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Ein verhängnisvoller Liebesdeal

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1. KAPITEL

Schwungvoll brauste Emily Applegate auf ihrem Motorrad durch die geöffneten Tore des großen Anwesens in Buckinghamshire. Auf dem für Gäste vorgesehenen Parkplatz legte sie eine filmreife Vollbremsung hin und schwang sich von ihrer Maschine.

Gleich würden Köpfe rollen – allen voran der des feinen Hausherrn, der den Nerv besessen hatte, die Buchung für den Hochzeitsempfang ihrer besten Freundin zu stornieren.

Und das nur einen Monat vor dem festgesetzten Termin!

Nachdem sie den Motor abgestellt und ihren Helm an den Lenker gehängt hatte, marschierte Emily über die breite Auffahrt geradewegs auf das imposante Herrenhaus zu, das sich wie ein anmaßender Monarch vor ihr erhob. Bei jedem Schritt gruben sich die Absätze ihrer Bikerstiefel mit einem befriedigenden Knirschen in den Kies.

Man tat einer Braut so etwas nicht an!

Besonders nicht einer so liebenswerten und gutherzigen wie Lula.

Unbeeindruckt von den finsteren Blicken der beiden Steinlöwen, die wie stumme Wächter das Hauptportal flankierten, hob Emily den schweren Türklopfer an und ließ ihn drei Mal hintereinander hart gegen das Holz schlagen.

So kurz vor dem bedeutendsten Tag ihres Lebens brauchte Lula keine Komplikationen dieser Art. Aus zahllosen Gesprächen wusste Emily, dass sie schon seit einer Ewigkeit von ihrer Hochzeit träumte. Ihre Eltern hatten sich nicht die Bohne für sie interessiert, und es hatte ihr in besonders einsamen Stunden darüber hinweggeholfen, sich dieses Ereignis immer wieder in allen Einzelheiten auszumalen.

Emilys Kindheit war ebenfalls unglücklich und lieblos verlaufen, was sicher einer der Gründe für ihre enge Freundschaft war. Als sie sich damals an der Uni kennenlernten, gab es sofort eine Verbindung zwischen ihnen. Ein tiefes, unausgesprochenes Verständnis füreinander, das sie bis heute fest zusammenschmiedete.

Wobei interessant war, dass sie trotz der Parallelen in ihrer Vergangenheit so unterschiedliche Lebensvorstellungen entwickelt hatten. Lula war immer sicher gewesen, eines Tages ihren Seelenpartner zu finden, der sie wunschlos glücklich machen würde, während Emily beschlossen hatte, ihr Glück niemals von einem Mann abhängig zu machen. Sie ging viel aus, flirtete gern und hatte hin und wieder auch mal eine heiße Affäre, aber zu mehr ließ sie es nie kommen.

Sie war einfach nicht der Typ für feste Bindungen, außerdem war ihr Job als Moderatorin der TV-Show Auf der Spur des Schatzes schon fordernd genug. Die stressigen Dreharbeiten, die Konkurrenz, der permanente Zwang zur Imagepflege – da wollte sie nicht auch noch ständig irgendwelche Beziehungsprobleme wälzen müssen.

Nicht, dass Emily glaubte, jeder Mann würde mehr Ärger machen, als er es wert war. Lulas Zukünftiger war ein echter Glücksgriff, und normalerweise hätte er diese Angelegenheit auch selbst geregelt. Da er jedoch gerade geschäftlich in China unterwegs war, war es jetzt an ihr, ihrer Freundin in dieser Krise beizustehen. Lula war viel zu sanft, um ihre Interessen mit dem nötigen Nachdruck zu vertreten, was man von ihr, Emily, glücklicherweise nicht behaupten konnte.

Nachdem auf ihr Klopfen keine Reaktion erfolgt war, versuchte sie es noch einmal mit Nachdruck.

Nichts rührte sich im Haus.

Nach einigen weiteren Sekunden frustrierten Wartens hörte sie hinter sich ein gedämpftes Rumpeln. Als sie sich umdrehte, um nachzusehen, woher das Geräusch gekommen war, entdeckte sie eine offene Tür in einem der Nebengebäude.

Vielleicht hielt sich dort ja ein Angestellter auf, den sie nach dem Verbleib des Unmenschen fragen konnte, der so ganz nebenbei die Hochzeitspläne ihrer Freundin ruiniert hatte.

