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Eine Affäre im Mondschein

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Kapitel 23
  30. Kapitel 24
  31. Kapitel 25
  32. Kapitel 26
  33. Kapitel 27
  34. Kapitel 28
  35. Kapitel 29
  36. Kapitel 30
  37. Kapitel 31
  38. Kapitel 32
  39. Kapitel 33
  40. Epilog
  41. Danksagung

Über die Autorin

Jennifer McQuiston lebt mit ihrem Ehemann und ihren zwei Töchtern in Atlanta, Georgia. Beruflich schlug sie zwar den Weg als Tierärztin ein, doch galt ihre Leidenschaft schon immer romantischen Romanen. Mit ihrem Debütroman Eine schottische Affäre hat sie sich den Traum erfüllt, selbst einen Liebesroman zu schreiben. Weitere Informationen zur Autorin finden Sie unter www.jenmcquiston.com.

Jennifer McQuiston

EINE
AFFÄRE IM
MONDSCHEIN

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Christiane Meyer

 

Für meine lieben Töchter,
die mich jeden Tag daran erinnern,
dass man das Leben nicht vergeuden sollte.
Auch wenn sie selbst noch nicht alt genug sind,
um meine Bücher zu lesen, tragen sie jedem,
den sie kennen, auf, sie zu kaufen,
damit sie endlich ein Pony bekommen.

Prolog

Yorkshire, England
November 1841

Ihm stand nicht der Sinn nach einem wohlerzogenen, anständigen englischen Fräulein … Nicht, dass diese Worte den rothaarigen Wildfang beschrieben hätten, der auf der Lauer lag, als Patrick Channing sich nun den Weg in die Eingangshalle bahnte.

Er hätte beinahe geflucht. Und zwar laut.

Das war nur noch ein Beweis dafür, dass er an diesem Abend nicht in der Lage und auch nicht gewillt war, die übliche gesellschaftliche Höflichkeit an den Tag zu legen – auch wenn seine Mutter auf ihrem Anwesen gerade eine mehrtägige Hausparty veranstaltete.

Patrick hatte einen fürchterlichen Tag hinter sich. Es hatte mit einem lahmen Pferd begonnen, das wahrscheinlich notgeschlachtet werden musste, und hatte mit einer weiteren Auseinandersetzung mit seinem Bruder geendet, bei der es um etwas so Unbedeutendes gegangen war, dass er sich jetzt schon nicht mehr an den Auslöser des Streits erinnern konnte. Die Frau, die nun vor ihm stand, war nicht der Grund für seine schlechte Laune, doch sie war in diesem Augenblick das Salz in einer Wunde, die sich schon vor langer Zeit schmerzhaft entzündet hatte.

Die junge Frau sollte eigentlich gar nicht hier sein. Sie sollte sich mit den anderen Gästen im Ballsaal aufhalten, sollte Champagner schlürfen und tanzen. Dass sie hier in der Eingangshalle war und offensichtlich auf ihn wartete, zeugte entweder von mangelndem Menschenverstand oder deutete auf Hintergedanken anderer Art hin.

Er wollte wetten, dass es eine Mischung aus beidem war.

Während er sich seinen dicken Mantel auszog, versuchte er, die Verärgerung zurückzudrängen, die beim Anblick des Mädchens in ihm hochkochte. Sie war ihm schon die ganze Woche über ständig ins Gehege gekommen. Ihr Name war Jeannine Baxter. Oder Josephine.

Jedenfalls irgendetwas mit J.

Ohne Zweifel würde sie erwarten, dass er sich an ihren Namen erinnerte und dass er ihn auch benutzte.

»Kann ich Ihnen behilflich sein, Miss Baxter?« Wenn er in einer besseren seelischen Verfassung gewesen wäre, dann hätte er bestimmt einen zweiten Blick riskiert, denn Miss Baxter war wirklich hübsch. Sie war reizend und zierlich, wie frisch aus London hierher aufs Land gereist. Ihre grünen Augen waren von dichten, langen Wimpern umrahmt. Ihr üppiger Busen kam in dem elfenbeinfarbenen Spitzenkleid sehr gut zur Geltung…

Aber ein zweiter Blick hätte ein Bemühen, eine Anstrengung seinerseits erfordert, und er fühlte sich heute Abend ziemlich ausgelaugt.

»Sagen Sie bloß nicht, dass Sie es vergessen haben.« Das Mädchen setzte einen perfekten Schmollmund auf und spielte mit seinem geschlossenen Fächer herum. Es war Mitte November, und es würde in dieser Nacht mit Sicherheit Frost geben. Dass diese junge Frau einen kunstvoll bemalten Fächer in der Hand hielt und in ihrem viel zu dünnen Kleid schrecklich zitterte, war ein Musterbeispiel dafür, warum Patrick nicht daran interessiert war, diese Unterhaltung fortzusetzen.

»Vielleicht könnten Sie meinem Gedächtnis ein bisschen auf die Sprünge helfen?« Er konnte sie nicht einfach ignorieren, auch wenn er es wollte. Immerhin handelte es sich bei der jungen Frau um die Tochter des Viscount Avery, der ein guter Freund seines Vaters war. Und so unhöflich oder übellaunig, um das zu vergessen, war er nicht.

Das Mädchen wirkte ungerührt, obwohl er sich anscheinend nicht erinnern konnte und obwohl er so kurz angebunden war. Sie verzog den Mund zu einem routinierten Lächeln und tippte Patrick mit dem Fächer gegen den Arm. »Sie haben mir den ersten Tanz des Abends versprochen, Mr. Channing.«

Patrick klopfte den angetrockneten Schlamm von seinen Stiefeln, während er versuchte, sich an dieses Versprechen zu erinnern. Sollte er tatsächlich so eine Dummheit begangen haben? Ihm fiel ein, dass es am Morgen, als sie über das Frühstücksbüfett hinweg mit ihm geflirtet hatte, in der Tat einen schwachen Moment gegeben hatte. Angesichts des drängenden Wunsches nach einem gekochten Ei und der frühen Stunde war er anscheinend angreifbar gewesen.

Als wollte sie seine Dummheit noch mal bekräftigen, wies sie mit einem Kopfnicken zur offenen Tür des Ballsaals, aus dem die ersten Töne des Eröffnungswalzers in die Eingangshalle wehten. »Sie sind gerade noch rechtzeitig erschienen.«

Das konnte nicht ihr Ernst sein. Ganz offensichtlich war er nicht passend für einen Tanzabend gekleidet. Er hatte schmutzige Fingernägel, verdammt noch mal. Er roch nach Dingen, die man besser direkt abwusch, nach Pferd, Schweiß und Franzbranntwein. »Ich komme geradewegs aus den Stallungen und tauge heute Abend bestimmt nicht als Begleitung. Ich kann mir aber vorstellen, dass einer der anderen Herren sehr gern mit Ihnen tanzen würde. Mein Bruder zum Beispiel.«

Ja, das war überhaupt die Idee! Wenn er sich recht entsann, hatte Miss Baxter am Morgen auch mit seinem Bruder Eric geflirtet. Ihm fiel wieder ein, dass er seine Eifersucht hatte zurückdrängen müssen. Das hatte allerdings nicht am Interesse dieses Mädchens an seinem Bruder gelegen – denn das war absolut vorhersehbar gewesen. Nein, sein Unbehagen hatte daher gerührt, beobachten zu müssen, wie viel Aufmerksamkeit Eric allein aus dem Grund entgegengebracht wurde, dass er der nächste Earl of Haversham sein würde. Es nagte immer noch an Patrick, dass Eric aus Londons Spielhöllen zurückgekehrt war – natürlich mit leeren Taschen – und von ihrem Vater mit einem stolzen Lächeln empfangen worden war, während er selbst sich in den Stallungen des Anwesens abmühte und noch immer nach seinem Platz im Leben suchte.

Es waren inzwischen sechs Monate vergangen, seit er aus Italien zurückgekommen war. Vier Jahre lang hatte er am Tiermedizinischen Institut in Turin studiert. Das Studium hatte ihn auf einen Beruf vorbereitet, jedoch nicht auf ein Leben als Zweitgeborener. Sein Vater hatte den Auslandsaufenthalt zwar toleriert, aber als Patrick nach England zurückgekehrt war, hatte er erkennen müssen, dass seine Zeit in Italien in den Augen des Vaters nicht mehr als »jugendliche Reiselust« gewesen war – auch wenn Patrick schon dreißig Jahre alt war. Er war in die Stallungen seines Vaters verbannt worden, und seine neu erworbenen Fähigkeiten waren auf eine einzige Aufgabe und Befugnis reduziert worden: Er war dafür zuständig, die Qualität der Pferde zu verbessern, die in den Ställen standen. Niemand wusste genau, was er studiert hatte – und was noch schlimmer war: Niemand durfte es wissen.

Nicht, dass all das die junge Frau betraf, die hier vor ihm stand. Es war nicht ihre Schuld, dass sie all das verkörperte, was sein Vater und die Gesellschaft von ihm erwarteten, und nichts von dem, was er selbst sich für seine Zukunft wünschte.

Miss Baxter schürzte die geschwungenen Lippen, die seine Fantasie außer Kontrolle bringen könnten, wenn er es nur zuließ. »Ich möchte im Moment nicht mit Ihrem Bruder tanzen, Mr. Channing. Sie haben mir diesen Tanz versprochen. Und ein Gentleman hält sein Wort.«

»Wie kommen Sie darauf, dass ich ein Gentleman bin?«, fragte er und wusste, dass es eine unüberlegte Frage war, die zugleich der Wahrheit sehr nahe kam.

Offensichtlich nahm sie ihm die Frage überhaupt nicht übel. Sie warf den Kopf in den Nacken und lachte. »Wie kommen Sie darauf«, entgegnete sie, und in ihren Worten schwang eine ansteckende Fröhlichkeit mit, »dass ich mit einem tanzen möchte?«

Ihre Worte und ihr Lachen erregten seine Aufmerksamkeit viel wirkungsvoller, als das Antippen mit dem Fächer es getan hatte. Eine ganze Weile betrachtete er sie, und sein Blick fiel auf ihre Wangen, die vor Belustigung – oder etwas viel Interessanterem – zart errötet waren.

Julianne. Plötzlich fiel ihm ihr Name wieder ein. Er hätte von ihr ein Kichern erwartet, auch wenn sie schon längst keine Schülerin mehr war, vielleicht auch ein leises Glucksen. Doch ganz sicher nicht das herzliche, inspirierende Lachen, das süß und verführerisch aus ihr hervorzusprudeln schien. Sie war mutig. Das war sie. Und sie bot sich ihm an, flirtete mit ihm und nicht mit Eric.

