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Ein verhängnisvolles Angebot

1. KAPITEL

Lauryn Lowes war die perfekte Ehefrau für ihn, weil er sie nicht liebte und sich nicht einmal zu ihr hingezogen fühlte.

Tatsache war, dass Adam Garrison sie kaum kannte. Die zweiwöchentlichen Treffen seit sieben Monaten – seit sie also angefangen hatte, für ihn zu arbeiten – ließen kaum genug Zeit für ein persönlicheres Gespräch. Lauryn arbeitete tagsüber, wenn der Klub geschlossen war, und Adam nachts, wenn Gäste in das „Estate“ strömten. Im Grunde wusste er über Lauryn nur, was er in ihren Bewerbungsunterlagen gelesen hatte.

Als es an der Tür klopfte, blickte Adam auf. Gleich darauf betrat ebenjene Frau sein Büro, über die er gerade nachgedacht hatte.

„Sie wollten mich sprechen?“

„Kommen Sie herein, Lauryn. Machen Sie die Tür zu, und setzen Sie sich.“

Sie folgte seiner Aufforderung und nahm auf dem Besuchersessel Platz. Adam lehnte sich zurück und musterte sie eingehend. Lauryn sah nicht schlecht aus – vielleicht ein wenig farblos. Sie trug kein Make-up, und das hellblonde Haar trug sie immer hochgesteckt. Was ihre Arbeit anging, so hatte sie sich als intelligent und selbstständig erwiesen. Sonst hätte es auch keinen Grund gegeben, ihr die Bücher seines äußerst lukrativen Nachtklubs anzuvertrauen.

„Stimmt etwas nicht? Heute ist nicht unser gewohnter Tag.“ Lauryn schob ihre schmale Brille höher und strich dann mit den schlanken, ringlosen Händen den knielangen Rock ihres marineblauen Kostüms glatt.

Bis jetzt waren ihm ihre Hände noch nie aufgefallen. Die kurzen blassen Fingernägel unterschieden sich stark von den auffällig lackierten Nägeln der Frauen aus seinem Bekanntenkreis. Abgesehen von einer Maniküre bräuchte Lauryn auch eine neue Garderobe, wenn Adams Plan funktionieren sollte. Am besten wäre eine völlige Umwandlung.

Es gab viele Frauen, die ihm gern helfen würden, aber keine kam für diese besondere Aufgabe infrage. Der Wirtschaftsausschuss hielt ihn für einen Playboy, und wenn er sein Image ändern wollte, musste Adam anderen Umgang pflegen. Genau aus diesem Grund war Lauryn perfekt geeignet: Sie war alles andere als ein Partygirl.

Unruhig bewegte Lauryn sich auf dem Sessel. Da fiel Adam auf, dass er ihr noch nicht geantwortet hatte. Das gehörte zu den Eigenschaften, die er an ihr bewunderte: Sie brachte es fertig, ruhig zu bleiben, statt ihm mit endlosem Gerede auf die Nerven zu gehen.

„Nein, alles ist in Ordnung, Lauryn. Tatsächlich möchte ich Ihnen vielmehr eine Gehaltserhöhung und eine Art … Beförderung anbieten.“ Er unterstrich seine Worte mit einem, wie er hoffte, ermutigenden Lächeln. Ob er damit sich oder ihr Mut machen wollte, war ihm nicht klar.

Denn er war ganz und gar nicht begeistert von seinem Plan. Schließlich war Adam erst dreißig Jahre alt, und das Junggesellendasein gefiel ihm. Andererseits sah er nur diese eine Möglichkeit, seine Ziele zu erreichen.

Er wollte stärker am Familienunternehmen beteiligt werden. Und das ging nur auf eine Weise, wenn er seine zwei älteren Brüder nicht anders dazu bewegen konnte – er musste sich ihren Respekt verdienen. Nachdem sein Vater unerwartet im Juni verstorben war, hatte sich vieles geändert. Aber jetzt war schon November und weder Parker noch Stephen hatten Adam größere Verantwortung in der Garrison Incorporated übertragen. Sie nahmen ihn einfach nicht ernst, und die Enttäuschung darüber setzte ihm zu.

Lauryn runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht ganz. Ich bin doch die einzige Buchhalterin fürs Estate. Wie kann ich da befördert werden? Haben Sie vor, eine Assistentin für mich einzustellen? Ich versichere Ihnen, Mr. Garrison, dass ich das Arbeitspensum gut allein bewältigen kann und keine Hilfe brauche.“

„Adam“, verbesserte er sie – nicht zum ersten Mal. Sie konnte sich in seiner Nähe anscheinend nicht entspannen. Irgendwie schien sie immer nervös zu sein, und er verstand nicht, warum. Denn er war allgemein beliebt, und zwar besonders bei Frauen. Es hieß, dass der Klub seinen Erfolg vor allem Adams Charme zu verdanken hatte. Er ging gut mit Menschen um und gab seinen Gästen das Gefühl, willkommen zu sein, sodass sie gern wiederkamen.

„Der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses setzt sich nächstes Jahr zur Ruhe. Wie Sie vielleicht gehört haben, handelt es sich bei den Mitgliedern des Ausschusses um einen ziemlich konservativen Haufen.“

Sie nickte.

„Seit einigen Jahren bin ich auch Mitglied. Nur ist der Ausschuss leider nicht bereit, einen ledigen Mann als Vorsitzenden zu akzeptieren, besonders wenn er einen derart skandalösen Nachtklub besitzt wie ich. Dabei spielen sonstige Qualifikationen keine Rolle.“

„Sie meinen, Sie möchten sich zur Wahl stellen?“

Ihr überraschter Tonfall wirkte auf Adam, als würde ihm jemand Salz in die Wunde streuen. „Ja. Und der einzige Weg, überhaupt eine reelle Chance bei dieser Wahl zu haben, ist, der solide, vertrauenswürdige Mann zu werden, den der Ausschuss sich wünscht. Ich gebe das Estate auf keinen Fall auf. Und das bedeutet, dass ich mir eine Ehefrau zulegen muss.“

Tiefe Verwirrung spiegelte sich auf ihrem Gesicht. „Was hat das alles mit mir zu tun?“

„Sie sind die perfekte Kandidatin.“

Sie blinzelte verblüfft, dann ein zweites und schließlich ein drittes Mal. „Um Ihre Frau zu werden?“

„Ja.“

Abrupt lehnte sie sich auf dem Sessel zurück, und ihre Haltung wirkte nun sogar noch steifer und abweisender als üblich. Gleich darauf lächelte Lauryn unsicher. „Sie … Das war ein Scherz. Nicht wahr?“

Hübsche Lippen, dachte Adam. Blassrosa, kein Lippenstift, kein Kollagen. Sehr natürlich. Und genau das passte auch zu Lauryn. Sie war so natürlich. Schade eigentlich, dass sich das ändern musste.

„Nein.“ Er beugte sich vor und zog aus dem Stapel auf seinem Schreibtisch einen Ordner hervor. „Brandon Washington – Sie haben meinen Anwalt ja kennengelernt – hat die nötigen Dokumente aufgesetzt. Ich werde Ihnen fünfhunderttausend Dollar pro Jahr zahlen, zuzüglich aller Lebenshaltungskosten, solange sie sich in angemessenen Grenzen bewegen. Nach zwei Jahren lassen wir uns still und ohne Aufsehen scheiden. Es gibt einen Ehevertrag. Was Ihnen gehört, bleibt Ihres, einschließlich aller Geschenke, die ich Ihnen mache. Was mir gehört, bleibt bei mir.“

Nachdem Adam die Papiere aus dem Ordner genommen hatte, schob er sie über die polierte Holzfläche. Lauryn ignorierte die Unterlagen. „Ein Anwalt Ihrer Wahl kann natürlich gern vorher den Vertrag mit Ihnen durchgehen.“

Sie umfasste die Armlehnen des Sessels so fest, als hätte sie Angst herunterzufallen. Fassungslos sah Lauryn auf den Schreibtisch. „Sie erwarten tatsächlich von mir, dass ich dieser … diesem Vorschlag zustimme?“

„Sie erhalten eine Million Dollar und müssen zwei Jahre lang nichts tun. Warum sollten Sie nicht zustimmen?“

„Weil ich Sie nicht liebe.“

Zwar hatte er nicht erwartet, dass sie zögerte. Er zuckte die Achseln. Ihm fielen mindestens ein Dutzend Frauen ein, die diese einmalige Gelegenheit ohne ein weiteres Wort beim Schopf ergreifen würden … Allerdings gehörten diese Frauen auch nicht zum Typ Frau, den er brauchte.

„Ich liebe Sie auch nicht, aber mein Vorschlag ist für uns beide von großem Vorteil und außerdem eine vernünftige Geschäftsentscheidung. Sie werden in meine Wohnung ziehen, und ich kaufe Ihnen einen neuen Wagen. Am besten einen etwas größeren, um den Eindruck zu vermitteln, dass wir bald planen, eine Familie zu gründen.“

Erschrocken zog sie die Augenbrauen hoch. „Eine Familie?“

„Natürlich nicht in Wirklichkeit. Wir werden vor den anderen nur so tun als ob. Wir schauspielern.“

„Schauspielern?“, wiederholte sie.

Bisher hatte ihn vor allem Lauryns schnelle Auffassungsgabe beeindruckt. Im Moment schien sie die jedoch verloren zu haben. Adam bemühte sich, seine Ungeduld im Zaum zu halten. „Wir wollen den Eindruck häuslichen Glücks vermitteln, Lauryn. Damit mich alle für einen soliden Familienmenschen halten, der fest verwurzelt ist in seiner Gemeinde.“

Sie schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid. Irgendwie ist das zu viel für mich. Sie bitten mich im Ernst, Sie zu heiraten?“

„Ja.“

„Mr. Garrison … Adam …“ Sie zwang sich zu einem müden Lächeln. „Ich bin nicht die richtige Frau für eine solche … Position.“

„Ich denke schon. Sie sind selbstsicher, redegewandt und konservativ. Sie sind genau das, was … genau die Person, die ich brauche, Lauryn.“

Obwohl sie bei seinen Komplimenten errötete, blieb ihre Haltung angespannt. Lauryn biss sich auf die Unterlippe und stand auf, die Arme so fest um sich geschlungen, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

„Ihr … Antrag schmeichelt mir sehr, aber ich fürchte, ich muss ablehnen.“

„Lauryn …“

Ihr schien ein erschreckender Gedanke zu kommen. „Meine Weigerung wird mich doch nicht meinen Job kosten, oder?“

„Natürlich nicht. Für was für einen Mistkerl halten Sie mich denn? Aber wenn Sie mich heiraten, werden Sie zu sehr mit dem beschäftigt sein, was man in der schicken Gesellschaft von South Beach halt so tut, um vierzig Stunden in der Woche arbeiten zu können.“

Impulsiv stand er auf und ging um den Schreibtisch, um ihr näher zu sein. Nur wenige Zentimeter vor ihr blieb Adam stehen. Es war das erste Mal, dass ihm ihr Duft auffiel. Es war das Aroma wie das der nachtblühenden Kletterpflanze auf der Terrasse seines Nachbarn, nur noch würziger, verführerischer. „Sehen Sie es als eine Art zweijährigen bezahlten Urlaub an. Sie verwöhnen sich, gehen shoppen …“

„Aber ich arbeite gern. Es tut mir leid, aber nein danke. Sicher werden Sie jemand anders finden …“

„Ich will niemand anders. Ich will Sie.“

Der herrische Ton ließ Lauryn aufhorchen. Sie hob unwillkürlich die Hand, um wieder die Brille hochzuschieben. In diesem Augenblick kam Adam ihr zuvor und berührte ihre Hand. Unerwartet verspürte er eine Art Funke, was er sich damit erklärte, dass er gerade einer Angestellten zu nahekam. In Zeiten, in denen Prozesse geführt wurden, konnte man nicht vorsichtig genug sein.

Behutsam nahm er ihr mit der anderen Hand die Brille ab. Ihre Augen waren bemerkenswert, heller als das Grün der Oliven und dunkler als Gras. Im Grunde hatte ihre Iris genau den gleichen Ton wie das Meer vor Miamis Küsten.

Adam musste schlucken, sein Puls beschleunigte sich. Weil so viel auf dem Spiel steht, sagte er sich. Auf keinen Fall fühlte er sich zu seiner mausgrauen Buchhalterin hingezogen. Dass er sie allerdings auch nicht abstoßend fand, war schon mal ganz gut. Oder könnte es sein …

„Ich wäre ein guter Ehemann.“ Seine Stimme klang heiserer als beabsichtigt. Er räusperte sich, bevor er weitersprach. „Ich garantiere Ihnen, es wird Ihnen gefallen.“

Es dauerte einen Moment, bevor sie ihn verstand. „Wollen Sie damit sagen, dass wir zusammen schlafen würden?“

„Vielleicht nicht unbedingt schlafen. Ich habe gern etwas Privatsphäre. Ein Arbeitszimmer in meinem Haus können wir zu einem Schlafzimmer für Sie umbauen. Um den Schein zu wahren, müssen wir allerdings so tun, als wäre es in jeder Hinsicht eine normale Ehe.“

„Sie würden also Sex erwarten.“

Es klang nicht so, als würde ihr der Gedanke gefallen, was Adams Stolz verletzte. Er war ein guter Liebhaber. Keine Frau hatte sich bis jetzt bei ihm beschwert. „Selbstverständlich. Wir werden zwei Jahre zusammen sein. Das wäre eine sehr lange Zeit der Enthaltsamkeit. Fremdgehen kann ich nicht, weil das dem Zweck unserer Verbindung entgegenstehen und ich mich unglaubwürdig machen würde.“

Lauryn starrte ihn volle zehn Sekunden an, bevor sie reagierte. Abrupt entzog sie Adam ihre Hand, entriss ihm ihre Brille und wich zur Tür zurück. „Nein. Das kann ich nicht. Das tue ich nicht.“

Sie wies ihn ab? Wann hatte eine Frau ihn je zurückgewiesen? Adam hatte sie meistens nicht einmal aufzufordern brauchen. Gewöhnlich hob er vielsagend eine Augenbraue, und die Auserwählte für jenen Abend kam auf ihn zugerauscht und tat, was er wünschte – was immer es auch war.

Irgendwie musste er Lauryn umstimmen. Sie war die Richtige für den Job. Nicht zuletzt war sie klug genug, um sich der Sache gewachsen zu zeigen. Außerdem hatte er zu wenig Zeit, um nach einer anderen Kandidatin zu suchen. Schon in sechs Monaten wurde die Bewerberliste für den Vorstand des Wirtschaftsausschusses festgelegt. Was bedeutete, dass Adam sich schnell entscheiden und Beständigkeit beweisen musste.

„Nennen Sie mir Ihren Preis, Lauryn.“

„Ich habe keinen Preis. Und ich glaube, ich gehe jetzt besser.“

„Ich rufe Sie morgen an.“

„Nein, Mr. Garrison. Rufen Sie nicht an. Nicht wegen … dieser Angelegenheit.“

Diese Angelegenheit, wie sie es nannte, lief ganz und gar nicht gut. „Abgesehen vom Geld, denken Sie doch an die Vorteile …“

„Die es hat, meinen Körper zu verkaufen?“

„… meine Frau zu sein. Sie wären eine Garrison von Miami. Unzählige Türen werden sich für Sie öffnen.“

Wütend atmete sie aus. „Nichts könnte mir weniger wichtig sein, als in den schicksten Nachtklubs freien Eintritt zu erhalten. Ich bin nicht einmal mehr wach, wenn sie öffnen.“

Mit leicht zur Seite geneigtem Kopf, als würde sie Adam zum ersten Mal richtig sehen und müsste ihn etwas gründlicher mustern, sah sie ihn an. Ihm fiel an ihrem Hals auf, wie schnell ihr Puls ging. Ihre Haut sah zart aus, weder sonnengebräunt noch mit Make-up verschmiert. Ob sie überall so blass war?

„Ich nehme an, es liegt am Reichtum und am Einfluss Ihrer Familie, dass Sie glauben, Sie könnten jeden und alles kaufen. Wie zum Beispiel eine Frau oder den wichtigsten Posten im Ausschuss.“

Nur mühsam unterdrückte er einen Fluch. „Lauryn …“

Sie hob eine Hand. „Sie hören jetzt besser auf, bevor es sich zu regelrechtem Mobbing auswächst. Ihr Anwalt wird Sie sicher davor gewarnt haben.“

Oh ja, Brandon hatte ihn sehr wohl darauf aufmerksam gemacht, gleichzeitig aber betont, dass Lauryn die einzig Richtige wäre.

Jetzt war der Augenblick für einen strategisch klugen Rückzug gekommen. „Ich möchte Sie an die Geheimhaltungsklausel erinnern, die Sie bei Ihrer Einstellung unterschrieben haben. Alles, was mit meinen Geschäften zu tun hat, bleibt innerhalb dieser vier Wände. Und das schließt auch mein Vorhaben ein, Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses zu werden.“

„Niemand würde mir glauben, dass Adam Garrison versucht hat, eine Ehefrau zu kaufen. Ich werde bestimmt nichts verraten, es sei denn, Sie zwingen mich dazu.“ Damit eilte sie hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar, seufzte gereizt und ließ sich wieder auf seinen Stuhl sinken. Adam war daran gewöhnt, dass Frauen ihm nachliefen, nicht vor ihm flohen – als hätte er gerade verkündet, an Vogelgrippe erkrankt zu sein. Als einer der Erben der Garrison Incorporated war er schließlich eine sehr gute Partie. Die Klatschspalten und seine Steuererklärung bestätigten das. Und er hatte nicht nur das Familienvermögen vorzuweisen, sondern auch eigene Investitionen, deren Wert sich beständig steigerte. Wenn man noch dazuzählte, dass er vor Kurzem fünfzehn Prozent am Familienunternehmen geerbt hatte, wäre es eine reine Untertreibung zu sagen, dass er mit seinen Finanzen zufrieden sein konnte.

Und er hatte schon mal in einen Spiegel geschaut. Hässlich war er nicht.

Warum biss Lauryn also nicht an? Es musste etwas geben, das sie haben wollte und das er zu seinem Vorteil benutzen konnte.

Er brauchte nur noch herauszufinden, was es war.

Der Mann musste verrückt sein.

Lauryn legte Tasche, Autoschlüssel und Sonnenbrille auf den Küchentresen in ihrem kleinen Apartment und schlenderte ins Schlafzimmer, während sie die Haarnadeln aus ihrer Frisur klaubte.

Eine Vernunftehe.

Wo lebte er eigentlich? In einem sentimentalen Liebesroman? Lauryn las solche Bücher zwar, deshalb lebte sie jedoch nicht danach.

Sie war nur aus einem Grund nach Florida gezogen: um sich mit Adam Garrison anzufreunden. Deswegen wollte sie ihn aber doch nicht gleich heiraten.

Immerhin war er bekannt dafür, ein unverbesserlicher Frauenheld zu sein, der fast jeden Abend mit einer neuen schönen Freundin durch die Nachtklubszene flanierte. Da er selbst mit seinem etwas zu langen schwarzen Haar, dem Killerlächeln und den aufregend blauen Augen umwerfend gut aussah, wählte er ausnahmslos genauso hinreißende Begleiterinnen aus.

Lauryn hatte auf die harte Tour gelernt, dass gutes Aussehen nur oberflächlich war und manchmal einen sehr hässlichen Charakter verbarg. Auf jeden Fall zog Schönheit die falsche Art von Aufmerksamkeit auf sich. Darum hatte Lauryn aufgehört, ihre weiblichen Rundungen zu betonen, und begonnen, sich farblos und unvorteilhaft anzuziehen.

„Er sagt, er will Privatsphäre haben. Aber ich wette, er geht nie allein ins Bett“, sagte sie leise vor sich hin, während sie ihre Arbeitskleidung auszog und in eine Trainingshose und ein altes T-Shirt ihres Vaters schlüpfte.

Als Buchhalterin konnte sie nicht anders, als sich zu überlegen, was sie alles mit einer Million Dollar erreichen könnte – angefangen beim Ausgleich ihres Kontos, das sie bei ihrem Umzug leer geräumt hatte, um den Job in Adams Klub anzunehmen. Lauryn hatte sich sofort beworben, nachdem klar war, wie der neue Eigentümer ihres Familienanwesens hieß: Adam Garrison.

Ihn deswegen zu heiraten, kam überhaupt nicht infrage. Lauryn hatte schon eine katastrophale Ehe hinter sich, die sie aus falschen Gründen eingegangen war. Das würde sie kein zweites Mal tun.

Nicht einmal für ein reines Geschäftsabkommen.

Nicht einmal für ein sehr lukratives Geschäftsabkommen.

Hör auf damit, rief sie sich zur Ordnung.

Barfuß ging sie in die Küche, nahm die Reste von gestern aus dem Kühlschrank – eine Bestellung vom Chinesen – und stellte sie in die Mikrowelle. Der Duft nach Garnelen vermischte sich mit dem Aroma der Apfelsine, die Lauryn sich zum Abendessen schälte.

Wenn sie mit ihm zusammenlebte, würde sie ihn gut kennenlernen. Gut genug, um ihn dazu zu überreden, ein paar Bodenbretter in seinem erst vor achtzehn Monaten gekauften Anwesens aufzureißen?

Warum hatte er überhaupt ein Vermögen für ein Haus ausgegeben, in dem er gar nicht wohnen wollte? Neulich hatte sie sich dort umgesehen und geglaubt, auf der anderen Seite der Steinmauer und hinter dem gusseisernen Zaun Tennisplätze auszumachen, war sich allerdings nicht sicher. Die dichte Bougainvillea-Hecke versperrte die Sicht. Und Sunset Island gehörte nicht gerade zu den Gegenden, wo man über Zäune klettern konnte, ohne festgenommen zu werden.

Von hier konnte man den Klub zwar nicht zu Fuß erreichen wie von Adams Wohnung, doch selbst bei dichtem Verkehr dauerte die Fahrt weniger als zwanzig Minuten.

Während das Essen warm wurde, deckte Lauryn den Tisch. Ihre Mutter, nein, ihre Adoptivmutter hatte sich dabei immer sehr viel Mühe gegeben. Meistens waren sie in ein gutes Gespräch vertieft gewesen, während sie gemeinsam Besteck, Geschirr und Blumen auf dem Tisch arrangiert hatten. All das hatte sich geändert, als Lauryns Vater vor elf Monaten gestorben war und ihre „Mutter“ ihr die Briefe gezeigt hatte. Jahrzehntelang waren diese in einem Bankschließfach verwahrt worden. Die ehemalige Geliebte ihres Vaters hatte sie geschrieben. Zeilen, die Lauryns Leben auf den Kopf gestellt und sie dreitausend Meilen weit auf die Suche nach der Frau geschickt hatten, die ihr Kind genug geliebt hatte, um es zur Welt zu bringen, aber nicht genug, um es großzuziehen.

Adrianna Laurence, ihre leibliche Mutter.

Wie hatte ihr Vater sie so anlügen können? Lauryn stellte sich die Frage zum tausendsten Mal. Und wie hatte ihre Mutter es zulassen können?

Das Summen der Mikrowelle riss Lauryn aus ihren Gedanken. Ohne sich dessen bewusst zu sein, nahm sie den Karton heraus, füllte den Inhalt auf einen Teller und nahm sich eine Limonade aus dem Kühlschrank.

