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Ein unverschämt attraktiver Milliardär

Tessa Radley

Ein unverschämt attraktiver Milliardär

PROLOG

Wer hätte gedacht, dass ein Baby derart anstrengend sein konnte, sobald seine Mutter es nicht mehr sanft auf dem Arm wiegte? Victoria Sutton ließ sich auf die Couch im Wohnzimmer ihres Stadthauses in Auckland fallen und betrachtete müde das in seinem Reisebettchen schlafende Baby.

Dylan sah mit seinen kurzen, dichten Wimpern, die auf seinen rosigen Pausbäckchen ruhten, und seinem sich im Schlaf bewegenden kleinen Mund wie ein Engel aus.

Ah, jetzt einen Kaffee.

Kaum zu glauben, dass sie das ganze Wochenende über keine Zeit für einen Kaffee gehabt hatte. Mandy, ihre Sekretärin, würde sich morgen kranklachen, wenn sie ihr von den Ereignissen der letzten beiden Tage erzählte.

Waren es wirklich nur zwei Tage gewesen?

Aufseufzend stützte Victoria die Ellbogen auf ihre Knie. Zwei Tage, aber auch zwei nahezu schlaflose Nächte, in denen Dylan ihr normalerweise gut organisiertes Leben auf den Kopf gestellt hatte. Himmel, sie schien nicht mehr zu Atem gekommen zu sein, seit ihre beste Freundin Suzy ihr am Freitagabend die letzten Ratschläge zugerufen hatte, während ihr Mann Michael sie zur Haustür hinauszog, weil er endlich zu einem romantischen Kurzurlaub anlässlich ihres zweiten Hochzeitstages aufbrechen wollte.

Victoria ließ den Blick durch ihr normalerweise tadellos aufgeräumtes Wohnzimmer schweifen, in dem jetzt Spielzeug, Windeln und andere Babyutensilien für chaotische Ordnung sorgten. In ihrem Schlafzimmer sah es noch schlimmer aus. Sie musste aufräumen, ehe seine Eltern Dylan abholen kamen.

Bekümmert betrachtete Victoria den Apfelmusfleck auf dem winterweißen Bezug der Couch. Und der Fleck auf dem Teppich war am Freitag auch noch nicht da gewesen. Wie war sie bloß auf die Idee gekommen, Dylan am Morgen in ihrem in hellen Farben gehaltenen Wohnzimmer zu füttern?

Gleich morgen früh würde sie veranlassen, dass die Flecken entfernt wurden.

Morgen. Du lieber Himmel. Entsetzt schlug Victoria die Hände vor den Mund.

Das wöchentliche Treffen der Partner am Montagmorgen … Und sie hatte nichts vorbereitet! Dabei hatte sie fest vorgehabt zu arbeiten, während Dylan schlief.

Doch es war noch früh. Michael und Suzy würden Dylan in den nächsten zwei Stunden abholen. Damit hatte sie den ganzen Abend Zeit.

Wenn sie sich mit Aufräumen beeilte, konnte sie sogar schon etwas arbeiten, ehe die Masons erschienen. Sie nahm eine leere Windeltüte zur Hand und begann, Spielsachen, Feuchttücher und unbenutzte Windeln einzusammeln.

Aber nichts konnte den Spaß schmälern, den sie mit ihrem Patenkind übers Wochenende gehabt hatte. Sie hatten gespielt und waren am Strand gewesen, wo sie Dylans Zehen ins seichte Wasser getaucht hatte, während er vor Begeisterung quietschte. Sie hatten sogar gemeinsam ein Eis gegessen.

Sie würde also jederzeit erneut einspringen. Ihr Patenkind war hinreißend. Als ihr einfiel, wie der Kleine mitten in der Nacht laut und anhaltend geweint hatte, korrigierte sich Victoria. Meistens war er hinreißend.

Der Lärm eines hochmotorisierten Wagens, der vor ihrem Stadthaus vorfuhr, ließ Victoria, die gerade nach einem Söckchen unter dem Couchtisch angelte, innehalten.

Sie warf einen Blick auf ihre schmale goldene Armbanduhr. Zu früh für Michael und Suzy.

