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Eine Braut für Lord Sandiford

1. Kapitel

 

Oberst Lord St. John Sandiford hielt sich mit den Händen, die in Lederhandschuhen steckten, an dem Geländer auf der Windseite des Schiffes fest. Eine Bö drohte ihm den Tschako vom Kopf zu blasen, während er in den grauen Nebelschleier blickte. Als für einen Augenblick die Wetterwand aufriss, sah er in der Ferne die Küstenlinie von England. Der Eroberer, der Held – endlich aus dem Krieg nach Hause zurückgekehrt.

Als er den Mund in bitterer Ironie verzog, vernahm er ein lautes "Hallo", das wohl ihm galt. Er drehte sich um und entdeckte Leutnant Alexander Standish, der hinkend auf ihn zukam; bei dem starken Seegang tat er sich noch schwerer mit dem Gehen als sonst. Als das Schiff unter lautem Dröhnen in eine sich brechende Welle stieß, schien der Soldat sein mühsam erkämpftes Gleichgewicht zu verlieren. Sandiford sprang auf ihn zu und streckte ihm die Hände entgegen.

"Halten Sie sich fest, Alexander", schrie er gegen den Wind. Zu seiner Erleichterung zögerte der Leutnant keinen Moment, sondern nahm dankbar die Hilfe an. Gemeinsam stolperten sie zur Reling und klammerten sich daran.

"Danke, Oberst", keuchte der junge Mann, den die Anstrengung atemlos gemacht hatte. Sandiford betrachtete ihn aufmerksam und stellte beruhigt fest, dass der Glanz in den Augen des Leutnants diesmal von der Aufregung und nicht vom Fieber herrührte. "Sieht ganz so aus, als ob ich noch immer wackelig auf den Beinen wäre."

"Sie hätten bei diesem Sturm nicht an Deck kommen sollen." Sandiford milderte seinen Tadel mit einem Lächeln. "Ich möchte nicht, dass Sie eine Meile vor der Küste von Bord gespült werden, nachdem ich über Monate hinweg auf dem Schlachtfeld und im Lazarett Ihr Kindermädchen gespielt habe."

Der Leutnant erwiderte das Lächeln. "Ich vermute, dass es nicht sehr klug von mir war, aber … ich wollte unbedingt einen Blick auf die Heimat erhaschen. Ich muss zugeben, dass es mich überrascht, Sie hier oben zu sehen. Denn ich hatte angenommen, dass Sie bereits im Spanienfeldzug oft genug der Kälte und Nässe ausgesetzt gewesen waren. Sie müssen genauso gespannt sein wie ich."

Die Zurückhaltung, die der Oberst sich in den Monaten des diplomatischen Dienstes beim Duke of Wellington angewöhnt hatte, hielt ihn davor zurück, zu erklären, dass er dem Gerede unter Deck hatte entkommen wollen und deswegen nach oben gegangen war. Stattdessen sagte er: "Wenn Sie gespannt genug sind, es zu riskieren, den Fischen als Fraß zu dienen, muss wohl Lady Barbara selbst am Pier auf Sie warten."

Die eingefallenen Wangen des Soldaten erröteten. "Natürlich nicht, auch wenn es der wunderbarste Willkommensgruß wäre, den ich mir vorstellen kann. Ich … ich kann nur hoffen, dass sie noch immer in London wartet. Bevor ich in das Regiment eintrat, wurde nichts offiziell verkündet. Und jetzt …" Er holte tief Luft und schluckte. "Ihre Eltern wünschen sich vielleicht einen Mann für sie, der noch … noch gesund ist."

Wie oft sich doch die Dinge verändern, während die Soldaten draußen im Kampf sind und sterben. Dieser Gedanke ließ in Sandiford wieder einen Zorn aufsteigen, den er in den letzten drei Jahren nicht völlig hatte überwinden können. Erneut musste er die Antwort, die ihm auf der Zunge lag, unterdrücken. "Unsinn", erwiderte er. Freundlich klopfte er dem Leutnant auf die Schulter. "Ihre Familie könnte sich keinen besseren Mann für ihre Tochter wünschen als einen der unvergleichlichen Helden, die den Tyrannen Napoleon ein für alle Mal verjagt haben. Ein reicher Held noch dazu, wenn das Gerede über den Wohlstand Ihres Vaters zutrifft. Außerdem können Sie jedem erzählen, dass Ihr Pferd viel schlechter davongekommen ist. Das mussten wir schließlich erschießen."

Wie er gehofft hatte, musste der junge Mann lachen. "Trotz der Verletzung an meinem Bein kann ich Gott sei Dank noch immer reiten, wenn ich die Zügel mit meiner gesunden Hand halte. Ganz gleich, wie sich Lady Barbaras Vater entscheidet – ich habe mehr Glück als viele andere gehabt."

Einen Moment lang schwiegen die beiden und dachten daran, wie wenige – unvorstellbar wenige – ihrer Kameraden lebend dem Schlachtfeld von Waterloo entkommen waren.

"Wie steht es mit Ihnen, Oberst? Nach einem langen Jahr in der Fremde wartet doch sicher eine Dame ungeduldig auf Ihre Rückkehr."

Vor Sandifords innerem Auge erschien ein Gesicht, das er jedoch sofort erfolgreich verdrängte. "Ich bin schon viel länger fort gewesen", entgegnete er ausweichend.

"Sie sind also vor dem Rest der Truppe nach Brüssel gekommen?"

"Ich habe den Kontinent nie verlassen. Nach Toulouse wurde der Duke als Botschafter an den Bourbonenhof geschickt und brauchte einen Begleiter. Ich meldete mich freiwillig und blieb dann mit der Duchess und dem Botschaftspersonal in Paris, als Old Hookey zum Wiener Kongress fuhr."

Der Leutnant stieß einen Pfiff aus. "Das muss eine unangenehme Pflicht gewesen sein. Ich habe gehört, dass die Franzmänner sehr unfreundlich wurden, wenn man den Bourbonen Unterstützung zukommen ließ. Besonders unangenehm sollen sie aber den Engländern gegenüber gewesen sein, als Napoleon versuchte, wieder zurückzukehren."

"Madame de Staël und ein paar andere Exilanten, die wiedergekommen waren, boten uns eine amüsante Gesellschaft." Ein paar der hinreißenden Damen im Gefolge der Madame de Staël hatten ihn sogar dazu verführt, für eine Weile alles Vergangene zu vergessen.

Der Leutnant zog eine Augenbraue hoch und lächelte. "Ach so, deshalb sind Sie also länger geblieben. Aber von dem Charme französischer Damen einmal abgesehen – Sie sind doch ein Engländer und werden sich nach der Heimat sehnen."

"Nach jedem verschuldeten Morgen Land", erwiderte Sandiford trocken. Jeffers, sein Offiziersbursche, den er nach der Schlacht von Waterloo nach Hause vorausgeschickt hatte, schrieb ihm immer wieder, dass er seine Angelegenheiten in England dringend in Ordnung bringen müsste. Nachdem nun der Frieden sichergestellt und das Regiment nach Hause beordert worden war, konnte er dieser lästigen Pflicht nicht länger ausweichen. Eine Pflicht, die vielleicht eine Freude gewesen wäre, wenn er die Frau neben sich gewusst hätte, die er liebte. Sarah – der Name stieg wie ein Seufzer in ihm auf.

