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Eindeutig Liebe

1
Er sieht aus, als könnte er dein Leben retten

Sienna

Heute Morgen sitzt mir im Zug ein Pärchen gegenüber.

Männlein und Weiblein.

Beide müssen etwa Mitte zwanzig sein.

Er hat dichtes blondes Haar, grüne Augen und auf der ganzen Nase sexy Sommersprossen. Sie sehen aus wie Sterne an einem klaren Nachthimmel.

Ganz gut sieht er aus, aber er ist nicht mein Typ. Ich habe ihm gegenüber die gleichen Gefühle wie einem Gemälde von Monet: Mir gefällt, was ich sehe; es ist nett, aber nicht ganz mein Geschmack.

Im Stillen vermute ich, dass er Tom – oder zumindest so ähnlich – heißt und irgendwas mit PR macht. Ich denke das, weil er einen grauen Anzug trägt, der aussieht, als sei er von einem Designer, und einen lachsfarbenen Schlips.

Manchmal treibe ich gerne solche Fantasiespielchen.

Wahrscheinlich liege ich meistens völlig daneben, aber immerhin vergeht so die Fahrtzeit schneller.

Mit ihrem langen braunen Haar, das ein bisschen strähnig und zerzaust ist, aber noch immer so wirkt, als sei es Teil eines sorgfältig geplanten Looks, könnte sie eine Claire sein. Offensichtlich hat sie sich Mühe gegeben, so zu wirken, als sei es ihr egal, wie ihr Haar aussieht. Aber ich bin auch eine junge Frau, also durchschaue ich das sofort. Sie möchte, dass jeder denkt, sie sei gerade so aus dem Bett gefallen.

Ihre Nägel sind makellos lackiert – in einem Grauton –, und sie trägt eine enge schwarze Jeans mit teuer aussehenden Ballerinas im Nude-Look.

Claire sieht ein bisschen kreativer aus als ihr PR-Freund – der Schmuck verrät es (große Klunkerarmbänder und eine Kette mit exzentrischen Perlen). Ich vermute, sie macht beruflich irgendwas in der Kunstbranche. Wahrscheinlich kann sie selbst keinen Pinsel halten, aber vielleicht ist sie Galeristin und muss den Leuten erklären, was der Künstler mit seinen Farbklecksen an den Wänden ausdrücken möchte.

Ich kann mir gut vorstellen, dass sie gebildet ist und dass ihre Familie in Kent lebt, aber dreimal im Jahr Urlaub auf den Kaimaninseln macht.

Und ich wette, Tom liebt sie. Jedenfalls sieht es so aus, als täte er das. Er hat diese Aura eines Mannes, der sich nicht leicht ablenken lässt. So etwas ist wunderbar.

Eines ihrer Beine liegt auf seinem Schoß. Während sie die Zeitung liest, küsst er sie hin und wieder auf die Wange, und es hat ganz den Anschein, als wäre er in diesen Momenten mit sich und der Welt im Reinen. Mit der Liebe seines Lebens auf dem Weg zur Arbeit …

Ich seufze, als ich merke, dass ich die beiden anstarre. Ich bin einfach zu romantisch. Dabei bin ich mir sicher, dass sie die gleichen Probleme haben wie alle anderen auch – Sie wissen schon … dass sie sich wegen seines Schnarchens, ihrer Unfähigkeit, Straßenkarten zu lesen, und der Verteilung der Aufgaben im Haushalt streiten.

Trotzdem ist mir bewusst, dass ich zu Hause niemanden habe, der mich so liebt. Ich werde zwar auch geliebt, aber anders …

Ich nehme an, dass die Vormittage leichter sind, wenn man der PR-Mann Tom oder die Galerie-Frau Claire ist, als wenn man ich ist: Sienna Walker.

Vielleicht wird man dann von sanften Küssen geweckt und diesem ganz besonderen Gefühl von Haut an Haut, das man schon fast für selbstverständlich hält.

Warmer Atem am Gesicht und das Gefühl von Sicherheit.

Na, das hab ich nicht.

Mein typischer Morgen erinnert mehr an eine kalte Dusche.

Als der Zug losfährt, zucke ich zusammen. Wieder muss ich daran denken, wie mein Tag begonnen hat – und daran, dass ich es ganz bestimmt besser ertragen hätte, wenn ich neben dem Mann meiner Träume aufgewacht wäre. So wie Claire – oder wie auch immer sie wirklich heißt.

Um halb sieben hat der Wecker geklingelt. Es war ein schrilles, durchdringendes Piepen, bei dem sich meine Ohren am liebsten in meinen Kopf zurückgezogen und in die gepolsterten, warmen Windungen meines Gehirns gekuschelt hätten. Ich wollte nur weiterschlafen. Ich wollte zurück unter die Bettdecke – die sich weich anfühlte und nach Gänseblümchen roch – und mich vor der Welt verstecken. Kurz überlegte ich tatsächlich, ob ich mich krankmelden sollte, aber ich habe die Stelle noch nicht lang genug, um mir so etwas leisten zu können.

Der Morgen und ich, wir kommen nicht gut miteinander zurecht. Wir sind ein bisschen wie Käse und Marmelade – oder wie Schokolade und Humus –: einfach keine gute Kombination.

Also hievte ich meine schweren Glieder aus dem Bett und stellte die Füße auf den weichen Holzboden. Mein Pony stand in die Luft wie ein Handymast.

Der weiche Kokon, in dem sie gelegen hatte, wich einem kühlen Luftzug und dem dringenden Bedürfnis zu pinkeln. Wie ein Zombie trottete ich ins Bad und versuchte im Halbdunkel, etwas zu erkennen.

Nach ein paar Minuten »Morgentoilette« – zu der es gehört, dass ich mit einer abgewetzten Zahnbürste in meinem Mund herumstochere und versuche, meinen zerzausten Haaren mit einem Kamm beizukommen – fühlte ich mich schließlich bereit für die Dusche.

Von wegen.

Nur kaltes Wasser.

Es fühlte sich an, als hätte jemand während der Nacht den Eisregen in einem rostigen Eimer gesammelt und ihn nun über mir ausgekippt.

Ich riss meine Augen auf – zum ersten Mal seit dem Aufwachen waren sie nun wirklich offen –, und meine Pupillen schrumpften auf Stecknadelkopfgröße, während ich gegen den Schock ankämpfte. In dem verzweifelten Versuch, den unerbittlichen Geschossen auszuweichen, sprang ich umher und wartete auf heißes Wasser, aber die kalten Tropfen prasselten weiter gnadenlos auf mich herunter.

Dann folgte auch schon die nächste Herausforderung: Irgendwie musste ich die laubbedeckten Straßen meines Westlondoner Außenbezirks durchqueren und den Zug zur Arbeit erwischen. Doch trotz des Schockerlebnisses unter der Dusche hatte ich noch immer Schleier vor den Augen, und das Pflaster schien sich vor mir auszubreiten wie ein Schachbrett.

Zur Rushhour in London herumzulaufen ist wie ein Jump-and-run-Spiel. Bewertet wird in etwa folgendermaßen:

 5 Punkte, wenn man nicht in die große Pfütze tritt, die sich immer an der tiefsten Stelle der Edgley Road bildet.

15 Punkte, wenn man erfolgreich das den Gehsteig blockierende ältere Ehepaar überholt, ohne gegen einen Laternenpfahl zu laufen.

10 Punkte, wenn man den Schnorrern entkommt, die sich vor dem Bahnhof auf einen stürzen und einem unbeschreibliche Schuldgefühle einjagen, weil man ihnen auszuweichen versucht.

15 Punkte, wenn man das letzte Päckchen Orangensaft im Bahnhofsladen ergattert.

20 Punkte, wenn man noch eine Gratiszeitung bekommt, bevor die »Nimm-dir-eine-Zeitung-und-schmeiß-sie-zehn-Minuten-später-wieder-weg«-Pendler sie einem gierig vor der Nase wegschnappen.

Die nächste Prüfung bestand darin, mir im Zug einen Sitzplatz zu erkämpfen. Wenn man es richtig anstellt, steht einem eine halbwegs bequeme Fahrt bevor. Vermasselt man es aber, verbringt man zwanzig Minuten mit dem Gesicht gegen eine der bruchfesten Fensterscheiben gedrückt und einem Gehstock zwischen den Hinterbacken.

Eine Minute nachdem ich auf dem Bahnsteig angekommen war, fuhr der Zug ein. Ich wand mich durch die Menschenmenge – links, rechts, links, rechts –, und schaffte es.

Doch jetzt, wo ich vor diesem Sinnbild der Liebe sitze, das mich so richtig runterzieht, weil es mir den Kontrast zu meiner eigenen häuslichen Situation vor Augen führt, begreife ich, dass ich heute nicht gerade in allerbester Stimmung bin.

Oh nein! Als Tom eine von Claires Haarsträhnen zur Seite schiebt und sanft ihr rechtes Ohr küsst, muss ich wegsehen, sonst verliere ich noch den Verstand. Um das Geturtel nicht mit ansehen zu müssen, schaue ich nach links, aber dadurch sehe ich direkt in die Augen eines Mannes, der neben mir sitzt und mich zufällig genau in diesem Moment anstarrt.

Er muss schon über fünfzig sein, ein magerer Kerl mit stechenden Augen und einer Brille, deren Gläser so dick sind, dass ich bei ihrem Anblick unwillkürlich an die Böden von Milchflaschen denken muss.

Als er begreift, dass ich ihn beim Starren erwischt habe, lächelt er verlegen. Und weil ich mich selbst gern für einen relativ netten Menschen halte, erwidere ich das Lächeln, als wollte ich sagen: Wissen Sie was? Es ist okay. Vergessen wir es einfach, und dann ist es gut.

Anschließend wende ich mich ab und gucke zur Decke hinauf – das ist heute offensichtlich das Sicherste. Trotzdem merke ich, da ist wieder was; aus dem Augenwinkel heraus nehme ich etwas wahr. Als ich den Kopf drehe, sehe ich, dass der Kerl mich schon wieder anstarrt, fast durchbohrt sein Blick meine Wange. Das ist ganz sicher kein beiläufiges Hinsehen mehr! Er zuckt zusammen, als wäre er dabei erwischt worden, wie er im Supermarkt Weintrauben nascht.

»Äh, es tut mir sehr leid. Es ist nur, Sie sind so schö …«

»Lassen Sie es einfach sein, ja? Bitte«, sage ich und werde rot.

»Ja, selbstverständlich. Verzeihen Sie«, antwortet er mit einem vornehmen Akzent und klingt dabei ein wenig belämmert.

Willkommen im Bahnfahrerleben! Es ist ein Zirkus und zugleich ein Zoo.

Ich frage mich, wieso mich so ein aufdringliches Benehmen derart wütend macht. Aber offenes Angaffen paart sich hier mit übertriebenen öffentlichen Zuneigungsbekundungen, aufdringlich riechendem Imbissfraß und unbeherrschtem Naseputzen.

Es ist erst die dritte Woche an meinem neuen Arbeitsplatz, und dieses tägliche Ritual ist doch noch leicht schockierend für mich.

Das Gedränge der Rushhour kann mit eigentlich ganz normalen Leuten eigenartige Dinge anstellen. Menschen, die normalerweise ganz ruhig sind, ertappen sich auf einmal dabei, wie sie mit den Zähnen knirschen, leise vor sich hin fluchen oder verzweifelt versuchen, sich davon abzuhalten, jemanden mit dem Regenschirm zu enthaupten.

Eine Frau rechts von mir telefoniert mit ihrem Handy, und zwar ziemlich laut.

Der Mann, der neben ihr sitzt, verzieht das Gesicht.

Die Frau ist so in ihr Gespräch vertieft, dass sie gar nicht bemerkt, als der Tunnel langsam näher kommt, und dann … tja.

Ach wie schade! Der ganze Wagen atmet erleichtert auf, nur Tom und Claire nicht – die sind so tief in die Augen des jeweils anderen versunken, dass sie überhaupt nichts mitbekommen haben.

