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Ein vernunftbegabtes Tier

Robert Merle

Ein vernunftbegabtes Tier

Roman

 

Aus dem Französischen von Eduard Zak

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

VORWORT

ERSTES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

SIEBENTES KAPITEL

ACHTES KAPITEL

NEUNTES KAPITEL

ZEHNTES KAPITEL

ELFTES KAPITEL

ZWÖLFTES KAPITEL

DREIZEHNTES KAPITEL

VIERZEHNTES KAPITEL

 

|5|Paul Budker und René-Guy Busnel gewidmet

|7|VORWORT

Seit dem Erscheinen meines Romans »Der Tod ist mein Beruf« ist schon geraume Zeit verflossen. Aber immer noch werfe ich mir vor, daß ich aus unverzeihlicher Nachlässigkeit versäumt habe, ein Vorwort zu dem Buch zu schreiben. Jede Faulheit findet ihre Strafe, und mich trifft es schwer, wenn wohlmeinende Leser die historische Wahrheit meines Berichts fünfzehn Jahre nach seiner Veröffentlichung anzweifeln. Dabei wäre es so leicht gewesen, dem Leser gleich auf der Stelle zu erklären: An der Geschichte des Rudolf Lang ist, mit Ausnahme seines Namens, alles wahr – sein Leben, seine Laufbahn. Und um die Entstehungsgeschichte der Todesfabrik von Auschwitz nachzuzeichnen, habe ich mich der Arbeit des Historikers unterzogen und sie, ausgehend von den Nürnberger Archiven1, Stein für Stein, Dokument für Dokument rekonstruiert.

Für »Ein vernunftbegabtes Tier« erhebt sich ebenfalls das Problem von Wahrheit und Erfindung, jedoch auf eine andere Art. Das Genre, dem der Roman zugehört, ist ziemlich schwer zu definieren, wobei dieses Genre, wenn wir es genau bestimmen, selbstverständlich auch wieder das Verhältnis bestimmt, in dem das »Tatsächliche« zum Erfundenen steht und das den Leser völlig zu Recht beschäftigt. Hier muß ich meine Verlegenheit bekennen. Ich bin nicht sicher, ob ich selber eine klar umrissene Definition für dieses Buch liefern kann. Unter diesen Umständen ist es vielleicht das beste, das Problem durch Annäherung einzukreisen und, weil man den Typus dieses Werkes nicht ohne weiteres zu kennzeichnen vermag, wenigstens zu sagen, was es nahezu oder was es nicht ist.

Dem Leser, der von der Cetologie, der Wissenschaft von den Waltieren, nichts weiß, erscheint »Ein vernunftbegabtes Tier« auf den ersten Blick als ein Tiermythos. Ist es einer? Ja und |8|nein. Eine, wie ich mir vorstelle, kaum befriedigende, aber exakte Antwort, mit der keine Abwertung eines Genres gemeint sein kann, dessen Adel verbrieft ist: die Namen Cyrano de Bergerac, Swift, MacOrlan1, Karel Čapek, Orwell, Vercors erinnern uns an packende Werke, in denen die Beziehungen zwischen Mensch und Tier auf utopische Weise untersucht werden. In der Mehrzahl der Fälle wird gezeigt, wie Tiere – Vögel, Pferde oder Schweine – zu Verstand kommen, den Menschen zähmen und eine Art Tier aus ihm machen, eine entartete, geile und grausame Kreatur, von der uns Swift mit seinen »Yahoos« ein erschreckendes Bild geliefert hat.

Vercors verfolgt eine ganz andere Absicht. In seinem »Geheimnis der Tropis« erfindet er einen Primaten, der dem Menschen so nahe steht, daß er unsere Sprache erlernt und seine Gattung sich mit unserer kreuzen kann. Hier kommt es nicht darauf an, das Tier dem Menschen überzuordnen, sondern darauf, den Menschen daran zu hindern, die Arbeitskraft des entdeckten Menschenaffen auszubeuten: ein Gericht soll entscheiden, daß der »tropi«, wie Vercors ihn nennt, ein menschliches Wesen, nicht aber ein Tier ist. Der Roman wird nun zu einem originellen und aufregenden Versuch, eine Definition des Menschen zu finden.

Auch in Karel Čapeks »Krieg mit den Molchen« hat das Tier mythischen Charakter, aber das ist der einzige Berührungspunkt mit dem »Geheimnis der Tropis«. Čapeks Molche sind äußerst intelligente und zahme, mit Händen ausgestattete Meeressäugetiere aus Asien. Nach Europa gebracht und akklimatisiert, lernen sie Englisch, und der Mensch verwendet sie nun in großer Zahl und unter Lebensbedingungen, die gleicherweise an die Behandlung der Schwarzen und an die Welt der Konzentrationslager erinnern, für unterseeische Bauarbeiten. Die Molche, genügsam, fruchtbar und sehr arbeitsam, verbessern trotz der »Rassendiskriminierung«, der sie unterworfen sind, allmählich ihren Status und ihre Kenntnisse, bauen sich eigene unterseeische Betriebe auf und beuten die Rohstoffe aus, bis sie eines Tages ihren »Lebensraum« erweitern müssen, weil sie, die längs |9|der Meeresufer wohnen, sich unaufhörlich vermehren; die Küsten, die ihnen fehlen, verschaffen sie sich, indem sie in Amerika, Asien und Europa riesige Landstreifen absprengen, die sie vorher angebohrt und unterminiert haben … Nun werden die fruchtbarsten Ebenen samt Städten und Dörfern von den Wellen verschlungen, und der Mensch wird mit Entsetzen gewahr, daß der Planet wie ein Chagrinleder unter ihm zusammenschrumpft.

Das Buch, 1936 erschienen, überrascht durch seine Qualität und mehr noch durch seinen prophetischen Charakter. Die antikolonialen Befreiungskämpfe der Nachkriegszeit, die Konzentrationslager, die Atombombe und vielleicht auch die sehr rapide Modernisierung des Lebens bei den Chinesen (die ich persönlich keineswegs alarmierend finde), das alles hat Čapek acht, neun oder auch zwanzig Jahre, bevor es Wirklichkeit wurde, beschrieben. Der apokalyptische Ton im letzten Teil des Werkes kündigt auch die Zerstörungen durch den Krieg an, dessen Kommen Čapek fühlte und an dessen Schwelle er starb, so daß er die Nazis der Freude beraubte, ihn zu verhaften, als sie in Prag einmarschierten.1

In dem vorliegenden Buch brauchte ich mich nicht davor zu hüten, Swift oder Čapek nachzuahmen. Auch habe ich das Neue daran nicht als mein Verdienst empfunden. Die Zeit, in der ich lebe, hat für mich gewählt und mich gezwungen, Neues zu schaffen. Da ich mein Buch dreißig Jahre nach Čapeks »Krieg mit den Molchen« schrieb, war es für mich nicht nötig, ein vernunftbegabtes Meeressäugetier, das fähig ist, die Sprache der Menschen zu erlernen, erst zu erfinden; denn die Wissenschaft ist seither fortgeschritten, und heute wissen wir, daß es das von Čapek erträumte Tier gibt: es ist der Delphin. Auch damit hat Čapek sich als Prophet erwiesen.

Mein Buch ist also doch auch ein »Tierroman«, wenn man darunter ein Werk versteht, in dem die Beziehung zwischen Mensch und Tier untersucht wird, aber das Tier, das ich auftreten lasse, ist nicht mythisch, und seine Beziehung zum Menschen wird in einem realistischen Kontext beschrieben. Die dokumentarische Darstellungsart, deren ich mich in der Erzählung |10|bediene, ist durchaus kein stilistischer Kunstgriff. Unter der klugen, sachkundigen und freundschaftlichen Anleitung von zwei hervorragenden französischen Cetologen, Paul Budker und René-Guy Busnel, habe ich zoologische Daten über den Flaschennasigen Tümmler (Tursiops truncatus) zusammengetragen, und nur ihre Darlegung wird zum Gegenstand einer romanhaften Schilderung: die Daten selbst sind wahr – bis an die Schwelle, die das Dokumentarische von der Fiktion trennt.

Diese Schwelle muß ich selbstverständlich genauer bezeichnen. Denn es stimmt zwar, daß der Delphin imstande ist, einzelne menschliche Wörter auszusprechen und ihren Sinn zu begreifen, aber gegenwärtig ist nur zu hoffen, daß er eines Tages vom Wort zum Satz übergehen kann und damit den entscheidenden Vorstoß machen wird, der es ihm binnen kurzem ermöglichen würde, zur völligen Beherrschung der artikulierten Rede zu gelangen.

Diesen Sprung nach vorn stelle ich in meinem Roman so dar, als vollzöge er sich gerade. Die Phantasie hat sich somit das Recht genommen, die Tatsachen hinter sich zu lassen und die Zukunft in die Gegenwart zu projizieren. Aus diesem Grunde beginnt meine Geschichte am 28. März 1970 und endet in der Nacht vom 8. zum 9. Januar 1973.

Zukunftsroman? Science fiction? Oberflächlich betrachtet, ja. In Wirklichkeit, nein. Denn ich antizipiere nicht zwanzig oder dreißig Jahre, sondern eine recht kurze Zeitspanne – kaum drei bis sechs Jahre –, und überdies bin ich nicht einmal ganz sicher, ob ich wirklich antizipiere. Selbst in den Vereinigten Staaten liegt zwischen wissenschaftlichen Entdeckungen und ihrer öffentlichen Verbreitung stets ein zeitlicher Abstand. Und das um so mehr, wenn es sich um Forschungen handelt, an denen die Landesverteidigung interessiert ist …

Das ist hier leider der Fall. Der Mensch in seiner Torheit hat sich vorgenommen, den reizenden und launigen Delphin, dieses von der Natur so gewaltig ausgerüstete Tier, das dennoch so sanft, gut und freundlich zu den Menschen ist, zum Kriegsdienst heranzuziehen und ihn auszuschicken, Schrecken und Verwüstung in die Häfen und Flotten des »Feindes« zu tragen. Was solche lebenden Unterseeboote tun werden oder tun könnten, sobald sie dank der artikulierten Rede »einsatzfähig« geworden |11|sind, wie man das nennt, habe ich mir in der politischen Landschaft unserer Zeit vorzustellen gesucht.

Ich ahnte nicht, daß ich damit sehr nahe an einen Romantypus kam, der eben erst entstanden war und sich in den Vereinigten Staaten durch Bücher von Rang1 durchzusetzen begann. Im Juni 1967, als ich mein letztes Kapitel ausgearbeitet hatte, ließ mir Claude Julien einige Werke dieses Genres zukommen und bat mich, sie für »Le Monde« zu besprechen. Während ich sie las, wurde mir folgendes klar: In der Art, wie Molières Jourdain Prosa hervorgebracht hatte, ohne es zu wissen, hatte ich seit zwei Jahren politisch-utopische Literatur »hervorgebracht«. Denn das ist der Name des neuen Genres, dem ich unbeabsichtigt gehuldigt hatte. Ich betone: des neuen Genres, weil in Frankreich der politische Roman aus unerklärlichen Gründen seit kurzem als »veraltet« gilt. Neu? Veraltet? Ich gestehe, daß ich solchen Begriffen fremd gegenüberstehe. Die Mode scheint mir kein legitimes Kriterium für die Wahl eines Themas oder für die Einschätzung eines literarischen Werkes zu sein.

Habe ich nun mit dem »politisch-utopischen Roman« die gesuchte Definition in der Hand? Nicht ganz. Ich bin mir bewußt, »Ein vernunftbegabtes Tier« enthält noch Elemente, die nicht auf die politische Utopie reduzierbar sind, wie sie von unseren Freunden jenseits des Atlantiks aufgefaßt wird: etwa den Tierroman und die lange philosophische Tradition, der er in Europa stets verhaftet bleibt, die Verschmelzung von wissenschaftlicher und historischer Antizipation, die Analyse der Beziehungen zwischen Wissenschaftler und Staat, die vergleichende Untersuchung des Verhaltens von Delphinen und Menschen.