Vielleicht wäre ein zweiter Blick doch nicht so verkehrt.

Zwar wusste Patrick, dass es dumm war, aber das war ihm im Augenblick gleichgültig. Und so ließ er sich von ihr bereitwillig in Richtung der offenen Türen zum Ballsaal ziehen. Wahrscheinlich hinterließ er dabei eine Schmutzspur auf dem Fußboden seiner Mutter, und ganz sicher würde er auch das Kleid der jungen Frau mit seinen schmutzigen Händen besudeln, doch das ließ sich offenbar nicht ändern. In dem Moment, in dem sie angefangen hatte zu lachen, hatte er den Mut verloren, ihr zu widersprechen.

»Also gut. Einen Tanz«, sagte er. »Und dann werde ich mich in mein Bett begeben.«

Julianne blieb auf der Schwelle zum Ballsaal stehen und blickte sich erwartungsvoll um. Warte auf den richtigen Augenblick!, ermahnte sie sich selbst.

»Ich dachte, Sie wollten tanzen?« Channing runzelte die Stirn.

Julianne beachtete die Verärgerung, die in seiner Stimme mitschwang, nicht weiter. Wie sie selbst schon erfahren hatte, konnten Männer etwas begriffsstutzig sein. Doch wenn man ein bisschen Zeit und Mühe investierte, entwickelten die meisten zumindest ein wenig Geisteskraft. »Wir müssen den richtigen Zeitpunkt für unseren Auftritt abpassen, um eine möglichst große Wirkung zu erzielen.«

»Ich habe einen grauenvollen Tag hinter mir, Miss Baxter, und ehrlich gesagt keine Zeit mehr für irgendwelche Spielchen.«

Sie lächelte. Was war das Leben, wenn nicht ein amüsantes Spiel? Und Mr. Channing war ihre Schachfigur, ob er nun damit einverstanden war oder nicht.

Die meisten Männer – ihr Vater eingeschlossen – hielten das schwache Geschlecht für unfähig, sich einen strategischen Schlachtplan zurechtzulegen. Zum Beispiel hätte ihr bestimmt niemand zugetraut, dass ihr Dienstmädchen den ganzen Morgen damit zugebracht hatte, das Mieder des Kleides, das sie an diesem Abend trug, etwas weiter auszuschneiden, damit sie noch atemberaubender aussah. Die Herren auf der Feier waren tatsächlich gute zehn Minuten von ihren Gesprächen über die Jagd abgelenkt gewesen, als sie zum Dinner erschienen war. Julianne war der Meinung, dass diejenigen, die den weiblichen Verstand unterschätzten, es nicht besser verdient hatten.

Ob es ihm nun gefiel oder nicht: Mr. Channing war an diesem Abend der einzige Mann auf der Feier, der für die anstehende Aufgabe geeignet war – selbst wenn strenger Pferdegeruch an ihm haftete. Der erste Tanz des Abends war viel zu bedeutend, um ihn an einen der anderen beiden Herren zu vergeuden, die sich auf ihrer Tanzkarte eingetragen hatten. Mr. Willoughby und Mr. Blythe, die Neffen des Gastgebers, schienen sehr nette junge Männer zu sein, aber für den ersten Tanz des Abends brauchte sie einen Partner, der die Eifersucht ihres eigentlichen romantischen Ziels ein bisschen anstacheln würde. Ein höflicher, sympathischer Cousin eignete sich nicht dazu.

Mit leicht zusammengekniffenen Augen blickte sie in Richtung der Tanzfläche, wo ein Farbblitz ihre Aufmerksamkeit erregte. Es war schwierig, zwischen den tanzenden Paaren, die ineinander zu verschwimmen schienen, Details zu erkennen, doch sie glaubte, die grüne Weste gesehen zu haben, die Mr. Channings Bruder an diesem Abend trug. In ihrem Magen schienen vor Aufregung unzählige Schmetterlinge zu flattern, als sie sich ausmalte, wie sein Blick gerade auf sie und seinen Bruder Patrick fiel.

»Sehen Sie? So lange hat es gar nicht gedauert.« Sie legte ihre Hand in Mr. Channings. »Und bestimmt kann Ihr Bett noch fünf Minuten warten.«

»Ich soll im Morgengrauen eine Jagdgesellschaft anführen. Für Sie mag es ja nur ein Augenblick sein, Miss Baxter, aber ich fürchte, dass fünf verlorene Minuten mir morgen sehr lang vorkommen werden.«

Julianne betete innerlich um Geduld, als er anfing, sie mit geschmeidiger Präzision über die Tanzfläche zu führen. Es lag nahe, dass er zumindest ein- oder zweimal einen Ballsaal von innen gesehen hatte, obwohl er aussah – und roch –, als schliefe er in den Stallungen. »Sicherlich können die Gedanken an die Jagd bis morgen früh warten«, tadelte sie ihn, während sie den Hals reckte, um unter den anderen Tanzenden auf der Tanzfläche wieder einen Blick auf den grünen Farbblitz zu erhaschen, der sie zu verspotten schien.

»Sie haben recht. Tatsächlich ist ein Bett das Einzige, an was ich im Moment denken möchte.«

Seine trockene Erwiderung ließ sie hellhörig werden, und sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihn. »Bestimmt ist Ihr Bett nicht das Einzige, an das Sie denken sollten, wenn Sie endlich in Ihrem Zimmer sind«, entgegnete sie und ließ subtil und gekonnt mitschwingen, was sie meinte.

Als hätte sie es gewusst, wanderte sein Blick direkt zu ihren Lippen.

Männer waren so berechenbar.

Aber Himmeldonnerwetter noch mal … Er verhielt sich so, als wäre es eine Zumutung, ihr ein paar versprochene Minuten zu gewähren. Und war auf dieser überfüllten Feier eigentlich niemand in der Lage, eine Unterhaltung zu führen, ohne irgendwann auf das Thema »Jagd« zu sprechen zu kommen? Die Aufregung und der Spaß hatten im Laufe der Woche merklich abgenommen, denn die meisten der Herren hier waren viel mehr an Feuerwaffen als an Flirts interessiert. Beim Abendessen war einer der jungen Herren beinahe in Ekstase geraten, als er über die Freuden der Fasanenjagd geredet hatte. Von Bekannten ihres Vaters hätte sie so viel Einfallslosigkeit und Stumpfsinn erwartet. Wozu nahmen alternde Adelige schließlich an solchen mehrtägigen Feierlichkeiten teil, wenn nicht, um ihre Gewehre auf Dinge zu richten, die sie nicht einmal vorhatten, sie zu essen?

Aber die jüngeren Männer, die anwesend waren, entpuppten sich als wirkliche Enttäuschung.

Tatsächlich passte dieser Ballabend zu der Langeweile, die sich schon seit Anfang der Woche in ihr breitgemacht hatte. Ihr Vater hatte ihr ziemlich ernst und unmissverständlich gesagt, dass sie sich nicht darüber auslassen solle, dass Tanzen wichtiger als Jagen sei, und dass sie auch keinen kleinen Aufstand anzetteln solle – in erster Linie solle sie ihn einfach in der Öffentlichkeit nicht bloßstellen.

Nicht schon wieder.

Nun ja, die Skandalblätter, die ihn in der vergangenen Saison so erzürnt hatten, hatten, ehrlich gesagt, vor Ungenauigkeiten nur so gestrotzt. Eine echte Leistung, wenn man genauer darüber nachdachte. Dass der Londoner Klatsch und Tratsch sich um sie und jedes ihrer Lächeln drehte, bedeutete, dass sie an der Spitze der Gesellschaft angekommen war, dass sie ein Edelstein war, der bewundert wurde, und dass man beim Tee über sie diskutierte.

Ihren Vater hatte das hingegen überhaupt nicht beeindruckt.

Na ja, sie war ja auch nicht beeindruckt von seiner Vorstellung von Spaß und Unterhaltung. Seit dem Tod ihrer Mutter vor fast fünfzehn Monaten war er extrem vorsichtig und zurückhaltend. Julianne hatte gehofft, dass diese mehrtägige Feier ihn aus seiner Melancholie reißen würde. Doch die Realität dieser Ferien auf dem Land blieb hinter ihren Erwartungen zurück. Wenn sie auch weiterhin bei Verstand bleiben wollte, brauchte sie eindeutig andere geistige Ablenkung als Bogenschießen oder ein Picknick am See. Und offensichtlich lag es an ihr selbst, für diese Abwechslung zu sorgen. Das wurde spätestens klar, wenn sie sich die Monotonie dieser Feier ansah.

Wieder fiel ihr ganz kurz die grüne Weste auf und brachte sie zurück zum eigentlichen Grund für diesen Tanz. »Erzählen Sie mir von Ihrem Bruder, Mr. Channing! Muss er sich heute Nacht nicht genau wie Sie ordentlich ausschlafen?«

Ihr Tanzpartner verengte die braunen Augen zu schmalen Schlitzen. »Sind Sie immer so direkt, Miss Baxter?«

»Sind Sie denn immer so müde?« Sie zog eine Augenbraue hoch. Diese kleine Geste hatte sie schon mit zehn Jahren vor dem Spiegel perfektioniert. Wenn man dieses Mienenspiel richtig einsetzte, flüchtete sich das Gegenüber entweder in die Sicherheit anderer Gesellschaft oder – abhängig vom Alter oder der inneren Stärke – in die Arme der Mutter.

Mr. Channing tat nichts von beidem.

»Ich kann mich jederzeit bei den meisten sportlichen Herausforderungen behaupten.« Seine Lippen versprachen ein verschmitztes Grinsen, wenn er es nur zulassen würde. Doch er schien seine Miene gerade fest im Griff zu haben. »Aber noch besser bin ich, wenn ich ausgeschlafen bin.«

»Ich dachte, die Diskussionen über Gewehre und dergleichen wollten wir weglassen.«

»Wer sagt denn, dass ich über Gewehre gesprochen habe?«

Julianne war verblüfft. Flirtete Mr. Channing etwa mit ihr? Am Morgen beim Frühstück war er nicht gerade geneigt gewesen, mit ihr zu plaudern oder gar zu schäkern. Er hatte überaus verschlossen und eher unauffällig gewirkt. So unauffällig wie sein hellbraunes Haar. Nur seine Größe war beeindruckend gewesen. Sie hatte sich also auf ein gestelztes Gespräch und gequetschte Zehen eingestellt – alles im Namen des Ziels, das sie eigentlich vor Augen hatte. Allerdings stellte sich der Tanz mit Mr. Channing als interessanter heraus, als sie zu hoffen gewagt hätte. Seine Worte hatten eine andere Qualität als die der übrigen Tanzpartner, denn bei ihm schwangen trockener Witz und eine interessante Schärfe mit.

