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Eine Billion Dollar

Über den Autor

Andreas Eschbach, 1959 in Ulm geboren, studierte Luft- und Raumfahrttechnik und arbeitete zunächst als Softwareentwickler. Als Stipendiat der Arno-Schmidt-Stiftung »für schriftstellerisch hochbegabten Nachwuchs« schrieb er seinen ersten Roman DIE HAARTEPPICHKNÜPFER. Bekannt wurde er durch den Thriller DAS JESUS-VIDEO. Mit EINE BILLION DOLLAR (2001) stieg er endgültig in die Riege der deutschen Top-Autoren auf. Es folgten u.a. Bestseller wie AUSGEBRANNT (2007), HERR ALLER DINGE (2010) und TODESENGEL (2013). Andreas Eschbach lebt heute als freier Schriftsteller in der Bretagne.

Weitere Infos zum Autor unter www.andreaseschbach.com

BASTEI ENTERTAINMENT

Demokratie ist die schlechteste Regierungsform –
mit Ausnahme aller anderen,
die wir bis jetzt ausprobiert haben.

Winston Churchill

PROLOG

ENDLICH ÖFFNETEN SICH zwei Türflügel vor ihnen, und sie betraten einen von geradezu überirdischem Licht erfüllten Raum. Ein großer, ovaler Tisch aus dunklem Holz beherrschte seine Mitte, davor standen zwei Männer und sahen ihnen erwartungsvoll entgegen.

»Mister Fontanelli, ich darf Ihnen meine Partner vorstellen«, meinte der junge Anwalt, nachdem er die Türen hinter ihnen geschlossen hatte. »Zunächst meinen Vater, Gregorio Vacchi.«

John schüttelte die Hand eines streng dreinblickenden, etwa fünfundfünfzigjährigen Mannes, der einen grauen, einreihigen Anzug trug und eine Brille mit schmalem Goldrand und der mit seinem dünn werdenden Haar etwas von einem Buchhalter an sich hatte. Man konnte ihn sich als Anwalt für Steuerfragen vorstellen, vor den Schranken eines Verwaltungsgerichts mit dünnlippigem Mund trockene Paragrafen aus dem Handelsrecht zitierend. Sein Händedruck fühlte sich kühl an, geschäftsmäßig, und er murmelte etwas von »erfreut, Sie kennen zu lernen«, wobei man nicht den Eindruck hatte, dass er wusste, was das hieß: sich zu freuen.

Der andere Mann war wohl noch etwas älter, wirkte aber mit seinem vollen, lockigen Haar und seinen buschigen Augenbrauen, die seinem Gesichtsausdruck etwas Düsteres verliehen, wesentlich vitaler. Er trug einen Zweireiher, dunkelblau, mit einer streng konventionellen Klubkrawatte und einem formvollendet gesteckten Kavalierstuch. Ihn konnte man sich vorstellen, wie er, ein Glas Champagner in der Hand, in einer Edelkneipe den Sieg in einem aufsehenerregenden Mordprozess feierte und zu vorgerückter Stunde Kellnerinnen lachend in den Hintern zwickte. Sein Händedruck war fest, und er sah John fast unangenehm tief in die Augen, als er sich mit dunkler Stimme vorstellte: »Alberto Vacchi. Ich bin Eduardos Onkel.«

Erst jetzt bemerkte John, dass in einem ausladenden Ohrensessel vor einem der Fenster noch jemand saß – ein alter Mann, der die Augen geschlossen hielt, aber nicht so wirkte, als schlafe er wirklich. Eher, als sei er zu erschöpft, um sich allen Sinnen aussetzen zu können. Sein faltiger Hals ragte mager aus dem weichen Kragen eines Hemdes, über dem er eine graue Strickweste trug. Auf dem Schoß hatte er ein kleines Samtkissen liegen, auf dem wiederum seine gefalteten Hände ruhten.

»Der Padrone«, sagte Eduardo Vacchi leise, der Johns Blick bemerkt hatte. »Mein Großvater. Wie Sie sehen, sind wir ein Familienunternehmen.«

John nickte nur, wusste nicht, was er sagen sollte. Er ließ sich zu einem Stuhl dirigieren, der einsam an der einen Breitseite des Konferenztisches stand, und folgte der Einladung einer Hand, sich zu setzen. Auf der gegenüberliegenden Tischseite standen vier Stühle nebeneinander, die Lehnen ordentlich an die Tischkante gerückt, und auf den Plätzen vor diesen Lehnen lagen dünne Aktenmappen aus schwarzem Leder, in das ein Wappen geprägt war.

»Wollen Sie etwas trinken?«, wurde er gefragt. »Kaffee? Mineralwasser?«

»Kaffee, bitte«, hörte John sich sagen. In seinem Brustkorb rührte sich wieder jenes flatternde Gefühl, das aufgetaucht war, als er die Halle des Waldorf-Astoria-Hotels betreten hatte.

Eduardo verteilte Kaffeetassen, die auf einem kleinen fahrbaren Beistelltisch ordentlich aufgestellt bereitstanden, stellte Sahnekännchen und Zuckerstreuer aus getriebenem Silber dazu, schenkte überall ein und stellte die Kanne neben Johns Tasse ab. Die drei Vacchis nahmen Platz, Eduardo auf der Seite, die von John aus gesehen rechts lag, Gregorio, der Vater, neben ihm, und Alberto, der Onkel, wiederum neben diesem. Der vierte Platz, ganz links, blieb leer.

Ein allgemeines Sahneeingießen, Zuckerstreuen und Kaffeeumrühren setzte ein. John starrte auf die wunderbare, mahagonirote Maserung der Tischplatte. Das musste Wurzelholz sein. Während er seinen Kaffee umrührte, mit einem schweren, silbernen Kaffeelöffel, versuchte er, sich unauffällig umzusehen.

Durch die Fenster hinter den drei Anwälten ging der Blick weit hinaus über ein helles, flirrendes New York, in dessen Schluchten das Sonnenlicht tanzte, und auf einen East River, der in tiefem, hellgesprenkeltem Blau glänzte. Rechts und links der Fenster fielen duftige, lachsfarbene Vorhänge herab, die einen vollendeten Kontrast zu dem schweren, makellos dunkelroten Teppichboden und den schneeweißen Wänden bildeten. Unglaublich. John nippte an seinem Kaffee, der stark und aromatisch schmeckte, eher wie der Espresso, den ihm seine Mutter manchmal machte.

Eduardo Vacchi öffnete die Mappe, die vor ihm lag, und das verhaltene Geräusch, das das Leder des Einbands auf der Tischplatte machte, klang wie ein Signal. John stellte seine Tasse zurück und holte noch einmal Luft. Es ging los.

»Mister Fontanelli«, begann der junge Anwalt und beugte sich dabei leicht vor, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, die Hände gefaltet. Sein Tonfall war jetzt nicht mehr verbindlich, sondern sozusagen amtlich. »Ich hatte Sie gebeten, einen Identitätsnachweis zu diesem Gespräch mitzubringen – Führerschein, Reisepass oder dergleichen –, nur der Form halber, versteht sich.«

John nickte. »Mein Führerschein. Moment.« Er griff hastig in seine Gesäßtasche, erschrak, als er nichts fand, bis ihm einfiel, dass er den Führerschein in die Innentasche seines Jacketts gesteckt hatte. Mit heißen, beinahe bebenden Fingern reichte er das Papier über den Tisch. Der Anwalt nahm den Führerschein entgegen, musterte ihn flüchtig und reichte ihn dann mit einem Kopfnicken an seinen Vater weiter, der ihn im Gegensatz dazu so eingehend studierte, als sei er überzeugt, es mit einer Fälschung zu tun zu haben.

Eduardo lächelte leicht. »Auch wir haben einen Identitätsnachweis dabei.« Er zog zwei große, äußerst amtlich aussehende Papiere hervor. »Die Familie Vacchi ist seit mehreren Jahrhunderten in Florenz ansässig, und fast alle männlichen Mitglieder dieser Familie sind seit Generationen als Rechtsanwälte und Vermögensverwalter tätig. Das erste Dokument bestätigt dies; das zweite ist eine englische Übersetzung des ersten Dokuments, beglaubigt vom Staate New York.« Er reichte John die beiden Papiere, der sie ratlos musterte. Das eine, eingelegt in eine Klarsichthülle, schien ziemlich alt zu sein. Ein italienischer Text, von dem John nur jedes zehnte Wort verstand, war mit Schreibmaschine auf ergrautes, wappengeprägtes Papier getippt, und zahllose ausgeblichene Stempel und Unterschriften drängten sich darunter. Die englische Übersetzung, ein sauberer Laser-Ausdruck, versehen mit einer Gebührenmarke und einem notariellen Stempel, klang verwirrend und ziemlich juristisch, und soweit John sie verstand, bestätigte sie, was der junge Vacchi gesagt hatte.

Er legte beide Urkunden vor sich hin, verschränkte die Arme. Einer seiner Nasenflügel zuckte; hoffentlich sah man das nicht.

Wieder faltete Eduardo die Hände. Johns Führerschein war inzwischen bei Alberto angelangt, der ihn wohlwollend nickend betrachtete und dann bedächtig in die Mitte des Tisches schob.

»Mister Fontanelli, Sie sind Erbe eines beträchtlichen Vermögens«, begann Eduardo erneut, wieder in förmlichem Ton. »Wir sind hier, um Ihnen die Höhe der betreffenden Summe und die Randbedingungen des Erbes mitzuteilen und, falls Sie sich bereit erklären, das Erbe anzutreten, mit Ihnen die Schritte zu besprechen, die für die Eigentumsübertragung notwendig sind.«

John nickte ungeduldig. »Ähm, ja – könnten Sie mir zuerst mal sagen, wer überhaupt gestorben ist?«

»Wenn Sie gestatten, möchte ich die Antwort auf diese Frage noch einen Moment zurückstellen. Es ist eine längere Geschichte. Jedenfalls ist es niemand aus Ihrer unmittelbaren Verwandtschaft.«

»Und wieso erbe ich dann etwas?«

»Das lässt sich, wie gesagt, nicht in ein oder zwei Sätzen erklären. Deswegen bitte ich Sie, sich noch zu gedulden. Im Moment ist die Frage: Sie sollen eine beträchtliche Menge Geld erhalten – wollen Sie es haben?«

John musste unwillkürlich auflachen. »Okay. Wie viel?«

»Über achtzigtausend Dollar.«

»Sagten Sie achtzigtausend?«

»Ja. Achtzigtausend.«

Mann! John lehnte sich zurück, atmete pfeifend aus. Puh. Mann, o Mann. Acht-zig-tau-send! Kein Wunder, dass sie vier Mann hoch angereist waren. Achtzigtausend Dollar, das war eine ordentliche Summe. Wie viel war denn das? Auf einen Schlag! Mann, Mann! Auf einen Schlag, das musste man erst einmal verdauen. Das hieß … Mann, das hieß, er konnte aufs College gehen, locker konnte er das, ohne auch nur noch eine blöde Stunde bei irgendeinem blöden Pizzaservice oder sonst wo jobben zu müssen. Achtzigtausend … Mann, auf einen Schlag! Einfach so! Unglaublich. Wenn er … Okay, er musste aufpassen, dass ihn nicht der Größenwahn befiel. Er konnte in der Wohngemeinschaft bleiben, die war okay, nicht luxuriös, aber wenn er sparsam lebte – Mann, es würde noch für einen Gebrauchtwagen reichen! Dazu ein paar gute Klamotten. Dies und das. Ha! Und keine Sorgen mehr.

»Nicht schlecht«, brachte er schließlich heraus. »Und was wollen Sie jetzt von mir wissen? Ob ich das Geld nehme oder nicht?«

»Ja.«

»Mal ’ne ganz dumme Frage: Ist denn ein Haken bei der Sache? Erbe ich irgendwelche Schulden mit oder so was?«

»Nein. Sie erben Geld. Wenn Sie zustimmen, erhalten Sie das Geld und können damit machen, was Sie wollen.«

John schüttelte fassungslos den Kopf. »Können Sie sich vorstellen, dass ich dazu Nein sage? Können Sie sich vorstellen, dass irgendjemand dazu Nein sagt?«

Der junge Anwalt hob die Hände. »Es ist eine Formvorschrift. Wir müssen fragen.«

»Ah. Okay. Sie haben gefragt. Und ich sage Ja.«

»Schön. Meinen Glückwunsch.«

John zuckte mit den Schultern. »Wissen Sie, ich glaub’s sowieso erst, wenn ich die Scheine in den Händen halte.«

»Das ist Ihr gutes Recht.«

Aber es stimmte nicht: Er glaubte es jetzt schon. Obwohl es so absolut verrückt war, mehr als wahnwitzig – vier Anwälte kamen von Italien nach New York gejettet, um ihm, dem mittellosen, unbegabten Pizza-Ausfahrer, achtzigtausend Dollar zu schenken – einfach so, mir nichts, dir nichts –, glaubte er es. Es war etwas in diesem Raum, das ihn sicher machte. Sicher, an einem Wendepunkt in seinem Leben zu stehen. Es war, als habe er sein Leben lang darauf gewartet, hierher zu kommen. Verrückt. Er spürte eine wohltuende Wärme, die sich in seinem Bauch ausbreitete.

Eduardo Vacchi schloss seine Aktenmappe wieder, und als habe er darauf gewartet, schlug neben ihm sein Vater – wie hieß der noch mal? Gregorio? – die seine auf. John spürte ein Kribbeln im Nacken und hinter den Augenbrauen. Das sah jetzt zu einstudiert aus. Jetzt kam es, das dicke Ende, die große Abzockmasche. Jetzt hieß es aufpassen.

»Aus Gründen, die noch zu erklären sein werden«, begann Eduardos Vater, und seine Stimme klang so teilnahmslos, dass man fast meinte, Staub aus seinem Mund kommen zu sehen, »ist Ihr Fall, Mister Fontanelli, einzigartig in der Geschichte unserer Kanzlei. Obwohl die Vacchis sich seit Generationen mit Vermögensverwaltung befassen, haben wir noch nie ein Gespräch wie das heutige geführt und werden es wohl auch nie wieder führen. In Anbetracht dessen hielten wir es für das Beste, im Zweifelsfall lieber zu vorsichtig als zu sorglos zu sein.« Er nahm seine Brille ab und behielt sie pendelnd in der Hand. »Ein befreundeter Kollege hatte vor einigen Jahren das betrübliche Erlebnis, anlässlich einer Testamentseröffnung einen der Anwesenden einem plötzlichen Herztod erliegen zu sehen, ausgelöst aller Wahrscheinlichkeit nach durch den Schock der freudigen Überraschung, plötzlich Erbe eines bedeutenden Vermögens zu sein. Es hatte sich, das muss hinzugefügt werden, zwar um eine etwas größere Summe gehandelt, als mein Sohn Sie Ihnen eben genannt hat, aber die betreffende Person war nicht wesentlich älter gewesen, als Sie es sind, und bis zu diesem Zeitpunkt hatte man von einer Gefährdung seines Herzens nichts gewusst.« Er setzte die Brille wieder auf, rückte sie sorgsam zurecht und fasste John dann wieder ins Auge. »Sie verstehen, was ich damit sagen will?«

John, der seinem Vortrag nur mit Mühe gefolgt war, nickte automatisch, schüttelte dann aber den Kopf. »Nein. Nein, ich verstehe nichts. Erbe ich jetzt, oder erbe ich nicht?«

»Sie erben, keine Sorge.« Gregorio spähte an seiner Nase entlang auf seine Mappe hinunter, schob mit den Händen Papiere darauf umher. »Alles, was Eduardo Ihnen gesagt hat, stimmt.« Er sah wieder hoch. »Bis auf den Betrag.«

»Bis auf den Betrag?«

»Sie erben nicht achtzigtausend, sondern über vier Millionen Dollar.«

John starrte ihn an, starrte ihn an und hatte das Gefühl, dass die Zeit stehen blieb dabei, starrte ihn an, und das Einzige, das sich bewegte, war sein eigener Unterkiefer, der sich abwärts bewegte, unaufhaltsam, unbeeinflussbar.

Vier!

Millionen!

Dollar!

»Wow!«, entfuhr es ihm. Er griff sich mit den Händen ins Haar, hob den Blick zur Decke hoch und sagte noch mal: »Wow!« Dann fing er an zu lachen. Zerwühlte sich das Haar und lachte wie irrsinnig geworden. Vier Millionen Dollar! Er konnte sich gar nicht beruhigen, lachte, dass die wahrscheinlich schon darüber nachdachten, einen Krankenwagen zu rufen. Vier Millionen! Vier Millionen!

Er sah ihn wieder an, den Anwalt aus dem fernen Florenz. Das Licht des Frühlings ließ sein schütteres Haar aussehen wie einen Heiligenschein. Er hätte ihn küssen können. Er hätte sie alle küssen können. Kamen daher und legten ihm vier Millionen Dollar in den Schoß! Er lachte wieder, lachte und lachte.

»Wow!«, sagte er noch einmal, als er wieder zu Atem kam. »Ich verstehe. Sie hatten Angst, dass mich der Schlag trifft, wenn Sie mir aus dem Stand heraus sagen, dass ich vier Millionen geerbt habe, richtig?«

»So könnte man es ausdrücken«, nickte Gregorio Vacchi mit der Andeutung eines Lächelns um die Mundwinkel.

»Und wissen Sie was? Sie haben Recht. Mich hätte der Schlag getroffen. Oh, Mann …« Er schlug die Hand vor den Mund, wusste gar nicht, wohin mit seinem Blick. »Wissen Sie, dass ich vorgestern die schrecklichste Nacht meines Lebens hatte – und nur, weil mir das Geld für die U-Bahn fehlte? Ein lausiger Dollar, lausige fünfundzwanzig Cent? Und jetzt kommen Sie und reden von vier Millionen …«

Puh. Puh, puh, puh. Weiß Gott, das war nicht gelogen mit dem Herzschlag. Sein Herz raste. Die bloße Vorstellung von Geld ließ seinen Kreislauf toben, als habe er Sex.

Vier Millionen Dollar. Das war … Das war mehr als nur Geld. Das war ein anderes Leben. Mit vier Millionen Dollar konnte er machen, was er wollte. Mit vier Millionen Dollar brauchte er keinen Tag seines Lebens mehr zu arbeiten. Ob er studierte oder nicht, ob er der beschissenste Maler der Welt war oder nicht, es spielte keine Rolle.

»Und das ist wirklich wahr?«, musste er plötzlich fragen. »Ich meine, es taucht nicht plötzlich jemand auf und sagt: ›Ätsch, Sie sind in der Versteckten Kamera!‹, oder so was? Wir reden von richtigem Geld, von einer richtigen Erbschaft?«

Der Anwalt hob seine Augenbrauen, als sei diese Vorstellung für ihn der Inbegriff des Absurden. »Wir reden von richtigem Geld. Keine Sorge.«

»Ich meine, wenn Sie mich hier verarschen, werde ich jemanden erwürgen. Und ich weiß nicht, ob das den Zuschauern der ›Versteckten Kamera‹ gefällt.«

»Ich kann Ihnen versichern, wir sind ausschließlich zu dem Zweck hier, Sie zu einem reichen Mann zu machen.«

»Schön.« Es war nicht so, dass er sich tatsächlich Sorgen gemacht hätte. Aber das war ein Gedanke gewesen, den er hatte loswerden müssen, gerade so, als könne durch das bloße Aussprechen die Gefahr gebannt werden. Irgendetwas ließ ihn wissen, dass er nicht belogen wurde.

Es war heiß hier drinnen. Merkwürdig – als sie hereingekommen waren, hatte er den Raum als kühl empfunden, als zu niedrig klimatisiert. Jetzt war ihm, als müsse das Blut in seinen Adern jeden Moment anfangen zu kochen. Ob er Fieber hatte? Vielleicht eine Nachwirkung eben jener vorletzten Nacht, als er zu Fuß über die Brooklyn Bridge nach Hause marschiert war, durch einen feuchten, kalten Wind vom Meer her, der ihn zum Eiszapfen hatte werden lassen.

Er sah an sich herab. Seine Jeans schienen plötzlich schäbig geworden zu sein, sein Jackett – die Enden der Ärmel waren abgewetzt; das war ihm bisher nie aufgefallen. Der Stoff begann fadenscheinig zu werden. Und sein Hemd war ärmlich, ein billiger Lumpen aus dem Trödelladen. Nicht einmal als es neu gewesen war, hatte es richtig gut ausgesehen. Ramsch. Tand. Er fing einen Blick Eduardos auf, der leise lächelte, als errate er seine Gedanken.

Die Skyline draußen glitzerte noch immer wie ein Traum aus Glas und Kristall. Er war jetzt also ein gemachter Mann. John Salvatore Fontanelli, Schuhmachersohn aus New Jersey, hatte es geschafft – ohne eigene Leistung, ohne eigenes Dazutun, einfach durch eine Laune des Schicksals. Vielleicht hatte er so etwas immer geahnt und sich deshalb nie groß angestrengt, nie besondere Mühe gegeben? Weil ihm eine Fee an der Wiege geflüstert hatte, dass er das alles nicht nötig haben würde?

»Okay«, rief er und klatschte in die Hände. »Wie geht es weiter?«

»Sie nehmen das Erbe also an?«

»Yes, Sir!«

Der Anwalt nickte zufrieden und klappte seine Aktenmappe wieder zu. John lehnte sich zurück und atmete tief aus. Was für ein Tag! Er fühlte sich wie mit Champagner gefüllt, voller kleiner, lustig blubbernder Bläschen, die aufstiegen und aufstiegen und sich zu einem albernen Kichern im oberen Teil seines Brustkorbs sammelten.

Er war gespannt, wie so eine Erbschaft in der Praxis vor sich ging. Wie er das Geld bekommen würde. Wohl kaum in bar. Per Überweisung würde nicht gehen, da er kein Konto mehr hatte. Vielleicht würde er einen Scheck kriegen. Genau. Und es würde ihm ein Hochgenuss werden, in die Schalterhalle genau der Bank zu spazieren, die ihm sein Konto gekündigt hatte, seinem ehemaligen Kundenbetreuer einen Scheck über vier Millionen Dollar unter die Nase zu halten und abzuwarten, was für ein Gesicht er machen würde. Es würde ein Hochgenuss werden, sich aufzuführen wie ein Schwein, wie das letzte reiche Arschloch …

Jemand räusperte sich. John sah auf, kehrte aus seinen Tagträumen zurück in die Realität des Konferenzraumes. Es war Alberto Vacchi gewesen, der sich geräuspert hatte.

Und er hatte dabei die Aktenmappe aufgeklappt, die vor ihm gelegen hatte.

John sah Eduardo an. Sah Gregorio an, seinen Vater. Sah Alberto an, seinen Onkel. »Sagen Sie jetzt bloß nicht, es ist noch mehr.«

Alberto lachte leise. Es klang wie das Gurren von Tauben. »Doch«, sagte er.

»Mehr als vier Millionen Dollar?«

»Wesentlich mehr.«

Das Wummern seines Herzens fing wieder an. Seine Lunge bildete sich wieder ein, ein Blasebalg zu sein. John hob abwehrend eine Hand. »Warten Sie. Langsam. Vier Millionen war eine ganz gute Zahl. Warum übertreiben? Vier Millionen, das kann einen Mann schon glücklich machen. Mehr wäre … na ja, vielleicht zu viel …«

Der Italiener sah ihn unter seinen buschigen Augenbrauen an. In seinen Augen funkelte ein eigenartiges Licht. »Das ist die einzige Bedingung, die mit dem Erbe verknüpft ist, John. Entweder Sie nehmen alles – oder nichts …«

John schluckte. »Ist es mehr als das Doppelte?«, fragte er hastig, als gelte es einen Fluch zu bannen, indem er dem anderen zuvorkam.