Im Näherkommen konnte Emily die Umrisse eines Mannes ausmachen, der sich über eine Maschine beugte. Sein Gesicht war kaum zu erkennen, da er eine Schutzbrille trug und Kinn und Wangen von dichten Bartstoppeln bedeckt waren. Ihr Blick glitt über das ölbefleckte weiße T-Shirt, das sich über seinen breiten Schultern spannte. Das sandfarbene Haar fiel ihm so effektvoll in die Stirn, als hätte er es absichtlich so arrangiert, allerdings ließ der Rest seiner Erscheinung Emily stark daran zweifeln.

Interessiert beobachtete sie, wie er eine dünne Metallplatte bearbeitete, während um ihn herum ein silbrig blauer Funkenregen aufsprühte. Da es ihr bei all dieser entfesselten Pyrotechnik kaum gelingen würde, so bald seine Aufmerksamkeit zu erregen, nutzte Emily die Gelegenheit, auch den Rest von ihm gründlich in Augenschein zu nehmen. Sie registrierte schmale Hüften und lange, durchtrainierte Beine, die in einer mit diversen Werkzeugtaschen bestückten knielangen Arbeitshose steckten. Wie von selbst blieb ihr Blick an seinen kräftigen Waden hängen, und für eine Sekunde fantasierte sie davon, die Fingerspitzen über die ölverschmierten Muskeln gleiten zu lassen.

Ein Schauer durchrieselte Emily.

Es ging etwas unglaublich Heißes von diesem Mann aus, und wie das vertraute Pochen zwischen ihren Schenkeln verriet, hatte sie offenbar schon zu lange keinen Liebhaber mehr gehabt. Die letzten Monate hatte sie praktisch ununterbrochen gearbeitet und dabei keinerlei Ablenkung zugelassen. Kein Wunder, dass dieses Prachtexemplar von Alphamann ihren sexuellen Appetit mit einem Schlag wiederbelebte.

Das Funkensprühen und der Lärm hörten abrupt auf. Der Alphamann wandte sich von der Maschine ab und sah sie im Türrahmen stehen. Emily spürte, wie sich die feinen Härchen in ihrem Nacken aufstellten, als er seine Schutzbrille hochschob und sie ungnädig anstarrte.

Jetzt, da sie sein Gesicht richtig sehen konnte, bemerkte sie, dass es keineswegs schön war. Dazu war es zu schroff, die Züge zu unregelmäßig. Dennoch war es unbestreitbar attraktiv. Auf eine dunkle, gefährliche Weise, die Emily unwiderstehlich in ihren Bann zog.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Seine Stimme klang unwirsch und rau, doch die gepflegte Aussprache verriet eine gute Erziehung. Vielleicht beschäftigte der Besitzer des Anwesens ja nur Leute aus der Oberschicht, damit ihm sein Reichtum nicht peinlich sein musste.

„Ich suche den Idioten, dem hier alles gehört. Haben Sie eine Idee, wo ich ihn finden kann?“ Emily schenkte dem Mann ein gewinnendes Lächeln und trat ein Stück in den Raum hinein. Nur weil sie wütend auf seinen Boss war, musste sie ja nicht unfreundlich zu ihm sein.

Er zog einen Lumpen aus einer seiner Taschen und wischte sich damit die Hände ab, während er über ihre Frage nachzudenken schien.

„Was wollen Sie denn von ihm, Miss …?“ Sein wissender Blick deutete an, dass er ganz genau wusste, was sie von ihm wollte.

Emily straffte die Schultern und versuchte, sich nicht allzu sehr von dem Muskelspiel an seinen Unterarmen ablenken zu lassen. „Mein Name ist Emily Applegate, und ich habe etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen“, klärte sie ihn auf. „Wenn wir zu einer befriedigenden Einigung kommen, passiert nichts weiter. Wenn nicht, ziehe ich ihm bei lebendigem Leib die Haut ab.“

„Das klingt, als würde ich mich der Beihilfe zu einer Straftat schuldig machen, wenn ich Ihnen seinen Aufenthaltsort verrate.“

„Keine Sorge, es wird keine Auswirkungen auf Sie haben.“ Emily zwinkerte ihm komplizenhaft zu. „Dieses Gespräch bleibt unser Geheimnis.“

Er verzog keine Miene. „Wie rücksichtsvoll von Ihnen.“

Ob dieser Typ immer so bierernst war? Egal, um das herauszufinden, war sie nicht hier.