Das Ergebnis ist ein hybrides Werk. Ich sage das ohne Beschämung, denn in der Literatur bin ich ebensowenig gegen die Mischung des Blutes wie in der Biologie.

Diese Mischung hat übrigens nichts Künstliches an sich. Sie findet sich auch in meinen Empfindungen gegenüber den Vereinigten Staaten wieder, von denen hier viel die Rede ist, weil ich meinen Roman in den USA angesiedelt habe. Wer übrigens empfände bei der abenteuerlichen Politik der führenden Persönlichkeiten in diesem großen Lande keine Beängstigung im |12|Hinblick auf die Zukunft unseres Planeten? Ich weiß wohl, die Situationen, die ich in meinem Buch beschreibe, werden, wenngleich sie sich auf historische Präzedenzfälle stützen, manchen Köpfen nicht leicht eingehen. Es möge jedoch richtig verstanden werden, daß ich nichts zu beweisen suche. Dieses Buch ist keine These, sondern ein Roman. Es wirft Probleme auf, steuert aber keine Lösungen bei.

 

Paris, den 4. Juli 1967

Robert Merle

|13|ERSTES KAPITEL

28. März 1970

Nach Hause, William, wenn ich bitten darf, sagte Mrs. Jameson mit der gezierten Höflichkeit, deren sie sich bediente, um mit ihrem Chauffeur zu reden (sehen Sie, Dorothy, meine Leute verehren mich, ich vergesse niemals ihren Namenstag und rede immer höflich mit ihnen), William beugte seinen ausrasierten fetten Nacken, übrigens hieß er nicht William, aber so nannte Mrs. Jameson der Einfachheit halber alle Chauffeure, die sie seit dem Tode ihres Mannes nacheinander gehabt hatte, William legte seine rundlichen Hände auf das Steuer, der Cadillac ließ weit vorn ein sanftes Surren hören und setzte sich unendlich langsam und behutsam in Bewegung,

Mrs. Jameson drückte ihren massigen Rücken in die tabakbraune Lederpolsterung des Rücksitzes, Spezialausrüstung (gegen Preisaufschlag) in schöner englischer Werkstattarbeit, schob ihre mit kleinen, aber echten Diamanten gefaßte Brille zurecht, verstaute ihre Handtasche aus Krokodilleder auf den breiten Oberschenkeln, schwenkte den schweren Kopf nach links, ließ ihre dicke Unterlippe hängen, riß ihre grauen Augen weit auf und heftete sie auf Professor Sevilla, um ihn in Muße, schweigend und ungeniert zu mustern wie einen Gegenstand, der erste Eindruck bestätigte sich, mit seinen düsteren Augen, dem glanzlosen Gesicht, dem rabenschwarzen Haar sieht er aus wie ein Zigeuner, ebenso behaart, stelle ich mir vor, wie der arme John, ein richtiger Gorilla, Haare sogar auf dem Rücken und eine Mähne auf der Brust, obendrein einer von diesen besonders virilen, hitzigen Romanen, denen die Geilheit immer in den Knochen steckt, stammen Sie aus dem Ausland, Mr. Sevilla, aber kein Gedanke, ich bin zu hundert Prozent Amerikaner, nur mein Großvater väterlicherseits ist in Galicien geboren, in Galicien? hakte sie ein und zog die Brauen hoch, Sevilla schaute sie an und lächelte zuvorkommend, sie sieht aus wie ein Kaulbarsch, vom Kaulbarsch hat sie den Flunsch und die dicken, blöden Glotzaugen, |14|Galicien, Mrs. Jameson, ist eine Provinz in Spanien, wie romantisch, sagte sie und fingerte am Schloß ihrer Handtasche, sie fühlte sich niedergeschlagen, demnach war er also doch eine Art Zigeuner, sie schwenkte den Kopf abermals nach links und nahm Sevilla wieder in Besitz, die schönen Hände, die düsteren Augen, das schwarze, an den Schläfen silbrige Haar, diese dummen Gänse werden sich in ihn vergaffen, wie auch immer, es ist nur eine Stunde zu überstehen, sie spürte einen leichten Schmerz oberhalb der rechten Brust und unterdrückte das Verlangen, sich mit der Hand in die Bluse zu fahren und das haselnußgroße Kügelchen zu befühlen, das beweglich unter der Haut lag und vielleicht den Tod bedeutete, Murphy gab sich zuversichtlich, aber Zuversicht zu erwecken war sein Beruf, das ist wirklich nichts, Mrs. Jameson, absolut nichts, tiefe Stimme, eindringlicher Blick, die Miene leidend und angespannt, sie beugte sich nach vorn, schloß die Augen, der Schweiß lief ihr über den Rücken, und schaudernd überließ sie sich ihrer Angst vor dem Sterben, einige Sekunden vergingen, sie steifte den Rücken, klappte die Lider auf, ihre stahlgrauen Augen sprangen hervor wie rastlose Tierchen, suchten die Krokodilledertasche auf ihren Knien zu fassen, das tabakbraune Leder der Sitze und Williams ausrasierten Nacken, alles war da, Herrgott, es war nicht gerecht, es konnte nicht wahr sein, daß Mrs. Jameson, John B. Jamesons Witwe, stirbt, John wurde fahl, er blickte sie aus blutunterlaufenen Augen an, holte mit einem saugenden Geräusch, das gräßlich anzuhören war, noch einmal Luft und brach auf der Stelle tot zusammen, Herrgott, es gibt eine Gerechtigkeit, er trank zuviel, er rauchte zuviel, er war behaart und unzüchtig, Mrs. Jameson in ihrer Vollkommenheit saß in einem blaßblauen, blümchenübersäten Kleid auf dem Gipfel eines Berges, die Löwen leckten ihr die christlichen Füße, sie hob wieder den Kopf und schob die Unterlippe vor, um ihr Doppelkinn verschwinden zu lassen, dann öffnete sie ihre Handtasche, zog einen verschlossenen Briefumschlag heraus, nahm ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und reichte ihn über die ganze Breite des Cadillac hinweg mit ausgestrecktem Arm wortlos zu Sevilla hinüber, danke, sagte Sevilla und errötete unter seinem matten Teint, seine düsteren Augen zuckten, er widerstand dem Wunsch, den Briefumschlag unverzüglich in seiner Tasche zu vergraben, und |15|zwang sich, mit zerstreuter Miene damit herumzuspielen, als handelte es sich um einen wertlosen Gegenstand, den er beim Aussteigen allenfalls auf dem tabakbraunen Ledersitz liegenlassen könnte, einige von unseren Referenten ziehen es vor, in bar bezahlt zu werden, sagte sie teilnahmslos, aber das hat wirklich keine Bedeutung, Mrs. Jameson, brummte Sevilla, Marian kam ihn teuer zu stehen, er zahlte ihr eine enorme Rente für den Unterhalt, mein Kostgeld, pflegte Marian zu sagen, wenn sie ihre neue Einrichtung vorführte, kaum zu glauben, dieses viele Geld, das wie durch ein Wunder auf mich gekommen ist, aber das Wunder war sie selber, mit dem Prozeß, einem Maximum an Forderungen und einem Maximum an List hatte sie ihr Pfund Fleisch eingetrieben und noch mehr, verlaßt euch auf die Frommen, sie schneiden euch den letzten Dollar aus den Rippen, Sevilla betrachtete Mrs. Jameson mit Groll, sie hat hunderttausend Dollar im Jahr, was tut sie damit, ihr Mann ist mit sechzig Jahren an der Aufgabe gestorben, sie reich zu machen, ein Leben abgekürzt für ein unnützes Leben, zwei Widersinnigkeiten, sind Sie verheiratet, fragte Mrs. Jameson, geschieden, antwortete er kurz angebunden, Kinder? Zwei, sie blickte mißbilligend auf Williams Nacken, meinen Sie nicht, fragte sie mit ihrer kehligen Stimme, daß es für Kinder ein Schock ist zu erleben, daß ihre Eltern sich trennen, ich meine, Mrs. Jameson, für Kinder ist der Schock viel schwerer, in einer zerrütteten Familie zu leben, und weitaus verheerender, denn er wiederholt sich Tag für Tag, dieser Ansicht bin ich nicht, sagte Mrs. Jameson und schloß mit hartem Knall ihre Krokodilledertasche, ich konstatiere also, daß wir verschiedener Meinung sind, sagte Sevilla, William veränderte die Lage seiner rundlichen Hände am Steuer, er warf einen Blick in den Rückspiegel, die alte Hündin, dachte er und sein Gesicht blieb unbeteiligt und heiter, immer muß sie den Leuten lästig fallen, wie alt sind Sie? Sevilla wandte den Kopf, zweiundfünfzig Jahre, nachträglich war er wütend darüber, daß er so folgsam geantwortet hatte, um der Höflichkeit willen macht man stets zu viele Zugeständnisse, die Leute nützen das aus, um einen schlecht zu behandeln, mein Mann, sagte Mrs. Jameson, ist mit vierundfünfzig gestorben, er war ein hervorragender Mensch, und wir bildeten, Gott sei’s gedankt, ein sehr harmonisches Paar, ich hatte stets eine sehr strenge Auffassung von meinen |16|Verpflichtungen in der Gesellschaft, und ich bedauere nur, daß ich seine Gegenwart nicht ausreichend genossen habe, aber John begab sich schon sehr zeitig am Morgen ins Werk und war darauf bedacht, mich nicht zu wecken, und wenn er spätabends heimkam, immer sehr spät, der bedauernswerte liebe Mensch, war ich für gewöhnlich ausgegangen,

Sie erfreuen sich einer guten Gesundheit? Ich kann nicht klagen, sagte Sevilla und blieb, angespannt und mißvergnügt, auf seiner Hut, Mrs. Jameson verstummte, sie ließ ihre Kaulbarschlippe ein wenig hängen, ihre Frage hatte auf nichts abgezielt, und die Antwort brachte ihr nichts ein, sie sah aus wie eine Henne, die beim Picken ein Stückchen Glas freigelegt hat und es mit ihrem runden Auge von der Seite betrachtet, es trat Schweigen ein, sie schloß halb die Augen und vergaß Sevilla, er war ein Gegenstand, der auf dem Sitz lag und nach Gebrauch in den Winkel zurückzubringen war, aus dem sie ihn geholt hatte, sie seufzte, der Klub, der Vorsitz im Klub, die Vorträge, Plackerei noch und noch, die Zeit verrann, verrann, jedes Jahr ein Frühling, wie viele Frühlinge im Leben, der Cadillac wurde langsamer, bog rechts um die Ecke und fuhr gemächlich in eine von blauschimmernden Zypressen gesäumte Allee ein, unter den Reifen knirschte der Kies, Professor, darf ich Ihnen empfehlen, nicht länger als vierzig Minuten und mit einfachen Worten zu reden?

 

Mrs. Jameson verwies Sevilla auf einen breiten rotsamtenen Ohrensessel. Er wandte sich dem Auditorium zu: vierzig Augenpaare nahmen von ihm Besitz, er nickte und setzte sich. Die Polsterung gab weich unter ihm nach, er verschwand bis zum Oberkörper. Er wollte sich wieder aufrichten, kam aber nicht hoch. Er hatte gehofft, auf einem Stuhl und an einem Tisch Platz zu nehmen, wo er seine Notizen hätte ablegen können. Hier aber gab es nichts, weder vor ihm noch neben ihm, nicht einmal ein Rauchtischchen. In den Purpursamt eingesunken und fast darin untergetaucht, fühlte er sich gelähmt von seinem Komfort. Nicht einmal die Arme konnte er aufstützen: er saß zu tief. Ebensowenig kam es in Betracht, ein Blatt Papier auf seinen Knien festzuhalten. Sevilla führte die Hand an seine Rocktasche, zauderte und ergab sich darein, ohne Notizen zu sprechen.

|17|Etwa vierzig Damen jeden Alters saßen im Halbrund vor ihm und sahen ihn an. Sevilla umfaßte sie seinerseits mit einem diskreten Blick und lächelte ihnen zu. Es war ein recht charmantes, offenes und jugendliches Lächeln, auf das er, wie er wußte, zählen konnte. Aber niemand erwiderte es ihm. Die Gesichter vor ihm blieben unbeteiligt. Man musterte ihn ohne Feindseligkeit. Aber auch ohne Wohlwollen. Die Tatsache, daß er der einzige Mann im Raum war, verschaffte ihm ganz offensichtlich keinerlei Privileg. Sevilla betrachtete sein Auditorium ein zweites Mal und fühlte sich amüsiert. Er konnte beinahe sehen, was im Kopf seiner Hörerinnen vorging: die Klubmitglieder versammelten sich einmal in der Woche, um einen Referenten anzuhören und sich der Welt zu eröffnen. Das Geschlecht des Referenten war in Anbetracht dieses erhabenen Zweckes ohne Bedeutung. Es wurde vom Klub nicht wahrgenommen.