»Wesentlich mehr.«

»Mehr als das Zehnfache? Mehr als vierzig Millionen?«

»John, Sie müssen lernen, in großen Dimensionen zu denken. Das ist nicht leicht, und ich beneide Sie weiß Gott nicht.« Alberto nickte ihm aufmunternd zu, beinahe verschwörerisch, als wolle er ihn ermuntern, ihn in ein verrufenes Haus zu begleiten. »Denken Sie groß, John!«

»Mehr als …?« John hielt inne. In einer Zeitschrift hatte er einmal etwas über das Vermögen der großen Musikstars gelesen. Madonna, so hatte es geheißen, sei an die sechzig Millionen Dollar schwer, Michael Jackson leicht das Doppelte. Die Rangliste angeführt hatte der Ex-Beatle Paul McCartney, dessen Vermögen auf fünfhundert Millionen Dollar geschätzt wurde. Ihm schwindelte. »Mehr als das Zwanzigfache?« Er hatte ›das Hundertfache‹ sagen wollen, es aber nicht gewagt. Anzunehmen, er könne – einfach so, ohne Mühe, ohne Talent – in Besitz eines Vermögens kommen, das an dasjenige einer solchen Legende auch nur heranreichte, hatte etwas von Gotteslästerung an sich.

Einen Moment war Stille. Der Anwalt sah ihn an, kaute dabei auf seiner Lippe und sagte nichts.

»Befreunden Sie sich«, riet er schließlich, »mit der Zahl zwei Milliarden.« Und er fügte hinzu: »Dollar.«

John starrte ihn an, und etwas Schweres, Bleiernes schien sich auf ihn herabzusenken, auf alle Anwesenden. Das war jetzt kein Spaß mehr. Das Sonnenlicht, das durch die Fenster hereinbrach, blendete ihn, schmerzte wie das Licht einer Verhörlampe. Wirklich kein Spaß.

»Das ist Ihr Ernst, nicht wahr?«, fragte er.

Alberto Vacchi nickte.

John sah sich um, fahrig, als suche er einen Ausweg. Milliarden! Die Zahl lastete auf ihm wie ein tonnenschweres Gewicht, drückte seine Schultern herab, presste auf seine Schädeldecke. Milliarden, das waren Dimensionen, in denen er sich noch nicht einmal in seiner Vorstellung je bewegt hatte. Milliarden, das hieß, sich in der Ebene der Rockefellers und Rothschilds, der saudiarabischen Ölscheichs und der japanischen Immobiliengiganten zu befinden. Milliarden, das war mehr als Wohlstand. Das war … Irrsinn.

Sein Herz wummerte immer noch. An seinem rechten Unterschenkel hatte ein Muskel angefangen zu zucken und wollte überhaupt nicht mehr aufhören. Vor allem musste er erst einmal zur Ruhe finden. Das war doch hier ein ganz seltsames Spiel. So was gab es doch nicht, nicht in der Welt, die er kannte! Dass einfach vier Männer auftauchten, von denen er noch nie im Leben gehört hatte, und behaupteten, er habe zwei Milliarden Dollar geerbt? Nein. So funktionierte das nicht. Hier lief irgendein krummes Spiel. Er hatte keine Ahnung, wie eine solche Erbzeremonie normalerweise ablaufen musste, aber das war jedenfalls seltsam.

Er versuchte, sich an Filme zu erinnern, die er gesehen hatte. Verdammt, er hatte doch so viele Filme gesehen, mehr oder weniger seine Jugend vor dem Fernseher und im Kino verbracht – wie war denn das gewesen? Eine Testamentseröffnung, jawohl. Wenn jemand gestorben war, dann gab es eine Testamentseröffnung, zu der alle infrage kommenden Erben zusammenkamen, um dann aus dem Mund eines Notars zu erfahren, wer wie viel erbte. Und sich anschließend zu zanken.

Genau! Wie ging denn das überhaupt vor sich, wenn jemand starb und etwas zu vererben hatte? Die ersten Erben waren doch Ehegatten und Kinder, oder? Wie konnte es angehen, dass er etwas erben sollte und seine Brüder nicht? Und wieso erbte er überhaupt etwas, wenn sein Vater noch lebte?

Irgendetwas stimmte hier nicht.

Sein Herz und seine Atmung schalteten einen Gang zurück. Nur nicht zu früh freuen. Erst mal einen auf misstrauisch machen war angesagt.

John räusperte sich. »Ich muss noch mal ganz dumm fragen«, begann er. »Wieso soll ausgerechnet ich etwas erben? Wie kommen Sie auf mich?«

Der Anwalt nickte ruhig. »Wir haben sehr ausführliche und sehr gründliche Recherchen angestellt. Wir hätten Sie nicht um eine Unterredung gebeten, wenn wir uns unserer Sache nicht hundertprozentig sicher wären.«

»Schön, Sie sind sich sicher. Aber ich nicht. Wissen Sie zum Beispiel, dass ich zwei Brüder habe? Muss ich ein Erbe nicht mit denen teilen?«

»In diesem Fall nicht.«

»Warum nicht?«

»Sie sind als Alleinerbe bezeichnet.«

»Alleinerbe? Wer zum Teufel kommt auf die Idee, ausgerechnet mich als Alleinerben von zwei Milliarden Dollar einzusetzen? Ich meine, mein Vater ist Schuhmacher. Und ich weiß von unserer Verwandtschaft zwar nicht viel, aber ich bin mir sicher, dass sich kein Milliardär darunter befindet. Der reichste Mann dürfte mein Onkel Giuseppe sein, der ein Taxiunternehmen in Neapel besitzt, mit zehn oder zwölf Fahrzeugen.«

»Richtig.« Alberto Vacchi lächelte. »Und der lebt noch und erfreut sich, soweit wir wissen, bester Gesundheit.«

»Also. Wie soll dann so ein Erbe zu Stande kommen?«

»Das klingt, als seien Sie nicht sehr daran interessiert.«

John spürte, dass er allmählich wütend wurde. Er wurde selten wütend, noch seltener richtig wütend, aber hier und heute konnte es gut sein, dass es so weit kam. »Warum weichen Sie mir dauernd aus? Warum machen Sie so ein Geheimnis darum? Warum sagen Sie mir nicht einfach, der und der ist gestorben?«

Der Anwalt blätterte in seinen Papieren, und es sah verdammt noch mal nach einem Ablenkungsmanöver aus. So wie wenn jemand in einem leeren Terminkalender blättert und so tut, als hätte er Mühe, einen freien Termin zu finden.

»Es handelt sich hier«, gab er schließlich zu, »nicht um einen normalen Erbfall. Normalerweise gibt es ein Testament, einen Testamentsvollstrecker und eine Testamentseröffnung. Das Geld, um das es hier geht, ist Eigentum einer Stiftung – in gewisser Weise könnte man sagen, es gehört im Augenblick sich selbst. Wir verwalten es lediglich, seit der Stifter gestorben ist – was schon vor sehr langer Zeit war. Er hat eine Verfügung erlassen, derzufolge das Vermögen der Stiftung auf den jüngsten männlichen Nachfahren übergehen soll, der am 23. April des Jahres 1995 am Leben ist. Und das sind Sie.«

»Der 23. April …« John kniff misstrauisch die Augen zusammen. »Das war vorgestern. Warum ausgerechnet dieser Tag?«

Alberto zuckte mit den Schultern. »Das ist so festgelegt.«

»Und ich soll der jüngste Fontanelli sein? Sind Sie sicher?«

»Ihr Onkel Giuseppe hat eine fünfzehnjährige Tochter. Aber eben eine Tochter. Ein Cousin Ihres Vaters, Romano Fontanelli, hatte einen sechzehnjährigen Sohn, Lorenzo. Der ist jedoch, wie Sie wahrscheinlich wissen, vor zwei Wochen überraschend verstorben.«

John starrte die spiegelnde Wurzelholztischplatte an wie ein Orakel. Es konnte tatsächlich sein. Sein Bruder Cesare und dessen Frau nervten einen bei jedem Weihnachtsfest mit stundenlangen Diskussionen darüber, wie sinnlos, geradezu verbrecherisch es sei, Kinder in diese Welt zu setzen. Und Lino – na ja, der hatte bloß Flugzeuge im Kopf. Und seine Mutter hatte neulich von einem Lorenzo erzählt am Telefon, der gestorben war, an irgendetwas entsetzlich Banalem, einem Bienenstich oder so etwas. Ja, wann immer die Sprache auf die italienische Verwandtschaft gekommen war, war von Hochzeiten und Scheidungen und Krankheiten und Todesfällen die Rede gewesen, nie von Kindern. Es konnte tatsächlich sein.

»Worin bestehen diese zwei Milliarden Dollar eigentlich?«, fragte er schließlich. »Ich nehme an, in irgendwelchen Firmenanteilen, Aktien, Ölquellen und solchem Zeug?«

»Geld«, erwiderte Alberto. »Einfach nur Geld. Unzählige Sparkonten bei unzähligen Banken überall auf der Welt.«

John sah ihn an und hatte ein saures Gefühl im Magen. »Und ich soll das erben, nur weil ich zufällig vor zwei Tagen der jüngste Fontanelli war? Was macht das für einen Sinn?«

Der Anwalt erwiderte seinen Blick, lange und geradezu versonnen. »Ich weiß nicht, was das für einen Sinn macht«, gestand er. »Es ist eben so. Wie vieles im Leben.«

John fühlte sich schwindlig. Schwindlig und schmutzig, zerlumpt, ein Mann in billigen Fetzen, die die Bezeichnung Kleidungsstücke kaum verdienten. Immer noch plapperte eine Stimme in seinem Kopf, die der festen Überzeugung war, dass er hier gelinkt, betrogen, auf irgendeine nicht fassbare Weise übers Ohr gehauen werden sollte. Und immer noch war darunter ein tief in seinem Inneren wurzelndes Gefühl, massiv wie das Granitfundament von Manhattan, dass diese Stimme sich irrte, dass sie nichts weiter war als das Produkt unzähliger Stunden vor dem Fernsehschirm, wo es nie vorkommt, dass den Leuten einfach etwas Gutes widerfährt. Die Dramaturgie des Films lässt so etwas nicht zu. So etwas konnte nur in der Wirklichkeit passieren.

Das Gefühl, das sich eingestellt hatte, als er diesen Raum betreten hatte – das Gefühl, an einem Wendepunkt seines Lebens angekommen zu sein –, war immer noch da, stärker als zuvor.

Nur war jetzt die Angst hinzugetreten, von dieser Wende zermalmt zu werden.

Zwei Milliarden Dollar.

Er konnte sich Geld geben lassen. Wenn sie gekommen waren, um ihm zwei Milliarden Dollar zu vermachen, dann konnten sie ihm vorab ein paar Tausender geben, ohne dass es jemandem wehtat. Dann konnte er sich einen eigenen Anwalt nehmen, der alles genau überprüfen würde. Sein alter Freund Paul Siegel fiel ihm ein. Paul kannte Anwälte. Kannte bestimmt die besten Anwälte der Stadt. Genau. John atmete tief durch.

»Die Frage«, sagte Alberto Vacchi, Anwalt und Vermögensverwalter aus Florenz, Italien, sanft, »ist immer noch dieselbe. Nehmen Sie die Erbschaft an?«

War es gut, reich zu sein? Bisher hatte er sich immer nur angestrengt, nicht allzu arm zu sein. Hatte diejenigen, die dem Geld hinterher waren, verachtet. Andererseits – das Leben war so viel einfacher und angenehmer, wenn man Geld hatte. Kein Geld zu haben hieß, immer in Zugzwang zu sein. Keine Wahl zu haben. Dinge tun zu müssen, egal ob sie einem gefielen oder nicht. Wahrscheinlich war das einzige ewig gültige Gesetz: dass es einem mit Geld besser ging als ohne.

Er atmete aus. »Die Antwort«, sagte er dann, und er fand, das klang cool, »ist auch noch dieselbe. Ja.«

Alberto Vacchi lächelte. Bei ihm wirkte es warm und echt gemeint. »Meinen herzlichen Glückwunsch«, sagte er und klappte seine Mappe zu.

Eine ungeheure Spannung wich von John, und er ließ sich zurücksinken, gegen die gepolsterte Lehne seines Stuhls. War er eben Milliardär. Und wenn schon; es gab wirklich Schlimmeres, was einem passieren konnte. Er sah die drei Anwälte an, die ihm im Halbkreis gegenübersaßen wie ein Musterungsausschuss, und musste beinahe grinsen.

In diesem Augenblick erhob sich der alte Mann aus seinem Lehnstuhl am Fenster.

1

JOHNS KINDHEIT WAR bevölkert gewesen von geheimnisvollen Männern. Allein waren sie gekommen oder in Gruppen, zu zweit, zu dritt, hatten ihn vom Rand des Spielplatzes beobachtet, ihm auf dem Schulweg zugelächelt und über ihn gesprochen, wenn sie glaubten, dass er sie nicht verstand oder hörte.

»Das ist er«, hatten sie gesagt, auf Italienisch. Und: »Wir müssen noch warten.« Und sie hatten einander erklärt, wie schwer es ihnen fiel, das Warten.

Seine Mutter erschrak zu Tode, als er zu Hause davon erzählte. Eine endlose Zeit lang durfte er nicht allein aus dem Haus, musste den anderen Kindern vom Fenster aus beim Spielen zusehen. Danach behielt er es für sich, wenn die Männer auftauchten. Irgendwann aber sah er sie nicht mehr, und ihre Gestalten sanken hinab auf den Grund seiner Erinnerungen.

Dann wurde John zwölf Jahre alt und entdeckte, dass Mister Angelo, der vornehmste Kunde in der Werkstatt seines Vaters, ein Geheimnis hatte. Mister Angelo war ihm schon immer wie ein himmlischer Sendbote vorgekommen, nicht nur, weil er so elegant aussah: Wenn er in seinem weißen Anzug auf dem Hocker vor der Werkbank saß und in gemächlichem Italienisch mit Vater plauschte, die bestrumpften Füße auf der Metallstange – dann hieß das, der Sommer begann, herrliche endlose Wochen voller Eistüten, verplanschter Nachmittage in aufblasbaren Becken, Ausflüge nach Coney Island und durchschwitzter Nächte. Erst wenn Mister Angelo zum zweiten Mal im Jahr auftauchte, in einem hellgrauen Anzug dann, wenn er Vater seine Schuhe reichte und wissen wollte, wie es der Familie ging, war der Sommer wieder zu Ende und Zeit für den Herbst.

»Sind gute italienische Schuhe«, hörte John Vater einmal zu Mutter sagen. »Herrlich weich, für italienisches Wetter gemacht. Ziemlich alt, aber hervorragend gepflegt, muss man sagen. Ich wette, solche Schuhe kann man heutzutage nirgends mehr kaufen.«

Dass himmlische Sendboten besondere Schuhe trugen, war für John selbstverständlich.

An jenem bewussten Tag, als der Sommer des Jahres 1979 endete – und mehr als ein Sommer, nur ahnte das damals niemand –, durfte John seinen besten Freund Paul Siegel und dessen Mutter zum John-F.-Kennedy-Flughafen begleiten. Jimmy Carter war noch Präsident, das Geiseldrama von Teheran hatte noch nicht begonnen, den Sommer über hatte Art Garfunkel Bright Eyes besungen und die Tanzgruppe Village People den Y. M. C. A., und Pauls Vater sollte von einer Geschäftsreise aus Europa zurückkommen. Pauls Eltern besaßen ein Uhrengeschäft in der dreizehnten Straße, und Mister Siegel konnte unglaublich aufregende Geschichten von den Überfällen erzählen, die er schon erlebt hatte. An der hinteren Wand des Ladens gab es, verborgen unter einem gerahmten Foto von Paul als Baby, sogar ein echtes Einschussloch! Und John war zum ersten Mal im Leben auf dem berühmten JFK-Flughafen und drückte sich gemeinsam mit Paul die Nase platt an einer riesigen Glasscheibe, durch die man die ankommenden Passagiere beobachten konnte.

»Die kommen alle aus Rom«, erklärte Paul. Paul war unglaublich klug. Auf der Fahrt hatte er ihnen die Geschichte New Yorks bis bestimmt zurück in die Steinzeit erzählt, alles über die Wallstreet und wer die Brooklyn Bridge erbaut hatte und wann sie eingeweiht worden war und so weiter. »Dad kommt mit der Maschine aus Kopenhagen. Die hat mindestens eine halbe Stunde Verspätung.«

»Klasse«, meinte John. Er hatte es nicht eilig, wieder nach Hause zu kommen.

»Komm, wir zählen Männer mit Bärten!«, schlug Paul vor. Das war auch typisch. Paul hatte immer Ideen, was man unternehmen konnte. »Es gelten nur Vollbärte, und wer zuerst bei zehn ist, hat gewonnen. Okay? Ich seh schon einen, dort vorne, der mit der roten Aktentasche!«

John kniff die Augen zusammen wie ein Indianerscout. Es war aussichtslos, Paul in einem solchen Wettbewerb schlagen zu wollen, aber versuchen musste er es zumindest.

Da entdeckte er Mister Angelo.

Er war es, ohne Zweifel. Der hellgraue Anzug, die Art, wie er sich bewegte. Das Gesicht. John blinzelte, erwartete die Gestalt wieder verschwinden zu sehen wie ein Trugbild, aber Mister Angelo verschwand nicht, sondern marschierte wie ein ganz normaler Mensch im Strom der anderen Passagiere des Fluges aus Rom mit, ohne hochzusehen, in der Hand nichts als eine Plastiktüte.

»Der Mann in dem braunen Mantel«, rief Paul. »Zwei.«

Ein Uniformierter hielt Mister Angelo an, deutete auf die Tüte und sagte etwas. Mister Angelo öffnete die Plastiktüte und hob zwei Paar Schuhe heraus, ein braunes und ein schwarzes.

»He«, beschwerte sich Paul in dem Moment. »Du spielst gar nicht richtig mit!«

»Ich find’s langweilig«, entgegnete John, ohne die Augen von dem Geschehen zu wenden. Der Sicherheitsbeamte war sichtlich verwundert, fragte etwas. Mister Angelo antwortete, die Schuhe in der Hand. Schließlich bedeutete der Uniformierte ihm, dass er weitergehen könne, worauf Mister Angelo seine Schuhe in den Beutel zurück tat und durch eine automatische Tür verschwand.

»Du hast bloß Angst, dass du verlierst«, meinte Paul.

»Ich verlier doch sowieso immer«, sagte John.

Am Abend erfuhr er, dass wahrhaftig Mister Angelo an diesem Tag in Vaters Werkstatt gewesen war. Er hatte Geschenke für die Kinder dagelassen, eine große Tafel Schokolade für jeden und für John außerdem einen Zehndollarschein. Als John die Schokolade und den Geldschein in die Hand nahm, beschlich ihn ein eigenartiges Gefühl. Als habe er etwas entdeckt, das ein Geheimnis hätte bleiben sollen.

»Ich habe Mister Angelo heute auf dem Flughafen gesehen«, erzählte er trotzdem. »Er ist mit dem Flugzeug aus Rom gekommen, und er hatte nichts dabei als seine Schuhe.«

Vater lachte.

Mutter langte nach ihm, zog ihn an sich und seufzte. »Ach, du mein kleiner Träumer.« So nannte sie ihn immer. Sie hatte auch gerade von Rom erzählt, von einem Cousin, der bei irgendwelchen Verwandten zur Welt gekommen war. John fand es merkwürdig, dass er Verwandte in Italien haben sollte, die er noch nie im Leben gesehen hatte.

»Mister Angelo wohnt in Brooklyn«, erklärte Vater. »Er kommt manchmal hierher, weil er den Mann kannte, der den Laden vor mir hatte.«

John schüttelte den Kopf, sagte aber nichts mehr. Es gab nichts mehr zu sagen. Das Geheimnis war gelüftet. Er wusste, dass Mister Angelo nicht mehr wiederkommen würde, und so war es auch.

Im Jahr darauf heiratete sein neun Jahre älterer Bruder Cesare und zog nach Chicago. Sein Bruder Lino, sechs Jahre älter als John, heiratete nicht, ging aber zur Luftwaffe, um Pilot zu werden. Von einem Monat zum anderen war John plötzlich das einzige Kind zu Hause.

Er durchlief die Schule, seine Noten waren weder gut noch schlecht, und seine Mitschüler kannten ihn als unauffälligen, ruhigen Jungen, der in eine eigene Welt eingesponnen war und wenig Kontakt zu anderen suchte. Er zeigte ein gewisses Interesse an Geschichte und englischer Literatur, aber niemand hätte ihm zum Beispiel die Organisation eines Schulfestes anvertraut. Die Mädchen fanden ihn nett, was so viel hieß, dass sie keine Angst hatten, mit ihm bei Dunkelheit die Straße entlangzugehen. Aber der einzige Kuss, den er in seiner High-School-Zeit abbekam, fand auf einer Silvesterparty statt, zu der ihn jemand mitschleppte und auf der er nur unbehaglich herumstand. Wenn die anderen Jungs von ihren sexuellen Abenteuern berichteten, schwieg er einfach, und niemand fragte nach.

Nach der High School gewann Paul Siegel ein hoch dotiertes Begabtenstipendium und entschwand nach Harvard. John wechselte auf das nahe gelegene Hopkins Junior College, hauptsächlich, weil es erschwinglich war und er zu Hause wohnen bleiben konnte, ohne rechte Vorstellung davon, wie es weitergehen solle.

Im Sommer 1988 fand im Londoner Wembley-Stadion das Concert for Nelson Mandela statt, das in alle Welt übertragen wurde. John ging mit ein paar anderen aus seiner Klasse in den Central Park, wo jemand eine Videowand und Lautsprecherboxen aufgestellt hatte, sodass man dem globalen musikalischen Ereignis bei Sonnenschein und Alkohol beiwohnen konnte.

»Wer ist eigentlich dieser Nelson Mandela?«, fragte sich John nach dem ersten Schluck Bier aus einem weißen Plastikbecher.

Obwohl die Frage an niemand bestimmten gerichtet war, erklärte ihm eine etwas pummelige Schwarzhaarige, die neben ihm stand, dass Nelson Mandela der Anführer des südafrikanischen Widerstands gegen die Apartheid sei und seit nunmehr fünfundzwanzig Jahren unschuldig in Haft. Was sie nicht wenig aufzuregen schien.

So fand er sich unversehens in ein Gespräch verwickelt, und da seine Gesprächspartnerin viel zu erzählen hatte, lief es ganz gut. Während sie redeten, brannte die Sonne eines strahlenden Junitages herab, durchglühte ihre Körper und trieb ihnen den Schweiß aus allen Poren. Die Musik dröhnte, unterbrochen von Ansagen, Erklärungen und Appellen an die südafrikanische Regierung, Nelson Mandela freizulassen, und je weiter es in den Nachmittag hineinging, desto weniger war auf der Videowand zu erkennen. Sarah Brickman hatte energisch funkelnde Augen und geradezu alabasterhaft weiße Haut und schlug irgendwann vor, sich wie die anderen Zuhörer auch in den kargen Schatten eines Busches oder Baumes zurückzuziehen. Dort küssten sie sich, und die Küsse schmeckten salzig vom Schweiß. Während ein vielstimmiges »Free-ee … Nelson Mandela!« über den Rasen dröhnte, hakte John Sarahs Büstenhalter auf, und in Anbetracht dessen, dass er so etwas noch nie im Leben gemacht und zudem mehr Alkohol als jemals zuvor intus hatte, meisterte er diese Hürde geradezu elegant. Als er am nächsten Morgen mit schmerzendem Kopf in einem fremden Bett aufwachte und eine schwarze, lockige Mähne neben sich auf den Kissen entdeckte, erinnerte er sich zwar nicht mehr an alle Einzelheiten, aber er schien die Prüfung bestanden zu haben. So zog er unter den Tränen seiner Mutter zu Hause aus und bei Sarah ein, die westlich des Central Parks eine kleine, zugige Wohnung von ihren Eltern geerbt hatte.