Vielleicht war er doch nicht so begriffsstutzig, wie sie angenommen hatte.

Sie ließ den Blick über sein Kinn und seinen Kiefer streichen, auf dem ein leichter Bartschatten zu erkennen war. Ein lockeres Lächeln war nicht in Sicht. Andererseits hegten die meisten Herren mit einem lockeren Lächeln und einem glatt rasierten Gesicht Hintergedanken.

Julianne riskierte einen Blick auf die anderen Tanzpaare. Channing war anders als die übrigen anwesenden Männer. Die Eintönigkeit auf dieser Feier wäre beinahe unerträglich geworden, doch die Unterhaltung mit Channing schuf tatsächlich Abhilfe. Er hatte heute mit Sicherheit auch spannendere Dinge erlebt als Bogenschießen oder ein Picknick am See – daran gab es keinen Zweifel.

Was könnte er ihr zeigen, wenn sie ihm nur die Möglichkeit dazu geben würde?

Julianne warf ihm unter ihren gesenkten Wimpern hervor einen Blick zu. »Ich hoffe, Sie meinen mit diesen sportlichen Herausforderungen andere Dinge als die Jagd auf Fasane, denn sonst ist Ihnen zweifelsohne ein Platz in den Skandalblättern sicher.«

Seine Lippen zuckten. Es war noch kein richtiges Lächeln, aber immerhin ein erkennbares Nachlassen der strengen Kontrolle seiner Miene. »Aufgepasst, Miss Baxter! Sonst ändern Sie noch Ihre Meinung, was das Objekt betrifft, das Sie ins Auge gefasst haben.«

Julianne wäre fast ins Stolpern geraten. Er konnte ihre wahren Beweggründe nicht kennen … Schließlich war er ein Mann. Die Herren der feinen Gesellschaft schienen zum Großteil nicht zu wissen, was im Kopf einer Frau vor sich ging. Doch als sie nun so darüber nachdachte, konnte sie sich auch nicht daran erinnern, ihn während der vergangenen Saisons, die sie mitgemacht hatte, in London gesehen zu haben.

Und er hatte sie gewarnt, dass er kein Gentleman sei.

Als das Musikstück allmählich dem Ende entgegenging, versuchte sie, das Gespräch wieder auf das eigentliche Thema zurückzubringen. »Während des Abendessens, zu dem Sie ja leider nicht rechtzeitig erschienen sind, haben die anderen Herren ihre Absicht bekundet, ebenfalls an der Jagd teilzunehmen. Sie schienen allerdings nicht vorzuhaben, deshalb früher ins Bett zu gehen. Ihr Bruder zum Beispiel hat sich in die Tanzkarten einiger junger Damen eingetragen.«

»Aber noch nicht in Ihre, wie ich annehme. Ist das nicht der Grund dafür, dass Sie mit mir tanzen, Miss Baxter?«

Julianne wäre beinahe über ihre eigenen Füße gestolpert, als Channing mit seiner Beobachtung ins Schwarze traf. Sie presste die Lippen aufeinander und war fest entschlossen, nichts zu äußern, was einem Bekenntnis nahe gekommen wäre. Doch Channing war offensichtlich noch nicht fertig.

»Es besteht kein Grund, etwas anderes zu behaupten. Und ehrlich gesagt, ist das hier gut gespielt. Ohne Frage wird es sein Interesse wecken. Eric liebt die Herausforderung, die Jagd. Dass Sie mit mir tanzen, wird eine Versuchung sein, der er kaum widerstehen kann.«

Mit einem lang gezogenen C verklang die Musik, und Julianne blieb stehen. Grundgütiger. Sie hatte geplant, mit Channing zu tanzen, um das Interesse seines älteren Bruders zu erregen, auf den sie seit der letzten Saison ein Auge geworfen hatte. Jede Frau mit einem Fünkchen gesunden Menschenverstandes würde sich um den Erben eines Grafentitels bemühen und nicht um den Ersatz. Aber jetzt erkannte sie zu ihrem eigenen Entsetzen, dass dieser Plan eine Wendung zu erfahren schien, da Mr. Channing sich als echte Überraschung entpuppte.

»Tatsächlich?«, fragte sie, und ihr Herz pochte schuldbewusst. Sie starrte ihren Tanzpartner an und konnte kaum glauben, wie viel Selbstbeherrschung er an den Tag legte. »Es macht Ihnen nichts aus?«

Er reichte ihr seinen Arm. »Nicht im Geringsten.«

Verärgerung regte sich in ihr, selbst als sie sich von Channing zur offenen Tür des Ballsaales geleiten ließ. Angesichts der unbestreitbaren Tatsache, dass sie die hübscheste Frau auf diesem Fest war, sollte er sich eigentlich darüber freuen, dass sie bereit gewesen war, ein paar strategische Minuten in seinen Armen zu verbringen. »Und warum nicht?«, wollte sie wissen.

Unter ihren Fingern spürte sie, wie sich die Muskeln in seinem Arm unwillkürlich anspannten, als sie in die kühle, stille Eingangshalle traten. »Weil ich einer gelegentlichen Jagd auch nicht abgeneigt bin.«

Julianne lachte. Damit versteckte sie die Unsicherheit, die sich in ihr breitgemacht hatte. Sie war nervös. Für gewöhnlich war sie in solchen Dingen nie nervös. Doch es ließ sich nicht leugnen, dass diese Unterhaltung die Gedanken an grüne Westen und andere Beute in den Hintergrund drängte. Ihr Vater würde es nicht gutheißen, dass sie den Ballsaal verließen. Aber sicherlich konnten ein oder zwei Augenblicke, die sie in einer offenen und für alle zugänglichen Eingangshalle allein mit dem Sohn des Gastgebers verbrachte, nicht dazu führen, dass die Leute etwas Unschickliches vermuteten.

»Jagen Sie mich, Mr. Channing?« Sie warf einen flüchtigen Blick über ihre Schulter. »Und was noch wichtiger ist: Beobachtet Ihr Bruder Sie?« Außer den verschwommenen Farben der Kleider konnte sie nicht viel sehen, als das nächste Musikstück begann. »Ich kann in diesem Getümmel nichts erkennen.«

Er beugte sich zu ihr herüber und kam ihr nahe. Viel zu nahe. Sie konnte den erdigen Duft von Pferden und süßem Heu an seiner Kleidung wahrnehmen. Darunter bemerkte sie noch einen weiteren scharfen Geruch, der ihr irgendwie medizinisch vorkam. Sein Atem, der verführerisch an ihrem Ohr kitzelte, versetzte ihr Innerstes in Aufruhr. »Eric ist gleich dort. Er steht am Rand. Können Sie ihn sehen? Er beobachtet uns gerade, ziemlich aufmerksam sogar.«

Juliannes Haut prickelte vor gespannter Aufregung. »Warum haben wir dann die Tanzfläche verlassen?«, flüsterte sie.

Er trat näher, bis seine Hose ihre Röcke berührte. Sie konnte das Leinen seines Hemdes riechen. »Weil ich denke, dass das Interesse meines Bruders erst richtig geweckt wird, wenn er jetzt vermutet, dass ich Sie küssen werde.«

Bei dem Gedanken war Juliannes Hals wie zugeschnürt. Der Walzer, der schon relativ gewagt gewesen war, war im Angesicht dieser neuen verführerischen Ungehörigkeit ganz vergessen. Sie hob ihr Kinn an. »Werden Sie mich denn küssen, Mr. Channing?«

»Oh, ganz sicher.« Er lächelte sie an, und ihre Knie wurden weich beim Anblick seiner Lippen, die nicht mehr ernst aufeinandergepresst, sondern zu einem umwerfenden Lächeln verzogen waren. Sein Lächeln war anders als das unvermittelte, übertriebene Grinsen, das die Lebemänner der feinen Gesellschaft bevorzugten. Patrick Channings Mund umspielte ein breites, verführerisches Lächeln, das alles versprach. Es wärmte sie von innen.

Wie hatte es ihr entgehen können? Der Mann war mit seiner schlanken Gestalt und den unergründlichen braunen Augen viel attraktiver, als sie zuerst gedacht hatte. Wenn er sich die Zeit nehmen würde zu baden, könnte er sogar richtig hübsch aussehen.

Er kam ihr noch näher, und sie spürte eine Wand in ihrem Rücken. Wann hatte er sie in diese Ecke gedrängt? Voller gespannter Erwartung blinzelte sie. Inzwischen hatten sie sich ein ganzes Stück weiter in die Eingangshalle hineinbewegt – und waren damit außer Sichtweite seines Bruders oder irgendeiner Anstandsdame. Oh, Patrick Channing beherrschte die Kunst des Flirtens doch viel besser, als sie es ihm zugetraut hätte.

Und sie war viel empfänglicher dafür, als sie gedacht hätte.

Juliannes Blick fiel auf einen Schmutzfleck auf Channings rechter Wange. Zumindest hoffte sie, dass es Schmutz war. Schließlich roch er nach Pferd. Was war los mit ihr, dass sie einen Kuss gerade nicht nur in Betracht zog, sondern sogar begrüßte? Von einem solchen Mann? Das hier war schließlich nicht das, was sie wollte. Mr. Channing war weder besonders stark noch besonders gut aussehend im klassischen Sinne. In Wahrheit war er für ihren Geschmack ein bisschen zu schlank. Und was noch schlimmer war: Er war der Zweitgeborene.

Ein unhygienischer Zweitgeborener.

Und dennoch … Als er den Kopf langsam neigte und seine Lippen ihr näher kamen, ertappte sie sich dabei, wie sie sich auf die Zehenspitzen stellte, um ihm entgegenzukommen.

Denn auch wenn die Klatschblätter etwas anderes behaupteten, so hatte sie in ihren neunzehn Jahren noch keinen Mann geküsst. Wenn man ihr diese Erfahrung schon zuschrieb, dann konnte sie sie genauso gut auch machen. Also legte sie den Kopf in den Nacken und kam ihm entgegen – egal, wie unschicklich es war, einen so gut wie Fremden in einer öffentlich zugänglichen Eingangshalle zu küssen, und auch ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass sie eigentlich beabsichtigt hatte, ihn nur dazu zu benutzen, eine größere und vielversprechendere Beute einzufangen.