„Und?“, drängte Emily. „Wo ist Seine Lordschaft?“

Ohne den Blick von ihr abzuwenden, zog ihr Gegenüber sich die Schutzbrille vom Kopf und warf sie auf eine der Arbeitsplatten. „Zunächst einmal eine kleine Lektion in Sachen Etikette. Beim ersten Mal müssen Sie mich mit Lord Berkeley ansprechen und danach mit Mylord.“

Emily kam es vor, als hätte ihr gerade jemand den Boden unter den Füßen weggerissen. „Sie?“, stieß sie entgeistert hervor. „Wollen Sie sagen, dass … dass Sie der Earl of Berkeley sind?“

Sir Hochwohlgeboren breitete ironisch die Hände aus. „Was ist? Sehe ich etwa nicht so aus?“

Emily gab ein schnaubendes Geräusch von sich. „Nicht einmal annähernd! Wo ist Ihr Schmerbauch? Der zurückweichende Haaransatz? Sie haben ja nicht einmal eine rote Nase und, ich sehe auch keinen anzüglichen Blick.“

„Tut mir leid, Sie enttäuscht zu haben.“

„Wer sagt, dass ich enttäuscht bin?“

Auf seiner Stirn bildete sich eine Falte, und plötzlich wurde Emily bewusst, dass sie gerade den Mistkerl anflirtete, der im Begriff war, Lulas schönsten Tag zu ruinieren.

„Allerdings bin ich stinkwütend auf Sie!“, fügte sie grimmig hinzu, wenn auch vielleicht etwas spät, um ihn groß damit zu beeindrucken.

Um ihren weiteren Worten Nachdruck zu verleihen, ging Emily auf ihn zu und setzte ihm ihren anklagenden Zeigefinger mitten auf die breite Brust. „Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht, die Buchung meiner besten Freundin nur einen Monat vor der Hochzeit ohne Begründung zu stornieren? Haben Sie überhaupt eine Ahnung, was Sie ihr damit antun? Sie war so glücklich, als Sie sich nach zähen Verhandlungen endlich herabließen, Ihr diesen Ort für die Feier zu vermieten, und jetzt das! Wie konnten Sie nur?“

Lord Berkeley öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber Emily war noch nicht mit ihm fertig.

„Geht es um Geld?“, erkundigte sie sich scharf und musterte dabei sein wenig salonfähiges Erscheinungsbild. „Hat Ihnen jemand für diesen Tag mehr geboten? Wenn das zutrifft, sollten Sie sich in Grund und Boden schämen! Aus purer Gier so mit den Hoffnungen und Träumen einer Frau zu spielen, ist einfach nur verachtenswert!“

Er lehnte sich seufzend gegen die Werkbank und verschränkte die Arme vor der Brust. „Es hatte nichts mit Geld zu tun.“

„Und warum tun Sie ihr dann so etwas an?“

„Unvorhergesehene Umstände.“

„Ach ja? Welche Umstände könnten ernst genug sein, um jemandem die Hochzeit zu ruinieren? Meine Freundin hat in gutem Glauben für einen Tag Ihr Haus gemietet. Sie haben einen Vertrag unterschrieben!“

„Der mir die Option vorbehält, ihn bis zu vier Wochen vor der Veranstaltung zu stornieren. Sie wird ihr Geld zurückbekommen.“

Emily machte einen weiteren drohenden Schritt auf ihn zu, aber er wich keinen Millimeter zurück. Nicht einmal ein winziges Zucken in seinem Gesicht verriet, dass er nicht ganz so cool war, wie er sich gab.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich, Adrenalin pumpte durch ihren Körper. Sie war ihm jetzt so nah, dass ihre Körper sich beinah berührten und sie den Geruch nach Maschinenöl und harter Arbeit wahrnehmen konnte, der von ihm ausströmte …

Reiß dich zusammen, Emily, und besinn dich aufs Wesentliche!