Sevilla merkte jetzt, daß sich Mrs. Jameson rechts neben ihm aufgestellt hatte und gerade dabei war, anhand eines maschinegeschriebenen Zettels seine Lebensgeschichte nachzuerzählen. Sie hatte eine überraschende Verwandlung durchgemacht: sie war voll honigsüßen Lobes für ihn. Alle christlichen Tugenden, die sie selber ausstrahlte, sprach sie ihm zu. Sie triefte von hinreißendem Optimismus. Alles war vollkommen und rein: Amerika, der Bundesstaat Florida, der Klub, die herrliche Stadt, in der er gegründet worden war, die Klubmitglieder, die Klubpräsidentin, der Referent. Und ihre Männer, dachte Sevilla, was machen die Unglücklichen unterdessen? Geld, um ihren Frauen die Muße zu verschaffen, sich zu bilden? Nun ja, warum nicht? Die Damen könnten Schlimmeres tun. Dieser Klub gereicht ihnen, recht besehen, nur zur Ehre, und sogar uns allen, als Nation.

Während Mrs. Jameson von Nächstenliebe überfloß, zeichneten sich die Gesichter, die Sevilla vor sich hatte, nach und nach genauer ab. Drei oder vier waren schön: eine hübsche rothaarige Amerikanerin irischer Abstammung mit milchweißem Teint und grünen Augen, eine Jüdin mit feinen und rassigen Zügen, sehr imposant und monumental, eine junge, vermutlich aus den Südstaaten stammende Dame, die ein sehr fein gezeichnetes ovales Gesicht, matten Teint, schmachtende schwarze Augen und eine langsame, verführerische Art hatte, die Lider über ihren Blick sinken zu lassen. Noch andere junge Frauen waren recht |18|hübsch, recht elegant, aber weniger reizvoll, weniger sicher und dabei merklich unzufrieden mit sich selbst. Wo die Fünfzig überschritten waren, gab es nur noch Beleibtheit, Brillen mit Diamanten und dauergewellte Lockenfrisuren. Sevilla blieb mit dem Blick hängen. Diese Leere, diese verborgene Angst! Älter zu werden ist niemals vergnüglich, aber zu altern ohne Beruf, ohne das Gefühl, daß man mit über sechzig oder siebzig Jahren noch arbeitet, forscht, sich weiterentwickelt … Und dieser Klub, als Daseinsrechtfertigung schließlich doch lächerlich! Heute erzählt man ihnen von den Delphinen, in acht Tagen von Marcel Proust, in zwei Wochen von Südostasien. Die gesamte Kultur zu vierzig Minuten in der Woche. Von allem ein bißchen, wie in einer Cafeteria.

Mrs. Jameson, überfließend von Taktgefühl und Vollkommenheit, schwieg. Einen Moment lang blieb sie unbeweglich, in voller Größe und mit angehobenem Kinn stehen, als posiere sie für ihr eigenes Monument. Man klatschte Beifall, sie dankte, schlug die Augen nieder und setzte sich. Sie nahm auf einem niedrigen kleinen Sessel Platz. Da sie in ihrem eigenen Hause war, durfte sie sich eher als eine andere gestatten, sich klein zu machen. Der niedrige Kaminsitz erfüllte übrigens einen doppelten Zweck: er kündete von ihrer Bescheidenheit und erlaubte ihr, die Beine ausruhen zu lassen.

»Wir sind ganz Ohr, Professor«, sagte sie so witzig und aufmunternd, als hätte sie die Redensart ihm zuliebe eben erst erfunden.

Mrs. Jameson saß. Sie kehrte dem Klub den Rücken zu. Ihre grauen Augen hielten ihn nicht mehr in der Zange, und nun spürte Sevilla eine Belebung der Blicke und ein Nachlassen der Haltung, was bei einigen Hörerinnen in Widerspruch zu ihrer anfänglichen Teilnahmslosigkeit stand. Zu seiner großen Erleichterung fühlte er sich wieder als Mann existieren, blickte nun seinerseits mit Freundlichkeit auf seine Hörerschaft und fing in beschwingtem Ton zu reden an.

»Seit einigen Jahren schon ist der Delphin das Thema so vieler Artikel, Erklärungen, Voraussagen, Karikaturen, Trickfilme und Skripte für Hollywood, daß ich das Gefühl habe, Sie könnten von mir nichts hinzulernen. (Protestrufe.) Wenn Sie meinen, dem sei nicht so, wenn Sie nicht nur aus Höflichkeit protestieren (nein, nein!), will ich versuchen, das Problem so genau wie |19|möglich zu bestimmen. Ich möchte Sie aber bitten, erwarten Sie nichts Sensationelles oder Neues. Die wissenschaftliche Forschung schreitet nur langsam voran, und die Delphinologie steckt noch in ihren Anfängen.

Die Amerikaner«, fuhr Sevilla fort, »stehen in dem Ruf, die Tiere zu lieben und für ihre Erforschung zu schwärmen. Unbestritten aber ist, daß aus unterschiedlichen Gründen seit zehn Jahren kein Tier größeres Interesse bei uns erregt als der Delphin. Es gibt auch keines, das intensiver erforscht wird. Die US-Marine und verschiedene staatliche Stellen geben jährlich beträchtliche Summen aus, um die Arbeiten mehrerer Forschungsgruppen zu finanzieren, darunter jene, die ich leite. Anderseits stellen auch verschiedene Privatgesellschaften wie die Lockheed California Company oder die Sperry Gyroscope Company enorme Geldmittel für die Delphinologie zur Verfügung. Ich kann keine genaue Zahl nennen, aber ich fände es nicht verwunderlich, wenn die von der Industrie und von den staatlichen Stellen jährlich ausgegebene Gesamtsumme gegenwärtig fünfhundert Millionen Dollar erreichte.« (Lebhaftes Interesse.)

Sevilla legte eine Pause ein, um die Ansehnlichkeit des Betrags auf die Hörerschaft einwirken zu lassen.

»Fünfhundert Millionen Dollar«, fuhr Sevilla fort, »das sind eine Menge Cents, aber der Delphin ist sie wert, davon bin ich überzeugt. In aller Kürze und mit einfachen Worten, wie mir Ihre Vorsitzende empfohlen hat (Heiterkeit), will ich Ihnen zu erklären versuchen, weshalb der Delphin zum teuersten und meiststudierten Tier der Vereinigten Staaten geworden ist.

Sie werden mir verzeihen, wenn ich Ihnen zunächst ein paar Worte über seine Physiologie sage. Der Delphin ist kein Fisch, sondern ein Waltier. Er hat keine Kiemen, sondern Lungen. Er atmet den Sauerstoff der Luft und taucht zu diesem Zweck aus dem Wasser empor. Ein Fisch, wie alle Tiere, die man unzutreffend als Kaltblüter bezeichnet, nimmt die Temperatur seiner Umgebung an: eisig in den Gewässern der Antarktis, lauwarm im Karibischen Meer. Der Delphin hingegen ist ein warmblütiges Tier, das heißt, seine Temperatur bleibt konstant, wie immer auch die Temperatur des Wassers sein mag, in dem er schwimmt: daher die Speckschicht, mit der er wie sein großer Vetter, der Bartenwal, umkleidet ist, um der Kälte Widerstand zu leisten. Diese Schicht, umhüllt von einer glatten, |20|kautschukähnlichen Haut, verleiht seinem Körper eine abgerundete, schnittige Form, die der Bewegung im Wasser sehr gut angepaßt ist. Der Delphin legt keine Eier wie der Fisch. Er ist ein Säugetier, und mit allen Säugetieren, einschließlich des Menschen, hat er die Art der Fortpflanzung gemein, die uns geläufig ist (lebhaftes Interesse): Paarung, Schwangerschaft, Gebären und Säugen des Jungen. Bei den Delphinen sind diese Vorgänge, weil sie sich im Wasser abspielen, sonderbar und sehenswert, stellen aber physiologisch nichts Außergewöhnliches dar, und ich habe nicht die Absicht, sie zu beschreiben. (Heimliche Enttäuschung.)

Gewisse Merkmale seiner Anatomie lassen vermuten, daß der Delphin in einer weit zurückliegenden Epoche auf dem Land gelebt hat und daß die See ein Milieu ist, dem er sich erst hat anpassen müssen. Aber er hat sich hervorragend angepaßt. Beim Schwimmen, um nur dieses Beispiel zu erwähnen, ist er an Schnelligkeit den meisten Fischen überlegen.

»Weshalb bringt die amerikanische Wissenschaft diesem Meeressäugetier soviel Interesse entgegen?« fuhr Sevilla fort und verstärkte ein wenig das Volumen seiner Stimme. »Weil es jene Eigenschaft besitzt, die wir Menschen als Intelligenz bezeichnen. Das soll heißen, seine Intelligenz, scheint uns, steht der unseren so nahe, daß wir seine Verhaltensweisen durch Analogieschluß verstehen können.«

Sevilla machte eine kurze Pause, blickte in sein Auditorium und fragte sich, ob er vielleicht schon nicht mehr verstanden wurde.

»Alle Waltiere sind intelligent«, fuhr er fort, »und den Delphin haben wir nur deshalb zum Objekt unserer Forschung erwählt, weil er kleiner und, ich möchte sagen, leichter handhabbar ist als seine Vettern, die Bartenwale, Pottwale oder Schwertwale. Der Tursiops truncatus oder ›Flaschennasige Tümmler‹, den wir allen anderen vorziehen, wird nicht länger als drei Meter. Die mittleren Exemplare messen, bei einem Gewicht von hundertfünfzig Kilo, zwei Meter fünfzig. Man kann ihn also per Auto oder Flugzeug ausgezeichnet transportieren. Er benötigt bloß ein Bassin von der Größe eines Schwimmbads, und wenn er auch eine recht gewissenhafte Wartung erfordert, ist doch sein Unterhalt nicht übermäßig kostspielig: etwa zwölf Kilo Fisch für den Tag.

|21|Was aber den Delphin zu einem idealen Tier für die Forschung macht, ist seine außergewöhnliche Freundlichkeit. Diese Freundlichkeit ist nicht Schwäche. Der Delphin ist mit seinen mächtigen Kinnbacken imstande, einen ausgewachsenen Hai durch einen einzigen Hieb in die Kiemen zu erledigen. Überdies verfügt er über eine doppelte Reihe sehr scharfer Fangzähne, insgesamt achtundachtzig, und wenn er wollte, könnte er denen, die ihn fangen, Arme oder Beine zermalmen. Aber seit Menschengedenken hat er seine Waffen niemals gegen unsere Gattung erhoben. Mehr noch, die meisten Haustiere beißen oder kratzen, wenn man sie einem etwas schmerzhaften Eingriff unterzieht. Der Delphin nimmt den Schmerz, den man ihm zufügt, hin, ohne sich zu sträuben oder je bedrohlich zu werden. Bei ihm besteht, möchte man sagen, ein unumstößliches und unerschöpfliches Wohlwollen gegenüber dem Menschen. Übrigens wird ihm seit dem frühesten Altertum nachgesagt, daß er unsere Gesellschaft und insbesondere die der Kinder suche. In wildem Zustand gefangen, wird er mit überraschender Schnelligkeit zahm und nimmt freudig unsere Zärtlichkeiten entgegen.«

Sevilla machte eine Pause. Er hatte eine gewisse Rührung in den Augen seiner Zuhörerinnen wahrgenommen, und da er selbst ein großer Tierfreund war, sagte ihm diese Gemütsbewegung zu und hielt er inne, um an ihr teilzunehmen. Wir sind ein gutes Volk! dachte er begeistert.