Sarah Brickman war Künstlerin. Sie malte große, wilde Bilder in düsteren Farben, die niemand haben wollte. Ungefähr einmal im Jahr stellte sie ein oder zwei Wochen lang in einer der Galerien aus, die dafür von den Künstlern Geld nehmen, verkaufte jedes Mal nichts oder nicht genug, um wenigstens die Galerie zu bezahlen, und war danach tagelang nicht ansprechbar.

John fand einen Abendjob in einer nahe gelegenen Wäscherei, lernte Hemden für die Dampfmangel zusammenzulegen und verbrühte sich in der ersten Woche beide Hände, aber es reichte, um die Stromrechnung zu zahlen und das Essen. Eine Weile versuchte er im College mitzuhalten, doch der Weg bis dahin war jetzt weit und dauerte lange, zudem wusste er immer noch nicht, wozu das alles gut sein sollte, und so gab er es irgendwann auf, ohne seinen Eltern etwas davon zu sagen. Sie erfuhren es ein paar Monate später, was zu einem heftigen Krach führte, in dessen Verlauf mehrmals der Begriff »Hure« in Zusammenhang mit Sarah fiel. Daraufhin meldete John sich lange Zeit nicht mehr bei seiner Familie.

Es beeindruckte ihn, Sarah in farbbeschmiertem Kittel und mit verkniffenem Gesicht an der Staffelei hantieren zu sehen. Abends schleppte sie ihn in verrauchte Kneipen in Greenwich Village, wo sie mit anderen Künstlern über Kunst und Kommerz diskutierte und er kein Wort verstand, was ihn ebenfalls beeindruckte und das Gefühl in ihm erregte, endlich den Anschluss an das wahre Leben gefunden zu haben. Sarahs Freunde allerdings waren nicht so ohne weiteres bereit, ihren Anschluss an das wahre Leben mit einem dahergelaufenen Grünschnabel zu teilen. Sie lachten abfällig, wenn er etwas sagte, überhörten ihn oder verdrehten die Augen, wenn er eine Frage stellte: Für sie war er nichts weiter als Sarahs Liebhaber, ihr Anhängsel und Kuscheltier.

Der Einzige, mit dem er in dieser Clique reden konnte, war ein Leidensgefährte, Marvin Copeland, der mit einer anderen Malerin namens Brenda Carrington zusammen war. Marvin lebte in einer Wohngemeinschaft in Brooklyn, schlug sich als Bassgitarrist in verschiedenen erfolglosen Bands durch, feilte an eigenen Songs, die niemand spielen wollte, verbrachte viel Zeit damit, aus dem Fenster zu schauen oder Marihuana zu rauchen, und es gab keine verrückte Idee, an die er nicht glaubte. Dass die Roswell-Aliens von der Regierung in der AREA 51 versteckt gehalten wurden, war für ihn ebenso ausgemachte Sache wie die Heilkräfte von Pyramiden und Edelsteinen. Dass Elvis noch lebte, das war so ungefähr das Einzige, was er ernsthaft bezweifelte. Es war zumindest immer kurzweilig, sich mit ihm zu unterhalten.

Es kam regelmäßig zu Streits, wenn John eines von Sarahs Bildern, das in ihren Augen misslungen war, gut fand oder gar umgekehrt. Schließlich beschloss er herauszufinden, nach welchen Kriterien man Gemälde eigentlich als gut oder schlecht einstufte. Da er bisher kein Wort verstanden hatte von dem, wovon Sarah und ihre Freunde überhaupt sprachen, begann er, Bücher über Kunst zu lesen und ganze Tage im Museum of Modern Arts zu verbringen, wo er sich in Führungen schmuggelte, bis man ihn wieder erkannte und anfing, peinliche Fragen zu stellen. Während er den Erklärungen zu den Bildern ebenso hingebungsvoll wie verständnislos lauschte, keimte der Gedanke in ihm, die Malerei könne die Richtung in seinem Leben sein, die er immer gesucht hatte. Wie hätte er sie auch früher finden sollen, als Sohn eines Schuhmachermeisters, mit Brüdern, die Finanzbeamte und Kampfjetpiloten waren? Er begann zu malen.

Das war, wie er später erkennen sollte, keine gute Idee. Er hatte erwartet, dass Sarah sich freuen würde, doch sie kritisierte auf schmerzhafte Weise alles, was er zuwege brachte, und spottete vor ihren Freunden über seine Bemühungen. John zweifelte nicht daran, dass jedes Wort gerechtfertigt war, steckte alle Kritik demütig ein und nahm sie zum Anlass, noch härter zu arbeiten. Er hätte gern Unterricht genommen, doch das konnte er sich weder finanziell noch zeitlich leisten.

Eine Zeit lang kam, nachts um vier Uhr und von Werbepausen zerhackstückt, ein Malkurs im Fernsehen, von dem er keine Folge versäumte. Es wurde gezeigt, wie man fichtenumsäumte Waldseen malte oder Windmühlen, die sich als Schattenrisse vor prächtigen Sonnenuntergängen abhoben. Ohne eines von beiden je mit eigenen Augen gesehen zu haben, fand er, dass es ihm durchaus gelang, die Anleitungen umzusetzen, wenngleich Sarah ihn bei diesen Sujets nicht einmal mehr kritisierte, sondern nur noch mit den Augen rollte.

Eines Tages erschien in einem Szeneblatt ein kurzer Bericht über die Künstlerin Sarah Brickman und ihre Arbeiten, den sie ausschnitt, rahmte und sich stolz übers Bett hängte. Kurz darauf tauchte ein Kaufinteressent auf, ein Wall-Street-Jüngling mit pomadisierten Haaren, breit gestreiftem Hemd und Hosenträgern, der mehrmals erklärte, für ihn sei Kunst eine Investition und er wolle sich von Künstlern, die möglicherweise demnächst bedeutend würden, rechtzeitig Werke sichern. Er hielt das offensichtlich für eine geniale Idee. Sarah führte ihn durch das Atelier und zeigte ihm ihre Gemälde, mit denen er aber wenig anzufangen wusste. Erst als sein Blick auf eines von Johns frühen Bildern fiel, eine wilde, bunte Stadtsilhouette, über die Sarah nur angewidert die Nase gerümpft hatte, war er vom Fleck weg begeistert. Er bot zehntausend Dollar, und John nickte einfach nur.

Sarah schloss sich lautstark im Bad ein, kaum dass die Tür hinter Käufer und Bild ins Schloss gefallen war. John, das Geldbündel noch in der Hand, klopfte und wollte wissen, was los sei. »Ist dir klar, dass du mit einem einzigen vermurksten Bild mehr Geld verdient hast als ich in meinem ganzen Leben?«, schrie sie schließlich.

Danach war ihre Beziehung nie wieder so wie vorher und endete kurz darauf, im Februar 1990 – wie der Zufall es wollte, just an dem Tag, als die Nachricht von der Freilassung Nelson Mandelas die Medien beherrschte. Sarah erklärte John, dass es aus sei, und genau das war es dann auch. Er kam bei Marvin unter, in dessen Wohngemeinschaft gerade ein ungemütliches, schlauchartiges Zimmer frei geworden war, und dort saß er ein paar Tage später zwischen seinen paar Habseligkeiten auf dem Boden und verstand immer noch nicht, was geschehen war.

Der Verkauf der Stadtsilhouette blieb sein einziger künstlerischer Erfolg, und das Geld war schneller aufgebraucht, als er sich vorgestellt hatte. Nach dem erzwungenen Umzug hatte er den Job in der Wäscherei natürlich aufgeben müssen, und nach ein paar Wochen Herumgerenne, in denen sein Konto endgültig auf null ging, fand er endlich einen neuen Job bei einem von Indern betriebenen Pizzaservice, die als Ausfahrer vorzugsweise junge Männer italienischer Herkunft beschäftigten. Im südlichen Manhattan hieß das, sich mit dem Fahrrad durch den stets mehr oder weniger stehenden Verkehr zu schlängeln und jeden schmalen Schleichweg zwischen den Blocks zu kennen. Es war ein Job, der John straffe Beinmuskeln und durchtrainierte Lungen verschaffte und eine Art Raucherhusten von den Abgasen, die er dabei einatmen musste, aber fast nicht genug Geld zum Überleben. Nicht nur, dass er in dem Zimmer nur mit Mühe genug Platz hatte, um zu malen, und selbst an sonnigen Tagen nicht das nötige Licht, es blieb ihm auch kaum die Zeit dazu. Die Arbeit endete spät in der Nacht und erschöpfte ihn nicht selten so, dass er am nächsten Morgen schlief wie tot, bis ihn ein ausdauernd rasselnder Wecker aufs Neue nach Manhattan schickte. Jedes Mal, wenn er freinahm, um sich bei einem anderen Job vorzustellen, rutschte er durch den Verdienstausfall weiter ins Minus.

Um diese Zeit herum kam Paul Siegel zurück nach New York, mit einem ehrfurchtgebietend guten Harvard-Diplom in der Tasche und einer lukrativen Anstellung bei einer Unternehmensberatungsfirma, die quasi alle bedeutenden Firmen der Welt zu ihren Klienten zählte und ein paar Regierungen mit dazu. John besuchte ihn einmal in seiner geschmackvoll eingerichteten kleinen Wohnung in West Village und bestaunte den Ausblick über den Hudson River, während Paul ihm so gnadenlos, wie nur ein guter Freund das kann, aufzählte, was er alles falsch machte in seinem Leben.

»Zuerst musst du deine Schulden loswerden. Solange du Schulden hast, bist du nicht frei«, zählte er an den Fingern ab. »Dann musst du dir die Freiräume schaffen, neue Richtungen einschlagen zu können. Aber vor allem musst du wissen, was du willst im Leben.«

»Ja«, sagte John. »Da hast du Recht.«

Aber er wurde seine Schulden nicht los, von allem anderen ganz zu schweigen. Um sich von der Konkurrenz abzuheben, verfiel Murali, der Besitzer des Pizzadienstes, zudem auf die Idee, jedem Kunden südlich des Empire State Buildings die Lieferung seiner Pizza innerhalb von dreißig Minuten ab Bestellung zu garantieren. Wer länger warten musste, brauchte nichts zu bezahlen. Diese Idee stammte aus irgendeinem Buch, das er nicht mal selber gelesen, sondern von dem ihm nur jemand erzählt hatte, und die Folgen waren verheerend. Jeder Ausfahrer hatte vier Verspätungen pro Woche frei, was darüber hinausging, bekam man vom Lohn abgezogen. In Stoßzeiten, wenn die Pizzen schon mit Verspätung aus der Küche kamen und der Kunde womöglich tatsächlich in der dreißigsten Straße wartete, war es schlechterdings nicht zu schaffen. John wurde das Bankkonto gekündigt, er bekam Streit mit Marvin wegen der Miete, und es waren kaum noch irgendwelche Sachen übrig, für die er beim Pfandleiher Geld bekam. Zuletzt versetzte er die Armbanduhr, die ihm sein Vater zur Kommunion geschenkt hatte; eine schlechte Idee, denn danach traute er sich nicht mehr zu seinen Eltern, wo er wenigstens ab und zu verköstigt worden war. An manchen Tagen war ihm regelrecht schlecht vor Hunger, während er die nach Käse und Hefe duftenden Styropacks durch die Straßen radelte.

So brach das Jahr 1995 an. In Johns Träumen tauchten ab und zu die märchenhaften Männer seiner Kindheit wieder auf, winkten ihm lächelnd zu und riefen etwas, das er nicht verstand. Die Londoner Baring Bank ging nach fehlgeschlagenen Devisenspekulationen ihres Angestellten Nick Leeson pleite, die japanische Sekte Aum Shiri Kyo tötete mit Giftgasanschlägen auf die Tokioter U-Bahn zwölf Menschen und verletzte fünftausend weitere, und bei einem Bombenanschlag in Oklahoma City kamen 168 Menschen ums Leben. Bill Clinton war immer noch Präsident der Vereinigten Staaten, hatte aber eine schwere Zeit, weil seine Partei in beiden Häusern des Kongresses ihre Mehrheit verloren hatte. John stellte fest, dass er seit über einem Jahr kein Bild gemalt hatte, dass nur die Zeit irgendwie vergangen war, und hatte das Gefühl, auf irgendetwas zu warten, nur dass er nicht hätte sagen können, worauf.

Der 23. April war nicht gerade ein Glückstag. Zunächst mal ein Sonntag, und er musste arbeiten. In der Pizzabäckerei wartete mal wieder eine Nachricht seiner Mutter auf ihn, er solle anrufen – das Telefon in Marvins WG war chronisch abgemeldet, zum Glück. John warf den Zettel weg und widmete sich den Fahrten, von denen es, wie immer an Sonntagen, wenig gab, was hieß, wenig Geld, und meistens ging es zu den verrücktesten Adressen. Da er sein Limit an Verspätungen für diese Woche schon aufgebraucht hatte, legte er sich mächtig ins Zeug, und wahrscheinlich weil er sich so ins Zeug legte, passierte es: Er schoss aus einer Abkürzung zwischen zwei Blocks hinaus auf die Straße, bremste einen Moment zu spät und rammte einen Wagen, eine schwarze, lange Limousine, die aussah, als säße der Typ aus dem Film Wall Street darin, den Michael Douglas spielte.

Das Rad war eiernder Schrott, die Pizzen Abfall, während der Wagen davonglitt, als sei nichts gewesen. John rieb sich die Knie unter den zerrissenen Jeans, sah den dunkelroten Rücklichtern nach und begriff, dass alles noch weit übler für ihn hätte ausgehen können. Murali tobte, als John wieder angehumpelt kam, ein Wort gab das andere, und schließlich war John den Job los, und den fälligen Wochenlohn gab es auch nicht, weil Murali das Geld für die Reparatur des Fahrrads einbehielt. So marschierte John zu Fuß nach Hause, mit ganzen zehn Cent in der Tasche und einer Stinkwut im Bauch, durch eine Nacht, die immer kälter wurde, je länger sie dauerte. Auf den letzten Meilen durch Brooklyn fiel ein ekliger Nieselregen, und als John endlich ankam, wusste er nicht mehr, ob er im Himmel oder in der Hölle war oder noch auf Erden.

Es roch nach Spiegeleiern und Zigaretten, als er die Tür aufschloss, und es war herrlich warm. Marvin hockte, wie er das oft machte, mit untergeschlagenen Beinen in der Küche, seinen Fender Jazz Bass in den Verstärker eingestöpselt, so leise gedreht, wie es noch Sinn machte, aber anstatt wie sonst wild über die Saiten zu fuhrwerken, machte er bloß dumpfe Töne, die sich anhörten wie der Herzschlag eines kranken Riesen. Du-dumm. Du-dumm. Du-dumm.

»Da hat jemand nach dir gefragt«, sagte er, als John auf das Badezimmer zusteuerte.

»Was?« John blieb stehen. Nur pinkeln und ins Bett und keinen Schritt weiter, das hatte er sich die ganze letzte Stunde wieder und wieder versprochen. »Nach mir?«

»Zwei Männer.«

»Was für Männer?«

»Keine Ahnung. Männer eben.« Du-dumm. Du-dumm. »Zwei Männer in stinkfeinen Anzügen, mit Krawatten und Krawattennadeln und so weiter, und sie wollten wissen, ob hier ein gewisser John Salvatore Fontanelli wohnt.«

Jetzt opferte John doch noch ein paar Schritte extra, in die Küche. Marvin machte unbeirrbar weiter mit der Herzmassage für den kranken Riesen. Du-dumm. Du-dumm. »John Salvatore«, sagte Marvin und schüttelte tadelnd den Kopf. »Ich wusste nicht mal, dass du einen mittleren Namen hast. Übrigens, du siehst beschissen aus.«

»Danke. Murali hat mich gefeuert.«

»Kein schöner Zug von ihm. Wo wir doch nächste Woche schon wieder Miete zahlen sollen.« Du-dumm. Du-dumm. Ohne aus dem Takt zu kommen, langte Marvin neben sich auf den Küchentisch und reichte John eine Visitenkarte. »Da, soll ich dir geben.«

Es war eine teuer aussehende, vierfarbig bedruckte Karte, die ein verschnörkeltes Wappen zeigte. Darunter stand:

Eduardo Vacchi

Rechtsanwalt, Florenz, Italien

z. Zt. The Waldorf Astoria

301 Park Avenue, New York, N. Y.

Tel. 212-355-3000

John glotzte auf die Karte. Alles an ihm wurde schwer von der Wärme in der Küche. »Eduardo Vacchi … Ich schwöre, ich habe diesen Namen noch nie gehört. Hat er gesagt, was er von mir will?«

»Du sollst ihn anrufen. Er hat gesagt, wenn du kommst, soll ich dir die Karte geben und sagen, dass du ihn anrufen sollst, es sei wichtig.« Du-dumm. »Eine Erbschaftsangelegenheit.« Du-dumm. »Klingt in meinen Ohren so ähnlich wie das Wort ›Geld‹. Gut, oder?«

2

DER ALTE MANN – der Padrone, wie ihn Eduardo genannt hatte – legte das Kissen beiseite, das er auf seinem Schoß liegen gehabt hatte, legte es auf ein kleines Tischchen, das neben ihm stand. Dann stemmte er sich mit einiger Mühe aus dem Sessel hoch, zog mit gichtigen Fingern die Strickjacke zurecht und lächelte sanft in die Runde.

John saß erstarrt, wie vom Donner gerührt. Sein Gehirn hatte völlig ausgesetzt.

Mit leisen, irgendwie sehr relaxten Schritten ging der Mann, den Eduardo Vacchi als seinen Großvater bezeichnet hatte, um den Tisch herum, gerade so, als habe er alle Zeit der Welt. Als er hinter John vorbeiging, tätschelte er ihm wohlwollend die Schulter, ganz leicht und beiläufig, und doch war es John, als nehme der Padrone ihn damit gewissermaßen in seine Familie auf. Ebenso entspannt und gelassen vollendete er seinen Gang um den Tisch, nahm ruhig auf dem letzten freien Stuhl Platz und schlug die letzte Mappe auf, die noch nicht aufgeschlagen worden war.

Johns Verstand weigerte sich zu begreifen, was hier zu geschehen im Begriff war. Dabei war das doch wie bei den Intelligenztests. Wir haben die Reihe 2 – 4 – 6 – 8, wie lautet die logisch nächste Zahl? Richtig, 10. Wir haben die Reihe 2 – 4 – 8 – 16, wie lautet die logisch nächste Zahl? 32, richtig. Wir haben die Reihe achtzigtausend – vier Millionen – zwei Milliarden, wie lautet die logisch nächste Zahl?

Aber hier endete alle Logik. Vielleicht waren das doch keine Anwälte. Vielleicht waren das Verrückte, die ein verrücktes Spiel spielten. Vielleicht war er das Opfer eines psychologischen Versuchs. Vielleicht war doch alles bloß »Versteckte Kamera«.

»Mein Name ist Cristoforo Vacchi«, sagte der alte Mann mit einer sanften, unerwartet volltönenden Stimme, »und ich bin Anwalt aus Florenz, Italien.«

Dabei sah er John an, und die Intensität dieses Blicks ließ John alle Gedanken an psychologische Versuche und versteckte Kameras vergessen. Dies hier war echt, war real, war so unleugbar wirklich, dass man beinahe Stücke davon abschneiden konnte.

Eine Pause entstand. John hatte das Gefühl, dass von ihm erwartet wurde, etwas zu sagen. Zu fragen. Sich irgendwie zu äußern mit seinem ausgetrockneten Rachen, seiner Lähmung im Unterkiefer, seiner auf Fußballgröße angeschwollenen Zunge und seinem absoluten Verlust aller Sprache. Doch alles, was er fertig brachte, war eine Art keuchendes Flüstern: »Noch mehr Geld?«

Der Padrone nickte mitfühlend. »Ja, John. Noch mehr Geld.«

Es war schwer zu sagen, wie alt Cristoforo Vacchi sein mochte, aber sicher war er eher achtzig als siebzig. Von seinem schlohweiß gewordenen Haar war wenig übrig, seine Haut war schlaff und fleckig und von zahllosen Falten durchfurcht. Trotzdem wirkte er, wie er, mit graziös ineinander gelegten Händen, dasaß und auf seine Unterlagen hinabsah, absolut kompetent und völlig Herr der Lage. Niemand wäre auch nur auf die Idee gekommen, angesichts dieses durchaus gebrechlichen Mannes den Begriff Senilität ins Spiel zu bringen. Und sei es nur, weil er damit riskiert hätte, sich selbst lächerlich zu machen.

»Ich will Ihnen jetzt die ganze Geschichte erzählen«, sagte er. »Sie beginnt im Jahre 1480 in Florenz. In diesem Jahr wird Ihr Vorfahre Giacomo Fontanelli geboren, als uneheliches Kind seiner Mutter und eines unbekannten Vaters. Die Mutter findet den Schutz eines Klosters und seines barmherzigen Abtes, und der Junge wächst unter Mönchen heran. Mit fünfzehn Jahren, nach heutiger Zeitrechnung am 23. April des Jahres 1495, hat Giacomo einen Traum – den man vielleicht eher eine Vision nennen muss, obwohl er selbst immer nur von einem Traum schreibt –, einen Traum so hell und intensiv, dass sein ganzes weiteres Leben davon bestimmt wird. Bei den Mönchen hat er schreiben, lesen und rechnen gelernt, und kurz nach dem Traum zieht er hinaus, um Kaufmann und Händler zu werden. Er ist in Rom und vor allem in Venedig tätig, dem damaligen Zentrum der südeuropäischen Wirtschaft, heiratet und setzt insgesamt sechs Kinder in die Welt – allesamt Söhne –, die später zumeist ebenfalls kaufmännische Laufbahnen einschlagen. Giacomo jedoch kehrt im Jahre 1525 in das Kloster zurück, um auch den Rest seines Traumes zur realisieren.«

John schüttelte wie betäubt den Kopf. »Ich höre immer Traum. Was für ein Traum?«

»Einen Traum, in dem Giacomo Fontanelli sozusagen sein eigenes Leben vorweggenommen gesehen hat – seinen beruflichen Weg, seine künftige Frau, und, unter anderem, welche gewinnbringenden Geschäfte er machen würde. Doch viel wichtiger als das: Er sah in diesem Traum auch eine Zeit, die fünfhundert Jahre in der Zukunft lag und die er beschreibt als ein Zeitalter schreienden Elends und erbärmlicher Angst, eine Zeit, in der keiner mehr eine Zukunft sieht. Und er sah, dass es der Wille der Vorsehung war – der Wille Gottes sozusagen –, dass er sein Vermögen demjenigen vermachen sollte, der am fünfhundertsten Jahrestag seines Traumes der jüngste seiner männlichen Nachkommen sein würde. Dieser Mann war auserkoren, den Menschen die verloren gegangene Zukunft zurückzugeben, und er würde dies tun mit dem Vermögen Giacomo Fontanellis.«

»Ich?«, rief John entsetzt aus.

»Sie«, nickte der Padrone.

