Logo weiterlesen.de
Ein verwegener Gentleman

Mary Brendan

Ein verwegener Gentleman

1. KAPITEL

„Elizabeth!“

Lady Elizabeth Rowe hatte soeben die große Halle der eleganten Stadtresidenz ihrer Großmutter betreten und drehte sich nun zu der älteren Dame um, die die geschwungene Treppe herunterkam und sich mit angewidertem Gesichtsausdruck die Nase zuhielt.

Elizabeth sah verlegen an sich herunter. Der Saum ihres Kleides war verdächtig schmutzig. Sie seufzte und zuckte entschuldigend die Achseln. Ebenso wie ihre Großmutter befürchtete sie, dass es sich um üblen Unrat aus der Gosse in Wapping handelte, wo sie Reverend Clemence beim Unterricht in der Sonntagsschule in der Barrow Road geholfen hatte.

„Um Himmels willen!“, schalt Edwina Sampson ihre Enkelin, sobald sie vor ihr stand. „Man merkt sofort, dass du wieder daheim bist. Man muss einfach nur dem Geruch folgen!“

„Schimpf nicht mit mir, Großmama“, bat Elizabeth sanft. „Es gibt Schlimmeres im Leben. Ich komme gerade von den armen Unglücklichen, die jeden Tag mit diesem Gestank und solchem Dreck unter den Füßen leben müssen.“

„Ihnen fehlt nichts weiter als Anstand und harte Arbeit!“, erklärte Edwina Sampson kurz angebunden. „Machen Sie zu, Pettifer, es zieht!“, bellte sie dann plötzlich den hochgewachsenen, würdevollen Butler an, der in der offenen Tür stand und gleichmütig die Spur von Unrat auf dem zuvor makellosen Marmorboden betrachtete.

„Rasch, Mann! Ich heize doch dieses Haus nicht umsonst. Wissen Sie, was ein Sack Kohle kostet? Eine Wagenladung Holz?“

„Ja, in der Tat, das ist mir bekannt, Madam“, erwiderte Harry Pettifer ungerührt. „Ich habe gerade erst diese Woche die Rechnungen für den Brennstoff beglichen.“

„Sie sind doch nicht etwa unverschämt, Pettifer?“

„Es käme mir nicht in den Sinn, Madam“, informierte der Bedienstete seine Herrin mit ausdruckslosem Gesicht, während er hoheitsvoll die Halle durchquerte. Als er an Elizabeth vorbeiging, zwinkerte er ihr unauffällig zu, und sie musste ein Lächeln unterdrücken.

Harry Pettifer diente den Sampsons bereits seit beinahe drei Jahrzehnten. In den wenigen Jahren, die sie nun bei ihrer Großmutter in diesem ruhigen Teil von Marylebone lebte, hatte Elizabeth schon weit unterhaltsamere Wortwechsel zwischen der zierlichen Sechzigjährigen und ihrem majestätischen Butler erlebt.

Edwina Sampson runzelte die Stirn. „Für den Lohn, den ich ihm zahle, könnte ich zwei Lakaien engagieren. Oder ein ganzes Jahr lang meinen Schlachter bezahlen.“

„Das glaube ich nicht, Großmama. Ich bin sicher, das Gehalt des armen Pettifer würde nicht einmal ausreichen, um auch nur deine Ausgaben für Konfekt zu decken“, neckte Elizabeth ihre Großmutter mit einem sprechenden Blick auf ihre beträchtliche Leibesfülle.

Pettifer gestattete sich ein leichtes, anerkennendes Lächeln, das seiner Herrin nicht entging. „Sei nicht so frech, Miss!“, fuhr sie Elizabeth an, um nach einem Moment einzuräumen: „Vielleicht habe ich eine Schwäche für Marzipan. Aber wieso auch nicht? Eine Frau, die sich die Finger wund gearbeitet hat, hat an ihrem Lebensabend eine kleine Belohnung verdient.“

Elizabeth zog vorsichtig ihre verdreckten Stiefeletten aus und übergab sie dem jungen Lakaien, den der Butler herbeigewunken hatte, und trippelte auf Strümpfen zur Treppe. „Du weißt sehr gut, wie sehr wir Pettifer brauchen … viel mehr als er uns, fürchte ich. Ich habe gehört, dass Mrs. Penney wieder hinter ihm her ist. Sie will ihn unbedingt für ihr Stadthaus in Brighton abwerben.“

„Tatsächlich? Wer hat das gesagt?“ Die Großmutter presste verärgert die Lippen zusammen.

Elizabeth raffte vorsichtig ihre Röcke und lachte. „Ich werde mich nur rasch frisch machen, dann treffen wir uns im Salon und tratschen über Pettifers Popularität. Vielleicht solltest du dich bei ihm lieb Kind machen, sonst ist er dieses Mal wirklich in Versuchung, uns zu verlassen“, stichelte sie über die Schulter hinweg, während sie leichtfüßig die Stufen hinauflief.

Als sie sich kurz darauf in ihrem nach Lavendel duftenden Schlafgemach befand, nahm sie den Saum ihres strapazierfähigen Kleides noch einmal seufzend in Augenschein und sah dann ihre Zofe an. Josie krauste voller Abscheu ihre kleine, wohlgeformte Nase, schüttelte den Kopf und half ihrer Herrin beim Ablegen.