»Alpers«, begann er nach einer Weile wieder, »erzählt über die Zutraulichkeit der Delphine eine sehr hübsche Geschichte. Weihnachten 1955 war in Neuseeland, nahe dem kleinen Badeort Opononi, ein Delphin oder, genauer gesagt, ein Delphinweibchen erschienen, das sich unter die Badenden mischte und zur allgemeinen Verwunderung mit ihnen zu spielen begann. Es hatte eine auffallende Vorliebe für die Kinder und ließ sich von ihnen anfassen und lenken, ohne Ungeduld zu zeigen. Warf man ihm einen Ball zu, fing es ihn mit den Zähnen auf, schleuderte ihn sehr hoch und weit durch die Luft, schwamm ihm dann, um unter ihm zu bleiben, mit hoher Geschwindigkeit hinterher und schnappte ihn unfehlbar auf, bevor er die See berührte. Es trieb auch ein Spiel, das ihm niemand gezeigt hatte. Dabei verstaute es den Ball unter seinem Bauch, tauchte mit ihm unter und ließ ihn los, sobald er eine gewisse Tiefe erreicht hatte. Schnellte er dann aus dem Wasser, schwamm das |22|Delphinweibchen eilends unter den Fallpunkt, um den Ball, wenn er herunterkam, sofort mit einem mächtigen Hieb der Schwanzflosse wie mit einer Kricketkeule abzuschlagen. Hatte es keinen Ball, suchte es auf dem Meeresgrund nach einer Bierflasche, stellte sie sich auf die Schnauze und hielt sie im Gleichgewicht … Kurzum, das Delphinweibchen spielte nicht nur mit den Kindern, es sorgte auch für ihre Unterhaltung.

Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß Opos Ruf – die Kinder hatten das Delphinweibchen Opo getauft – sich auf ganz Neuseeland verbreitete. Von der ganzen Insel und von den Nachbarinseln strömten die Leute zusammen, um Opo zu sehen. Nun zeigte sich, wie die Beobachter berichten, eine merkwürdige Erscheinung. Die Freundlichkeit des Tieres steckte die Menschen an. Abends am Strand redeten Unbekannte einander an und waren sich gefällig. Die sozialen wie auch die rassischen Schranken fielen. Opononi wurde zum Dorf der Freundschaft.«

Bei Mrs. Jameson, deren Geist in diesem Augenblick etwas dämmrig war, löste das Wort »sozial«, so unmittelbar gefolgt von dem Wort »rassisch«, ein Alarmsignal aus: sie richtete sich auf ihrem niedrigen Sessel auf, kniff die Lippen zusammen und blickte mit strenger und zugleich entsetzter Miene auf Sevilla, als müßte sie ihn vor einem Abgrund warnen, der sich unter ihm auftat. Sevilla aber sah nichts. Er war ganz bei seinem Thema.

»Gern«, fuhr er gerührt fort, und seine düsteren Augen glänzten auf, »gern würde ich Ihnen noch mehr von den liebenswerten Anlagen der Delphine erzählen, aber es gehört nicht ganz hierher. Doch möchte ich betonen, daß ich es für ein großes Privileg halte, mein Leben mit dem Studium dieses herrlichen Lebewesens verbringen zu dürfen. Der Delphin ist ein vortrefflicher Gefährte, intelligent, zu Späßen aufgelegt und liebevoll. Obgleich Sie alle schon Delphine gesehen haben«, Sevilla nahm ein Foto aus seiner Brieftasche und reichte es Mrs. Jameson, »möchte ich nicht auf das Vergnügen verzichten, Ihnen ein Foto eines meiner Forschungsobjekte zu zeigen. Es ist in seinem Schwimmbecken und spielt gerade mit meiner Assistentin Arlette Lafeuille – sie ist kanadischer Herkunft, daher der französische Name. Das Foto läßt deutlich die Zeichnung des Mundes erkennen. Ich spreche vom Delphin … (Lachen.) Weit gespalten, geschwungen, an den Winkeln hochgezogen. Diese besondere Linienführung verleiht ihm den Anschein |23|zu lächeln, und zwar schelmisch zu lächeln. In der Tat«, fuhr er fort, während das Foto von Hand zu Hand ging, »ist dieser Eindruck, so subjektiv er sein mag, nicht falsch: der Delphin ist das heiterste und verspielteste Tier der Schöpfung.«

Sevilla wartete, bis das Foto in seine Hände zurückgelangt war und das Gemurmel sich gelegt hatte.

»Ich sagte, der Delphin sei sehr intelligent, und ich möchte darlegen, wie wir zu diesem Schluß kommen. Erstes Anzeichen: das Gewicht des Hirns. Es beträgt im Durchschnitt tausendsiebenhundert Gramm beim Delphin, tausendvierhundert Gramm beim Menschen, dreihundertfünfzig Gramm beim Schimpansen. Dieses Merkmal läßt wohl die Fähigkeiten des Delphins vermuten, ist jedoch schwer mit Genauigkeit zu interpretieren. Das Verhältnis Hirngewicht – Gesamtgewicht des Körpers, von dem einige Forscher ausgegangen sind, um ein vergleichendes System der geistigen Fähigkeiten des Menschen, des Delphins, des Affen und des Elefanten aufzustellen, scheint heute nicht mehr relevant. Die anatomische Untersuchung gilt als beweiskräftiger. Sie fällt aber ebenso zugunsten des Delphins aus. Denn sein Gehirn ist, wie das des Menschen, ein komplexes, dichtes, zellenreiches Gehirn. Die Ähnlichkeit mit dem menschlichen Hirn ist insbesondere hinsichtlich der Entwicklung des Kleinhirns und der Hirnrinde verblüffend.«

Sevilla legte eine Pause ein. Kleinhirn, Hirnrinde, müßte er diese Ausdrücke erklären? Er blickte auf Mrs. Jameson; in sich zusammengesunken, hatte sie sich mit halbgeschlossenen Augen sichtlich in eine Region ihrer selbst zurückgezogen, wo es sie nicht mehr kümmerte, ob der Referent in einfachen Worten redete.

»Ein anderer Grund, an die Intelligenz des Delphins zu glauben, ist selbstverständlich sein Verhalten«, redete Sevilla weiter. »Sie wissen, in welchem Maße sich überall in den Vereinigten Staaten die Meeresaquarien vermehrt haben und welchem Erfolg die Darbietungen begegnen, in denen man die Delphine zur Schau stellt. Wenn Sie eine dieser Vorführungen gesehen haben, werden Sie mit mir einer Meinung sein: die Kunststücke der Delphine haben mit der trübseligen Routine der Zirkustiere nichts gemein. Diese sind Sklaven, die bestraft werden, wenn sie es schlecht, und belohnt werden, wenn sie es gut machen; blind und mechanisch gehorchen sie dem Menschen, der sie |24|dressiert hat, und nur ihm allein. Der Delphin akzeptiert die Belohnung, weil sie zum Spiel gehört, und läßt keine Bestrafung zu. Er ist so zufrieden, wenn er sein Kunststück aufführen kann, daß er es, gibt man ihm nur die richtigen Zeichen, mit jedem beliebigen aufführen wird. Im übrigen macht es ihm Spaß, arbeitet er gern und freut sich über Beifallsbezeigungen. Der Mensch, der ihn diese Kunststücke lehrt, ist kein Dompteur, sondern ein Freund. Nehmen wir an, man bringt ihm bei, einen Ball zwischen die Zähne zu nehmen, den Körper zur Hälfte aus dem Wasser zu recken und den Ball, wie beim Basket, mit einer kräftigen Bewegung des Halses in einen Korb zu bugsieren, der schwebend über dem Becken angebracht ist. Sobald der Delphin begriffen hat, was man von ihm erwartet, braucht man ihn nicht anzustacheln, damit er seine Versuche wiederholt. Er wird sie von sich aus so lange wiederholen, bis er seine Fehler korrigiert hat. Er ist kein Tier, das man dressiert, sondern ein Leichtathlet, der trainiert.

Die Intelligenz des Delphins fällt noch mehr ins Auge, wenn er sich vergnügt. Sie wissen, wie faszinierend es ist, jungen Tieren beim Spielen zuzusehen. Ernst und Ulk, Anmut und linkische Bewegung, die Mischung ist bewundernswert. Im Spiel des Delphins aber gibt es noch etwas anderes.

Ein junger Delphin entdeckt durch Zufall, daß eine Pelikanfeder, läßt er sie lotrecht über einem der Wasserhähne fallen, die als Zufluß dienen, von der Strömung ans andere Ende des Bassins getragen wird. Er braucht nur hinterherzuschwimmen, um sie wieder einzufangen. Er ist von seiner Entdeckung so entzückt, daß er zehn, zwanzig, dreißigmal aufs neue beginnt. Ein junges Weibchen beobachtet das witzige Spiel und mischt sich nun ein, um es zu vervollkommnen. Anstatt die Feder über dem Wasserstrahl fallen zu lassen, überläßt das Weibchen sie dem Wirbel, den er bildet. Sobald die Feder mit dem Wasser in Berührung kommt, beginnt sie an der Peripherie des Sogs zu kreisen, und bevor sie vom Zentrum erfaßt und die Strömung hinuntergetragen wird, vergehen zwei oder drei Sekunden, die sich das Delphinweibchen zunutze macht, um sich an ihrer Bahn zu postieren und sie im Vorüberschwimmen abzufangen. Der junge Delphin macht es dem Weibchen nach. Bald spielen sie im Verein. Einander abwechselnd, muß der eine die Feder in den Wirbel bringen, während der andere sie ein paar Meter |25|weiter unten erwartet. Gewiß, bei bestimmten Insekten kann man kollektive Tätigkeiten von sehr komplexer Art beobachten, aber das sind stereotype, nicht perfektionierbare Tätigkeiten, die auch nicht die Initiative eines Individuums zum Ausgangspunkt haben. Bei den Delphinen erfindet ein Individuum ein Spiel, andere vervollkommnen es, mehrere spielen mit. Hier haben wir intelligente Erfindung, Organisation des Gruppenspiels und eine Befähigung zur Aufmerksamkeit, die in der Tierwelt äußerst selten ist.«

Sevilla machte wiederum eine Pause, und zum ersten Mal, seit er zu sprechen angefangen hatte, ließ er den Blick auf den zwei oder drei hübschen Gesichtern ruhen, die ihm zu Beginn aufgefallen waren. Er war immer noch ganz bei seinem Thema, fühlte aber das Bedürfnis, sich abzulenken, bevor er sich wieder in Schwung setzte. Dieses Mädchen, dachte er, die Südstaatlerin1 betrachtend, hat ein bewunderungswürdig ovales Gesicht! Im selben Augenblick drehte die Südstaatlerin den Kopf um ein paar Grad nach rechts, das zartgeschnittene Antlitz hob sich zu drei Vierteln von der mit dunklem Samt bespannten Wand ab, sie warf rasch einen Blick in Richtung auf Sevilla und ließ dann sogleich die Lider langsam über ihre schwarzen Augen sinken, als gälte es geheime Reichtümer zu bewahren. Alles war wundervoll aufeinander abgestimmt gewesen: die Position des Gesichts, der flüchtige Blick und die Langsamkeit, mit der der Vorhang niederging. Ein abgefeimtes Ding, dachte Sevilla mit einem leichten Schauer des Vergnügens. Die Unterbrechung hatte nicht länger als eine Sekunde gedauert, aber als er fortfuhr, fühlte er sich beträchtlich erfrischt.

»Ganz gewiß haben Sie schon Leute kennengelernt, die von ihrem Hund sagen: ›Wie intelligent er doch ist, es fehlt ihm nur die Sprache!‹ In diesem Satz gibt es ganz offenkundig einen unschuldigen Widerspruch. Denn gerade die Sprache ist der Test für echte Intelligenz. Jeder Versuch, den Intelligenzgrad des Delphins abzuschätzen, läuft auf die Frage hinaus, ob der Delphin fähig ist, sich mit seinesgleichen zu verständigen.

|26|Der Delphin bringt die Töne nicht mit dem Maul hervor, sondern mit seinem Atemloch, einer kleinen Öffnung hinter der Stirn, die seiner Atmung dient und die sich, wenn er untertaucht, vermittels einer Klappe schließt. Seine Stimmorgane sind also von den unsrigen verschieden, ermöglichen aber doch einen ziemlich differenzierten Gebrauch.