»Ich soll was sein? Auserkoren? Seh ich vielleicht aus wie jemand, der auserkoren ist für irgendetwas?«

»Wir sprechen nur von geschichtlichen Tatsachen«, erwiderte Cristoforo Vacchi sanft. »Was ich Ihnen hier erzähle, werden Sie in Bälde im Testament Ihres Urahns nachlesen können. Ich erkläre Ihnen nur, was seine Motive waren.«

»Ach so. Also, Gott war ihm erschienen. Und deshalb sitze ich heute hier?«

»So ist es.«

»Das ist doch verrückt, oder?«

Der alte Mann hob andeutungsweise die Hände. »Das zu entscheiden, überlasse ich Ihnen.«

»Den Menschen die Zukunft zurückgeben. Ausgerechnet ich?« John seufzte. Da sah man wieder mal, was Visionen und heilige Träume wert waren. Genau nichts nämlich. Klar, niemand sah heutzutage mehr eine Zukunft. Jeder wartete bloß noch auf die Entscheidung, an welcher ihrer vielen Plagen die Menschheit untergehen würde. Dass sie untergehen würde, war klar und ausgemachte Sache. Die Alternativen beschränkten sich auf die Wahl der Waffen – die Angst vor dem Atomkrieg war in den letzten Jahren ein bisschen aus der Mode gekommen, wahrscheinlich ganz zu Unrecht, hoch gehandelt wurden dagegen Seuchen neuer Epidemien – AIDS, Ebola, Rinderwahnsinn, irgendetwas in dieser Preisklasse –, nicht zu vergessen das Ozonloch und die Ausbreitung der Wüsten, und wie man hörte, würde auch das Trinkwasser demnächst knapp werden. Nein, es gab wirklich keinen Grund, heutzutage noch eine Zukunft zu sehen. Nur dass er, John Salvatore Fontanelli, da keine Ausnahme bildete. Eher im Gegenteil: Während seine Altersgenossen es immerhin geschafft hatten, zumindest für ihre eigene unmittelbare Zukunft zu sorgen, indem sie sich Haus und Familie und stabiles Einkommen sicherten, hatte er nur dumpf in den Tag hineingelebt und es sogar fertig gebracht, verhältnismäßig nah in der Zukunft liegende Ereignisse wie fällige Mieten zu verdrängen. Wirklich, wenn es jemanden gab, der weniger prädestiniert war für die Suche nach der verloren gegangenen Zukunft der Menschheit als er, dann war er dringend daran interessiert, diesen Typen kennen zu lernen.

Der alte Mann sah wieder in seine Aktenmappe. »Im Jahre 1525, wie gesagt, kehrte Giacomo Fontanelli in das Kloster zurück, in dem er seine Kindheit verbracht hatte, und berichtete dem Abt von seiner Vision. Sie gelangten zu der Überzeugung, dass dieser Traum von Gott gesandt war, ein Traum vergleichbar dem biblischen Traum des Pharaos, aus dem Joseph die sieben fetten und die sieben mageren Jahre vorhersagte, und sie beschlossen, entsprechend zu handeln. Das gesamte Vermögen Giacomo Fontanellis wurde einem mit dem Abt befreundeten Rechtsgelehrten zur Betreuung anvertraut – einem Mann namens Michelangelo Vacchi …«

»Ach«, sagte John.

»Ja. Mein Vorfahr.«

»Sie wollen sagen, Ihre Familie hat das Vermögen meiner Familie gehütet, um es mir heute zu übergeben?«

»Genau so ist es.«

»Fünfhundert Jahre lang?«

»Ja. Seit fünfhundert Jahren sind die Vacchis Rechtsgelehrte. Das Haus, in dem unsere Kanzlei heute ihren Sitz hat, ist noch dasselbe wie damals.«

John schüttelte den Kopf. Fassungslos. Fassungslos vor allem angesichts der ruhigen Selbstverständlichkeit, mit der der alte Mann ihm diese Ungeheuerlichkeiten schilderte. Längst verschüttet geglaubte Geschichtsstunden erwachten wieder und jagten ihm Schauder über den Rücken: Fünfhundert Jahre, das hieß, die Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch Christoph Kolumbus hatte noch gar nicht stattgefunden gehabt, als sein Urahn geboren worden war. Was dieser alte Mann ihm sagen wollte, war nicht mehr und nicht weniger, dass seine Familie in der Zeit zwischen der Entdeckung Amerikas und der ersten Mondlandung nichts anderes getan hatte, als ein aufgrund eines Traumes gestiftetes Vermögen zu hüten – und dass sie sogar die ganze Zeit in demselben Haus gelebt hatten!

»Fünfhundert Jahre?«, wiederholte John. »Das sind … ich weiß nicht, wie viele Generationen. Ist denn nie jemand auf die Idee gekommen, die zwei Milliarden einfach selber zu behalten?«

»Nie«, sagte Cristoforo Vacchi gelassen.

»Aber kein Mensch hätte es je erfahren! Sogar jetzt, wo Sie es mir erzählen, fällt es mir schwer, es zu glauben.«

»Kein Mensch, das mag sein«, gab der alte Mann zu. »Aber Gott hätte es erfahren.«

»Ah«, machte John nur. Ach so war das.

Der Padrone breitete die gespreizten Hände aus. »Vielleicht muss ich noch einiges hierzu klarstellen. Selbstverständlich gab es genaue, von Ihrem Urahn aufgesetzte Regelungen, wie unsere Tätigkeit als Vermögensverwalter zu honorieren war, an die wir uns exakt gehalten haben – und wir haben nicht schlecht gelebt dabei, wie ich hinzufügen möchte. Selbstverständlich besitzen wir auch noch alle buchhalterischen Unterlagen und können sämtliche Kontobewegungen und alle Honorarentnahmen belegen.«

Ja, dachte John. Ich wette, dass ihr das könnt.

»Und selbstverständlich«, fügte der alte Vacchi hinzu, »betrug das ursprüngliche Vermögen nicht zwei Milliarden Dollar. So viel Geld gab es zu dieser Zeit wahrscheinlich überhaupt nicht. Das Vermögen, das Giacomo Fontanelli im Jahre 1525 stiftete, belief sich auf dreihundert Florin, gemessen am heutigen Goldwert umgerechnet etwa zehntausend Dollar.«

»Was?«, entfuhr es John.

Der Alte nickte, was an seinem Hals jedes Mal dinosaurierhaft anmutende Falten verursachte. »Man muss hierbei Umrechnungswert und Kaufkraft auseinander halten. Dreihundert Florin war ein nicht geringes Vermögen, wenn man die damalige Kaufkraft bedenkt. Heute wäre dieses Geld, umgerechnet und umgetauscht, nicht der Rede wert – unsere Reise hätte bereits den Großteil davon verschlungen. Unzählige Währungen und Währungsreformen verstellen für gewöhnlich den Blick auf die einfache Tatsache, dass die Inflation an allen Vermögen nagt, an großen wie an kleinen. Doch Giacomo Fontanelli hatte einen mächtigen Verbündeten«, fügte der Padrone bedeutungsvoll hinzu, »nämlich den Zinseszins.«

»Zinseszins?«, echote John blöde.

»Lassen Sie es mich erklären. Im Jahre 1525 wurden umgerechnet zehntausend Dollar deponiert bei einer Einrichtung, die man heute eine Bank nennen würde. Damals gab es noch keine Banken im heutigen Sinn, aber es gab im damaligen Europa, besonders in Italien, eine florierende Wirtschaft und einen gut funktionierenden Kapitalmarkt. Bedenken Sie, Florenz war damals eine Metropole des Geldes, wurde im vierzehnten Jahrhundert beherrscht von Bankiers wie den Bardi und Peruzzi und im fünfzehnten Jahrhundert von den Medici. Es gab zwar ein kirchliches Zinsverbot, aber daran konnte man sich nicht halten, denn es kann kein Kapitalmarkt existieren ohne Zins – es würde schlicht niemand Geld verleihen, wenn es ihm nichts einbrächte. Die Investition des Giacomo Fontanelli fiel ideal zusammen mit der Entwicklung eines voll funktionsfähigen internationalen Geldmarktes im sechzehnten Jahrhundert. Mein Vorfahr Michelangelo Vacchi wählte eine sichere, mit vier Prozent Verzinsung vergleichsweise schwach ertragreiche Investition. Das hieß, am Ende des Jahres 1525 waren umgerechnet vierhundert Dollar an Zinsen aufgelaufen, die dem ursprünglichen Vermögen zugeschlagen wurden, sodass im darauf folgenden Jahr nicht mehr zehntausend, sondern zehntausendvierhundert Dollar investiert waren. Und so weiter.«

»Ich weiß, was Zinseszins ist«, murrte John, der immer noch auf die große Pointe wartete – die Entdeckung des Inkaschatzes, die große Goldgrube, irgend so etwas. »Aber das sind ja wohl nur Lappalien, oder?«

»Oh, das würde ich nicht sagen«, lächelte der alte Mann und nahm ein Blatt Papier zur Hand, auf dem lange Kolonnen von Zahlen standen. »Wie die meisten Menschen unterschätzen Sie, was Zinseszins und Zeit gemeinsam ausrichten können. Dabei ist es leicht auszurechnen, denn obwohl die tatsächlichen Gegebenheiten immer wieder leicht variierten, haben wir doch im Schnitt den Zinssatz von vier Prozent über die gesamte Zeit aufrechterhalten können. Das heißt, dass das Vermögen im Jahre 1530, also fünf Jahre nach der Stiftung, etwas über zwölftausend Dollar betrug, umgerechnet in heutiges Geld. Im Jahre 1540 betrug es schon achtzehntausend Dollar, und bereits im Jahr 1543 hatte es sich mehr als verdoppelt. Und die damit erzielten Zinseinnahmen natürlich ebenfalls.«

John schwante etwas, wenn er auch noch nicht hätte sagen können, was. Aber es war etwas Großes. Etwas Atemberaubendes. Etwas wie ein Eisberg, wie ein umstürzender Mammutbaum.

»Und nun«, lächelte Cristoforo Vacchi, »geht es weiter wie in der Geschichte mit dem Schachbrett und den Reiskörnern. Vier Prozent Zinsen bedeutet nämlich, dass sich mit Zins und Zinseszins das Kapital alle achtzehn Jahre verdoppelt. Im Jahre 1550 betrug das Vermögen sechsundzwanzigtausend Dollar, im Jahre 1600 bereits an die hundertneunzigtausend Dollar. Im Jahre 1643 etwa wurde die Millionengrenze überschritten. Anno 1700 waren es neuneinhalb Millionen, anno 1800 bereits vierhundertachtzig Millionen Dollar, und im Jahre 1819 war die Milliarde erreicht …«

»Mein Gott«, flüsterte John und spürte wieder das Große, Schwere, das dabei war, sich auf ihn zu legen. Nur dass es diesmal mit seiner vollen Gewalt kam. Diesmal gab es keine Gnade mehr.

»Als das zwanzigste Jahrhundert anbrach«, fuhr der alte Mann erbarmungslos fort, »war das Fontanelli-Vermögen auf über vierundzwanzig Milliarden Dollar angewachsen, verteilt auf Tausende von Konten bei Tausenden von Banken. Als der Zweite Weltkrieg begann, waren es einhundertzwölf Milliarden Dollar, als er endete, einhundertzweiundvierzig Milliarden. Zum Stichtag, also gestern, betrug das Vermögen – Ihr Vermögen also – die angenehm runde Summe von fast genau einer Billion Dollar.« Er lächelte süffisant. »So viel zu Zins und Zinseszins.«

John glotzte den Anwalt blöde an, bewegte den Unterkiefer, ohne dass ein Laut zu Stande kam, musste sich räuspern und krächzte schließlich mit der Stimme eines Tuberkulosekranken: »Eine Billion Dollar?«

»Eine Billion. Das sind eintausend Milliarden.« Cristoforo Vacchi nickte. »Das heißt ganz einfach, Sie sind der reichste Mann der Welt, sogar der reichste Mann aller Zeiten, und das mit Abstand. Eine Billion Dollar werden Ihnen allein dieses Jahr nicht weniger als vierzig Milliarden Dollar Zinsen einbringen. Es gibt etwa zwei- bis dreihundert Dollarmilliardäre, je nachdem, wie man rechnet, aber Sie werden schwerlich mehr als zehn finden, deren Vermögen größer ist als allein Ihr Zinsgewinn dieses einen Jahres. Niemand hat jemals annähernd so viel Geld besessen, wie Sie besitzen werden.«

»Wenn man die Zinsen herunterrechnet«, meldete sich Eduardo Vacchi eifrig zu Wort, »heißt das, dass Sie mit jedem Atemzug, den Sie tun, etwa viertausend Dollar reicher werden.«

John befand sich in einem schockähnlichen Zustand. Zu sagen, dass er es nicht fassen konnte, wäre eine unzulässige Verharmlosung gewesen. Tatsächlich rotierten seine Gedanken wie eine Hochleistungszentrifuge, wirbelten Erinnerungen, Ängste und schmerzhafte Erfahrungen auf, die mit Geld – oder besser gesagt, fehlendem Geld – zu tun hatten, und das Ganze war eine solche Sturzflut an Emotionen, dass irgendetwas in ihm die Notbremse zog.

»Eine Billion«, sagte er. »Einfach durch Zins und Zinseszins.«

»Und fünfhundert Jahre Zeit«, fügte Cristoforo Vacchi hinzu.

»Das ist so einfach. Jeder hätte das machen können.«

»Ja. Aber es hat keiner gemacht. Keiner außer Giacomo Fontanelli.« Der greise Anwalt wiegte das Haupt. »Ganz so einfach ist es übrigens auch nicht gewesen. Die Banken sind sich des Zinseszinseffekts natürlich bewusst – deshalb enthalten alle Vertragsbedingungen für Sparkonten die kleine, unauffällige, aber elementar wichtige Klausel, dass Zinszahlungen nach dreißig Jahren ohne Kontobewegung eingestellt werden. Damit soll genau diesem Fall vorgebeugt werden – dass jemand einen kleinen Betrag auf ein Sparbuch einzahlt, es vergisst, und hundert Jahre später findet es jemand und hat Anspruch auf ein riesiges Vermögen.« Er lächelte. »Und natürlich haben die Vacchis aus diesem Grund immer für Bewegung auf den Konten gesorgt. Hier abheben, dort einzahlen. Zehn Jahre später wieder umgekehrt. Im Grunde war das alles, was wir fünfhundert Jahre lang gemacht haben.«

»Nur Bewegung auf den Konten?«

»Genau. Und ich bin überzeugt, dass das der Grund dafür ist, dass dieses Vermögen gewachsen und gewachsen und immer noch vorhanden ist, während so viele andere Vermögen verschwunden sind. Ihre Besitzer hatten nicht so viel Zeit – nur ihr eigenes Leben lang. Sie mussten Risiken eingehen. Sie wollten etwas von ihrem Geld haben … Nichts davon traf auf meine Familie zu. Wir mussten keine Risiken eingehen, im Gegenteil, wir mieden sie. Wir wollten nichts von dem Geld haben, denn es war nicht unser Geld. Und wir hatten Zeit, unermesslich viel Zeit und einen heiligen Auftrag.« Cristoforo Vacchi schüttelte den Kopf. »Nein, ich glaube nicht, dass das jeder hätte tun können. Ich glaube, es war einzigartig.«

Ein langer Moment der Stille trat ein. John starrte vor sich hin, benommen von dem, was ihm widerfuhr. Die vier Anwälte betrachteten ihn aufmerksam, beobachteten, wie er in wenigen Minuten zu verstehen versuchte, wofür sie selber Jahre gebraucht hatten, jeder von ihnen. Sie betrachteten ihn, wie man ein lange gesuchtes Familienmitglied betrachtet, das verschollen war und nun wiedergefunden ist, heimgekehrt an den Ort, wo es hingehört.

»Und jetzt?«, fragte John Salvatore Fontanelli schließlich und wunderte sich, dass es jenseits der Fensterscheiben immer noch hell war. Er hatte das Gefühl, dass Stunden vergangen sein mussten, seit er den Raum betreten hatte.

»Es sind Formalien zu erledigen«, sagte Alberto Vacchi und zupfte an seinem Einstecktuch. »Das Vermögen muss auf Sie überschrieben werden, und wir wollen verhindern, dass dabei Erbschaftssteuern fällig werden. Und eine Reihe ähnlicher Dinge.«

»Ihr Lebensstil wird sich ändern«, ergänzte Gregorio Vacchi. »Natürlich können wir Ihnen keine Vorschriften machen, aber da wir als Familie uns auf diesen Moment seit Generationen vorbereitet haben, haben wir eine Reihe von Vorschlägen zu machen, die sicherlich hilfreich sein können. Sie werden beispielsweise ein Sekretariat brauchen, schon allein, um die Flut der Bittbriefe zu bewältigen, die sicher eintreffen werden. Und Leibwächter, um nicht Gefahr zu laufen, entführt zu werden.«

»Deshalb«, schloss Eduardo Vacchi, »schlagen wir vor, dass Sie zunächst Ihren Haushalt hier in New York auflösen und – zumindest für eine Weile – mit uns nach Florenz kommen, bis Sie sich in Ihr neues Leben eingewöhnt haben.«

John nickte langsam. Ja, das alles wollte wirklich erst einmal verdaut sein. Er würde darüber schlafen müssen. Nach Florenz. Na schön, warum nicht? Was hielt ihn groß in New York? Eine Billion Dollar. Der reichste Mann der Welt. Wirklich, es war ein Witz.

»Und dann?«, fragte er.

»Darauf sind wir gespannt«, sagte Cristoforo Vacchi.

»Wie meinen Sie das?«

Der alte Mann machte eine vage Geste mit den Händen. »Nun, Sie werden über so viel Geld verfügen, dass jede Volkswirtschaft zittern muss vor Ihren Entscheidungen. Das ist Ihre Macht. Was Sie damit tun werden, ist allein Ihre Sache.«

»Was hat denn Giacomo Fontanelli in seinem Traum gesehen, dass ich mache?«

»Das wissen wir nicht. Er hat gesehen, dass Sie das Richtige tun. Mehr sagt er nicht in den Notizen, die uns überliefert sind.«

»Das Richtige? Aber was ist das Richtige?«

»Das, was den Menschen die verloren gegangene Zukunft wiedergibt.«

»Und wie soll das gehen?«

Der Padrone lachte. »Keine Ahnung, mein Sohn. Aber ich mache mir keine Sorgen, und Sie sollten sich auch keine machen. Denken Sie daran, dass wir hier eine Prophezeiung erfüllen, von der wir glauben, dass sie heilig ist. Das heißt, was immer Sie tun, Sie können nichts falsch machen.«

Susan Winter, einunddreißig Jahre alt und unverheiratet, saß nervös mit dem Knie wippend an einem der Zweiertische vor dem Rockefeller Center, auf einem weißen Drahtstuhl unter einem der braunen, achteckigen Schirme, und der Mann kam nicht und kam nicht. Zum tausendsten Mal schaute sie auf die Uhr – okay, es waren noch zwei Minuten bis zur vereinbarten Zeit – und hinauf zu dem goldenen Prometheus, dem Titanensohn, der die Front des Hochhauses zierte. Hatte der nicht auch etwas Verbotenes getan, die Götter herausgefordert? Sie versuchte, sich ins Gedächtnis zu rufen, was sie über die antiken Sagen wusste, kam aber nicht darauf.

Dass sie unverheiratet war, lag nach Ansicht ihrer wenigen Freunde daran, dass sie zu wenig Selbstbewusstsein entwickelt hatte, um sich hübsch anzuziehen und so zu schminken, dass ihre Schönheit zur Geltung kam. An diesem Abend trug sie labbrige Jeans und ein ausgebeultes, grau-verwaschenes Sweatshirt, und ihre Haare hingen ihr strähnig ins Gesicht. Der Kellner, bei dem sie ein Mineralwasser bestellt hatte, hatte sie wie ein Neutrum behandelt, und bis jetzt hatte sie ihr Wasser auch noch nicht bekommen. Was ihre Freunde nicht wussten – was niemand wusste –, war, dass Susan Winter wie besessen Lotto spielte. Alles, was sie von ihrem Gehalt abzweigen konnte, verschlang die Spielleidenschaft, auch die wenigen Gewinne, die sie erzielte. Sie hatte längst vor sich zugegeben, dass es eher eine Sucht war als eine Leidenschaft, aber sie fand nicht die Kraft, etwas dagegen zu unternehmen. Manchmal, wenn sie Lose im Dutzend kaufte, stand sie fast neben sich, sah sich selber zu dabei und empfand eine düstere Genugtuung darin, dieses hässliche, sinnlos vor sich hin lebende Geschöpf sich ebenso sinnlos abrackern zu lassen. Ihre Großmutter, bei der Susan die Nachmittage verbracht hatte, als sie ein Kind gewesen war, hatte immer gesagt: »Glück im Spiel, Pech in der Liebe!«, wenn sie bei den endlosen Bridgepartien mit ihren Freundinnen gewann. Glück im Spiel, Pech in der Liebe. Das war ein deutsches Sprichwort gewesen; Großmutter war vor dem Krieg aus Deutschland geflüchtet. Warum, hatte Susan erst viel später verstanden. An diesen Nachmittagen, wenn ihre Eltern arbeiten waren, hatte sie immer neben dem Stuhl ihrer Großmutter gesessen, hatte ihre Puppen gekämmt und umgezogen und den Unterhaltungen der alten Frauen zugehört. Glück im Spiel, Pech in der Liebe. Für sich selber hatte sie es inzwischen umgedreht, war sich nicht einmal mehr sicher, ob es nicht tatsächlich umgekehrt lautete: Pech in der Liebe, Glück im Spiel. Bei so viel Pech, wie sie in der Liebe gehabt hatte, musste sie eines Tages Glück im Spiel haben, wenn sie auch nur eine ganz undeutliche Vorstellung davon hatte, wie so ein Glück eigentlich aussehen konnte.

Der Mann kam auf die Minute pünktlich. Er trug seinen immer gleichen dunklen Mantel, als er die Terrasse betrat, und schien sie sofort zu finden, ohne suchen zu müssen. In der Hand hatte er einen braunen Umschlag, und Susan wusste, dass darin Geld war, viel Geld. Mit einem Mal fand sie es erregend, was sie zu tun im Begriff war.

Er setzte sich ihr gegenüber, ungelenk, als leide er an Muskelkater, legte den Umschlag vor sich hin, verschränkte die Hände darüber und sah sie an. Er hatte ein derbes, teigiges Gesicht, als hätte er als Jugendlicher die Pocken gehabt oder zumindest schlimme Akne.

»Nun?«, fragte er.

Er hatte ihr seinen Namen nicht gesagt, und er meldete sich auch nie mit einem Namen, wenn er sie anrief. Sie erkannte ihn immer nur an seiner Stimme. Seit zwei Jahren versorgte sie ihn mit Informationen aus ihrer Firma, und er versorgte sie mit Geld. Zuerst waren es nur Auskünfte gewesen – welche Fälle die Detektei Dalloway bearbeitete, welche Kunden sie hatte –, dann waren die Fragen detaillierter geworden und die Antworten, die sie gab, auch. Heute gab sie zum ersten Mal Unterlagen aus der Hand.

Sie öffnete die Tasche und zog eine dünne Mappe heraus. Er streckte die Hand aus, und sie gab sie ihm. Damit war es passiert.

Er studierte die Unterlagen schweigend. Viel war es nicht. Was sie eben unbemerkt hatte kopieren können. Ein Foto, das er eingehend studierte. Ein paar Kopien von Kopien. Ein paar Seiten Text, die er mehrmals langsam durchlas. Sie beobachtete ihn dabei, starrte die behaarten Rücken seiner Hände an und fühlte sich hässlich und klein und elend. Und gleichzeitig hoffte sie inbrünstig, dass er es ausreichend finden würde und den Preis wert, den er ihr geboten hatte.