Nicht, dass sie sich im Augenblick daran erinnern könnte.

Julianne konnte nur ihre Lippen auf seine pressen und versuchen, sich selbst davon zu überzeugen, dass Mr. Patrick Channing nicht derjenige war, den sie wollte.

Als ihre Lippen sich zum ersten Mal berührten, hatte sie das Gefühl, dass ihr der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Patrick Channing hatte vielleicht Schmutz im Gesicht, doch er schmeckte bestimmt nicht danach. Vielmehr schmeckte er nach Sünde, und es war eine Sünde, in der sie sich verlieren wollte. Er war eine Überraschung, es war sündhafte Hitze und ungebändigte Kraft. Mit seiner Zunge reizte er sie, bis sie leise aufstöhnte. Sie war vielleicht unerfahren, doch sie war sich ziemlich sicher, dass dies hier kein Kuss war, den man jemandem gab, den man gerade erst kennengelernt hatte. Und es war auch nicht der Kuss eines Mannes, der die Absicht hatte, einer Frau den Hof zu machen. Das hier war ein Angriff auf ihre Emotionen, und der Kuss raubte ihr den Atem.

Sie stieß ein kleines Keuchen aus, das selbst in ihren Ohren schmerzvoll klang. Und in dem Moment löste er sich von ihr, auch wenn sein Brustkorb sich genauso schnell hob und senkte wie der ihre. Die Unsicherheit war zurück, das Bewusstsein, wie schwierig die Situation war, in der sie steckten. Langsam und unerwünscht kamen diese Empfindungen zurück. Der Klang der Musik tanzte in Juliannes Ohren, und das Lachen aus dem Ballsaal fühlte sich in Mr. Channings Nähe bohrend und fast schmerzhaft an. Sie blickte sich um, blinzelte und stellte erleichtert fest, dass sie noch immer allein in der Eingangshalle zu sein schienen.

Das war alles andere als eine gute Idee gewesen.

»Nun ja.« Sie schluckte, war mit einem Mal unsicher und konnte das Lächeln, das sich auf ihren Lippen breitmachte, nicht verdrängen. »Ich weiß nicht genau, ob Sie versuchen, mir zu helfen oder Ihren Bruder zu verletzen, Mr. Channing.«

»Spielt das denn eine Rolle?« Das Rumpeln seiner Stimme brachte sie durcheinander, und sie hatte kaum Aussicht darauf, wieder klar denken zu können. »Sie müssen sich ein bisschen mehr anstrengen, wem auch immer von uns Sie nun nachjagen möchten.«

Seine Worte kratzten an ihren ohnehin schon empfindlichen Gefühlen. Glaubte er, sie ging durch die Gegend und verteilte Küsse wie gute Wünsche? Und, was noch schlimmer war: Nahm er an, dass sie ihn allein aus dem Grund geküsst hatte, um seinen Bruder einzufangen? »Wie bitte?«

»Ich bin der Zweitgeborene, und ich fürchte, dass ich es mir nur leisten kann, Ihnen einen oder zwei Küsse zu stehlen – egal, wie süß Ihre Lippen sein mögen. Und ich schätze, es wäre unhöflich von mir, Sie nicht zu warnen: Eric hat immer brünette Frauen bevorzugt.«

Vor allem war es unhöflich von ihm gewesen, diese Warnung nicht ausgesprochen zu haben, bevor er sich die Freiheit genommen hatte, sie zu küssen. Doch Julianne brachte es nicht über sich, den Fehler zu bereuen – nicht, wenn sie seinen Geschmack noch immer zart schmelzend und überraschend auf ihrer Zunge wahrnahm. »Ich dachte, er würde bevorzugen, was auch Sie bevorzugen«, entgegnete sie scharf.

»Ich bezweifle, dass dies etwas ist, wofür er mich zum Duell fordern würde – falls das Teil Ihres Plans war.« Channing zog eine Augenbraue hoch. »Tja, wenn diese Locken braun wären«, fügte er hinzu, und in seinen Augen blitzte ein frecher und doch herzlicher Ausdruck auf, »dann sähe die Sache vielleicht anders aus.«

Julianne rang eine leise Verärgerung nieder. Sie hatte gerade ihren ersten wunderbaren Kuss in den Armen eines Mannes erlebt, und jetzt sprachen sie über ihre Haarfarbe? Es war nicht so, als wäre ihr nicht bewusst, dass ihr Haar den Menschen auffiel. Immerhin waren ihre leuchtend roten Locken entweder das Hübscheste an ihr oder ihr Ruin – welche der beiden Möglichkeiten zutraf, hing von ihrer Stimmung und den Launen des Schicksals ab. Doch zu hören, dass Mr. Channings Bruder sie sofort ablehnen könnte, weil ihr Haar rot war, ließ sie … nun ja, rotsehen.

»Ich wette, ich kann ihn umstimmen«, erwiderte sie, obwohl sie sich eigentlich viel mehr wünschte, Mr. Channing dazu zu bringen, seine Meinung zu ändern.

Einen Moment lang musterte er sie und presste dabei wieder die Lippen aufeinander, wie er es zu Beginn ihres gemeinsamen Abends getan hatte. »Tja, es sieht so aus, als bekämen Sie doch noch Ihre Chance.« Mit einer Kopfbewegung wies er auf die offene Tür zum Ballsaal und trat zur Seite. »Herzlichen Glückwunsch, Miss Baxter! Ihr Plan scheint aufgegangen zu sein.«

Sie drehte sich in die Richtung um, in die er gewiesen hatte. Ihr Blick fiel auf eine grüne Weste, deren Träger sich ihnen näherte. »Ich…« Sie zögerte. »Also, ich glaube nicht…«

»Das Interesse meines Bruders ist anscheinend geweckt, und ich ziehe mich jetzt in mein Bett zurück. Ich habe eine Verabredung mit dem Morgengrauen, und es würde mir missfallen, die Fasane zu enttäuschen.«

Julianne rang um einen klaren Gedanken, nachdem Patrick Channing sie so offensichtlich zurückgewiesen hatte. »Ja, ich nehme an, dass die Tiere ziemlich enttäuscht wären, wenn Sie sie morgen früh nicht in Stücke schießen könnten.«

Der angespannte Zug um seinen Mund verschwand, wenn auch nicht gänzlich. Zwar kehrte das Lächeln nicht zurück, doch es war auf jeden Fall besser als das finstere Stirnrunzeln. Er nickte ihr so höflich zu, als hätte er sich kurz zuvor nicht so verlockend und zugleich unziemlich an sie gedrängt. »Es war mir ein Vergnügen, Ihnen bei Ihren Plänen behilflich zu sein, Miss Baxter.«

Julianne hob die Hand in dem feinen Handschuh an ihre noch immer zart erröteten Lippen und starrte ihm hinterher, als er nun davonging. Offen, schutzlos und verletzlich stand sie in der Eingangshalle. Sicherlich hatte er es nicht so gemeint, sie an seinen Bruder weiterzureichen. Nicht, nachdem sie nach ihrer unerwarteten und ungeplanten Begegnung noch immer vollkommen durcheinander war. Verdammt noch mal! Sie mochte ihn.

Wie schrecklich, das über einen Mann herauszufinden, der gerade wegging!

»Miss Baxter?« Der Besitzer der verfluchten grünen Weste kam in ihr Blickfeld – ein charmanter, gut aussehender Erbe, den sie inzwischen gar nicht mehr wollte. »Ich frage mich, ob Sie mir die Ehre erweisen würden, mir den nächsten Tanz zu schenken?«

»Ja.« Julianne seufzte und riskierte noch einen letzten sehnsüchtigen Blick zur Treppe. »Ich denke, das sollte ich tun.«

Später, als sie an den Abend zurückdachte und sich vorstellte, was sie im Umgang mit Mr. Channing hätte anders machen können, fiel ihr das Offensichtliche ein: Sie hätte nicht mit seinem Bruder tanzen sollen.

Doch im Nachhinein betrachtet war vieles oft viel klarer und eindeutiger. Wenn ihr jemand an diesem Abend gesagt hätte, dass sie am nächsten Tag Channing des Mordes an seinem Bruder beschuldigen würde, dann hätte sie mit dem Fächer an seine Schulter getippt und herzlich über diesen sehr guten Scherz gelacht. Sie konnte nicht wissen, dass der Mann, der ihr nun den Arm bot, noch vor dem Mittag tot sein würde. Oder dass ihre unter Tränen geschilderte Version der Geschehnisse sich so schnell verbreiten und die Lücke füllen würde, die Mr. Channing durch sein verdammtes Schweigen selbst gerissen hatte.

Im Moment konnte sie nur daran denken, wie attraktiv Mr. Channing aussah und wie sich seine Beinmuskeln in der Reiterhose anspannten, als er nun die Treppe hinauflief, indem er immer zwei Stufen auf einmal nahm.

Und ihr ging durch den Kopf, dass es in Yorkshire vielleicht mehr zu jagen gab als nur Fasane.

Kapitel 1

Schottland
Oktober 1842

Obwohl es ein Gedanke war, der ihr schon viel eher hätte kommen müssen, fragte Julianne Baxter sich, ob sie sich das Haar hätte braun färben sollen, bevor sie losgefahren war, um einen Mann aufzusuchen, der wegen Mordes gesucht wurde. Es wäre instinktiv der richtige Einfall gewesen, bevor sie in Schottland angekommen wäre – jetzt ließ es sich nicht mehr ändern.

Es war eine mörderische Reise gewesen. Zuerst war sie mit dem Zug gefahren und dann in eine vierspännige Kutsche gestiegen, die in Perth und Inverness haltgemacht hatte. Nun rumpelte sie in einer schlecht gefederten zweispännigen Postkutsche, die besser nur Pakete statt Passagiere transportiert hätte, in die kleine Stadt Moraig. Während die Szenerie vor dem Kutschenfenster sich wandelte – von den endlosen Kiefernwäldern hin zu den verschwommenen Ladenfronten der Einkaufsstraße –, gingen Juliannes Gedanken in diese neue Richtung. Leider etwas zu spät. Drei lange Tage hatte sie in Zügen und Kutschen verbracht, bis zum Hals zugeknöpft und das Gesicht unter dem Rand ihrer Haube verborgen. Das ging selbst an einer guten Seele nicht spurlos vorüber. Und zugegebenermaßen war Julianne nicht unbedingt eine gute Seele.