Einen Moment lang scheinen wir alle eine Art Frieden erlangt zu haben. Ein ungepflegter junger Mann, der aussieht, als sei er brutal aus dem Winterschlaf gerissen worden, schiebt sich tiefer in die Ecke seines Sitzes. Angesichts seines gammeligen Äußeren fühle ich mich besser: Er sieht so aus wie ich in der ersten Stunde nach dem Wachwerden.

Verkrampfte Beine beginnen sich zu entspannen, und Tagträumer drehen den Kopf wieder in Richtung Fenster, hoffen darauf, irgendwie aus diesem Viehwagen des Grauens zu entkommen.

Ich balanciere meinen Pappbecher mit Tee zwischen den Knien, nehme meine Metro und versuche, an meine Pläne für heute zu denken, doch ziemlich schnell werde ich von der Titelgeschichte über ein Eichhörnchen auf maßgefertigten Wasserskiern abgelenkt.

Gott, ich liebe diese Zeitung!

Ich bin selbst Journalistin, und sosehr ich auch davon träume, eines Tages eine weltbewegende Geschichte vom Ausmaß des Spendenskandals der Labour-Partei aufzudecken, bin ich trotzdem schon zufrieden, wenn ich über kleine knuffige Tiere schreiben kann, die irgendetwas Ungewöhnliches machen – so wie dieses Eichhörnchen.

Neugierig blicke ich zu den anderen Metro-Lesern hinüber. Liest noch jemand die Story mit dem Eichhörnchen?

Eine Dame in der Reihe hinter dem schmusenden Pärchen liest ebenfalls – aber nein, sie hat einen ziemlich traurigen Gesichtsausdruck.

Niemand lächelt – geschweige denn, dass jemand lachen würde –, und das kann einfach nicht sein, denn das Eichhörnchen ist ein wirklich komisches Tierchen.

Also suche ich weiter, und mein Blick bleibt an einem zum Verzweifeln gut aussehenden Mann in einem grünen T-Shirt hängen, der mir schräg gegenüber sitzt, zwei Plätze weiter rechts. Er grinst; ja, er scheint über irgendetwas so belustigt zu sein, dass er sich räuspern muss.

Wow. Wie kann es nur sein, dass ich ihn bis jetzt nicht bemerkt habe?

Vielleicht ist er erst vor ein paar Minuten eingestiegen, als ich in meine wütende, verbitterte Gedankenwelt versunken war.

Es sieht aus, als wäre er groß, wenn er vom Sitz aufsteht. Unter dem T-Shirt mache ich einen perfekt proportionierten Oberkörper mit breiten, stattlichen Schultern aus, und darüber befindet sich ein Gesicht, von dem ich den Blick einfach nicht abwenden kann. Mein Herz klopft mir bis zum Hals, und ich muss heftig schlucken.

Er hat reine olivfarbene Haut, die um sein Kinn herum voller sexy Stoppeln ist. Sie klettern seine Kieferpartie – die wie gemeißelt aussieht – hinauf wie Efeu an einem schönen alten Haus. Seine Züge sind kräftig und verwegen.

Wie ein Feigling sieht er nicht aus. Er sieht aus, als könnte er dein Leben retten.

Seine scharfen, irgendwie künstlerisch wirkenden Gesichtszüge stehen in scharfem Kontrast zu zwei gefährlichen braunen Augen, die in dem künstlichen Licht der Deckenbeleuchtung beinahe glitzern.

Fall. Nicht. In. Sie. Hinein.

Seine Lippen sind makellos geformt und erregend wie die meines Lieblings-Pin-ups Jake Gyllenhaal.

Er hat dichtes, lockiges braunes, fast karamellfarbenes Haar, das in unterschiedliche Richtungen wächst.

Er sieht nach Ärger aus.

Ich kann mir schon vorstellen, wie es ist, ihn zu küssen …

Vorsichtig spähe ich über den Rand der Zeitung, und er muss meinen Blick spüren, denn er schaut ebenfalls in meine Richtung.

Unsere Blicke treffen sich, und für ein paar Sekunden steht nichts zwischen uns – außer vierzig Seiten gräuliches Umweltpapier, zwei Meter stickige Waggonluft und ein dicker Mann links neben mir, der jeden Augenblick einnicken wird.

Das ist einer dieser Hollywoodmomente, wie man sie aus dem Kino kennt, nur bin ich weder blond, noch trage ich Kleider in Größe XXS.

Er ist womöglich einer der attraktivsten Männer, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.

Wenn man wie ich in London lebt, bemerkt man irgendwann, dass die Stadt zwar vor Menschen aller Formen und Größen fast aus den Nähten platzt, man aber trotzdem so gut wie nie jemanden sieht, der einen einfach umhaut.

In Zügen versuchen die meisten, sich in ein Buch zu vertiefen, sich hinter einer Zeitung zu verstecken oder ins Reich der Musik zu entschwinden. Sie gehen achtlos aneinander vorbei. Tatsächlich Kontakt herzustellen – und dann auch noch einen freundlichen – kommt fast einem Wunder gleich. Also los.

Entweder blamiere ich mich jetzt völlig, oder wir erzählen eines Tages unseren Hochzeitsgästen davon, wie wir uns wegen eines Nagetiers mit einer Vorliebe für Wassersport kennengelernt haben. Das schlägt die üblichen Geschichten von Blind Dates oder einem Treffen im Fitnessstudio um Längen.

Tief Luft holen …

Eichhörnchen?

Ich hauche es ihm zu; unhörbar bilde ich mit den Lippen langsam dieses alberne Wort und ziehe dabei fragend die Augenbrauen hoch.

Die Zeit scheint zu verschwimmen wie in einem zu langsam abgespielten Filmclip; ich höre meinen eigenen Herzschlag in den Ohren. Mist, Mist, verdammter Mist …

Doch plötzlich streckt er einen Daumen hoch, und der hinreißendste Mann in dieser Stadt – womöglich sogar auf der ganzen Welt – zeigt mir sein Exemplar der Metro und deutet auf unseren pelzigen Amor.

Er beißt sich auf die Unterlippe, damit er nicht laut anfängt zu lachen. Eine Reihe ebenmäßiger weißer Zähne wird sichtbar. Ganz schön sexy.

Ich lasse ein kokettes Grinsen aufblitzen und wende den Blick ab. Mein Herz rast in meiner Brust.

Bleib. Jetzt. Cool.

Dann tue ich so, als lese ich weiter in der Zeitung, blättere aber schnell die Bildgeschichte um, weil ich sonst so sehr lachen müsste, dass mir der Tee aus der Nase schießen würde – und das könnte dann doch den coolen Eindruck ruinieren, den ich erwecken möchte.

In dem Bewusstsein, dass ich meine eigenen Grenzen längst überschritten habe, als ich das Ganze inszeniert habe, lese und lese ich, als wäre er mir egal, und überlege dabei krampfhaft, was ich als Nächstes tun soll.

Der Zug hält, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich aus dem Augenwinkel immer noch die leuchtend grüne Farbe seines T-Shirts sehe. Ich muss versuchen, ihn nicht anzuschauen.

Gott segne das periphere Sehen.

Schon bald sind fünf Minuten vergangen, und ich bin zuversichtlich, dass es nun in Ordnung ist, Blickkontakt Nummer zwei herzustellen.

Doch als ich zu dem Platz meines gut aussehenden Fremden hinübersehe, sitzt dort zu meinem Entsetzen ein älterer Herr in einer erbsengrünen Jacke. Das Pärchen ist auch weg. Schnell reiße ich den Kopf herum und suche den vorderen und den hinteren Teil des Waggons nach ihm ab; zur Sicherheit wiederhole ich das Ganze noch einmal. Doch er ist verschwunden.

Der Rentner auf seinem Platz scheint erfreut und gleichzeitig erstaunt zu sein über meine Aufmerksamkeit. Dich meine ich aber nicht, Alter …

Toll, denke ich und betrachte meine Füße. Da geht er dahin, der Mann meiner Träume.

Rasch begreife ich, wie naiv meine kleine Träumerei war, und schäme mich. War sowieso ’ne blöde Idee, sage ich mir. Es gruselt mich richtig, wenn ich daran denke, dass ich innerhalb weniger Minuten auf der Liebesskala von null auf sechzig geschossen bin – das passt überhaupt nicht zu mir.

Außerdem war er wahrscheinlich sowieso ziemlich irre. Lacht über Eichhörnchen! So weit kommt’s noch, tröste ich mich.

Doch ich bin eine verzweifelte Romantikerin. Ich liebe die Vorstellung von der zufälligen Kollision der Herzen. Ich sehne mich eher nach solchen absonderlichen Begegnungen als danach, auf konventionelle Art in der Kneipe angebaggert und für eine Nacht trunkener Fummelei mit einem Mann, den ich zudem kaum kenne, abgeschleppt zu werden. Am schrecklichsten ist der Satz: »Wir kamen ins Gespräch, als wir bei gemeinsamen Freunden zum Abendessen eingeladen waren.« Und wenn Sie der Langweiligkeit die Krone aufsetzen wollen, können Sie auf die alte »Wir-haben-uns-auf-der-Arbeit-kennengelernt«-Geschichte zurückgreifen.

Gähn.

In mir steckt eine kleine Julia, die hofft, dass sie irgendwann unvermittelt – zum Beispiel durch eine Lücke im Bücherregal in der Bibliothek – in die Augen ihres Romeos sieht oder ihn auf der anderen Seite eines Aquariums entdeckt. Himmel, selbst wenn er im Supermarkt hinter dem Regal mit den Würzsoßen steht, mir soll es recht sein!

Obwohl ich erst zwanzig bin, bejammere ich den Tag, an dem die gute altmodische Romantik starb. Ich bin mir jedoch nicht sicher, wann das gewesen ist. Einige sagen, wir haben sie verloren, als wir um die Gleichberechtigung kämpften; und wenn das stimmt, ist sie wohl nur ein kleiner Preis für das, was wir erreicht haben.

Aber mussten wir es wirklich so weit treiben?

Denn tatsächlich ist es doch so: Wenn man von einem Mann Blumen an den Arbeitsplatz geschickt bekommt, dann kichern sämtliche Kolleginnen und tun so, als müssten sie brechen, aber sobald sie abends zu Hause sind, bricht jede von ihnen einen Streit vom Zaun, weil der Göttergatte ihr nie Blumen schenkt.

Wir fahren in meinen Bahnhof ein, und ich löse mich aus meinen Gedanken, die sich inzwischen schon ganz weit unten in der Abwärtsspirale befinden. Und da ich nun einmal so ein wankelmütiges junges Ding bin, habe ich den gut aussehenden Fremden schon vergessen, als ich meinen Tee austrinke und den zusammengeknüllten Becher auf dem Bahnsteig in den Mülleimer werfe.

Die Begegnung im Zug war bloß ein flüchtiger Moment, ein bisschen Zucker auf meinen Cornflakes. Ich habe Besseres zu tun, ich muss mich auf meine Karriere konzentrieren. Keine Zeit für Ablenkungen, sage ich mir. Außerdem liegt zu Hause zu viel im Argen. Zu viel, was bewältigt werden muss. Ich sollte mich wirklich nicht nach fremden Männern umsehen.

Mein Herz beginnt zu flattern, als ich die Gehsteige von Balham entlanghaste. Die Straßen sind überfüllt mit Menschen – Mütter mit Kinderwagen, Jungen in sackartigen Jeans und den letzten städtischen Angestellten, die zur Bahnstation eilen, um den Zug ins Zentrum zu erwischen. Ich komme an Zeitungsgeschäften, Maklerbüros und Billigläden vorbei – den üblichen Verdächtigen eben –, dazwischen hin und wieder ein kleiner Coffee-to-go-Shop.

Ich bin gern hier.

Zigarettenrauch hängt in der sanften Frühlingsluft und vermischt sich mit dem Duft, der von den frischen Schinkenbrötchen aufsteigt, die auf den Tellern eines frühstückenden Pärchens liegen.