»Haben Sie die Informationen über seine Familie auch dabei?«, fragte er plötzlich.

Sie erschrak fast. »Ja.«

Er streckte die Hand aus, gelassen, als sei das, was sie taten, das Selbstverständlichste der Welt, aber gleichzeitig unerbittliche Forderung ausstrahlend. Sie holte die zweite Mappe heraus und gab sie ihm ebenfalls.

Wieder überflog er den Inhalt. Diese Mappe war vollständiger, umfasste fast alles, was die Detektei gesammelt hatte. Manche der Informationen waren auf nicht ganz legalen Wegen erlangt worden. Doch auch diese waren ihr belanglos erschienen.

»Gut.« Er nahm den braunen Umschlag und gab ihn ihr, völlig unzeremoniell, als reiche er ihr ein Paket Wurst. Susan nahm ihn und ließ ihn in ihrer Tasche verschwinden, und ein warmes Gefühl breitete sich in ihrem Unterleib aus.

Er stand auf, auf die gleiche ungelenke Art, und schob dabei die Mappen zusammengerollt in eine Innentasche seines Mantels. »Falls ich noch etwas brauche, melde ich mich in den nächsten Tagen.«

Sie fühlte das Geld durch das Leder ihrer Aktentasche hindurch. »Wenn ich nur verstehen würde, was Sie an dem Jungen so interessiert.«

Der Mann sah mit einem Blick auf sie herab, der sie zusammenzucken ließ. »Versuchen Sie besser nicht, das verstehen zu wollen. Falls Sie einen guten Rat annehmen können.«

Damit ging er, ohne sich noch einmal umzudrehen. John saß auf dem Hotelbett, das weich war und nach Lavendel roch, starrte das Telefon auf dem Nachttisch an und rang mit sich, ob er es wagen durfte, damit zu telefonieren. Alles in ihm bebte, als müsse er in Stücke brechen. Das alles musste ein Traum sein, und was er jetzt wollte wie nichts auf der Welt, war, mit jemandem zu sprechen aus der Wirklichkeit, jemand, der ihm sagen konnte: »Wach auf!«, oder so etwas. Durfte er telefonieren? Sie hatten gesagt, dass er hier schlafen solle; sie wollten ihn nicht mehr gehen lassen, jetzt, da sie ihn endlich gefunden hatten, nach fünfhundert Jahren … Hieß das, dass er telefonieren durfte? Er hatte gehört, dass es teuer war, aus Hotels zu telefonieren, und er hatte gerade noch genug Geld für die U-Bahn zurück in der Tasche.

Sie hatten ihm Sachen gekauft, einen Schlafanzug, Hose, Hemd, alles, was nötig war, und alles in den richtigen Größen. Der ganze Boden lag voll davon, er hatte nicht einmal alle Pakete aufgemacht. Mittlerweile war es dunkel geworden, und er saß immer noch da, im Dunkeln.

Dass sie ihn hier übernachten ließen, hieß das, dass sie auch ein Telefonat zahlen würden? Vielleicht. Er starrte das flache, blasse Gerät an, das in der Dämmerung schimmerte, und zitterte weiter. Eine Billion Dollar, wiederholte eine Stimme in ihm, wieder und wieder. Eine Billion Dollar.

Paul. Paul Siegel würde ihm sagen können, was davon zu halten war. Paul würde ihm helfen, wieder zu Verstand zu kommen.

Seine Hand schoss nach vorn, wie von selbst, riss den Hörer an sich, und der Zeigefinger der anderen Hand wählte. Mit angehaltenem Atem lauschte er den Wählgeräuschen, dem Tuten, hörte wie es knackte, als abgenommen wurde. »Paul Siegel«, kam die vertraute Stimme, und er wollte schon drauflosreden, nur dass ihm nichts einfiel, was er hätte sagen können, nicht einmal, seinen eigenen Namen zu sagen, und dann merkte er auch schon, dass er nur den Anrufbeantworter erwischt hatte. »Ich bin zurzeit auf einer Auslandsreise, aber ich freue mich trotzdem, dass Sie anrufen. Bitte hinterlassen Sie Ihren Namen, Ihre Nachricht und gegebenenfalls Ihre Rufnummer nach dem Pieps, damit ich Sie nach meiner Rückkehr unverzüglich zurückrufen kann. Vielen Dank und bis bald.«

Es piepste. »Paul?« Seine Stimme fühlte sich merkwürdig an. Als hätte er eine Halsoperation hinter sich. »Paul, hier ist John. John Fontanelli. Falls du doch da bist, bitte nimm ab, es ist dringend.« Vielleicht kam er gerade in diesem Moment durch die Tür, atemlos, Koffer und Handgepäck schleppend, wer konnte das wissen? Nestelte gerade mit seinen Schlüsseln herum, während er drinnen den Apparat reden hörte? »Bitte ruf mich an, so schnell wie möglich. Ich bin ziemlich am Durchdrehen … Es ist was total Verrücktes passiert, und ich könnte einen Rat von dir brauchen. Was machst du im Ausland, ausgerechnet heute, verdammt? Ach so, ja – ich bin im Waldorf Astoria Hotel. Die Nummer hab ich vergessen –«

Der zweite Pieps kappte die Leitung. John legte behutsam auf, wischte noch einmal mit der Hand über den Hörer, der schweißnass glänzte, ließ sich nach hinten in die Kissen sinken, und dann wusste er nichts mehr.

3

MARVIN COPELAND HÖRTE einige Tage nichts von John. Dann kam eine Ansichtskarte. Eine Ansichtskarte von New York.

Ich habe tatsächlich geerbt, schrieb John, und nicht einmal wenig. Aber das erzähle ich dir alles das nächste Mal. Muss erst mal einige Zeit verreisen – geschäftlich. Ich melde mich, versprochen – ich weiß nur noch nicht, wann. Gruß, John.

Die Ansichtskarte zeigte die Freiheitsstatue, das World Trade Center, die Brooklyn Bridge und das Museum of Modern Arts. Etwas kleiner und mit einem anderen Kugelschreiber war am Rand dazugekritzelt: In den nächsten Tagen kommen ein paar Leute von einer Spedition. Bitte zeig ihnen mein Zimmer und lass sie alles einpacken; das geht in Ordnung.

»Und die Miete?«, murrte Marvin und drehte die Karte noch ein paar Mal hin und her, ohne weitere Nachrichten zu entdecken. »Was ist mit der Miete?«

Er hätte sich keine Sorgen machen zu brauchen, denn die drei Kleiderschränke, die ein paar Tage später auftauchten, händigten ihm einen Briefumschlag aus, in dem reichliche drei Monatsmieten in großen Scheinen steckten und eine kurze Notiz in Johns Handschrift: Ich melde mich, sobald ich durchblicke, was hier gespielt wird. Halt mir das Zimmer solange frei, O. K.? John.

»Nur hereinspaziert«, lotste Marvin die muskulösen Männer in Johns Zimmer. Sie schienen ein wenig enttäuscht zu sein, dass es keine Klaviere zu transportieren gab, nicht einmal Möbel, nur ein paar Kartons voll Klamotten, Bücher und Malutensilien. »Wohin geht übrigens die Reise?«

»Ist ein Überseetransport«, sagte der Mann, der die Vollmacht hatte. Er streckte ihm sein Klemmbrett hin. Auf den Papieren stand ›Florenz, Italien‹.

Florenz, Italien.

John spähte fasziniert aus den engen, beschlagenen Bullaugen des ausrollenden Flugzeuges hinaus auf den Flughafen, der im Sonnenlicht flirrte. Peretola Aeroporto war an einem der Gebäude zu lesen. In Florenz war es früher Morgen.

Sie hatten einen Nachtflug gehabt, an die zehn oder elf Stunden, er war durcheinander gekommen mit den verschiedenen Ortszeiten und Sommerzeiten. Und selbstverständlich erster Klasse. Zwei Reihen weiter vorn hatte er ein Gesicht entdeckt, das ihm bekannt vorgekommen war. Es war ein leichter Schock gewesen, als ihm einfiel, woher: Es handelte sich um einen Schauspieler, einen leibhaftigen Hollywoodstar und Oscar-Preisträger, in Begleitung seiner Frau und seines Managers. Er hatte Eduardo leise gefragt, ob er es wohl wagen dürfe, nach vorn zu gehen und den Mann um ein Autogramm zu bitten.

»Warum nicht?«, hatte Eduardo erwidert und trocken hinzugefügt: »Sie können aber auch noch zwei Wochen warten – dann kommt er und will ein Autogramm von Ihnen

Daraufhin hatte John sein Vorhaben aufgegeben.

Trotz der breiten Sitze und der großzügig bemessenen Abstände zwischen den Sitzreihen hatte John nur wenig geschlafen und fühlte sich nicht besonders fit. Das grelle Licht schmerzte in seinen Augen. Er blinzelte, als er auf die sanften Hügel mit den sparsam darüber verteilten Pinien hinaussah, die in ihm ein unerwartet starkes heimatliches Gefühl wachriefen. Dabei war er noch nie in Italien gewesen, hatte immer nur aus den Erzählungen seiner Eltern davon gehört.

Die hatten nicht schlecht gestaunt, als er im schwarzen Lincoln vorgefahren gekommen war. Er musste immer noch lächeln, als er sich an ihre Gesichter erinnerte.

Viel hatte er ihnen nicht erzählt. Das mit dem Erbe hatten sie nicht ganz kapiert – »Wie kannst du erben, wenn wir noch leben, Junge?«, hatte sein Vater bestimmt fünfmal gefragt –, aber dass er jetzt reich war, das hatten sie verstanden. Wie reich, hatte er ihnen vorerst erspart, denn es sollte nur ein kurzer Besuch werden, und unter einer Billion Dollar hätten sie sich ohnehin nichts vorstellen können. Schließlich konnte er das selber noch nicht.

Auf dem Rückweg von Bridgewater hatten sie in der Fifth Avenue Halt gemacht, direkt vor den feinsten und edelsten Läden. Eduardo, der ihn die ganze Zeit begleitete wie ein Reiseführer durch die wunderbare Welt des Reichtums, hatte ihm eine goldene Kreditkarte überreicht, in die sein Name geprägt war, mit den Worten: »Läuft auf eines Ihrer Konten«, und dann waren sie hineingegangen in einen dieser Tempel der Schneiderskunst.

Stille hatte sie umfangen und der Geruch nach Stoffen, feinem Leder und edlem Parfum. Die Vitrinen, Packtische und Kleiderbügel schienen so alt zu sein wie die Besiedelung Amerikas. John wäre kein bisschen überrascht gewesen, wenn jemand behauptet hätte, das dunkle Holz, aus dem die gesamte Ausstattung bestand, stamme von der Mayflower selbst. Ein grauhaariger, leicht hinkender Mann war ihnen entgegengetreten wie ein Gralshüter, hatte mit einem raschen, professionellen Blick den tadellos, allenfalls etwas zu modisch gekleideten Eduardo von Kopf bis Fuß gemustert und gleich darauf John, der noch seine Jeans, sein verschlissenes Hemd und sein ausgeleiertes Jackett trug, und ohne eine Miene zu verziehen entschieden, dass John es war, der seiner Hilfe bedurfte. Wie viel sie anzulegen gedächten für die Ausstattung des jungen Mannes, hatte er gefragt.

»Was nötig ist«, hatte Eduardo gesagt.

Und dann war es losgegangen. John probierte an, Eduardo entschied, schlug vor, kommentierte, kommandierte die Angestellten umher.

Die Idee, sich mit richtiggehenden Anzügen, Hemden, Krawatten und so weiter auszustaffieren, hatte John zunächst heftig widerstrebt. Das sei unbequem, schmutzanfällig, und er käme sich darin sicher vor wie verkleidet.

»Sie können sich das Beste vom Besten leisten«, hatte Eduardo gesagt, »und das ist ganz bestimmt nicht unbequem, sonst würden es reiche Leute nicht tragen.«

»Zweifellos werden Sie es sich leisten können, anzuziehen, was immer Sie wollen«, hatte sein Vater, Gregorio, umständlich dargelegt. »Aber zumindest für gewisse Anlässe halten wir den Besitz einer entsprechenden Garderobe für empfehlenswert.«

»Sie sind ein reicher Mann«, hatte dessen Bruder Alberto mit einem gemütlichen Augenzwinkern gemeint. »Sie wollen sich doch sicher auch fühlen wie ein reicher Mann.«

Großvater Cristoforo hatte gelächelt und gesagt: »Warten Sie doch einfach ab, wie Sie sich fühlen.«

Und in der Tat, als John schließlich im ersten Anzug vor dem Spiegel stand, war er nicht wenig beeindruckt. Du meine Güte, was für ein Unterschied! Als er den Laden betreten hatte, war er sich wie ein Häuflein Elend vorgekommen, wie ein verirrter Stadtstreicher, wie der geborene Verlierer, und eine beinahe übermächtige Stimme in seinem Inneren hatte ihn gedrängt, zu rennen und zu flüchten, weil er in dieser Umgebung einfach nichts verloren hatte, nicht geboren war für so viel Reichtum und Pracht. Und nun, in einem klassischen dunkelblauen Zweireiher, einem schneeweißen Hemd und einer dezent gestreiften Krawatte, in glänzenden schwarzen Schuhen, die so hart und schwer waren, dass jeder Schritt ein machtvoll klingendes Geräusch machte, sah er nicht nur aus, als ob er in diese Umgebung gehörte, vielmehr schien geradezu ein Leuchten von seiner Gestalt im Spiegel auszugehen. Auf einmal war er ein Gewinner, eine unübersehbar wichtige Persönlichkeit. John sah auf das erbärmliche Häufchen seiner alten Klamotten hinab und wusste, dass er sie nie mehr anziehen würde. Es war geradezu magisch, diese Anzüge zu tragen. Er fühlte sich wie ein Halbgott darin, und es machte ihn ganz trunken. Es war zum Süchtigwerden schön.

So kauften sie und kauften, und am Schluss belief sich die Rechnung auf sechsundzwanzigtausend Dollar.

»Mein Gott, Mister Vacchi«, flüsterte John Eduardo zu und hatte das Gefühl, blass geworden zu sein. »Sechsundzwanzigtausend Dollar!«

Eduardo hob nur die Augenbrauen. »Ja, und?«

»So viel Geld für ein paar Anzüge?«, zischelte John und fühlte sich ganz elend.

»Wir haben fast zwei Stunden gebraucht, um diese Anzüge auszusuchen. Falls es Sie beruhigt – in dieser Zeit ist Ihr Vermögen um annähernd neun Millionen Dollar gewachsen.«

John verschlug es den Atem.

»Neun Millionen? In zwei Stunden?«

»Ich rechne es Ihnen gern vor.«

»Dann hätten wir ja den ganzen Laden kaufen können.«

»Hätten wir.«

John sah wieder auf die Rechnung, und mit einem Mal kam ihm die Endsumme geradezu lächerlich vor. Er ging zurück damit an die Kasse und legte sie zusammen mit seiner neuen Kreditkarte vor, der grauhaarige Mann verschwand damit hinter einem Vorhang, und als er wieder zum Vorschein kam, schien ihm ein Buckel gewachsen zu sein, so diensteifrig war er mit einem Mal. John fragte sich, was er bei seinem Kontrollanruf erfahren haben mochte.

Er beschloss, einen der Anzüge gleich anzubehalten. Man werde seine alte Kleidung selbstverständlich gern entsorgen, erklärte der Grauhaarige. Er sagte tatsächlich ›entsorgen‹, als handele es sich bei dem, was John getragen hatte, als sie in den Laden gekommen waren, um eine Art Sondermüll. John konnte ihn sich direkt vorstellen, wie er, nachdem sie gegangen waren, die alte Jeans mit einer langen stählernen Greifzange vom Boden aufheben und mit angewidertem Gesicht hinab in den Keller tragen würde, um sie im Ofen zu verbrennen. Eduardo regelte die Lieferung der restlichen Garderobe an die Spedition, die auch Johns übrigen Besitz nach Florenz bringen würde, dann gingen sie.

Später, an den Kontrollen am John-F.-Kennedy-Flughafen, fiel John auf, wie anders er sich fühlte und wie anders er auch behandelt wurde – einfach weil er einen teuren Anzug trug. Die Wachbeamten sprachen ihn höflich, geradezu unterwürfig an. Die Zollbeamten glaubten ihm, dass er nichts zu verzollen habe. Die anderen Passagiere warfen respektvolle Blicke herüber und schienen sich zu fragen, wer er war.

»Kleider machen Leute«, sagte Eduardo, als John ihm seine Beobachtungen mitteilte.

»So einfach ist das?«, wunderte John sich.

»Ja.«

»Aber – jeder könnte das tun! Sich einen wirklich guten Anzug kaufen. Okay, tausend Dollar ist eine Menge Geld, aber wenn man bedenkt, was Leute für Autos ausgeben …«

Eduardo hatte nur gelächelt.

Auf dem Parkplatz vor dem Flughafen, direkt vor dem Ausgang, wartete ein silberfarbener Rolls-Royce auf sie, lang gestreckt und makellos glänzend, und jeder, der durch die automatisch auffahrenden Glastüren ins Freie trat, starrte den Wagen an wie hypnotisiert.

Vor dem Wagen stand ein weißhaariger, leicht gebeugt stehender Chauffeur, der ihnen mit aristokratisch unbewegter Miene entgegensah. Seine Uniform ließ an alte Filme denken, und er trug sie mit sichtlichem Stolz. Als die vier Anwälte zusammen mit John herauskamen, ihre Kofferwagen vor sich herschiebend, nahm er die Uniformmütze ab, klemmte sie unter den linken Arm und öffnete mit der Rechten den Wagenschlag.

John wunderte sich schon gar nicht mehr. Ein Rolls-Royce. Na klar. Was denn sonst? Und dass er sich schon nicht mehr wunderte, wunderte ihn wiederum.

»So«, meinte Eduardo dann leichthin, »jetzt werden die Leute gleich was zu staunen haben.«

»Wieso?«, wollte John irritiert wissen.

»Weil wir unsere Koffer selber einladen müssen. Benito hat ziemliche Probleme mit seinem Rücken – die Bandscheiben und noch ein paar lateinische Dinge, die in so einem Rücken kaputt sein können –, und er darf nichts mehr heben, das schwerer ist als ein Autoschlüssel.«

Und so wuchteten John und die drei jüngeren Vacchis die schweren Hartschalenkoffer in den überraschend geräumigen Kofferraum des Rolls-Royce, während der Padrone und der Chauffeur zusammenstanden und sich in einem derart schnellen und dialektgefärbten Italienisch unterhielten, dass John so gut wie nichts verstand. Und tatsächlich, die Leute ringsumher staunten, und ein paar machten entsprechende Bemerkungen.

Benito, der Chauffeur, war wirklich nicht mehr der Jüngste. Neben ihm wirkte Eduardos Großvater beinahe jugendlich. Worüber auch immer sie sich unterhielten, sie schienen sich glänzend zu verstehen.

»Benito müsste eigentlich seit zehn Jahren in Rente sein, und im Grunde ist er das auch«, erklärte Alberto, der Johns Blicke gesehen und entsprechend gedeutet hatte. »Aber er hat sein Leben lang als Chauffeur für uns gearbeitet. Er würde eingehen, wenn er keinen Rolls-Royce mehr fahren dürfte, und deshalb fährt er ihn, solange er will.«

Nachdem die Koffer untergebracht waren, stiegen sie ein, fuhren los und standen gleich darauf im Stau wie alle anderen Autos ringsumher auch.

»Wir fahren hinaus auf unseren Landsitz«, erklärte Cristoforo, an John gewandt. »Sie sind selbstverständlich unser Gast, bis alle Formalitäten erledigt sind und Sie Ihren künftigen Wohnsitz gewählt haben.«

John, den die ruppige Fahrweise der anderen Autos, das unentwegte Hupen und das Gestikulieren der Fahrer irritierte, sah auf. »Von welchen Formalitäten sprechen wir konkret?«

»Das Vermögen muss offiziell in Ihren Besitz übergehen. Was wir dabei vermeiden müssen – und vermeiden werden, keine Sorge – ist, dass Erbschaftssteuer anfällt.«

»Wie viel wäre das denn?«

»Viel. Die Hälfte.«

Verblüffenderweise spürte John bei dieser Information einen heißen, wütenden Impuls aus seinem Bauch aufsteigen; ein Gefühl, das er gleich darauf als Aggression identifizierte. Verrückt, dachte er. Vor zwei Tagen hatte er sich noch gewünscht, das Erbe hätte sich auf überschaubare vier Millionen Dollar beschränkt, anstatt so überwältigende Dimensionen anzunehmen. Und nun, gerade so, als hätte er jede einzelne der tausend Milliarden im Schweiße seines Angesichts und mit seiner eigenen Hände Arbeit verdient, ließ ihm die Vorstellung, irgendein Finanzamt könne ihm einfach die Hälfte davon wegnehmen, den Kamm schwellen vor Wut.

»Aber wie wollen Sie das anstellen?«

Das war Gregorios Gebiet. »Wir haben eine Art Gentlemen’s Agreement mit dem italienischen Finanzminister getroffen. Er begnügt sich mit einer symbolischen Erbschaftssteuer von ein paar Millionen, und Sie versprechen ihm dafür, mindestens ein Jahr lang Ihre Kapitaleinkünfte in Italien zu versteuern. Das bringt ihm zwanzig Milliarden Dollar in die Kasse, die er im Augenblick gut brauchen kann.«

»Jeder Finanzminister könnte das, oder?«

»Ja«, stimmte der Anwalt ihm zu. »Aber Italien möchte unbedingt der Europäischen Währungsunion beitreten, die 1999 beginnen soll, und im Augenblick ist sehr fraglich, ob man die erforderlichen Finanzkriterien bis dahin erfüllen kann. Ihre zwanzig Milliarden könnten das Zünglein an der Waage sein. Deshalb ist der Minister, sagen wir … außergewöhnlich kompromissbereit

John nickte verstehend, aber mit einem komischen Gefühl im Magen. An diese Sicht der Dinge musste er sich erst noch gewöhnen. Dass alles, was er sagte oder tat, bemerkt werden würde und, mehr noch, dass es massive Auswirkungen auf das Leben unzähliger anderer Menschen haben konnte.

Irgendwie konnte er das alles noch nicht wirklich glauben.

Eines der Geschäfte entlang der Straße, in der sie sich unwesentlich schneller als ein Fußgänger vorwärts bewegten, zog seine Aufmerksamkeit auf sich.

»Sie haben gesagt, dass mir das Geld wirklich gehört«, sagte er, an Gregorio gerichtet. »Stimmt das jetzt, in diesem Moment, auch schon?«

»Sicher.«

»Ich könnte also nach Belieben etwas davon ausgeben?«

»Jederzeit.« Er wandte sich an seinen Sohn. »Eduardo, du hast ihm doch seine Kreditkarte gegeben, oder?« Der nickte.

»Okay«, sagte John. »Lassen Sie mich aussteigen.«

In einem anderen Leben hatte John einmal einen Artikel gelesen, in dem der Autor eine Fahrt in einem Ferrari mit den Worten beschrieben hatte, es sei besser als Sex.

Der Mann hatte Recht.

Seit sie von der Autobahn abgefahren waren, die sie an Städten mit klangvollen Namen wie Prato, Pistòria oder Montecatini vorbeigeführt hatte, waren die Straßen schmal und wanden sich in engen Kurven durch trockene Hügel. Entlang der Felder waren Steine zu Haufen aufgeschichtet, und immer wieder kamen sie an uralt und verlassen aussehenden Bauernhäusern vorbei. Wenn sie durch ein Dorf fuhren, liefen schmuddelige Kinder zusammen, schrien und winkten ihnen zu, und auch die Männer, die in offenen Türen standen oder an ihren Traktoren schraubten, hoben grüßend die Hand.