Denn die Geräusche, die der Delphin zu modulieren imstande ist, sind zahlreich und mannigfaltig. Man unterscheidet Knarrlaute – sehr ähnlich denen, die von schlecht geölten Türangeln hervorgebracht werden –, Kläffen, Rasseln, Brummen, sehr viele Pfeiflaute und schließlich andere Geräusche, die ich als unhöflich kennzeichnen möchte. (Lächeln.)

Die Frage ist: sind die Delphine fähig, mit Hilfe von Lauten Informationen zu übermitteln. Ich meine komplexe Informationen, zu denen ich nicht die Hilferufe zähle, die ein verwundetes Tier an seine Gefährten richtet, oder auch den zornigen Ordnungsruf des Männchens, der seiner Partnerin gilt, wenn diese während des Liebesspiels der Paarung Miene macht, sich von ihm zu entfernen oder sich für einen anderen zu interessieren. Dazu würde – in menschliche Sprache übersetzt – ein einfaches Knurren genügen. (Lachen.)

Es versteht sich von selbst, daß eine wirkliche Sprache eine Übermittlung auf weniger elementarer Stufe voraussetzt. Heute neigt man zu der Annahme, daß die Delphine zu Mitteilungen solcher Art befähigt sind. Gewiß, wir haben es vorerst nur mit Vermutungen zu tun, aber auch als solche sind sie schon sehr eindrucksvoll.

Hier nun eines der Experimente, auf die sich diese Vermutungen gründen: Zwei Delphine, ein Männchen und ein Weibchen, sind im Bassin durch ein von einem Ende zum andern ausgespanntes Netz voneinander getrennt. Vor jedem der beiden bringt man eine Tafel mit drei verschiedenfarbigen Lampen an und unter Wasser, in ihrer Reichweite, drei Anschlagbrettchen. Wenn an der Tafel grünes Licht aufleuchtet, soll der Delphin mit der Schnauze auf das rechte Brettchen drücken, bei rotem Licht auf das linke und bei weißem Licht auf das mittlere Brettchen. Man schaltet die drei Lampen nacheinander, in wechselnder Reihenfolge und serienweise ein, und wenn der Delphin mit seiner Abfolge zurechtkommt, gibt man ihm einen Fisch.

Ein paar Minuten, nachdem man dem Weibchen eine Abfolge |27|vorgelegt hat, stellt man dem Männchen in seinem Teil des Beckens und auf der Tafel, die es vor sich hat, die gleiche Aufgabe. Dabei zeigt sich, daß das Männchen, schon bevor die Lichter an der Tafel aufleuchten, auf die entsprechenden Brettchen drückt. Diese Beobachtung wird zum Ausgangspunkt neuer Experimente. Man stellt zwischen Männchen und Weibchen einen undurchsichtigen Schirm auf, so daß jenes nicht sehen und nicht ›kopieren‹ kann, was dieses vor ihm ausgeführt hat. Nun beginnt das Experiment von vorn. Erstaunlicherweise ist das Resultat das gleiche. Das Männchen kommt den Fragen stets zuvor. Also ist das Männchen nicht durch den Gesichtssinn unterrichtet worden.

Jetzt geht man einen Schritt weiter. Über die ganze Länge des Beckens wird, um jede verbale Verständigung zu verhindern, zwischen Männchen und Weibchen ein schalldichter Schirm errichtet. Es war nämlich zu bemerken gewesen, daß das Weibchen, während es sich dem Test unterzieht, unaufhörlich Laute von sich gibt. Nach Errichtung des Schirms stellt man dem Weibchen wiederum eine Lichterfolge zur Aufgabe, und es löst sie. Kommt nun aber das Männchen an die Reihe, wartet es jetzt zum ersten Mal das Aufleuchten der Lampen ab, bevor es reagiert.

Nun bohren wir in den Schirm eine Öffnung, die es dem Pärchen ermöglicht, sich mit der Stimme zu verständigen. Die Tests werden wieder aufgenommen, und von neuem kommt das Männchen den Fragen zuvor. Es ist also eindeutig durch die von dem Weibchen abgegebenen Laute unterrichtet worden. (Lebhaftes Interesse.) Das Ganze geht so vor sich, wie wenn das Weibchen, während es auf die verschiedenen Brettchen drückt, zu seinem Gatten, der es nicht sehen kann, sagte: Ich drücke auf das linke Brettchen, dann auf das rechte, in der Folge auf das mittlere und abermals auf das rechte Brettchen; beeil dich und mach es ebenso, denn am Ende der Serie bekommst du einen Fisch … (Lachen und Rührung.)

Wenn es eine derartige Kommunikation gibt, und wie sollte man nicht zugestehen, daß es sie gibt, bringt sie so abstrakte Begriffe wie rechts, links, Mitte in Anwendung und setzt für ihre Weitergabe eine echte Sprache voraus.1

|28|Andere Forscher beschäftigen sich damit, die von den Delphinen abgegebenen unterschiedlichen Laute zu sammeln und in Lichtschwankungen umzuwandeln, die auf Platten photographiert werden. Wenn es uns eines Tages gelingt, diese Platten mit Hilfe des Experimentalzusammenhangs oder der von dem Tier erlebten Situation zu entschlüsseln, werden wir vielleicht auf dem Wege zu einer wenigstens elementaren Kenntnis der Delphinsprache sein.

Die zweite Etappe – aber vielleicht ist es sehr anmaßend, sie jetzt schon ins Auge zu fassen – bestünde darin, die Delphine, von unserer Kenntnis des Delphinischen ausgehend, in den Anfangsgründen der menschlichen Sprache zu unterrichten. Das setzt natürlich voraus, daß der Delphin fähig ist, die Laute des Menschen nachzuahmen. Auf diesem Standpunkt steht, wie Sie wissen, Dr. Lilly, der sich gegenwärtig bemüht, seinen Delphinen das Englische beizubringen.

Der Übergang vom Delphinischen zur menschlichen Sprache impliziert bei dem Tier jedoch einen so gewaltigen Sprung nach vorn, daß wir die Eskalation der ›Wenn‹, die uns bis an diesen Punkt geführt hat, lieber beenden und uns ein Weitergehen auf dem Weg der Mutmaßungen versagen sollten.«

Sevilla stockte, blickte lächelnd in sein Auditorium, neigte den Kopf und sagte: »Ich danke Ihnen für Ihre liebenswürdige Aufmerksamkeit.« (Lang anhaltender Beifall.) »Wenn Sie meinen«, fuhr er dann fort, »daß ich Ihre Zeit noch nicht zu sehr in Anspruch genommen habe (Protestrufe), stehe ich Ihnen für die Beantwortung Ihrer Fragen zur Verfügung.«

Mrs. Jameson erhob sich. Die fetten, beringten Hände in der Höhe des Sonnengeflechts faltend, begann sie, von Sanftmut und Taktgefühl triefend, dem Referenten mit kehliger Stimme zu danken. Das Auditorium richtete einhellig aufmerksame Augen auf sie und hörte sogleich nicht mehr zu.

»… und ich bin sicher«, sagte Mrs. Jameson zum Schluß, »wir alle sind Professor Sevilla dankbar, daß er selber vorgeschlagen hat, Fragen an ihn zu richten.« (Beifall.)

Mrs. Jameson setzte sich. Schweigen breitete sich aus, dauerte, wurde peinlich. Es gab Geflüster, ein Hüsteln, Blicke wurden ausgetauscht. Ein junges, etwas knochiges Mädchen in der ersten Reihe musterte Professor Sevilla eindringlich durch ihre dicke Hornbrille.

|29|»Ich will selbst mit gutem Beispiel vorangehen«, erklärte Mrs. Jameson sanft und gnädig, als wüßte sie nicht, daß alle nur darauf warteten, daß sie als erste spräche. »Mr. Sevilla«, fuhr sie fort und wendete ihm ihre Kaulbarschlippe zu, »Sie haben von den Ozeanarien und dem Erfolg ihrer Darbietungen gesprochen. Sie haben auch gesagt, daß man sie überall in den USA wie Pilze aus dem Boden schießen sieht: ich nehme an, das sind sehr rentable Unternehmen?«

»Äußerst rentabel«, sagte Sevilla mit einem heiteren Aufblitzen in der Tiefe der Augen. »Ich weiß zum Beispiel, daß es eines der Ozeanarien in diesem Jahr auf einen Umsatz von vier Millionen Dollar gebracht hat. Die Gemeinkosten sind selbstverständlich beträchtlich. Und es braucht Zeit und Geduld, um ein Programm auf die Beine zu stellen, das die Leute anzieht. Das Publikum stumpft gegenüber allem ab, sogar gegenüber Delphinen.«

Das knochige junge Mädchen hob die Hand, aber die Südstaatlerin kam ihm zuvor.

»Mr. Sevilla«, fragte sie, brachte ihr kostbares Dreivierteloval in Stellung und ließ ihre Lider halb herabsinken, »ist es möglich, einen Delphin in einem privaten Schwimmbassin zu halten?«

»Gewiß, wenn Ihr Schwimmbassin beheizt ist.«

»Und die Frage des Süßwassers?«

»Meeressalze können Sie in einem Salzteich kaufen und in Ihrem Schwimmbecken auflösen. Es kommt nur auf das Verhältnis an.«

»Was kostet ein Delphin im Einkauf?«

»Zwölfhundert Dollar, zahlbar in New York.«

»Aber das ist ja geschenkt!« sagte die Südstaatlerin mit einem Erstaunen, in das sich Mißbilligung mischte.

Sevilla lächelte.

»Die Wartung ist trotzdem recht kostspielig«, sagte er aufmunternd. »Meiner Ansicht nach muß man ständig jemand haben, der sich um den Delphin kümmert. Sonst langweilt er sich und verkommt. Wenn Sie nicht ein Pärchen kaufen wollen.«

»Ist das möglich?«

»Gewiß. Falls Sie Kinder haben, muß ich Sie allerdings warnen: die Liebesspiele der Paarungszeit könnten etwas schockierende Darbietungen für sie sein.«

Mrs. Jameson zwinkerte, das knochige junge Mädchen hob |30|die Hand, aber die Südstaatlerin fragte weiter: »Bei wem kann man denn ein Delphinpärchen kaufen?«

»Es gibt Spezialisten, die sie fangen.«

»Können Sie mir eine Adresse geben?«

»Ich … Ich habe sie nicht bei mir«, log Sevilla.

Er stellte seine Beine nebeneinander und fuhr unbeteiligt fort: »Aber wenn Sie mich morgen vormittag anrufen wollen, gebe ich Ihnen Auskunft. Meine Nummer steht im Telefonverzeichnis.«

Die Südstaatlerin ließ langsam die Augenlider sinken, und Mrs. Jameson zog ihre dicken Lippen kraus. Diese beiden da, wie die Tiere, beinahe vor ihren Augen, die Unterlippe sank ihr herab, und es war wie ein Krampf in ihr, John war während der Verlobungszeit so nett gewesen, da lag sie mit erstarrten Händen auf dem Kolonialbett unter dem weißen Musselinbaldachin, weiß auch das Kleid, das sie eben ausgezogen hatte, und wie ein Gorilla trat er aus dem Badezimmer, oh, John, John, ich hasse dich! Aber er ist tot, dachte sie mit Verwunderung, die Trauer stand mir gut, ich gab soviel Geld aus, das Haus war so trist, so ältlich, ich wollte alles ändern, Dorian, hieß er überhaupt Dorian, dieser rote Samt, Mrs. Jameson, wird Ihrem Salon Würde verleihen, das blonde, leichte Lockenhaar über dem Nacken, die langen feinen Hände, die Stimme sanft wie Musik, im Schwimmbecken seine glatte Brust, seine langen, graziösen Beine, von oben bis unten hat er das Haus umgekrempelt, verrückte Summen, verrückt und schlechterdings märchenhaft, Mrs. Jameson, ich habe eine Idee, sah aus wie ein Dichter mit seinem Lockenhaar, soviel Anmut in jeder seiner Bewegungen, seine Ideen sind mir teuer zu stehen gekommen, ich bin untröstlich, liebe Mrs. Jameson, ich muß abreisen, meine Mutter ist schwerkrank, und seither kein Wort, keine Zeile, meine Briefe kommen zurück, meine Telegramme bleiben ohne Antwort, der verfluchte kleine Gauner, Erbitterung brach in ihr auf wie ein Abszeß und überschwemmte ihr Inneres, sie spürte einen Geschmack von Galle im Mund und einen stechenden Schmerz oberhalb der rechten Brust, der Schmerz verebbte, sie richtete sich auf, hob den Kopf und musterte Sevilla, als hätte sie ihn niemals gesehen, wie die Tiere, dachte sie mit Verachtung, alle sind sie wie die Tiere, alle …

Eine etwa fünfzigjährige Dame, das Mahagonibraun ihrer |31|Haare war wenig überzeugend, hob die Hand und fragte: »Ist der Delphin im Begriff, ein Haustier zu werden?«

Sevilla betrachtete seine Gesprächspartnerin voll Sympathie. Hätte er nur für sie allein gesprochen, seine Zeit wäre nicht verloren gewesen.