Großmama hat recht, dachte Elizabeth, während sie ihr Gesicht mit Rosenwasser betupfte. Es war der Gestank, der am meisten störte. Selbst wenn sie wieder zu Hause war und frische Kleidung trug, hatte sie die üblen Ausdünstungen der Elendsquartiere immer noch in der Nase. Der Ekel erregende Geruch ungewaschener Menschen, verrottenden Abfalls sowie von Fisch und Teer beherrschte das Viertel in der Nähe der Docks. Besonders in der Hitze des gerade zu Ende gegangenen Sommers war er allgegenwärtig.

Seit über einem Jahr half sie nun jede Woche in der Sonntagsschule. Hugh Clemence und sie eilten jeden Sonntag durch das Labyrinth enger Gassen zur Barrow Road. Sie nahmen stets denselben Weg. Selbst der Geistliche, der von den zerlumpten Gemeindemitgliedern mit einem respektvollen Kopfnicken gegrüßt wurde, hielt sich nie länger als unbedingt nötig in dieser Gegend auf.

Der menschenfreundliche Besitzer eines Gewürzspeichers hatte ihnen gestattet, eine freie Ecke als Klassenraum zu nutzen. So wurden mehr als zwanzig Straßenkinder davon abgehalten, Diebstähle an den Kais zu begehen, und stattdessen in Gottes Wort unterrichtet. Wenn Elizabeth sonntags in dem Lagerhaus eintraf, drängelten und schubsten die Kinder so erbittert um einen Platz auf der Bank, als würden sie um etwas zu essen kämpfen.

Elizabeth setzte sich auf den samtbezogenen Schemel an ihren Toilettentisch. Als Josie die Nadeln aus ihrem Haar zog, fiel die lange perlmuttfarbene Mähne ihr den Rücken hinab. Während die Zofe mit der Bürste durch ihre Locken fuhr, schloss Elizabeth die Augen und versuchte sich zu entspannen. Bei dem Gedanken an die Kinder jedoch seufzte sie. Reichte es aus, sie am Tag des Herrn für eine Weile die raue Wirklichkeit vergessen zu lassen?

„Und wenn durch unser heutiges Werk auch nur ein Kind den verheerenden Auswirkungen eines Ginlokals oder eines Bordells entkommt, werde ich als froher Mann sterben“, hatte Hugh Clemence ihr einmal seine Philosophie erklärt.

„Wir müssen so viele davor bewahren, wie wir nur können“, hatte sie ihm zur Antwort gegeben, und er hatte ihre Hand ergriffen. Sie hatte es zugelassen … für ein paar Sekunden, dann hatte sie ihm ihre Finger entzogen.

„Ah, das ist schon besser“, lobte Edwina Sampson ihre Enkelin, als Elizabeth in einem rosaroten Crêpekleid den Salon betrat, in dem ein gemütliches Kaminfeuer prasselte. „Jetzt siehst du eher wie meine süße Lizzie aus – und riechst auch so.“ Sie nahm ein Stück Konfekt aus der silbernen Schale neben sich und schob es in ihren Mund. Genüsslich kauend betrachtete sie die junge Frau und fragte: „Hat er sich erklärt?“

Lady Elizabeth Rowe bedachte ihre Großmutter mit einem steifen Blick und sank anmutig in einen Sessel ihr gegenüber. „Nein“, sagte sie in gemessenem Tonfall, „und das wird er auch nicht tun. Hugh ist ein sehr gewissenhafter, freundlicher Gentleman, und ich schätze ihn als guten Freund. Aber er ist sich sehr wohl bewusst, dass ich nicht … so … für ihn empfinde.“

„Gott sei Dank!“, murmelte die Großmutter. „Ich lebe in ständiger Angst, du könntest eines Tages mit einem billigen Verlobungsring nach Hause kommen und verkünden, dass du in irgendein Pfarrhaus mit undichtem Dach in einem gottverlassenen Stadtviertel ziehen wirst.“ Sie drohte ihrer Enkelin spielerisch mit dem Zeigefinger und fügte hinzu: „Das soll nicht heißen, dass ich die Hoffnung aufgegeben habe. Es ist allerhöchste Zeit, dass du endlich heiratest. Du wirst demnächst neunundzwanzig und kannst nicht ewig bei deiner alten Großmutter leben. Ich könnte bald das Zeitliche segnen und möchte vorher die Gewissheit haben, dass du in gesicherten Verhältnissen lebst.“

„Du bist kerngesund und hast sicher noch ein langes Leben vor dir. Und du weißt ganz genau, dass ich keine Ehe eingehen werde. Also“, wechselte sie das Thema, „interessiert es dich nun, zu erfahren, woher ich weiß, dass Mrs. Penney wieder versucht, dir Pettifer abspenstig zu machen?“

„So leicht lasse ich mich nicht ablenken. Ich meine, was ich sage, Elizabeth.“ Edwina schüttelte den Kopf. „Du bist eine schöne Frau und brauchst einen Gemahl. Du kannst dir nicht von einer Tragödie, die sich vor zehn Jahren ereignet hat, deine ganze Zukunft ruinieren lassen. Die Leute haben die Sache längst vergessen.“

„Ich aber nicht! Und ich will keinen Gatten … schon gar keinen Gentleman aus dem ton. Also sprich bitte nicht mehr davon.“

Edwina seufzte leise, während ihre Finger wie von selbst wieder zu der Silberschale wanderten. „Dann erzähl mir, weshalb dieses Tratschweib Alice Penney hinter Pettifer her ist.“

Elizabeth lächelte gewinnend. „Ich nehme an, weil er so attraktiv ist.“

„Unsinn! Er ist ein alter Kerl – ein Jahr älter als ich!“, kam die Antwort aus einem Mund voller Marzipan.