"So stehen die Dinge also? Das tut mir Leid." Der Leutnant schüttelte den Kopf. "Wenn Sie allerdings keine Liebste haben, die auf Sie wartet, können Sie sich zumindest eine reiche Braut suchen. Ich wage zu behaupten, dass viele Väter sich glücklich schätzen würden, wenn Sie ihrer Tochter den Hof machen würden." Der junge Mann musterte den Oberst von Kopf bis Fuß. "Ein gut aussehender Offizier von ansehnlichem Rang, der in dem besten aller Husarenregimenter, dem ruhmreichen Zehnten, gedient hat."

Die Vorstellung, wegen Geld zu heiraten, erschien Sandiford so fürchterlich, dass er die Zähne zusammenbiss. "Ich bezweifle, dass ein ausgedienter und verarmter alter Soldat, wie ich es bin, ein solch guter Fang sein soll, wie Sie es darstellen. Aber ich werde mein Möglichstes tun."

"Dann werde ich Sie sicher in der Ballsaison in London sehen. Es würde mich freuen. Falls Sie tatsächlich Schwierigkeiten haben sollten, eine Erbin zu finden …" Der Leutnant trat unruhig von einem Bein aufs andere; er musste das Blitzen in Sandifords Augen gesehen haben. "Zögern Sie nicht, meinen Vater anzusprechen. Er ist tatsächlich sehr wohlhabend, und ich schulde Ihnen mehr, als ich jemals …"

"Reden Sie keinen Unsinn! Das ist nicht der Erwähnung wert, auch wenn ich Ihr Angebot zu schätzen weiß. Ich hoffe jedoch, dass es nicht so weit kommen muss."

"Das nehme ich auch nicht an. Aber sehen Sie das? Dort drüben, wo der Nebel ein wenig aufgerissen ist?"

Sandiford drehte den Kopf in die Richtung, in die der Leutnant wies. Plötzlich sah er hohe weiße Klippen in der Ferne, die im Dunst gespenstisch schimmerten. Die Klippen von Dover.

Obgleich er sich innerlich dagegen wehrte, nahm ihn der Anblick seines Heimatlandes gefangen. In dem erstarrten Klumpen, der früher einmal sein Herz gewesen war, rührte sich ein winziger Funken Erregung.

Er kehrte also zu einem bankrotten Besitz und einer verschwenderischen Mutter zurück – zu den unausweichlichen Gegebenheiten, die ihn dazu zwingen würden, seinen Körper und seine gute Herkunft zu verschachern, um die Mitgift einer Braut zu erlangen, die er nicht wollte. Doch für einen Augenblick hatte ihn das Gefühl erfasst, unendlich viele Möglichkeiten vor sich zu haben. Er musste tatsächlich ein "verrückter Engländer" sein, wie es immer hieß.

 

Eine Woche später ritt Sandiford an einem kühlen Morgen mit seinem letzten übrig gebliebenen Pferd von der Kanzlei seines Advokaten in der Londoner City Richtung Westminster. Wie magisch angezogen, hielt er für einen Augenblick in der Nähe der berittenen Wache vor dem Hauptquartier der Armee an; mit seinem unauffälligen braunen Rock und der abgetragenen Reithose fiel er nicht weiter auf. Die Wachen trugen prachtvolle scharlachrote Uniformjacken mit goldenen Epauletten. Keiner der Männer, die einen Blick in seine Richtung warfen, hätte in dem schäbig gekleideten Mann – er hatte noch jene Kleidungsstücke an, in denen er bereits als Geheimagent aufgetreten war – einen Offizier des Zehnten Husarenregiments vermutet.

Einen ehemaligen Offizier, verbesserte Sandiford im Geiste. Ein leises Bedauern regte sich in ihm, wie es ihn auch am Tag zuvor erfüllt hatte, als er zum letzten Mal seinen blauen Waffenrock und den Offiziersmantel mit dem Pelzbesatz ausgezogen und endgültig weggesperrt hatte. Von nun an war er nicht mehr ein Angehöriger der Armee, wie er das für die letzten sechs Jahre gewesen war.

Dass ihm der Krieg gefehlt hätte, konnte er allerdings nicht behaupten.

Gedankenverloren ließ Sandiford sein Pferd gemächlich weitertrotten. Seine Vorstellungen vom glorreichen Heldentum waren schon vor langer Zeit in ihm dahingeschwunden, genau genommen an jenem Tag, als er den ersten Mann auf dem Schlachtfeld hatte sterben sehen. Während der letzten fünf Jahre war es ein besonders blutiges und grausames Geschäft gewesen. Die Kameradschaft allerdings, die zwischen den Männern entstanden war, die gemeinsam so viel Not und Gefahren durchstehen mussten, und das Gefühl, dass er eine schwierige Aufgabe gut gelöst hatte – all das würde er bestimmt vermissen.

Du sentimentaler Narr, dachte er verärgert. Den unerfreulichen Neuigkeiten nach zu urteilen, die ihm sein Advokat vor einer Stunde eröffnet hatte, war es das einzig Richtige, alles zu verkaufen; selbst die unbeträchtliche Summe, die er dadurch erhielte, würde ihm nützlich sein. Jeffers' lakonische Briefe hatten seine ausweglose finanzielle Situation keineswegs übertrieben ausgemalt. Die Dinge standen anscheinend sogar noch schlechter, als sein ehemaliger Offiziersbursche angenommen hatte.

Mit Ausnahme von Valiant, dem treuen Begleiter vieler harter Märsche, hatte Sandiford seine restlichen Pferde bereits den Angestellten von "Tattersall" für die nächste Versteigerung übergeben, auch wenn ihn das Herz dabei fast wie bei dem Verlust enger Freunde schmerzte. Auch Valiant konnte er nur behalten, wenn er sich an die strengen Richtlinien hielt, die ihm sein Advokat vorgeschlagen hatte.

Der letzte Rat, den ihm der Anwalt mit auf den Weg gegeben hatte, war nicht sehr überraschend gekommen: Er solle sich eine reiche Frau suchen. Mr. Walters hatte mit einem schmalen Lächeln sogar das gleiche Kompliment hinzugefügt, das Alexander bereits auf dem Schiff ausgesprochen hatte – dass es für einen Mann seines Standes keine Schwierigkeit darstellen sollte, eine geeignete Braut zu finden.

Der Advokat hatte sich die schäbige Kleidung seines Klienten angesehen und mit gequälter Miene erklärt, dass Seine Lordschaft für diesen Zweck eine kleine Summe aus dem verschuldeten Besitz abzweigen sollte, um sich für die kommende Saison angemessen einzukleiden.

Herausgeputzt wie ein Hahn, dachte Sandiford grimmig. Ihm wurde klar, dass er trotz all seiner Überlegungen erst jetzt wirklich verstand, was der Bankrott seines Besitztums bedeutete. Er musste eine reiche Erbin heiraten – und zwar rasch.

Daran hatte er während der letzten sechs Jahre – seit dem Tod seines Vaters – zwar gelegentlich gedacht, wenn ihm die katastrophale Verschuldung, die der verstorbene Lord Sandiford hinterlassen hatte, in den Sinn gekommen war. Doch jedes Mal hatte er angewidert gehofft, dass er eines Tages eine angenehmere Lösung für sein Problem finden würde.

Doch die Zeit für eine solche Alternative war verstrichen; das hatte ihm Mr. Walters gerade mit eisiger Klarheit dargelegt. Wenn Michael Peter Sandiford, der Viscount St. John nicht das verbliebene Land und die Besitztümer seiner Vorfahren versteigert sehen wollte, musste er sich überwinden und die unsäglichen gesellschaftlichen Veranstaltungen besuchen, die man so treffend als "Heiratsmarkt" bezeichnete. Dort hatte er sein Aussehen und seinen hohen Stand so schamlos wie eine Hure vor dem "Haymarket-Theater" feilzubieten.

