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Ein unmoralisches Angebot

Prolog

 

"Die Befehle wurden ausgeführt, Königliche Hoheit – der finanzielle Verlust, den Ihre Untertanen erlitten haben, wurde vollständig ausgeglichen."

Prinz Zakour drehte sich um. Er stand am Fenster seines Büros und hatte seinen Hengst beobachtet, der unten im Hof für Aufregung unter der Dienerschaft sorgte.

"Nicht ganz." Nur die dunklen, fast schwarzen Augen verrieten die Wut des Prinzen. Seine Stimme dagegen klang ruhig, als er mit Sharif sprach, seinem persönlichen Diener und engsten Vertrauten seit nunmehr fast zwanzig Jahren. "Die Schuld an mir ist noch offen. Wurde dem Engländer alles übermittelt?"

Sharif schluckte und verbeugte sich. "Wie Königliche Hoheit es befohlen haben."

Der Ton seines alten Dieners machte Zakour misstrauisch. "Erscheint Peter Kingston zu dem Treffen?" fragte er direkt.

Sharif wurde blass. "Wie ich erfahren habe, hat Mr. Kingston seine Schwester mit der Vertretung seiner Interessen beauftragt", antwortete er zögernd.

Der Engländer entzog sich also wieder einmal seiner Verantwortung! Zakour dehnte die Muskeln seiner breiten Schultern, um sie zu lockern. Manchmal wünschte er wirklich, er könnte noch nach den alten Stammesgesetzen regieren wie seine Vorfahren. Doch da sich Kazban zu einem modernen Staat entwickelt hatte, würde Peter Kingston nicht die Strafe bekommen, die er zweifellos verdient hatte.

Sharif räusperte sich. "Eine unglaubliche Entscheidung. Was ist das für ein Mann, der seine Ehre von einer Frau verteidigen lässt?"

"Ein Feigling. Aber das wissen wir ja schon." Zakour lächelte grimmig. "Deshalb überrascht es auch nicht weiter, dass er jetzt seine Schwester in die Höhle des Löwen schickt! Hoffentlich ist die Dame entsprechend gewappnet."

"Kingston nimmt wahrscheinlich an, Königliche Hoheit lassen einer Frau gegenüber Gnade vor Recht ergehen."

Zakour lachte verächtlich.

Hätte Peter Kingston sich besser informiert, wäre ihm dieser Fehler bestimmt nicht unterlaufen. Er, Prinz Zakour Al-Farisi, hatte seine Lektion schon früh gelernt und war dem weiblichen Geschlecht gegenüber alles andere als mild und nachgiebig eingestellt. Frauen, so hatte es die Erfahrung ihn gelehrt, waren von Natur aus raffiniert und egoistisch, und er ließ ihnen die Behandlung angedeihen, die sie verdienten.

"Peter Kingston ist ein gemeiner Dieb und hinterhältiger Betrüger. Er hat ehrliche Bürger um ihre hart erarbeiteten Ersparnisse gebracht. In England mag das ein Kavaliersdelikt sein, in Kazban ist es ein Verbrechen. In seinem Fall bin ich nicht geneigt, Gnade walten zu lassen."

Sharif verschränkte die Hände vor der Brust und verneigte sich. "Wären Königliche Hoheit nicht eingeschritten, hätte die List dieses Engländers viele Familien die Existenz gekostet. Meiner Ansicht nach sollten alle wissen, dass Königliche Hoheit es waren, die …"

"Das ist unwichtig", fiel Zakour ihm ins Wort und ging unruhig auf dem kostbaren handgeknüpften Teppich auf und ab. "Mir geht es allein darum, Derartiges in Zukunft zu verhindern. Kingston soll als abschreckendes Beispiel dienen, deshalb werde ich hart gegen ihn vorgehen."

"Es war ein kluger Zug von Kingston, seine Schwester zu schicken, denn jeder weiß, wie sehr Königliche Hoheit die Gesellschaft von Frauen schätzen", bemerkte Sharif.

Zakour legte den Kopf zurück und musterte seinen Vertrauten. "Nur im Bett, Sharif", antwortete er. "Ansonsten haben Frauen in meinem Leben keinen Platz."

Nie wieder würde er einer Frau sein Vertrauen schenken!

"Und dabei wünscht der König nichts sehnlicher, als seinen Sohn endlich verheiratet zu sehen!" Erwartungsvoll sah Sharif den Prinzen an.

"Das ist mir bewusst", erwiderte Zakour kalt.

Sharif zögerte. "Königliche Hoheit werden mir vorwerfen, meine Zuständigkeit zu überschreiten, doch ich kenne Sie von Geburt an und bedauere Ihre Einsamkeit tief. Was Ihnen fehlt, ist die Geborgenheit und Wärme, die ein Mann nur in seiner eigenen Familie finden kann."