»Ihre Frage ist sehr interessant, aber man müßte, bevor man sie beantwortet, das Haustier definieren.«

»Nun, versuchen wir’s«, sagte die Dame mit Munterkeit. »Sagen wir, es ist ein Tier, das sich vom Menschen füttern läßt.«

»Das stimmt nicht«, sagte Sevilla. »Nahezu alle gefangenen Tiere lassen sich vom Menschen füttern, der Löwe, der Tiger, die Boa mit einbegriffen … Was mich anbelangt, ich möchte lieber sagen: eine Gattung ist domestiziert, wenn sie hinnimmt, daß die Gattung Mensch über sie verfügt. Darin unterscheidet sich nämlich das Haustier vom gebändigten Tier. Dieses akzeptiert durchaus Beziehungen zu seinem Dompteur, aber eben nur zu ihm allein und auch nicht unwiderruflich, wobei sich aus dieser Unsicherheit alle möglichen Zwischenfälle ergeben können. Außerdem gibt es verschiedene Grade der Domestikation. Bei den Rindern zum Beispiel ist das weibliche Tier hundertprozentig domestiziert, während der Umgang mit dem Stier noch ziemlich gefährlich ist. Und das ist, scheint mir, auch die Definition der Domestikation: das Vermögen, mit einem Tier ohne Gefahr umzugehen.«

»Mir scheint«, sagte die Dame mit dem Mahagonihaar, »daß sich die Begriffsbestimmung ebensogut auf das gezähmte Tier anwenden läßt.«

Sevilla überlegte.

»Das gezähmte Tier ist immer nur ein Einzelwesen. Die Domestikation betrifft eine ganze Gattung.«

»In diesem Falle«, erwiderte die Dame schlagfertig, »ist der Delphin noch kein Haustier, da ja die Mehrzahl der Delphine in wildem Zustand lebt.«

»Aber sobald sie eingefangen sind«, sagte Sevilla und blickte seine Gesprächspartnerin aufmerksam an, »werden sie alle sehr zutraulich. Außerdem«, fügte er nach einer Weile hinzu, »läßt sich das Problem wohl gegenwärtig noch unter dem Begriff der Domestikation einer neuen Tiergattung darstellen; wenn aber eines Tages Mensch und Delphin durch das Wort miteinander in Verbindung treten, können die Delphine nicht |32|mehr als Tiere angesehen werden, und Bande anderer Art werden in Betracht zu ziehen sein.«

»Zum Unglück vielleicht Bande zwischen Herr und Sklave.«

»Das will ich nicht hoffen«, sagte Sevilla bewegt.

Sie schüttelte den Kopf und lächelte ihm zu. Er lächelte zurück und dachte melancholisch: Nichts ist vollkommen. Unter diesem gefärbten Haar findet sich ein wohlbeschaffenes Gehirn. Wie schade, daß es sich nicht lieber im Kopf der Südstaatlerin angesiedelt hat. Diese Südstaatlerin, die kenne ich bereits, als hätte ich sie erschaffen: Snobismus und Hochmut, ein infantil gebliebenes Gemüt, gerade genug ichbezogene Sinnlichkeit, um sich gern liebkosen zu lassen, mein Gott, weshalb muß ich mich zu diesem seelenlosen Stück Fleisch hingezogen fühlen, wie unsinnig, dieser Durst in mir, dieses Fieber, dieses Besessensein vom anderen Geschlecht (alle Sevillas waren katholisch, Sevillas Mutter ging jeden Morgen mit ihren zwei Jungen, die im Chor ministrierten, zur Messe und betete, die schmerzenden Knie auf dem Kirchenschemel, voll Haß für das Seelenheil ihres ehemaligen Gatten, der in Miami mit einer Kubanerin lebte).

Das knochige junge Mädchen hob die Hand, aber die Amerikanerin irischer Abstammung war rascher. »Sie sagten, daß sich die US-Marine für Ihre Forschungen interessiert: kann der Delphin möglicherweise militärischen Zwecken dienen?«

Sevillas Körper spannte sich kaum merklich, aber sein Gesicht bewahrte das Lächeln.

»Diese Frage«, sagte er belustigt, »sollten Sie lieber einem Admiral vorlegen.« (Lächeln.)

»Es ist aber doch anzunehmen«, beharrte die Irländerin, »daß das Interesse der US-Marine für die Delphine nicht völlig uneigennützig ist.«

»Die Pläne der US-Marine kenne ich nicht«, sagte Sevilla. »Ich bin absoluter Laie auf dem Gebiet. Ich könnte nur Vermutungen anstellen. Sagen kann ich bloß: die Polizei bedient sich der Hunde; weshalb sollte sich die Marine nicht der Delphine bedienen?«

»Nach allem, was Sie erzählt haben, würde man die Delphine ganz beträchtlich unterschätzen, wollte man sie in die gleiche Kategorie wie die Hunde einreihen.«

Er sah sie an. Sie hatte Augen von unwahrscheinlich frischem Vergißmeinnichtblau, unschuldig und unbeugsam. Man |33|konnte sie sich sehr gut in Rom unter Nero vorstellen, wie sie, in ein langes weißes Kleid gehüllt, an einem Kreuz lebendig in Flammen aufging, um Christus nicht zu verleugnen.

»Sie haben recht«, sagte Sevilla. »Man kann von ihnen andere Dienste erwarten. Aber genau welche, vermag ich Ihnen nicht zu sagen. Das ist nicht meine Angelegenheit. Und ich möchte keine Hypothesen aufstellen.«

»Dennoch meine ich«, sagte die Irländerin, »Sie sollten sich schon jetzt Gedanken über die praktische Anwendung Ihrer Forschungen machen, damit Sie nicht später bereuen müssen, sie betrieben zu haben.«

Es gab einige Bewegung im Auditorium, und Mrs. Jameson runzelte die Stirn.

»Übertreiben wir nicht«, sagte Sevilla mit einer Handbewegung. »Mit der Wasserstoffbombe haben unsere freundlichen Delphine nichts zu tun.«

Einige Zuhörerinnen lächelten, das Gesicht der Irländerin aber blieb ernst, angespannt und nachdenklich.

»Ich habe den Eindruck«, sagte Mrs. Jameson, »daß sich hier schon seit langem jemand zu Wort gemeldet hat. Miss Anderson?«

Das knochige junge Mädchen fuhr zusammen, und die dicke Brille rutschte ihr auf die Nasenspitze. Sie rückte mit ihrem unmäßig langen Zeigefinger die Brille zurecht, streckte unvermittelt die flache Brust nach vorn und starrte mit ihren eindringlichen Augen auf Sevilla.

»Sie haben gesagt«, begann sie tiefernst und beflissen, »daß die Fortpflanzungsweise der Delphine die gleiche wie bei den Säugetieren ist. Es scheint mir jedoch, daß alle diese Operationen, Paarung, Gebären, Säugen, nicht ohne Schwierigkeiten vor sich gehen können, da sie ja frei schwebend im Wasser und zweifellos mitunter bei schwerem Wellengang vollzogen werden. Sie könnten uns vielleicht genauer beschreiben …«

Mrs. Jameson erhob sich.

»Ich schlage vor«, sagte sie mit zermalmendem Takt, »daß wir Professor Sevillas Geduld nicht länger mißbrauchen und daß wir den Nebenraum aufsuchen, um ein paar Erfrischungen mit ihm einzunehmen.«

|34|ZWEITES KAPITEL

Ein hygienisch kahler Raum, nicht eine Zeitschrift, nicht ein Stück Papier, drei Sessel, ein kleiner Tisch mit einem Aschenbecher und an den getünchten Wänden drei Stiche mit der Darstellung von Ocean Clippers bei stürmischem Wetter, alle Segel beigesetzt, C sah die Segelschiffe mit Widerwillen an, er spürte eine Verkrampfung in der Magengegend, der Schmerz war nicht heftig, aber beständig, er schien nicht vom Innern der Organe, sondern von ihrer Umhüllung auszugehen, es war eher ein Druckgefühl, eine schmerzhafte Kontraktion der Muskeln, sie breitete sich unten bis in die Bauchgegend und oben bis unter die Rippen aus, sie erreichte für Augenblicke die Wirbelknochen, C hatte das Gefühl, gelänge es ihm, sich auszustrecken, seine Beine hochzuziehen und die Muskeln zu entspannen, könnten seine schmerzenden Organe ihren Platz wieder einnehmen, aber das war falsch, der Schmerz hörte niemals auf, es war übrigens kein echter Schmerz, eher eine Beschwerde, unbestimmt, verschwommen, anhaltend und unerträglich, er konnte sie, wenn sich seine Aufmerksamkeit konzentrierte, länger als eine Stunde völlig vergessen, aber sie kehrte mit peinlicher Regelmäßigkeit wieder, sogar in der Nacht, der Schlaf verließ ihn, alles geriet durcheinander, die Nerven waren überreizt, er ermüdete rascher und erholte sich weniger schnell, C sank auf seinem Sessel zusammen, er schloß die Augen.

Im gleichen Moment sank Johnnies blonder Kopf auf seinen Arm, ein kurzer Krampf, die Lippen saugten mit einem konvulsivischen Zucken die Luft ein, die Beine entspannten sich plötzlich, es war aus, sie lagen in einem Reisfeld, eine Wolke von malvenfarbigen Mücken, von Kugeln und Granatsplittern umschwärmte sie, ein G. I. hinter mir sagte: »Der hat genug«, wir mußten die Nacht abwarten, bis die Hubschrauber landen konnten, der Sanitäter aus der Maschine nahm den Toten die Erkennungsmarken ab, sein Blick kreuzte sich mit meinem, er sah traurig und verbittert aus, er schüttelte die Erkennungsmarken |35|in der hohlen Hand und sagte: »Zehn Amerikaner, die brauchen nicht viel Platz.«

»Erlauben Sie, daß ich mich bekannt mache«, hörte er eine Stimme sagen, »ich heiße David Keith Adams, Mr. Lorrimer erwartet Sie«, ein etwa vierzigjähriger Mann, groß, mager, langes Gesicht, die schwarzen Augen tief in den Höhlen, die Lippen geschwungen, sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Mr. Adams, sagte C, schweigend schritten sie durch einen engen getünchten Flur, endlos wie die Laufbrücke auf einem Schiff, eine Tür ging auf, sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Mr. C, sagte Lorrimer, wollen Sie sich setzen?