Sandiford holte tief Luft und schluckte; ein bitterer Geschmack nach Galle hatte sich in seinem Mund angesammelt. Angesichts seiner Lage war es nur zu verständlich, dass er so unwillig nach England zurückgekehrt war.

Das reicht, schalt er sich in Gedanken. Es war an der Zeit, sich nicht mehr wie ein Jammerlappen zu benehmen, der zum ersten Mal die Kanonen hört, sondern dieses leidige Unternehmen entschlossen anzugehen.

Er könnte auf seinem Weg zurück zu seinen bescheidenen Mieträumen in der North Audley Street bei den Herrenschneidern am St. James Park vorbeischauen – oder sollte er vielleicht in den "Albany-Herrenclub" gehen, um dort Alexander zu besuchen? Sein junger Leutnant, der stets Geld in der Tasche hatte und sich bereits auf die Saison in London freute, könnte ihm zweifelsohne raten, welchen der Schneider er aufsuchen sollte, um seine Garderobe zu verbessern. Auch wenn Sandiford nicht sehr viel auf Kleidung gab, wusste er doch, dass er in den wenigen zivilen Kleidungsstücken, die er besaß, eher wie ein Reitknecht als ein Gentleman aussah.

Er verkörperte augenblicklich nicht gerade den richtigen Mann, den sich eine aufgeputzte, mit Juwelen behängte Dame als künftigen Gatten vorstellte. Schließlich musste er sich schon bald über parfümierte Hände beugen. Er lächelte sarkastisch, als er sich ausmalte, wie ein solches Geschöpf der Gesellschaft dreinblicken würde, wenn er sich mit seiner abgerissenen Kleidung bei ihr präsentieren müsste.

Inzwischen war er am Piccadilly angelangt. Er fühlte sich jedoch zu unausgeglichen, um die Gesellschaft eines Bekannten aufzusuchen. Vielleicht würde ihm ein rascher Galopp durch die frische Luft des Hyde Parks gut tun. Er lenkte also sein Pferd in Richtung Westen.

Doch anstatt den Piccadilly entlangzutraben, ritt er durch das Getümmel der Händler, die zum Shepherd's Market gingen. Er hielt sich nördlich, bis er die stillere Curzon Street erreichte. Als er sich dem hübschen Haus im georgianischen Stil näherte, das ein wenig von der Straße zurückgesetzt lag, brachte er sein Pferd zum Stehen. Sein Herz klopfte wie wild.

Es sind ohne Zweifel die verwirrenden Veränderungen der letzten Tage, die diese schwarze Stimmung, diese Melancholie ausgelöst haben, redete Sandiford sich ein. Er wollte diesem Gefühl noch einen Moment länger nachgeben und dann weiterreiten.

Gedankenverloren stieg er vom Pferd, schlang Valiants Zügel um einen Pfosten und ging langsam auf das still daliegende Haus zu.

Obgleich zu dieser frühen Stunde die meisten Aristokraten noch im Bett lagen, wusste er, dass Sarah irgendwo hinter diesen Mauern bereits tätig war. Sie war nicht mehr seine Sarah, das Mädchen aus der Nachbarschaft, mit dem er aufgewachsen war, und das ihn als seine Freundin und Vertraute zu Dutzenden von Kindheitsabenteuern angestiftet hatte. Das Mädchen, das sich von einem jungenhaften Wildfang in eine junge Dame verwandelt und ihm das Herz gestohlen hatte. Die Dame, die seit nunmehr drei Jahren und drei Monaten die Frau des Marquess of Englemere war.

Sein Herz schien sich bei dem Gedanken an seine frühere Liebste schmerzhaft zusammenzuziehen. Süße Sarah, meine einzig wahre Liebe.

Sandiford wusste, dass es ihr gut ging. Obgleich er die ersten beiden Briefe, die sie ihm geschrieben hatte, nachdem er seinem Regiment vor drei Jahren wieder beigetreten war, ungelesen vernichten wollte, war es ihm letztendlich doch nicht gelungen. Er hatte dem Bedürfnis nachgegeben, zumindest noch diesen dünnen Faden der Freundschaft mit Sarah zu bewahren. Jeder neue Brief von ihr, der ihm von den interessanten Ereignissen in London berichtete, war rasch zu einem Höhepunkt der zumeist trübsinnigen Routine seiner Tage geworden. Er hatte alle Briefe aufgehoben, einschließlich des letzten, den er vor gerade drei Wochen erhalten hatte. Sie lagen in einem Stapel in seinem Nachtkästchen in der North Audley Street – alle, bis auf einen.

Ein leises Geräusch an der Haustür rüttelte ihn aus seinen Gedanken auf. Er sollte lieber weiterreiten, ehe jemand kam und ihn wie einen Bettler vor ihrer Pforte stehen sah.

Bevor er jedoch auf sein grasendes Pferd steigen konnte, kam ein Reiter im wilden Galopp um die Ecke. Ein Hausierer sprang beiseite, und seine Töpfe fielen scheppernd auf den Bürgersteig. Mehrere Hausmädchen kreischten und ließen ihre Staubwedel fallen, während Sandiford rasch einen Schritt zurückwich, als der große schwarze Hengst schnaubend vor ihm stehen blieb.

Als er aufsah, bemerkte er den Damensattel. Sein Blick wanderte noch höher, und er sah ein weibliches Profil, dessen klassische Vollkommenheit zweifelsohne bei Männern sklavische Ergebenheit und bei weniger vom Schicksal begünstigten Frauen Neid auslöste. Lange Wimpern umrahmten die Augen der Schönheit, deren Blick sich auf das Pferd richtete, dem sie nun den Hals streichelte.

Angewidert verzog sich Sandifords Mund, als er die teuren Kleider der Reiterin bemerkte. Da er genügend Erfahrung mit den hohen Rechnungen seiner Mutter besaß, wusste er, über wie viel Geld die Dame auf dem Pferd verfügen musste. Ihr Reitkostüm, das von einem italienischen Schneider zu stammen schien, war aus feinster Wolle und kostete gewiss mindestens einen Sovereign pro Elle. Die Samthaube mit den Straußenfedern und die fein gearbeiteten Lederstiefel, die in den silbernen Steigbügeln steckten, mussten ebenfalls ein kleines Vermögen wert sein. Der Preis der goldenen Spitze, die nach der Art einer Uniformverzierung in das Jackenoberteil der Dame eingearbeitet war, hätte wohl eine ganze Schwadron für ein Jahr ernähren können.

Und erst der Hengst – Sandiford vermutete, dass dieses stolze Tier, das ungeduldig vor ihm hin und her tänzelte, mindestens seine fünfhundert Pfund wert war. Außerdem schien das Pferd für eine Dame ganz und gar unpassend zu sein, denn sie hatte es nicht einmal geschafft, das Tier im Zaum zu halten, als sie durch die Londoner Straßen ritt.

Hinter der Reiterin sammelte der Hausierer geduldig seine Pfannen ein. In Sandiford stieg plötzlich Zorn auf. Wie gedankenlos musste der Vater dieser Dame sein, ihr ein solches Pferd zu erwerben? Und dann das Mädchen selbst! Wie konnte diese verwöhnte, beschützte und frivole Kreatur es wagen, eine Uniform zu imitieren, die er selbst mit so viel Stolz getragen und mit so viel Bedauern abgelegt hatte! Wie konnte sie eine Jacke tragen, die an den blutigen Kampf so vieler Soldaten erinnerte? Er dachte an Uxbridge, der ein Bein, und an Alastair, der einen Arm verloren hatte.

