. Wie sie es hasste, andauernd um irgendetwas bitten zu müssen! Doch das würde sich ja hoffentlich bald ändern.

Prüfend sah Alexandra auf die Uhr, als das gelbe Taxi vor dem beeindruckenden weißen Gebäude hielt, über dessen Eingang das Firmenlogo „Casa di Savoglia“ prangte. Kurz vor halb elf. Sie lag gut in der Zeit!

Nachdem sie den Taxifahrer bezahlt hatte, nahm sie ihre Tasche und stieg aus. Die feuchte New Yorker Junihitze traf sie wie ein Schlag. Doch die riesige Menschenmenge, die vor dem Eingang des exklusiven Juweliergeschäftes wartete, brachte sie noch mehr aus dem Konzept.

„Entschuldigen Sie bitte“, wandte sie sich an einen der zahlreichen Wachmänner, „ist hier immer so ein Andrang?“ „Jedenfalls immer, wenn der Ligurische Diamant ausgestellt wird“, erwiderte der Sicherheitsbeamte, als ob damit alles gesagt sei.

Ligurischer Diamant? Nie gehört! Vom Hope Diamanten wusste sie. Und selbstverständlich auch von den sagenhaften englischen Kronjuwelen. Aber da erschöpfte sich ihr Wissen über Edelsteine auch schon. Kein Wunder. Sie selbst hatte ja auch nie welche besessen. Und was ihre Mutter betraf … kein Diamant der Welt hatte ihr das Glück geben können, das sie in sechs Ehen vergeblich gesucht hatte.

Energisch schob Alex die trüben Gedanken beiseite. Am Eingang erklärte sie einem weiteren Sicherheitsbeamten, dass sie einen wichtigen Termin mit Mr. Defore, dem Chefjuwelier, hatte. Einen kurzen Telefonanruf und einen gründlichen Sicherheitscheck später stieg sie von einem Wachmann begleitet in den gläsernen Aufzug. Was dieser Ligurische Diamant wohl wert war? Nach den Menschenmassen zu schließen, die sich im Foyer um die beleuchtete Vitrine drängten, musste es sich um eine unvorstellbare Summe handeln. Vielleicht sogar zwölf Millionen Dollar …

„Mr. Defores Büro befindet sich im vierten Stock“, riss die Stimme des Wachmanns sie aus den Gedanken. „Ich werde Sie noch bis zur Tür begleiten.“

Dort begrüßte der kleine, kompetent aussehende Juwelier sie freundlich: „Nach Ihnen kann man ja die Uhr stellen, Miss Grigory! Kommen Sie doch bitte herein. Hatten Sie einen angenehmen Flug?“

„Den hatte ich. Vielen Dank.“

„Bitte, nehmen Sie Platz“, sagte er lächelnd und wies auf einen schwarzen Ledersessel. „Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten? Tee? Ein Glas Wasser?“

„Nein danke. Als mein Anwalt den Termin mit Ihnen vereinbarte, wusste er nicht, dass in Ihrem Haus gerade eine Sonderausstellung stattfindet.“

„Ja, einmal im Jahr stellt uns die fürstliche Familie von Castelmare den Ligurischen Diamanten für einen Tag zur Verfügung. Der Andrang ist jedes Mal überwältigend.“

Castelmare. Vor ihrem inneren Auge stieg das Bild des kleinen Fürstentums an der Mittelmeerküste auf. Ihre Mutter hatte ihre erste Hochzeitsreise dorthin gemacht und so oft von der malerischen Berglandschaft und den verträumten Buchten geschwärmt, dass Alex beinahe das Gefühl hatte, selbst schon einmal dort gewesen zu sein. Seit ihrer Kindheit träumte sie insgeheim davon, irgendwann in dieses zauberhafte Land zu reisen und die kleinen, abgelegenen Bergdörfer, die sich seit Jahrhunderten Wind und Wasser trotzend an der Steilküste festklammern, mit eigenen Augen zu sehen.