Mit meinem neuen Job bin ich wirklich zufrieden. Zwei Jahre lang habe ich geschuftet und eine Absage nach der anderen weggesteckt, bis ich schließlich die Stelle bei einem Zeitschriftenverlag erhielt. Berufserfahrung habe ich natürlich noch nicht vorzuweisen, deshalb musste ich ziemlich kreativ sein, um potenzielle Arbeitgeber auf mich aufmerksam zu machen. Ein Universitätsstudium kommt für mich nicht infrage, deshalb habe ich mir Dinge wie Internetjournalismus oder Videotechnik selbst beigebracht und dabei immer versucht, mit dem Finger am Puls der Zeit zu bleiben, was Social Media angeht. Gut, ich schreibe nicht gerade für den Guardian oder die Times, aber The Cube ist ein guter Anfang, und bisher habe ich jede einzelne Sekunde genossen.

The Cube ist eine Mediengruppe, die eine Reihe ungewöhnlicher Zeitschriften herausbringt, die von sehr speziellen Käuferkreisen gelesen werden. Einige davon sind cool, andere nicht so sehr. Das bedeutet, dass ich über eine Menge merkwürdiger Themen schreibe, von dem Neusten aus der Welt des Angelns (weniger spannend) bis zu dem Testen schneller Autos (viel spannender). Einige unserer Zeitschriften sind ziemlich klein und unbekannt, andere werden von Tausenden gelesen. Der Job ist einfach perfekt für mich, weil ich das Schreiben liebe, und ich kann mein Glück noch immer nicht fassen.

Wie bei einem merkwürdigen Tanz winde ich mich durch die Leiber rings um mich herum – ducke mich, tauche, weiche aus. Schulkinder wimmeln umher, und Rentner schlurfen in Ladeneingänge, ihre Zeitungen unter dem Arm.

Irgendetwas in meinem Innern lebt erst in der Energie Londons richtig auf. Obwohl der Lebensstil mich manchmal rasend macht, möchte ich an keinem anderen Ort der Welt sein.

Es ist jeden Tag das Gleiche: Ich komme nach Hause, die Füße tun mir weh, die Augen sind blutunterlaufen, und das Haar hängt schlaff herunter nach einem Angriff der beiden Verbündeten Wetter und Luftverschmutzung – aber ich fühle mich inspiriert. Wenn ich mich ins Bett lege, kann ich den nächsten Morgen kaum abwarten, so unbedingt will ich weitermachen. Auch wenn die erste Stunde nach dem Aufwachen ganz schön schmerzhaft ist.

Nachdem ich fünf Minuten lang durch die Menschenmengen getanzt bin, ist es nicht mehr weit bis zu meinem Arbeitsplatz in dem kleinen, modernen Gebäude in der geschäftigen Nebenstraße. Es befindet sich zwischen zwei Restaurants, einem Italiener und einem Inder. Ihre aromatischen, knoblauchreichen Kochdünste schaffen es immer wieder, bis in unsere Klimaanlage vorzudringen, und so verbringe ich die meiste Zeit des Tages in einem Stadium des fortgeschrittenen Appetits.

Hinter dem Bürogebäude liegt ein kleiner Parkplatz mit einer Bank mittendrin, und dort sitzt oft ein Obdachloser.

Auch heute ist er wieder da, und als mir klar wird, dass ich an ihm vorbeimuss, werde ich nervös.

Schon an meinem allerersten Tag hier habe ich ihn bemerkt. Es wäre allerdings auch schwierig gewesen, ihn nicht zu bemerken, da er mich mit seinem kleinen, hungrigen Mund, den man zwischen all den braunen und schwarzen Streifen in seinem verwitterten Gesicht kaum sah, einfach ansprach.

»Hast du ’n bisschen Kleingeld über, Schatz?«, fragte er, und in seinen Augen schimmerte Hoffnung.

Doch ich wandte mich ab und ging an ihm vorbei. Ich weiß generell nie, wie ich mich in solchen Situationen verhalten soll, und in dem Moment hatte ich sowieso ganz andere Dinge im Kopf.

Er sieht weder verrückt aus, noch macht es den Eindruck, als ob er Drogen nimmt. Er erfüllt keins dieser Klischees. Manchmal lächelt er mir sogar zu, und ich lächle zurück. Doch nie nehme ich mir die Zeit, mit ihm zu reden. Ich weiß, dass das blöd ist.

Aber ich habe Angst vor ihm und vor dem, was ihm in seinem Leben widerfahren ist. Er hat einen eisigen Blick – so eisig, dass es einem kalt den Rücken runterläuft. Ich sehe nicht gern in diese Augen, deshalb wende ich mich ab.

Nachdem ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte, erkundigte ich mich am Empfang nach ihm.

»Von wem sprechen Sie eigentlich?«, quiekte die hohe Stimme der blonden Empfangsdame mittleren Alters, die hinter dem Tresen stand.

»Na, von dem Typen, der auf unserem Parkplatz sitzt«, erklärte ich.

»Hmm, ich glaube nicht, dass wir heute jemanden erwarten«, entgegnete sie und blätterte durch die Papiere, die vor ihr lagen.

Empfangsdame Nummer zwei meldete sich zu Wort: »Ach, Sandra, du weißt doch, wen sie meint – den Tanzenden Pete.«

»Den Tanzenden wer?«

»Na, der obdachlose Kerl, der immer da hinten schläft.«

»Tanzend? Wieso tanzend? Ich habe ihn noch nie tanzen sehen. Du meine Güte!«

Die beiden Damen begannen ein frustrierend langsames Gespräch. Es war, als sähe man zwei Pfauen zu, die hinter einer Glasscheibe sinnlos vor sich hin glucksten und darauf warteten, dass jemand sie niederstreckte und zu exotischen Handtaschen verarbeitete.

»Ein Obdachloser? Ich wusste nicht, dass wir davon auch einen haben«, kreischte Sandra, als rede sie über eine neue Frankiermaschine oder den allerneusten Fotokopierer.

»Do-och. Er hängt da jetzt schon zwei Jahre rum. Bist du blind?«

Ich ging, obwohl sie noch mitten im Gespräch waren. Doch sie bemerkten es kaum.

Aber heute Morgen belastet mich die Situation auf einmal wieder. Es beginnt, als ich über den Parkplatz zu unserem Hintereingang gehe. Ich fahre zwar selbst kein Auto, aber wenn man über den Parkplatz läuft, kürzt man den Weg ab und spart Zeit.

Er sitzt auf der Bank, den Kopf in die Hände gelegt. Als ich näher komme, blickt er auf. Sein Gesicht ist so traurig wie eh und je.

»’tschuldigung«, ruft er, als ich wieder einmal versuche, mich an ihm vorbeizuschleichen. Ich ziehe eine Grimasse, denn obwohl ich unbemerkt bleiben möchte, bemerkt er mich jedes Mal.

Als ich stehen bleibe, stelle ich fest, dass ich genau neben der Bank angehalten habe. Trotzdem starre ich weiter Richtung Eingang, damit es bloß nicht zu einem Blickkontakt kommt.

»Ja?«, sage ich leise und bereue es noch im gleichen Augenblick.

»Hast du was Kleingeld über?«, fragt er wie immer – als würde die Antwort diesmal anders ausfallen.

Ich erwidere nichts und gehe rasch weiter, ziehe meinen Ausweis durch das Lesegerät, um die Glastür zu öffnen, und trete in den Lift. Ich höre noch, wie er brummt: »Ich wollte mir nur ’n Becher Tee kaufen.«

Der Lift fährt mich in den dritten Stock. Er ist eng und riecht oft nach Alleskleber. Ich weiß nicht, woran das liegt. Niemand scheint das zu wissen.

»Hallo, Hübsche!«, ruft Lydia in derselben Sekunde, in der ich das Büro betrete. Dann kneift sie mir leicht in die linke Wange – was sie so ziemlich jeden Morgen tut, seit ich zum ersten Mal einen zittrigen kleinen Bambifuß in dieses Großraumbüro gesetzt habe –, und ich freue mich, nicht mehr darüber nachdenken zu müssen, dass ich immer wieder jemanden stehen lasse, der eindeutig Hilfe braucht.

Lydia ist die Redaktionskoordinatorin. Das ist ein ziemlich wichtig klingender Titel für jemanden, der an allem herumwerkelt und die ganzen nervtötenden Dinge erledigt, um die sich sonst niemand kümmern will. Ich glaube allerdings, dass sie zu mehr in der Lage wäre.

Sie hat einen wilden Haarschopf aus dichten schokobraunen Locken über einem sommersprossigen Gesicht und die durchdringendsten grünen Augen, die ich je außerhalb eines Bilderbuches gesehen habe.

Sie ist ein knuddeliger Typ, der viel Wärme ausstrahlt – also genau das, was man braucht, wenn man irgendwo einen neuen Job beginnt. Obwohl sie nur drei Jahre älter ist als ich, hat sie mich direkt unter ihre Fittiche genommen.

»Hallo, Lyds, schönes Wochenende gehabt?«, erkundige ich mich und gehe mit einem breiten Lächeln auf den Lippen zu meinem Schreibtisch.

Wie eine Fee schwebt Lydia um mich herum und schafft Dinge aus dem Weg. Bevor ich weiß, wie mir geschieht, hängt meine Jacke ordentlich an der Garderobe, und meine Liste mit den Aufgaben der Woche liegt vor mir – alles perfekt sortiert. Im Stillen frage ich mich, wie viele Arme sie eigentlich hat.

»Absolut großartig, Si. Du errätst nie, was Freitagnacht passiert ist«, beginnt sie, und ein schelmisches Lächeln huscht über ihr Gesicht.

Schnell lese ich drei der Post-its, die auf meinem Schreibtisch kleben. Und nein, ganz bestimmt werde ich niemals erraten, was Freitagnacht passiert ist.

Obwohl ich Lydia noch nicht lange kenne, würde ich sagen, dass ihr Privatleben sich um zwanzig Zentimeter hohe Absätze dreht, um ein großzügiges Quantum Jack Daniel’s, das Bestechen von DJs mit Bargeld – damit sie Achtzigerjahre-Schmalzmusik spielen – und um das Aufsuchen von Dönerbuden auf dem Heimweg, in denen sie dann alle zum Lachen bringt. Und das sind nur einige der Geschichten, die sie mir erzählt hat.

Sie beugt sich näher und flüstert mir ins Ohr, obwohl ich mir ja gar keine Mühe gegeben habe zu erraten, was Freitagnacht passiert ist. Es könnte alles und nichts sein. Lydia redet immer so aufs Geratewohl.

»Ich habe in dem Salsaklub am Leicester Square Hausverbot bekommen«, teilt sie mir mit, dann kichert sie und tritt stolz einen Schritt zurück, eine Hand an ihrer kurvenreichen Hüfte.

Wie, frage ich mich, schafft man es, in einem Salsaklub Hausverbot zu bekommen? Stürmische Drehungen im Uhrzeigersinn? Ein High-Heels-Amoklauf? Ich erwidere nichts, aber ich sehe sie an und ziehe dabei eine Augenbraue hoch. Ich kann es kaum erwarten, die Geschichte zu hören.

»Na ja, wir hatten schon ein bisschen viel getrunken, bevor wir da ankamen; das war kein guter Start. Und dann bin ich die Treppe zu den Toiletten runtergefallen. Sie dachten, ich wäre stockbesoffen, aber das war ich gar nicht. Ich glaube, es lag an meinen Schuhen …«, behauptet sie und klingt dabei leicht beschämt.

Gelangweilt schalte ich meinen Computer ein, und er surrt los wie ein startendes Flugzeug. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich so nicht anhören sollte.

»Himmel, hast du dich verletzt?«, heuchle ich Interesse. Die Geschichte ist nicht so aufregend, wie ich zuerst dachte, und ich habe heute viel zu tun.