„Ganz so einfach ist das nicht, Lord Berkeley, und das wissen Sie genau. Die Einladungen wurden schon vor Wochen verschickt, einige Gäste haben bereits teure Flüge gebucht. Es sind verbindliche Aufträge an Caterer, Floristen und Getränkehändler erteilt worden. Meine Freundin hat diesen Tag seit einem Jahr geplant, und jetzt wollen Sie das alles so mir nichts dir nichts platzen lassen?“

„Sie wird etwas anderes finden.“

In seinen Augen flackerte kurz etwas auf, das wie Bedauern aussah. Danach strahlte er nur noch kühle Gleichgültigkeit aus. Emily konnte es nicht fassen.

„Sie kann zu diesem Zeitpunkt unmöglich noch etwas Passendes finden!“, hielt sie ihm vor Augen. „So kurzfristig bekommt man nirgendwo eine geeignete Location, die ausreichend Platz für eine so große Gesellschaft bietet.“

„Ich fürchte, das ist nicht mein Problem.“

Frustriert ballte Emily die Hände zu Fäusten. Dieser Lord Berkeley erwies sich als extrem hart zu knacken, und sie hatte keine Ahnung, wie sie jetzt weiter vorgehen sollte.

Vielleicht solltest du es mit einem Taktikwechsel versuchen und dein berühmt-berüchtigtes Charisma zum Einsatz bringen …

Nach kurzem Zögern legte Emily ihm eine Hand auf die steinharte Brust. Genau dorthin, wo sich sein Herz befunden hätte, wenn er eins gehabt hätte. „Gibt es irgendeinen Weg, Sie zu einem Meinungswandel zu bewegen?“ In ihren goldbraunen Augen tanzten winzige Funken, als sie lächelnd zu ihm aufblickte. „Es würde meiner Freundin – und auch mir – wirklich sehr viel bedeuten, wenn Sie einen Weg fänden, den Empfang hier stattfinden zu lassen.“

Lord Berkeley umfasste ihre Hand, zog sie von seiner Brust weg und ließ sie im nächsten Augenblick wieder los. Es gab kein Zögern in der Bewegung, kein Bedauern. Es war eine klare, resolute Abfuhr.

Die Emily tiefer traf, als sie erwartet hätte.

Männer wiesen sie normalerweise nie ab, wenn sie in Flirtstimmung war. Im Laufe der Jahre war sie sich der Wirkung ihres Gesichts und ihres Körpers sehr sicher geworden, und bisher war auf ihre Trümpfe stets Verlass gewesen.

Sie kniff die Augen zusammen und betrachtete ihn prüfend. „Ich verstehe zwar nicht genau, was, aber irgendetwas stimmt hier nicht. Hinter Ihrer Unnachgiebigkeit steckt doch mehr als bloße Sturheit, oder?“

Er verzog die Lippen zu einem geringschätzigen Lächeln. „Warum? Weil ich nicht auf Ihre weiblichen Tricks hereinfalle?“

Heiße Wut schoss in Emily hoch, gefolgt von einem Gefühl der Demütigung, weil er sie so gnadenlos durchschaut hatte.

„Falsch geraten“, log sie. „Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass ein Mensch so gemein sein kann, jemandem ohne triftigen Grund die Hochzeit zu verderben.“

Lord Berkeley stieß sich von der Werkbank ab und ging kommentarlos an ihr vorbei zum anderen Ende des Raums. Als er dabei flüchtig Emilys Hüfte streifte, spürte sie ein sehnsüchtiges Ziehen in ihrem Schoß.

„Diese Entscheidung lag nicht in meiner Macht“, antwortete er mit dem Rücken zu ihr und starrte dabei aus dem Fenster. „Dieses Anwesen gehört meiner Mutter, die zurzeit in Spanien lebt und mir gnädig gestattet, hier zu wohnen, bis ich mein Erbe antrete.“

Er schwieg einen Moment, während sich seine ohnehin schon verspannt wirkenden Schultern noch mehr zu verkrampfen schienen. „Vor einigen Tagen kam sie überraschend nach England und stellte während meiner Abwesenheit fest, dass ich das Haus ohne ihre Einwilligung für Hochzeitsempfänge vermiete.“

Als er sich umdrehte, um Emily anzusehen, merkte sie ihm an, wie unangenehm ihm das Ganze war. „Sie hat meine Eventmanagerin aufgesucht und eine Liste mit allen Kontaktdaten zu den gebuchten Terminen verlangt. Dann hat sie sich ans Telefon gesetzt und sämtliche Reservierungen storniert. Ich hatte mein Handy hier vergessen, daher habe ich es erst herausgefunden, als ich gestern Abend aus London zurückkam.“

