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Ein zartes Spiel von Glück und Liebe

1. KAPITEL

„Das glaube ich nicht!“

Carissa Lewis sank auf den Gartenstuhl und hätte am liebsten ihr Handy in den Teich geschleudert. Natürlich tat sie es nicht. Bei ihrem Pech heute hätte sie wahrscheinlich Fred, ihren geliebten Keramikfrosch, enthauptet. Stattdessen holte sie tief Luft und senkte die Stimme. „Peter, wie kannst du mir das antun? Und den Kindern? Wir haben uns auf dich verlassen.“

Der Mann, mit dem sie seit acht Monaten zusammen war, antwortete säuerlich: „Nun ja, du solltest eben nicht zu viel von anderen Menschen erwarten. Ich kann ein Lied davon singen!“

Carissa fragte sich, ob sie den Verstand verloren hatte. In den letzten Nächten hatte sie nicht viel Schlaf bekommen, weil sie letzte Vorbereitungen für das traditionelle Ostervergnügen treffen musste. Und jetzt fand Peter es zu viel verlangt, für ein paar Kinder den Osterhasen zu spielen? Der Kerl hatte einfach kein Herz. Sicher, gemerkt hatte sie das schon vor einer Weile. Ihre Beziehung plätscherte dahin, aber Carissa hatte sich damit arrangiert.

Okay, sie mochte es gern bequem. Sie ließ sich oft mit Männern ein, die keine große Herausforderung bedeuteten, die keine Ansprüche an sie stellten oder ihr Leben durcheinanderbrachten. Na und? Sie hatte eine unglückliche Kindheit gehabt. Da brauchte sie jetzt vor allem Sicherheit und Beständigkeit.

„Die Sache ist mir sehr wichtig, Peter“, versuchte sie es noch einmal. „Kannst du es dir bitte nicht noch einmal überlegen?“

„Tut mir leid, Carissa. Ich will Schluss machen. Und zwar ganz.“

Ihr Herz setzte einen Schlag aus und schlug schneller weiter. „Du gibst mir den Laufpass?“, brauste sie auf. „Warum, du mieser, rückgratloser, nichtsnutziger …“

Das leise Tuten sagte ihr, dass er einfach aufgelegt hatte. Sie stieß einen frustrierten Schrei aus, sprang auf und stampfte mit dem Fuß auf wie eine Zweijährige in der Trotzphase.

„Was starrst du mich so an?“ Sie bedachte Fred mit einem vorwurfsvollen Blick. Sein breites Froschgrinsen wirkte eher spöttisch als aufmunternd wie sonst. „Woher soll ich so schnell einen Osterhasen nehmen?“

Es musste an der Jahreszeit liegen. Zu Ostern ging immer alles schief.

An einem Ostertag waren ihre Eltern gestorben. Damals war sie drei Jahre alt gewesen. Ein Jahr später wurde sie von einer Familie adoptiert, in der sie die Hölle auf Erden erlebte.

Und jetzt ließ dieser Idiot Peter sie einfach im Stich!

Finde dich damit ab, grollte sie stumm, zu Ostern wird deine Pechsträhne immer richtig dick. Auch in diesem Jahr!

„Mein Daddy sagt, man soll im Gebüsch nachsehen“, ertönte eine hohe Kinderstimme oberhalb des Gartenzauns. „Aber jeder weiß, dass es noch viel zu früh ist. Er kann noch nicht da sein, er muss erst das Hüpfen üben.“

Carissa sah auf und entdeckte etwas Rotes zwischen den Eukalyptusblättern. Es endete über zwei dürren, offenbar aufgeschrammten Knien, die mit Micky-Maus-Pflastern beklebt waren.

„Da könntest du recht haben.“ Hoffentlich fällt die Kleine nicht vom Baum, dachte sie besorgt.

Vor knapp einer Woche waren ihre neuen Nachbarn eingezogen. Ein alleinerziehender Vater mit seiner sechsjährigen Tochter. Eigentlich hatte Carissa längst rübergehen wollen, um sie in der Nachbarschaft willkommen zu heißen, aber es war bei dem Vorsatz geblieben.