»Nicht wirklich. Aber mein Absatz ist abgebrochen, und das war auf dem Nachhauseweg ziemlich lästig«, fügt sie hinzu und wickelt sich eine lange dicke Locke um den Zeigefinger. Dabei sieht sie zu unserem Bürogoldfisch Dill hinüber, der wiederum sehnsüchtig durch das Glas nach draußen schaut.

Rhoda – unsere Werbetexterin – hat Dill vor sechs Monaten gekauft und behandelt ihn, als wäre er ihr Baby. In seinem Becken ist sogar Spielzeug. Ja, es gibt Spielzeug extra für Fische, das im Becken treibt. Rhoda kauft so etwas am Wochenende und bringt es dann montags mit. Es wundert mich, dass sie noch keine Tafel mit dem Alphabet aufgehängt hat.

Ich lächle breit und betrachte dabei Lydia. Aus Höflichkeit setze ich den Small Talk fort, aber ich habe Mühe, mir ein Lachen zu verkneifen, wenn ich mir vorstelle, wie sie aus schwindelerregender Höhe von der Klippe ihrer topmodischen Schuhe stürzt.

»Und, auf was beläuft sich der Schaden?«, frage ich. Ich tue so, als würde mich das tatsächlich interessieren, aber der Gedanke an den gewaltigen Berg Arbeit, der noch vor mir liegt, lenkt mich ab.

»Na, sie waren von Kurt Geiger, Süße. Also so ungefähr hundertzwanzig Pfund«, antwortet sie mit einem gewaltigen Seufzer.

Ich fühle ihren Schmerz.

Koffein. Ich brauche dringend Koffein. Langsam stehe ich auf und gehe zu unserem Getränkeautomaten. Dort hat sich bereits eine kleine Schlange gebildet, und ich höre das übliche hohle Geschwätz. Ein Gespräch dreht sich darum, dass uns in diesem Jahr ein richtig heißer Sommer bevorsteht, weil die letzten drei schrecklich waren; in einem anderen wird ergründet, wie viele freie Tage im Jahr okay sind und ab wann man nur noch habgierig wirkt; und im letzten – und furchtbarsten – geht es um Radarfallen und darum, wie unfair es ist, dass Mark Watson einen Strafzettel dafür bekommen hat, dass er hundert gefahren ist, obwohl er doch versichert hat, es seien nur sechsundneunzig gewesen. Endlich bin ich an der Reihe.

Schnell nehme ich mir einen großen Becher Tee mit einem Stück Zucker, kehre an meinen Schreibtisch zurück und fange mit der Arbeit an. Doch schon bald werde ich durch ein lärmendes Durcheinander gestört, das in dem Bereich hinter mir ausbricht.

Unser Großraumbüro ist weitläufig und offen. Mein Schreibtisch ist einer von acht, die in der Mitte des Raumes stehen und durch niedrige Zwischenwände voneinander getrennt sind. Links von meinem Schreibtisch sind drei kleine Büros mit eigenen Türen und Fenstern. Den Rest des Raumes nehmen die üblichen Verdächtigen ein: weitere Schreibtische, lärmende Faxgeräte, Wertstofftonnen und eine riesige Kaffeemaschine. Unser Boss hat sein Büro im Stockwerk über uns; eine eigene kleine Treppe führt dorthinauf wie zu einem Baumhaus.

Ich starre weiter auf meinen Bildschirm, doch es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Wahrscheinlich geht es sowieso um nichts, was mich interessieren würde. Normalerweise kann ich alles andere sehr gut ausblenden, aber da wird geredet und geredet.

Konzentrier dich! Konzentrier dich!

Plötzlich stößt Lydia ihren spitzen Ellbogen gegen meine Schulter, und ich bemerke, dass sie neben meinem Schreibtisch steht und mich angrinst. Sie hat eine seltsam verzerrte Miene aufgesetzt, die wohl unauffällig sein soll. Sie sieht aus, als wollte sie sagen: Guck mal hinter dich, aber ohne es laut herumzubrüllen, was sie jedoch eindeutig am liebsten täte.

Um Gottes willen, denke ich noch, während ich widerstrebend meinen Sessel um hundertachtzig Grad drehe. Doch dann entdecke ich mitten in dem Tumult vor mir eine Gestalt. Sie umgeben – oder besser gesagt: sie bedrängen – lauter aufgeregte Kolleginnen. Alles, was ich wirklich erkennen kann, ist ein Grünton. Es ist ein saftiges Grün.

Mein Herz setzt einen Schlag aus, dann noch einen. Drei wäre vielleicht übertrieben.

Zwei Kolleginnen treten zur Seite, und als mein Blick langsam von dem T-Shirt weiter nach oben wandert, trifft er auf ein bekanntes Gesicht.

Du heilige Scheiße. Es ist der Eichhörnchen-Mann!

Und falls das überhaupt möglich ist, sieht er in dem grellen Licht, das sehr an eine Zahnarztpraxis erinnert, noch besser aus als vorhin im Zug. Gleichzeitig macht er jedoch einen entschieden genervten Eindruck.

Aber wieso ist er hier? Zum Teufel, wer ist er? Soll er interviewt werden? Oder repariert er hier etwas?

Nein, für all das sieht er viel zu weich aus. Außerdem scheint ihn jeder hier zu kennen. »Lydia, wer zum Teufel ist das?«, flüstere ich ihr ins Ohr. Mein rechtes Bein zittert leicht.

»Das ist Nick«, flüstert sie augenzwinkernd zurück.

Natürlich. So was Blödes.

Mein erster Arbeitstag war Nicks erster Urlaubstag, und darum ist er der einzige Mitarbeiter bei The Cube, den ich noch nicht kenne. Dank des Küchenplans weiß ich über ihn, dass er dienstags Milch und Zucker holen muss und dass er Pfefferminztee mit Kümmelsamen trinkt. Nach dem, was die anderen über ihn erzählt haben, hatte ich den Eindruck, dass er ein angeberischer, selbstverliebter Blödmann sein muss.

So wie’s aussieht, hat Kevin aus der Buchhaltung während Nicks Abwesenheit die Rechnungen vermasselt und ist völlig lustlos herumgelaufen, Tom aus der Redaktion hat versucht, der Führer des Rudels zu werden – und dabei fürchterlich versagt –, und Rhoda hat sogar wieder mit dem Rauchen angefangen. Die Jungs finden alle, dass Nick unglaublich komisch war, bis seine Freundin ihn wegen eines anderen verlassen hat. Wenn ich noch ein einziges Mal mit anhören muss, wie Nick sich als Baum verkleidet hat und zwei Stunden im Empfang stand, ohne dass jemand etwas merkte, schreie ich.

Seine Freundin und der Typ, der »sie ihm ausgespannt« hat, haben beide hier gearbeitet, wie ich höre. Was für ein Desaster!

Jetzt sehe ich mich zwar nicht mehr mit der Aussicht konfrontiert, künftig mit jemandem zusammenarbeiten zu müssen, der ein hysterischer Esel ist (das wäre schon schlimm genug gewesen), sondern – und das ist noch schlimmer – stattdessen mit jemandem, der nur noch die leere Hülle eines Mannes ist, dessen Herz gebrochen ist und der wahrscheinlich eine Spur aus Tränen und Rotz hinterlässt, wohin er auch geht.

Und diese leere Hülle eines Mannes ist ausgerechnet der Typ, in den ich mich heute Morgen im Zug fast verknallt hätte.

Ich bin erledigt.

Nick

Normalerweise ist es ziemlich öde, ins Büro zurückzukehren, vor allem dann, wenn man gerade einen Urlaub auf Ibiza hinter sich hat. Doch diesmal war es ganz anders.

In den letzten Jahren konnte ich die typischen Billig- und Besäufnisreisen vermeiden. Seit meinen Trips auf die Balearen – die ich mit Anfang zwanzig gemacht und damals sehr genossen habe – bin ich ein gebranntes Kind. Mittlerweile möchte ich überallhin, nur nicht dorthin. Oft genug habe ich in billigen Hotels das Klo vollgekotzt, bin in den Swimmingpool gefallen oder habe mir die Glieder verrenkt, weil ich mit besoffenem Kopf versucht habe, irgendwelche Stunts zu machen. Magaluf, ade! Schönen Dank auch, aber das ist einfach nicht mehr mein Ding.

Wenn ich heute mit den Jungs wegfahre, bevorzuge ich Städtetrips. Wir sind noch immer auf das Gleiche aus – heiße Mädchen aufreißen, tanzen und zu viel trinken –, aber wir haben heute mehr Geld und tun daher dasselbe, bloß in anderer Umgebung. Unsere letzten Reisen gingen nach Amsterdam, wo wir Gras geraucht haben, nach Paris, wo wir das beste Steak gegessen haben, das man sich vorstellen kann, und nach Brooklyn, wo wir von Klub zu Klub gezogen sind. Solche Sachen eben. Wir sind keine Kinder mehr.

Deshalb machen wir entweder in coolen Städten das, was uns Spaß macht, oder wir erleben aufregende Abenteuer in tropischer Umgebung, zum Beispiel auf den Fidschis. Ich liebe es, unter den Sternen zu sitzen und irgendwelchen Rucksacktouristen, die ich niemals wiedersehen werde, die besten Geschichten aus meinem Leben zu erzählen.

Aber viele meiner Freunde gehen bereits auf die dreißig zu, und ich befinde mich auf dem gleichen Weg. Die Aussicht auf diesen Meilenstein von Geburtstag und den Junggesellenabschied stellen mit dem Kopf eines Mannes merkwürdige Dinge an.

Als die Idee mit Ibiza zum ersten Mal aufkam, sagte Ross zu mir: »Komm schon, Kollege, das wird super – und es ist immerhin mein Junggesellenabschied. Also, du musst mitkommen, echt, okay?«, und schlug mir hart auf den Arm, als wäre er so eine amerikanische Sportskanone. Das mit dem Auf-den-Arm-Hauen hat er sich auf der Uni angewöhnt und seitdem nicht wieder aufgegeben. Er tut es so gut wie immer: an Geburtstagen, Feiertagen, Dienstagen … Es nervt ein bisschen, und er ist außerdem eigentlich schon zu alt dafür, aber es ist sein Markenzeichen, also soll er es meinetwegen tun. Ich habe immer gedacht, für den Fall, dass wir keine netten Frauen finden, könnten wir eine Junggesellen-WG gründen und bräuchten nie erwachsen zu werden; dann könnten wir uns auf sämtlichen Golfplätzen des Landes und in den Bingohallen von Westlondon auf die Oberarme hauen. Aber das ist jetzt in weite Ferne gerückt.

Ross ist mein bester Freund. Wir kennen uns von der Universität. Zuerst hielt ich ihn für einen Arsch – er war ein Angeber, der immer mehr trinken musste als die anderen, und er hatte auch mehr Erfolg bei Frauen, was mich tierisch eifersüchtig machte. Er ist ein großer Kerl – nicht dick, aber stämmig – mit breiten Schultern und wirrem Haar und sieht immer so aus, als käme er gerade von einem Rugbyfeld. Die Mädchen mögen das, wie ich feststellen musste.

Nach nur sechs Monaten im gleichen Wohnheim wurde mir klar, dass das hier kein Wettkampf und er eigentlich ein ziemlich cooler Typ war. Er hat mir sogar beigebracht, wie man mit Frauen redet, ohne zu stottern oder ihnen sein Bier aufs Kleid zu kippen. Obwohl er bestimmt nicht der hübscheste Kerl ist, den ich kenne, hat er diese unglaubliche Selbstsicherheit, die ihn immer und überall zu begleiten scheint, wohin er auch geht.

Also war ganz klar, dass ich bei diesem Abschied mitkommen musste, selbst wenn das bedeutet hätte, drei Tage lang in einem Haufen dampfendem Pferdemist zu sitzen. Aber es ging eben um Ross.

Wie gesagt, Ibiza – ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich noch einmal dorthin zurückkehre. Die Aussicht auf vollgestopfte Nachtklubs und übelkeitserregende Lichteffekte trieb mir schon den Schweiß auf die Stirn, wenn ich nur daran dachte.