Während dieses Mädchen zweifelsohne seine Vormittage schlafend in seinem Boudoir, seine Nachmittage vor dem Spiegel und seine Abende auf dem Tanzparkett verbracht hatte, waren viele tapfere Männer auf dem Schlachtfeld gestorben …

Wenn sein Verstand nicht vor Zorn umnebelt gewesen wäre, hätte er vielleicht die funkelnden smaragdgrünen Augen, die sich auf ihn richteten, und die Vollkommenheit der vollen, weichen Lippen bewundert, die sich öffneten, um zu sprechen.

"Helfen Sie mir bitte herunter, und führen Sie dann mein Pferd zu den Ställen."

Sandiford wurde in diesem Moment durch den Butler, der nun die Tür von Sarahs Haus öffnete, abgelenkt. Deshalb bemerkte er erst einen Augenblick später, dass die Schönheit ihn angesprochen hatte.

"Machen Sie das doch selbst, Miss", fuhr er sie an.

Noch immer zu aufgebracht, um klar denken zu können, drehte er sich auf dem Absatz um und ging davon. Er nahm Valiants Zügel vom Pfosten, schwang sich in den Sattel und trieb dann sein Pferd in Richtung des Parks.

 

Überrascht sah Clarissa Beaumont dem großen blonden Mann hinterher, der verschwand, ohne einen Blick zurückzuwerfen. War er ein Buchhalter, ein Bauer oder – ein Gentleman? Auf jeden Fall war er kein Diener, wie sie vermutet hatte. Auf Grund seiner schäbigen Kleidung und der Tatsache, dass er vor Sarahs Haus stand, wo gewöhnlich ein Stallknecht auf sie wartete, konnte man ihr den Irrtum wohl kaum zum Vorwurf machen.

Mit erfahrenem Auge hatte sie die Schönheit seines Pferdes und die Eleganz bemerkt, mit der er das Tier gelenkt hatte. Vielleicht war er also doch ein Gentleman? Dann war er aber der unhöflichste und am schlechtesten gekleidete Gentleman, dem sie jemals begegnet war.

Und der am wenigsten beeindruckte, folgerte sie mit einem trockenen und ironischen Lächeln. Ihre häufig bewunderte Schönheit hatte anscheinend nichts in ihm ausgelöst – weder Überraschung noch Ergebenheit, wie sie das nach vier Saisons als Ballkönigin gewohnt war.

Dennoch, ihr Interesse war geweckt. Falls er tatsächlich ein Gentleman war und sie ihn wieder treffen würde, könnte es mit ihm recht anregend werden.

Clarissa sah, dass Glendenning an der offenen Tür wartete. Hinter dem Butler erschien ein Stallknecht, der Diablos Zügel nahm und ihr vom Pferd half. Ehe sie sich dem Haus zuwandte, strich sie dem Hengst noch ein letztes Mal über das samtene Maul. "Gib meinem Prinzen bitte eine Ration Futter mehr, Stebbins. Ich hätte ihn beinahe einem Fremden überlassen."

Ein strenger Mund und das Aufblitzen blauer Augen war alles, was ihr von dem Gesicht des Mannes im Gedächtnis geblieben war. Clarissa lächelte amüsiert und stieg die Stufen zum Haus hinauf. Außerdem erinnerte sie sich noch an eine Narbe über seinem rechten Auge. Ein gut aussehender, geheimnisvoller Mann mit einer Narbe – eine abenteuerliche Figur, die aus einem der Romane von Mrs. Edgeworth hätte stammen können.

Clarissas Lachen wandelte sich in ein leises Seufzen. Ihr Leben musste wahrhaftig langweilig sein, wenn sie nun schon anfing, romantische Lektüre mit einem Fremden, den sie zufällig auf der Straße getroffen hatte, in Zusammenhang zu bringen. Zweifellos war der Mann irgendein armer Buchhalter mit einer Frau und einer Familie, den sie niemals wieder sehen würde. Sie schob sein Bild mit einem Gefühl des Bedauerns, das sie selbst überraschte, beiseite.

2. Kapitel

 

Lady Sarah Stanhope, die Marchioness of Englemere, erwartete sie im Salon, wie Glendenning Miss Beaumont mitteilte. Er öffnete ihr die Tür; doch bevor Clarissa ihre beste Freundin begrüßen konnte, flog schon ein Spielzeuggeschoss knapp an ihrem Kopf vorbei.

"Clarissa! Spiel mit mir Soldat!"

"Aubrey, du hättest sie beinahe getroffen!" rief seine Mutter. "Junge Herren, die eine Dame nicht angemessen begrüßen, werden in das Schulzimmer geschickt, um ihr Benehmen zu verbessern."

"Unsinn, so schnell trifft er mich nicht." Voller Zuneigung für den teuersten Menschen in dem sehr kleinen Kreis von Personen, die ihr nahe standen, kniete Clarissa sich nieder, um ihren Patensohn zu umarmen. "Ich freue mich auch, dich zu sehen, du Prachtexemplar", sagte sie und strich die schwarzen Locken des Jungen zurück, der sie aus ernsten grünen Augen, die beinahe genauso funkelten wie ihre eigenen, ansah. "Wir spielen, sobald ich Tee getrunken habe."

Lady Englemere schüttelte den Kopf. "Also wirklich, Clarissa. Wie kann ich ihn dazu bringen, sich zu benehmen, wenn du ihn so schamlos ermutigst?"

"Papperlapapp, Sarah. Er hat noch genug Zeit, um all die Regeln zu erlernen, die uns quälen. Lass ihn frei sein, solange er noch darf."

"Du bedauerst dein Benehmen genauso wenig wie er."

"Natürlich. So habe ich es bisher immer gehalten, oder nicht?" Ohne einen Gedanken an ihr neues Kleid zu verschwenden, setzte sie sich auf den Boden und zog ihren Patensohn auf den Schoß. "Also, General, wo ist mein Tee?"

"Pass auf dein Kleid auf", warnte Sarah. "Aubrey hat schon gefrühstückt, und seine Finger sind bestimmt noch klebrig."

"Unsinn! Was bedeuten schon ein paar Flecken unter Soldaten, nicht wahr, General?"

Lady Englemere schüttelte den Kopf. "Nun, die Flecken aus deinem Kleid zu bekommen wird das Problem deiner Zofe sein."

"Deshalb hat man ja auch einen Offiziersburschen", erklärte Clarissa lachend.

Der kleine Junge auf ihrem Schoß fuhr mit einem tatsächlich ziemlich schmutzigen Finger die goldenen Verzierungen nach, mit deren ihr Oberteil geschmückt war. Er lachte voll Begeisterung. "Clarissa Soldat! Schau, Mama! Tante Clarissa auch Soldat."

"Sehr gut. Ich habe dieses Kleid extra wegen dir machen lassen. Gefällt es dir? Also, welche Einheit?"

"Sar!"

"Jawohl, Husar. Wäre er nicht ein ausgezeichneter Offizier, Sarah? Wie schade, dass er nicht mehr in den Genuss kommt, dienen zu dürfen."

Sarah schüttelte sich. "Ich bin sehr froh, dass er noch zu jung dafür war."