Weder eine gute noch eine besonders saubere.

Die hübsche grüne Seide ihres Kleides glich inzwischen eher einem trostlosen Grau. Der Schmutz des Tages, vor allem jedoch der Dreck aus dieser verwahrlosten kleinen Kutsche, hatte sich darauf gesammelt. Julianne sehnte sich nach einem dampfenden Bad und einem Federbett, unter das sie anschließend erschöpft schlüpfen konnte. Doch obwohl sie durch den Schlafmangel tatsächlich erschöpft war, bezweifelte sie, dass sie vor dem nächsten Morgen ein Bad würde nehmen können. Denn sie musste in dieser kleinen schottischen Stadt im Nirgendwo noch einiges erledigen, bevor sie ihre Zehen in eine Badewanne tauchen oder ihren Kopf auf ein Kissen würde betten können.

Aber im Moment war vor allem der Gedanke, auch nur noch fünf Minuten länger im Würgegriff dieser Haube verbringen zu müssen, zu viel für sie.

Julianne spähte zu dem einzigen anderen Mitreisenden hinüber. Es handelte sich um einen korpulenten Mann, der glücklicherweise den Großteil der achtzehn Stunden, die sie von Inverness hierher benötigt hatten, verschlafen hatte. Als er ein beruhigendes Schnarchen ausstieß, zupfte sie an den Bändern, mit denen die Haube um ihren Kopf gebunden war. Dann zog sie sie kurzerhand ab. Sie musste Luft an ihre Kopfhaut lassen. Zwei himmlische Minuten lang genoss sie das Gefühl der Freiheit, bis der Mann, der ihr gegenüber auf der Sitzbank saß, unvermittelt aufwachte.

Einen Moment lang blinzelte er verwirrt. Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, fiel sein schlaftrunkener Blick auf ihre Haare. Dann grinste er und ließ dabei seine Zähne sehen, die vom Alter und von Dingen, über die Julianne lieber nicht näher nachdenken wollte, ganz gelb waren.

»Wenn das mal kein netter Anblick ist!«, brummte er anzüglich. Das Innere der Kutsche füllte sich augenblicklich mit einem Geruch, der keinen Zweifel daran ließ, dass einer oder mehrere der Zähne des Mannes eine professionelle Behandlung gebrauchen konnten. »Ich habe noch nicht oft Haare gesehen, die eine so leuchtende, prächtige Farbe haben. Mir ist aufgefallen, dass Sie allein reisen, Mädchen. Ich würde Ihnen gern ein bisschen von Moraig zeigen. Ganz exklusiv. Nur wir beide.«

Julianne verkniff sich die barsche Antwort, die ihr auf der Zunge lag. Sie war immerhin auf einer geheimen Mission, auch wenn sie nur aufgrund von Gerüchten hier war. Mit der Reise nach Schottland und der Suche nach Channing, die sie angetreten hatte, ohne vorher mit der Polizei oder den Behörden gesprochen zu haben, war sie ein großes Risiko eingegangen. Doch die schockierenden Umstände der letzten Woche hatten sie dazu gezwungen, tätig zu werden: von Lord Havershams Tod und seiner Beerdigung bis hin zu der hoffnungslosen Situation der Familie – einer Situation, an der sie nicht ganz unschuldig war, wie sie fürchtete. Trotzdem gefiel ihr der Gedanke, entdeckt zu werden, ganz und gar nicht. Es war nicht nötig, diesem Fremden – zusätzlich zu den roten Locken, von denen er nicht den Blick wenden konnte – auch noch zu verraten, wie ihre Stimme klang, damit er sie noch leichter wiedererkennen könnte.

Da der Mitreisende sie weiterhin anglotzte, setzte Julianne die verhasste Haube aus Stroh und Seide wieder auf den Kopf. Die Bänder ließ sie offen herabhängen. Der hübschen Aussicht beraubt, wandte der Mann endlich den Blick ab und widmete sich der Zeitung, die er aus seiner Manteltasche gezogen hatte. Doch es ließ sich nicht einfach verdrängen, was sein unverblümtes Interesse bedeutete. Als sie zu dieser Reise aufgebrochen war, hatte sie nicht über ihre auffälligen Haare nachgedacht. Um ehrlich zu sein, hatte sie über die gesamte Reise nicht besonders gut nachgedacht. Ihr Vater hatte sie nach der Beerdigung des Earls sofort nach Hause bestellt. Aber anstatt nach London zu reisen, wie sie es hätte tun sollen, hatte sie ihr Dienstmädchen entlassen – ein flatterhaftes Ding, das sie sich von Summersby entliehen hatte – und war in den Zug gestiegen, der in die entgegengesetzte Richtung gefahren war. Und hier war sie nun: allein, schmutzig und darum bemüht, nicht entdeckt zu werden. Sie konnte sich wohl kaum darauf verlassen, dass ihre Haube sie während ihrer gesamten Reise vor ihrer Enttarnung schützen würde.

Doch sie musste ja keine roten Haare haben.

Für den Zweck und das Gelingen dieser Mission wäre es vielleicht sogar besser, wenn sie keine roten Haare hätte. Dass der Mann, den sie suchte – der Mann, den halb England suchte – angeblich in den entlegensten Winkel Schottlands geflüchtet sein sollte, ließ vermuten, dass er nicht gefunden werden wollte. Falls er seine Umgebung stets aufmerksam im Blick hatte, um dem Galgen zu entkommen, würde ihn der Anblick ihrer roten Haare, die er nun schon kannte, sicherlich direkt in die Flucht schlagen.

Und das bedeutete, dass ihr erster Weg hier in Moraig in eine Drogerie führen würde.

Als diese Idee in ihrem Kopf Gestalt annahm, räusperte Julianne sich geräuschvoll. Ihr Mitreisender sah von seiner zerknitterten Zeitung auf. »Entschuldigen Sie«, sagte sie. Gerade noch rechtzeitig fiel ihr ein, dass sie ja unter allen Umständen vermeiden wollte, wiedererkannt zu werden. Sie verstellte ihre Stimme ein wenig und beugte sich verschwörerisch zu dem Mann hinüber. »Vielleicht könnte ich Ihre Hilfe doch brauchen…«

Das ohrenbetäubende Signal des Horns der Kutsche unterbrach sie.

Es folgte ein dumpfer Aufschlag, der ihr durch Mark und Bein ging.

Die Kutsche neigte sich zur Seite, und Julianne verlor den Halt. Mit dem Kopf krachte sie gegen den Türgriff. Die Wucht des Aufpralls war so heftig, dass ihre Zähne schmerzten. Für einige scheinbar nicht enden wollende Sekunden hing die Kutsche unentschlossen in der Luft, ehe sie wieder zurückkippte, noch ein paar Meter weiterrollte und dann zum Stehen kam. Einen Augenblick lang hörte Julianne nur ihr eigenes panisches Atmen, doch dann schreckte ein Klopfen an der Scheibe sie und ihren Mitreisenden auf.

»Ist irgendjemand verletzt?«, drang die Stimme des Kutschers durch das dünne Glas.

»Alles ist gut.« Der korpulente Herr setzte sich wieder gerade auf die Bank und faltete seelenruhig seine Zeitung zusammen, als passierte so etwas ständig. »Wieder ein Zusammenstoß, Mr. Jeffers?«

Julianne rieb sich den schmerzenden Kopf und stellte erschrocken fest, dass ihre Haube nun auf dem schmutzigen Boden der Kutsche lag. Ihr Blick klebte an der Haube, und sie wollte sie aufheben, doch ihre Finger weigerten sich, Folge zu leisten. Sie konnte sich nicht vorstellen, diese Haube wieder auf den Kopf zu setzen. Es bereitete ihr ja sogar Probleme, ihre Stiefelchen auf den schmierigen Boden zu stellen.

Der Kutscher öffnete die Tür und spähte hinein. Seine Augen wirkten vor Sorge rund, beinahe wie die einer Eule. »Sind Sie verletzt, Mädchen?«

Juliannes Kopf schmerzte höllisch, und ihr Magen fühlte sich an, als wäre er in einen schweren Sturm geraten und gehörig durcheinandergewirbelt worden. Ansonsten jedoch spürte sie keine Schmerzen in den Armen oder Beinen, die auf eine schlimmere Verletzung hingedeutet hätten. Dennoch zögerte sie. Der staubbedeckte Fahrer beugte sich weiter ins Innere der Kutsche hinein, und sein Blick blieb an Juliannes Haaren hängen. Angesichts der Strähnen, die ihr ins Gesicht hingen, wusste sie, dass sie außer der Haube auch noch ein paar Haarnadeln verloren hatte. Wie vorherzusehen gewesen war, verzog der Kutscher den Mund zu einem faszinierten Lächeln.

Plötzlich ging es Julianne nicht mehr gut. Die Anstrengungen der dreitägigen Reise, die Angst, entdeckt zu werden, und die letzten erschreckenden Sekunden vereinigten sich zu einer Welle der Panik, die sie gnadenlos mit sich riss.

Niemand wusste, wo sie steckte. Wenn sie hier und heute gestorben wäre – den Kopf im schottischen Dreck, den Körper unter den Rädern dieser stinkenden kleinen Kutsche zermalmt –, dann hätte ihr Vater sie … nun ja … ihr Vater hätte sie umgebracht.

Der Inhalt ihres Magens, vor allem ein fragwürdiger Shepherd’s Pie, den sie in einer Poststation in Ullapool gegessen hatte, kroch ihr wieder die Kehle hinauf. Eilig drängte sie sich an dem Fahrer vorbei. Es war ihr egal, dass sie zusammen mit ihrer Haube all ihre Schicklichkeit verloren hatte. Sie taumelte in die Spätnachmittagssonne hinaus, wich dabei den Kisten aus, die von der Kutsche gerutscht waren, und blieb irgendwann stehen. Einen Moment lang wankte sie, sog gierig die frische Luft ein und hoffte, ihren aufgewühlten Magen beruhigen zu können. Um sich herum nahm sie die Bewegungen in der Stadt als verschwommene Braun-, Blau- und Grüntöne wahr. Ladenfronten, Markisen und Menschen wurden in den Strudel hineingezogen, in dem auch sie sich im Augenblick befand.