»Wenn Sie an der Kreuzung dort vorn rechts abbiegen, kürzen wir den Weg ab«, schrie Eduardo.

»Und wenn ich geradeaus fahre?«

»Brauchen wir zwanzig Minuten länger.«

»Dann fahren wir geradeaus«, sagte John, gab Gas und genoss es, in die harten Ledersitze gepresst zu werden, als der rote Ferrari mit unnachahmlichem, geradezu göttlichem Röhren beschleunigte und über die weithin leere Kreuzung schoss wie ein von einem Bogen geschnellter Pfeil.

Besser als Sex, wirklich. John hatte es sich toll vorgestellt, einen Ferrari zu fahren, aber die Wirklichkeit war noch weitaus erregender, als er es sich ausgemalt hatte. Man war umgeben von einer kraftvollen Maschine, spürte das Donnern des Motors, als wäre es das Geräusch des eigenen Herzens, und das Auto wurde eins mit dem eigenen Körper – man schoss dahin, unaufhaltsam, mit unbändiger Geschwindigkeit und unbändiger Kraft, jagte über Straßen und durch Kurven, dass das Blut in den Adern kochte, und es war, als gehöre einem die Welt.

»Disqualifiziert mich das jetzt in Ihren Augen?«, fragte John, als sie über eine Brücke donnerten, die über einen schmalen, fast eingetrockneten Bach führte.

»Inwiefern?«

»Na ja«, meinte John mit einer weiten Geste, die ungefähr den Wagen umfasste, in dem sie saßen, »da finden Sie den Erben des Fontanelli-Vermögens, den Erfüller der Prophezeiung, der seit einem halben Jahrtausend dazu ausersehen ist, der Menschheit ihre Zukunft zurückzugeben … und das Erste, was er tut, ist, sich so etwas Sinnloses und absolut Überflüssiges zu kaufen wie einen sündteuren Sportwagen!«

Eduardo lachte. »Da kennen Sie meinen Großvater schlecht. Der hat Sie ins Herz geschlossen, und das ist für immer. Jetzt können Sie anstellen, was Sie wollen.«

John hob überrascht die Augenbrauen. »Oh.« Das berührte ihn irgendwie.

»Abgesehen davon«, fuhr Eduardo fort, »entsprechen Sie genau einer Theorie, die er entwickelt hat.«

»Einer Theorie?«

»Er hat jahrzehntelang die Schicksale von Leuten verfolgt, die plötzlich und unerwartet zu sehr viel Geld gekommen sind. Was man eben aus Zeitungen so erfährt. Er sagt, diejenigen, die sofort anfangen zu sparen, verlieren ihr neues Vermögen bald wieder. Diejenigen dagegen, die sich als Erstes einen total verrückten Wunschtraum erfüllen, lernen später meistens, mit ihrem Geld richtig umzugehen.«

»Dann besteht ja noch Hoffnung.«

»Genau.«

Er hatte es einfach tun müssen. Als er das Schaufenster mit den roten Boliden darin gesehen hatte, mit albern aufgetakelten Schaufensterpuppen und dem unverkennbaren schwarzen Pferd auf gelbem Grund, war es wie Hunger in ihm aufgestiegen: So ein Auto wollte er haben, wollte es fahren, und zwar sofort.

In Filmen ging so etwas immer einfach. Auf dieser Seite der Leinwand aber musste ein Auto zugelassen werden, versichert, man musste erst auf tausend Ämtern gewesen sein, ehe man damit losfahren konnte.

Eduardo war ihm mit hilfreichen Worten beigestanden, und schließlich hatte jemand genickt: Man werde alles für ihn erledigen, was zu erledigen war, und es hatte alles bis später Zeit. Er würde sofort losfahren können. Alles, was er zu tun hatte, war, einen Kreditkartenbeleg über einen unglaublichen Riesenbetrag in Lire zu unterschreiben – was John tat, ohne sich die Mühe zu machen, ihn in Dollar umzurechnen –, und dann kam der magische Moment: Der Chef der Niederlassung, ein vorzüglich gekleideter Mann mit ölig glänzendem Haar, drückte ihm den Schlüssel in die Hand, Eduardo und er stiegen in den Wagen, die Schaufensterscheibe vor ihnen wurde beiseite gekurbelt, und begleitet von einem begeisterten Hupkonzert auf der Straße fuhren sie hinaus und davon.

Dabei war John eigentlich nie Ferrari-Fan gewesen. In der Fernsehserie »Magnum« hatte er es ziemlich affig gefunden, dass Tom Selleck darin mit einem Ferrari durch die Gegend fuhr, der in seinen Augen ein überteuertes und unpraktisches Fahrzeug war. Von irgendeinem tollen Auto als Symbol dafür, es geschafft zu haben, hatte er natürlich immer geträumt, wie jeder gesunde Amerikaner, aber sich darunter vielleicht einen Cadillac vorgestellt oder einen Porsche. Bestimmt keinen Ferrari.

Doch wenn er zurückdachte an den Moment, als er aus dem Fond des Rolls-Royce das Schaufenster der Ferrari-Niederlassung gesehen hatte, war es ihm da im Grunde darum gegangen zu testen, was die ganzen Worte wirklich wert waren. Ob er, der jetzt angeblich der reichste Mann aller Zeiten war, einfach hingehen und sich ein unsinniges Auto kaufen konnte.

Und siehe da, er konnte.

»Ihr Großvater glaubt wirklich an diese Prophezeiung, nicht wahr?«, fragte John.

Eduardo nickte. »Ja. Das tut er.«

»Und Sie?«

»Hmm.« Eine lange Pause. »Nicht in dem Sinne, in dem Großvater daran glaubt.«

»Was glauben Sie?«

»Ich glaube, dass wir als Familie etwas ziemlich Beispielloses geschafft haben, indem wir dieses Vermögen über so lange Zeit erhalten haben. Ich glaube aber auch, dass es nicht uns gehört. Dass es wirklich dem von Fontanelli bestimmten Erben gehört.«

»Mir.«

»Ja.«

»Ist Ihnen niemals der Gedanke gekommen, es einfach zu behalten? Ich meine, wer wusste denn überhaupt von der Existenz dieses Vermögens?«

»Niemand. Es klingt verrückt, ich weiß. Aber so bin ich aufgewachsen. Das können Sie sich vermutlich nicht vorstellen. Ich bin aufgewachsen in einer Atmosphäre des Wartens und Planens, des Arbeitens an den Vorbereitungen für einen ganz bestimmten Tag, einen Tag, der schon seit fünfhundert Jahren feststand. Die Aufgabe der Vacchis ist es, das Vermögen zu hüten und zu bewahren und es sich gleichmäßig vermehren zu lassen, bis es dem Erben übergeben wird. Danach – sobald der Erbe Herr des Vermögens ist – sind wir frei. Dann ist die Verpflichtung erloschen.«

John versuchte, sich diese Lebensweise vorzustellen – Menschen, die sich gebunden fühlten an ein Versprechen, das ihr Urahn Jahrhunderte vorher abgegeben hatte –, und ihn schauderte, so fremdartig kam es ihm vor. »Empfinden Sie das so? Als Verpflichtung? Als drückende Last?«

»Es ist keine drückende Last. Es ist einfach unsere Aufgabe, und erst wenn sie erfüllt ist, können wir uns anderen Dingen zuwenden.« Eduardo zuckte die Schultern. »Das kommt Ihnen wahrscheinlich merkwürdig vor. Aber Sie müssen sich vorstellen, dass ich alle diese Dinge, die Ihnen mein Großvater vor zwei Tagen erzählt hat, zeit meines Lebens kenne. Ich habe die Geschichte von Fontanellis Traum erzählt bekommen wie andere Kinder die Weihnachtsgeschichte. Ich kann sie auswendig herbeten. Jedes Jahr haben wir den 23. April wie einen Festtag begangen und jedes Mal gesagt: Jetzt sind es noch soundsoviel Jahre. Ich kann an kein Ereignis aus der Geschichte der letzten Jahrhunderte denken, ohne dass mir einfällt, welchen Stand das Fontanelli-Vermögen in diesem Jahr erreicht hatte. Und all die Jahre hindurch haben wir die Fontanelli-Familie beobachtet, wussten über jede Eheschließung und jede Geburt Bescheid, wussten, wer welchen Beruf hat und wer in welcher Stadt lebt. Wobei wir in den letzten Jahren etwas geschlampt haben. Je näher der Stichtag kam, desto sicherer waren wir uns, dass Ihr Cousin Lorenzo der Erbe sein würde.«

Das gab John einen Stich. »Und sind Sie jetzt enttäuscht, dass ich es geworden bin?«

»Mich dürfen Sie das nicht fragen. Ich habe bis letzten Herbst studiert und bin ihm nie begegnet. Die Beobachtung war Aufgabe der anderen. – Hier müssen wir rechts.«

John folgte der Anweisung, und sie kamen auf eine leicht bergan führende Straße, die sie zum Langsamfahren zwang, weil sie eng und kurvenreich war. »Wer waren die anderen Kandidaten?«

»Nummer zwei waren Sie. Nummer drei wäre ein Cousin um ein paar Ecken gewesen, ein Zahntechniker in Livorno, einunddreißig Jahre alt, verheiratet, aber kinderlos, was bei den Fontanellis übrigens auffallend häufig ist.«

»Der wird sich ärgern.«

»Er weiß es nicht.«

Sie erreichten einen Bergsattel, und nun führte die Straße sehr überschaubar auf ein Dorf zu. Etwas abseits, mit einem Blick auf das Mittelmeer, der überwältigend sein musste, lag ein großes Anwesen, und John hatte das sichere Gefühl, dass es sich dabei um den Landsitz der Vacchis handelte.

»Was denkt Ihr Großvater über mich?«

»Dass Sie der Erbe sind, den Giacomo Fontanelli im Jahre 1495 in seinem Traum gesehen hat. Und dass Sie mit Ihrem Vermögen etwas sehr, sehr Gutes für die Menschen vollbringen werden, etwas, das die Türen zur Zukunft wieder öffnet.«

»Ziemlich anspruchsvolle Erwartungen, oder?«

»Offen gestanden denke ich, dass das mystischer Mumpitz ist.« Eduardo lachte laut auf.

Sie näherten sich dem Dorf. Die Straße, die von der anderen Seite kam, erkannte John, wäre breiter gewesen.

»Aber der Glaube kommt bei den Vacchis mit dem Alter, heißt es bei uns«, fuhr Eduardo fort. »Mein Vater und mein Onkel sind in dem Stadium, in dem ein Vacchi zumindest glaubt, dass man mit dem vielen Geld etwas durchschlagend Sinnvolles tun müsste, und sie strengen sich die Köpfe an, um auf eine zündende Idee zu kommen, was das sein könnte. Mein Großvater kümmert sich darum überhaupt nicht. Sie sind der richtige Erbe, das Ganze ist eine heilige Vision, und wenn Sie einen Ferrari kaufen, dann ist das eben in Gottes Plan so vorgesehen, e basta

Eduardo hatte ihn mit kurzen Fingerzeigen, die John inzwischen gut zu deuten verstand, durch das Dorf gelotst, das einen friedvollen Eindruck machte. Sie erreichten das Anwesen, fuhren durch ein breites Portal, dessen schmiedeeiserne Gittertore weit offen standen, auf einen weiträumigen, kiesbestreuten Innenhof. Der Rolls-Royce stand schon da, im Schatten einiger hoher, alter Bäume, und John brachte den Ferrari daneben zum Stillstand. Es war wie Taubwerden, als der Motor nicht mehr lief.

»Und was denken Sie?«, wollte er wissen.

Eduardo grinste. »Ich denke – John, Sie besitzen eine Billion Dollar. Sie sind der König der Welt. Wenn Sie das jetzt nicht genießen, dann sind Sie bescheuert.«

4

DAS GANZE ANWESEN atmete Geschichte. Die Wipfel der Bäume rauschten leicht in einem Wind, der vom Meer her kam, und warfen unruhige Schatten auf die trutzig aufragenden Mauern, deren Verputz feine Risse aufwies. Sie hatten gerade ein paar knirschende Schritte über den Kies gemacht, als die Haustür geöffnet wurde. Eine wohlbeleibte Frau, die Mitte fünfzig sein mochte und jederzeit für Spaghetti hätte Reklame machen können, trat ihnen mit einem italienischen Wortschwall entgegen.

»Du musst langsamer reden, Giovanna«, rief ihr Eduardo auf Italienisch entgegen. »Sonst versteht Signor Fontanelli dich nicht!« Zu John gewandt, sagte er auf Englisch: »Das ist Giovanna, der gute Geist des Hauses. Sie wird sich um Sie kümmern, aber sie spricht kein Englisch.«

»Zumindest das, was Sie zu ihr gesagt haben, habe ich verstanden«, grinste John. »Es wird schon gehen.« Sein Vater hatte immer darauf bestanden, dass die Kinder zumindest die Grundbegriffe seiner Muttersprache beherrschten, aber da zu Hause dann doch meistens Englisch gesprochen worden war, hatte er wenig Gelegenheit zum Üben gehabt. Aber das, was er gekonnt hatte, tauchte langsam wieder auf.

Sie traten durch die Tür in eine dunkle, kühle Halle. Eine Treppe führte überaus repräsentativ zu einer Galerie empor. Rechts und links gingen dämmrige Flure ab, und von oben hing ein schwerer Kronleuchter herab. Ihre Schritte hallten auf dem kahlen Terrakottaboden.

Eduardo schärfte Giovanna noch einmal ein, langsam und deutlich mit John zu sprechen, was ihm einen verweisenden Blick von ihr eintrug, verabschiedete sich und zog sich zurück. John folgte der resoluten Hausverwalterin die Treppe hinauf und durch lichtere Flure, bis sie in ein großes Zimmer kamen, von dem sie behauptete, es sei seines, ein Zimmer so groß wie ein Saal, das große Glastüren hatte hinaus auf einen weiten Balkon, von dessen verwitterter Sandsteinbrüstung aus man über das Mittelmeer sehen konnte.

»Hier ist Ihr Badezimmer«, sagte sie, aber John hatte nur Augen für die schimmernde Weite des Meeres. Wenn er etwas bräuchte, egal was – er brauche nur die Fünfzehn zu wählen.

»Wie bitte?«, sagte John, schon ganz automatisch auf Italienisch, und drehte sich um. Sie stand neben dem Bett und hielt den Hörer des Telefons in der Hand, ein modernes, schnurloses Telefon, dessen Ladestation auf dem Nachttisch stand.

»Fünfzehn«, sagte Giovanna noch einmal. »Wenn Sie etwas brauchen.«

»Ja.« John nickte, nahm das Telefon, als sie es ihm reichte. »Und wenn ich telefonieren muss? Nach außerhalb?« Das italienische Wort für Amtsleitung fiel ihm nicht ein.

»Eine Null wählen«, erklärte Giovanna, geduldig wie eine Mutter mit einem begriffsstutzigen Kind. John fragte sich, ob sie wohl Kinder hatte. Dann schaute er sich das Telefon an. Es hatte ein kleines, durchsichtiges Plastikschildchen, in dem eine Karte mit der Telefonnummer steckte. Seine Durchwahl war 23.

»Danke«, sagte er.

Nachdem sie gegangen war, spürte er, dass er müde war. Das musste der Jetlag sein. Er hatte während des Fluges kaum geschlafen, und er hatte keinerlei Gefühl für die Tageszeit, fühlte sich durcheinander und aufgekratzt und gleichzeitig zum Hinfallen müde. Das Bett sah gut aus, breit und angenehm, frisch gemacht. Die Fahrt mit dem Ferrari war wie ein Adrenalinstoß gewesen, wie ein starker Kaffee, hellwach und ekstatisch, wie er durch die Landschaft geschossen war … er konnte jetzt nicht schlafen, auch wenn ihm vielleicht danach war. Er würde kein Auge zutun. Aber sich ein bisschen aufs Bett legen, ein wenig ausruhen, das konnte er doch. Das schadete nicht …

Als er wieder erwachte, hochfuhr und sich umsah und erst langsam begriff, wo er war und was geschehen war, war es immer noch hell – oder vielleicht auch wieder hell –, aber das Licht hatte sich verändert. Er setzte sich auf, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und schüttelte benommen den Kopf. In den Kleidern einzuschlafen, von einer Sekunde auf die andere …

Er stemmte sich mühsam hoch. Wo war das Badezimmer gewesen? Egal. Wie von selbst zog es ihn zu den Balkontüren, hinaus auf den Balkon. Die frische, nach Salz und Weite riechende Luft klärte ihm den Kopf. Die Sonne stand tief am Horizont vor ihm, das musste Westen sein – also war es später Nachmittag. Er hatte mindestens fünf Stunden verschlafen.

Jetzt sah er erst, wie das Haus der Vacchis gebaut war. Es gab ein Haupthaus, von dem zwei Flügel abgingen, die jeweils rechtwinklig umknickten, dem Meer entgegen, und in einer großzügigen Terrasse endeten. Eine davon war die, auf der er jetzt stand. Auf der anderen Terrasse, dem Gegenstück zu seiner am entgegengesetzten Ende des Gebäudes, waren blaue Sonnensegel gespannt, unter denen gerade ein großer Tisch gedeckt wurde. Wilder Wein rankte sich über die Brüstung, auf der große Töpfe mit roten, blauen und violetten Blumen standen. Jemand winkte ihm zu, herüberzukommen. »Abendessen!«, verstand er und erkannte Alberto Vacchi. Der andere, der da saß, konnte sein Bruder Gregorio sein, und dann waren da noch eine Frau, die er nicht kannte, und Giovanna zusammen mit einem jungen Mädchen in einer formellen Hausmädchenkleidung, die Teller und Gläser auf den Tisch stellten.

John winkte zurück, blieb aber noch eine Weile stehen und schaute über das weite Meer, das im Sonnenlicht funkelte wie eine Kitschpostkarte. Eine große, schneeweiße Jacht zog quer über das Wasser, und ihr Anblick rief jenen leisen Neid in John wach, den wohl jeder spürt, der am Ufer steht und zu einem solchen unerreichbar schönen Schiff hinübersehen muss – Jachten scheinen geradezu dafür gebaut zu sein, solche Gefühle bei Beobachtern hervorzurufen.

Dann fiel ihm ein, dass er ja reich war, unvorstellbar reich. Er konnte sich so eine Jacht kaufen, wenn er wollte. Er konnte sich ein Dutzend solcher Jachten kaufen. Wenn ihm danach war, konnte er sich einen privaten Jumbo-Jet zulegen, eine ganze Flotte davon. Und selbst das würde das stetige Wachstum seines monströsen Vermögens nicht merkbar verzögern. Mit jedem Atemzug, hatte Eduardo gesagt, sind Sie um viertausend Dollar reicher. Das hieß, das Vermögen wuchs schneller, als er es hätte zählen können, selbst wenn man ihm Tausend-Dollar-Scheine geben würde.

Dieser Gedanke ließ jäh seine Knie weich werden, ohne dass er hätte sagen können, warum eigentlich. Plötzlich war das alles zu viel, machte ihm Angst, rollte heran und drohte ihn unter sich zu zermalmen und zu begraben wie eine abgehende Lawine. Er wandte sich dem Haus zu, tastete an den Glastüren entlang zu der, die offen stand, und ließ sich, als er endlich im Zimmer war, auf den Teppichboden sinken. So blieb er liegen, bis die dunklen Nebel vor seinen Augen wieder wichen.

Hoffentlich sah ihn niemand so. Er setzte sich langsam auf, blieb sitzen, wartete. Schließlich stand er auf, fand das Badezimmer und hielt sein Gesicht unter den Wasserhahn, und als er wieder herauskam, roch er plötzlich unglaublich verlockende Bratendüfte, die von der anderen Terrasse herübergeweht kamen und sich in seinem Zimmer verfingen. Er hätte gern geduscht und etwas anderes angezogen, aber er wusste nicht, wann und wo seine Sachen ankommen würden, und er wollte jetzt, Telefon hin oder her, niemanden deswegen in Aufruhr versetzen. Außerdem lockte das Abendessen, und er beschloss, dass die Dusche Zeit hatte.

Er fand den Weg hinüber auf eigene Faust. Das war nicht so schwer, das Haus war symmetrisch gebaut. Das, was auf seiner Seite sein Zimmer war, war hier ein prachtvoll ausgestatteter Salon, und als er auf die Terrasse trat, wurde er freundlich willkommen geheißen.

»Diese Transatlantikflüge haben es in sich«, meinte Alberto und winkte ihn auf den freien Platz neben sich. »Vor allem die in östliche Richtung. Da hilft nur Schlaf und gute Ernährung … Giovanna, einen Teller für unseren hohen Gast.«

Sie saßen alle an einem langen, massiven Tisch aus Holz, der vor Jahrhunderten für irgendeinen Rittersaal gezimmert worden zu sein schien, die Anwälte an einem Ende – nur der Padrone fehlte – und eine Hand voll weiterer Gäste am anderen, von denen John nur Benito, den Chauffeur, erkannte und Giovanna, die bei ihm saß und heftig gestikulierend auf ihn einredete. Dazwischen, in der Mitte des Tisches standen große gläserne Schüsseln mit farbenprächtigen Salaten, Körbe mit frischem, nach Hefe duftendem Weißbrot und gusseiserne Töpfe, in denen gebratene Fische vor sich hin schmurgelten. Das junge Hausmädchen sprang auf Giovannas Wink herbei und stellte John einen Teller hin, Besteck und ein Glas aus geschliffenem Kristall.

Alberto übernahm unterdessen die Vorstellung. Die Frau, die John schon von seiner Terrasse aus gesehen hatte, hieß Alvina, war Gregorios Frau und demzufolge Eduardos Mutter. Sie sprach gut Englisch, wenn auch mit starkem Akzent, und erzählte, dass sie an der Schule hier im Dorf unterrichtete. Dann sprudelte Alberto weitere Namen hervor, die John sich allesamt nicht merken konnte, aber er besah sich die Gesichter dazu. Der stämmige Mann mit der beginnenden Glatze, der breitbeinig auf seinem Stuhl saß und der Unterhaltung zwischen Giovanna und Benito zuhörte, war also der Gärtner. Die beiden jungen Burschen, die verbissen an ihren Fischen herumsäbelten, waren den Nachmittag über da gewesen, um das Schwimmbad im Keller zu reinigen, was sie einmal im Monat taten, um sich eine Kleinigkeit dazuzuverdienen. Und der zahnlose Greis, der sich mit benebeltem Lächeln an seinem Weinglas festhielt, war einer der Bauern, von denen der Haushalt der Vacchis frisches Obst und Gemüse bezog.

»Das ist eine unserer festen Einrichtungen«, erklärte Alberto. »Ein großes Abendessen, und jeder, der gerade da ist, wird mit an die Tafel geladen. Auf diese Weise erfährt man immer, was es im Dorf Neues gibt. – Sie müssen doch Hunger haben, John; greifen Sie zu!«

John wandte sich den Schüsseln zu und bediente sich reichlich. Der Anwalt goss ihm währenddessen aus einer dunklen Flasche Wein ein, der in dem Glas tiefrot funkelte wie Rubin.

»Ihr Vater kommt nicht?«, fragte John leichthin und erschrak, als sich daraufhin Albertos Gesicht verdüsterte.