"Oh, jetzt hätte ich es beinahe vergessen." Clarissa hob das Kind von ihrem Schoß. "Schau in meine Handtasche. Ich habe dir etwas mitgebracht."

"Soldaten!" sagte das Kind begeistert und öffnete rasch die Tasche, um ein paar uniformierte Figürchen herauszuholen.

"Clarissa, nicht noch mehr", stöhnte die Freundin. "Du hast ihm bereits ein halbes Schlachtfeld mitgebracht."

"Dann brauchen wir ja nur noch die andere Hälfte."

"Dich faszinieren Soldaten genauso wie Aubrey."

"Wieso auch nicht? Zumindest haben sie etwas Wichtiges und Bedeutsames vollbracht und sind herumgekommen." Sie nahm zwei der Figuren. "Siehst du, Aubrey, das sind Preußen. Dieser alte Mann ist General Blücher."

"Aubrey, trage die Figuren ins Kinderzimmer und stell sie bei den anderen auf. Dann bist du zum Spielen bereit, wenn Tante Clarissa ihren Tee getrunken hat."

"Ja, Mama." Der Junge stand auf. "Danke, Tante Clarissa." Er verbeugte sich mit ernstem Gesicht und hüpfte dann fröhlich zur Tür, die Zinnsoldaten an seine Brust gedrückt. "Komm bald", bat er und verschwand.

"Welch einen entzückenden Sohn du doch hast", sagte Clarissa voller Zuneigung.

"Die Tatsache, dass er ein fast ebenso großer Taugenichts wie seine Patentante ist, vergrößert zweifelsohne noch seinen Charme."

"Unsinn." Clarissa erhob sich vom Boden, strich den Rock glatt und setzte sich dann neben Sarah auf das Sofa. "Ich bin inzwischen langweilig und würdevoll geworden."

Lady Englemere unterdrückte ein Lachen. "Wie wahr! Hast du dich also entschlossen, Mountclare endlich ein wenig Ruhe zu gönnen und seinen Antrag anzunehmen? Es geht nun schon drei Monate so, und du hast nichts getan, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Englemere hat mir berichtet, dass man im Club auf ihn als den Gewinner setzt."

Clarissa schnitt ein Gesicht, während sie im Tee rührte. "Tut man das? Da ich es stets bevorzuge, die Zügel in der Hand zu halten, muss ich ihn wohl abweisen." Verärgerung und Unzufriedenheit zeigten sich in ihren Zügen. "Ach, ich weiß nicht! Er ist natürlich amüsant und sehr ergeben. Aber wie soll ich einen Mann heiraten, der gelbe Westen trägt?"

"War das nicht auch deine Begründung, um Wexley abzulehnen?"

"Wexley? Seine waren braunrot. Und außerdem hatte er im Gegensatz zu Mountclare, dessen Unterhaltung wenigstens manchmal ein Quäntchen Verstand zeigt, keinerlei tiefere Gedanken als die über den Schnitt seines Mantels."

"Aber irgendwann musst du heiraten. Du hast bereits die begehrtesten Junggesellen Londons abgewiesen. Viscount Albright und Lord Manton in dieser Saison und …"

"Bitte, Sarah." Clarissa winkte ungeduldig ab. "Müssen wir über so etwas Unerfreuliches wie Heiraten sprechen?" Sie lächelte ihre Freundin schelmisch an. "Stell dir nur vor, an einen so sittenstrengen Mann wie Englemere gefesselt zu sein. Bist du dir sicher, dass du das nie bereut hast?"

Sarah überging die ironische Bemerkung. "Mein Gatte ist ein hochintelligenter und sehr zuvorkommender Mann – wir beide werden in dieser Hinsicht nie miteinander übereinstimmen. Aber bist du dir sicher, dass du es nie bereut hast, ihn abgewiesen zu haben?"

"Keinen Augenblick. In dieser Hinsicht können wir uns einig sein."

"Es gibt außerdem noch andere Beweggründe für eine Ehe – jene, die mit einem warmen Bett in der Nacht zusammenhängen." Sarah sah sie besorgt an. "Du bist so voller Leidenschaft; es wäre jammerschade, wenn du dir das nicht eingestehen würdest."

Clarissa musste zugeben, dass ihr unerfülltes Verlangen nach Liebe bestimmt zu der beunruhigenden Sehnsucht beitrug, die sie in letzter Zeit immer öfter überfiel. "Man muss nicht die Fesseln der Ehe ertragen, um das genießen zu können", erwiderte sie halb im Scherz. "Männer tun es jedenfalls nicht."

Zu ihrer Enttäuschung war ihre Freundin keineswegs schockiert. "Das stimmt. Aber vergiss nicht, mein Schatz, dass die Frauen im Gegensatz zu den Männern die Folgen der Leidenschaft ausbaden müssen. Folgen, die du allerdings – dessen bin ich mir sicher – sehr genießen würdest. Mit deinem kindischen Charakter würdest du sicher eine gute Mutter abgeben."

"Ich glaube, das sollte gerade eine Beleidigung sein."

Sarah lachte. "Nein, eher ein Kompliment."

"Kinder sind ein großer Anreiz, das muss ich zugeben. Aber wenn man keinen Skandal heraufbeschwören will, bekommt man sie nur, wenn man einen hohen Preis dafür zahlt – die Ehe."

Sarah neigte den Kopf ein wenig zur Seite und betrachtete ihre Freundin. "Somit wären wir also wieder zum Ausgangspunkt zurückgekehrt. Zugegeben, du hast genug Vermögen, um nicht auf einen Mann angewiesen zu sein. Aber wenn du weiterhin darauf bestehst, nicht zu heiraten – was willst du dann mit dir anfangen? Du hast bereits im Haus deiner Mutter die Zügel an dich genommen und lenkst alles sehr geschickt; aber ich habe dennoch das Gefühl, dass du unzufrieden bist."

"Meine Mutter ist ein Einfaltspinsel, wenn auch ein sympathischer. Die Aufgaben, die du seit deiner Jugend meisterst, haben für mich zuerst eine gewisse Herausforderung bedeutet. Aber die habe ich nun bewältigt. Wenn die Ehe mich nicht für ewig binden würde, könnte ich vielleicht in Versuchung geraten. Bis jetzt muss ich allerdings noch den Gentleman kennen lernen, der mich nicht bereits nach zwei Wochen zu Tode langweilt. Wenn mir noch einmal jemand ein Loblied auf meine Augen, meine Lippen oder mein tizianrotes Haar singt, werde ich schreiend aus dem Zimmer laufen."

Clarissa sprang auf. "Je besser ich die Herren kennen lerne, desto weniger halte ich von ihnen", erklärte sie und ging zum Fenster. "Wenn ich mich freundlich und damenhaft geben würde, könnte ich noch verstehen, warum sie sich mir vor die Füße werfen", sagte sie verächtlich. "Aber ihre Aufmerksamkeit ärgert mich, und ich verliere meine Geduld, bin überheblich und hochmütig. Trotzdem geben sie sich die größte Mühe, mir jeden Wunsch zu erfüllen."

Als Sarah als Antwort nur die Augenbrauen hochzog, musste Clarissa lachen. "Du hältst mich für undankbar, und du hast natürlich Recht. Ach, ich gebe zu, dass es anfangs schmeichelhaft und aufregend war, aber seit längerem hege ich die starke Vermutung, dass die meisten Männer ebenso hohlköpfig wie ihre Mütter sind. Wie kann man nur so sehr auf Augen oder Lippen oder auf die weibliche Figur achten! Ich wage zu behaupten, dass kein Einziger von ihnen auch nur einmal auf den Menschen hinter der makellos weißen Haut und den grünen Augen geblickt hat. Und was noch schrecklicher ist: Ich glaube, dieser Mensch ist ihnen auch ganz gleichgültig."