„Aber ein sehr rüstiger, gut aussehender Mann. Wie ich hörte, hat Mrs. Penney sogar mit ihren Freundinnen gewettet, wer ihn dir abwerben kann. Ich glaube, es geht um ziemlich viel Geld.“

„Sie haben gewettet?“, stieß Edwina hervor. „Wer mir meinen Butler wegnehmen kann? Er ist schon seit beinahe dreißig Jahren bei mir, und er wird bei mir bleiben. Ich … ich werde ihm keine Referenzen geben, falls er mich verlässt.“

„Ich nehme an, er wird keine brauchen“, kicherte Elizabeth. „Ich bin sicher, Mrs. Penney wird ihn auch ohne nehmen.“

Edwina schüttelte ihre ergrauten Löckchen aus dem Gesicht und kniff die Augen zusammen. Ihr Mund zuckte entrüstet, doch dann begannen ihre hellblauen Augen zu leuchten. Eine Wette? Wenn es etwas gab, das Edwina ebenso sehr mochte wie gutes Konfekt, dann war es eine gute Wette. Sie würde schon dafür sorgen, dass diese übermütigen Frauenzimmer etwas für ihren Einsatz tun mussten!

Harry Pettifer war ein Bild von einem Mann, in dessen Adern obendrein blaues Blut floss. Hätte sein Vater, Sir Roger Pettifer, nicht die Familie mit seiner Leidenschaft für riskante Glücksspiele in die Armut getrieben, dann hätte sein jüngster Sohn vielleicht ein Erbe gehabt, das ihm seinen Lebensweg geebnet hätte.

Harry und Edwinas verstorbener Gatte waren Freunde gewesen, obwohl man einst über Harry die Nase gerümpft hatte, weil er sich mit einem Bürgerlichen niederen Standes abgab. Denn Daniel Sampson hatte sich sein beachtliches Vermögen durch Geschäftssinn und harte Arbeit erworben, und so war aus einem bescheidenen Kaufmann ein Handelsbaron für alle Arten von Luxusgütern geworden.

Zu diesem Zeitpunkt war Harry ein begehrter Junggeselle gewesen, der von einer großzügigen Zuwendung lebte. Als es zum Bankrott kam, erhielten die Pettifer-Söhne kein Geld mehr, doch Harry wollte von einem Darlehen von Daniel Sampson nichts wissen, denn er war stets ein stolzer Mann gewesen. Also trat Harry halb im Scherz, halb im Ernst seinen Dienst bei Daniel an, und es ergab sich, dass er der Butler seines Freundes blieb. Auch als dieser vor rund dreizehn Jahren gestorben war, war Harry geblieben, obwohl Edwina das nicht von ihm erwartet hatte, denn ihre Beziehung zu ihm gestaltete sich manchmal recht heikel.

Edwina war weder großzügig noch knauserig ihm gegenüber. Harry erhielt ein angemessenes Gehalt. Und wenn er nun gehen wollte, hatte sie kein Recht, ihn zurückzuhalten. Vielleicht war es falsch gewesen, dass sie sich ihrem loyalen Gentleman-Butler gegenüber nie besonders erkenntlich gezeigt, sondern ihn nur mit distanzierter Gerechtigkeit behandelt hatte. Die Melancholie, die sie mit einem Mal angesichts der Möglichkeit, ihn zu verlieren, empfand, veranlasste sie plötzlich, gereizt zu fragen: „Um wie viel Uhr sollen wir bei den Heathcotes sein?“

„Um acht“, erwiderte Elizabeth. Die Eltern ihrer besten Freundin Sophie gaben an diesem Abend eine kleine Soiree. Sophie war sechs Jahre jünger als sie, eine attraktive Brünette mit einem scharfen Verstand, der sie in den Augen der beau monde viel weniger anziehend wirken ließ. Sie galt als Blaustrumpf, als schrullige Person, die lieber nach Wissen strebte als nach einem geeigneten Ehemann. Die beiden jungen Frauen waren Ausgestoßene in einer Gesellschaft, die weibliche Wesen verachtete und ausschloss, die nicht dem allgemeinen Ideal entsprachen. Seit Elizabeth nach dem Tode ihres Vaters, des Marquess of Thorneycroft, zu ihrer Großmutter in die Stadt gezogen war, waren Sophie und sie immer engere Vertraute geworden.

„Würde es dir sehr viel ausmachen, wenn ich heute Abend nicht mitkomme, Lizzie? Du weißt ja, dass mir bei den Heathcotes für meinen Geschmack alles etwas zu fade ist, und ich habe eine Einladung zu Maria Farrows Salon. Josie kann dich hinbegleiten.“

„Nein, das macht mir nichts aus. Ich werde sowieso nicht sehr lange bleiben. Morgen steht der Besuch in der Besserungsanstalt von Bridewell an …“ Sie brach ab, als ihre Großmutter angewidert schnaubte. Sie hatte offensichtlich kein Interesse, mehr über das Vorhaben, das sie mit Hugh Clemence und einigen anderen wohltätigen Damen geplant hatte, zu erfahren. Doch Elizabeth ließ sich nicht abhalten fortzufahren: „Eigentlich hoffen wir, dass wir ein paar Spenden bekommen, Großmama …“

Trotz ihrer Leibesfülle schoss Edwina wie der Blitz aus ihrem Sessel hoch und war im nächsten Moment bei der Tür. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich kein Vermögen für die Unterbringung von Findelkindern und gefallenen Frauen zu verschwenden habe!“