»Er schläft noch. Solche Reisen machen ihm mehr zu schaffen, als er zugeben will.« Er schwieg eine Weile und fügte hinzu: »Es steht nicht mehr zum Besten mit seiner Gesundheit, aber er wollte es sich nicht nehmen lassen, dabei zu sein. So ist er nun mal.«

John nickte. »Ich verstehe.«

»Wie gefällt Ihnen Ihr Zimmer?«, fragte Gregorio.

John, der gerade dazu gekommen war, den ersten Bissen Fisch in den Mund zu schieben, nickte kauend und beeilte sich zu schlucken. »Gut. Wirklich sehr gut. Wunderbare Aussicht.«

»Lass ihn doch essen, Gregorio«, mahnte seine Frau und lächelte John zu. »Es ist das schönste Zimmer im ganzen Haus. Und es wartet schon lange auf Sie.«

»Ah«, machte John und wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Weil ihm nichts einfiel, stopfte er sich etwas Salat in den Mund, und während er kaute, wandte sich das allgemeine Gespräch zum Glück anderen Themen zu.

Alberto schien nicht verheiratet zu sein. Erst jetzt fiel John auf, dass er keinen Ehering trug. Er wirkte auch nicht wie jemand, der verheiratet war. Eduardo stocherte schweigend in seinem Salat und schien mit den Gedanken woanders zu sein, während Alvina und Alberto sich über einen ihrer ehemaligen Schüler unterhielten, der, soweit John dem Gespräch folgen konnte, nach Florenz gegangen, sich als Softwareentwickler selbstständig gemacht und nun offenbar einen einträglichen Großauftrag an Land gezogen hatte. Dann stand der Gärtner auf, trat zu ihnen hin, dankte für das Essen und sagte, er müsse jetzt aber weitermachen, weil er fünf Büsche aus der Erde genommen habe; die müsse er noch heute wieder einsetzen, weil sie morgen Früh vertrocknet sein würden. John spürte, wie eine Anspannung von ihm abfiel, derer er sich gar nicht bewusst gewesen war. Es war beruhigend, hier zu sitzen, einem gebratenen Fisch das weiße Fleisch von den Gräten zu schaben und Brotstücke in den Sud zu stippen, der ölig und mit Knoblauch gesättigt war und wunderbar schmeckte, während ringsherum das Leben weiterging wie bisher auch. Etwas ließ ihn ahnen, dass ihm nicht mehr viele solcher friedlichen Momente vergönnt sein würden. Dies war die Ruhe vor dem Sturm.

Und es würde ein Eine-Billion-Dollar-Sturm werden.

Das Erwachen am Morgen dauerte lange. Es war hell um ihn, ein ungewohntes Licht, und er lag in ungewohnt wohlriechenden Laken auf einer Matratze, die seinem Körper gut tat, weder zu hart noch zu weich war, und da fiel ihm alles wieder ein. Das Erbe. Der Flug. Der Ferrari. Oh, und er hatte wirklich einiges getrunken gestern Abend.

Aber seltsamerweise keinen wattigen Kopf. Er stemmte sich hoch, setzte die nackten Fußsohlen auf schmeichelweichen Teppichboden und schaute sich blinzelnd um in dem riesigen Zimmer. Die Balkontüren standen offen, man hörte von Ferne das Meer rauschen, und man konnte sich einbilden, es zu riechen. Die Möbel waren nicht ganz sein Geschmack, zu zierlich alles, zu viel Glas und Schnickschnack, aber solide sahen sie aus, und sicher waren sie teuer gewesen.

Er fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar, gähnte endlos, versuchte sich zu dehnen. Er erinnerte sich an alles nur wie an einen Traum. Weiß der Himmel, wie er hierher gekommen war, aber das hier war jedenfalls wirklich. Er saß wirklich in einem Pyjama aus Seide auf diesem Bettrand, gähnend, leicht angematscht, aber eindeutig Nicht-Traum.

Und jetzt? Eine Tasse Kaffee würde gut tun. Eine große Tasse, heiß und stark. Vorher eine Dusche.

Und auch ein Billionär musste morgens als Erstes aufs Klo.

Für das Frühstück war auch wieder auf der Terrasse gedeckt, auf der sich anscheinend mehr oder weniger das gesamte Familienleben der Vacchis abzuspielen schien. Jemand hatte das blaue Sonnensegel umgespannt, sodass es die Vormittagssonne abhielt, und in dieser Stellung gewährte es einen Blick über das Meer.

Diesmal saß nur der Padrone da, und der Rest der Familie fehlte. Er lud John mit einer zerbrechlich wirkenden Handbewegung ein, neben ihm Platz zu nehmen. »Was möchten Sie frühstücken? Wir hier in Italien nehmen morgens selten mehr als einen Cappuccino zu uns, aber Giovanna ist in ihrer Küche auf alle Wünsche eingerichtet. Sogar eine Auswahl original amerikanischer Frühstücksflocken kann sie Ihnen bieten, wenn ich mich recht erinnere.«

»Ein Kaffee wäre schon mal ein guter Anfang«, meinte John.

Sie schien ihn gehört zu haben, denn sie kam mit einer großen Tasse Cappuccino an, die sie ihm hinstellte. Sie wirkte auch noch ziemlich verkatert.

»Die anderen schlafen alle noch«, fuhr der alte Mann gut gelaunt fort, als er bemerkte, wie John die Reihen der Fenster musterte. »Kein Wunder. Ein Flug über den Atlantik, dann eine lange Autofahrt, und zum Schluss ein Gelage … So jung sind meine Söhne auch nicht mehr, bloß wollen sie das nicht wahrhaben. Alberto hat Ihnen sicher allerlei grauslige Geschichten über meinen Gesundheitszustand erzählt, was? In Wirklichkeit bin ich dem Abendessen absichtlich ferngeblieben. Wissen Sie, ich habe viele Biografien studiert von Leuten, die sehr alt geworden sind, und festgestellt, dass die Schlafgewohnheiten eine wesentliche Rolle spielen. Nicht die einzige, aber doch eine wichtige. Man kann uralt werden, auch ohne ein Wunder an Kondition und Widerstandskraft zu sein, wenn man nur sorgfältig darauf achtet, genug Schlaf zu haben. – Eduardo könnte aber trotzdem allmählich auftauchen, er ist schließlich in Ihrem Alter.«

John nippte an seiner Tasse, und das bittere, heiße Elixier, das er unter dem süßen Schaum hervorschlürfte, rann wohltuend und belebend seine Kehle hinab. In einem chromglänzenden Drahtkorb lagen kleine Gebäckstücke, und er nahm sich eines. »Soweit ich mich erinnere, ging ich ins Bett, er aber in den Keller, um noch Wein zu holen.«

Cristoforo Vacchi lachte und schüttelte den Kopf. »Dann werden wir den Morgen für uns haben, schätze ich.«

»Ist das gut oder schlecht?«

»Das hängt davon ab, was wir daraus machen. Haben Sie schon irgendwelche Pläne?«

John hatte in das Gebäck gebissen. Es schmeckte leicht salzig, aber sehr angenehm. Er schüttelte kauend den Kopf.

»Das hätte mich auch gewundert«, meinte der alte Vacchi. »Es muss Ihnen alles ohnehin vorkommen wie ein Traum. Wir haben Sie aus Ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen, über den halben Erdball verschleppt, halten Sie hier versteckt … Eine ziemliche Zumutung.«

»Ziemlich.«

Cristoforo Vacchi sah ihn an, mit einem ernsten, wohlwollenden Blick. »Wie fühlen Sie sich, John?«

John wich dem Blick aus, hob seine Tasse. »Eigentlich ganz gut. Wieso?«

»Fühlen Sie sich reich

»Reich?« John atmete tief ein und verzog das Gesicht. »Kann ich nicht behaupten. Okay, ich habe gestern den Ferrari gekauft. Glaube ich zumindest. Aber reich … Nein. Eher, als ob ich in Urlaub wäre. Als ob die italienische Verwandtschaft aufgetaucht und mich überraschend zu einer Europareise mitgenommen hätte.«

»Würden Sie denn gern eine Europareise machen?«

»Darüber habe ich noch nie nachgedacht … Ich denke schon.«

»Im Moment würde ich Ihnen zwar noch abraten«, sagte Cristoforo Vacchi, »aber davon abgesehen wäre das ein Beispiel für einen Wunsch, über den Sie sich klar werden müssen und auch darüber, dass Sie ihn sich erfüllen können, wenn Sie möchten. Das ist ein Lernprozess. Sie müssen lernen, mit Geld umzugehen, auch mit viel Geld. Es gibt keinen materiellen Wunsch mehr, den Sie sich aus Geldmangel versagen müssten – aber es kann andere Gründe geben, und die müssen Sie im Stande sein zu erkennen. Ihr bisheriges Leben hat Sie hierauf nicht vorbereitet – zumindest vordergründig nicht –, und das müssen Sie nachholen.«

John kniff die Augen zusammen. »Was meinen Sie mit ›vordergründig nicht‹?«

Der Padrone schaute prüfend zu dem Sonnensegel hinauf, ließ den Blick über die Verspannung wandern und rückte mit seinem Stuhl dann ein Stück weiter, um im Schatten zu bleiben. »Die Sonne ist nicht mehr dieselbe wie in meiner Jugend. Ich glaube nicht, dass es am Alter liegt. Zu meiner Zeit hat sich niemand über die Sonne beklagt. Ich glaube, es hat tatsächlich mit diesem Ozonloch zu tun. Es hat die Sonne verändert, das heißt natürlich das Licht von ihr, das uns erreicht.« Er nickte nachdenklich. »Derjenige, der die Spraydose erfunden hat, hat das natürlich nicht beabsichtigt. Und vielleicht ist es auch nicht einfach so, dass er allein daran schuld ist. Es kommen immer viele Ursachen zusammen, die ein ganzes Bündel von Wirkungen haben, und alles hängt untereinander zusammen, bildet ein Geflecht, das kaum oder überhaupt nicht zu durchschauen ist. Verstehen Sie, was ich mit ›vordergründig‹ meine?«

John überlegte, nickte dann, obwohl er höchstens ahnte, worauf der alte Mann hinauswollte. »Ja.«

»Ich denke, es hat seinen verborgenen Sinn, dass Sie so aufgewachsen sind, wie Sie aufgewachsen sind, und auch, dass Sie, sagen wir einmal, unserer Aufmerksamkeit ab einem gewissen Alter entgangen sind.« Er schüttelte den Kopf und schien dabei in sich hineinzulachen. »Fünfhundert Jahre Zeit der Vorbereitung, und dann so eine Blamage. Können Sie sich das vorstellen? Nach Lorenzos Tod standen wir da und hatten nichts von Ihnen als einen Namen und Unterlagen, die mindestens zehn Jahre alt waren.« Er kicherte wieder, nahm ein Gebäckstück und tauchte es in seinen Kaffee, bevor er davon abbiss. »Wir wussten nicht einmal, wo Sie wohnen.«

John lächelte mühsam. »Wäre Lorenzo der geeignetere Erbe gewesen?«, fragte er und hielt unwillkürlich den Atem an.

Der Padrone wiegte den Kopf. »Geeignet wäre er sicher gewesen. Er war intelligent, sehr intelligent sogar, hatte in der Schule einige Mathematikpreise gewonnen … Er faszinierte uns alle, das gebe ich zu. Er wäre geeignet gewesen – vordergründig. Aber ich habe Ihnen ja gesagt, dass ich dem Vordergründigen misstraue.«

»Ich habe keine Mathematikpreise gewonnen«, sagte John. »Ich habe schon Schwierigkeiten mit gewöhnlicher Zinsrechnung. Und sonderlich intelligenter als jemand anders bin ich auch nicht.«

Cristoforo Vacchi sah ihn an. »Aber Lorenzo ist tot, und Sie leben.«

»Vielleicht war das ein Fehler.«

»Gott ist es, der uns unser Leben zumisst. Glauben Sie, Gott macht Fehler?«

John hielt inne. »Ich weiß nicht«, sagte er dann. »Vielleicht. Manchmal denke ich, ja.«

Der alte Mann hob die Tasse an die Lippen, trank, nickte sinnierend vor sich hin, als habe er nicht gehört, was John gesagt hatte. »Sie sind noch jung«, sagte er dann plötzlich. »Sie sind noch zu jung, um die Vollkommenheit der Welt sehen zu können, John. Machen Sie sich nichts daraus. Glauben Sie mir – Sie sind der rechtmäßige Erbe.«

»Und warum fühle ich mich dann nicht so?«

»Weil Sie erst lernen müssen, sich so zu fühlen. Sie stehen gewissermaßen noch unter Schock. Ihr ganzes Leben hat sich fundamental verändert, und Sie müssen sich erst in das neue Leben hineinfinden. Das ist ganz normal. Sie müssen viel lernen, viel verstehen, viel erfahren, ehe Sie diesen Schritt bewältigt haben. – Ich würde gerne«, fuhr Cristoforo Vacchi fort und nippte an seinem Cappuccino, »nachher mit Ihnen nach Florenz fahren. Ihnen ein wenig von der Stadt zeigen. Und vor allem unser Archiv. Das befindet sich in unserem Büro dort. Übrigens auch seit fünfhundert Jahren. Haben Sie Lust?«

Das mit den fünfhundert Jahren, dachte John, geht ihm so selbstverständlich von den Lippen, als habe er die ganze Zeit miterlebt. Als gehöre er einer anderen Rasse an, einer Rasse unsterblicher Anwälte.

»Klingt interessant.«

»Wir haben hier im Keller von allen Dokumenten Mikrofilme«, meinte Cristoforo, »aber eben nur Mikrofilme. Ich würde Ihnen gerne die Originale zeigen, damit Sie ein Gefühl für die Zeit, die ganze Geschichte bekommen.« Er schmunzelte. »Vorausgesetzt natürlich, es gelingt mir nachher, Benito zu wecken.«

»Ziemlich weiter Weg zur Arbeit«, meinte John, als sie Lucca passierten und ein Straßenschild verkündete, dass es noch achtundsiebzig Kilometer bis Firenze seien.

»Nun, wir arbeiten nicht so viel, dass uns das stören würde.« Der Padrone lächelte. »Abgesehen davon beschreibt schon Dante die Florentiner als geizig, neidisch und hochmütig – es tut ganz gut, Abstand zu dieser Stadt zu haben.«

»Warum verlassen Sie Florenz dann nicht ganz?«

Cristoforo Vacchi machte eine vage Geste. »Tradition, nehme ich an. Und es macht sich gut auf Visitenkarten, wenn man in der Welt unterwegs ist.«

John nickte und sah wieder aus dem Fenster. »Auch ein Grund.«

Sie redeten ansonsten nicht viel auf der Fahrt. John verlor sich im Anblick der sanften toskanischen Hügel mit ihren Weinbergen und Obstgärten und weißen Villen, und der Alte starrte nachdenklich vor sich hin.

Als sie den Stadtrand von Florenz hinter sich hatten, wies er Benito an, sie an der Piazza San Lorenzo abzusetzen. »Von da aus ist es nicht weit bis zur Kanzlei, und ich kann Ihnen auf dem Weg einige Sehenswürdigkeiten zeigen. Nicht die üblichen – Piazza della Signoria, Uffizien, Duomo, Palazzo Pitti, Ponte Vecchio, das ist so der übliche Rundgang. Aber ich denke, den müssen Sie sich nicht ausgerechnet an einem Samstag antun.«

John nickte. Richtig, heute war Samstag. Sein Zeitgefühl war noch etwas durcheinander.

Der Wagen quälte sich durch endlose Staus zwischen kolossalen mittelalterlichen Fassaden und hielt schließlich vor der rohen Backsteinfront einer wuchtigen, hoch aufragenden Basilika. Cristoforo bat Benito, sie gegen halb drei vor der Kanzlei wieder abzuholen, dann stiegen John und er aus, und der Rolls-Royce glitt unter den aufmerksamen Blicken der Passanten davon.

Es war viel los auf den Straßen von Florenz. Der ganze Vorplatz der Kirche San Lorenzo wurde von grellbunten Verkaufsständen fliegender Händler beansprucht, zwischen denen sich Heerscharen von Touristen drängten, und ein Stimmengewirr in allen Sprachen der Welt wetteiferte mit dem Knattern vorbeifahrender Mopeds. John hielt sich an Cristoforo, der sich hier sichtlich zu Hause fühlte, und folgte ihm zu einem Denkmal, das, umgrenzt von einem dünnen schwarzen Eisengeländer, in der Mitte des Platzes stand und diesen dominierte. Es bestand aus einem reich verzierten Sockel, auf dem eine überlebensgroße Figur saß.

»Das ist der Begründer der Medici-Dynastie, Giovanni di Averardo«, erklärte der Padrone. Er musste schreien, um sich durch den Lärm verständlich zu machen. »Er lebte im vierzehnten Jahrhundert, und sein Sohn Cosimo war der erste Medici, der Florenz regierte – hauptsächlich, weil er reich war. Die Medici besaßen damals das größte Bankimperium Europas.«

John sah zu der nachdenklich dasitzenden Figur auf, betrachtete die lebensecht wirkenden Gesichtszüge. Die Feinheiten der Reliefs waren unter einer dicken schwarzen Patina aus Abgasen und Staub verschwunden, die aussah wie der Schmutz von Jahrhunderten und doch wahrscheinlich nur der Schmutz eines halben Jahres war. »Aha«, machte er.

»Das war um das Jahr 1434 herum, wenn ich mich recht entsinne. Er starb jedenfalls im Jahre 1464, und sein Sohn Piero, den man den Gichtigen nannte, starb fünf Jahre später an eben dieser Krankheit. Damit kam dessen Sohn Lorenzo an die Macht, der damals gerade zwanzig Jahre alt war. Trotzdem regierte er die Stadt mit so viel Umsicht, dass man ihn später ›Il Magnifico‹, ›den Prächtigen‹ nannte.«

»Ah ja.« Schon wieder ein Lorenzo. Solche Belehrungen vor Ort hatte er schon in der Schule gehasst, aber es führte wohl kein Weg daran vorbei.

»Im Jahre 1480 wurde Ihr Urahn Giacomo Fontanelli geboren«, fuhr der alte Anwalt fort, den Blick auf die Statue gerichtet, und als John ihn von der Seite ansah, begriff er, dass alle diese längst vergangenen Ereignisse für diesen Mann eine Bedeutung besaßen, dass sie so sehr zu seinem Leben gehörten wie der Tag seiner Hochzeit. »Lorenzo hatte gerade eine Verschwörung überlebt, der sein Bruder zum Opfer gefallen war, und die Gelegenheit genutzt, sich seine Feinde vom Hals zu schaffen. Damit wuchs Giacomo Fontanelli auf in der Zeit, in der Florenz seine größte Blüte erlebte – eben die Regentschaft von Lorenzo dem Prächtigen.« Cristoforo deutete in Richtung der Kuppeln, die sich am gegenüberliegenden Ende der Kirche, vor der sie standen, über diese erhoben. »Dort drüben sind die Medici-Fürsten übrigens alle beigesetzt. Wollen wir einmal hineingehen?«

»Gern«, nickte John, ganz erschlagen von der Hitze, dem Staub, dem Lärm und der geballten Ladung Geschichte. Wenn man sich vorstellte, dass das alles noch vor der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus passiert war …

Er stellte es sich lieber nicht vor.

Sie gingen in weitem Bogen um den Platz und die Marktstände herum – »das ist der Canto dei Nelli«, erfuhr er dabei, ohne zu verstehen, was das bedeuten sollte –, bis sie schließlich den Eingang zu den Medici-Kapellen erreichten, wo sie einen lächerlich geringen Eintritt entrichteten und aus dem hitzedurchglühten Tumult der Straße in die kühle Stille der Krypta treten durften.

Zahlreiche Touristen mit schussbereiten Fotoapparaten wanderten umher, unwillkürlich leise und andächtig, und studierten die Inschriften, die sich auf verschiedene Mitglieder der Familie Medici bezogen. Cristoforo deutete auf den letzten Pfeiler auf der rechten Seite: »Dort ist die Letzte der Medici bestattet, Anna Maria Ludovica. Hier steht es – gestorben 1743. Mit ihr endet das Geschlecht der Medici.«

Sie standen eine Weile schweigend, nahmen die Stille in sich auf, die Kühle, rochen den muffigen Geruch toter Jahrhunderte.

»Gehen wir weiter in die Sakristei«, meinte Cristoforo schließlich und fügte rätselhaft hinzu: »Die wird Ihnen gefallen.«

Sie durchquerten die dämmrige Krypta und kamen in einen kurzen Korridor, dem sie folgten, bis sie in einen weiten Raum gelangten, der in Sachen Prachtentfaltung alles in den Schatten stellte, was John jemals in seinem Leben gesehen hatte. Um ihn türmten sich Säulen, Nischen und Podeste aus weißem und pastellfarbenem Marmor, die Nischen aus dunklem Marmor umrahmten, schwarze Querbänder stützten, grandiose Weite ausstrahlten. John sah hinauf in die Kuppel, die sich emporwölbte wie das Firmament, und vergaß zu atmen. Und doch war diese Pracht erst der Hintergrund für eine Reihe von Marmorstatuen, die so echt und lebendig wirkten, dass man glauben konnte, die Figuren würden sich jeden Moment anfangen zu bewegen.

»Mein Gott«, hörte John sich murmeln. Er hatte nicht geahnt, dass es so etwas gab.

»Wunderbar, nicht wahr?«

John konnte nur nicken. Es kam ihm vermessen vor, dass er einmal geglaubt hatte, ein Künstler zu sein.

»Wer hat das gemacht?«, fragte er nach einer Weile.

»Michelangelo«, erklärte Cristoforo Vacchi. »Es war sein erstes Bauwerk.« »Michelangelo …« Dieser Name rief etwas wach, erinnerte ihn an etwas, das weit zurücklag, aber er hätte nicht sagen können, woran.

Der Padrone deutete auf die Skulptur, vor der John stand und die einen Mann in der Pose tiefen Nachdenkens darstellte. »Diese Figur nennt man den Pensieroso«, erklärte er, »den Denker. Sie stellt Lorenzo den Jüngeren dar, der Enkel von Lorenzo dem Prächtigen. Dessen Grab ist unvollendet geblieben.« Er zeigte auf eine Nische neben dem Eingang. »Lorenzo starb im Jahr 1492, und sein Sohn Piero floh, als zwei Jahre später französische Armeen unter Karl dem Achten in Italien einfielen und unter anderem auch Florenz eroberten. Von Giacomo Fontanelli wissen wir nur, dass er mit seiner Mutter aus Florenz fortging, und wahrscheinlich suchten sie endgültig Zuflucht in dem Kloster, das sie auch früher schon beschützt hatte.«

John starrte die Skulptur an, glaubte sie für einen Moment atmen zu sehen und musste blinzeln, um diesen Eindruck zu verscheuchen. Er hatte Mühe, den Erklärungen des Padrone zu folgen. »Existiert dieses Kloster noch?«

»Als Ruine, ja. Es wurde Ende des neunzehnten Jahrhunderts aufgegeben, im Zweiten Weltkrieg als Waffenlager benutzt und durch einen Fliegerangriff zerstört.«

John wanderte weiter durch die Sakristei, verfolgte, wie schimmernde Lichtreflexe über die Oberfläche der Skulpturen wanderten und sie beinahe lebendig aussehen ließen. »Die Medici waren reich, aber sie sind als Familie ausgestorben. Was ist heute von ihrem Vermögen übrig außer diesen Kunstschätzen?«

»Nichts«, sagte Cristoforo Vacchi.