Emily sah ihn ungläubig an. „Warum sollte sie denn so etwas tun?“

Seufzend rieb er sich mit der Hand über die Stirn. „Sie bestraft mich dafür, dass ich mich nicht ihrem Willen füge. Wenn es nach ihr ginge, wäre ich längst verheiratet, und sie könnte vor ihren Freundinnen mit einer Schar von Enkelkindern prahlen.“

„Und Sie lassen sich das einfach gefallen?“

Er bedachte sie mit einem finsteren Blick. „Sie glauben, ich hätte da eine Wahl?“

Emily verzichtete auf einen Kommentar. Was hätte sie dazu auch sagen sollen? „Warum haben Sie denn nicht offen mit ihr über die Vermietungen gesprochen?“, fragte sie stattdessen.

„Weil ich wusste, dass sie dem sofort einen Riegel vorgeschoben hätte“, kam es verärgert zurück. „Sie hält es nämlich für würdelos, mit dem Anwesen Geld zu machen. Dass ihr eigener Sohn tatsächlich für seinen Lebensunterhalt arbeitet und sich – ich zitiere – mit Kreti und Pleti gemein macht, ist für sie eine durch und durch abstoßende Vorstellung. Stattdessen soll ich mich endlich auf meine Pflichten besinnen, eine standesgemäße Ehe eingehen und Erben produzieren.“

„Haben Sie das denn nicht kommen sehen?“, wandte Emily ein. „Ich meine, Sie müssen doch damit gerechnet haben, dass Sie so etwas nicht auf Dauer vor ihr geheim halten können.“

Ihr eigenes Geheimnis hatte sie bis heute wahren können, aber darum ging es jetzt nicht.

Lord Berkeley griff nach einem herumliegenden Schraubenschlüssel und begann, ihn mechanisch zwischen den Händen zu drehen. „Sie droht mir schon seit Jahren damit, den Besitz zu verkaufen, wenn ich nicht endlich ein angemessenes Verhalten an den Tag lege. Dass sich das Ganze jetzt zugespitzt hat, führe ich auf die Trennung von ihrem zweiten Mann zurück. Sie ist gelangweilt, weil keiner mehr da ist, den sie herumkommandieren kann, also hat sie beschlossen, jetzt mir das Leben zur Hölle zu machen.“

Seine Züge wirkten mit einem Mal so abgekämpft und müde, dass er Emily fast leidtat.

„Können Sie nicht vernünftig mit ihr reden?“, fragte sie in etwas sanfterem Tonfall. „Vielleicht ist sie ja bereit, die schon gebuchten Feiern noch stattfinden zu lassen, wenn Sie ihr versprechen, danach mit den Vermietungen aufzuhören.“

„Das habe ich schon versucht, aber es war zwecklos.“

„Gibt es etwas, das ich tun könnte, damit Ihre Mutter wenigstens für Lula eine Ausnahme macht? Ich wäre wirklich zu allem bereit.“

Lord Berkeley legte den Schraubenschlüssel wieder weg und musterte Emily mit einem beunruhigenden Ausdruck in den Augen. „Alles?“, wiederholte er langsam.

Emily atmete tief durch und fragte sich, in was sie sich da gerade hineinmanövrierte. „Ja“, bestätigte sie fest. „Alles.“

„In dem Fall werden Sie sich in mich verlieben müssen.“

Amüsiert beobachtete Theo Berkeley das sehenswerte Mienenspiel seines attraktiven, wenn auch ungebetenen weiblichen Gastes. Überraschung, Ungläubigkeit und Verwirrung wechselten einander in blitzartiger Abfolge ab – einfach zauberhaft.

Mit ihren aufregenden Kurven und der wilden schokobraunen Lockenmähne war sie überhaupt ein ziemlicher Blickfang. Und sie besaß die faszinierendsten Augen, die Theo je gesehen hatte. In dem schummrigen Licht, das durch die Werkstattfenster fiel, schimmerten sie wie dunkles Gold.

Lockend.

Verführerisch.

Und entschlossen.