„Ich bitte dich nicht um ein Vermögen, Großmama“, seufzte Elizabeth. „Einige Pfund würden schon reichen. Davon wollen wir Stoff erwerben, aus dem die Frauen nützliche Dinge nähen können, die man dann verkaufen kann. Taschentücher beispielsweise oder …“

„Wenn sie derlei Dinge vorher gar nicht erst gestohlen hätten, bräuchten sie sie jetzt nicht zu nähen, um sich bis zu ihrer Entlassung die Zeit zu vertreiben!“

Elizabeth sprang auf und maß ihre Großmutter mit flammendem Blick. „Ein Fehler in ihrem elenden Leben – vielleicht damit ihre Kinder etwas zu essen hatten –, und dafür sollen sie ewig bezahlen? Ich habe auch einmal einen Fehler gemacht, hast du das vergessen? Einen schweren Fehler, aber ich weigere mich, mich deswegen zu schämen.“ Ihre zarten Gesichtszüge waren vor Zorn gerötet. Nachdem sie sich eine Weile abweisend angestarrt hatten, seufzte Elizabeth und machte eine entschuldigende Geste.

„Es tut mir leid, Großmama. Ich wollte nicht laut werden, aber …“ Sie lächelte schwach und setzte sich wieder. „Ich hatte schon seit Wochen vor, dich darum zu bitten …“ Sie hielt inne und suchte nach schmeichelnden Worten, die die Börse ihrer knauserigen Großmutter öffnen würden. „Die Summe, die du für meine Hochzeit beiseitegelegt hast, soll sicher unangetastet bleiben. Aber wenn du wirklich die Absicht hast, mir etwas Gutes zu tun, dann bitte ich dich, mir einen kleinen Betrag zu gewähren, damit ich …“

„In einer Hinsicht hast du recht, Miss“, warf die Großmutter streng ein. „Diese Rücklage soll dir zugutekommen. Wenn du glaubst, ich würde dir mein hart verdientes Geld überlassen, damit du es solchen Kreaturen geben kannst, die uns bestehlen, sobald man ihnen den Rücken zukehrt, dann irrst du dich gewaltig!“

„Es könnte den armen Frauen helfen, eine Anstellung und etwas Selbstachtung zu finden“, machte Elizabeth müde geltend. „Es könnte ihnen helfen, ein neues Leben zu beginnen. Nur einhundert Pfund … bitte. Es ist doch mein Geld, und es würde für so viele einen solchen Unterschied bedeuten.“

„Da könnte ich es ja ebenso gut deinem Gatten geben, damit er es beim Glücksspiel vergeudet.“

„Und die Männer, mit denen du mich gerne verehelicht sähest, würden auch genau das tun!“, gab Elizabeth bitter zurück. „Vielleicht sollte ich den Reverend doch heiraten. Ich könnte ihn sicher überzeugen, es mir sofort wiederzugeben!“

„Ha! Glaubst du, das hätte ich nicht bedacht? Es steht in den Bedingungen. Wenn du einen Geistlichen heiratest, ist deine Mitgift verwirkt.“

Elizabeth warf verzweifelt die Hände in die Luft. „Ich liebe dich wirklich, Großmama, aber deine Menschenfeindlichkeit widert mich an.“

„Ich liebe dich ebenfalls, Enkeltochter, und deine unangebrachte Wohltätigkeit hat dieselbe abstoßende Wirkung auf mich“, gab Edwina über die Schulter zurück. Dann war sie zur Tür hinaus.

Lady Rebecca Ramsden sah von ihrer Lektüre der Gazette auf und starrte mit ihren strahlend türkisblauen Augen gedankenversunken vor sich hin. Das konnte doch nicht wahr sein! Luke hätte es ihr doch sicher erzählt! Sie las den Absatz noch einmal. Es war wahr! Dort stand es schwarz auf weiß!

Sie sprang auf, die Zeitung fest in der Hand, und eilte zur Tür hinaus. Im Korridor traf sie den betagten Butler und fragte aufgeregt: „Haben Sie meinen Gatten gesehen, Miles?“

„Äh, nein, Miss Becky“, erwiderte Miles. Keiner von beiden fand die informelle Anrede unangemessen. Vor ihrer Hochzeit mit Baron Ramsden war sie Miss Becky gewesen, und für die alten, getreuen Diener auf Ramsden Manor, die sie schon seit ihrer Kindheit kannten, war sie Miss Becky geblieben.

„Ich nehme an, er übt mit dem kleinen Master Troy die Gangarten des Ponys“, fügte Miles hilfreich hinzu.

Rebecca eilte lachend und mit der zerknitterten Gazette winkend weiter. Sie verließ das Haus und lief im milden Sonnenlicht des Herbstnachmittages zu den Ställen hinüber. „Luke“, rief sie atemlos, als sie in das kühle, dämmrige Gebäude stürmte.

Einige junge Stallburschen blickten sie neugierig an. „Ich glaub, Seine Lordschaft ist in der Scheune mit dem jungen Herrn. War ganz schön müde nach dem Ritt, Mylady. Schlief fast schon im Stehen ein“, berichtete ihr einer von ihnen.

Rebecca nickte ihm dankend zu und war schon wieder draußen. Einen Augenblick später stieß sie das Scheunentor auf und hielt inne. Ihr Gatte saß vor einem Stapel Strohballen, zu deren dunklem Gelb sein tiefschwarzes Haar einen auffallenden Kontrast bildete. Als er aufblickte, war sein Gesicht in das warme Licht der Sonnenstrahlen gebadet, die durch das geöffnete Tor fielen. Mit seinen dunkelbraunen Augen erfasste er die anmutige Gestalt seiner Gattin, die sich gegen den dunstig goldenen Hintergrund abhob. Er lächelte ihr auf diese besondere, vertrauliche Art zu, die ihr Herz schneller schlagen ließ, und legte einen Finger auf die Lippen, während er auf ihren kleinen Sohn wies, der zusammengerollt im weichen Stroh neben seinem Vater lag.