C spürte, daß sich sein Lächeln wie eine Maske über sein Gesicht zog, erlauben Sie? fragte er munter, stand wieder auf und reichte Lorrimer das Zigarrenetui über den Schreibtisch, Lorrimer musterte ihn mit einem raschen Blick, ein Puppengesicht, die Augen undurchdringlich, das Lächeln herzlich und falsch, eine Upmann! sagte Lorrimer, die Zigarren steckten sehr fest im Etui, es gelang ihm nicht, die gewählte herauszuziehen, C lächelte, senkte die Lider und ließ flink einen professionellen Blick über den Schreibtisch wandern, sie mußten ihr Mikrophon in die Zierleiste eines der Beine eingesetzt haben, denn der Schreibtisch selber war unberührt von jedem Papier, Buch, Notizblock oder Füller, ein Wunderwerk distinguierter Nacktheit wie das schöne, feine, gebräunte und undurchdringliche Gesicht von Mr. Lorrimer, mit seiner untadeligen Eleganz, der blendenden Erscheinung, dem schwarzen, an den Schläfen grauweißen, fein abgetönten Haar, mit den edlen Falten und der nahezu adlerartigen Nase hatte er das Aussehen eines Schauspielers, C, den Arm über den Schreibtisch streckend, fuhr damit fort, Lorrimer mit liebenswürdiger Miene anzulächeln, einer von diesen widerwärtigen Bostoner Renommisten, der das A auf englische Weise ausspricht.

»Eine Upmann«, sagte Lorrimer und tastete die Zigarre in seinen feinen Händen ab. »Lassen Sie die aus Paris kommen, Mr. C?«

»Sie werden staunen, Mr. Lorrimer, ich bekomme sie direkt aus Havanna.«

»Dann«, sagte Lorrimer und zog die Brauen hoch, »ist unsere Blockade wirkungslos.«

»Das möchte ich nicht sagen. Eine Upmann, Mr. Adams?«

|36|»Danke, ich rauche nicht.«

»Meine Funktionen«, sagte C, »bringen mich zuweilen mit Leuten in Verbindung, die nach Kuba reisen und wieder zurückkommen.«

»Ich verstehe«, sagte Lorrimer, und sein Gesicht verschloß sich.

C lächelte. Sein blondes Puppengesicht trug jene Miene aufrichtiger Jovialität zur Schau, die so viel zu seiner Karriere beigetragen hatte. Abweisend und nachdenklich zog Lorrimer ein kleines Messer aus der Tasche und beschnitt mit genauen und umständlichen Handbewegungen das abgerundete Ende der Zigarre, ich erwarte bestimmt nicht, daß er das Zigarrenende einfach abbeißt und auf den Teppich spuckt, aber dieses Ritual ist aufreizend, er hält mich zum besten, er läßt sich Zeit, tut blasiert, für ihn gibt es zwei Arten, den USA zu dienen: eine ehrenvolle Art, die seine, und meine, die schandbare, ich möchte wetten, diese Zigarrenspitze aus geschnitztem Elfenbein kommt geradewegs aus Hongkong, und das Feuerzeug, ist es aus Gold, das Feuerzeug? Nein, aber nein, ein schlichter »utility lighter« aus Eisen, das Geschenk eines britischen Freundes im Krieg, das Urbild ruhmvollen Gedenkens und raffinierter Dürftigkeit, gereizt drehte C den Kopf weg und blickte aus dem Fenster, unter den Ahornbäumen floß der Anacostia mit seinem schlammigen, schokoladenbraunen Wasser vorüber, Scheiße, ihr berühmter Fluß, und diese Vorliebe für altes Zeug, diese grünspanbedeckten Geschütze, und in der Mündung des einen, ich traue meinen Augen nicht, ein Vogelnest, wie symbolisch für einen verdammten Pazifisten, das also sollen unsere Kanonen zu den Chinesen hinüberschicken: Schwalbennester!

»Nun, Mr. C«, sagte Lorrimer und machte einen Zug aus seiner Upmann. »Was kann ich für Sie tun?«

»Wir haben gedacht«, sagte C, »es wäre an der Zeit, daß wir uns für die Delphine im allgemeinen zu interessieren beginnen und nicht unbedingt bloß für die amerikanischen, wenn Sie verstehen, was ich sagen möchte …«

Lorrimer nickte.

»Und da ich Laie auf diesem Gebiet bin, hätte ich Ihnen dazu ein paar Fragen zu stellen.«

»Tun Sie das«, sagte Lorrimer schroff.

|37|C kreuzte die Beine, sein Magen krampfte sich zusammen, er fühlte sich gereizt, der Lump faßt mich mit der Pinzette an, sogleich, als wäre irgendwo ein Alarmzeichen aufgeflammt, klinkte in seinem Kopf etwas aus, alles trat in den Hintergrund, er hatte seine Gemütsbewegungen bis zu dem Grad überwachen gelernt, daß er sie nach Belieben in dem Bruchteil einer Sekunde unterdrücken konnte, er blickte Lorrimer an, und sein blondes, verständiges Puppengesicht lächelte wieder freundlich.

»Erste Frage: Interessieren sich die Sowjets für die Delphine?«

»Ganz bestimmt. Sie publizieren unsere eigenen Arbeiten in russischer Übersetzung.«

C betrachtete ihn aufmerksam und liebenswürdig, genau wie ich dachte, der Akzent aus Boston, feinfühlige Betonung, präzise Artikulation, äußerste phonetische Deutlichkeit.

»Und sie selber«, fragte er, »wie weit sind sie mit ihren Forschungen?«

»Was sie publizieren, und sie publizieren sehr wenig, läßt nicht darauf schließen, daß sie sehr weit sind.«

C blickte Lorrimer an.

»Wenn ich recht verstehe, profitieren die Sowjets von unseren Forschungen, und wir profitieren nicht von den ihren.«

Lorrimer lächelte. Sobald er lächelte, brachte seine Oberlippe, die sich auf der rechten Seite aufblähte und wölbte, einen Ausdruck von unbeschreiblicher Überlegenheit in seine Physiognomie.

»Das ist nicht so skandalös, wie es scheinen könnte. Hinsichtlich der Delphine sind wir noch bei der Grundlagenforschung. In diesem Stadium wäre die Geheimhaltung nicht allein unnütz, sie wäre abträglich.«

»Weshalb?«

»Wir haben in den USA mehrere Forschungsgruppen, die über die Delphine arbeiten; die einen werden von staatlichen Stellen, die anderen von großen Privatunternehmen wie der Lockheed California Company subventioniert. Die Forschungen kämen nicht voran, wenn keine von diesen Gruppen ihre Ergebnisse veröffentlichen wollte.«

»Aber könnte man die Publikation der Ergebnisse nicht ausschließlich den Forschern zugänglich machen?«

»Das wäre schwierig. In den USA gibt es gegenwärtig sehr |38|viele Delphinologen. Außerdem wird von einer Menge ausländischer Forscher in ihren eigenen Ländern für uns gearbeitet.«

C rieb sich den Nasenflügel.

»Entschuldigen Sie, daß ich mich wiederhole, doch wenn alle Forscher, die wir subventionieren, ausländische wie amerikanische, ihre Arbeiten publizieren, die Sowjets aber nicht, werden sie uns bald auf den Fersen sein und, wer weiß, sogar überholen.«

»Absolut nicht.«

»Weshalb?«

Lorrimer hob seinen schönen Kopf wie eine Monstranz in die Höhe.

»Wir sind das einzige Land der Welt, das jedes Jahr Hunderte von Millionen Dollar für die Delphine ausgeben kann. Mehr noch, wir sind das einzige Land der Welt, das auf seinem Territorium einhundertfünfzig, ich betone: einhundertfünfzig Delphinologen subventioniert, nicht gerechnet die Delphinologen, die wir in den verbündeten Staaten subventionieren.«

Er ließ Zeit verstreichen, beobachtete C, und sein schönes Gesicht nahm einen Ausdruck von Strenge an. »Wir können niemals eingeholt werden«, erklärte er, ohne die Stimme zu heben.

»Selbst wenn wir alles publizieren?«

Lorrimer deutete ein schwaches Lächeln an.

»In den USA, wie überall, tritt zwischen dem Zeitpunkt, in dem Ergebnisse vorliegen, und dem Augenblick, in dem sie an die Öffentlichkeit gelangen, immer eine Verzögerung ein.«

»Sie haben mich nur zur Hälfte überzeugt.«

»Ich will Sie völlig beruhigen. Wahrscheinlich wird der Tag kommen, an dem wir die Geheimhaltung organisieren müssen, statt es der Beurteilung jedes Laboratoriums zu überlassen, was es publizieren darf und was nicht.«

»Und wann wird das sein?«

»Sobald die Ergebnisse unserer Delphinologen verwertbar geworden sind.«

C ließ nun seinerseits eine Pause eintreten und blickte Lorrimer an.

»Und dieser Zeitpunkt ist noch nicht gekommen?«

»Nein.«

Lorrimer hatte den Bruchteil einer Sekunde gezögert, aber C war zu gut trainiert, als daß er das Zögern nicht bemerkt hätte.

|39|»Ich begreife«, sagte er langsam. »Wenn Sie eines Tages eine Nachrichtensperre verhängen, so wird sie für jedermann Gültigkeit haben, auch für mich. Anderseits möchte ich aber sicher sein, daß ich immer hinreichende Nachrichten bekomme, und zwar immer rechtzeitig, um meine Ermittlungen im Ausland darauf einstellen zu können.«

»Sie werden sie bekommen«, sagte Lorrimer barsch.

C schloß halb die Augen und betrachtete Lorrimer, das schöne strenge Antlitz, die Zehn Gebote eingezeichnet in jedem seiner Züge, und dennoch, von uns beiden ist nicht er, sondern bin ich der nüchtern denkende Mann, denn er leistet sich noch diesen Luxus: persönliche Gefühle und moralische Aspirationen.

»Mr. Lorrimer«, begann er wieder, »jetzt hätte ich gern ein paar Einzelheiten, die mir erlauben werden, meinen Ermittlungen eine endgültige Richtung zu geben. Zum Beispiel wüßte ich gern, was die Streitkräfte bei der Erforschung der Delphine ganz besonders interessiert.«

Lorrimer lächelte, die rechte Hälfte seiner Oberlippe blähte sich, er blickte Adams an und sagte kurz angebunden: »Die Haut.«

»Die Haut?« fragte C.

Sein Blick wanderte von Lorrimer zu Adams und kehrte zu Lorrimer zurück.

»Diese Haut birgt ein tiefes Geheimnis«, sagte Adams leicht amüsiert.

C sah vom einen zum andern. Lorrimer machte mit der Zigarre eine undeutliche Gebärde.

»Erklären Sie das, David«, sagte er herablassend.

»Mr. C«, fragte Adams, »was wissen Sie von der Haut der Delphine?«

»Nichts, selbstverständlich.«

»Und von ihrer Schwimmgeschwindigkeit?«

»Sie ist sehr beachtlich, glaube ich.«

»Man hat sie gemessen, Mr. C. Sie kann dreißig Knoten in der Stunde erreichen.«

»Das ist bemerkenswert.«

»Es ist verblüffend.«

»Und was hat die Haut damit zu schaffen?« fragte C nach einer Weile.

»Nun, man nimmt an, daß der Delphin seine Schnelligkeit |40|den Eigenschaften seiner Haut verdankt. Darüber«, fuhr Adams fort, »gibt es zwei Theorien: die von Max Kramer …«

»Max Kramer?« fragte C lebhaft. »Haben Sie gesagt Max Kramer? Der Raketenspezialist?«

Adams warf Lorrimer einen Blick zu.

»Eben dieser.«

»Und was sagt Max Kramer?« erkundigte sich C und fand mit einem Schlag seine Gemütsruhe wieder.

»Daß der Delphin in Wirklichkeit zwei Häute besitzt. Eine erste, die tiefer liegende Haut, die die Speckschicht umschließt, und eine zweite, die Außenhaut, welche kleine, vertikale Kanäle enthält, die mit einer schwammigen, wasseraufsaugenden Masse gefüllt sind. Diese Außenhaut macht, nach Kramer, die großen Schwimmgeschwindigkeiten des Delphins erklärlich. Sie ist sehr weich, sehr elastisch und sehr empfindlich für den geringsten Druck; sie gibt beim Kontakt mit den Wirbelbildungen im Wasser nach und faltet sich.«

C schloß halb die Augen.