Natürlich habe ich protestiert, wirklich, aber sie ließen einfach nicht locker. Der ganze Haufen hatte sich schon im Voraus Antworten auf jeden meiner Vorschläge überlegt, woanders hinzufliegen.

Damit ich schließlich doch einschlug, genügte es am Ende, dass Ross mir mit dem Wunsch auf »eine letzte Chance vor der Ehe« und »noch mal Spaß haben« Schuldgefühle einflößte und zudem ein bisschen googelte, um mir anschließend viele heiße Frauen in Aussicht zu stellen.

Es ist ja nur für ein paar Tage, sagte ich mir, und wenn es zu schlimm würde, konnte ich mich immer noch in den historischen Teil von Ibiza-Stadt verziehen, von dem alle so schwärmten.

Meinen Koffer zu packen war nicht schwer: Shorts, Shorts, eine lange Hose, noch mehr Shorts und Duschgel. In mein Handgepäck stopfte ich gleich fünf Bücher; ich fürchtete, wenn sie unterwegs verloren gingen, würde ich meine einzige Zuflucht für den Fall verlieren, dass wirklich alles den Bach runterging.

Doch ich wurde angenehm überrascht – kaum dass wir auf der Insel gelandet waren, brachte mich irgendetwas an der Atmosphäre in Stimmung, einmal richtig aus mir herauszugehen. Es war glühend heiß, und ich hatte ein wenig Ablenkung bitter nötig.

Bei mehr als einer Gelegenheit habe ich es nach einem oder fünf Bier zu viel geschafft, Ross zu versichern, dass ich ihn liebe; außerdem bin ich eines Nachts eine kurze Treppe heruntergefallen und habe in den Nachtklubs mehreren Mädchen auf die Füße getreten – eine von ihnen ohrfeigte mich sogar dafür. Und ich empfand nichts.

Es war fantastisch.

Das einzige Souvenir, das ich mit zurück nach London gebracht habe, ist die gefürchtete Ibizagrippe, die in aller Munde ist. Man sollte einen gegen diesen Mist impfen lassen. Wenn ich mir weiter so die Nase putzen muss, wird es noch so weit kommen, dass ich mir irgendwann das Taschentuch anschaue und das verdammte Ding liegt da und guckt mich aus einem Bett aus durchsichtigem Rotz an.

Anscheinend ist es doch nicht so gut, sich sieben Tage lang verschiedene Biere und Spirituosen in den Rachen zu kippen, als wäre in seinem Bauch ein Brand ausgebrochen.

Außerdem habe ich ekelhaft viele Zigaretten und Joints geraucht, und jetzt quietsche ich wie ein kaputtes Kauspielzeug.

Ich bin ein Hemdchen, jetzt ist es amtlich. Ich musste mich wirklich eine ganze Woche krankmelden, um Himmels willen.

Heute Morgen aufzustehen war ein Spaß – ich bin überrascht, dass ich nicht in dem Teich aus Sabber neben meinem Kopf ertrunken bin. Ich habe es sogar geschafft, den Arm auszustrecken und den Wecker abzuschalten!

Aber von meinem Kränkeln einmal abgesehen fühlte es sich auch sonst ein bisschen wie ein Abstieg an, zu einem Job zurückzukehren, der nur ganz okay ist und den ich schon viel zu lange mache – vor allem wenn man bedenkt, dass ich siebenundzwanzig bin.

Und Single.

Und als ich wieder nach Hause kam, türmten sich auf meiner Fußmatte auch keine Briefe von Amelia, in denen sie mir gestand, dass sie sich schämte, und ihr Bedauern darüber ausdrückte, dass sie mich für einen Kollegen verlassen hatte – und dabei war ich mir ziemlich sicher gewesen, dass ich so etwas vorfinden würde. Ich hatte mir schon vorgestellt, wie ich überhaupt nicht in die Wohnung reinkam, weil so unfassbar viele Briefe gegen die Tür drückten.

Mein Gott, ausgerechnet Toby Hunter!

Toby war vor drei Jahren zu The Cube gekommen, damals war ich Grafikdesignassistent und Amelia Texterin. Er war der neue Hausjurist und noch ziemlich jung für seine Stellung. Er und seine Frau wurden unsere Freunde – wir luden uns gegenseitig zum Abendessen ein und so weiter.

Eigentlich hätte ich misstrauisch werden sollen, als Amelia immer wieder diese Grippe bekam und Toby sich ebenfalls krankschreiben ließ. Aber ich habe erst später erfahren, dass er immer genau an den gleichen Tagen zu Hause blieb wie sie. Ihre beiden Plätze waren immer gleichzeitig leer, doch die Vorstellung war so absurd, dass ich sie sofort wieder verdrängte. Es war eine Ganz-sicher-nicht-Situation.

Der Infekt sei so schlimm, sagte Amelia mir morgens, dass sie nicht mal aufstehen könne. Und ich fuhr in den Verlag und arbeitete fröhlich vor mich hin, während Toby es bei uns zu Hause mit ihr trieb.

Toby kündigte als Erster. Er behauptete, er habe einen neuen Job in einem aufstrebenden börsennotierten Unternehmen. Ich glaubte ihm. Aber ehe ich mich versah, hatte Amelia ihre Sachen gepackt und segelte mit Toby Hunter, dem Kerl mit dem schlaffen Haar und den wässrigen Augen, gen Horizont. Ich hoffte nur, dass er demnächst noch eine andere hübsche Fahrt unternehmen würde – in einem Krankenwagen … Die ganze Sache widerte mich an. (Allerdings bin ich auch ein bisschen neidisch auf seine Anwaltskarriere. Ich werde langsam immer mehr zu einem verbitterten »Künstler«, der sich wünscht, er hätte etwas anderes studiert.)

Amelia hielt nicht mal ihre Kündigungsfrist ein. Zack. Weg. Einfach so.

Jeden Freitagabend besuchte mich Tobys Frau und heulte Rotz und Wasser in ein Handtuch, während wir uns mit Grolsch betranken und grübelten, was zum Teufel uns da eigentlich widerfahren war. An einem besonders bierseligen Abend versuchte sie sogar, mich zu küssen. Dem schob ich schnell einen Riegel vor. Die Sache war auch so schon ein einziger Schlamassel.

Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass mir das Ganze auf der Arbeit ganz schön peinlich war. Schließlich wusste jeder, was passiert war. Diese peinliche Privatangelegenheit hätte sich niemals in unser Berufsleben ziehen dürfen. Eine Beziehung mit einer Arbeitskollegin einzugehen war ein Riesenfehler gewesen.

Mir kommt es vor, als hätte mein Leben eine Vollbremsung hingelegt. Als hätte jemand voll aufs Bremspedal getreten und die kreischenden Reifen hätten jede Menge Gummi auf dem Asphalt hinterlassen. Die Leute scheinen meine Lage nicht einmal wirklich ernst zu nehmen. Ich bin sicher, wenn sie mich wegen jemandem verlassen hätte, der ein bisschen cooler ist – einem Fußballer oder einem Musiker –, würden sie mir Pornohefte zustecken und abends mit Essen aus dem Schnellrestaurant vorbeikommen.

Beruflich bin ich also gegen den Prellbock geknallt, mein Liebesleben liegt in Fetzen, und die meisten meiner Freunde heiraten, bekommen Kinder und stellen etwas Sinnvolles mit ihrem Leben an. Ibiza und seine Nachwehen haben den Schmerz für zwei Wochen gedämpft, aber als ich heute Morgen aufgewacht bin, hat mich wieder dieses furchtbare Gefühl in der Magengegend begrüßt.

Das ist wohl Schicksal.

Doch so habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt, als ich mit der Uni fertig war. Erfüllt von der Hoffnung der Jugend, dachte ich, dass ich mit dreißig der Vorstandsvorsitzende einer mehrere Millionen Pfund schweren Firma sein und außerdem eine sexy Frau und zwei Kinder haben würde – sowie ein Auto, das dieses spezielle Benzin braucht, weil … na, weil es eben ein super Auto ist.

Okay, okay, ich weiß, das war nicht sehr realistisch. Aber ursprünglich wollte ich später einmal mein eigenes Designerstudio betreiben oder so etwas. Wenigstens das hätte ich schaffen können.

Jetzt bleiben mir nur noch zweieinhalb Jahre, um all das zu erreichen, und im Grunde geht es schon gar nicht mehr.

Heute Morgen im Zug habe ich über genau diese Situation nachgedacht, und die gleiche Besorgnis schnürte mir die Brust ein, als auf einmal etwas Merkwürdiges geschah. Als ich durch meine Metro blätterte, stolperte ich über einen Bildbericht über ein Eichhörnchen auf Wasserskiern – eigentlich absolut albern.

Doch aus einem unerfindlichen Grund heilte das Ganze mein verwundetes Herz vorübergehend, und mich überkam der plötzliche Drang, laut loszulachen. Sie wissen schon, so ein Lachen, bei dem man versehentlich furzt oder grunzt wie ein hungriges Schwein. Die Art von Gelächter, die nur dann aus einem herausbricht, wenn man so niedergeschlagen ist, dass einem selbst noch vom blödesten Unfug die Tränen kommen.

Aber so zu lachen ist schlicht unmöglich in einem stickigen Zug voller zugeknöpfter Briten. Das wäre einfach nicht akzeptabel. Daher amüsierte ich mich ein paar Minuten im Stillen, was ganz schön schwierig war. Je mehr ich das Lachen unterdrückte, desto komischer erschien mir das Ganze. Meine Augen füllten sich mit Wasser, und meine Bauchmuskeln zuckten heftig.

Angestrengt versuchte ich, das Eichhörnchen aus dem Kopf zu bekommen. Als ich aufsah, blickte ich in die schönsten jeansblauen Augen, die ich je gesehen hatte und die über den oberen Rand der gleichen Zeitung lugten.

Wow.

Mein Bauch füllte sich mit Schmetterlingen, und sie hauchte mir nur ein Wort zu. Eichhörnchen …

Sie war einfach atemberaubend! Sie hatte einen dichten Pony, der gerade so ihre Augenbrauen berührte, und die gesündeste, schönste Haut, die ich je gesehen habe. Ihr Haar war kastanienbraun, und ich wollte es einfach berühren. Nicht auf diese schreckliche, eindeutig sexuelle und irgendwie perverse Art, nicht einmal so wie ein schwuler Friseur, sondern mehr so à la »Ich bin mir nicht sicher, ob du echt bist, deshalb muss ich dich anfassen, damit ich weiß, dass ich nicht spinne«.

Himmel. Bleib cool, Nick, sagte ich zu mir.

Bleib. Bloß. Cool.

Doch ich tat genau das Gegenteil und zeigte ihr meinen erhobenen rechten Daumen. Warum? Warum habe ich so etwas getan? Sie schien ziemlich entsetzt zu sein und wandte sich wieder ihrer Lektüre zu. Ich konnte es ihr nicht verübeln. »Daumen hoch« ist so sehr Achtzigerjahre.

Eine Weile saß ich bloß da und versuchte zu ergründen, an welchem Punkt meines Lebens ich die Fähigkeit verloren hatte, mit Frauen umzugehen. Nichts … keine Idee.

Ein paar Minuten vergingen, und sie las und las, ohne auch nur noch einmal in meine Richtung zu schauen. Ich spürte, wie ich innerlich verbrannte.

Vielleicht wundern Sie sich darüber, dass ich eine Zufallsbegegnung in einem Zug so ernst nahm. Und normalerweise hätte ich auch keine so große Hoffnung daran geknüpft, aber das Mädchen hatte etwas ganz Besonderes an sich. Sie war das Mädchen meiner Träume: süß, zurückhaltend und umwerfend sexy.

Ich schwankte an der Kante des Abgrunds und sagte mir, dass ich besser still aufstehen und zur Toilette gehen sollte. Vielleicht käme ich ja wieder zur Vernunft, wenn ich mir vor dem Spiegel einen Anschiss verpasste und kaltes Wasser in mein Idiotengesicht spritzte. Glücklicherweise war es so. Eine Zigarette auf dem Weg in den Verlag und ein kurzer Stopp für einen kleinen starken Kaffee, und ich hatte mich wieder beruhigt.

Gott sei Dank, denn ich musste auf andere Gedanken kommen, und wenn ich ehrlich bin, hatte ich die Meute in der Redaktion ganz schön vermisst.

Ich hoffte, pünktlich an meinen Schreibtisch zu kommen und mich in die Arbeit stürzen zu können, um einige neue Grafiken für unsere schrägen Magazine zu erstellen, aber bereits am Empfang begrub ich diese Idee ganz schnell.

»Niiiick!«, hörte ich Maria hinter dem Empfangstresen schrill schreien. Sie klatschte in die Hände, wobei ihre Armreifen klimperten wie die Glöckchen an einem Schlitten.

»Hallo, Hübsche«, begrüßte ich sie, beugte mich über die Theke und drückte ihr ein Küsschen auf die Wange. Sie mochte das.

»Sieh dich nur an! Sandra, guck mal, sieht er nicht gut aus, so braun gebrannt?!«, rief sie und stieß mit dem Ellbogen heftig ihre Kollegin an, die die Nase in einer Ausgabe der Elle vergraben hatte.

Die Begegnung dauerte ungefähr sechseinhalb Minuten. Ich will Sie nicht mit dem vollständigen Gespräch langweilen, denn dann wären Sie genauso verärgert wie ich, dass Sie so viel Lebenszeit verloren haben, ohne irgendetwas dafür zurückzubekommen.

Als ich mich endlich von den »netten« Damen gelöst hatte, beschloss ich, die Treppe in den dritten Stock zu nehmen. Es war Zeit, sich der Welt wieder zu stellen.

Doch ich war bereits erschöpft, als ich den zweiten Stock erreichte – die Erkältung saß mir in der Brust, und das Pfeifen wurde immer schlimmer. Deshalb beschloss ich, das letzte Stück mit dem Lift zu fahren. Ungeduldig drückte ich auf den Knopf, bis mir schließlich auffiel, dass ich den falschen erwischt hatte, also hämmerte ich wütend abwechselnd auf beide Knöpfe.

Komm schon, dachte ich und fing an, mit dem rechten Fuß ungeduldig auf den Boden zu stampfen – eine Unsitte, die ich bei anderen verabscheue. Zum Glück kam der Lift bald.

Doch als ich das Großraumbüro betrat, fand ich auf einmal alles nur noch überwältigend. Es war, als wären irgendwelche Staudämme geöffnet worden.

Tom kam als Erster herüber. Seine schlaksigen Glieder bewegten sich, als würden sie gegeneinander kämpfen. Ich kenne niemanden, der ungeschickter ist als er.

»Nick, du bist wieder da!«, rief er und schlug mir nervös auf den Rücken. Fast wäre er über seine eigenen Schnürsenkel gestolpert.

»Ja, das ist schön«, erwiderte ich matt.

Dann kamen fast alle auf einmal zu mir und versorgten mich mit Tee und Keksen – sowie allen möglichen Kopf-hoch-Sprüchen.

»Also, erzähl mal, wie viele hast du flachgelegt auf Ibiza?«, fragte Tom in dem ganzen Lärm und rieb sich aufgeregt die Hände. Doch ich achtete kaum auf ihn, denn ich hatte weiter hinten jemanden entdeckt.

Ich sah ihr Gesicht zwar nur von der Seite, aber sie hatte so ein unglaublich anziehendes Lächeln. Es wirkte beunruhigend vertraut. War das möglich?

Nein, bestimmt nicht, dachte ich und wollte schon wegsehen.

Just in diesem Moment drehte sie sich mit ihrem Sessel um, und mir wurde klar, dass sie tatsächlich das schöne Mädchen aus dem Zug war.

Am liebsten hätte ich losgelacht.

Dabei weiß ich nicht einmal, was daran so komisch war, jedenfalls hatte ich schon lange nicht mehr solches Glück empfunden. Es war diese unbändige Freude, die einen mit Fremden auf der Straße tanzen und Kindern Hände voller Bonbons zuwerfen lässt. Das war etwas völlig anderes als die selbstquälerische Verzweiflung, in der ich noch an diesem Morgen gefangen gewesen war.

Mein Kopf war voller Fragen. Wer war sie? Warum war sie hier? Warum hörte mein verdammter Bauch nicht auf, sich anzufühlen, als wäre er mit Gelee gefüllt? Habe ich mich heute Morgen gründlich genug geduscht? Gott, wie sehr ich hoffte, heute Morgen gründlich genug geduscht zu haben …

Ich betrachtete sie von oben bis unten, hörte Tom nur noch mit einem Ohr zu. Unsere Blicke trafen sich, und mir war, als hätte ich einen Stromschlag bekommen.

»Na los, erzähl schon!«, forderte Tom erneut, das Gesicht voller Vorfreude. Offensichtlich war er vollkommen blind für die Vision, die ich ganz in unserer Nähe entdeckt hatte.

»Äh, keine einzige, Alter«, versicherte ich ruhig und drehte mich nach links, um mich in mein Büro zu flüchten.

Tom ging davon. Er sah enttäuscht aus, so als hätte ich vergessen, ihm vom Flughafen seine Lieblingsschokolade mitzubringen. Nun, ich hatte es tatsächlich vergessen …

Plötzlich stand Lydia mir im Weg. Sie roch wie ein Strauß frisch gepflückter Blumen.

»Hallo, Süßer«, sagte sie mit einem mitleidigen Blick.

Da war er wieder: der Blick. Die Leute versehen mich mit diesem Blick, seit herausgekommen ist, dass Amelia mit Toby durchgebrannt ist. Ich wünschte nur, ich könnte die Zeit zurückdrehen; niemals würde ich mich mit jemandem aus der Firma einlassen.

»Hi«, erwiderte ich und schaute zu Boden. Ich spürte die Gegenwart des Eichhörnchen-Mädchens, das jetzt neben Lydia stand. Es sah ebenfalls schüchtern aus und – wenn ich das richtig interpretierte – auch ein bisschen sauer.

»Ich möchte dir jemanden vorstellen«, verkündete Lydia strahlend und trat stolz zur Seite, als enthülle sie ein neues Exponat im Museum. Sie versetzte dem hübschen Mädchen einen kräftigen Stoß, sodass die Unbekannte widerstrebend auf mich zustolperte.

»Hallo. Ich bin Nick«, stellte ich mich vor und reichte ihr die Hand. Dabei hatte ich Angst, ich könnte ihr sofort verfallen, wenn sie mich berührte.

»Sienna«, antwortete sie mit einer Stimme, bei der sich mir die Nackenhärchen aufstellten.

Unsere Handflächen berührten einander. Ihre war ganz weich. Keiner von uns sprach die Episode im Zug an.

»Ich arbeite hier, als Journalistin – ich habe erst vor zwei Wochen angefangen«, erklärte sie und wirkte dabei sehr verlegen.

Das war der Augenblick, in dem mein kurz gehegter Traum in Scherben zerfiel.

Sie arbeitet hier?, dachte ich. Das war keine gute Nachricht.

Das bedeutete, dass ich wahrscheinlich sehr viel Zeit damit verbringen würde, etwas zu wollen, was ich einfach nicht bekommen konnte. Eine Büroromanze stand nach der Geschichte mit Amelia und Toby für mich nicht zur Diskussion. Auch Toby war ein Kollege gewesen. Ich hatte daraus gelernt, dass es Menschen gab, für die Grenzen nicht existierten. Die ganze Zeit, die ich mit ihm zusammengearbeitet hatte, war er hinter meinem Mädchen her gewesen. Hatte seinen Angriff geplant, davon geträumt, sie mir wegzunehmen …

Deshalb hatte ich mir eine Sache geschworen: mich nie wieder in eine ähnliche Lage zu bringen. Meine Kollegen wussten schon viel zu viel über mich, und ich wollte ab sofort Arbeit und Privatleben voneinander trennen. Außerdem hatte ich zu oft erlebt, wie Freunde einen Karriereknick hinnahmen und ihre Stelle kündigten, für die sie hart gearbeitet hatten, nur weil die Frau, die ihnen das Herz herausgerissen hatte und darauf herumgetrampelt war, ihnen am Schreibtisch gegenübersaß, ihnen am Fotokopierer auflauerte und sie bei jedem verdammten Meeting ewig auf sich warten ließ. In gewisser Weise war ich froh, dass die beiden verschwunden waren. Im Büro hatte man es auch ohne Herzschmerz schon schwer genug.

Ein kalter Schauder überlief mich. Doch er stoppte, bevor er richtig begonnen hatte. Was dachte ich mir eigentlich? Ich kannte Sienna doch überhaupt nicht. Vielleicht hatte sie einen Freund, sie konnte sogar verheiratet sein. Himmel …

»Na, dann einen schönen Tag, Sienna«, sagte ich deshalb und verschwand mit rotem Gesicht in meinem Büro.

Aber Augenblick mal … Vielleicht war ich doch zu hastig gewesen. Wenn Romeo und Julia für ihre verbotene Liebe gekämpft hatten, dann konnte ich Sienna doch wenigstens um eine Verabredung bitten?

Nein, sagte ich zu mir. Lass es bleiben.

Als ich schließlich die Tür hinter mir schloss, fragte ich mich, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte. Ich war immerhin Nick Redland. Der Nick, der für eine Frau, die er gerade erst kennengelernt hat, noch nie mehr empfunden hat als seichte, Hosen verengende Lust.

Selbst meine Freundinnen haben nie so viel Begeisterung in mir ausgelöst. Nicht einmal Amelia.

Ich muss irgendwie nicht ganz beisammen sein, entschied ich. Der Trübsinn nach dem Urlaub stellte etwas Merkwürdiges mit mir an.

Ich bin doch ein Fall für die Zwangsjacke, dachte ich. Ich war komplett irre. Was dachte ich mir denn dabei?

Sie ist so viel jünger als ich – und so attraktiv, dass sie sich wahrscheinlich sowieso nicht im Entferntesten für mich interessiert, überlegte ich mir, während ich mich in dem kleinen Spiegel an der Wand betrachtete.

Um meine Augen herum bildeten sich schon Fältchen, und ich stellte fest, dass ich meinem Vater mit jedem Tag ähnlicher sah. Ich stieß einen tiefen Seufzer aus, der meine Lunge völlig entleerte.

Eine Weile saß ich an meinem Schreibtisch und fragte mich, ob ich vielleicht mit einem engen Freund über die komischen Gedanken reden sollte, die ich in letzter Zeit mit mir herumschleppte. Die Trennung von Amelia setzte mir wirklich zu.

Zehn Minuten vergingen. Ich sammelte mich, riss mich am Riemen. Es war unhöflich, wenn ich mich derart absonderte. Also verließ ich mein Büro und stellte mich einen Moment lang vor die Tür, die Hände in den Taschen. Ich schaute aus dem Fenster links von mir, durch das man auf die Flachdächer der Läden auf der anderen Straßenseite sah.

»Volle Deckung!«, kreischte Tom. Ich drehte mich um, und ein Hacky Sack traf mich mit voller Wucht mitten im Gesicht. Ha, ha! Scheiße, ha.

»Okay, das reicht«, brüllte ich und stürmte auf Tom los, der zwar bereits Anfang zwanzig war, aber trotzdem aussah wie ein zehnjähriges Straßenkind: nur Haut und Knochen und lange Haare.

Er versuchte abzuhauen, aber es war zwecklos. Ich drängte ihn in eine Ecke, bückte mich, hob ihn auf und stolzierte mit ihm durch die Redaktion, als wäre er ein Baby. Seine Beine baumelten hilflos von meinen Armen herab.

»He! He! Lass mich runter, du Blödmann!«, brüllte er. Seine Stimme wurde mit jeder Sekunde schriller und kindlicher. Alles lachte wie verrückt.

»Lass – mich – runter!«, rief er und kämpfte dabei selbst gegen das Lachen an.

»Erst sagst du, dass es dir leidtut! Na, komm schon, Thommo, sag: ›Entschuldigung, Mr. Nick, ich werfe Ihnen nie wieder einen Bohnensack ins Gesicht‹«, verlangte ich und blickte mit einem breiten Grinsen auf ihn nieder.

Er konnte sich nicht entschuldigen, dafür lachte er zu sehr. Seine Wangen waren bereits knallrot, und Lachtränen quollen ihm aus den Augen.

Schließlich erlöste ich ihn, indem ich ihn in die große Tonne für alte Briefumschläge und Werbepost setzte. Dort ließ ich ihn fünf Minuten sitzen. Er war zusammengefaltet wie ein Papierflugzeug, doch um sich selbst herauszuwuchten, kicherte er zu viel.

In unserer Redaktion konnte man sich so ziemlich alles erlauben, was das Leben sehr angenehm machte, und das war vermutlich ein wichtiger Grund, weshalb ich mir nichts anderes suchte.

Der Boss lehnte sich zurück, streckte den Kopf aus der Bürotür und hieß mich willkommen. Ich war froh, dass er meine Rückkehr so freundlich aufnahm, denn vor meinem Urlaub hatte ich eine ganze Menge Illustrationen richtig vermasselt.

Als Toms Demütigung zu groß wurde, ging ich zu der Tonne, holte ihn heraus und stellte ihn wieder auf die Füße. Ich zerzauste ihm das Haar, damit er merkte, dass ich nur Spaß machte. Er sah mich belämmert an.

Sienna schenkte uns nicht die leiseste Aufmerksamkeit. Offensichtlich stand sie über solchen Scherzen bei der Arbeit.

Ich lachte. Vielleicht war es doch nicht so schlecht, wieder da zu sein; und schließlich wusste niemand sonst, dass ich mich heute vielleicht – aber nur vielleicht! – verliebt hatte.

2
»Ich glaube an die Liebe, weißt du«

Sienna

Seit ich Nick Redland kennengelernt habe, sind fünf Wochen und zwei Tage vergangen, aber die Dinge haben sich längst nicht so eingependelt, wie ich gehofft habe.

Nach der enttäuschenden Begegnung im Zug habe ich mir im Stillen gewünscht, ich würde mich ein wenig beruhigen. Dann habe ich eben im Zug diesen perfekt aussehenden Kerl getroffen und entdeckt, dass er ein Scherzkeks mit gebrochenem Herzen ist und im gleichen Verlag arbeitet wie ich. Na und? Man soll ein Buch eben nie nach dem Titelbild beurteilen … so heißt es doch immer, oder?

Allerdings nervt er mehr als nur ein bisschen mit seiner Herumalberei. Er schmeißt Tischtennisbälle quer durchs Büro, schüttet den Leuten Salz in die Kaffeebecher und steckt abgetrennte Gliedmaßen aus dem Scherzartikelladen in die Papierausgabe des Etagendruckers. Fast sieht es so aus, als wäre es seine Lebensaufgabe, Tom zum Lachen zu bringen. Er wirkt ziemlich unreif für sein Alter, und außerdem ist er beschädigte Ware.

Männer mit gebrochenem Herzen sind wie wilde Tiere. Sie laufen mit Hysterie in den Augen herum und versuchen verzweifelt, die Dellen in ihrem Ego auszubeulen.

Aber er sieht so gut aus … Und es ist ja nicht so, als hätte ich herausgefunden, dass er verheiratet ist, zwei Hunde hat, eine Doppelhaushälfte auf dem Land und einen kleinen Jungen namens Alistair.

Ganz egal, wie sehr ich auch versuche, es nicht zu tun, ich muss doch immer wieder an ihn denken. Ich bin ungefähr so ruhig wie Cameron Diaz in Die Hochzeit meines besten Freundes, als sie fast einen Orgasmus bekommt, bloß weil ihr eine Tasse Tee angeboten wird.

Er ist Single. Jawohl, Single. Und er wirkt gescheit; das ist meine Vorstellung von Perfektion.

Nur leider sehe ich eben auch, weshalb diese Amelia ihn verlassen hat. Vielleicht war er zu Hause genauso nervtötend, vielleicht ist diese Albernheit nicht nur seine Fassade auf der Arbeit. Ich glaube, mich würde das auch davonjagen …

Ich versuche, diese miteinander konkurrierenden Gefühle einzudämmen – und ich fühle mich schuldig, weil ich so oberflächlich bin, denn was seine Persönlichkeit angeht, sammelt er nicht gerade Pluspunkte. Aber ich bin einfach scharf auf ihn. Extrem scharf.

Jedes Mal, wenn ich mich dabei erwische, wie ich die Straße entlanggehe und dabei ein Grinsen im Gesicht habe, das so breit ist, dass es aussieht, als hätte man mir eine Untertasse in den Mund gerammt, schimpfe ich ein bisschen mit mir. Aber wenn ich fair bin, sind seine Streiche manchmal auch einfach echt lustig.

Allerdings wäre er sowieso nicht an mir interessiert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er ein gutes Stück älter ist als ich, und neulich hat er mir das Haar verstrubbelt und gemeint, ich sehe seiner Schwester sehr ähnlich.

Das ist nie ein gutes Zeichen. Wirklich nie. Wahrscheinlich ist das seine Art, mir mitzuteilen: Bitte bleib auf Abstand, denn so sehr mag ich dich gar nicht.

Den Empfangsdamen schenkt er das gleiche schöne Grinsen, und Tom widmet er genauso viel Aufmerksamkeit wie mir – Himmel, er füttert sogar Dill! Nick sieht mich nicht anders an als irgendjemanden sonst auf der Welt.

Das Problem mit albernen Männern ist einfach, dass sie lustig sind. Schlussendlich macht ihr Lustigsein sie dann doch ziemlich sexy. Das ist eine Tatsache. Männer, die einen zum Lachen bringen, wirken sofort attraktiver. Und Nick ist zwar unreif, aber er bringt mich eben oft zum Lachen.

Meine beste Freundin Elouise glaubt schon, dass ich den Verstand verliere, und hat mir geraten, mich erst mal zu beruhigen. Genau das will ich tun; sie ist der Spritzer kaltes Wasser ins Gesicht, den ich im Moment brauche.

Ich kenne Elouise seit der siebten Klasse, und sie ist meine Heldin. Sie ist die Ruhe im Auge des Orkans. Wenn die Sturmwinde des Lebens gegen mich anpeitschen, erscheint kein Problem mehr ganz so schlimm, wenn wir erst mal bei einer Flasche Wein darüber gesprochen haben.

Sie ist eine hübsche blonde Rechtsanwaltsgehilfin mit einer niedlichen Nase und so attraktiv, dass es ihr fast schon zum Nachteil gereicht. Männer wollen ihr Superman sein und verstellen sich, wenn sie sie kennenlernen, dabei sucht sie eigentlich nur jemanden, der für sie da ist und keine Spielchen treibt.

Sie hat bereits einen kleinen Sohn, der vor Kurzem drei geworden ist. Niemand hatte ihr gesagt, dass die Pille nicht schützt, wenn man sich übergeben muss. Als es passierte, waren wir noch keine achtzehn. Ich erinnere mich noch genau: Als sie mir davon erzählte, habe ich ihr die Wimperntusche von der tränennassen Wange gewischt und mir gedacht, dass sie dadurch reifen würde. Und ich habe recht behalten.

Manchmal wird sie falsch eingeschätzt, aber sie gehört definitiv zu den intelligentesten, stärksten Menschen, die ich kenne, und ich bin jeden Tag froh darüber, ihre Freundin zu sein. Ich werde mit ihr noch einmal über die Sache mit Nick sprechen müssen, um ihr zu sagen, dass es nicht nachlässt. Sie wird wissen, was ich zu tun habe. Das weiß sie immer.

Heute war ich noch nervöser als sonst, denn um eins sollte ich eine Besprechung mit meinem Boss haben, und ich wusste nicht, worum es dabei ging. Anthony hatte mich noch nie in eine Besprechung unter vier Augen gerufen, deshalb war ich den ganzen Vormittag über aufgeregt. Bei seinem Anruf heute Morgen hatte er sich irgendwie gestresst angehört. Es war das erste Mal gewesen, dass er mich vor neun Uhr anrief.

Seit ich die Stelle angetreten habe, war ich immer fleißig, deshalb hoffte ich, er hätte mir etwas Positives zu sagen.

Doch durch meine albernen Tagträumereien war ich auch oft nicht richtig da gewesen, also war es ebenfalls denkbar, dass er mich feuern wollte. Meine Probezeit war noch längst nicht zu Ende, und ich bewegte mich nach wie vor auf dünnem Eis.

Dass dieses Gespräch bevorstand, hatte zur Folge, dass sich die Zeiger der Uhr besonders langsam bewegten, und jede Sekunde schien länger zu sein als die vorherige. Am liebsten wäre ich auf einen Stuhl gestiegen, hätte die Zeiger vorgeschoben und dabei zugesehen, wie in unserem Büro alles im Zeitraffer geschah.

Ich versuchte, die Zeit schneller vergehen zu lassen, indem ich das Ziffernblatt meiner Schreibtischuhr in Richtung der geflochtenen Trennwand drehte, und ich verbarg sogar die Uhr auf meinem Computerbildschirm. Wenn ich sie nicht sehen konnte, so sagte ich mir, konnte ich sie auch nicht anstarren.

Dann stellte ich einen Artikel über Laufschuhe fertig – was einen ordentlichen Brocken meiner Zeit verschlang – und machte so oft Tee, dass ich damit mindestens eine Stunde verbummelte.

Eine Stunde vor der Besprechung begannen sich meine Gedanken um Pete zu drehen, den Obdachlosen. Vielleicht beruhigte es ja meine Nerven, wenn ich mich auf jemand anders konzentrierte. Wenn ich etwas Gutes tat. Das behauptet jedenfalls mein Dad immer: »Wenn du dir wegen irgendetwas zu viele Gedanken machst, dann tu etwas für jemanden, der echte Sorgen hat. Stell mit deiner Unruhe etwas Produktives an.« Seine Worte gingen mir nicht aus dem Kopf, und ich beschloss, seinen Rat zu befolgen.

»Lydia?«, rief ich quer durch die Redaktion und lehnte mich zurück. »Du kennst doch den Obdachlosen da draußen, oder?«

»Ja, Süße.« Ihre Antwort klang dumpf; offenbar kam sie von irgendwo weit weg.

»Kann ich … äh … kann ich ihm etwas Tee rausbringen, was meinst du?« Sofort kam ich mir blöd vor. Was war nur in mich gefahren?

Hinter einer Schreibtischtrennwand schob sich ein wilder Haarschopf hervor, gefolgt von einem Paar irre dreinblickender Augen und einem elektrisierend lächelnden Mund.

»Hmm …« Sie blickte sich um, von links nach rechts. Wahrscheinlich suchte sie nach jemandem, der hier etwas zu sagen hatte. Dann beugte sie sich zu mir vor, sodass mir eine Wolke ihres fruchtigen Parfüms in die Nase stieg, und flüsterte so leise, wie ich es von ihr gar nicht kannte: »Tu das ruhig, aber offiziell habe ich nie was dazu gesagt.«

Gleich darauf war sie wieder verschwunden und mit ihr das freche Grinsen.

Also stand ich auf und ging zum Getränkeautomaten. Durch das Fenster sah ich hinaus auf den Parkplatz. Ja, da saß er auf der Bank – eine dünne, gebeugte Gestalt mit vier Bierdosen als einziger Gesellschaft.

Diesmal war niemand sonst an der Maschine. Ich zog einen Tee mit einem Stück Zucker. Das war natürlich nur geraten.

Ich dachte einfach, dass ich bestimmt gern Zucker im Tee hätte, wenn ich in einer feuchten Frühlingsnacht auf der Straße schlafen müsste. Als Mittagessen hatte ich mir Kekse mitgebracht, und jetzt steckte ich zwei davon für ihn in die Tasche. Es waren Schokoladenkekse.

Dann versteckte ich den Teebecher in meiner Jacke und ging zum Lift. Ich war nervös. Was, wenn er ausfallend wurde? Wenn er mich beschimpfte? Wahrscheinlich wollte er nur Geld, keinen Tee.

Trotzdem trat ich in die Kabine und hoffte, dass ich das Richtige tat. Unbemerkt schlüpfte ich an der Rezeption vorbei, drückte den Türöffner an der großen Glastür, die hinter das Gebäude führte, und machte einen Schritt auf den Parkplatz, hinaus in die kühle Luft.

Er saß mit dem Rücken zu mir und hatte den Kopf gesenkt, sodass es von hinten so aussah, als hätte er keinen. Ich warf einen Blick auf meine Uhr; es war fünf nach zwölf.

Dann ging ich leise auf die Bank zu und setzte mich neben ihn. Er sah mich nicht an, aber sein runzliges Gesicht war jetzt der lauwarmen Sonne zugewandt, die bereits den Sommer ankündigte. Er trug eine dunkelblaue Bomberjacke, ausgeblichen und voller Löcher, darunter einen grauen Pullover, eine zerfetzte schwarze Jeans und braune Schuhe mit ausgefransten Schnürsenkeln. Und er stank nach Bier.

»Aha, jetzt sprichst du also doch mit mir, was?«, fuhr er mich an.

Augenblicklich wurde mir klar, was für eine schlechte Idee ich gehabt hatte. Ich beschloss, die Frage zu ignorieren. »Hi, ich bin Si …«, setzte ich zaghaft an, aber er unterbrach mich so unvermittelt, dass ich zusammenzuckte.

»Ich glaube an die Liebe, weißt du«, sagte er, und sein Blick richtete sich auf irgendetwas am Horizont. »Ich habe das sogar mal erlebt«, fuhr er fort und rutschte nervös auf der Bank herum, während seine schmutzigen Fingernägel mit einem losen Faden seines Pullovers spielten.

»Wie heißt du?«, wollte er plötzlich wissen, obwohl ich es ihm vor einigen Sekunden erst hatte sagen wollen. Er hatte eine autoritäre Stimme mit breitem Londoner Akzent, als wäre er einmal vornehm gewesen und irgendwann später dann doch ein Cockney geworden.

»Äh, Sienna. Du heißt Pete, richtig?«, fragte ich ihn. Mir fiel auf, dass er immer noch jeden Blickkontakt vermied.

Er nickte leicht. »Aber sie ist gestorben. Sie ist nicht mehr …«, begann er wieder, hoffnungslose Verzweiflung in der Stimme. Für die erste Begegnung war er mir ein bisschen zu mitteilsam, aber ich schwieg und blickte auf die Bierdosen zu seinen Füßen. Er musste betrunken sein. Er zog wieder an dem Faden, und ein Teil seines Pullovers begann sich aufzuribbeln.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. »Du hattest eine Freundin, die gestorben ist?«, hakte ich schließlich nach. Mir war bewusst, wie dumm das klingen musste, denn genau das hatte er ja gerade gesagt. Schnell schob ich ihm den Tee und die Kekse zu. Er nahm beides und stellte es auf die mir abgewandte Seite neben sich, als könnte ich es mir noch mal anders überlegen und die Sachen zurückverlangen.

Mir wurde klar, dass hinter seinen müden Augen mehr steckte als bloß kalte Nächte auf der Straße und Mangelernährung. Doch ich wollte nicht zu viele Fragen stellen.

Zehn Minuten lang saßen wir so nebeneinander, ohne ein Wort zu sagen. Gelegentlich heulten irgendwo Polizeisirenen auf; ein Zweig fiel vom Baum und landete vor unseren Füßen. Pete zuckte zusammen.

Schließlich war ich bereit, etwas zu fragen.

»Bist du deshalb hier, Pete?«

»Das kannst du wohl sagen. Sie war sogar meine Frau … Sie fuhr immer mit dem Zug zur Arbeit. Auch an dem Tag. Ich dachte, es wäre ein Tag wie jeder andere. Am Morgen war alles ganz normal zwischen uns – zwei große Gläser Orangensaft und ein Kuss zum Abschied. Doch sie nahm nicht ihre übliche Route, weil sie zu einer Konferenz musste; sie sollte die Nacht in einem Hotel verbringen. Doch dann geschah ein Unglück, ein riesiges Unglück …« Er hielt einen Augenblick lang inne und biss sich auf die Unterlippe.

»Sie saß in dem Zug, der in Oakwood Park entgleist ist. Es war ein Unglückswaggon, und ausgerechnet mein Mädchen saß da drin. Ich wünschte nur, ich hätte sie an dem Morgen nicht gehen lassen. An dem Tag, an dem sie starb, ging mein ganzes Leben in die Brüche. Danach habe ich ein paar Dummheiten gemacht, aber die Leute haben mich nicht so unterstützt, wie ich gehofft hatte. So kam es, dass ich plötzlich allein war. Das ist jetzt schon Ewigkeiten her. Zweitausendzwei war das. Beschissenes Jahr.«

Er trat gegen eine der Dosen vor seinen Füßen, und sie rollte den schrägen Beton hinunter, bevor sie an dem Hinterreifen eines Vauxhall Vectra liegen blieb. Der Parkplatz war klein und relativ ruhig, zumindest im Vergleich zu dem Lärm der Hauptstraße vor dem Gebäude, den man noch geradeso hören konnte.

Hier war Platz für zwanzig Autos, alles umgeben von einer ordentlich gestutzten Hecke, zwischen deren Ästen allerdings hier und da Schokoriegelpapier und Getränkedosen zu sehen waren. Ich wusste nicht, warum es die Bank überhaupt gab – der Parkplatz bot jedenfalls nicht gerade einen tollen Anblick. Außer der Bank und den Autos sah man nur noch die große blaue Mülltonne mit dem schwarzen Deckel.

Das also war sie, die Geschichte eines Abstiegs in knappen Worten. Ein oder zwei kurze, hastig dahingesprochene Sätze fassten zusammen, was für die verlorene Seele neben mir jahrelange Qualen bedeutet haben musste.

Die Geschichte ging mir unglaublich zu Herzen, und ich fragte mich wieder, ob ich nicht einen Fehler begangen hatte. Ich hatte ihm nur einen Tee und ein paar Kekse bringen wollen, aber jetzt wollte ich ihm helfen, ihn retten. Manchmal bin ich so, aber das ist nicht gut. Schließlich gibt es in meinem Leben schon genug, wofür ich verantwortlich bin.

Am schrecklichsten fand ich, dass er zu akzeptieren schien, was er war, so als könnte es unmöglich einen Ausweg geben – als würde er für den Rest seines Lebens dort sitzen und darauf warten, dass es zu Ende ging.

Zusehen, warten, sich durchschlagen. In den Mülltonnen der Stadt nach Antworten suchen. Ohne Hoffnung, ohne Wünsche oder auch nur Träume. Sein Leben lag in Scherben; eigentlich war es bereits zu Ende.

Die absolute Hoffnungslosigkeit seiner Lage ließ mich frösteln. Ich stellte mir das Wrack des Zuges vor, das verbogene Blech, die Rauchwolken. Ich sah die Zeitungsfotografen vor mir, wie sie über Zäune kletterten und mit ihren Teleobjektiven versuchten, jeden Aspekt der Tragödie einzufangen. Ich stellte mir vor, wie die Rettungsmannschaften in leuchtenden Overalls mit reflektierenden Streifen die Hände vor den Köpfen zusammenschlugen und auf dem Kies an der Bahnstrecke innehielten, um von dort aus mit ungläubigem Gesichtsausdruck die Szene zu betrachten.

Ich weiß nicht, wieso ich das tat, doch ich legte meine rechte Hand auf seine linke. Manchmal tut man Dinge einfach instinktiv. Seine Hand fühlte sich rau an. Er zuckte zurück.

»Warum machst du das, Sally?«, fragte er und wandte sich mir mit einem breiten Grinsen zu.

»Sienna«, verbesserte ich ihn. »Ich weiß es nicht, ich glaube nur, du hast vielleicht schon vergessen, wie es sich anfühlt, nicht allein zu sein. Aber ich möchte nicht, dass du das vergisst. Ich glaube, alles wird wieder gut werden … das glaube ich wirklich.« Tränen traten mir in die Augen, und meine Unterlippe fing an zu zittern, als die Worte wie emotionale Suppe aus meinem Mund flossen. Himmel, war ich erbärmlich!

»Ach, Kleine«, erwiderte er. Es klang müde. »Ist schon gut. Ich bin ein Soldat, und ich habe sie trotzdem bei mir, sie bringt mich durch.« Er zog eine speckige Lederbrieftasche aus der Jacke und bohrte seine Nägel in ein kleines Innenfach. Schaler Biergeruch kroch zu mir herüber und stieg mir in die Nase.

»Da ist sie: meine schöne Jenny«, erklärte er und zog ein zerknittertes Foto heraus, das eine schlanke junge Frau mit langem blonden Haar zeigte. Es steckte in einer schmutzigen Klarsichthülle – ein vergeblicher Versuch, das Bild zu schützen. Jenny sah sauber, gesund und glücklich aus.

Ich stellte mir vor, wie er ausgesehen haben mochte, als er noch mit ihr zusammen war: frisch rasiert, mit Bürstenschnitt, im Anzug. Vielleicht hatten sie sogar ein Auto gehabt und eine Zeitung abonniert. Ich sah sie vor mir, wie sie sonntagnachmittags zusammen im Wohnzimmer saßen, Pete mit dem Sportteil, während Jenny das Feuilleton las.

Ich sah auf die Uhr; wir hatten zwanzig nach zwölf. Dann tat ich etwas völlig Spontanes.

»Kann ich das Bild für einen Moment mitnehmen, Pete?«

»Nein. Versteh das bitte nicht falsch, aber was ist, wenn du es verlierst? Das ist alles, was ich noch von Jenny habe, und es ist in keinem guten Zustand. Ständig wird es nass … Lange hält es nicht mehr«, sagte er. In seiner Stimme schwang echte Angst mit.

»Na, darum geht es ja. Ich werde es für dich verbessern. Bitte vertrau mir einfach, und warte fünf Minuten«, bat ich.

»Aber wofür willst du es haben? Sag es mir.«

»Vertrau mir einfach, okay?«, erwiderte ich. Mein Herzschlag beschleunigte sich.

Und noch bevor er weitere Einwände erheben konnte, zupfte ich ihm das Bild aus den Fingern und stand auf. Sein Gesicht nahm einen verzweifelten Ausdruck an. Es war, als würde er mich anflehen, ihm nicht das letzte Schöne wegzunehmen, das er noch besaß. Er sah aus, als hätte er kaum noch genügend Energie zum Sprechen.

Ich drehte mich um und rannte durch die Hintertür in den Empfang. »Darf ich bitte den Kopierer benutzen?«, fragte ich Sandra eilig. Ich wollte nicht unnötig in die Länge ziehen, was für Pete eine Zeit unerträglicher Angst bedeuten musste. Sie feilte sich die Nägel und widmete den Dingen um sich herum kaum Aufmerksamkeit.

»Aber sicher, Süße. Wenn es sein muss«, antwortete sie, ohne auch nur zu mir aufzublicken. Respektlos wedelte sie mit der Feile herum.

Ich musste schnell arbeiten; schließlich blieben mir nur fünf Minuten, und wenn ich es vermasselte, würde ich den Rest meines Lebens mit Schuldgefühlen herumlaufen.

Vorsichtig legte ich das Foto auf den Scanner, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass auf dem Vorlagenglas keine Fettflecke waren. Sekunden später erschien vor mir auf dem Display das Bild.

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