Vielleicht lag es daran, dass sie einen kurzen Blick auf den Vater geworfen hatte, als er seinen Wagen entlud. Während er sich in den Kofferraum beugte, sah sie seine langen Beine und seinen knackigen Po und guckte ein zweites Mal hin. Dadurch verfehlte sie knapp ihre Auffahrt und wäre fast im Vorgarten gelandet.

Als sie hektisch gegensteuerte, nahm sie eine Abfalltonne mit. Das Scheppern brachte ihn dazu, aufzusehen, aber Carissa wagte keinen Blick mehr in seine Richtung. Wahrscheinlich hatte er gedacht, sie hätte den Führerschein auf dem Jahrmarkt gewonnen. Die ganze Sache war ihr so peinlich, dass sie vorerst darauf verzichtete, sich persönlich vorzustellen.

„Wie heißt du?“ Ihr wäre es lieber, das Mädchen würde nicht im Eukalyptusbaum herumturnen. „Ich bin Carissa.“

„Molly Jane Elliott“, antwortete sie in einem Tonfall, als wäre es ein von der Queen verliehener Adelstitel. „Aber du kannst Molly zu mir sagen.“

Lächelnd ging Carissa zum Zaun und lugte in die unteren Zweige. Viel war von dem Kind nicht zu sehen. „Freut mich, dich kennenzulernen, Molly. Möchtest du nicht herunterkommen und dir Fred ansehen? Er ist mein Lieblingsfrosch, aber ich habe ganz viele.“

Molly zögerte keine zwei Sekunden, dann kletterte sie in Windeseile vom Baum und purzelte ins Gras.

„Alles okay?“

Molly nickte und hob den Kopf. „Das mache ich immer so. Ich kriege jedes Mal ein Micky-Maus-Pflaster.“ Sie zeigte auf ihre Knie und grinste. Neben dem linken Schneidezahn klaffte eine Zahnlücke.

Carissa war noch nicht so weit, die Knie zu betrachten. Verblüfft musterte sie das Mädchen. Genau so hatte sie selbst in dem Alter ausgesehen. Wilde blonde Locken, wachsame blaue Augen und ein Gesichtsausdruck, der signalisierte: Komm mir nicht in die Quere. Ich bin zwar noch klein, aber ich kenne das Leben.

„Du siehst so komisch aus, Carissa.“ Molly lispelte leicht, wegen der Zahnlücke, was sie noch liebenswerter machte. Carissa war drauf und dran, über den Zaun zu klettern, um den herzigen Wirbelwind an sich zu drücken.

„Weil ich keinen Osterhasen finden kann, das weißt du doch.“

Tolle Ausrede.

Das hätte ihr gerade noch gefehlt, dass Molly zu ihrem Vater rannte und erzählte, dass die verrückte Nachbarin sie so komisch anstarren würde. Er brauchte nicht zu wissen, dass sie sich ein Mädchen wie seine Tochter wünschte. Mehr noch, sie sehnte sich nach einem liebevollen Mann, niedlichen Kindern, einem Haus mit weißem Gartenzaun. Familienidylle pur.

Leider besaß sie von allem bisher nur den Zaun, und der hatte sie eine Woche Schweiß und einen verspannten Nacken gekostet, als sie ihn abgeschliffen und gestrichen hatte.

Eines wusste sie genau: Wenn sie eine eigene Familie hätte, würde jeder jeden lieben, würden sie sich gegenseitig unterstützen. Ganz anders als in der Familie, in der sie aufgewachsen war.