Theo war schon vorher Frauen wie ihr begegnet. Besonders eine von ihnen hatte ihr sehr geähnelt, und das machte ihn wachsam. Diese Emily stellte fraglos eine Gefahr für ihn dar, doch wenn er vorsichtig genug agierte, könnte sie sich als wahres Gottesgeschenk erweisen. Es hatte nämlich gerade ein verrückter Plan in seinem Kopf Gestalt angenommen, und wenn er gelingen sollte, brauchte er jemanden mit genug Mumm und Initiative, um es mit seiner anspruchsvollen Mutter aufzunehmen.

Und nach ihrem bisherigen Auftreten zu urteilen, besaß Emily Applegate diese Eigenschaften im Überfluss.

Sie hatte sich inzwischen wieder gefasst und musterte ihn jetzt mit einem leicht amüsierten Lächeln. „Sie machen Witze, oder?“

„Sehe ich so aus?“

„Aber … wozu sollte es gut sein, wenn ich mich in Sie verliebe?“

„Sie sollen ja nur so tun als ob“, stellte Theo richtig „Um meine Mutter dazu zu bringen, mich hier nach eigenem Ermessen schalten und walten zu lassen, muss ich eine Freundin aus dem Boden stampfen. Und zwar eine, die sie für die Rolle der zukünftigen Lady Berkeley und Mutter ihrer Enkel für geeignet hält.“

Emily dachte einen Moment lang nach. „Haben Sie denn keine richtige Freundin, die Sie Ihrer Mutter präsentieren können?“, fragte sie schließlich.

Theo schüttelte den Kopf. „Dazu ist mein Leben im Moment zu kompliziert. Ich bin vollauf damit beschäftigt, die Geräte, die ich hier konstruiere, auf den Markt zu bringen. Gleichzeitig muss ich für die Deckung der laufenden Kosten sorgen. Da bleibt keine Zeit für irgendwelche Frauengeschichten.“

„Aber wenn Sie eine Freundin hätten, würde Ihre Mutter Sie in Ruhe lassen und über Ihre Hochzeitsvermietungen hinwegsehen?“

Theo rieb sich das stoppelige Kinn. „Einer guten Freundin meiner Freundin würde sie wahrscheinlich gestatten, ihren Empfang hier abzuhalten. Es könnte ihr sogar gefallen, da Sie ihr dann etwas schuldig wären, was sie irgendwann einmal zu ihrem Vorteil nutzen könnte.“

Erneut spiegelten sich alle möglichen widerstreitenden Gefühle in Emilys ausdrucksvollem Gesicht wider. „Wie kommt es, dass Ihre Mutter so viel Macht über Sie hat?“, wollte sie schließlich wissen.

„Weil mein Vater mich enterbt und sie seit seinem Tod die alleinige Verfügungsgewalt über den Familienbesitz hat“, klärte Theo sie auf. „Wenn sie will, kann sie jederzeit alles verkaufen – was sie seit Jahren als Druckmittel benutzt, um mir ihren antiquierten, snobistischen Lebensstil aufzuzwingen. Da sie genau weiß, wie sehr ich dieses Anwesen liebe, rechnet sie fest damit, dass ich irgendwann die Waffen strecke und reumütig in die Fußstapfen meiner Vorfahren trete.“

„Wahnsinn“, murmelte Emily. „Das klingt ja wie eine Geschichte aus dem Mittelalter.“

Theo zuckte die Schultern. „Sie versucht schon mein ganzes Leben lang, mich zu manipulieren.“

„Aber Sie sind nicht der Typ, der das so leicht mit sich machen lässt, stimmt’s?“ Sie schenkte ihm ein kurzes Lächeln, dann wurde sie ernst. „Lassen Sie mich zusammenfassen: Sie müssen also Ihre Mutter davon überzeugen, dass Sie nicht der bindungsscheue Klassenverräter sind, für den sie Sie hält. Wenn Ihnen das gelingt, lässt sie Ihnen mit dem Anwesen freie Hand, und Sie können weiter nach Herzenslust mit Ihren Maschinen spielen und Ihr gräfliches Single-Dasein genießen.“

Theo kämpfte hart gegen das Grinsen an, das bereits um seine Mundwinkel zuckte. „Interessante Wortwahl“, bemerkte er, „aber im Kern stimmt es. Ich brauche eine Frau, die ein oder zwei Wochen lang glaubwürdig als meine Freundin auftritt. Sobald meine Mutter von der Ernsthaftigkeit meiner Absichten überzeugt ist und mich wieder in meine vollen Erbrechte eingesetzt hat, würden sich unsere Wege trennen. Es wäre also eine rein geschäftliche Beziehung.“