War ihrem Vater nicht klar gewesen, was für ein Schock es für seine Tochter sein würde – plötzlich zu erfahren, dass sie sich sechsundzwanzig Jahre für jemand anders gehalten hatte, als sie war? Hatte er nicht daran gedacht, dass es sie völlig aus der Bahn werfen würde? Mit einer Frau aus der besten Gesellschaft Floridas hatte er eine Affäre geführt.

Ihr Vater hatte die schwangere Frau seines verstorbenen besten Freundes geheiratet, um seiner Tochter eine Mutter zu geben. Der Junge, den ihre angebliche Mutter damals zur Welt gebracht hatte, war gestorben, bevor er seinen ersten Atemzug tun konnte.

Warum hatte ihr Vater nie mit ihr über ihre leibliche Mutter gesprochen – bevor sie gestorben war? Dann hätte Lauryn sie vielleicht kennenlernen und ihr ein paar Fragen stellen können. Sie hätte die Stimme ihrer Mutter gehört, ihr Gesicht gesehen und mehr über die Beziehung ihrer leiblichen Eltern erfahren. Was hatte sie zueinander hingezogen und schließlich getrennt? Aus welchen Gründen hatte Adrianna ihr Baby fortgegeben, und warum war sie so jung gestorben?

Selbst Lauryns Name gehörte zu dem Rätsel. Adrianna Laurence hatte auf diesem Vornamen bestanden. Hatte sie gehofft, dass ihre Tochter sie eines Tages finden würde, indem sie von „Laurence“ auf „Lauryn“ schloss?

Vielleicht würde Lauryn die Wahrheit nie erfahren. Aber sie wollte alles versuchen, um Antworten zu bekommen. Hätte ihr Vater nicht gelogen, wäre sie jetzt nicht gezwungen, alle Menschen zu täuschen, um Licht in die Frage ihrer Herkunft zu bringen.

Den Briefen zufolge befand sich ein Tagebuch in einem Geheimfach in dem Haus, das jetzt Adam Garrison gehörte.

War das Tagebuch noch da, oder war es schon längst von jemandem entdeckt und entfernt worden? Lauryn hatte herausgefunden, dass ihre Großmutter, das letzte Mitglied der Laurence-Familie, gestorben war. Kurz nach ihrem Tod hatte Adam das Anwesen gekauft.

Unzählige Türen werden sich für Sie öffnen, hatte Adam gesagt.

Die einzigen Türen, die Lauryn aufstoßen wollte, waren die zum Geburtshaus ihrer leiblichen Mutter. Allerdings konnte sie unmöglich mit einer so seltsamen Bitte an einen fremden Mann herantreten. Denn wenn sie es tat, und Adam sich weigerte, ihr zu helfen, würde sich das Geheimnis ihrer Geburt niemals lüften.

Und genau deshalb entschloss Lauryn sich dazu, heimlich vorzugehen. Sie zog von Kalifornien nach Florida, um sich mit ihrem neuen Chef anzufreunden und sein Vertrauen zu gewinnen. Ihre mehr als exzentrische Bitte, ein paar Bodenbretter aufzureißen, würde er eher erfüllen, wenn er Lauryn kennengelernt und erkannt hatte, dass sie keine Spinnerin war.

Nur war es leider nicht so gelaufen, wie sie gehofft hatte. Adam und sie sahen sich nur geschäftlich und das auch noch selten. Sie sprachen nie über Persönliches, und es waren immer andere Angestellte in der Nähe.

Und jetzt wollte er sie heiraten.

Lauryn sah auf ihren Teller und verspürte nicht den geringsten Appetit.

Er hatte ihr seinen verrückten Vorschlag gemacht. Und mit ihrer Weigerung mitzuspielen verhinderte sie wahrscheinlich, dass je so etwas wie Freundschaft oder Vertrauen zwischen ihnen entstehen konnte. Im Prinzip konnte sie wohl von Glück sagen, wenn sie ihren Job nicht verlor.

Sie musste einen Weg finden – selbstverständlich ohne Mrs. Garrison zu werden –, ihn zu beschwichtigen. Sonst konnte sie ihre Suche gleich aufgeben.

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