Molly klopfte sich das rote Trägerkleid ab, das auch schon bessere Tage gesehen hatte. „Hast du nicht gesagt, ich kann mir deine Frösche ansehen?“

„Natürlich. Aber vielleicht solltest du erst deinen Dad fragen, ob du rüberkommen darfst?“

Molly schüttelte den Kopf. Die goldenen Locken tanzten um ihr Engelsgesicht. „Nee. Dann sagt er, ich soll reingehen. Wie immer.“

Hm. Was jetzt? Sie durfte das Kind nicht noch ermuntern, sein Zuhause ohne Erlaubnis zu verlassen. Andererseits wollte sie das Mädchen nicht zurückweisen. So etwas hatte sie als Kind oft genug erfahren und wünschte es niemandem.

Wie auf ein Stichwort ertönte eine strenge Männerstimme. „Molly Jane. Das Mittagessen ist fertig. Komm rein. Sofort.“

Kein Bitte. Kein freundliches Wort. Oh ja, Carissa wusste genau, wie das war. Selbst heute, zwanzig Jahre später, tat es noch weh.

„Ich will nicht!“, schrie Molly zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und stampfte mit dem Fuß auf.

Carissa unterdrückte ein Lächeln.

In der Stadt erzählte man sich, dass Mollys Vater mit seiner Tochter allein lebte. Carissa nahm an, dass er geschieden war. Mollys Kleidung und ihrer rebellischen Art nach zu urteilen, fehlte der mütterliche Einfluss schon eine ganze Weile.

War Mr. Elliott deshalb in diese Gegend gezogen? Um seiner Ex zu entfliehen? Wie egoistisch. Falls er der Kleinen die Mutter vorenthielt … dem Kerl musste mal die Meinung gesagt werden. Carissa beschloss, sich einzumischen. Schließlich wusste sie aus erster Hand, wie es war, ohne eine liebevolle Mutter aufzuwachsen.

„Molly! Ich sagte, sofort!“

Carissa ließ sich nicht anmerken, dass ihr der ungeduldige Ton überhaupt nicht gefiel. „Molly, geh zum Mittagessen. Ich rede mal mit deinem Dad, ja? Vielleicht darfst du später rüberkommen.“

Die Kleine entspannte sich. „Wirklich?“

Carissa lächelte und nickte. Sie würde den Griesgram schon davon überzeugen, dass seine Tochter von ihr nichts zu befürchten hatte. „Wirklich. Nun lauf schon.“

Molly strahlte sie an, bevor sie durch den Garten zum Hintereingang rannte. „Dad! Dad! Carissa will mit dir reden. Sie hat ganz viele Frösche und so! Und sie sucht den Osterhasen. Und sie sagt, ich kann zu ihr kommen und spielen, wenn ich gegessen hab! Was gibt’s zum Mittag? Es dauert doch nicht lange, oder? Ich will spielen!“

Carissa sah am Schatten des Mannes, dass er sich zu dem Kind herunterbeugte. Dann verschwand die Kleine im Haus. Ihr Vater richtete sich auf und trat aus der Tür.

Oh, Wahnsinn!

Unwillkürlich hielt sie den Atem an.

Er war groß, schlank und kraftvoll. Mit langen, energischen Schritten überquerte er das Grundstück. Das kurzärmelige schwarze T-Shirt betonte seinen beachtlichen Bizeps, und obwohl ihr Nachbar die Stirn gerunzelt und die Lippen zusammengepresst hatte, fand sie ihn hinreißend.

„Mr. Elliott. Ich bin Carissa Lewis, ihre Nachbarin.“

Einen halben Meter vor ihr blieb er stehen und verschränkte die Arme vor der muskulösen Brust. Carissa vergaß, was sie noch hatte sagen wollen, und hatte Mühe, ihn nicht schmachtend anzustarren.

Sein grimmiger Gesichtsausdruck bedeutete nichts Gutes, aber sie achtete nicht darauf. Sie blickte ihm in die Augen und versank fast darin. Sie waren dunkelbraun, wie die geschmolzene Schokolade, in die sie jeden Abend reife Erdbeeren tunkte. Eine Mischung aus Vollmilch- und Bitterschokolade, köstlich, verführerisch. Sie konnte nicht genug davon bekommen.

Der Typ war aufregend sexy, obwohl er sie musterte, als müsste er sie so schnell wie möglich loswerden.