Rebecca ließ sich vorsichtig neben beiden auf die Knie sinken. Sie hielt Luke die Gazette vor die Nase und flüsterte: „Warum hast du mir nichts davon gesagt? Sind das nicht wunderbare Neuigkeiten?“

Luke blickte stirnrunzelnd auf das Blatt und sagte leise: „Wessen Hochzeit auch immer verkündet werden mag … ich weiß nichts darüber, Rebecca. Ich habe die Zeitung heute noch nicht in der Hand gehabt.“

„Nein … nein, keine Hochzeit!“, schalt Rebecca mit gesenkter Stimme. Dann blitzten ihre Augen spitzbübisch auf. „Du hast es noch nicht gesehen? Dann rate mal, was ich gerade gelesen habe“, neckte sie ihn und sprang auf. „Ich verspreche, es wird dich interessieren. Es wird dich freuen …“

„Genug. Ich bin neugierig“, brummte ihr Gatte. Ohne sich zu erheben, schlang er einen Arm um sie und versuchte, die Gazette, die sie hinter dem Rücken hielt, zu erwischen.

„Nein. Rate!“

Er warf einen raschen Blick auf seinen Sohn und sah dann in das schöne, erhitzte Antlitz seiner Gattin. Er zog sie an sich und drückte seine Lippen begehrlich auf die Rundung ihrer Hüfte, die seinem Gesicht am nächsten war. Mit ihren schmalen Fingern wühlte Rebecca in seinem langen dunklen Haar, während sie ihn halbherzig von seinem Vorhaben abzubringen versuchte: „Oh, Luke, nicht hier … nicht jetzt. Troy könnte aufwachen …“

„Dann gib mir die Zeitung“, flüsterte ihr Gatte, „oder mir bleibt nichts anderes übrig, als sie dir gewaltsam zu entreißen.“

Eine heiße Welle durchströmte Rebecca, aber sie ließ sich mit einem übertrieben unterwürfigen Gesichtsausdruck wieder neben ihrem Gatten auf die Knie nieder. Schüchtern reichte sie ihm die Gazette und zeigte auf einen Absatz, dann hockte sie sich auf die Fersen und beobachtete sein Gesicht.

Luke Trelawney, Baron Ramsden, richtete sich langsam auf, und ein Lächeln breitete sich auf seinem schönen Gesicht aus. „Ich habe dir nichts davon gesagt, meine Liebste, weil ich es nicht wusste“, sagte er. „Es sieht Ross ähnlich, Schweigen darüber zu bewahren, dass er in den Adelsstand erhoben wurde.“

„Viscount Stratton. Wie vornehm das klingt“, äußerte Rebecca mit einem melodiösen Lachen. „Du hattest keine Ahnung?“, fragte sie ihren Gatten. „Er hat nichts darüber verlauten lassen?“

„Kein Wort. Aber ich habe ihn schließlich auch seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Und ich glaube, Mutter und Katherine und Tristan auch nicht.“

„Oh, aber das ist gar nicht nett von ihm, Luke! Er hätte wirklich schreiben sollen, um seine Angehörigen über diese Ehre zu informieren.“

Ross? Einen Brief verfassen? Eher taucht mein kleiner Bruder einfach unerwartet hier auf, als dass er auch nur eine Zeile zu Papier bringt.“

Rebecca schlang ihrem Gatten die Arme um den Hals. „Welch wundervolle Neuigkeiten. Viscount Stratton von Stratton Hall in der Grafschaft Kent. Ross muss sehr stolz sein.“

„Kommt Onkel Ross bald her?“, ertönte eine Kinderstimme neben ihnen.

Rebecca löste sich von ihrem Ehemann und strich über das seidige Haar ihres Sohnes. „Nein, mein Lieber. Aber dein Onkel Ross ist jetzt ein Adeliger. Der König hat ihm diese Ehre zuteilwerden lassen. Onkel Ross ist jetzt ein Viscount und heißt Lord Stratton.“

Troy Trelawney zeigte sich von dieser Neuigkeit wenig beeindruckt. „Spielt er trotzdem noch Piraten mit mir?“, fragte er mit dem ganzen Ernst seiner sechs Jahre.

Rebecca unterdrückte ein Lachen und blickte ihren Gemahl Hilfe suchend an. Luke schmunzelte. „Wahrscheinlich schon“, versicherte er Troy sanft, während er bei sich dachte, dass sein unerschrockener Bruder auch mit dreiunddreißig Jahren noch wie ein schneidiger junger Dandy aussah und handelte.

„Ich glaube, für einen gewissen schläfrigen kleinen Mann ist es jetzt Zeit zum Zubettgehen“, sagte Rebecca.

„Ausgezeichnete Idee, Liebling“, murmelte Luke augenzwinkernd. „Aber kümmere dich erst mal um Troy.“ Mit einer geschmeidigen Bewegung war er auf den Beinen und zerzauste das glänzende schwarze Haar seines Sohnes. „Komm wieder, wenn er schläft, dann können wir den Sonnenuntergang genießen“, sagte er leise.