Es wäre ihr beinahe entgangen. Am Ende war es die Reglosigkeit, die ihre Aufmerksamkeit erregte, sodass sie einen zweiten Blick riskierte. Ein kleines Bündel lag regungslos auf der Straße, vielleicht knappe zehn Meter von ihr entfernt. Hinter ihr halfen fremde Menschen bereits dabei, die Kisten und Koffer wieder zurück auf die Kutsche zu laden, und verstellten ihr immer wieder die Sicht auf das Bündel. Sie schnappte Gesprächsfetzen auf, hörte das Geräusch von klapperndem Geschirr und Gelächter, die aus der offenen Tür des nahen Gasthauses drangen. Niemanden schien es zu kümmern, dass die Kutsche gerade einen Mitbürger überfahren hatte oder dass ein Mensch zerschmettert und vollkommen allein auf der Straße lag.

Der Kutscher wählte ausgerechnet diesen ungünstigen Moment, um sich ihr zu nähern. »Ich möchte Sie bitten, wieder in die Kutsche zu steigen, Mädchen. Wir sind spät dran.«

Julianne funkelte den Mann aufgebracht an. Sicherlich erwartete er nicht von ihr, einfach so wieder einzusteigen und den Toten auf der Straße liegen zu lassen, oder? »Wir hatten gerade einen Unfall, Sir.«

Der Kutscher nickte. »Jep. Das passiert hier ständig. Das arme Ding ist direkt unter die Räder geraten. Und jetzt steigen Sie bitte wieder ein! Die Poststation ist nur noch ein paar Straßen entfernt.«

Julianne atmete zweimal tief durch und flehte um Geduld und Ruhe – wobei beides vermutlich göttlicher Hilfe bedürfen würde. »Ich steige nicht eher wieder in die Kutsche ein, bis jemand Hilfe geholt hat«, sagte sie.

Der Fahrer senkte die Stimme und sprach so beruhigend weiter, wie man es für gewöhnlich mit verängstigten Pferden oder störrischen Kleinkindern tat: »Es ist traurig. Das weiß ich. Besonders für eine Dame, wie Sie es sind. Aber so was passiert in Moraig sehr, sehr oft. Warum steigen Sie nicht wieder in die Kutsche, damit Sie den Anblick nicht länger ertragen müssen? Wir brauchen nur noch einen Moment, um die letzten Kisten wieder aufzuladen.«

Ihre Gedanken kreisten um die Worte des Kutschers. So etwas! Das arme Opfer war ihm so gleichgültig, dass er ihm nicht einmal ein Geschlecht zuwies. Das war doch nicht möglich! Grundgütiger! Es war ihre Kutsche. Ihre Eile. Ihre Schuld. Hatte sie den Fahrer an der letzten Poststation nicht gebeten, sich zu beeilen, und ihm dafür sogar eine Goldmünze in die Hand gedrückt? Sie war nach Moraig gekommen, um einen Mörder aufzusuchen, und nicht, um selbst zur Mörderin zu werden. Aufgewühlt wies sie auf die reglose Gestalt, die auf der Straße lag. »Jemand ist unter Ihre Räder gekommen«, zischte sie. »Und Sie machen sich Sorgen um den Zustand des Gepäcks?«

Der Kutscher wurde blass. »Ich … Ich kann nichts dafür, Miss.«

Neben Julianne erklang eine neue Stimme. »Sie können die Kutsche schon zur Poststation bringen, Mr. Jeffers. Ich weiß, dass Ihr Lohn für jede Viertelstunde Verspätung gekürzt wird.«

Julianne hob die Hand, um ein überraschtes Keuchen zu unterdrücken. Sie wirbelte so schnell herum, dass die Welt um sie herum ins Wanken geriet. Julianne hatte das Gefühl, nicht richtig durchatmen zu können, starrte nur den Mann an, dem die Stimme gehörte, und konnte den Blick nicht mehr abwenden. Eine schreckliche Gewissheit ergriff sie, der Gedanke, dass irgendjemand sich irgendwo auf ihre Kosten amüsierte. Wahrscheinlich hatte derjenige schon Seitenstechen vor Lachen.

Denn Julianne hatte den mutmaßlichen Mörder Patrick Channing innerhalb weniger Minuten gefunden – den Mann, dessentwegen sie hergekommen war und eine dreitägige Reise auf sich genommen hatte. Und es war ein bisschen zu spät, um eine Drogerie aufzusuchen.

»Sehr wohl, Sir.« In der Stimme des Kutschers schwang die Erleichterung mit, die ganze Angelegenheit jemand anders überlassen zu können. »Ich habe auch noch einen Brief für Sie. Möchten Sie ihn jetzt haben?«

Channing zögerte einen winzigen Moment lang, ehe er den Kopf schüttelte. »Nein, ich werde ihn später holen. Nachdem ich mich um den Hund gekümmert habe.«

Den Hund? Das Wort kreiste drei Sekunden lang in Juliannes Kopf, bevor sie einen Zusammenhang herstellen konnte. Sie betrachtete noch einmal das Bündel, das auf der Straße lag und das sie nun genauer sehen konnte. Der Körper war also nicht der eines Menschen. Sie schämte sich für diese Fehleinschätzung. Hinter sich konnte sie das Knallen der Zügel und das Knarren der Räder hören, doch sie registrierte es kaum, dass in der Kutsche noch ihre Haube und ihre Tasche lagen.

Stattdessen wurde ihr fast schmerzhaft bewusst, wer da gerade neben ihr stand.

Mit dem Mann, mit dem sie auf der Hausparty in Yorkshire Walzer getanzt hatte, hatte er nur noch entfernt Ähnlichkeit. Er sah irgendwie gewöhnlich, einfach aus. Und dünn. Sie betrachtete sein kantiges Kinn, die Bartstoppeln, die auf seinen schmalen Wangen zu erkennen waren. Er war so hochgewachsen wie immer – einiges konnte man eben nicht verbergen. Doch sein Mantel wirkte ein paar Nummern zu groß, und sein hellbraunes Haar, das früher so sauber gestutzt und kurz gewesen war, reichte ihm nun bis in den Nacken hinein.

Gab es in Moraig keine Friseure?

Oder war das ein Teil seiner Verkleidung und die teuflisch kluge Art, sich zu verstecken, indem er sich eben nicht versteckte?

Channing musterte sie ebenfalls, doch der prüfende Blick wirkte eher klinisch, nüchtern. Von der anzüglichen Anerkennung, die ihr Mitreisender oder der Kutscher gezeigt hatten, ließ er nichts erkennen. Und als er sprach, klang seine tiefe, volle Stimme so tonlos und desinteressiert, dass Julianne überrascht blinzelte.

»Ist bis auf Ihre derangierte Frisur alles in Ordnung mit Ihnen, Miss?«

Julianne hob unwillkürlich die Hand, um sich eine lockige Strähne hinters Ohr zu stecken. Sein mangelndes Interesse an ihr erstaunte sie ebenso wie seine Bemerkung, dass ihr Haar vielleicht ein bisschen Aufmerksamkeit gebrauchen könnte. »Ich … Nein … Ich meine, ich habe mir den Kopf gestoßen. An der Kutschentür.«

Er sah sie an, als wäre sie ein Tier, das seziert werden sollte, und nicht wie die Frau, die ihn einst des Mordes bezichtigt hatte. »Ich kann kein Blut erkennen. Ihre Pupillen sind geweitet, aber das ist nach einem solchen Schrecken durchaus im Bereich des Normalen.«

Julianne musste die Ungeduld niederringen, die sie ergreifen wollte. Wie konnte er nur so … unpersönlich sein? Ob nun am Tag oder in der Nacht – dieser Mann hatte elf Monate lang einen zentralen Platz in ihren Gedanken eingenommen. Er hatte sie voller Leidenschaft geküsst, und sie hatte diesen Kuss nie vergessen. Den Großteil des letzten Jahres hatte sie damit zugebracht, diese Erfahrung zu wiederholen, aber es war ihr nicht gelungen. Sie wollte ihn anschreien, wollte ihn schütteln, damit er verstand. Sie wollte, dass er sie nicht nur wie einen Patienten ansah.

Stattdessen fragte sie: »Erinnern Sie sich überhaupt noch an mich?«

Ungerührt ließ er den Blick weiter über ihren Körper gleiten, ehe er ihr wieder ins Gesicht sah. »Selbstverständlich erinnere ich mich«, entgegnete er, wobei sich seine Stimme nicht veränderte. »Sie hatten schon immer eine Vorliebe für den großen Auftritt, Miss Baxter.«

Juliannes Herz machte einen winzigen Hüpfer. Auch wenn er vollkommen emotionslos klang, wusste er doch noch, wer sie war. Und trotzdem war er nicht fluchtartig davongestürzt.

Sie war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte.

Ohne ein Wort der Erklärung drehte Channing sich um und ging zu dem reglos am Boden liegenden Tier. Julianne beobachtete mit leicht zusammengekniffenen Augen, wie er – alles andere als diabolisch – aus seinem Mantel schlüpfte. Eine verschwommene Schulter nach der anderen. »Er ist bewusstlos, aber er atmet«, rief Channing. »Allerdings hat er sehr viel Blut verloren. Das Bein muss wahrscheinlich amputiert werden.«

Mit dem Hund auf dem Arm, den er in seinen Mantel gehüllt hatte, kam er wieder näher. »Ich muss ihn in meine Praxis bringen und sehen, was ich mit einer Operation erreichen kann. Sie können mich gern begleiten, Miss Baxter. Natürlich nur, wenn Sie mir vertrauen.«

Das war die erste Bemerkung, die er zu der ungewöhnlichen Geschichte, die sie beide verband, fallen ließ. »Ich…« Sie zögerte und spürte die Blicke einiger neugieriger Einwohner Moraigs auf sich, auch wenn sie sie nicht genau erkennen konnte. Im Moment konnte sie nur diesen Mann sehen, der vor ihr aufragte, in den Armen das verwundete schwarz-weiße Tier in seinem Mantel und eine Blutspur an einem seiner Handgelenke.

Eine Erinnerung drängte an die Oberfläche, eine Welle von Schuld und Zweifeln, die sie schon bei der Beerdigung bemerkt hatte und die sie die ganze Fahrt hierher verfolgt hatten. Als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er ebenfalls blutverschmiert gewesen. Es war viel Blut gewesen, das sich von leuchtendem Rot in ein dunkles Rostrot verändert hatte. Wie versteinert hatte er im Arbeitszimmer seines Vaters gestanden, das Blut seines Bruders an seinen Kleidern. Damals hatte sie das Blut gesehen und es als Beweis seiner Schuld interpretiert. Doch nachdem sie elf Monate lang darüber nachgedacht hatte, war sie sich nicht mehr sicher.