„Nennen Sie mich Brody“, sagte er unwirsch. „Sie sollten meiner Tochter keine Hoffnungen machen – ihr sagen, dass sie bei Ihnen spielen kann.“

„Ich habe lediglich gesagt, sie soll erst mit Ihnen darüber sprechen, aber ich fände es schön, wenn sie rüberkommen dürfte.“

„Ich kenne Sie nicht.“ Die Falte zwischen seinen Brauen vertiefte sich.

Carissa hatte nicht die Absicht, sich wieder mit einem Mann einzulassen. Vor allem nicht, nachdem ihr letzter Versuch kläglich gescheitert war. Aber bei jemandem, der so aussah wie ihr neuer Nachbar, war sie kurz davor, ihren Vorsatz noch einmal zu überdenken.

Vielleicht sollte sie es wirklich mal zur Abwechslung mit umwerfenden, gefährlichen Männern versuchen. Ob sie dann mehr Glück hätte?

Das hier ist das wirkliche Leben, kein Märchen, ermahnte sie sich. Du solltest das eigentlich am besten wissen.

Nachdem sie mit drei Jahren ihre Eltern durch ein tragisches Unglück verloren hatte, war sie in ein Waisenhaus gekommen. Ihre beiden Schwestern wurden bald adoptiert, und sie blieb allein zurück, musste Schikanen, Hunger und eine Mäuseplage ertragen. Die Angst vor den durch die Dunkelheit huschenden Nagern hatte sie bis heute nicht überwunden. Als sie ein Jahr später vor ihren Adoptiveltern stand, genügte ein Blick auf sie, und sie warf sich ihnen in die Arme.

Doch sie kam vom Regen in die Traufe. War ihr das Leben im Waisenhaus wie ein schlechter Traum vorgekommen, erwartete sie im Haus der Lovells ein Albtraum. Sie kam schnell dahinter, dass Ron und Betty Lovell trotz ihrer geschliffenen Manieren und der eleganten Kleidung kalte, gefühllose Menschen waren, die nie ein Kind hätten haben dürfen. Ron war Alkoholiker und Betty eine Frau, die alles tat, um das Bild der heilen Bilderbuchfamilie nach außen hin aufrechtzuerhalten. Sie ignorierte einfach, welchen psychischen Grausamkeiten Carissa von dem Moment an ausgesetzt war, als sie den Fuß in ihr neues Zuhause setzte.

Ja, das war ihre Welt gewesen, egal, wie Carissa es drehte und wendete: elend, deprimierend. Eine Kindheit voll schlechter Erinnerungen, die sie ihr Leben lang nicht wieder loswerden würde.

Die Verletzlichkeit, die sie hinter Mollys forschem Auftreten erspürt hatte, trug erst recht dazu bei, dass sie dieses Kind davor schützen wollte, das Gleiche zu erleiden wie sie selbst damals.

„Hören Sie, Brody, ich bin eine angesehene Bürgerin dieser Stadt. Ich bezahle meine Steuern, führe ein eigenes Geschäft, und jeder hier wird Ihnen schriftlich bestätigen, wie sehr ich Kinder liebe. Kennen Sie Fey For Fun?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich bin noch nicht lange hier und hatte alle Hände voll damit zu tun, das Haus einzurichten und Molly in der Schule unterzubringen.“

Na schön, so viel wollte sie ihm zugestehen. „Ich betreibe einen Laden für Märchenartikel. Eine Feenwelt. Die Kinder lieben sie.“

Und nicht nur die Kinder. Mit dem Geschäft hatte Carissa sich einen magischen, zauberhaften Raum geschaffen, einen Gegenpol zum alltäglichen Leben, das sie oft als hektisch und trostlos empfand. Ob sie nun die Regale mit Feenstaub und Elfengold auffüllte, die neuesten rosa Ballettröckchen arrangierte oder silbern glitzernde Flügel aufstellte, sie liebte alles an ihrem Job. Und wenn es wieder einmal so weit war, dass sie sich verkleidete, um auf einer Kindergeburtstagsfeier als schillernde Märchenfee aufzutreten, hätte sie mit niemandem tauschen mögen.