Es klingelte an der Haustür. Victoria sprang auf und vergewisserte sich schnell, dass Dylan nicht aufgewacht war. Es läutete erneut. Sie eilte zur Tür und riss sie auf, ohne vorher durch den Türspion zu schauen, damit sie einem weiteren Klingeln zuvorkam.

„Connor!“

Vor ihrer Tür stand Connor North, Michaels Trauzeuge.

Sehr zu ihrem Ärger beschleunigte sich Victorias Puls, doch es gelang ihr mühelos, Connors Blick auszuweichen. Connor trug ein weißes T-Shirt, das seine breite Brust betonte, genau wie die Jeans seine schmalen Hüften.

„Ich hätte vielleicht anrufen sollen.“

Er hatte eine tiefe, leicht raue Stimme, sehr männlich, in der nichts Sanftes mitschwang. Victoria war sich bewusst, dass sie etwas sagen sollte – und hoffte dabei, dass er wieder gehen würde.

Doch statt zu antworten oder ihm in die beunruhigenden hellgrauen Augen zu sehen, richtete Victoria den Blick auf seinen schmalen Mund. Ein Fehler. Es war jetzt zwei Jahre her, dass Connor sie auf Michaels und Suzys Hochzeit geküsst hatte. Eigentlich hätte sie den Kuss längst vergessen haben sollen und auch das Verlangen, das sie ganz schwindelig gemacht hatte.

Sie hatte es nicht vergessen.

Victoria schluckte.

Die Erinnerung an diesen Kuss und Connors Umarmung war so lebhaft, als wäre es gestern passiert. Trotz ihrer allergrößten Bemühungen, sie ein für alle Mal zu verdrängen.

„Connor …“, brachte sie schließlich erneut heraus und wünschte, er wäre meilenweit weg.

Warum war er gekommen? Ihre Beziehung war nicht so, dass spontane Besuche angebracht gewesen wären. Um ehrlich zu sein, sie hatten überhaupt keine Beziehung.

Seit der Hochzeit gingen sie einander stillschweigend aus dem Weg. Wenn der eine bei den Masons zu Besuch kam, brach der andere innerhalb von Minuten auf. Die Zeit, die inzwischen vergangen war, hatte die Feindseligkeit zwischen ihnen nicht abgemildert. Eine Abneigung, die sie beide vor Michael und Suzy zu verbergen suchten – und vor Dylan.

„Connor, was wollen Sie hier?“

Unter Aufbietung ihrer ganzen Selbstbeherrschung suchte sie seinen Blick. Zu ihrer Überraschung wirkte Connor gar nicht arrogant und selbstsicher wie sonst. Er wirkte … Sie registrierte, wie blass er aussah und wie ausdruckslos seine grauen Augen waren. Er sah erschüttert aus. „He, sind Sie okay?“

„Victoria …“ Er schwieg und schob dann seine Hände in die Hosentaschen.

Wenigstens scheint er sich neuerdings problemlos an meinen Namen zu erinnern, dachte Victoria ironisch. Doch es sah Connor gar nicht ähnlich, dass ihm die Worte fehlten. Normalerweise gingen ihm sarkastische Bemerkungen leicht über die Lippen. „Was ist los?“

„Kann ich hereinkommen?“

Victoria zögerte. Sie war nicht darauf erpicht, ihn in ihre Wohnung zu lassen. Aber er war … er war nicht er selbst. „Sicher.“

Als sie ihn ins Wohnzimmer führte, machte die Unordnung ringsum sie sehr verlegen. Es wäre ihr lieber gewesen, Connor hätte ihre Wohnung in ihrem normalen Zustand zu sehen bekommen. Elegant. Tadellos. „Entschuldigen Sie das Chaos.“

Er warf nicht einmal einen Blick in die Runde. „Victoria …“ Dass er sie derart eindringlich anschaute, fand Victoria immer beunruhigender.

Um das unangenehme Schweigen zu brechen, bot sie ihm Kaffee an.

„Nein, danke.“

„Tee?“

Er schüttelte den Kopf.