Jetzt war der alte Earl tot, und die Frage, was als Nächstes kommen würde, brannte allen auf den Nägeln.

Weiter, als Patrick Channing zu finden und ihn dazu zu überreden, wieder nach Hause zu kommen, hatte sie nicht gedacht. Diese Reise hatte sie aus einem Impuls heraus angetreten, nachdem sie Patricks Familie zum ersten Mal seit der berüchtigten Hausparty wiedergesehen hatte und vollkommen aufgewühlt gewesen war. Einige der Gäste auf der Beerdigung hatten gemunkelt, der Earl sei an gebrochenem Herzen gestorben, und Julianne hatte die rot geweinten Augen und die eingefallenen Wangen von Channings Mutter und seinen kleinen Schwestern kaum ertragen können. Es war klar gewesen, dass sie alle am Boden zerstört waren – und das nicht nur wegen des plötzlichen Todes des Earl of Haversham.

Sie brauchten Patrick, und sie brauchten ihn unversehrt und gesund.

Und während nach dem Tod von Patricks Vater nun allmählich der Ruf nach einer gerichtlichen Untersuchung der Todesumstände seines Bruders laut und das einstige Gerede der Leute hinter vorgehaltener Hand zur echten Überzeugung wurde, war noch etwas klar: Sie war anscheinend die Einzige, die wusste, wo er steckte.

»Schnell, Miss Baxter! Das Leben eines Tieres steht auf dem Spiel.«

Julianne starrte auf seinen blutigen Ärmel. Die Fakten passten nicht zusammen. Er passte nicht in das Bild. Das untermauerte ihren Entschluss – ob er nun vernünftig war oder nicht. »Ich werde mit Ihnen kommen.«

Sie hob ihre Röcke an. Es war ihr egal, dass sie vermutlich vor all den neugierigen Zuschauern den Blick auf ihre Knöchel preisgab. Wenn sie Glück hatte, lenkte der Anblick ihrer Strümpfe die Leute vielleicht von ihren zerzausten Haaren ab und hielt sie davon ab, darüber zu spekulieren, warum sie sich ohne eine Anstandsdame an ihrer Seite mit einem Mann unterhielt, der mutmaßlich das Leben eines anderen Menschen auf dem Gewissen hatte.

»Wir müssen aber ein ganzes Stück laufen.« Channings Blick wanderte nach unten zu den Absätzen ihrer Stiefel, die unter dem angehobenen Rock zu sehen waren. »Versuchen Sie, sich unterwegs nichts zu verstauchen, Miss Baxter! Denn ich kann Ihnen versichern, dass ich lieber den Hund weitertragen werde.«

Kapitel 2

Die verfluchte Julianne Baxter!

Sie war hier. In Moraig. So weit, wie man in Britannien gehen konnte, ohne in den Atlantik zu fallen – den Atlantik, in den er sie am liebsten werfen würde. Zum Teufel mit den wackeligen Absätzen und den reizenden roten Locken!

Er konnte noch immer nicht glauben, dass sie ihn tatsächlich nach Hause begleitete. Es war ein Risiko, das eine vernünftige Frau eigentlich nicht eingehen sollte – vor allem nicht, nachdem sie ihn eines so entsetzlichen Verbrechens beschuldigt hatte. Ein noch größeres Risiko war es für ihn, sie zu sich eingeladen zu haben. Doch sicherlich war es besser, als dieses impulsive junge Ding auf der Straße stehen zu lassen. Wahrscheinlich hätte es keine dreißig Sekunden gedauert, bis sie angefangen hätte, die Gäste im Blauen Gänserich auszufragen und dabei unabsichtlich Geheimnisse zu verraten. Niemand in Moraig wusste über seine Vergangenheit Bescheid – nicht einmal seine besten Freunde. Bis er wusste, was seine Zukunft für ihn bereithalten würde, wollte er daran auch nichts ändern.

Patrick war bekannt, dass es in England Leute gab, die wie Bluthunde hinter ihm her waren und im Namen der Gerechtigkeit seinen Kopf forderten. Er vermutete, dass Miss Baxter derselben Meinung war wie seine Gegner – vor allem, wenn er an ihre letzte Begegnung dachte. Einige seiner eigenen Verwandten hatten eine Untersuchung der genauen Todesumstände seines Bruders gefordert. Dass sein Vater davon überzeugt gewesen war, dass es ein schrecklicher Unfall gewesen war, hatte daran nichts geändert. Zuletzt hatte er vor einem Monat einen Brief von seinem Vater bekommen, und sofern der heutige Brief keine neuen Erkenntnisse und Informationen enthielt, war die Zeit für Patricks Rückkehr noch nicht gekommen.

Miss Baxters unerwartetes Auftauchen brachte ihn jedoch möglicherweise in Zugzwang.

Mit dem bewusstlosen Hund in den Armen und den beunruhigenden Gedanken im Kopf stieß Patrick mit dem Fuß die Tür zu seinem heruntergekommenen Haus auf, das er zu einer Tierarztpraxis umfunktioniert hatte. Er hätte die Tür nicht mit voller Wucht mit dem Fuß aufstoßen müssen. Der Riegel rastete sowieso nicht mehr richtig ein. Das war nur eine von unzähligen Reparaturen, die in dem baufälligen Gebäude fällig waren, in dem er wohnte und zugleich auch einzelne Farmtiere wieder zusammenflickte. Die Tür ließ sich mit einem leichten Hüftstoß öffnen, was er immer dann tat, wenn er gerade keine Hand frei hatte. Doch die extreme körperliche Reaktion, bei der er Dampf ablassen konnte, und das befriedigende Geräusch, das erklang, als sein Stiefel die Holztür traf, verbesserten seine Laune.

Was noch besser war: Die Geste und das laute Geräusch ließen die Frau neben ihm zusammenschrecken wie ein aufgescheuchtes Vögelchen. Und das machte ihn froh – aus dem einen Grund, dass er in dieser Situation, die zu nichts Gutem führen würde, einfach für einen Moment die Oberhand hatte.

Als er das Haus betrat, schoss ein beigefarbenes Wollknäuel die Treppe hinunter und umkreiste Patricks Beine. Aufgeregtes Bellen ertönte.

»Ist ja schon gut, Gemmy.« Er ging um sein Haustier herum, das überschwänglich und ein bisschen verrückt um ihn herumjagte. Gemmy war das erste Tier, das er in Moraig behandelt hatte. »Sitz!«, sagte er zu dem Hund.

Gemmy blieb stehen.

Der Hund wedelte aufgeregt mit dem Schwanz, und seine kleine rosafarbene Zunge hing ihm aus dem Maul, während er fröhlich hechelte. Miss Baxter zog sich die Handschuhe aus, kniete sich auf den Boden und kraulte den Terrier hinter den Ohren. »Wer ist denn dieser unerzogene kleine Kerl?«

»Das erste Opfer des Postkutschers«, erwiderte Patrick trocken.

Der Hund schloss mit einem zufriedenen Schnauben die Augen, während Miss Baxters Finger an ihm eine Art weiblichen Zauber vollführten. Patrick sah verblüfft zu. Gemmy war immer ein treuer Hund gewesen. Ein Männerhund. Er kratzte sich gern ausgiebig mit seinem noch verbliebenen Hinterbein und leckte sich an der Stelle, wo seine Hoden gewesen waren. Gemmy hing stets an Patricks Fersen, es sei denn, es war ein Huhn oder ein Kaninchen in der Nähe.

Doch gerade warf sich dieser »Männerhund« anscheinend voller Bewunderung und Anbetung auf den Rücken und präsentierte der ohne Zweifel unmännlichen Miss Baxter mit drei in die Luft gestreckten Beinen den Bauch, den sie kraulen sollte. Und Miss Baxter kam dieser Aufforderung mit einer Selbstverständlichkeit und Vertrautheit nach, die Patrick überraschte.

Obwohl sie in diesem Moment beinahe liederlich wirkte, weil ihr Haar sich gelöst hatte und ihr Kleid vollkommen zerknittert war, hielt er Miss Baxter eigentlich für eine sehr zimperliche Person, die sich mehr Gedanken um den Schnitt ihrer Kleider und ihre Frisur machte, als ein vernünftiger Mensch es tun sollte. Nun zu beobachten, wie sie die Handschuhe auszog, um nicht nur einen Hund, sondern einen dreibeinigen Straßenköter zu streicheln, wirkte seltsam absurd auf Patrick.

»Wie viele Opfer des Kutschers gibt es denn?«, fragte sie ernst.

»Vier in diesem Jahr. Mr. Jeffers ist immer spät dran, und die Bewohner von Moraig leinen ihre Hunde nie an. Es ist also unvermeidbar, dass es gelegentlich zu solchen Zusammenstößen kommt.«

»Es ist also inzwischen zu Ihrem Hobby geworden, den armen Kreaturen die Gliedmaßen zu amputieren.«

Siedend heiß fiel Patrick das Bündel auf seinem Arm wieder ein, und er fluchte unterdrückt. Er hätte das arme Tier beinahe vergessen, so entwaffnend und verwirrend war der Anblick von Miss Baxter, die in seinem schmutzigen Eingangsbereich hockte. Er eilte den schmalen Flur entlang, der in die Küche führte. Ein wehleidiges Blöken ertönte aus dem Teil des Hauses, der einst als vorderes Wohnzimmer gedient hatte. Doch obwohl es schon fast Zeit für die Flasche des verwaisten Lämmchens war, ignorierte er das Blöken für den Moment.

Er legte seinen Patienten auf den Küchentisch und befreite das verletzte Tier behutsam aus dem Mantel. Noch eine ruinierte Jacke. Diese Tätigkeit würde ihn noch ins Armenhaus bringen.

Miss Baxters Absätze klapperten auf den verwitterten Holzdielen hinter ihm. »Leben Sie hier allein? Jetzt mal ehrlich: Sie sind der Sohn eines Earls. Sie könnten sich einen oder zwei Bedienstete leisten.«

Patrick antwortete nicht. Es hatte keinen Sinn, ihr zu erklären, dass er kein Geld von seinem Vater akzeptierte, solange er in seinem selbst gewählten Exil weilte. Ohne Zweifel hatte Miss Baxter in ihrem wundervollen, verhätschelten Leben noch nie auch nur einen Heller abgelehnt.

Er zwang sich dazu, den Blick auf das furchtbar aussehende verletzte Bein des Hundes zu richten, statt zu ihr zu sehen. Es war kein leichter Kampf, den er da mit sich selbst ausfocht, denn ihr Anblick war einfach zu verlockend und reizvoll.