„Märchenartikel?“ Die Stirnfalte verschwand, seine Augenbrauen hoben sich. Was den Tonfall anging, so hätte Brody Elliott genauso gut fragen können, ob sie ein Freudenhaus führte.

„Die besten auf dieser Seite von Sydney“, betonte sie.

„Feen, also?“

Sekundenlang glaubte Carissa, dass seine Mundwinkel amüsiert zuckten, aber es verschwand sofort wieder. Wahrscheinlich hatte sie es sich nur eingebildet.

Sie seufzte und sah auf ihre Armbanduhr. „Und Zauberer, Elfen, Weihnachtsmänner und Osterhasen. Sie wissen schon, all die Dinge, die einen Mann wie Sie wohl kaum interessieren. Dabei fällt mir ein, dass ich dringend einen Osterhasen auftreiben muss. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen …“

„Einen Mann wie mich?“

„Nun, Sie sehen nicht gerade aus wie jemand, der an Magie und solche Sachen glaubt“, erklärte sie lahm.

In seinen dunklen Augen blitzte Interesse auf, und das verunsicherte sie. „Finden Sie?“

Sie nickte, sorgsam darauf bedacht, ihre Überraschung zu verbergen. Ihr Nachbar lächelte kaum merklich.

Carissa hätte nicht gedacht, dass er dazu überhaupt in der Lage wäre.

„Wenn das so ist, kann ich Ihnen wahrscheinlich auch nicht helfen, den verschwundenen Osterhasen aufzutreiben, oder?“

„Er ist nicht verschwunden. Er hat in letzter Minute gekniffen und mich hängen lassen. Und nicht nur mich, sondern vor allem dreißig Kinder.“ Die Enttäuschung überwältigte sie wieder. „So ein Miststück“, murmelte sie vor sich hin.

Ihre Frustration hatte nichts damit zu tun, dass Peter sich aus ihrem Leben verabschiedet hatte. Aber die Kinder freuten sich auf das Ostervergnügen genauso sehr wie sie, und sie mochte gar nicht daran denken, was für traurige Gesichter die Kleinen machen würden, wenn sie die Sache abblies.

„Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, landet besagter Hase im Kochtopf, wenn Sie ihn wieder zu fassen kriegen.“

Und dann passierte es.

Brody Elliott lächelte. Es war atemberaubend. Als käme schlagartig die Sonne hinter Gewitterwolken hervor. Carissa hatte das Gefühl, im warmen Sonnenschein zu stehen. Es war eine Wärme, die ihr Herz berührte.

Um Haltung bemüht, sagte sie: „Ich werde ihn nie wiedersehen. Nicht, wenn er weiß, was gut für ihn ist.“

Sein Lächeln verschwand, und er wandte den Blick ab. Als würde er sich nicht wohl in seiner Haut fühlen. Meine Güte, der Typ war wirklich angespannt. Wenn das Lächeln ihm schwerfiel, sollte er es öfter üben.

„Sie sitzen also in der Patsche.“

Als er sie wieder ansah, war die tiefe Stirnfalte wieder da. Der Mann konnte wirklich grimmig gucken!

„Ja. Besonders wegen der Kinder tut es mir leid. Sie werden furchtbar enttäuscht sein, wenn der Osterhase morgen nicht auftaucht.“

Carissa wusste genau, wie sie sich fühlen würden. Damals im Waisenhaus hatten die Nonnen schon einen Monat vor Weihnachten angefangen, vom Besuch des Weihnachtsmanns zu reden. Und obwohl sie damals noch viel zu klein gewesen war, um die ganze Sache richtig zu erfassen, hatte sie sehnsüchtig auf ihn gewartet. Weil sie dringend etwas brauchte, worauf sie sich freuen konnte.