Sie eilte in die Küche, die vom Wohnzimmer abging, und öffnete den Kühlschrank.

„Bier habe ich nicht. Wie wär’s mit einer Cola?“ Als sie seine Schritte hinter sich hörte, wünschte sie, er hätte im Wohnzimmer auf sie gewartet. In ihrer Küche war nicht genügend Platz für sie beide.

„Ja, bitte.“ Er rieb sich den Nacken und schloss die Augen. Einen Moment später öffnete er sie wieder, und sie entdeckte darin … Schmerz?

Victoria nahm zwei Dosen Cola aus dem Kühlschrank. Dann sagte sie schroffer, als sie beabsichtigt hatte: „Also, was wollen Sie, Connor?“

Er verzog den Mund. „Sicherlich kein Mitgefühl.“

Als sie die Dosen auf den Küchentresen stellte, zeigte Connor kein Interesse an den Getränken. Sein Mund war fest zusammengekniffen.

Was war los mit ihm? „Warum um alles in der Welt sollte ich Ihnen Mitgefühl entgegenbringen?“

Es konnte doch kaum um seine frühere Freundin gehen. Das war über zwei Jahre her. Niemand redete mehr von Dana oder Paul Harper, Connors ehemaligem Geschäftspartner, der Connor die Lebensgefährtin ausgespannt hatte, während der im Ausland auf einer Geschäftsreise war.

Details über diese Affäre hatte Victoria kurz nach Suzys Hochzeit aus einem Frauenmagazin erfahren. Zu dem Artikel gehörten einige Fotos, die das Paar zu Hause zeigten, in einer modernen Villa im italienischen Stil mit sehr viel Glas und Marmor.

Doch verschiedenen Veröffentlichungen in Geschäftsmagazinen zufolge war es Harper-North Architecture unter Pauls Federführung nicht gut ergangen, nachdem Connor aus der Firma ausgeschieden war. Suzy hatte Victoria einmal erzählt, dass Paul Harper immer noch mit Geld von Connor arbeitete. Sie vermutete, dass der einzige Grund, warum Connor Harper-North – und damit Paul Harper – nicht Konkurs gehen ließ, war, dass er so jeden möglichen Cent aus Paul Harper herauspressen konnte.

Im Gegensatz dazu hatten die Medien groß über The Phoenix Corporation berichtet, Connors neu gegründete Firma, die Grundstücke direkt an der Küste erschloss. Zwischen den Zeilen hatte Victoria herausgelesen, dass er daraus inzwischen eine millionenschwere Erfolgsgeschichte gemacht hatte.

Doch jetzt gewann sie erneut den Eindruck, dass irgendetwas nicht stimmte, als er sich mit beiden Händen hilflos übers Gesicht fuhr.

„Ich hätte nichts von Mitgefühl sagen sollen. Ach zum Teufel, lassen Sie mich noch einmal von vorn anfangen.“ Der Blick, mit dem er sie bedachte, war so ausdruckslos wie zuvor. „Es tut mir leid, Victoria, ich habe schlimme Nachrichten.“

„Schlimme Nachrichten? Was für schlimme Nachrichten?“

„Michael …“

Nein“, unterbrach sie ihn, als könnte sie das daran hindern, seine Verzweiflung zu bemerken. „Nicht Michael!“

Mit Nachdruck klopfte sie auf ihre Armbanduhr. „Er wird bald hier sein. Das weiß ich genau.“

Connor schüttelte den Kopf. Sein Gesicht war aschfahl, seine Augen hatten jede Spur von Lebhaftigkeit verloren. „Das wird er nicht. Er wird nie mehr zurückkommen.“

Er musste zurückkommen.

Entsetzliche Angst erfasste Victoria. Sie merkte, dass sie direkt vor Connor stand – näher als je zuvor, außer in der kurzen katastrophalen Zeitspanne, als sie auf Michaels und Suzys Hochzeit miteinander getanzt hatten. Und als er sie geküsst hatte. „Sie irren sich.“

Denn wenn Michael nicht zurückkam, bedeutete das …

Bestürzt stieß sie hervor: „Suzy. Wo ist Suzy?“

„Victoria …“

Mehr brauchte er diesmal nicht zu sagen. Die Art und Weise, wie er sie mit tiefer Traurigkeit anschaute, besagte alles.