»Und wieso gibt es noch Fontanellis und noch Vacchis? Und wieso existiert das Vermögen von Giacomo Fontanelli noch?«

Cristoforo zuckte die Schultern. »Keiner aus diesen Familien hat je regiert, geherrscht, sich irgendwie hervorgetan. Denken Sie daran, dass viele Medici umgebracht wurden, die meisten von ihren Verwandten. Das Vermögen Fontanellis wurde nie in Geschäfte, Kriegszüge oder Bestechung investiert. Es war nur da und wuchs unbeachtet. Ich glaube, dass die Unauffälligkeit triumphiert hat.«

Die Kanzlei lag nur ein paar Straßenzüge entfernt, in einer unauffälligen Seitengasse, wenn es im Zentrum von Florenz überhaupt so etwas wie eine unauffällige Seitengasse gab; auch diese war eine düstere gepflasterte Schlucht zwischen zwei uralten Fassaden. Eine ehemals dunkelgrün gestrichene Tür, massiv, verwittert, von der die Farbe abblätterte, daneben ein rostiger Briefkastenschlitz, auf dem der Name Vacchi immerhin eingraviert war – das war alles.

»Finden Ihre Klienten Sie hier denn?«, fragte John, während Cristoforo seinen Schlüsselbund hervorzog.

»Wir haben keine Klienten mehr, die uns finden müssen«, erwiderte der Anwalt und schloss auf.

Die heruntergekommene Fassade war nur Tarnung, begriff John, als er sich im Inneren des schmalen Hauses umsah. Auf der Rückseite der Haustür waren automatische Verriegelungsbolzen aus chromglänzendem Stahl zu sehen. Eine kleine Videokamera richtete sich selbsttätig auf sie aus, während Cristoforo zu einem Kästchen an der Wand trat und auf dem darauf angebrachten Ziffernblock eine lange, mindestens zehnstellige Nummer eintippte, worauf ein rot glimmendes Lämpchen grün wurde. Überall im Treppenhaus waren leise Klickgeräusche zu hören, die von sich entriegelnden Türen stammen mochten.

»Wir lagern hier sehr viele alte Originaldokumente«, erklärte Cristoforo, während sie die Treppe hinaufstiegen, die windschief war, winklig, sicher Jahrhunderte alt. »Bisher musste man nicht fürchten, dass jemand auf die Idee kommen würde, in der Kanzlei einzubrechen. Das könnte sich allerdings ändern. – Der erste Stock: Das war bis ins letzte Jahrhundert eine Wohnung für eine der Vacchi-Familien. Heute gibt es nur noch eine richtige Wohnung hier, für den Fall, dass einer von uns lange hier zu arbeiten hat und abends nicht mehr zurückfahren will, oben im vierten Stock.«

Er öffnete die Tür.

Gläserne Vitrinenschränke, so weit das Auge reichte, und dahinter nicht enden wollende Reihen dunkler, alter Folianten. Das Licht der Neonröhren an der niedrigen Decke spiegelte sich in den Scheiben, als John näher trat und versuchte, die verblassenden Aufschriften auf den Einbandrücken zu entziffern. Jahreszahlen – 1714, 1715 und so weiter. Es roch wie in einem Museum, nach Staub und Reinigungsmitteln und Linoleumboden.

»Was sind das für Bücher?«, wollte John wissen.

»Kontenbücher«, erwiderte der Padrone lächelnd. »Hier können Sie genau nachlesen, wie sich Ihr Vermögen entwickelt hat. Meine Vorfahren waren in dieser Hinsicht von akribischer Sorgfalt. In aller Bescheidenheit muss man sagen, dass die Kontenbücher der Vacchis weitaus genauer und vollständiger sind als die, die Giacomo Fontanelli selber geführt hat.«

»Gibt es die etwa auch noch?«

»Selbstverständlich. Kommen Sie.«

John folgte dem alten Mann durch eine niedrige Tür, bei der er vorsichtshalber den Kopf einzog, in den nächsten Raum, der genauso eingerichtet war. Nicht ganz – bei genauerem Hinsehen entdeckte John, dass die Bände in den Vitrinen dünner waren, älter und zerfledderter aussahen, und dass die Vitrinen selber stabiler waren, geradezu gepanzert und offenbar mit eingebauter Klimaanlage versehen.

»Die Luftverschmutzung«, sagte Cristoforo Vacchi und wiegte bekümmert das Haupt. »In all den Jahrhunderten haben die Dokumente nicht so gelitten wie in den letzten drei Jahrzehnten. Wir mussten dazu übergehen, sie gesondert zu belüften, sonst hätten die Autoabgase in der Luft sie zerfressen.«

Noch eine Türe, und dahinter ein kleiner, dunkler Raum, beinahe leer, schlicht eingerichtet und eher an eine Kapelle gemahnend. Ein Kruzifix hing an der Wand, darunter stand eine Art Schautisch, vor dem wiederum ein Stuhl stand. Cristoforo schaltete zwei Lampen ein, die durch das Glas des Schautisches dessen Inneres beleuchteten.

John trat näher heran, und ein eigenartiger Schauder erfüllte ihn. Er ahnte schon, was er sehen würde, noch ehe der alte Anwalt es aussprach.

»Das ist das Testament«, erklärte Cristoforo Vacchi, beinahe weihevoll. »Das Vermächtnis des Giacomo Fontanelli.«

Es waren zwei große, dunkelbraune Bogen eines dicken, eigenartig schimmernden Papiers, die unter der Glasplatte auf weißem Samt lagen. Die Schrift darauf war klein und kantig und kaum zu entziffern. Beide Bogen waren eng voll geschrieben und durch zwei brüchig aussehende Bänder verbunden, die an beiden Enden mit eindrucksvollen Siegeln befestigt waren. John zog den Stuhl vor, der sich alt anfühlte wie alles hier, alt und solide, und setzte sich. Er beugte sich vor, betrachtete das Dokument unter dem Glas von nahem, versuchte zu erfassen, dass sein Urahn, der Urheber dieses ganzen wahnsinnigen Projektes, mit eigener Hand diese Worte geschrieben hatte.

»Ich verstehe kein einziges Wort«, bekannte er schließlich. »Aber wahrscheinlich ist das mittelalterliches Italienisch, oder?«

»Es ist Latein.«

John nickte, starrte die dunkelbraunen, elegant geschwungenen Linien der Anfangsbuchstaben an. Wie eine Seite aus einer alten, handgeschriebenen Bibel. »Latein. Konnte Lorenzo eigentlich Latein?«

Der Padrone legte ihm die Hand auf die Schulter. »Quälen Sie sich nicht«, meinte er. »Sie sind nicht schuld an seinem Tod.«

»Aber ich profitiere davon.«

Die Hand knetete seine Schulter. »Sie sind der Erbe. Sehen Sie hier.« Er zeigte auf eine Stelle in dem handgeschriebenen Text, an der John bei näherem Hinsehen tatsächlich ein aus römischen Zahlen zusammengesetztes Datum erkannte. »Der jüngste männliche Nachfahre, der am 23. April des Jahres 1995 am Leben ist. Am Leben – das sind Sie, John. Sie sind der, den er gemeint hat.«

Johns Blick wanderte wieder über das uralte Schriftstück, verfing sich in den eleganten Bögen der Unterschrift, neben der weitere, kleinere Unterschriften gekritzelt waren, Beglaubigungen vielleicht, notarielle Bestätigungen, genau wie die dunklen, brüchigen Siegel. Er hatte keine Ahnung, ob dieses Dokument so aussah, wie ein Testament aus dem fünfzehnten Jahrhundert aussehen musste. Sie hätten ihm alles Mögliche zeigen können und behaupten, da stünde geschrieben, was sie behaupteten. Nur, welchen Sinn hätte es gemacht, so etwas zu fälschen? Sie wollten ihm eine Billion Dollar schenken. Sie waren ganz versessen darauf, ihn zum reichsten Mann seit der Entstehung des Sonnensystems zu machen. Sie hatten keinen Anlass, ihn zu belügen.

Was mochte dieser Giacomo Fontanelli für ein Mensch gewesen sein? Ein religiöser Eiferer? Ein Fanatiker? Die Unterschrift wirkte kraftvoll, abgerundet, harmonisch. So schrieb ein Mann, der im Vollbesitz seiner Kräfte und sich seiner Sache absolut sicher war. Er wünschte, das Testament lesen zu können. Obwohl, nein – was er sich eigentlich wünschte, war zu wissen, wie das sein mochte: eine Vision zu haben, die das ganze Leben veränderte und bestimmte.

Wie es sein mochte, ein klares Ziel im Leben zu haben.

Schräg über dem Tisch war ein schmales, schießschartenartiges Fenster aus dickem, schlierigem Glas. Ein Stück einer Kuppel war dadurch zu erkennen, und John fragte sich, ob es die Kapelle war, die Michelangelo gebaut hatte für die toten Medici. Er wusste es nicht, hatte nicht einmal eine Vorstellung, in welche Richtung sein Blick durch dieses Fenster ging. Michelangelo. Wieso hing ihm dieser Name so nach, drehte unentwegt Schleifen im Hintergrund seiner Gedanken? Ihm war, als sei da eine Stimme in ihm, die in einem fort diesen Namen wiederholte, als wolle sie ihn an etwas erinnern – aber an was? Michelangelo. Er hatte die Sixtinische Kapelle ausgemalt, in Rom. In Rom, wo Lorenzo geboren war, gelebt hatte und starb.

»Wie alt war ich, als Lorenzo zur Welt kam?«

»Wie bitte?«, schreckte Cristoforo aus seinen eigenen Gedanken hoch.

»Zwölf«, beantwortete John seine eigene Frage. »Ungefähr zwölf. Was war davor?«

»Wie meinen Sie das?«

»Vor Lorenzos Geburt. Wer war da der Kandidat?«

»Sie.« Er sagte es, als sei es das Selbstverständlichste der Welt.

»Haben Sie mich damals beobachtet?«

»Sicher.« Jetzt kam die Erinnerung wieder, flutete aus den Tiefen des Vergessens hoch wie ein Springbrunnen, der eingeschaltet wird und anfängt, ein leeres Becken zu füllen. Ein elegant gekleideter Herr. Silberne Schläfen. Eine manikürte Hand, die ihm eine Tafel Schokolade reichte. Ein gütiger Blick unter buschigen Brauen hervor. Jetzt verstand er plötzlich, was diese Stimme in ihm rief. Sie rief nicht Michelangelo, sondern … »Mister Angelo«, entfuhr es John. Er drehte sich auf dem Stuhl herum, fasste Cristoforo Vacchi ins Auge, betrachtete seine gebeugte, hagere Gestalt. »Sie waren Mister Angelo, nicht wahr?«

Der Padrone lächelte sanft. »Sie erinnern sich?« »Ich habe Sie einmal gesehen, wie Sie mit dem Flugzeug aus Europa kamen. Sie hatten nichts bei sich als eine Plastiktüte mit Schuhen darin.«

»Ah, das. Da haben Sie mich gesehen? Das war mein letzter Besuch. Normalerweise bin ich immer ein paar Tage in New York geblieben. Nach Lorenzos Geburt wollte ich Sie noch einmal sehen, aber Sie waren nicht da, als ich die Werkstatt Ihres Vaters erreichte. Eigenartig – an dem Tag waren Sie am Flughafen?«

John nickte, entdeckte immer mehr von dem, was er kannte, in der greisen Gestalt wieder. Wie lange das alles her war. Kein Wunder, dass ihm Cristoforo Vacchi von Anfang an so vertraut erschienen war. »Ja. Ich weiß nicht mehr genau, warum; ich glaube, die Eltern eines Freundes hatten mich mitgenommen – ein Ausflug oder so etwas. Aber ich habe Sie gesehen. Ich dachte lange, Sie wären nicht mehr gekommen, weil ich Ihr Geheimnis entdeckt hatte.«

»Wie in den Märchen, ja. Ich verstehe.« Der alte Mann nickte nachdenklich. »Im Nachhinein denke ich, dass wir es zu Anfang etwas übertrieben haben mit unseren Beobachtungen. Wir konnten es nicht erwarten, obwohl das Testament ausdrücklich verfügt, dass wir uns erst nach dem Stichtag zu erkennen geben durften. Als Sie noch kleiner waren, sind wir oft zu mehreren gegangen – Alberto hat mich begleitet und später Gregorio, und anfangs auch noch mein verstorbener Bruder Aldo. Wir haben Sie auf dem Schulweg beobachtet, auf Spielplätzen …«

Erinnerungen, wie Erinnerungen an eine Zeit in dem Land hinter den Spiegeln. »Ich erinnere mich an Begegnungen mit fremden Männern, die mir seltsame Fragen stellten. An drei Männer in Mänteln, die auf der anderen Seite eines Zauns stehen, während ich schaukele. An einen großen, dunklen Mann, der Haare auf dem Handrücken hatte …«

»Wer das war, weiß ich nicht, aber die drei Männer am Zaun, das waren Aldo, Alberto und ich.«

John musste unwillkürlich auflachen. »Meine Mutter hat sich immer Sorgen gemacht, wenn ich davon erzählte. Erst dachte sie, irgendwelche Sittenstrolche lauern mir auf, und dann, dass etwas mit mir nicht stimmt.« Er sah das Testament im Glaskasten an, die Siegel, die Unterschrift. »Wer wäre auch auf so etwas gekommen …?«

»Kommen Sie«, forderte Cristoforo ihn auf. »Ich muss Ihnen noch etwas zeigen.«

Es ging wieder hinab, in den Keller. Die Decke hing niedriger hier, die schmalen Fenster der oberen Stockwerke fehlten, aber alles war hell ausgeleuchtet, glatt verputzt, fast klinisch sauber. Der kurze Gang endete vor einer schweren, schwarz lackierten Stahltür. Ein Geräusch wie von einem auf Hochtouren laufenden Kühlschrank drang dahinter hervor, unerwartet in dem Haus, dessen festungsdicke Wände eine jahrhundertealte Stille gegen den Lärm der Welt draußen abzuschirmen schienen.

Es war, wie sich zeigte, ein Computer. Ein Koloss von einem Computer, ein klobiger, kleiderschrankgroßer Klotz, blau lackiert mit dem unverkennbaren IBM-Logo darauf, beherrschte den Kellerraum, dröhnend und brummend und bestürzend altmodisch aussehend. Als stamme er ebenfalls aus der Zeit der Medici. Dicke graue Kabel führten zu ganzen Batterien von Telefonbuchsen entlang der Wand.

»Draußen im Landhaus gibt es eine moderne Anlage«, erläuterte Cristoforo. »Diese hier haben wir 1969 gekauft und uns eigens ein Programm dafür entwickeln lassen, das im Stande ist, auf die Daten von Tausenden von Banken zuzugreifen, Millionen von Sparkonten verwalten und mit aktuellsten Währungskursen umrechnen und aufsummieren kann. Eduardo wird Ihnen zeigen, wie das im Einzelnen geht, die ganzen Zugriffspasswörter und so weiter, aber das, worauf alles hinausläuft, wollte ich Ihnen nicht vorenthalten. Hier, sehen Sie.«

Er deutete mit unübersehbarem Stolz auf einen wuchtigen, altmodischen Computermonitor, auf dem nichts zu sehen war als eine lange, radargrün schimmernde Zahl. Als John näher trat, sah er, dass die letzten Stellen der dreizehnstelligen Zahl in rasendem Tempo hochzählten, die letzten Ziffern so schnell, dass sie kaum zu lesen waren. Eine Billion und etliche Millionen. Der aktuelle Kontostand. Viertausend Dollar je Atemzug, hatte Eduardo gesagt. John sah den flimmernden Zahlen zu, atmete und versuchte etwas zu erkennen. Viertausend Dollar kam hin. Aber bei längerem Hinsehen merkte man, dass das auf dem Schirm kein gleichmäßiges Hochzählen war, sondern dass der Strom der Zahlen zu atmen schien, zu pulsieren wie der Blutstrom in den Adern, mal schneller, mal langsamer werdend, Nuancen nur, aber unverkennbar.

Eine Billion. Als einzelne Zahl auf einem großen, dunkelgrauen Computerbildschirm sah es nach nichts aus. »Eine Billion Dollar ist ziemlich viel Geld, oder?«, vergewisserte sich John.

Cristoforo Vacchi stand vor dem Bildschirmterminal wie vor einem Altar. »Unfassbar viel«, sagte er ernst. »Das amerikanische Magazin Forbes veröffentlicht jedes Jahr eine Liste der hundert reichsten Menschen der Welt. Auf dem ersten Platz stand lange Zeit der Kaufhauskönig Sam Walton, der die Walmart-Kette gegründet und es zu ungefähr vierzig Milliarden Dollar gebracht hat. Vor ein paar Jahren ist er an Knochenkrebs gestorben, wobei ihn inzwischen Bill Gates, der Chef der Firma Microsoft, überflügelt hätte mit um die fünfzig Milliarden Dollar. Gar nicht auf der Liste stehen zum Beispiel die englische Königin oder der Sultan von Brunei, obwohl sie auch darauf gehören würden, der Sultan sogar nach wie vor auf den ersten Platz. Man schätzt sein Vermögen auf siebzig Milliarden Dollar. Aber selbst wenn die Leute auf dieser Liste, die hundert reichsten Menschen der Welt, alles zusammenlegen würden, was sie haben, kämen sie nicht einmal auf eine halbe Billion Dollar.«

John sah ihn fassungslos an. »Aber das ist doch Wahnsinn«, meinte er schließlich, mit trockenem Mund. »Was soll ich denn anfangen mit so viel Geld?«

Der Padrone wiegte das weißhaarige Haupt. »Ich denke, dass der Schlüssel in dieser Ausnahmestellung liegt. Sie, John, werden nicht einfach ein reicher Mann sein, der gerade ein bisschen reicher ist als die anderen, sondern Sie werden eine einzigartige Stellung haben. Niemand kann sich auch nur annähernd Hoffnungen machen, Ihre Größenordnung zu erreichen. Sie werden reicher sein als die meisten Staaten dieser Erde. Sie werden nicht einfach reich sein, sondern eine finanzielle Weltmacht darstellen. Das ist es, womit Sie etwas anfangen müssen.«

John schwindelte. Die letzten Worte hatte er wahrgenommen wie Regentropfen, die von außen gegen eine dicke Zeltplane trommelten. Das war ihm alles zu viel. Er war nicht dafür geschaffen, derartige Dimensionen zu begreifen. »Ich weiß nicht … Woher wollen Sie denn wissen, dass ich nicht einfach alles für Ferraris ausgebe?«

»Ich weiß es«, antwortete der greise Anwalt einfach. »Und abgesehen davon«, fügte er mit einem verschmitzten Lächeln hinzu, »gibt es so viele Ferraris überhaupt nicht.«

An diesem Abend, lange nach dem Abendessen, als es kühl vom Meer heraufzog und zitternde Kerzenflammen in kleinen Windgläsern die einzige Beleuchtung an dem langen Tisch waren, besprachen sie die Einzelheiten der Vermögensübertragung. John hörte vor allem zu, fragte selten nach und antwortete nur »Ja«, wenn er nach seinem Einverständnis gefragt wurde. Sein Blick ging hinaus in die Nacht, verlor sich in dem silbrigen Dunst über dem dunklen Meer. Eine Hand voll Sterne glomm am Firmament. Der Wein sah schwarz aus in den Gläsern. Die Anwälte unterhielten sich leise, ihre Stimmen klangen einander immer ähnlicher, und irgendwie wirkten sie beschwingt, unüberhörbar erleichtert. Als wäre das Vermögen eine Bürde, die sie nun endlich einem anderen aufladen konnten.

»In aller Stille«, bekräftigte der Padrone, was sie beschlossen hatten, dass nämlich die Übertragung des Vermögens ohne jedes Aufsehen in einem Notariat in Florenz vor sich gehen solle, an einem der kommenden Tage, sobald ein geeigneter Termin vereinbart war. Man wollte es John überlassen, ob und gegebenenfalls wann er mit der Tatsache und Geschichte seines Reichtums an die Öffentlichkeit gehen würde.

Er würde sich ein Haus wie dieses kaufen, beschloss John. Mit einer Terrasse, von der aus man das Meer sehen konnte. In einer Gegend, in der Grillen zirpten. Eine Terrasse aus Natursteinen, die die Hitze des Tages speicherten und abends wohlig warm abstrahlten.

Ein bisschen habe ich mich schon an den Gedanken gewöhnt, Geld zu haben, kam es John zu Bewusstsein. Von einer Vorstellung von der Menge des Geldes war er zwar noch weit entfernt, aber er fühlte sich nicht länger arm.

Die Stimme Cristoforo Vacchis drang in seine Gedanken. »Ist das in Ihrem Sinne, John?«

»Ja«, sagte John.

5

MARVIN COPELAND LAS selten Zeitung. Erstens kosteten Zeitungen Geld, und davon hatte er selten genug, und wenn, dann wusste er anderes damit anzufangen. Zweitens interessierten ihn Zeitungen nicht. Berichte über Verbrechen, Baseballspiele, die hohe Politik – was ging ihn das an? Und drittens führte er ein so erfülltes Leben zwischen verschiedenen Jobs, verschiedenen Freundinnen und seiner Musik, dass er gar nicht die Zeit dafür übrig gehabt hätte. Zeitung lesen und Fernsehen war nach Marvins Auffassung etwas für Leute, deren Leben leer, langweilig und sinnlos war.

So war Marvin an diesem Morgen absolut ahnungslos. Seit Stunden kannten alle Zeitungen und Nachrichtensendungen nur ein Thema, doch Marvin schlenderte, als sei es ein Tag wie jeder andere, die Straße hinab zu Konstantinos, um einzukaufen. Konstantinos war Gemüsehändler, führte aber auch sonst alles, was man zum Leben brauchte, löslichen Kaffee, Kondensmilch, drei Sorten Frühstückszerealien, Nudeln, Süßigkeiten, Schuhkrem, Zigaretten und so weiter. Wenn in den engen Regalen auch noch Alkohol zu finden gewesen wäre, wäre es der vollkommene Laden gewesen, aber nichts ist vollkommen auf dieser Welt.

Die Sonne brannte ordentlich herab. Marvin wurde den Verdacht nicht los, dass er womöglich einen Probentermin bei einer neuen Band verpennt hatte. Nein, das war morgen gewesen, oder? Er hatte einen Zettel gehabt mit dem Datum, aber der war irgendwie verschwunden. Gut möglich, dass Petes Neue ihn weggeworfen hatte, als sie durch die Wohnung gefegt war. »Wo bin ich hier?«, hatte sie die ganze Zeit gesagt. »In einer Wohnung oder in einem Affenkäfig?« Immerhin war es nun direkt vorzeigbar. Vielleicht sollte er seine Eltern einladen, die Gelegenheit würde nie wieder so günstig sein.

Er klimperte mit den Münzen in seiner Tasche. Am Abend vorher hatten sie Joints geraucht und Karten um Quarterdollars gespielt, und er hatte eine Menge gewonnen. Eine erfreuliche Wendung der Dinge, nachdem er peinlicherweise die drei Monatsmieten von John in den Nächten davor restlos verzockt hatte. Er würde etwas von seinen Schulden bei Konstantinos abtragen können. Außerdem war er gestern durchs Haus gegangen, hatte aus allen Briefkästen die Werbeblätter geklaut und nach zwanzig Minuten Arbeit mit der Schere einen ordentlichen Vorrat an Kupons in der Tasche, die Buy One, Get One Free! versprachen oder Fifty Percent Off! Man musste mal sehen, was sich damit ergattern ließ, im Kühlschrank herrschte jedenfalls bedenkliche Leere. Und die Reihe war an ihm, eine neue Flasche Spülmittel zu besorgen, die alte musste nach mehrmaligem Ausschwenken mit warmem Wasser als endgültig leer betrachtet werden.

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