Natürlich hatte der Mann im roten Mantel mit seinem Sack voller Geschenke sich niemals blicken lassen. Noch heute erinnerte sie sich, wie heftig sie damals geweint hatte.

„Genug von meinen Problemen. Es ist ja nicht so, dass Sie mir freiwillig Ihre Hilfe anbieten werden.“

Okay, das war ein unübersehbarer Wink mit dem Zaunpfahl, aber verzweifelte Situationen erforderten verzweifelte Maßnahmen. Wenn sie ihren grantigen Nachbarn auf diese Weise zu einer spontanen Hilfsaktion herausfordern konnte, warum nicht?

Sein Blick wurde noch düsterer. „Richtig. Anscheinend haben Sie sich ja schon eine umfassende Meinung von mir gebildet. Ich muss jetzt zu meiner Tochter. Das Essen wartet.“

Molly! Carissa hatte völlig vergessen, warum sie sich auf diese Unterhaltung eingelassen hatte.

„Da Sie Molly erwähnen – ich würde mich sehr freuen, wenn sie zum Spielen kommen dürfte. Sie scheint mir ein liebenswertes kleines Mädchen zu sein, und in meinem Garten gibt es eine Menge, das sie bestimmt gern entdecken würde.“

Er schüttelte den Kopf. „Lieber nicht. Wenn Sie nichts dagegen haben, ich muss jetzt gehen.“

Und ob sie etwas dagegen hatte! Musste er so verbissen sein? Konnte er seiner Tochter nicht ein bisschen Lebensfreude gönnen?

Sicher, er kannte sie nicht, und wer würde einer Fremden einfach sein Kind anvertrauen? Aber in der Stadt genoss sie einen ausgezeichneten Ruf. Mr. Elliott bräuchte sich nur zu erkundigen.

Da hatte sie eine Idee. „Schön, lassen Sie sich nicht aufhalten. Aber wie wäre es, wenn Sie Molly morgen zum Ostervergnügen brächten? Alle Kinder aus unserem Ort werden dort sein, und Sie können sich persönlich von meiner Kinderliebe überzeugen. Das Geschäft liegt an der Hauptstraße. Um elf Uhr fangen wir an. Für Molly wäre es eine gute Gelegenheit, neue Freunde kennenzulernen.“

„Ich weiß nicht. Wahrscheinlich habe ich morgen keine Zeit.“

Carissa ließ nicht locker. „Elf Uhr. Im Fey For Fun. Molly wird begeistert sein.“ Sie suchte nach Worten, um der Einladung mehr Nachdruck zu verleihen, besann sich aber eines Besseren. Ihr Nachbar musterte sie ziemlich finster. „So, jetzt muss ich einen Osterhasen auftreiben. Bis morgen.“ Sie winkte ihm fröhlich zu und drehte sich um.

Dabei musste sie ein Lächeln unterdrücken. Brody Elliott war ein ziemlich grantiger Zeitgenosse. Gut, damit würde sie klarkommen. Viel wichtiger war Molly. Die Kleine sah aus, als könnte sie ein bisschen mehr Zuwendung und Liebe gebrauchen. Carissa war nur zu gern bereit, etwas Freude in ihr Leben zu bringen.

Hauptsache, der große böse Brody kam zu ihrer Party. Sie würde ihm das Lächeln schon beibringen!

2. KAPITEL

„Daddy, sieh mal die vielen Elfen und die Glitzersachen! Ist das nicht ein toller Laden?“ Molly stürmte durch die Tür zu Fey For Fun. Brody folgte ihr widerstrebend und fragte sich, was bloß in ihn gefahren war, dass er hier auftauchte.

Er hatte genug um die Ohren, sodass er seine Zeit nicht mit einem Haufen Kinder verschwenden sollte, die er überhaupt nicht kannte. Viel sinnvoller wäre es, sich um die Erziehung seines Kindes zu kümmern. Stattdessen genoss er insgeheim seine Freiheit. Endlich hatte er keine Verantwortung.