Rebecca nahm ihren Sohn an der Hand und erwiderte den glühenden Blick ihres Gatten. Sie errötete und wisperte lächelnd: „Ja, das würde ich gerne …“

Eine halbe Stunde später eilte Rebecca, Lady Ramsden, wieder durch die Eingangshalle. Ihr ältester Sohn lag im Kinderzimmer neben seinem kleinen Bruder. Beide schlummerten friedlich.

„In zehn Minuten wird das Dinner serviert, Mylady.“

Rebecca wirbelte zu ihrer Haushälterin herum. „Oh … Lord Ramsden und ich haben … äh … einige Gutsangelegenheiten zu besprechen und wollten uns … äh … den Sonnenuntergang anschauen. Kann das Abendessen eine Weile warten?“

„Eine halbe Stunde?“, fragte die Bedienstete mit neutraler Stimme. „Ich weiß, solche geschäftlichen Dinge sind zeitraubend.“

„Ja“, sagte Rebecca. „Danke, Judith.“

Die Haushälterin sah ihr nach, als sie hinauseilte, und lächelte in sich hinein. Miss Becky und Lord Ramsden waren seit acht Jahren verheiratet, sie hatten zwei hübsche Söhne, und sie wurden immer noch wie zwei Magnete voneinander angezogen. Es waren die längsten Flitterwochen eines Ehepaares, die sie je erlebt hatte.

„Womit hantierst du da nur?“, schnauzte Edwina ihre Begleiterin an, die mit ihr in der gemütlichen alten Kutsche saß. Sie waren auf dem Weg zu dem privaten Kartenabend bei Mrs. Farrow.

Evangeline Filbert hielt ihre Strickarbeit hoch. „Socken. Ich habe schon zehn Paar fertig gemacht. Lizzie nimmt sie morgen mit nach Bridewell.“

Edwina Sampson entriss ihr den halb fertigen Strumpf und pfefferte ihn auf den Sitz. „Nicht du auch noch! Spielt neuerdings jeder verrückt wegen dieser missratenen Verbrecher?“

Evangeline sah gekränkt aus, und ihre Lippen begannen zu zittern.

„Oh, um Gottes willen, jetzt fang nicht an zu flennen. Hier.“ Edwina griff nach dem Strickzeug und warf es ihr auf den Schoß zurück. „Strick noch ein paar Reihen, wenn du musst, aber bitte keine Tränen, oder ich nehme dich nicht wieder mit zu meinen Freunden. Dann kannst du alleine zu Hause sitzen.“

„Oh, ich komme gerne mit. Deine Freunde sind alle so … aufregend. Und besonders. Und faszinierend“, flüsterte Evangeline ehrfürchtig. Sie war eine Jungfer von dreiundvierzig Jahren, die ein sehr zurückgezogenes, von Sorgen gezeichnetes Leben geführt hatte, weil sie ihre kranke Mutter pflegen musste. Als die alte Dame, die eine langjährige Freundin von Edwina Sampson gewesen war, schließlich starb, hatte Edwina die Tochter unter ihre Fittiche genommen. Das Arrangement kam ihnen beiden entgegen: Einige Male in der Woche konnte Evangeline so ihrer Langeweile und Einsamkeit entfliehen, und Edwina hatte eine unbezahlte Gesellschafterin, die sie zu jenen unvernünftigen Veranstaltungen begleitete, die sie so mochte. Evangeline allerdings war diese Tatsache nicht bewusst.

An diesem Abend war ihre Gastgeberin eine außerordentlich glamouröse Witwe, die als gegenwärtige Mätresse des Duke of Vermont gefeiert wurde. Noch berüchtigter war sie allerdings, weil sie ihn unverhohlen mit jedem jungen Dandy betrog, der ihr unter die Augen kam. Trotzdem war der alternde Duke immer noch in sie vernarrt. Mrs. Farrow bewegte sich in äußerst vornehmen Kreisen, fand Edwina, wenn sie auch eher der demi monde angehörte. Auf jeden Fall war es bei ihr kurzweiliger, als auf dem Sofa der Heathcotes zu sitzen und der jungen Sophie zuzuhören, die etwas darüber faselte, wie die Stellung der Planeten das Schicksal eines Menschen beeinflussen konnte …

Obwohl Maria Farrow gut zwanzig Jahre jünger war als sie, gab es vieles, was die beiden Frauen verband, nicht zuletzt ihre Herkunft. Edwina jedoch besaß mächtige Verbindungen: Ihr verstorbener Gatte hatte mit Adeligen verkehrt. Ihre geliebte Tochter hatte einen Aristokraten geheiratet. Sie hatte eine wunderschöne Enkelin, deren Vater der verstorbene Marquess of Thorneycroft war. Edwina runzelte die Stirn. Sie hätte gerne noch einen Enkelsohn gehabt. Aber ihre Tochter war einer Grippe zum Opfer gefallen, bevor sie weitere Kinder zur Welt bringen konnte. Es hatte sie sehr erbittert, als der Marquess wieder geheiratet hatte, weil er unbedingt einen Erben haben wollte, damit sein Cousin, den er verabscheute, nach seinem Tod nicht den Besitz bekommen würde. Seine zweite Frau hatte ihm innerhalb eines Jahres nach der Vermählung einen Sohn geschenkt.

Edwina runzelte die Stirn. Ein angeheirateter Enkel war immer noch möglich, auch wenn die liebe Lizzie immer wieder beteuerte, dass eine Ehe für sie nicht infrage kam. Dieser schicksalhafte Mittsommerabend, an dem sie kompromittiert worden war, lag doch inzwischen zehn Jahre zurück, und es war doch nicht mehr als ein dummer Ausrutscher gewesen!