„Wissen Sie zufällig, ob der Diamant auch manchmal in Kalifornien ausgestellt wird?“, fragte sie schließlich. Ihre Chefin würde den kostbaren Stein sicherlich gern sehen.

Nachdenklich schüttelte der Juwelier den Kopf. „Soweit ich informiert bin, wird der Stein nur in New York, London, Rio, Sydney, Hongkong und Dubai gezeigt. Und auch dort jeweils nur für einen einzigen Tag im Jahr. Den Rest der Zeit befindet er sich im Nationalmuseum von Castelmare.“

„Dann ist es ja eine große Ehre, dass Sie den Diamanten in Ihrem Geschäft ausstellen dürfen.“

Mr. Defore zog die Augenbrauen hoch. „Ich glaube, Sie verstehen nicht, Miss Grigory. Fürst Vittorio von Castelmare entstammt der Herrscherfamilie di Savoglia’. Dieses Geschäft – und viele weitere auf der ganzen Welt – gehört der Familie des Monarchen.“

„Ich hatte ja keine Ahnung“, erwiderte sie verblüfft. Kein Wunder, dass ihre Mutter vom Hochzeitsgeschenk ihres Vaters so begeistert gewesen war. Eine edlere Juwelierkette gab es schließlich nicht.

„Soll ich mir die Schmuckstücke Ihrer Mutter jetzt einmal anschauen?“

„Sehr gerne.“ Vorsichtig nahm Alex die unscheinbare Box aus ihrer Tasche, die sie einige Stunden zuvor aus dem Banksafe abgeholt hatte, in dem Kathryn Carlisles letzte Wertgegenstände verschlossen waren.

Konzentriert machte der Juwelier sich an die Arbeit. Nie zuvor hatte Alex den Schmuck ihrer Mutter mit eigenen Augen gesehen. Alles, was sie über ihn wusste, stand auf der Inventarliste, die sie von der Bank erhalten hatte: sieben Diamantringe, vier Paar Diamantohrringe, ein Diamantarmband, drei Diamantcolliers und zwei Diamantfußkettchen. Aber wie der Schmuck aussah und was genau er wert war, davon hatte sie überhaupt keine Vorstellung. Und ohne den riesigen Schuldenberg ihrer Mutter wäre ihr das auch ziemlich gleichgültig gewesen. Geld bedeutete ihr nichts.

Schweigend untersuchte Mr. Defore jedes Schmuckstück ein zweites Mal. Was das wohl zu bedeuten hatte? Jedenfalls schien er nicht sonderlich beeindruckt zu sein. Wahrscheinlich weil er derartige Kollektionen jeden Tag sah.

Schließlich hob der Juwelier den Blick und sah ihr in die Augen. „Wer hat Ihnen gesagt, dass es sich hierbei um Diamantschmuck handelt?“, erkundigte er sich in sehr sachlichem Ton.

Überrascht starrte Alex ihn an. Was sollte denn diese Frage? „Mr. Watkins. Der Anwalt, der den Nachlass meiner Mutter verwaltet“, erwiderte sie verunsichert.

„Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass es sich um Imitationen handelt. Das ist kein echter Diamantschmuck.“

Was?

Der Schock verschlug ihr für einen Moment die Sprache. Dann stieß sie heftig hervor: „Aber das ist unmöglich!“

„Vielleicht bewahrte Ihre Mutter den echten Schmuck woanders auf?“

Sie schluckte. Woanders? Es gab doch nur noch den einen Banksafe. „Ich fürchte, nein“, flüsterte sie niedergeschlagen.

„Ich bedauere sehr, Miss Grigory. Aber wir handeln nicht mit nachgemachten Edelsteinen. Bestimmt gibt es in L.A. Geschäfte, die Ihnen zweitausend oder sogar zweitausendfünfhundert Dollar für diese Stücke bieten. Vielleicht sollten Sie sich dorthin wenden?“

„Ich hoffe doch sehr, dass dies nur ein schlechter Witz ist!“, brauste sie auf. Im Flieger hatte sie sich noch ausgemalt, wie sie bald alle Schulden tilgen würde. Und nun das!

„Ich versichere Ihnen, dass ich mir solche Scherze niemals erlauben würde. Mittlerweile gelingt es der Schmuckindustrie, täuschend ähnliche Imitationen herzustellen. Ja, sie sind derart ähnlich, dass selbst ein Experte mit bloßem Auge zweimal hinschauen muss, um den Unterschied zu erkennen. Aber in diesem Fall besteht kein Zweifel. Nachgemachte Diamanten haben einfach nicht dasselbe Funkeln.“

Ärgerlich sprang sie auf. „Ich möchte Ihren Vorgesetzten sprechen.“

„Ich bin hier der Chefjuwelier“, erwiderte Mr. Defore steif.

Natürlich. Das hatte sie ganz vergessen. Am liebsten hätte sie mit dem Fuß aufgestampft. „Mein Vater, Oleg Grigory, hat das Diamantarmband, das sie gerade in der Hand halten, vor sechsundzwanzig Jahren in Ihrem Geschäft gekauft. Das müssen Sie doch irgendwo vermerkt haben. Führen Sie keine Kundenkartei?“

„Selbstverständlich. Das kann ich gleich nachprüfen. Einen Moment, bitte.“

Obwohl sie zum Stillsitzen eigentlich gerade viel zu unruhig war, setzte Alex sich wieder, während der Juwelier im Computer nachsah. Wie sehr ihr die Knie zitterten, musste er ja nicht unbedingt bemerken!

„Ah ja. Da ist es. Ihr Vater hat tatsächlich bei uns ein Diamantarmband gekauft. Allerdings nicht dieses hier, fürchte ich. Vielleicht hat Ihre Mutter die Imitationen in Auftrag gegeben und den echten Schmuck verkauft?“

Zuzutrauen wäre es ihr. Diese Erkenntnis versetzte Alex einen Stich. Beinahe trotzig erklärte sie: „Ich bleibe dabei. Ich bestehe auf einer zweiten Meinung. Wer ist der Geschäftsführer der Casa di Savoglia in New York?“

„Mr. Bernhard Hudson. Aber ich bezweifle, dass er heute Zeit hat. Wegen des Andrangs um den Ligurischen Diamanten ist er gerade sehr beschäftigt.“

„Dann sagen Sie ihm, dass es hier um die Juwelen von Kathryn Carlisle geht.“ Sonst benutzte sie den Namen ihrer Mutter nie, um sich Gehör zu verschaffen. Aber in ihrer Verzweiflung wusste sie einfach nicht, was sie noch tun konnte.

„Sie haben mich missverstanden, Miss Grigory. Er kann Sie heute wirklich nicht empfangen. Das ganze Geschäft ist momentan im Ausnahmezustand. Für morgen wird Ihnen meine Sekretärin aber bestimmt einen Termin organisieren.“

„Das dauert doch höchstens fünf Minuten.“ So leicht ließ sie sich nicht abschütteln! „Ich werde auf ihn warten.“

„Völlig unmöglich! Und ich muss sie auch bitten, mein Büro jetzt zu verlassen. Der nächste Kunde wartet bereits.“

„Bitte, Mr. Defore“, flehte sie, krampfhaft darum bemüht, nicht die Fassung zu verlieren. „Ich bin extra aus Los Angeles hierhergeflogen. Wenn ich könnte, würde ich den Geschäftsführer morgen treffen, aber mein Rückflug geht bereits heute Abend.“

„Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, Miss. Mr. Hudson ist heute nicht erreichbar. Ich kann nichts weiter für Sie tun.“

„Oh doch! Das können Sie sehr wohl! Ihr Geschäftsführer muss schließlich irgendwann einmal eine Pause machen. Ist es nicht doch irgendwie möglich, dass ich ihn heute noch sprechen kann?“

„Nein, wirklich nicht.“

„Und das nennen Sie Kundenservice?“, rief sie wütend. „Sie könnten ihn ja wohl wenigstens einmal anrufen. Ihm erklären, wer ich bin. Sagen Sie ihm, es geht um Leben und Tod!“ Ihre Stimme überschlug sich förmlich.

Ungerührt drückte der Juwelier auf einen Knopf unter seiner Schreibtischplatte. Die Handbewegung war mehr als unauffällig, doch Alex entging sie trotzdem nicht. Sicherlich rief er jetzt das Wachpersonal, um sie hinauszuwerfen. Und wenn schon. Sie musste alles auf eine Karte setzen. Der Verkauf der Schmuckstücke war ihre letzte Chance, jemals wieder schuldenfrei zu sein. Dafür lohnte es sich ja wohl, zu kämpfen.

Schon als Kind hatte ihre Mutter immer gesagt, sie sei so hartnäckig und stur wie ihr Vater. Vielleicht schlugen da ja wirklich ihre Grigory-Gene durch. Mit ihrer Mutter hatte sie jedenfalls nie besonders viel gemeinsam gehabt. Nicht einmal äußerlich. Kathryn ähnelte mit ihrem platinblonden Haar, der kurvenreichen Figur und ihren ausgeprägten Starallüren der Monroe, während ihre schlanke, einen Meter fünfundsiebzig große Tochter oft mit Greta Garbo verglichen wurde. Alex selbst hatte darüber immer gelacht. Für sie war es kein Kompliment, mit Filmstars verglichen zu werden. Die Glitzerwelt zog sie nicht an. Viel lieber arbeitete sie hinter den Kulissen. Und für eine besondere Schönheit hatte sie sich auch nie gehalten. Vor allem ihre unkontrollierbaren Locken bereiteten ihr Kopfzerbrechen.

Das heißt, sofern sie überhaupt einmal einen Gedanken an ihr Aussehen verschwendete. Aufgrund des frühen Todes ihres Vaters und die eisige Gleichgültigkeit ihrer Mutter hatte sie meist andere Dinge im Kopf. So wie damals mit achtzehn, als Kathryn sie ohne einen Cent vor die Tür gesetzt hatte. Ohne ihr ehemaliges Kindermädchen Betty, das sie glücklicherweise nach einigem Suchen ausfindig gemacht hatte, hätte sie völlig allein dagestanden. Betty war es auch gewesen, die ihr den Job bei Michelle im Make-up-Studio verschafft hatte. Dafür würde sie ihr ewig dankbar sein. Auch wenn sie eigentlich bis heute von einem ganzen anderen Beruf träumte.

Aber diesen Traum würde sie sich endgültig aus dem Kopf schlagen müssen, wenn dieses Schmuckkästchen tatsächlich nur billige Imitationen enthielt. Dank der Schulden ihrer Mutter würde sie die Studiengebühren niemals aufbringen können.

Nein, Mr. Defore musste sich irren. Oder die Bank hatte sich geirrt, und es gab noch ein zweites Schmuckkästchen in dem Safe. Auf alle Fälle würde sie das aufklären!

Lucca von Castelmare, der vierunddreißigjährige Thronfolger des Fürstentums, saß in einem bequemen Ledersessel im Sicherheitszentrum der Casa di Savoglia in New York und beobachtete konzentriert, was auf den zahlreichen Monitoren vor sich ging. Die strategisch platzierten Überwachungskameras lieferten gestochen scharfe Bilder aus allen Räumen. Nichts Ungewöhnliches blieb hier unbemerkt.

New York war die letzte Station auf seiner langen Geschäftsreise, die ihn beinahe um die ganze Welt geführt hatte. Leider gab es jetzt wirklich keinen Grund mehr, die Rückreise nach Castelmare noch länger hinauszuzögern. Das Wiedersehen mit seinen Eltern, dem er schon seit Wochen aus dem Weg ging, stand unmittelbar bevor. Normalerweise kehrte er gern nach einer Reise in sein Elternhaus zurück. Diesmal aber würde die Rückkehr sein ganzes Leben verändern. Für immer.