Der verzweifelte Tonfall in ihrer Stimme musste mehr verraten haben, als es ihre Absicht gewesen war; denn Sarah trat zu ihr und schloss sie in die Arme. "Ich halte diese Frau hinter der Maske für einen reinen und starken Menschen, dessen Charakter noch beeindruckender ist als sein Gesicht."

Ganz unerwartet stiegen Clarissa Tränen in die Augen. "Dieses Kompliment von dir berührt mich sehr. Du bist der einzige Mensch, der je versucht hat, mich zu bändigen. Außer diesem Mann", fügte sie hinzu und sah mit einer Grimasse zu dem Porträt von Lord Englemere hin, das über dem Kamin hing. "Ich gebe zu, dass ich mich deshalb gebessert habe, auch wenn ich in solchen Momenten deinen Widerspruch nicht gut ertragen kann."

"Immerhin habe ich es bisher überlebt."

"Bloß, weil ich manchmal daneben treffe." Erinnerungen an so manche Vase, die bei Auseinandersetzungen durch das Zimmer geflogen war, ließ die beiden Frauen auflachen.

Clarissa löste sich von ihrer Freundin und ging zur Tür. "Ich bin trotzdem zutiefst gelangweilt. Das Leben muss doch noch mehr für mich bereithalten als diese endlose Reihe von schrecklichen Bällen und noch schrecklicheren Leuten. Ich schwöre, dass ich etwas Skandalöses anstellen werde, wenn nicht bald etwas Aufregendes geschieht."

Plötzlich tauchte das Bild der finsteren blauen Augen und des verächtlich verzogenen Mundes vor ihr auf. "Wie zum Beispiel mit einem verheirateten Buchhalter durchbrennen …"

Sarah lachte laut. "Du würdest ihn innerhalb einer Woche in den Wahnsinn treiben."

"Wahrscheinlich", gab Clarissa zu. "Aber jetzt muss ich endlich Soldat spielen gehen."

Sarahs Gesicht wurde ernst. "Du bist so lieb zu Aubrey. Glaubst du nicht, dass eine Ehe trotz allem den Preis wert ist, wenn man einen solchen Sohn dabei gewinnt?"

Eine bittersüße Sehnsucht durchflutete Clarissa. Ach, ein eigenes Kind zu haben, mit dem sie spielen, das sie verwöhnen und mit der ganzen Leidenschaft lieben konnte, die in ihr brannte und die noch kein Ziel gefunden hatte – was wäre das für ein Glück!

Sie lächelte Sarah ein letztes Mal unter der Tür an. "Bis ich einen Mann entdeckt habe, der auch nur halb so viel wert ist wie dein Sohn, bin ich damit zufrieden, mir von Zeit zu Zeit Aubrey auszuleihen."

 

Früh am selben Abend stand Lord Sandiford in seinem gemieteten Salon und nippte an einem Glas Wein. Sein Offiziersbursche Jeffers, der von Schloss Sandiford, dem Gutsbesitz der Familie, zurückgekehrt war, packte gerade die Schachteln aus, die nach den Nachmittagseinkäufen geliefert worden waren. Anscheinend hatten die Kaufleute noch nichts von der prekären finanziellen Lage erfahren, in der Sandiford steckte, obwohl er sich geweigert hatte, all die Kleidungsstücke zu kaufen, die die übereifrigen Verkäufer ihm hatten aufdrängen wollen.

Vielleicht war es auch Alexanders fröhliche Art gewesen, die sie zu ihrer Höflichkeit veranlasst hatte. Die Inhaber der Geschäfte, in die ihn der junge Offizier begleitet hatte, mussten ihn für einen ebenso reichen Mann wie seinen wohlhabenden Freund, Lord Alexander Standish, gehalten haben. Als er nun an die Höhe der Rechnungen dachte, die inzwischen in seiner Schreibtischschublade lagen, lachte er verächtlich. Wenn die Verkäufer geahnt hätten, welch zweifelhafter Kunde er tatsächlich war!

Jeffers, der gerade eine weiße, mit Brokat verzierte Weste in der Hand hielt, blickte zu seinem Herrn. "Ach, Oberst. Wie anders dieser Stoff doch als der Rock der Zehnten ist!"

"Bitte nicht mehr Oberst, Jeffers. Und ich nehme an, dass wir beide uns an Schwarz, Gelbbraun und Grün gewöhnen müssen."

"Ich vermute, dass ich mir einprägen kann, Sie Mylord zu nennen, Sir. Aber für mich werden Sie immer der Oberst sein. Sie sind durch und durch Soldat. Westen mögen vielleicht Ihr Aussehen ändern, aber Sie werden niemals wie einer dieser nichtsnutzigen Dandys aussehen. Gott sei Dank, wenn ich das sagen darf."

Sandiford dachte an die teuer ausstaffierten Menschen, die er bei seinem Ausflug zur Bond Street gesehen hatte, und es schüttelte ihn. "Ich hoffe es auch nicht. Aber wir haben nun einen ganz anderen Kampf auszufechten. Walters gesteht mir zwei, höchstens drei Monate zu, um eine reiche Erbin und deren Mitgift zu gewinnen."

Jeffers legte das zusammengefaltete Kleidungsstück in den Garderobenschrank und drehte sich seufzend zu seinem Herrn um. "Es ist für meinen Geschmack entwürdigend, sich von dem Geld einer Frau abhängig machen zu müssen. Aber Sie sind der beste Offizier, dem ich jemals gedient habe. Falls es einen Mann geben sollte, der unter all den Federn und Spitzen eine Frau entdecken kann, die es wert ist, dann sind Sie das."

Sandiford lachte missbilligend. "Ich bin in dieser Sache nicht derjenige, der die Wahl hat. Ich muss eine Frau finden, die mich haben will. Hinter meinem Titel versteckt sich schließlich nur ein leerer Geldbeutel."

Der Bursche seufzte. "Ich weiß zwar nicht, wie eine Frau denkt. Wenn aber so eine Person nicht erkennen kann, dass Sie ein ganzes Heer von diesen Nichtsnutzen aufwiegen, die man auf den Londoner Straßen sieht, dann ist sie eine Närrin."

"Sie sollte mein Angebot wohl als ein Zeichen der Ehrerbietung sehen", scherzte Sandiford voll Bitterkeit.

Jeffers straffte sich, als ob er an einer Parade teilnehmen würde, und starrte fast beleidigt zu seinem Herrn. "Ein Oberst der Zehnten Husaren, Veteran von Vimeiro und Sahagun, Corunna und Vittoria und …" Er hielt inne, als Sandiford ungeduldig abwinkte.

"Wir werden sehen. Wenn du mit den Schachteln fertig bist, geh zu Mrs. Webster in die Küche. Sie hält ein Essen für dich bereit. Wir haben beide genug kaltes Hammelfleisch gegessen und sollten endlich wieder einmal eine warme Mahlzeit genießen."

"Zu Befehl, Oberst." Bevor er Jeffers tadeln konnte, salutierte der mit einem leichten Lächeln und ging aus dem Zimmer.

Kopfschüttelnd nahm Sandiford einen weiteren Schluck Wein und setzte sich in den Ohrensessel. Federn und Spitzen, so hatte Jeffers die Damen beschrieben, aus deren Reihen er eine Braut finden musste. Ein alter Soldat wie er, der in der Eiseskälte auf hartem Boden geschlafen hatte, der sich glücklich geschätzt hatte, trockenes Brot und ein halb gegartes Huhn zu verspeisen, würde wohl kaum mit einer überdrehten Dame Gemeinsamkeiten finden. Zudem würde eine solche Frau, die einer Gesellschaft angehörte, in der es mehr um Wohlstand als um Charakter ging, kaum einen Mann anziehend finden, der ihre Welt aus ganzem Herzen hasste.

Eine Welt, deren Hauptbeschäftigung das Glücksspiel war, das seinen Vater ruiniert und ihn selbst bettelarm gemacht hatte.

Vor seinem inneren Auge tauchte die kostspielig gekleidete Dame auf, die er heute Morgen vor Sarahs Haus angetroffen hatte. Wieder verzog sich sein Mund zu einem spöttischen Lächeln.

Zweifellos war sie eine Schönheit, so wie seine Mutter eine gewesen war, die Sarah stets als zu reizlos für ihren einzigen Sohn dargestellt hatte. Gewiss war diese Dame ein hochnäsiges Geschöpf, das es gewöhnt war, ein ganzes Heer von Reitknechten, Butlern, Lakaien und Kammerzofen zu kommandieren. Wenn sie heiratete, würde sie ihr Porzellangesicht und ihren makellosen Körper einem nachgiebigen Gatten verkaufen; ihre einzige Aufgabe wäre es dann, seine Kinder zu bekommen und vielleicht das Regiment über seinen Haushalt zu führen. Man würde nur auf den Festen der Gesellschaft Gemeinsamkeit demonstrieren, über Belanglosigkeiten plaudern oder die jüngsten Einkäufe besprechen. Sie würde verächtlich auf jene herabblicken, die weniger Geld hatten oder von niedriger Geburt wie Jeffers waren, der nach sechs Jahren des Militärdienstes für Sandiford mehr ein Freund als ein Diener geworden war.

Sollte der Preis für die Rettung seines Besitzes ein Leben in solchem Trübsinn sein?

Nein, beschloss er und füllte erneut sein Weinglas. Er konnte es vielleicht ertragen, eine Frau zu heiraten, die er nicht liebte, aber er müsste sie zumindest respektieren können. Wenn eine solche Frau tatsächlich, wie Jeffers vermutete, in der Aristokratie kaum zu finden war, musste er sie eben woanders suchen.

Vielleicht unter den Bürgern? Ihm fiel ein, dass zwei seiner Männer, Oberfeldwebel Trapper und Leutnant Fitzwilliams, die beide von Bauern abstammten, ihre Frauen nach Spanien mitgebracht hatten. Mutigere und anziehendere Personen als diese beiden hatte Sandiford niemals zuvor getroffen. Warum konnte er nicht auch eine solche Frau zur Gattin nehmen?

Natürlich würde die Tochter eines einfachen Advokaten nicht genügen. Aber vielleicht konnte er unter den Kaufleuten einen reichen Mann finden, der seine Tochter durch eine Ehe mit einem Aristokraten gesellschaftlich besser stellen wollte. Ein Mann, der wie er Jahre damit verbracht hatte, hart zu kämpfen und schließlich durch eigenes Geschick zu Wohlstand und Einfluss gelangt war. Die Tochter eines solchen Mannes würde doch sicher den Charakter ihres Gatten höher schätzen als sein Geld. Sie würde nicht so hochmütig wie eine adelige Schönheit sein, die nichts anderes im Sinn hatte als Müßiggang und Verschwendung. Vielleicht wäre eine solche Frau nicht zu stolz oder zu eitel, um selbst bei der Wiederherstellung des großen und uralten Besitzes ihres Gatten mit Hand anzulegen.

Gott im Himmel – eine solche Braut wollte Sandiford sich suchen. Und keine andere!

Zum ersten Mal seit seiner Ankunft im Hafen von Dover stieg seine Laune, und er hob das Glas. "Auf eine kluge Braut aus dem Bürgertum", sagte er und trank den restlichen Wein mit einem Schluck aus.

In diesem Moment klopfte es an der Tür. Vermutlich war Alexander gekommen, um ihn in seinem Club vorzustellen. Sandiford war zuvor nie lange genug in London gewesen, um selbst einer solchen Vereinigung beizutreten.

"Kommen Sie herein, Alexander", rief er. "Möchten Sie auch ein Glas Wein?"

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er zu der Kommode, auf der eine Karaffe und ein paar Gläser standen, und sah erst auf, als sein Gast eingetreten war. Vor Überraschung stockte ihm der Atem. Sein Lächeln verschwand, und er wusste nicht, was er sagen sollte.

Auf der Schwelle stand Nicholas Stanhope, der Marquess of Englemere. Sarahs Mann.

Schließlich fing Sandiford sich wieder. "Englemere, das ist aber eine unerwartete …" Das Wort Freude brachte er nicht über die Lippen. "Bitte, kommen Sie herein. Ich habe noch nicht alles hierher bringen lassen, aber ich kann Ihnen zumindest ein Glas Wein anbieten." Er deutete auf einen Stuhl.

"Danke." Englemere setzte sich und nahm das dargebotene Glas entgegen. "Ich erfuhr durch einen Bekannten, dass das Zehnte wieder zurück ist. Und dann sah Glendenning Sie heute Morgen auf der Straße, und deshalb wusste ich, dass Sie hier sind."

"Er muss ein scharfes Auge haben. Und mit der Hilfe dieses Mannes haben Sie auch meine Adresse erfahren?" fragte Sandiford, der über Englemeres raschen Besuch verblüfft war. "Ich muss sagen, dass Sie ausgezeichnete Arbeit geleistet haben."

"Nun, Sie haben mir selbst einmal erklärt, dass es wichtig ist, stets über alles informiert zu sein. Wie ich sehe, haben Sie den Dienst quittiert. Darf man gratulieren?"

Sandiford lächelte ironisch. "Ich weiß es nicht. Noch ist alles zu frisch."

Der Marquess nahm einen weiteren Schluck, und Sandiford wusste, dass sie beide an einen ähnlichen Besuch in einem anderen Zimmer vor über drei Jahren dachten. "Freundlich von Ihnen, dass Sie mich so rasch willkommen heißen. Aber ich vermute, dass Sie noch etwas anderes zu mir führt."

Sein Gast lächelte. "Sie zeigen sich wie immer als ein Mann, der sofort zum Kern der Sache kommt. Vielleicht erinnern Sie sich noch daran, was Sie mir bei unserem letzten Gespräch unter vier Augen mitteilten. Sie meinten, dass Sie sich nach dem Verschwinden von Bonaparte um das 'Anstehende' kümmern wollten."

Da das "Anstehende", über das sie gesprochen hatten, sich auf Sandifords geplante Flucht mit Englemeres Frau bezog, wusste er genau, was der Marquess nun von ihm wollte.

Als Sarah ihm von ihrer heiklen Lage geschrieben hatte, bemühte sich Sandiford, Spanien zu verlassen. Er wollte Sarah vor der Vernunftehe retten, in die sie die verzweifelte finanzielle Situation ihrer Familie zwingen wollte. Doch zu seinem Entsetzen war er zu spät gekommen. Der Schmerz darüber hatte ihn seitdem nie mehr verlassen.