„Nein!“

Er trat noch einen Schritt näher. „Suzy ist auch für immer gegangen.“

Da ließ sich Victoria gegen seine breite Brust fallen, gleichgültig, wie reglos Connor geworden war. Nachdem sie einen Moment lang geschluchzt hatte, legte sie ihm zögernd die Arme um den Nacken.

Er versteifte sich noch mehr, doch nach einem Augenblick schloss er sie ebenfalls in die Arme und drückte sie an sich. Dann schüttelte er sie ab und trat zurück, seine Miene unnahbar.

„Es müssen Vorbereitungen getroffen werden. Ich werde mich darum kümmern, aber ich dachte, Sie sollten Bescheid wissen …“

„Dass Michael und Suzy …“ Sie brachte es nicht fertig, es auszusprechen. „… nicht nach Hause kommen.“

„Das ist richtig.“

„Nein, das ist es nicht. Es ist falsch!“

Sein Blick spiegelte seine ganze Qual wieder. „Victoria …“

Sie schüttelte den Kopf. „Sie werden demnächst an der Tür klingeln … Suzy wird lachen und laut rufen ‚Ich bin zurüüück‘.“

Er zuckte mit den Schultern.

Der Kloß in ihrem Hals wurde immer größer, und ihr kamen die Tränen. „Es ist nicht fair. Sie sollten bald hier sein.“

Connor zog sich rückwärts aus der Küche zurück. „Hören Sie, es gibt eine Menge zu erledigen.“

„Und Sie haben keine Zeit für die gute, altmodische Trauer“, sagte Victoria bitter.

„Sie reagieren über.“ Er wirkte gehetzt. „Ich melde mich später bei Ihnen.“

„Ich begleite Sie.“

„Nein, das lassen Sie bleiben. Allein arbeite ich schneller. Und Sie müssen sich um Dylan kümmern.“

Dylan!

Entsetzt starrte sie Connor an. Gütiger Himmel, wie hatte sie Dylan nur vergessen können?

Dylan hatte seine Eltern verloren.

Connor konnte jetzt nicht gehen. „Connor!“

Doch Connor hatte das Wohnzimmer schon halb durchquert. Er warf ihr über die Schulter einen Blick zu, den sie nicht zu deuten vermochte, blieb jedoch nicht stehen. „Wenn ich zurückkomme, werden wir über Dylan reden.“

1. KAPITEL

August, zwei Jahre zuvor

Das Taxi fuhr vor der malerischen weißen Kirche vor, in der Suzy und Michael morgen heiraten würden. Nachdem Victoria den Fahrer bezahlt hatte, stieg sie aus und machte sich mit ihrem Rollkoffer auf den Weg zum Eingang.

„Hallo, Victoria, hierher.“ Suzy stand heftig winkend auf dem angrenzenden Friedhof hinter dem weiß gestrichenen Holztor. Ihre blonden Locken flogen ihr regelrecht ums Gesicht. „Ich bin so froh, dass du es geschafft hast.“

„Ich auch.“

Victoria öffnete das Tor und umarmte Suzy herzlich.

„Als ich erfuhr, dass mein Flieger Verspätung hat, dachte ich schon, ich würde die Hochzeitsprobe verpassen.“ Sie war auf Geschäftsreise gewesen, um bei einem ihrer größten Kunden eine Buchprüfung durchzuführen. Die SMS, mit der Suzy vor fünf Tagen ihre Hochzeit ankündigte, hatte Victoria geschockt – auch wenn sie es im Nachhinein betrachtet hätte ahnen können. Den letzten Monat über hatte Suzy jeden Satz mit „Michael sagt“ begonnen. Doch Victoria hatte nicht erwartet, dass aus der Romanze so schnell Ernst werden würde. „Du hast dich aber wirklich sehr schnell entschlossen zu heiraten.“

Suzy nahm Victoria bei der Hand. „Komm, sieh dir an, wie das Kirchenkomitee die Blumen arrangiert.“