Was ist denn da los? Plötzlich erregten die Geschehnisse auf einem der Monitore seine Aufmerksamkeit. Eine Kundin schien gerade seinem Chefjuwelier eine Szene zu machen. Er schaltete den Ton ein und hörte aufmerksam zu.

Hatte sie gerade den Namen Grigory erwähnt? Gehörte die junge Frau etwa zu der berühmten russischen Adelsfamilie? Neugierig begann er in der digitalen Kundenkartei zu recherchieren. Dann stutzte er ein weiteres Mal. Kathryn Carlisles Tochter? Er hatte nicht einmal gewusst, dass die Filmdiva ein Kind hatte. Von einer besonders ausgeprägten Ähnlichkeit konnte man auch nicht sprechen. Außer vielleicht, was die Temperamentsausbrüche betraf.

Defore machte keine Fehler. Genau deshalb hatte er ihn ja vor drei Jahren zum Chefjuwelier befördert. Aber die Entschlossenheit, mit der die junge Frau dem Experten entgegentrat, war mindestens ebenso bewundernswert wie dessen Kompetenz. Anscheinend hatte die Diva in einem finanziellen Engpass ihren Schmuck verkauft, ohne ihre Tochter darüber zu informieren.

Als der Chefjuwelier den Alarm auslöste, hielt Lucca den Wachmann, der sofort aufgesprungen war, mit einer lässigen Handbewegung zurück. „Lassen Sie nur. Ich mach das schon.“ Vor der Tür warteten seine beiden Bodyguards. Mit einem Nicken bedeutete er ihnen, ihm zum Ende des Ganges zu folgen, wo Defore sein Büro hatte.

„Warten Sie bitte hier auf mich. Und lassen Sie niemanden herein“, wies er sie, die Hand bereits auf der Klinke, an. Dann trat er ein.

Dem Juwelier blieb einen Moment der Mund offen stehen, als er sah, wer da anstelle des angeforderten Wachmanns zur Tür hereinkam.

Noch nie zuvor hatte Lucca sich in Defores Verhandlungen eingemischt. Bisher hatte es dazu auch keinen Grund gegeben. Aber irgendwie faszinierte ihn diese junge Frau mit der ungewöhnlichen Familiengeschichte.

„Wenn Sie nichts dagegen haben, übernehme ich.“

„Se…selbstverständlich nicht, Sir.“

Als sein Chefjuwelier gegangen war, wandte Lucca sich der Besucherin zu. Ihre zorngeröteten Wangen und funkelnden Augen zeugten noch von dem heftigen Streit, der hier gerade stattgefunden hatte.

„Signora Grigory?“

Nach kurzem Zögern nahm Alex seine ausgestreckte Hand. Sie atmete tief durch und sagte mit zitternder Stimme: „Es ist mir schrecklich peinlich, dass Mr. Defore Sie rufen ließ. Aber alles, was ich verlangt habe, war eine kurze Unterredung mit dem Geschäftsführer.“

So so, sie hielt ihn also für einen Wachmann. Nur mühsam unterdrückte er ein Lächeln. Auch aus der Nähe betrachtet, sah sie ihrer Mutter nicht sehr ähnlich. Sie wirkte viel natürlicher und doch auf ungekünstelte Weise elegant. Besonders anziehend fand er die wilden dunkelblonden Locken, die ihr schmales Gesicht umspielten. Und nur eine Frau mit langen schlanken Beinen und zarten Kurven wie sie schaffte es, in einer dunkelblauen Plisseebluse und cremefarbenen Hosen im Vierziger-Jahre-Stil so feminin und anziehend auszusehen.

Nein, vorerst würde er das Missverständnis nicht aufklären. Dank der Regenbogenpresse und unzähliger erlogener Geschichten über den Playboy-Prinzen von Castelmare kam es viel zu selten vor, dass er nicht erkannt wurde. Was für eine Wohltat, wie ein normaler Mensch behandelt zu werden!

„Sie sagten, es ginge um Leben und Tod?“, fragte er schließlich.