2. KAPITEL

„Es ist ja entsetzlich heiß hier, Maria!“, beschwerte Edwina sich bei ihrer Gastgeberin und fächelte sich heftig Luft zu.

„Das Feuer im Ofen brennt, weil Seine Gnaden es so will“, vertraute Maria ihr an und deutete mit dem Kopf auf einen majestätischen Gentleman mit schütterem Haar, der an einem Tisch in der Nähe saß und bei einer Partie Whist mitspielte. „Der gute Charlie besteht darauf, dass ordentlich geheizt wird, seit man ihm zutrug, der junge Carstairs habe letzte Woche hier übernachtet. Ich habe mich beklagt, es wäre in meinem Zimmer so kalt gewesen, dass ich im Bett erfroren wäre, wenn kein heißblütiges Regimentsmitglied hineingeschlüpft wäre, um mich zu wärmen. Am nächsten Tag lag ein riesiger Stapel Holzscheite draußen vor meiner Tür.“

Edwina kicherte und deutete auf ihr Glas. „Was, um Himmels willen, ist das nur für ein scheußliches Gesöff? Hat er so viel Geld für das Brennholz ausgegeben, dass es nicht mehr für anständigen Wein gereicht hat? Das Zeug schmeckt wie Hustensirup.“

„Seine Gnaden legt heute Abend Wert auf eine nüchterne Gesellschaft“, seufzte Maria. „Ich hatte gestern ein wenig zu viel getrunken, und er konnte mich nicht mehr wach bekommen. Nicht, dass es mir etwas ausgemacht hätte, wenn der alte Bock weitergemacht hätte, solange ich ohne Bewusstsein war.“

Damit schwebte Maria anmutig davon, um ein paar Neuankömmlinge zu begrüßen.

Edwina setzte ein Lächeln auf und nickte einigen Bekannten zu, doch ihr Vergnügen hatte bereits ein Ende gefunden, bevor der Abend richtig begonnen hatte. Die Gesellschaft, das Essen und die Musik waren so ausgezeichnet wie stets. Es lag auch nicht an der stickigen Hitze. Etwas anderes hatte ihr die gute Laune verdorben.

Als sie nämlich bei Marias elegantem Stadthaus vorgefahren war, hatte sie gesehen, dass Alice Penneys Kutsche ein Stück weiter die Straße entlang hielt. Dann war Mrs. Penney mit viel Aufhebens und Getue aus dem Landauer gestiegen und hatte ihr dabei einen äußerst abfälligen Blick zugeschossen.

Und jetzt konnte Edwina kaum an etwas anderes denken. Sie schloss aus dem Verhalten der Dame, dass sie die Wette gewonnen hatte: Harry Pettifer würde seinen Dienst quittieren und zu neuen Ufern aufbrechen. Ärgerlicherweise war Edwina geneigt, nach Hause zu fahren, um herauszufinden, ob sie mit ihrer düsteren Vorahnung recht hatte. Evangeline, die sich in einen Sessel in einer Ecke gekauert hatte und eifrig strickte, hatte sie völlig vergessen.

Edwina bewegte heftig ihren Fächer, entschied sich aber dann, für eine Weile an die frische Luft zu gehen, und steuerte auf eine der hohen Fenstertüren zu, die auf die Terrasse führten. Draußen angekommen, trat sie an die eiserne Brüstung, von wo aus man den Rasen überblicken konnte.

„Sie sehen aus, als wollten Sie in eine Schlacht ziehen, Mrs. Sampson“, sagte eine schleppende Stimme neben ihr.

Die Stirn der alten Dame glättete sich, sie spähte zur Seite und lächelte entzückt. Aber obwohl der rauchige Bariton so vertraut klang, konnte es gut sein, dass es nicht derjenige Ross Trelawneys war. Nachdem er ein beeindruckendes Vermögen in Gestalt einer Schiffsladung geschmuggelter Goldbarren gekapert, konfisziert und in die Schatztruhen des Königs zurückgeführt hatte, stand Edwinas Lieblingsschurke jetzt hoch in der Gunst von Georgy Porgy, wie sie gehört hatte, und war bei Hofe hochwillkommen.

Es war unwahrscheinlich, dass Ross Trelawney, nunmehr Viscount Stratton, alleine im Dunkeln auf der Terrasse einer reifen Kurtisane saß, selbst wenn die Dame in verdammt vornehmen Kreisen verkehrte und ihr aristokratischer Liebhaber an diesem Abend anwesend war. Wenn es tatsächlich der Viscount war, dann würde eine ehrgeizige junge Frau an seinem Arm hängen, darauf versessen, ihm den Kopf zu verdrehen.

Eine Zigarre glühte in der Dunkelheit neben ihr auf. Edwina hob ihre Lorgnette, die an einer Perlenkette um ihren Hals hing. „Sind Sie das tatsächlich, Trelawney? Mischen Sie sich heute Abend zur Abwechslung mal unters gemeine Volk? Muss ich jetzt knicksen?“, neckte sie ihn und kicherte erfreut, als ein hochgewachsener dunkelhaariger, außerordentlich gut aussehender Mann in das schwache Licht trat, das durch die Terrassentür drang.

„Ich nehme Ihre Glückwünsche an, Edwina“, bemerkte er trocken. „Wie geht es Ihnen?“

„Es ging mir schon besser“, antwortete sie mit einem kleinen Seufzen, da ihr plötzlich wieder einfiel, weshalb sie hier herausgekommen war. „Ich habe mich über etwas geärgert, Ross. Aber es ist schön, Sie zu sehen. Es muss schon …“ Sie brach nachdenklich ab und versuchte sich darauf zu besinnen, wann sie Ross Trelawney das letzte Mal in Gesellschaft begegnet war.