Brody sah sich um. Über die Regale und Auslagen zogen sich roséfarbene Tüllbahnen. Die Decke war mitternachtsblau gestrichen, kleine Lämpchen funkelten daran wie tausend Sterne. Überall saßen Elfen, Feen, Zwerge, Zauberer, Frösche und Prinzessinnen in allen Formen und Größen.

Wenn er ein Kind wäre, würde er das Haus wahrscheinlich nie wieder verlassen wollen. Aber er war erwachsen und fasziniert von der Frau, die das Geschäft führte. Nicht dass er darüber besonders glücklich gewesen wäre. Sein gestriges Treffen mit Carissa Lewis war ziemlich kurz gewesen, und er selbst hatte sich wie gewohnt widerborstig verhalten, aber irgendetwas an seiner neugierigen Nachbarin hatte sein Interesse geweckt. Letzte Nacht hatte er mehr über sie nachgedacht, als ihm lieb war.

Doch er hatte weder die Zeit noch die Absicht, sich auf eine andere Frau einzulassen. Molly war das einzige weibliche Wesen in seinem Leben, und so sollte es auch bleiben.

Er seufzte, während er beobachtete, wie Molly mit leuchtenden Augen und roten Wangen jeden einzelnen Gegenstand in diesem Laden ausgiebig betrachtete. Seine kostbare Kleine war ein Energiebündel, das ihm Bewunderung abnötigte, ihn verwirrte oder ihm Sorgen machte, und er liebte seine Tochter mehr als alles andere auf der Welt. Brody wusste, dass er kein perfekter Vater war. Hinzu kamen die ständigen Schuldgefühle und Selbstvorwürfe, weil er den Tod ihrer Mutter verschuldet hatte.

Im Laufe der Jahre hatte er sich in einen wortkargen Eigenbrötler verwandelt, und so gern er daran etwas geändert hätte, es war ihm unmöglich. Die drückende Schuld machte es ihm schwer, unbefangen mit seiner Tochter umzugehen. Er wollte ihr Freude, Spaß und Lachen schenken, aber er konnte es nicht.

Arme Molly. Zum Vater des Jahres würde ihn garantiert niemand wählen.

Um alles noch komplizierter zu machen, hatte seine neue Nachbarin ihn herausgefordert, heute hier zu erscheinen. Und er hatte es getan!

Wie dumm von ihm.

Sehr dumm, wenn er danach ging, wie sein Körper reagierte, als er durch ein Cottage-Fenster sah und sie im Garten entdeckte. Umgeben von Kindern, die wie sie auf Krötenstühlen saßen, lachte und plauderte sie, und die Kleinen schienen viel Spaß zu haben.

Carissa Lewis hatte ein Lächeln, das einen ganzen Raum erhellen konnte. Mit ihren blonden Locken, die das herzförmige Gesicht umrahmten, den sanften blauen Augen und dem bezaubernden Wangengrübchen hätte sie einen Heiligen verführen können. Brody fühlte sich zu ihr hingezogen wie seit Langem zu keiner Frau mehr.

Anfangs hatte er sich geärgert, dass sie versucht hatte, sich mit Molly anzufreunden. Seine Tochter hatte einen schweren Verlust in ihrem noch kurzen Leben verkraften müssen. Da sollte sie besser keine engere Bindung zu einer Frau aufbauen, die ihr nicht mehr als ein paar Tage Zeitvertreib bieten konnte.

Plötzlich hatte er mit seiner eigenen Reaktion auf diese Frau zu kämpfen. Sie hatten kaum zwei Sätze miteinander gesprochen, da war er sich ihrer weiblichen Ausstrahlung schon so stark bewusst geworden, dass er noch grantiger als sonst auf fremde Menschen reagierte. Doch anstatt sich von seinem rüden Verhalten abschrecken zu lassen, hatte sie standgehalten. In ihren tiefgründigen blauen Augen las er eine Herausforderung, der er nur schwer widerstehen konnte.

Deshalb war er hier.

Er kam sich idiotisch vor, aber es war nicht das Dümmste, was er in seinem Leben getan hatte.

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