Emily betrachtete ihn nachdenklich. „Sie sind wirklich nicht scharf darauf, mit jemandem zusammen zu sein, oder?“

„Nicht wirklich, nein“, gab Theo zu. „Aus irgendeinem Grund wollen Frauen immer Blumen und Liebesschwüre von mir. Und wie Sie sicher schon bemerkt haben, bin ich kein sehr romantischer Typ.“

Sie lächelte. „Das habe ich allerdings bemerkt. Übrigens bin ich ebenfalls nicht romantisch.“

„Umso besser. Das klingt ja, als wären wir füreinander geschaffen.“

Emily wandte den Blick ab und betrachtete eingehend ihre Schuhspitzen. „Dieser Plan würde sicher nur kurzfristig funktionieren“, gab sie zu bedenken. „Bestimmt sitzt Ihre Mutter Ihnen bald wieder im Nacken und verlangt, dass Sie einen Hochzeitstermin festlegen. Was wollen Sie dann tun?“ Sie hob den Kopf und sah Theo erneut mit ihren verwirrenden goldenen Augen an.

„In dem Fall muss ich eben improvisieren“, meinte er. „Aber ich glaube nicht, dass es dazu kommt. Mit etwas Glück wird die Suche nach Ehemann Nummer drei meine Mutter in den nächsten Monaten ganz in Anspruch nehmen. Das gibt mir genug Zeit, um mein Geschäft aufzubauen und erste Einkünfte damit zu erzielen. Sobald ich das geschafft habe, befinde ich mich in einer stärkeren Verhandlungsposition.“

Nach einem längeren Schweigen nickte Emily. „Okay, ich mache jetzt einen kleinen Spaziergang, um in Ruhe darüber nachzudenken. Danach bekommen Sie meine Antwort, einverstanden?“

„Natürlich“, stimmte Theo sofort zu. „Nehmen Sie sich alle Zeit, die Sie brauchen.“ Schon die bloße Tatsache, dass sie sein Ansinnen nicht sofort empört zurückgewiesen hatte, war ermutigend.

Vielleicht stellte sich dieser Plan ja als grandiose Schnapsidee heraus, aber es war immerhin einen Versuch wert. Nachdem er seinen gut bezahlten Job in einem Londoner Ingenieurbüro aufgegeben hatte, brauchte er jetzt vor allem Handlungsspielraum, um seine gerade erst flügge werdende Firma auf die Beine zu bringen. Und etwas Zeit, bis sie anfing, nennenswerten Profit zu erzielen. Die Hochzeiten waren eine ideale Einkunftsquelle gewesen, aber damit würde er erst wieder anfangen können, wenn seine Mutter sicher war, dass er von jetzt an ein ‚standesgemäßes‘ Leben führen würde.

Fairerweise musste Theo zugeben, dass er seinerzeit nicht ohne Grund enterbt worden war. Vor einigen Jahren hatte er völlig den Halt verloren und jede Menge Geld für Alkohol und Frauen verschleudert. In dieser Zeit war er ein ständiger Quell der Peinlichkeit für seine Eltern gewesen, und obwohl diese unrühmliche Phase längst hinter ihm lag, war seine Mutter noch immer von der Angst besessen, er könnte in sein damaliges Lotterleben zurückfallen.

Um die Wartezeit bis zu Emilys Rückkehr zu nutzen, ging Theo wieder an die Metallsäge und fing an, eine neue Aluplatte zurechtzuschneiden. Etwas beunruhigend war es schon, dass sie ihn so stark an die Frau erinnerte, mit der er während der Zeit seines Absturzes zusammen gewesen war. Er würde seine Impulse fest unter Kontrolle halten müssen, um in ihrer Nähe einen kühlen Kopf zu behalten, aber hatte er eine Wahl?

Die einzige Alternative wäre, tatsächlich zu heiraten, damit seine Mutter ihn wieder in sein Erbe einsetzte, und das war völlig ausgeschlossen! Abgesehen davon, dass Theo noch keinen Menschen getroffen hatte, den er Tag für Tag hätte um sich haben wollen, war er überzeugt davon, dass eine Ehefrau früher oder später anfangen ...

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