Irgendwo hinter ihm klapperte ein Topfdeckel. »Kochen Sie überhaupt jemals?«, überlegte sie laut. »Diese Pfannen und Töpfe sehen völlig unbenutzt aus.«

Verärgerung ergriff ihn. Verdammt noch mal, konnte sie nicht endlich den Mund halten?

»Der Wasserkessel funktioniert.« Tatsächlich stand der Kessel immer auf dem Feuer. Doch seine Antwort schien ihre Neugierde nicht zu befriedigen. Er schluckte den Frust über die weibliche Belagerung seines Haushalts hinunter und fing an, seinen neuesten Patienten genauer zu untersuchen. Der Hund, den er von der Hauptstraße hierhergetragen hatte, war noch immer ohne Bewusstsein. Das bereitete ihm Sorgen. Obwohl Patrick außer dem völlig zerschmetterten Bein keine weiteren äußeren Verletzungen erkennen konnte, deutete die Tatsache, dass der Hund nicht wieder zu sich kam, darauf hin, dass er zusätzlich zu dem verwundeten Bein noch Verletzungen am Kopf erlitten haben könnte.

Aber die anhaltende Bewusstlosigkeit war möglicherweise auch eine günstige Gelegenheit. Denn wenn er sich beeilte und schnell arbeitete, könnte er dem Hund das Bein abnehmen, ehe der wieder zu sich kam. Doch »schnell« war angesichts der Tatsache, dass er keine Assistenz hatte, ein dehnbarer Ausdruck.

Zweifelnd sah er Miss Baxter an, die inzwischen zur Anrichte gegangen war und nun mit dem bloßen Finger elegant über seine sauberen, gereinigten Instrumente fuhr. Nein, sie wäre keine Hilfe. Im Gegenteil. James MacKenzie, sein Freund und ehemaliger Mitbewohner, hatte Patrick früher bei den schwierigeren Fällen geholfen. Aber der Mann saß wahrscheinlich gerade beim Abendessen in seinem neuen Haus am anderen Ende der Stadt und genoss eine gesunde Portion Eheglück.

Es war niemand da, außer der unendlich neugierigen Miss Baxter.

»Ich dachte, Sie wollten den Hund operieren.« Sie hielt ein langstieliges Instrument hoch, das in einer Zange endete. Sie wollte es sich näher ansehen und betrachtete es nun mit leicht zusammengekniffenen Augen – wie eine Siebzigjährige, die ihr Monokel verlegt hatte. Stirnrunzelnd drehte und wendete sie das Gerät in der Hand und hatte die Lippen geschürzt. »Das hier ist Ihre Küche«, stellte sie fest. »Sie untersuchen und behandeln Ihre Patienten doch bestimmt nicht hier, oder?«

Patrick überlegte, ob er ihr sagen sollte, dass er das Instrument dazu verwendete, Kälber zu kastrieren. Er entschied sich jedoch dagegen.

Er wollte nicht riskieren, dass sie es am Ende noch gegen ihn einsetzte.

Stattdessen griff er nach den chirurgischen Instrumenten, die er in einem Schrank aufbewahrte – gleich neben der kleinen Dose mit Teeblättern und dem Salzstreuer. »Tisch ist Tisch. Ich bin da nicht besonders wählerisch.«

»So viel ist klar.« Sie legte das Werkzeug zum Kastrieren ans Ende des Tisches und kam näher. Ihre Augen wurden groß, als sie sah, was er in der Hand hielt. »Was ist denn das?«

Patrick ignorierte ihre Frage, auch wenn das nicht zwangsläufig bedeutete, dass er sie ignorierte. Er hob die Knochensäge hoch – ein riesiges, gut geöltes Gerät mit Sägezähnen, die so groß wie Fingernägel waren –, legte sie auf den Tisch und bemerkte zufrieden, wie Miss Baxter, die ohnehin schon blass war, noch ein bisschen bleicher wurde, als sie die Säge neben dem bewusstlosen Hund liegen sah.

Zum ersten Mal, seit er sie erblickt hatte, war er versucht zu lächeln. Sie hielt ihn immerhin für einen Mörder. Er war vielleicht sogar einer – er war sich nicht mehr sicher, was ihn selbst und die tragischen Ereignisse betraf, die seine Familie zerstört und seine Zukunft so verändert hatten, dass sie von Unsicherheit und Heimlichtuerei geprägt war.

Und das bedeutete, dass die nächsten paar Minuten bestimmt sehr unterhaltsam werden würden.

Ganz gewiss wollte er die Operation nicht hier durchführen – auf dem ungehobelten Küchentisch, an dem er auch seine Mahlzeiten einnahm. Der bloße Gedanke daran, dass er es doch vorhaben könnte, bereitete Julianne schon Übelkeit. Als er nun allerdings eine Nadel und einen Faden holte und sie neben das Folterinstrument auf den Tisch legte, wurde klar, dass er genau das vorhatte.

»Vielleicht treten Sie lieber einen Schritt zurück«, schlug er ihr grimmig vor, während er die Hemdsärmel aufrollte. »Dieser Teil der Operation ist ein bisschen kompliziert.«

Julianne schluckte, als er nun die Säge in die Hand nahm. Sie wich taumelnd zurück – davongejagt von dem schabenden Geräusch der Metallsäge, die auf Fleisch und Knochen traf. Plötzlich blieb sie mit einem Absatz an den unebenen Fußbodendielen des alten Hauses hängen. Im nächsten Moment stürzte sie nach hinten und lag eine Sekunde später verdutzt auf dem Rücken. Sie lauschte den Übelkeit erregenden Geräuschen der Knochensäge und dem leisen Blöken des Lämmchens, das irgendwo aus einem anderen Teil des Hauses an ihre Ohren drang.

Gütiger Himmel! Das hier war ein echtes Horrorhaus.

Der Raum schien sich um diese beiden nicht zusammenpassen wollenden Geräusche herum zu drehen.

Während sie versuchte, sich aufzusetzen, fühlte sie unter ihren Händen so viel Schmutz, dass ihr der Fußboden der Kutsche dagegen regelrecht sauber vorkam. Sie hob eine Hand und starrte entsetzt und angeekelt auf ihre Handfläche. Stroh und Sägespäne klebten an ihrer Hand, und außerdem war da noch etwas Dunkles, das nicht nur aussah wie Dung, sondern auch verdächtig danach roch.

»Haben Sie sich wehgetan?« Mr. Channings Stimme drang zu ihr.

Sie atmete durch die Nase ein, während die Säge weiter die kratzenden Geräusche machte. »Nein.« Jedenfalls nicht körperlich. Ihr Stolz war ein wenig angeknackst. Und ihr Kleid war endgültig ruiniert.

Vermutlich würde sie es verbrennen müssen.

»Na ja, ziehen Sie doch Ihre Stiefel aus! Sie sind hier in einem Bauernhaus und nicht in einem verdammten Ballsaal. Der Fußboden ist zu heimtückisch für diese lächerlichen Absätze, und ich kann Ihnen nicht ständig wieder auf die Beine helfen, wenn Sie hinfallen.«

Julianne wischte sich die Hände an ihrem hoffnungslos schmutzigen Kleid ab und streckte den Arm aus, um ihre Stiefel zu öffnen. Dabei bemühte sie sich, nicht auf die Geräusche zu achten, die vom Tisch über ihr zu vernehmen waren. Während sie aus dem ersten Stiefel schlüpfte, ging ihr auf, dass sie in der Gegenwart dieses Mannes mit beängstigender Schnelligkeit Kleidungsstücke verlor. Sie hatte keine Ahnung, wo ihre Handschuhe abgeblieben waren, und ihre Haube lag wohl noch immer auf dem Boden der Kutsche. Mit der ausgestreckten Hand strich sie über ihre Seidenstrümpfe und überlegte, ob sie sie vielleicht auch besser auszog. In der Bond Street hatte sie ihr wöchentliches Taschengeld dafür ausgegeben. Die vollkommen überteuerten Seidenstrümpfe auf den verschmutzten Boden zu legen war ein kleiner Preis, den sie gern zahlte, wenn es sie von den grausigen Dingen ablenkte, die gerade über ihrem Kopf vor sich gingen.

Während sie nun ihre Stiefelchen auf das sauberste Fleckchen Boden stellte, das sie finden konnte, erklang auf dem Tisch ein gequältes Stöhnen. Ein unterdrücktes Fluchen und das hektische Geklapper von Instrumenten zeigten, dass Patrick Channing neben der Operation, die er gerade durchführte, nun noch ein neues Problem hatte, mit dem er fertigwerden musste.

»Miss Baxter!«, rief Patrick. In den beiden Worten schwangen in diesem Moment mehr Emotionen mit als in der gesamten Unterhaltung, die sie in der vergangenen halben Stunde geführt hatten. »Ich brauche Ihre Hilfe. So schnell, wie Sie können.«

Julianne sprang auf, als sie den drängenden Unterton in seiner Stimme hörte. Sie rannte um den Tisch herum – und musste zugeben, dass es tatsächlich leichter war, sich zu bewegen, ohne sich Gedanken über die hohen Hacken machen zu müssen. Im nächsten Augenblick stand sie neben Patrick und bemühte sich nach Kräften, sich bei dem grauenvollen Anblick, der sich ihr auf dem Küchentisch bot, nicht zu übergeben.

Der schwarz-weiße Hund lag bäuchlings auf dem Tisch. Seine verbliebenen Gliedmaßen zuckten leicht. Das Tier öffnete und schloss das Maul und hatte offensichtlich starke Schmerzen. Dennoch schien der Hund nicht vollständig wach zu sein. Überall war Blut – auf dem Tisch, an der Säge, an dem Mann.

Auf Patricks Stirn glitzerten Schweißperlen. »Das sind Anzeichen, dass er wieder zu Bewusstsein kommt. Sie müssen jetzt seine Schnauze auf dem Tisch festhalten – falls er wirklich wach werden sollte.«

»Ich?«, quiekte sie und war sich sicher, dass es ein Scherz sein musste.

»Schnell, bitte! Ich habe nicht die Zeit, um das jetzt mit Ihnen auszudiskutieren.«

Ein hoher, klagender Laut, den der Hund ausstieß, brachte Julianne dazu, näher an den Tisch zu treten. Ihre Bedenken schob sie beiseite. Sie beugte sich über den Tisch und legte die Hände um die offene Schnauze des Hundes. Beim Anblick der scharfen Zähne zog sich ihr vor Angst der Magen zusammen. »So ungefähr?«

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