„Du wechselst das Thema.“

Suzy bedachte Victoria mit einem schiefen Lächeln. „Tory, es ist zu spät mir auszureden, Michael morgen zu heiraten.“

Lächelnd betrachtete Victoria ihre Freundin, der sie öfter aus der Patsche geholfen hatte, als ihr lieb gewesen wäre. „Na, ich hoffe, Michael weiß, worauf er sich einlässt. Ist er schon hier?“

„Er und Connor – sein Trauzeuge – sind auf dem Weg. Wir laden euch beide heute Abend zum Essen ein. Ich habe im Bentley’s einen Tisch reserviert.“ Suzy stieß einen kleinen Seufzer aus. „Ich kann nicht glauben, dass es die letzte Nacht ist, die wir getrennt verbringen werden. Michael kann den morgigen Tag auch kaum abwarten. Komm.“

Mit ihrem Koffer im Schlepptau ließ Victoria sich von Suzy über den von Efeu und Kletterrosen gesäumten Vorplatz führen.

Unvermittelt blieb Victoria stehen. „Suz, meinst du nicht, es wäre besser gewesen, etwas länger zu warten? Du kennst Michael erst …“

„Einen Monat“, unterbrach Suzy sie mit der gewohnten Zwanglosigkeit einer vierundzwanzig Jahre alten Freundschaft. „Aber ich wusste schon nach einer Stunde, dass er der Richtige ist.“

„Aber Suz …“

„Nein, sag nichts mehr. Freu dich einfach für uns. Bitte.“

Wie um alles in der Welt hätte sie Suzy da widerstehen sollen? Um ehrlich zu sein, hatte sie Suzy nie etwas abschlagen können, auch wenn sie, Victoria, eigentlich die Vernünftigere war.

Victoria hörte, wie sich jemand näherte, und sparte sich die Antwort. Sie blickte sich um, und es verschlug ihr die Sprache.

Es war nicht Michael – sosehr sie ihn auch mochte –, der ihre Aufmerksamkeit erregte, sondern der dunkelhaarige Mann, der neben ihm den Kirchhof betrat. Hochgewachsen und kräftig gebaut wie er war, mit Gesichtszügen, die aus Granit gehauen hätten sein können – hohe Wangenknochen, schmale Nase und harter Mund – ließ er ihr einen Schauer über den Rücken laufen.

Victoria kannte diesen Typ. Für solche Männer hatte sie Buchprüfungen in deren supererfolgreichen Firmen durchgeführt.

Ein Magnat.

Reich. Selbstsicher. Skrupellos.

Und das war Michaels Trauzeuge? Ihr Blick wechselte zwischen den beiden Männern hin und her.

Michael, blond und gut aussehend, wirkte gegen die dunkle Stärke des anderen Mannes regelrecht blass. Sie waren so verschieden wie Tag und Nacht. Woher kannte Michael ihn?

Sie musste etwas gesagt haben, denn der Fremde sah sie an. In dem Moment wurde ihr ganz flau im Magen. Im Gegensatz zu seiner gebräunten Haut waren seine hellgrauen Augen so klar und durchscheinend wie Kristall. Aber sie zeigten keinerlei Emotion.

„Connor North.“

Er hatte einen klaren Bariton, und Victoria erkannte den Namen sofort. Harper-North Architecture hatte seit der Firmengründung viele Preise für die innovative Restaurierung viktorianischer Häuser gewonnen und für seine sehr modernen Geschäftshäuser.

Widerstrebend ergriff Victoria seine ausgestreckte Hand. Sie war hart und hatte Schwielen – kaum die Hand eines Mannes, der im Büro Papierkram erledigte.

Doch nach allem, was sie gehört hatte, war Connor North durch und durch Geschäftsmann. Clever in Finanzfragen, beängstigend tüchtig und mit untrüglichem Talent, Projekte auszuwählen, die zu Wahrzeichen werden würden. Er hatte es mit Sicherheit nicht nötig, sich mit körperlicher Arbeit zu beschäftigen, wie das die Schwielen seiner Handflächen vermuten ließen. Der Mann besaß ein Vermögen – und vergrößerte es ständig. Wie sie zuletzt gehört hatte, plante Harper-North gerade, viele der alten Lagerhäuser im Hafenviertel von Auckland in exklusive Geschäftshäuser umzuwandeln. Sie könnte sich mit Lorbeeren schmücken, wenn sie ihn als Kunden gewann – und zweifellos könnte er sie bei einigen der renommierten Firmen einführen, mit denen er Geschäftsbeziehungen unterhielt. Ein oder zwei neue Klienten dieser Kategorie, und sie würde unversehens die höheren Sphären von Archer, Cameron & Edge erreichen.

Er warf einen ungeduldigen Blick auf ihre verschlungenen Hände. Victoria wurde sehr verlegen, als sie merkte, dass sie seine Hand immer noch festhielt. Sie ließ sie los, als habe sie sich verbrannt.

Selbst Suzy starrte sie inzwischen an. „Kennt ihr beide euch?“

Victoria schüttelte nur den Kopf, weil sie ihrer Stimme nicht traute.

„Nein.“ Eindeutig hatte Connor North keine derartigen Probleme.

„Connor, das ist Suzys älteste Freundin, Victoria Sutton.“ Michael lächelte sie an. „Trotz seines Rufs beißt Connor nicht.“

Da war sich Victoria nicht so sicher. Connor North sah aus, als sei er zu viel Schlimmerem fähig.

„Victoria ist Partnerin bei ACE“, informierte Michael Connor.

Eigentlich hätte Victoria dankbar für das Stichwort sein sollen, denn sie sollte unbedingt versuchen, diesen sehr lukrativen Klienten an Land zu ziehen.

Doch als Connor ihr die Chance ihres Lebens mit seiner Frage „Die Wirtschaftsprüfer?“ bot, nickte sie bloß, weil sie ihrer Stimme immer noch nicht traute. Zum Glück hatte sich das flaue Gefühl in ihrem Magen gelegt, das sie bei ihrem ersten Blick in seine Augen gespürt hatte.

Bridget Edge, die Geschäftsführerin von Archer, Cameron & Edge Accounting wäre entsetzt, sie jetzt zu erleben. Angesichts einer einmaligen Chance, einen neuen Kunden zu gewinnen, fiel Victoria auch keine annähernd professionelle Antwort ein. Sie wollte nur möglichst weit weg von diesem Mann. Er machte sie … nervös.

Sich seiner immer noch überbewusst und gleichzeitig seltsam aufgekratzt, ließ Victoria sich von Suzy die Steintreppe hinauf in die Kirche führen, während Michael kurz verschwand, um ihren Koffer in seinen Wagen zu bringen.

In der Kirche war eine Gruppe älterer Frauen dabei, weiße Lilien und wunderschöne langstielige Rosen in hohen Blumenständern zu arrangieren. Sie begrüßten Suzy herzlich. Als Michael zurückkam, versicherten sie ihm immer wieder, welches Glück er habe, Suzy zu heiraten. Victoria bemerkte, dass Connor North die Mundwinkel nach unten verzog.

Er wollte nicht, dass Michael Suzy heiratete!

Diese Erkenntnis erschütterte Victoria. Wie konnte jemand etwas gegen die liebe, bezaubernde Suzy haben?

In der nächsten Viertelstunde lächelte Michael nur nachsichtig, während Suzy alle fröhlich herumkommandierte und Connor immer unnahbarer wurde.

Sein Handy klingelte sechsmal. Jedes Mal zog er es aus der Hosentasche, sah auf das Display und ließ es weiterklingeln.

Victoria wurde durch Connors missbilligendes Schweigen immer angespannter. Sie war nahe daran, ihrem Unmut Luft zu machen, als Suzy mit ihren Anweisungen zu Ende kam, endlich zufrieden, dass der Bräutigam, sein Trauzeuge und die Brautjungfer wussten, was sie bei der Trauung zu tun hatten.