"Wie du sehr richtig erkannt hast, Sharif, steht dir ein Urteil darüber nicht zu." Zakours Stimme klang immer noch eisig, doch sein Blick wurde weicher. Sein treuer Berater war einer der wenigen Menschen, denen der Prinz sein Leben anvertraut hätte. "Spar dir dein Mitleid, Sharif, ich liebe mein Leben als Junggeselle. Nur meinem Vater fällt es von Tag zu Tag schwerer, meine Entscheidung zu akzeptieren."

Zakour machte sich keine Illusionen, über kurz oder lang würde er heiraten müssen. Keinesfalls jedoch würde er die Frau nehmen, die sein Vater für ihn ausgesucht hatte. Wenn eine Ehe unausweichlich war, würde er sich seine Braut selbst wählen, und das frei von jeglichen Sentimentalitäten.

"Wir sprachen gerade über Miss Kingston", kam der Prinz wieder auf das eigentliche Thema zurück.

Sharif wiegte den Kopf. "Der Engländer scheint sich auf den Edelmut Ihrer Königlichen Hoheit zu verlassen."

Zakours Lächeln fehlte jede Spur von Humor, und seine Stimme klang gefährlich sanft. "Dann hat er sich getäuscht. Eine Frau, die mit Peter Kingston zu tun hat, ist bestimmt kein unbeschriebenes Blatt. Wenn er sie vorschickt, weil er der Auffassung ist, eine holde Schöne würde meine Ritterlichkeit wecken, hat er einen taktischen Fehler begangen."

Sein Blick fiel auf das reich verzierte Schwert auf seinem Schreibtisch, und er nahm es auf. Vertraut lag der schwere Griff in seiner Hand, und der Stahl der ziselierten Klinge glänzte matt. Rachegefühle brachten Zakours sonst so eiserne Selbstkontrolle ins Wanken.

Verrat!

Mit einer geschmeidigen Bewegung ließ er die Klinge durch die Luft sausen, und Sharif trat hastig einen Schritt zurück.

Wie jeder Bürger Kazbans wusste er, was für ein hervorragender Schwertkämpfer der Prinz war. Dem alten Diener tat Miss Kingston plötzlich Leid – hoffentlich besaß sie eine starke Persönlichkeit. Heimlich beobachtete er seinen jungen Herrn, wie er beherrscht das Schwert zurück an seinen Platz legte.

Sollte Peter Kingston es auf einen Kampf angelegt haben, hatte er mit Kronprinz Zakour Al-Farisi eine denkbar schlechte Wahl getroffen.

1. Kapitel

 

"Seine Königliche Hoheit wird Sie jetzt empfangen, Miss Kingston. Bitte bleiben Sie während der Audienz stehen, und sprechen Sie nur, wenn Sie gefragt werden." Der Mann im weißen Kaftan neigte leicht den Kopf, seine Miene war ausdruckslos. "Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass Seine Hoheit ein viel beschäftigter Mann mit wichtigen Pflichten ist. In Ihrem eigenen Interesse darf ich Ihnen empfehlen, seine Zeit nicht zu verschwenden."

Amy schluckte mühsam und bereute plötzlich ihren spontanen Entschluss, Peter ihre Unterstützung angeboten zu haben. Doch sie hatte ihrem großen Bruder endlich einmal helfen wollen, statt sich von ihm immer nur beschützen zu lassen.

Peter hat schon so viel für mich getan!

Außerdem war ihr das Abenteuer, nach Kazban zu reisen, als willkommene Abwechslung erschienen, denn sie führte ein streng geregeltes und behütetes Leben. Doch jetzt war alles so ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Ihr kamen Zweifel, ob sie der Lage überhaupt gewachsen war, und sie befürchtete plötzlich, Peter mehr zu schaden, als zu nutzen.

Wie sie es auch drehte und wendete, Kronprinz Zakour würde von dem, was sie ihm zu sagen hatte, nicht begeistert sein. Peter schuldete ihm Geld – Geld, das er momentan nicht zurückzahlen konnte.

"Wenn ich nach Kazban fliege, Amy, wird man mich dort ins Gefängnis werfen."

Diese Äußerung ihres Bruders hatte sie für eine Übertreibung gehalten. Kazban war ein weltoffener Staat, und den für seinen Reichtum berühmten Prinzen um Zahlungsaufschub zu bitten war ihr als einfachste Sache der Welt erschienen.