„… mehr als zwei Jahre her sein, wie ich mich erinnere“, half Viscount Stratton nach. „Im vorletzten Sommer in Vauxhall. Ich komme nicht mehr so oft nach London wie früher.“

„Und wenn, dann schleichen Sie im Dunkeln herum. Sind Sie auf einmal scheu geworden?“, lachte sie.

„Ich werde immer scheu, wenn eine Frau sich eine Verbindung mit mir in den Kopf setzt. Aber deshalb bin ich nicht hier draußen“, gab er lächelnd zu. „Es ist da drinnen höllisch heiß, nicht wahr? Und ich war mir nicht sicher, ob ich dieses seltsame Gebräu trinken sollte, das da heute Abend serviert wird.“

„Ich bin ganz Ihrer Meinung“, sagte Edwina und betrachtete angewidert ihr Glas. Dann verengte sie nachdenklich die Augen. „Also sind Sie immer noch unverheiratet … Ich nahm an, dass es einem der kleinen Biester inzwischen gelungen wäre, Sie in die Enge zu treiben.“

„Sie versuchen es, Edwina“, stimmte er ihr trocken zu. „Aber sie sind nicht gut genug, als dass es ihnen gelingen würde.“

„Sie sind ein herzloser Schuft“, schalt Edwina mit einem schiefen Grinsen und einem schlauen Blick. „Ich verstehe natürlich, dass diese flatterhaften jungen Misses, die gerade erst das Schulzimmer verlassen haben, Ihnen nicht zusagen. Na … Sie müssen doch mindestens dreiunddreißig Jahre alt sein. Sie sind ein kultivierter Mann, zu dem eine reifere Dame passen würde. Eine, die etwas älter und welterfahrener ist …“

„Machen Sie mir einen Antrag, Edwina?“, fragte Ross mit vorgetäuschtem Ernst.

Edwina lachte hell auf und schlug ihm in gespielter Entrüstung mit ihrem Fächer auf den Arm, doch insgeheim überschlugen sich die Gedanken in ihrem Kopf.

„Weshalb machen Sie also heute Abend so ein mürrisches Gesicht?“, fragte Ross beiläufig. „Abgesehen davon, dass es keinen guten Cognac gibt, natürlich.“

Edwina sah ihn scharf an. „Nun, ich würde es Ihnen tatsächlich gerne erzählen, Stratton. Ich brauche einen Freund, dem ich mich anvertrauen kann. Sie müssen morgen vorsprechen, wir werden zusammen dinieren und alle Neuigkeiten austauschen. Sie können mich … und meine Enkelin … mit Ihren Heldentaten beeindrucken“, murmelte sie mit einem Hüsteln.

Ross runzelte die Stirn und machte eine bedauernde Geste, während er verzweifelt nach einer triftigen Entschuldigung suchte, aber Edwina ließ ihn nicht aus den Fängen. „Es wird Zeit, dass Sie meine Enkelin kennenlernen … Und Sie werden meine Geschichte amüsant finden. Vielleicht ergibt sich ja sogar eine kleine Nebenwette für Sie daraus. Ihnen und mir ist es doch immer gelungen, eine gute Wette abzuschließen, nicht wahr?“

„Ich habe nach Ihnen gesucht, Lord Stratton. Ich dachte, wir wollten woanders hingehen, wo es etwas Anständiges zu trinken gibt …“, ertönte plötzlich eine weibliche Stimme von der Terrassentür her.

Ross blickte sich um. „Hallo, Cecily.“

„Oh, mir war nicht bewusst, dass Sie mit Ihrer Großmutter zusammen sind.“ Die junge Frau hielt sich erschrocken die Hand vor den rot geschminkten Mund. „Oje, ist sie Ihre Großmama?“ Sie stand im Türrahmen, und das Kerzenlicht hinter ihr zeichnete ihre kurvenreiche Figur unter dem durchscheinenden Voile ab.

Edwina warf einen kurzen Blick auf ihr festes, jugendliches Gesicht und schätzte sie auf kaum zwanzig. Aber sie war herausgeputzt und selbstbewusst – wahrscheinlich hatte sie schon mehrere Jahre als jemandes Mätresse hinter sich. Als Edwina Ross fragend anschaute, sah sie, dass er in sich hineinlachte. Bei ihrer finsteren Miene zuckte er leichthin die Schultern.

Edwina schritt majestätisch zur Tür und musterte die junge Dame. „Ja“, schnurrte sie mit gekräuselten Lippen, „ich könnte seine Großmama sein. Aber ich frage mich doch, was Sie wohl sein könnten?“

Verächtlich zog sie die Brauen hoch und wandte sich ab. „Ich erwarte Sie dann morgen um sieben, Stratton. Verspäten Sie sich nicht.“ Damit betrat sie den stickigen Salon und bellte Evangeline an, ihren Umhang zu holen, da sie nach Hause wolle.

Cecily Booth beobachtete, wie die alte Dame in Begleitung ihrer Gesellschafterin den Raum verließ. Dann wandte sie sich zu ihrem Liebhaber um, sah ihn schmollend an und legte den Kopf schief. Als Ross sie nicht beachtete, trat sie zu ihm und schob besitzergreifend eine Hand in seine Armbeuge. „Wer war dieses dicke Scheusal, Ross?“, ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ein verwegener Gentleman" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen