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Ein verheißungsvolles Angebot

Day Leclaire

Ein verheißungsvolles Angebot

1. KAPITEL

Diesmal war seine Familie zu weit gegangen.

Rafe Dante blickte entgeistert auf die vielen jungen Frauen, die seine Familienangehörigen mitgebracht hatten. Er konnte sich schon gar nicht mehr daran erinnern, wie vielen Frauen er gezwungenermaßen die Hand hatte schütteln müssen. Verärgert biss er die Zähne zusammen. Natürlich wusste er genau, warum seine Familie ihm das antat. Sie alle waren darauf aus, eine Frau für ihn zu finden. Nein, mehr als nur eine Frau.

Sie wollten seine Inferno-Seelengefährtin finden – gemäß der alten Dante-Legende, die er für puren Unsinn hielt. Aus irgendeinem Grund glaubte seine Familie fest daran, dass eine Berührung ausreichte, damit zwischen einem Dante und seiner Seelengefährtin eine geheimnisvolle, mythische Verbindung entstand. Das war selbstverständlich glatter Aberglaube. Warum begriffen sie das denn nicht?

Nicht nur, dass er nicht an das Inferno glaubte – er hatte ohnehin kein Interesse daran, noch einmal zu heiraten. Seine erste Ehe mit der verstorbenen Leigh hatte ihm gereicht. Vom selig gehauchten „Ja, ich will“ bis zum zornig hervorgestoßenen „Mein Anwalt meldet sich telefonisch bei dir“ hatte es nicht lange gedauert. Zu diesem Anruf war es dann allerdings nicht mehr gekommen. Vor anderthalb Jahren hatte seine Frau ein Privatflugzeug für einen Flug nach Mexiko gemietet. Sie hatte sich im Urlaub von der schief gelaufenen Ehe erholen wollen, doch dann hatte ein weitaus schlimmeres Schicksal sie ereilt. Das Flugzeug war gegen einen Berg geprallt, und alle Insassen waren bei dem Unglück umgekommen.

Rafes jüngerer Bruder Draco gesellte sich zu ihm. „Na, gibst du endlich deinen Widerstand auf und suchst dir eine aus?“

„Mach keine blöden Witze.“

„Ich meine das völlig ernst.“

Missmutig sah Rafe seinen Bruder an. „Kannst du dir vorstellen, wie schlimm das letzte Vierteljahr für mich gewesen ist?“

„Allerdings. Ich habe das am Rande durchaus alles mitbekommen, falls es dir entgangen ist. Außerdem weiß ich ganz genau, dass ich der Nächste auf der Abschussliste bin, sobald du dem Inferno erliegst. Deswegen ist es mir sogar sehr recht, wenn du dich so lange wie möglich sträubst.“

„Das habe ich auch vor.“

Seufzend blickte Rafe in die Menschenmenge. Auf der internationalen Schmuckpräsentation der Firma Dante gab es alles, was sich ein Mann nur wünschen konnte – Wein, schöne Frauen und Luxus in Form teurer Diamanten. Aber er wollte nichts von alledem.

Der edle Tropfen in seinem Glas stammte von dem kalifornischen Weingut in Sonoma, nur ein paar Autostunden von der Firmenzentrale seiner Familie in San Francisco entfernt. Der Wein war so exquisit wie die Gäste. Die eingeladenen wohlhabenden Frauen hatten eine Strahlkraft, die fast die ausgestellten prachtvollen Brillantringe in den Schatten stellte. Wenigstens der Luxus in Form der ausgestellten Diamanten fiel teilweise in seinen Bereich, weil die wertvollen Stücke meist von Dantes Kurierservice transportiert wurden, für den er tätig war.

Dennoch langweilte Rafe sich furchtbar. Wie oft hatte er schon an solchen Schmuckpräsentationen teilgenommen. Immer wachsam, immer unauffällig die teuren Stücke im Blick. Die geladenen Gäste beachteten ihn, den einsamen Wolf, kaum, bis dann stets irgendwann eines der Familienmitglieder ihm eine potenzielle Braut vorstellte. Das Ganze war schon so oft passiert, dass er gar nicht mehr mitzählte.

Heute wurde die neueste Dante-Kollektion vorgestellt, die „Eternity“ genannt wurde und ausschließlich aus Trauringen bestand, jedes Stück ein Unikat. Die Ringe kombinierten die Feuerdiamanten, für die seine Familie berühmt war, mit dem Platin-Eisgold der Firma Billings, die von Rafes Schwägerin Téa Dante geführt wurde. Es war gerade erst ein Vierteljahr her, dass Téa seinen älteren Bruder Luc geheiratet hatte. Der Anblick all dieser Ringe, die Liebe und Hingabe symbolisierten, erfüllte Rafe mit Bitterkeit.

Das hatte er alles schon hinter sich. Die Wunden waren noch immer nicht verheilt.

Und in diesem Moment sah er sie.

Die kleine blonde Elfe, die zum Catering-Team gehörte, konnte vielleicht nicht den Titel der schönsten Frau auf dieser Veranstaltung für sich verbuchen, aber aus irgendeinem Grund konnte Rafe den Blick nicht von ihr wenden.

Warum gerade sie ihn so faszinierte, konnte er sich nicht erklären. Sicher, sie sah gut aus und schien den Schalk im Nacken zu haben, was sie für ihn schon interessant machte. Aber vielleicht waren es auch ihr Haar und ihre Augen. Ihr Haar war hellblond, in etwa der Farbton des Sandes am Strand einer Karibikinsel. Ihre Augen leuchteten türkis wie die Meereswellen, die an den Strand schlugen. Doch vor allem löste sie ein merkwürdiges Kribbeln in ihm aus, das ihn dazu drängte, ihr näher zu kommen. In jeder Hinsicht.

Elegant, fast tänzerisch, bewegte sie sich durch den Ausstellungsraum. Ja, sie hatte den Körper einer Tänzerin, schlank und geschmeidig, auch wenn sie für diesen Beruf vielleicht ein wenig zu klein war. In ihrem Catering-Kostüm, schwarze Hose und rote Weste, sah sie einfach zum Anbeißen aus.

Schon war sie mit ihrem Tablett voller Cocktailhäppchen in der Menge verschwunden, und für den Bruchteil einer Sekunde war er versucht, ihr nachzugehen. Doch schon ein paar Minuten später tauchte die kleine zierliche Person wieder auf, diesmal mit einem Tablett voller Champagnergläser. Leider bewegte sie sich damit nicht auf ihn zu, sondern ging genau in die entgegengesetzte Richtung.

Das ärgerte Rafe, und um ihr mehr oder weniger „zufällig“ zu begegnen, bewegte er sich ebenfalls in diese Richtung. Doch auf seinem Weg wurde er von Draco aufgehalten, der ihm plötzlich die Hand auf die Schulter legte.

„Was gibt’s denn?“, fragte Rafe verärgert. „Ich habe Durst und wollte mir etwas zu trinken …“

Wissend sah Draco ihn an. „Kommt mir eher so vor, als ob du Hunger hättest. Aber du bist hier in der Öffentlichkeit. Deinen Appetit solltest du lieber bei anderer Gelegenheit stillen.“

„Auf deine weisen Ratschläge habe ich gerade gewartet.“

„Ruhig, Brüderchen, ganz ruhig. Kommt Zeit, kommt Rat.“ Draco wechselte vorsichtshalber das Thema und wies auf eine der Vitrinen. „Sieht so aus, als ob Francescas Trauring-Kollektion ein voller Erfolg wird. Sev muss überglücklich sein.“

Nur widerwillig ließ Rafe sich auf das Gespräch ein. „Wenn er überglücklich ist, dann wohl eher wegen der Geburt seines Sohnes. Aber Francescas Erfolg hier ist sicherlich eine nette Dreingabe.“

Verschwörerisch senkte Draco den Kopf. „Erzähl mal“, raunte er seinem Bruder zu, „wie viele Heiratskandidatinnen haben unsere lieben Großeltern dir heute schon vorgestellt?“

„Ein ganzes Dutzend, ob du’s glaubst oder nicht. Und jeder musste ich die Hand geben. Sie scheinen zu erwarten, dass ich vor elektrischer Spannung hell erstrahle, wenn ich die Richtige berühre.“

„Selber schuld. Du hättest Luc niemals erzählen dürfen, dass du bei Leigh nie das Inferno verspürt hast. Jetzt ist natürlich die ganze Familie wild darauf, dir endlich die Richtige vorzustellen.“

Rafe ärgerte, dass fast alle aus seiner Verwandtschaft an die Familienlegende glaubten. Er sah das ganz anders.

Es gab kein Inferno.

Der Legende nach wurde ein ewiger Bund geschlossen, wenn ein Dante zum ersten Mal die ihm vorherbestimmte Seelengefährtin berührte. Was für ein himmelschreiender Blödsinn! Das war ja so, als ob die Trauringe aus der Eternity-Kollektion den Käufern eine immerwährende glückliche Ehe garantieren würden. Manche Paare hatten Glück, so wie seine Großeltern Primo und Nonna. Und manche eben nicht. So wie er. Die Ehe mit seiner verstorbenen Frau Leigh war die reinste Katastrophe gewesen.

Nachdenklich musterte Rafe seinen älteren Brüder Luc und dessen Frau Téa. Sie tanzten, schwebten geradezu, und wenn sie einander in die Augen sahen, schien für sie nichts anderes auf der Welt mehr zu existieren. Ihre Gesichtszüge strahlten das vollkommene Glück aus. Verflixt noch mal, dachte Rafe, selbst wenn Leigh und ich mitten im leidenschaftlichsten Sex waren, haben wir uns nie so verliebt angesehen. Nie.

Vielleicht war es auch ein bisschen meine Schuld, ging es ihm durch den Kopf. Die Frauen, mit denen ich zusammen war, haben mir immer das Gleiche vorgeworfen. Dass ich die Eigenschaften, die ich fürs Berufsleben brauche – praktisches Denken, kalte Logik – auch privat nicht abstellen kann. Sicher, er sah blendend aus, wie alle Dantes, und auch über seine feurige Leidenschaft im Bett hatte sich noch niemand beklagt. Aber Sex war eben nicht alles. Die Frauen – alle Frauen – bemängelten an ihm, dass er kaum Gefühle zeigte, abwesend und unzugänglich war. Und manch eine hatte ihm sogar schaudernd gestanden, dass er sie einschüchterte, ihr vielleicht sogar ein wenig Angst machte.

Sie alle hatten eines nicht verstanden: Die Liebe oder das, was man so Liebe nannte, war nicht sein Ding. Seine verstorbene Frau Leigh hatte ihn eigentlich nur geheiratet, weil er ein reicher und mächtiger Dante war. Die Frauen, die eine Affäre mit ihm wollten, suchten nur ihren Spaß. Wenn man das Liebe nannte – nein, danke. Und diese Inferno-Liebe, diese allumfassende Glückseligkeit, von der ihm seine Verwandten vorschwärmten, ging schon mal gar nicht. Nicht für ihn.

Rafe wusste schließlich am besten, wie er war. Wie er tickte. Eines war ihm sonnenklar: Er hatte diese Inferno-Liebe nie erlebt und würde sie auch nie erleben. Und das war ihm nur recht so.

„Schon als mir die ersten potenziellen Bräute vorgestellt wurden, hat es mich genervt“, gestand er seinem Bruder. „Aber weil die Vorschläge damals nur von Nonna und Primo kamen, konnte ich nicht viel dagegen sagen. Inzwischen fühlen sich aber alle Familienmitglieder bemüßigt, mir bildhübsche junge Frauen vorzustellen. Das geht tagtäglich so.“

„Ein Schicksal schlimmer als der Tod“, kommentierte Draco ironisch und gab jemandem hinter Rafes Rücken ein Handzeichen.

„Mach dich nur über mich lustig! Wärst du an meiner Stelle, dann würdest du es auch so sehen.“

„Bin ich aber nicht.“ Draco griff hinter Rafe und hielt plötzlich ein Champagnerglas in der Hand. „Möchtest du auch einen?“

„Klar.“

„Heute ist dein Glückstag. Die Dame mit dem Tablett steht direkt hinter dir.“ Er lächelte vielsagend. „Und sag bloß nicht, dass ich dir nie einen Gefallen tue.“

Zunächst verstand Rafe nicht, was sein Bruder meinte. Doch als er sich umdrehte, um sich ein Glas zu nehmen, stand seine blonde Elfe da. Aus nächster Nähe sah sie noch hübscher aus.

Er prostete ihr mit dem Champagnerglas zu. „Danke.“

Als sie ihn anlächelte, ging ihm das Herz auf. „Nichts zu danken.“ Selbst ihre sinnliche, melodiöse Stimme begeisterte ihn.

Draco verfolgte die Szene amüsiert. „Es gäbe schon Mittel und Wege, damit die Verwandten dich nicht mehr mit Vorschlägen nerven.“

„Raus damit!“

Draco lächelte. „Du musst einfach deine Inferno-Braut finden.“

„Du blöder …“ Rafe sparte sich den letzten Teil des Satzes. „Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich nie wieder heiraten werde. Nicht nach der Katastrophe, die ich mit Leigh erlebt habe.“

In diesem Moment zuckte seine hübsche Elfe zusammen, und die Gläser auf ihrem Tablett berührten sich und begannen zu klirren. Fast gelang es ihr, das Tablett wieder gerade zu halten, doch dann entglitt es ihr doch noch, und alles fiel zu Boden.

Instinktiv packte Rafe die Kellnerin bei der Hüfte und zog sie von dem Gemisch aus Champagner und feinen Glassplittern am Boden fort. Als er sie berührte, durchzuckte es ihn heiß, und er hatte Visionen nackter Körper im Mondschein.

Blitzschnell verscheuchte er diese Gedanken. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte er besorgt.

Verwirrt nickte sie. „Ich glaube schon.“

Als sie ihn ansah, versank er regelrecht in ihren türkisfarbenen Augen. In ihrem Blick erkannte er Zerknirschung und merkwürdigerweise auch einen Anflug von Panik. Aber leider nichts von der Leidenschaft, die er soeben verspürt hatte. Wie schade.

„Das tut mir so leid“, sagte sie. „Ich wollte nur einen Schritt zurücktreten, und dabei ist es passiert.“

„Aber Sie haben sich nicht am Glas geschnitten, oder?“

„Nein“, antwortete sie aufseufzend. „Ich kann mich wirklich nur entschuldigen. Ich mache das gleich weg.“

Doch bevor sie damit beginnen konnte, kam ein Mann aus der Catering-Truppe auf sie zugeeilt. Er war offenbar ihr Vorgesetzter, denn schnell winkte er noch eine zweite Kellnerin heran, und gemeinsam beseitigten die beiden Frauen die Glassplitter. Anschließend schob er die blonde Elfe zu Rafe hinüber.

„Larkin, möchtest du Mr. Dante nicht etwas sagen?“, fragte er fordernd.

„Ich möchte mich nochmals für die Unannehmlichkeiten entschuldigen, die ich Ihnen bereitet habe“, erklärte sie.

Rafe lächelte erst sie an, dann ihren Chef. „Kein Problem, so etwas kann passieren. Und in diesem Fall war es außerdem ganz allein meine Schuld. Ich habe Larkin versehentlich angestoßen, nur deshalb ist das Ganze passiert.“

Rafe hatte keinen Zweifel daran, dass der Vorgesetzte ihm die Geschichte abkaufte, doch plötzlich stieß Larkin hervor: „Nein, nein, es war mein Fehler. Mr. Dante trifft keine Schuld.“

Ihr Chef seufzte. „Verstehe. Ihr Verhalten ist sehr ehrenwert, Mr. Dante, und ich danke Ihnen dafür. Larkin, bitte gehen Sie in die Küche und warten Sie dort auf mich.“

„Sehr wohl, Mr. Barney.“

Gesenkten Hauptes ging sie davon. „Sie werden sie entlassen?“, fragte Rafe den Vorgesetzten.

„Glauben Sie mir, ich wünschte, ich müsste es nicht tun. Aber mein Chef hat für die Angestellten sehr strenge Regeln aufgestellt. Wenn bei unseren Premium-Kunden etwas schiefgeht, gibt es keine zweite Chance.“

„Und die Dantes stehen auf der Liste Ihrer Premium-Kunden?“

Barney räusperte sich. „Jawohl. Ganz oben.“

„Verstehe.“

„Es ist wirklich ein Jammer, sie ist die netteste Kellnerin, die wir haben. Seien Sie versichert, wenn es nach mir ginge …“

Rafe zog eine Augenbraue hoch. „Könnten wir den ganzen Vorfall nicht einfach vergessen?“

„Von mir aus sofort“, antwortete Barney. „Aber es gab zu viele Zeugen. Und nicht alle unsere Angestellten sind so nett und liebenswert wie Larkin. Wenn ich ein Auge zudrücke, kommt es heraus, darauf wette ich. Und dann ist nicht nur Larkin ihren Job los … Ich auch.“

„Verstehe. Und wenn sie es zugelassen hätte, dass ich die Schuld auf mich nehme …“

„Ja, dann sähe die Sache anders aus. Aber Larkin ist nun mal grundehrlich und anständig.“

„So was gibt es heutzutage selten.“

„Allerdings. Leider.“ Barney seufzte erneut. „Mr. Dante, wenn ich sonst noch etwas für Sie oder Ihre Familie tun kann …“

„Dann gebe ich Ihnen Bescheid.“

Die beiden Männer gaben einander die Hand, und anschließend verschwand Barney in Richtung Küche. Sicher, um Larkin die Kündigung auszusprechen. Rafe runzelte die Stirn. Vielleicht sollte ich hinterhergehen und mich für sie einsetzen, dachte er. Oder noch besser – ich verschaffe ihr einen neuen Job. Dante ist eine große Firma mit vielen verschiedenen Abteilungen. Da muss es doch irgendwas für sie geben. Wozu bin ich überhaupt der Chef von Dantes Kurier- und Transportservice? Zur Not kann ich einfach eine neue Planstelle schaffen. Jeden Morgen im Büro von Larkins sonnigem Lächeln begrüßt zu werden – das wäre doch gar nicht übel.

Draco trat auf ihn zu. „Na, hast du schon über meinen Vorschlag nachgedacht?“

Rafe sah ihn verständnislos an. „Welchen Vorschlag?“

„Hast du mir vorhin denn überhaupt nicht zugehört?“

„Wozu? Deine tollen Vorschläge bringen mir meistens doch nur Ärger ein.“

„Dieser nicht. Du musst einfach deine Inferno-Braut finden, und schon lassen dich alle in Ruhe.“

Rafe schüttelte den Kopf. „Offenbar hörst du mir auch nicht zu. Ich habe dir schon tausendmal gesagt, dass ich nach der Katastrophe mit Leigh nie wieder heiraten will.“

„Wer hat denn was von heiraten gesagt?“

In Rafe erwachte die Neugier. „Raus mit der Sprache! Erklär mir, was du meinst.“

„Ich habe dich eigentlich immer für ein schlaues Kerlchen gehalten, aber manchmal kannst du ganz schön begriffsstutzig sein. Na schön, jetzt zum Mitschreiben: Finde eine Frau und erzähle allen in der Verwandtschaft, dass das Inferno zugeschlagen hat. Behalte diesen Eindruck ein paar Monate aufrecht. Du und die Frau, ihr müsst so tun, als wärt ihr wahnsinnig verliebt.“

„Ich spiele doch nicht den liebeskranken Deppen.“

„Doch, das tust du – weil du anschließend deine Ruhe hast. Nach einer kurzen Verlobungszeit soll sie dir den Laufpass geben. Du versüßt ihr den Abschied mit einer Stange Geld – so viel, dass sie möglichst weit weg ziehen kann.“

„Du hast ja schon immer ausgesprochen dumme Ideen gehabt, aber das ist ja wohl das Hirnrissigste, was …“ Plötzlich hielt Rafe inne und blickte in Richtung Küche. „Hm …“

„Sprich dich ruhig aus“, forderte Draco ihn auf.

„Ich glaube, ich hab eine Idee.“

„Nur raus damit.“

Rafe sah seinen Bruder warnend an. „Wenn du darüber auch nur ein Wort verrätst …“

„Machst du Witze? Nonna und Primo würden mich umbringen. Und unsere Eltern auch.“

„Dich? Sie würden dich umbringen?“

„Natürlich mich. Dir traut doch niemand einen so schlauen Plan zu.“

„Schlau ist wohl nicht ganz das richtige Wort. Hinterhältig und durchtrieben, würde ich sagen.“

„Einigen wir uns auf teuflisch raffiniert.“

„Na schön, wenn’s dich glücklich macht. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss mir meine Inferno-Braut suchen.“

Schnurstracks ging Rafe in die Küche und bekam gerade noch mit, wie Larkin ein Bündel Geldscheine ablehnte, das Barney ihr aufdrängen wollte. „Lassen Sie nur, Mr. Barney, ich komme schon zurecht.“

„Jetzt stellen Sie sich nicht so an. Sie müssen schließlich Ihre Miete zahlen.“ Schnell stopfte er ihr das Geld in die Tasche ihrer Weste und umarmte sie. „Wir werden Sie vermissen, Kindchen.“

Nachdem auch die anderen Kellnerinnen sie zum Abschied umarmt hatten, ging Larkin auf die Ausgangstür zu. Rafe sah die Tränen in ihren Augen und hätte sie am liebsten tröstend in den Arm genommen.

„Larkin“, sagte er, „könnte ich Sie für einen Augenblick sprechen?“

Überrascht sah sie ihn an. „Selbstverständlich, Mr. Dante.“

„Gibt es irgendein Problem?“, wollte sie wissen, während er sie auf den Flur hinausführte. „Ich hoffe, Sie geben Mr. Barney nicht die Schuld für meinen Fehler. Er hat mich gefeuert, wenn Sie das beruhigt.“

„Um Himmels willen, mir ist die ganze Angelegenheit mindestens genauso unangenehm wie Ihnen. Nein, ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen.“

Sie durchquerten mehrere Gänge, bis sie in sein Büro kamen. „Bitte setzen Sie sich doch. Möchten Sie etwas trinken?“

Einen Moment lang zögerte sie, dann lachte sie auf. „Ich weiß, ich sollte jetzt dankend ablehnen. Aber ein Wasser wäre nicht schlecht.“

„Wasser? Kommt sofort.“

Er füllte zwei Gläser mit Mineralwasser, fügte einige Eiswürfel hinzu und setzte sich zu ihr auf die Couch. Das ist vielleicht ein Fehler, schoss es ihm im gleichen Moment durch den Kopf. Ihr so nahe zu sein – das macht mich ganz nervös.

„Tut mir wirklich leid, dass Sie Ihren Job verloren haben“, sagte er so geschäftsmäßig wie möglich. „Ich finde es ganz schön hart, jemanden wegen so einer Lappalie zu feuern.“

„Normalerweise werde ich bei den Premium-Kunden gar nicht eingesetzt. Das war mein erstes Mal.“ Ein gequältes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Und mein letztes.“

„Meinen Sie nicht, dass die Catering-Firma Ihnen noch eine Chance gibt – bei den weniger wichtigen Kunden?“

„Wohl kaum“, antwortete sie seufzend. „Die Frau, die für diese Aufträge zuständig ist, mag mich nicht besonders.“

„Wie kommt das? Sie scheinen mir doch eine liebenswerte Person zu sein, wenn ich das so sagen darf.“

„Ich möchte lieber nicht darüber reden.“

Wenn ich sie engagieren will, muss ich so viel wie möglich über sie wissen, dachte er. Vor allem, ob sie ein Problem damit hat, Anweisungen zu folgen. „Ach, kommen Sie. Mir können Sie’s doch sagen.“

„Na schön. Ihr Freund arbeitet auch in der Bedienung, und …“

„Und?“

„Er hat mich angebaggert“, gab Larkin widerstrebend zu.

„Haben Sie ihn dazu ermutigt?“

Zu seinem Erstaunen reagierte sie nicht beleidigt, sondern lachte auf. „JD braucht man nicht zu ermutigen. Der macht sich an jede Frau ran, die nicht bei drei auf den Bäumen ist. Ich kann nur hoffen, dass Britt ihn endlich auch bald durchschaut. Sie hat einen Besseren verdient.“

Rafe war verblüfft. „Sie machen sich ja mehr Sorgen über Ihre Ex-Chefin als über Ihren Job.“

„Ach, irgendwas werde ich schon finden, und wenn ich irgendwo Geschirr spülen muss“, erklärte Larkin sachlich. „Aber Britt ist wirklich nett – wenn sie nicht gerade fuchsteufelswild ist, weil JD mit jemand anders flirtet. Ich bin einfach nur zwischen die Fronten geraten.“

„Und was werden Sie jetzt tun?“

Zum ersten Mal wirkte sie besorgt. „Es wird sich schon was finden.“

„Barney erwähnte die Miete …“

„Ja, ich bin mit der Zahlung ein bisschen in Verzug“, erwiderte sie. „Aber mit dem, was er mir heute mitgegeben hat …“

„Auf jeden Fall brauchen Sie einen neuen Job.“

Schelmisch neigte sie den Kopf zur Seite. „Sie brauchen nicht zufällig gerade jemanden?“

Ihre Direktheit imponierte ihm. „Vielleicht hätte ich etwas für Sie“, sagte er vorsichtig. „Ich müsste Ihnen allerdings vorher ein paar Fragen stellen. Geht das in Ordnung?“

Ihm fiel auf, dass sie einen Moment lang zögerte, dann nickte sie. „Fragen Sie ruhig!“

Dieses Zögern, so kurz es auch gewesen war, verunsicherte ihn. Von Frauen, die die Unschuld mimten und in Wahrheit nur auf Geld aus waren, hatte er die Nase voll. Mit denen wollte er keine Geschäfte machen. „Na schön. Ihr voller Name?“

„Larkin Anne Thatcher.“

Unaufgefordert nannte sie ihm ihr Geburtsdatum und ihre Sozialversicherungsnummer. Per SMS schickte er die Daten zur Überprüfung an Juice, einen früheren Mitarbeiter seines Bruders aus der Security-Branche. Er hätte zwar auch Luc bitten können, aber das konnte unangenehme Fragen aufwerfen, wenn er Larkin später als seine Inferno-Braut präsentierte.

„Haben Sie schon mal im Gefängnis gesessen?“, setzte er seine Befragung fort.

Larkin schüttelte den Kopf. „Nein, nie.“

„Wie steht’s mit Drogen?“

„Niemals“, antwortete sie ein bisschen empört. „Aber selbstverständlich bin ich bereit, mich einem Test zu unterziehen, wenn Sie das wünschen.“

„Danke, nicht nötig. Ihre finanzielle Situation? Schulden, Insolvenz?“

„Ich bin immer gerade so zurechtgekommen.“

„Gesundheitliche Probleme?“

„Alles in Ordnung.“

„Schön. Dann zu Ihrem beruflichen Werdegang. Wo haben Sie bisher gearbeitet?“

„Wie viel Zeit haben Sie denn?“, fragte sie lächelnd.

„So viele Jobs?“

„Allerdings. In den verschiedensten Bereichen.“

„Wie kommt das?“, fragte Rafe misstrauisch.

Wieder zögerte sie einen Moment, aber sie schien nichts zu verbergen zu haben. „Ich habe immer das Richtige gesucht.“

„Aber es war noch nicht dabei?“

„Genau.“ Sie war erleichtert, dass er dafür Verständnis zu haben schien.

„Den Traumjob kann ich Ihnen leider auch nicht versprechen. Aber vielleicht hätte ich etwas für Sie … allerdings befristet.“

„Das ist vollkommen in Ordnung.“ Sie schien darüber sogar erleichtert zu sein.

„Wollen Sie denn nicht in unserem schönen San Francisco bleiben?“ Er fragte das so beiläufig wie möglich. So attraktiv er sie auch fand – es passte ganz gut in seinen Plan, wenn sie in ein paar Monaten fortzog.

„Das weiß ich noch nicht. Sie müssen wissen, ich suche jemanden, und er könnte unter Umständen in der Stadt sein.“

„Er?“ Das passte ihm nicht gut ins Konzept. „Ein Exfreund?“

„Nein, nein, nichts in der Richtung.“

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