Die Angelegenheit lag jetzt aber nicht mehr in seiner Hand. Er musste Englemere mitteilen, dass er vorhatte, eine reiche Erbin zu heiraten, um so seiner Pflicht nachzukommen, den Familienbesitz zu retten. Doch obgleich er hatte feststellen müssen, dass Sarah den Mann inzwischen liebte, den ihr das Schicksal an die Seite gestellt hatte, brachte er es doch nicht über sich, Englemere zu versichern, dass er nicht länger Absichten auf seine Frau hegte. Er konnte noch immer nicht die letzte Verbindung zu jenen Tagen durchtrennen, da ihm allein ihre Zuneigung gehört hatte.

Er nahm einen großen Schluck Wein, ehe er sagte: "Sie haben wohl nichts vergessen."

"Ich kann Ihnen versichern", erwiderte Englemere, dessen Lächeln von seinen Lippen verschwand, "dass sich mir jedes Wort in mein Gedächtnis eingebrannt hat."

"In das meine ebenso."

"Deshalb werden Sie auch verstehen, wenn ich Sie noch einmal frage, welche Absichten Sie in Hinblick auf meine Frau hegen. Es geht ihr übrigens gut, wie Sie wahrscheinlich wissen."

"Ja, ich habe ihren letzten Brief vor ein paar Wochen erhalten", antwortete Sandiford gehässig.

"Ich hielt es für das Beste, diese Korrespondenz zu erlauben. Schließlich sind Sie ihr ältester Freund."

"Glauben Sie, dass sie mir nicht geschrieben hätte, wenn Sie es nicht erlaubt hätten?"

"Ja, das nehme ich an. Sie hat ein klares Verständnis von Pflicht, wie Sie wissen. Aber es hätte sie traurig gestimmt, jeglichen Kontakt zu Ihnen abzubrechen, und das wollte ich nicht. Ich kann Ihnen mit Bestimmtheit sagen, dass mir das Wohlergehen meiner Frau sehr am Herzen liegt."

"Wie schön."

"Und deshalb hielt ich es auch für das Klügste, Sie aufzusuchen, ehe Sarah erfährt, dass Sie wieder im Lande sind. Um mich über Ihre Pläne zu erkundigen."

Erneut erhielt Sandiford die Möglichkeit, seine Lage zu erklären, und wieder nahm er sie nicht wahr. "Das hängt von Sarah ab."

Der Marquess blickte ihn aus kalten grünen Augen an. "Sie haben einmal behauptet, sie zu lieben und sie glücklich wissen zu wollen."

"Ich habe sie immer geliebt."

Englemeres Miene wurde sichtbar weicher. "Sie ist ein unvergleichlicher Schatz. Ich muss zugeben, dass ich Ihre Gefühle heute besser als vor drei Jahren verstehe. Sarahs Liebe gewonnen zu haben und dann gezwungen zu sein, sie aufzugeben, erscheint mir ein beinahe unmögliches Unterfangen zu sein. Aber die Umstände haben es so verlangt, und wir müssen das, was war, hinter uns lassen. Sie ist glücklich, Sandiford. Und ich werde alles dafür geben, dass sie das bleibt, ohne … ohne Störungen, die sie verwirren könnten. Sie befindet sich wieder in einem delikaten Zustand."

Die schon lange in Sandiford kochende Wut meldete sich wieder, so dass er nicht antworten konnte. Wut über zwei eigennützige Väter und eine selbstsüchtige Mutter, deren Drängen, seine Pflicht zu tun und eine reiche Erbin zu heiraten, ihn in die Armee hatte flüchten lassen, so dass er zu weit weg gewesen war, um Sarahs Heirat mit einem anderen Mann vereiteln zu können. Wut über Englemeres halb mitleidigen Blick, der ihm zeigte, dass sie nun ihn liebte; und schließlich Wut über die Vorstellung, dass ein anderer Mann – dieser Mann – sie berühren, sie lieben durfte.

Englemere besaß mit Sarah und ihren Kindern nun alles, was Sandiford sich immer erträumt hatte. Er ballte die Hände zu Fäusten und holte tief Luft, um das kaum zu bändigende Bedürfnis zu unterdrücken, seinen Besucher ins Gesicht zu schlagen.

Aus der Stimme des Marquess klang weniger Triumph als vielmehr Mitgefühl. "Sie können gerne versuchen, mir eine Ohrfeige zu verpassen; aber ich glaube kaum, dass es Ihnen gelingen wird. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich wohl ebenso empfinden."

"Sie lieben sie, nicht wahr?" vermochte Sandiford gerade noch herauszupressen.

"Ja, das tue ich. Und da mir Ihre Reaktion zeigt, dass sie Ihnen auch noch etwas bedeutet, möchte ich Sie einladen, uns zu besuchen. Sehen Sie selbst, dass Sarah in Ehren gehalten wird und zufrieden ist. Wenn Ihnen wirklich nur an ihrem Glück gelegen ist, dann wird sich mit einem Besuch alles klären lassen. Außerdem würde es sie freuen, wenn wir einen freundschaftlichen Umgang miteinander pflegen könnten."

Sandiford ließ ein leises Stöhnen vernehmen, und Englemere nickte. "Es ist vielleicht etwas viel verlangt. Aber wie ich von Sarah und anderen gehört habe, sind Sie ein Ehrenmann. Deshalb habe ich Sie heute aufgesucht und diese Einladung ausgesprochen." Wieder sah er den Oberst mit tödlichem Ernst an. "Ich schwöre Ihnen jedoch, dass ich das verteidigen werde, was mir gehört – ganz gleich, zu welchen Entschlüssen Sie kommen."

Als ein Mann der Ehre hätte Sandiford nun Englemere das geben sollen, was er verlangte – die Billigung ihrer Ehe und den ausdrücklichen Verzicht auf Sarah. Doch er brachte die Worte nicht über die Lippen.

Englemere trank sein Glas leer und stellte es auf das Seitentischchen. "Ich danke Ihnen für den Wein. Sarah empfängt gewöhnlich am Nachmittag. Sie wird bald erfahren, dass die Zehnten zurückgekehrt sind. Ich erwarte also, Sie umgehend bei uns zu sehen."

Sandiford erhob sich, als sein Besucher aufstand, und ging mit ihm zur Tür.

Der Marquess streckte ihm die Hand entgegen, die er unwillig nahm. "Willkommen zurück in England, Oberst."

Obgleich er versucht hatte, Haltung zu wahren, stand Sandiford doch mit zitternden Händen neben der Tür, nachdem Englemere gegangen war. Er hatte zwar die Tatsache, dass Sarah verheiratet war, inzwischen akzeptiert, aber noch lange nicht die Vorstellung, dass sie das Kind eines anderen Mannes trug. Er konnte noch immer nicht begreifen, dass sich dasselbe Mädchen, das sich ihm vor vielen Jahren in der Nacht vor seiner Abreise in die Arme geworfen, sein Gesicht mit Küssen bedeckt und ihm ewige Liebe und Treue geschworen hatte, nun Englemere zugewandt hatte.

Doch sie war dazu gezwungen worden. Und er sollte eigentlich dem Himmel danken, dass der Mann, der damals gerade zur Verfügung gestanden hatte, ein so vornehmer, anständiger Mensch wie Englemere gewesen war.

Sandiford ging zu der Kommode und goss sich mit zitternden Händen noch ein Glas Wein ein. Dann trat er ans Fenster und blickte in den grauen Londoner Himmel.

Sechs Jahre.

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