„Ich will, dass der Tag morgen perfekt wird.“ Suzy strahlte Victoria an und bezog dann auch Connor in ihr Lächeln ein. „Michael und ich möchten uns eben noch bei den Damen bedanken, dass sie die Blumen so wundervoll arrangiert haben, dann kommen wir zu euch hinaus.“

„Wir sind entlassen.“ Connor schnitt eine Grimasse, die vermutlich ein Lächeln sein sollte, und trat beiseite, damit Victoria vor ihm den Mittelgang entlang zum Ausgang gehen konnte.

Wissend, dass er direkt hinter ihr ging, beschleunigte Victoria ihre Schritte.

Als sie die Vorhalle fast erreicht hatten, klingelte sein Handy erneut. Mit einem Blick auf das Display sagte er: „Entschuldigen Sie, Verity, diesen Anruf muss ich annehmen.“

Victoria verzog den Mund. „Victoria.“

Connor North schaute sie verdutzt an und zeigte dabei nicht mehr Interesse als jemand, der eine Motte an der Wand betrachtete. Das machte ihn ihr nicht gerade sympathischer. Sie hatte die ganze Woche mit dieser Buchprüfung verbracht; ihr war heiß, sie war müde, und er brachte sie derart durcheinander, während er kaum merkte, dass sie existierte.

„Victoria. Ich heiße Victoria.“

Er ließ den Blick über sie gleiten, und Victoria war sich voll bewusst, dass ihre weiße Bluse vom Flug zerknittert war und ihr wadenlanger schwarzer Rock, der schmal geschnitten war und ihre Hüfte betonte, sie aussehen lassen musste wie eine dürre Vogelscheuche. Sie fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und stellte dabei erleichtert fest, dass wenigstens ihr schulterlanger Bob perfekt saß wie immer.

„Ach ja.“ Connor zuckte abschätzig mit den Schultern und wandte sich ab, um zu telefonieren.

Langsam folgte Victoria ihm zur Kirche hinaus. Es sollte ihr nicht gleichgültig sein, dass er ihre Verärgerung bemerkt hatte. Schließlich wäre er ein erstklassiger Klient. Aber wollte sie mit ihm arbeiten?

Nein.

Tatsächlich konnte sie sich nichts Schlimmeres vorstellen.

Verity, also wirklich! Für ihn waren ganz klar alle Frauen austauschbar. Wie graue Katzen in der Nacht …

Erschreckt unterbrach Victoria ihren Gedankengang. Ausgeschlossen, dass sie je eine von Connor Norths grauen Katzen werden würde. Obwohl seine Frauen alles andere als grau sein würden. Zweifellos war er der Typ Mann, der attraktive, begehrenswerte, vollbusige Frauen bevorzugte.

Nein, für diese Kategorie war sie keine Kandidatin.

Bügelbrett. Bohnenstange. Brillenschlange. Die hässlichen Spitznamen trafen nicht mehr zu, und nur Suzy wusste, dass es einmal ein junges Mädchen gegeben hatte, auf das sie passten. Das alles war Vergangenheit. Jetzt war sie Partnerin in einer angesehenen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Das konnte ihr niemand nehmen. Sie hatte für diese Position gekämpft und nicht zugelassen, dass grausame, kindische Verspottungen oder ihre pflichtvergessenen Eltern ihren Weg zum Erfolg blockierten … und zur Unabhängigkeit.

Sie zwang sich, nicht alten, negativen Erinnerungen nachzuhängen, und trat mit einem Lächeln ins Vestibül der Kirche, wo Connor telefonierend auf und ab ging. Sie atmete tief den vom Vorplatz hereinströmenden Lavendelduft ein, und langsam kehrte ihre Gelassenheit zurück.

„Michael und Suzy haben einen Tisch reserviert, um uns zum Essen einzuladen“, sagte sie zu Connor, als er sein Telefonat beendete, für den Fall, dass er zu einem heißen Date aufbrechen wollte und das Brautpaar ganz vergaß.

Er kniff den Mund zusammen. „Ich bin mir sicher, dass Michael und Suzy lieber einen ruhigen Abend miteinander verbringen möchten, ehe morgen der Hochzeitsstress losgeht.“

Warum hatte sie nicht daran gedacht?

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