Nervös strich sie sich eine Locke aus dem Gesicht. „Ja“, gab sie zu. „Aber ich hatte keine Ahnung, dass das gesamte Gespräch aufgezeichnet wurde.“

Er zuckte die Schultern. „In diesem Geschäft geht es nun einmal nicht anders. Wir müssen gewisse Sicherheitsvorkehrungen treffen.“

„Verstehe.“

„Warum setzen wir uns nicht einen Augenblick?“

„Danke. Heute haben Sie sicherlich besonders viel zu tun.

Ich wollte Sie wirklich nicht von Ihrer Arbeit abhalten.“

Mit so viel Höflichkeit und Rücksichtnahme hatte er bei Kathryn Carlisles Tochter absolut nicht gerechnet. Jetzt, wo sie sich ein wenig beruhigt hatte, klang ihre Stimme tiefer und ein wenig heiser. Unglaublich sexy, wie er fand.

„Keine Sorge. Eine ganze Armee von Sicherheitsleuten ist allein mit der Bewachung des Ligurischen Diamanten beschäftigt“, beschwichtigte er sie. Dann zeigte er auf das Schmuckkästchen, das sie in den Händen hielt und bat: „Darf ich mir das einmal anschauen? Jeder Mitarbeiter der Casa di Savoglia wird dazu ausgebildet, einen echten von einem nachgemachten Diamanten unterscheiden zu können.“ Das war nicht einmal gelogen.

Als sie ihm das Kästchen gab, streiften ihre Finger für einen kurzen Moment die seinen. Noch als er das Armband mit der Lupe untersuchte, spürte er an der Stelle, wo sie ihn berührt hatte, ein Prickeln auf der Haut.

Sekunden später sagte er seufzend: „Ich fürchte, Mr. Defore hatte recht. Dieses Armband ist nicht echt.“ Er gab ihr die Schatulle zurück und fügte hinzu: „Genau genommen, ist es nicht einmal eine besonders gute Nachbildung.“ Dann stand er auf und schaltete die Überwachungskamera und das Mikrofon ab. Ein Sicherheitsrisiko bestand schließlich nicht, und er wollte etwas mehr Privatsphäre. Als er sich wieder setzte, war aus ihrem Gesicht sämtliche Farbe gewichen.

„A…aber mein Vater …“, stammelte sie.

„Ihr Vater hat bei uns vor Jahren tatsächlich ein solches Armband gekauft. Ich habe im Computer nachgesehen. Damals kostete es bereits eine halbe Million Dollar. Heute wäre es vermutlich mehrere Millionen wert.“

Wenn allein das Armband so viel wert ist, hätte ich die Schulden also durch den Verkauf des Schmuckes bezahlen können! Mutlos sank Alex auf dem Stuhl zusammen. Dass ihre Mutter Geheimnisse vor ihr hatte, war eigentlich nichts Neues. Doch dieses Geheimnis traf sie besonders hart.

„Es tut mir wirklich leid, Signora.“

Ein kaum unterdrücktes Schluchzen entrang sich ihrer Kehle. Verzweifelt schlug sie die Hände vors Gesicht. Eine Geste, die ihn zutiefst berührte.

„Wissen Sie, ob es für die Schmuckstücke eine Versicherung gab?“

Fast eine Minute verstrich, ehe sie antworten konnte. Schließlich sah sie ihm in die Augen und erwiderte leise: „Der Anwalt wusste nichts von einer Versicherung.“

„Das muss ein ziemlicher Schlag für Sie sein.“

„Ein Schlag?“, rief Alex aufgelöst. „Sie machen sich gar keine Vorstellung, was das für mich bedeutet! Ich muss einfach einen Weg finden, ihre Schulden zu tilgen! Der Verkauf der Diamanten war meine letzte Rettung.“

„Kann Ihr Mann Ihnen nicht aushelfen?“

Sie senkte den Blick. „Nein, ich bin nicht verheiratet. Nach den sechs Ehen meiner Mutter ist mir daran die Lust vergangen.

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