»Ich erlaube mir, Sie zu unterbrechen. Was nennen Sie Wirbelbildungen im Wasser?«

»Jeder Körper, der sich im Wasser oder in der Luft bewegt, bringt Wirbelbildungen hervor oder, wenn Sie das vorziehen, kleine Wirbel, die ihn bremsen. Kramer zufolge gleicht die Außenhaut des Delphins durch ihre außerordentliche Elastizität diese Wirbel aus.«

»Eine scharfsinnige Erklärung.«

»Es gibt noch eine andere. Forscher haben festgestellt, daß die Außenhaut des Delphins dank einer Unmenge kleiner Gefäße sehr stark durchblutet ist. Bei hoher Geschwindigkeit soll in diesen Gefäßen ein plötzlicher Blutzufluß eintreten, der genügend Kalorien abgibt, um eine dünne Wasserschicht im Kontakt mit der Außenhaut zu erwärmen. Diese Erwärmung soll die Wirbelbildung ausschließen.«

Adams hielt inne, warf Lorrimer einen Blick zu und fuhr fort: »Sie sehen, Mr. C, den praktischen Nutzen solcher Forschungen.«

»Nicht doch«, sagte C und schloß dabei halb die Augen, »entschuldigen Sie, ich sehe ihn nicht.«

Adams blickte auf Lorrimer und ließ ein kurzes Lachen hören.

»Nun, sagen wir, dank den Delphinen begreift man heutzutage |41|besser, daß Hydro- und Aerodynamik nicht allein ein Problem der Form, sondern auch ein Problem der Oberflächenstruktur sind. Nehmen wir an, man dringt in das Geheimnis der Delphinhaut ein: man könnte diese Haut in einem industriellen Prozeß nachbilden und damit Objekte umkleiden, die dazu bestimmt sind, sich im Wasser und in der Luft fortzubewegen. Der Geschwindigkeitszuwachs wäre enorm.«

»Wollen Sie sagen, der Geschwindigkeitszuwachs bei Raketen?«

»Nicht nur bei Raketen: bei Flugzeugen, Unterseebooten, Torpedos.«

Nach einer Pause fragte C: »Das ist alles?«

»Das ist alles«, sagte Adams.

C blickte Adams und Lorrimer mit naiver Miene an. »Ich bin enttäuscht. Ich dachte, Sie würden mir mitteilen, daß die Delphine Englisch sprechen.«

»Mr. C«, sagte Lorrimer und wölbte seine Oberlippe, »man darf nicht alles glauben, was die Journalisten behaupten.«

»Es ist also nichts Wahres an diesen Geschichten?«

Lorrimer verzog seine Lippen zu einem Flunsch, wie man das bei einer weniger kultivierten Person genannt hätte. »Gehen Sie zu Dr. Lilly, Mr. C, der wird es Ihnen sagen.«

Er sah auf seine Uhr.

»Ich habe nur noch zwei Fragen zu stellen«, sagte C mit liebenswürdigem Lächeln.

»Aber gern«, sagte Lorrimer, legte den Zeigefinger seiner Rechten auf die Lippen und blickte zur Zimmerdecke.

»Stimmt es, daß sich der Delphin im Wasser auch ohne Sicht ausgezeichnet zurechtfindet?«

»Ich habe davon gehört.«

Es trat Schweigen ein. So ein Lump, dachte C. Er hat davon gehört! …

»Letzte Frage«, sagte C. »Kann der Delphin wirklich zahm werden?«

»Das hängt davon ab, was Sie unter zahm verstehen«, sagte Adams.

»Nun, zum Beispiel, wenn sein Dresseur ihn ins offene Meer ließe und nach ein paar Minuten zurückriefe, käme er wieder?«

»Soviel ich weiß«, sagte Lorrimer, »ist der Versuch noch nicht gewagt worden.«

|42|Er erhob sich.

»Wollen Sie mich entschuldigen, Mr. C, aber ich habe jetzt eine Sitzung und habe mich schon verspätet.«

C stand seinerseits auf.

»Ich habe mich zu entschuldigen. Ich habe Ihre kostbare Zeit schon viel zu lange in Anspruch genommen.«

»David wird Sie zurückbegleiten«, sagte Lorrimer mit dem Anflug eines Lächelns. »Auf Wiedersehen, Mr. C.«

Die Tür ging zu. Der lange weißgetünchte Gang. Adams nahm C am Arm.

»Na«, sagte er und drehte den Kopf nach rechts, »wie finden Sie den Alten?«

»Ein wenig steif.«

»Ihnen gegenüber, wollen Sie sagen?«

»Ja.«

»Er ist jedermann gegenüber steif.« Adams fügte hinzu: »Um Ihnen nichts zu verbergen: er hält Ihre Ermittlungen für unnütz.«

Verletzt richtete C sich auf.

»Weshalb unnütz?«

»Er hat es Ihnen gesagt. Seiner Meinung nach lohnt es nicht einmal die Mühe, unsere Nase in die sowjetische Delphinologie zu stecken. Die Sowjets werden uns niemals einholen.«

»Nehmen wir an«, sagte C, »bei den Russen wäre ein Genie, das die Erforschung der Delphine um einen entscheidenden Schritt vorwärtsbrächte.«

Adams öffnete die Tür des Lifts und ließ C vorausgehen.

»Der Alte würde Ihnen sagen, daß Sie nicht im Bilde sind. Das Zeitalter der Genies, die allein und zufällig sensationelle Entdeckungen machten, ist vorüber. Gegenwärtig erfordert der Fortschritt in den Wissenschaften enorme Investitionen und zahlreiche Forschungsgruppen; anders ausgedrückt: viel Geld. Das Problem ist quantitativ. Das reichste Land wird notwendigerweise die bedeutendsten Entdeckungen machen.«

»Das glauben Sie?«

»Ja.«

»Wenn ich daran glaubte«, sagte C, »brauchte ich nur noch Harakiri zu begehen.«

Adams lachte.

»Nun denn«, fuhr C fort, »ich danke Ihnen, daß Sie mich begleitet |43|haben. Und erlauben Sie mir, daß ich Sie nötigenfalls anrufe, wenn ich eine ergänzende Auskunft brauche?«

»Sehr gern«, sagte Adams und klopfte ihm auf die Schulter.

Als Adams ins Büro zurückkam, stand Lorrimer mit einer lebhaften Bewegung auf und ging ihm entgegen. Er bewahrte sein würdevolles Auftreten, aber weder in seinen Gesichtszügen noch in der Haltung fand sich die Spur von jener Steifheit, die C nicht behagt hatte.

»Na?« fragte er wohlgelaunt. »Wie waren seine Eindrücke?«

»Sie seien ein wenig steif. Ich sei geschmeidiger und zugleich zuvorkommender. Das nächste Mal wird er bei mir anlaufen. – Sehr gefallen hat es mir«, fügte er hinzu, »wie Sie versucht haben, ihn zu überzeugen, daß Ihnen die sowjetische Delphinologie keinerlei Sorge bereite.«

»Ist es mir gelungen?«

»Nein, ich glaube nicht. Es fehlt ihm nicht an Intuition, und er weiß mehr, als er sagt.«

»Stimmt genau. Unser Auskunftsdienst hat mich eben angerufen. Zum ersten: C ist nicht irgendein kleiner Dutzendagent, wie er vorgegeben hat, sondern einer der Chefs des wissenschaftlichen Erkundungsdienstes.«

»Ich fühle mich im nachhinein sehr geehrt«, sagte Adams mit einem winzigen Lächeln.

»Zum zweiten: er hat sein Physikerdiplom von der Universität Yale …«

»Und er hat Fragen über die Wirbelbildung gestellt!«

»Und damit hat er sich meiner Meinung nach verraten. Ein Laie hätte sich den Anschein gegeben, als wisse er Bescheid.«

Es klopfte jemand an die Tür.

»Herein!« rief Lorrimer.

Ein Mann erschien, übergab Lorrimer ein Foto in Großformat und ging wieder.

»Unsere Jungs haben keine Zeit verloren«, sagte Lorrimer. »Sehen Sie hier, David.«

Adams ging um den Schreibtisch herum und beugte sich seinem Chef über die Schulter.

»Ein ausgezeichnetes Foto«, sagte er lachend und fügte nach einer Weile hinzu: »Diesem Puppengesicht dringt die Falschheit aus allen Poren.«

»Na, Sie übertreiben«, sagte Lorrimer. »Es gibt eine Menge |44|Durchschnittsamerikaner, die sich in dieser jovialen Manier gefallen.«

Er warf das noch feuchte Foto auf die Tischplatte.

»Aber so ist das«, sagte er mit einem Seufzer. »Er schmiert uns an, und wir schmieren ihn an. Was für ein Aberwitz!«

»Ich wüßte gern«, sagte Adams, »ob es ihm geglückt ist, sich aus unserem Gespräch etwas herauszufischen.«

»Ich glaube nicht. Aber wir wollen uns vergewissern.«

Er öffnete ein Schubfach, ein Telefon kam zum Vorschein, er nahm den Hörer ab.

»Spielen Sie mir das Band vor. Von Anfang an.«

Er lehnte sich zurück, nahm das Foto und sah es sich von weitem und mit seitwärts geneigtem Kopf an.

»Eine Seuche, diese Bespitzelung zwischen Geheimdiensten! Was für eine Zeitvergeudung! Der arme C, kommt er am Abend nach Hause, muß er durchs Schlüsselloch schauen, um sich dabei zu überraschen, wie er gerade seine Taschen ausleert.«

Adams lachte auf. Im gleichen Augenblick ertönte Mr. Lorrimers Stimme aus einem Wandschrank und bemächtigte sich des Raumes.

»Eine Upmann! Lassen Sie die aus Paris kommen, Mr. C?«

»Sie werden staunen, Mr. Lorrimer, ich bekomme sie direkt aus Havanna.«

»Dann ist unsere Blockade wirkungslos.«

»Das möchte ich nicht sagen. Eine Upmann, Mr. Adams?«

Als das Band abgespielt war, stand Lorrimer auf.

»Nun, David, was halten Sie von unserem Gefasel?«

Adams lächelte.

»Es ist ein Meisterwerk flachgründiger Analyse1

 

Kaum war er aus dem Flugzeug gestiegen, hatte sich die kalifornische Sonne über seine Schädeldecke hergemacht, nackt und schweißtriefend lag er auf dem Bett seines Zimmers im fünfzehnten Stockwerk des Hotels, eintausendfünfhundert gleichartige Zimmer, überall die gleichen plumpen Lampen auf Füßen, welche die Form einer Riesenananas haben, der gleiche Vorhang |45|mit großen gelben und grünen Blüten, das gleiche, durch verschiebbare Spiegel abgeschlossene Bad – wenn man sich duschte, hatte man den Eindruck, ein Fisch in einem Aquarium zu sein –, C schwitzte auf seiner Stahlmatratze, aus Stahl auch die Träger in dem immensen Building zum Schlafen, es war bestürzend, sich den ungeheuren Bienenstock vorzustellen und die nichtigen Menschlein, die sich in jeder Zelle für eine kurze Weile vor dem Tode abstrampelten, jedes in seiner kleinen Grotte für den Schlaf, die Schlaflosigkeit, die Liebe, die Geldsorgen, die Selbstmordpläne, worauf lief das alles hinaus, du lieber Gott, zum Heulen unsinnig war das, C lag schwer auf dem Bett, träge und schweißtriefend, diese Kackidee auch, du lieber Gott, zwei Duschbäder hintereinander zu nehmen, das Wohlbefinden dauerte kaum fünf Minuten, und hernach wurde es viel ärger, er schwitzte, er erstickte, unterdessen aber strich ihm die eisige Luft der Klimaanlage über den Kopf und die noch feuchten Haare, er stand wieder auf, schaltete die Klimaanlage aus und versuchte das Fenster zu öffnen, es ließ sich nicht öffnen, da war keine andere Wahl, Eisluft oder Ersticken, erschöpft warf er sich auf sein Bett, während jeder Nerv vor Anspannung zitterte, der Magen sich dehnte und zusammenkrampfte, der heimtückische, ständige Schmerz bis zur Leber, bis unter die Rippen ausstrahlte, und während er sich, um sich zu massieren, die ...

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