Doch das war zu Hause in England gewesen. Hier in Kazban war sie sich ihrer Sache plötzlich nicht mehr so sicher, und der Gesichtsausdruck des königlichen Dieners bestärkte ihre Zweifel. Gespielt ruhig stand sie auf. Sie wusste nicht viel über den Prinzen, doch selbst das versuchte sie zu vergessen. Was kümmerte es sie, wenn er einen ungewöhnlich scharfen Verstand besaß, sich mit Dutzenden von Frauen amüsierte und sein Herz aus Stein war?

Als Mann war er uninteressant für sie, er war der Geschäftspartner ihres Bruders, dem sie eine Nachricht zu überbringen hatte, mehr nicht.

Aber wenn ich nun etwas Falsches sage?

Ein Abenteuer war gut und schön, doch welche Voraussetzungen brachte sie mit, es erfolgreich zu bestehen? Sie war Vorschullehrerin, brachte fünfjährigen Kindern die Grundbegriffe des Lesens, Schreibens und Rechnens bei und half ihnen, sich im Schulalltag zurechtzufinden. Davon, wie man mit einem Mann verhandelte, der schon vor dem Frühstück Verträge über Millionen von Dollar abschloss, hatte sie nicht den blassesten Schimmer. Ihr Bruder musste verrückt gewesen sein, sie mit diesem Auftrag zu betrauen.

Oder völlig verzweifelt!

Peter steckte in Schwierigkeiten, davon war sie inzwischen überzeugt. Als sie ihn nach Einzelheiten gefragt hatte, war er ihr ausgewichen. Es handele sich lediglich um einen finanziellen Engpass, hatte er erklärt, und sie brauche sich keine Sorgen zu machen.

Sie vertraute ihrem Bruder uneingeschränkt, dennoch bedauerte sie nun, sich mit diesen Allgemeinplätzen zufrieden gegeben zu haben. Hatte Peter in letzter Zeit nicht auch sehr bedrückt gewirkt?

Nervös ging Amy neben Sharif die ihr endlos erscheinenden, marmorgefliesten Korridore entlang. Wenn sie es auch nicht wahrhaben wollte, der orientalische Prunk des Goldenen Palastes von Kazban schüchterte sie ein. Nahezu vor jeder Tür standen Wachen, und Amy wagte kaum, sich umzublicken.

Mit aller Macht zwang sie sich zur Ruhe. In diesem Palast lebte die königliche Familie, die selbstverständlich eine mit Pistolen und Schwertern bewaffnete Leibgarde besaß. Mit ihr, Amy, die nur eine Nachricht übermitteln sollte, hatte das nichts zu tun.

Trotzdem hätte sie am liebsten auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre aus dem Palast gelaufen. Nicht nur aus dem Palast, sondern weiter durch die geheimnisvolle, sonnendurchglühte Wüstenlandschaft, durch die man sie auf dem Weg hierher gefahren hatte, bis zum Flughafen. Wie gern wäre sie jetzt wieder in ihrer kleinen Heimatstadt in England – zurück in der Einsamkeit.

Energisch verbot sie sich alle weiteren Gedanken an ihr Zuhause. Sie musste sich auf den Zweck ihrer Reise konzentrieren. Seit dem Tod ihrer Eltern bis zu diesem Tag hatte ihr Bruder, der fünf Jahre älter war als sie, für sie gesorgt wie ein Vater. Ihn jetzt im Stich zu lassen würde sie sich nie verzeihen.

Amy hatte Mühe, mit Sharif Schritt zu halten. "Könnten Sie vielleicht etwas langsamer gehen?" bat sie. "Meine Sandaletten sind für einen Spurt auf glattem Boden nicht geeignet, und andere Schuhe habe ich nicht dabei. Dem Prinzen mit einem gebrochenen Knöchel gegenüberzutreten wäre mir sehr peinlich."

Dass sie den Prinzen nach näherem Überlegen eigentlich überhaupt nicht mehr begegnen wollte, verschwieg sie lieber. Das Mitleid, das sie in den Augen des alten Dieners zu entdecken glaubte, ließ ihren Mut noch weiter sinken. Meine Entscheidung ist falsch gewesen, erkannte sie verzweifelt.

Warum schien jeder Angst vor Zakour Al-Farisi zu haben? War er wirklich so skrupellos, wie man es ihm nachsagte? Jeder Mensch hat auch seine guten Seiten, beruhigte sie sich, als die Panik sie zu überwältigen drohte.

Der Mann blieb vor einer Tür stehen, vor der sich gleich mehrere bewaffnete Wächter befanden, trat ein und bedeutete ihr, ihm zu folgen.

Panik befiel Amy plötzlich.

"Ich glaube, ich bin doch nicht die richtige Ansprechpartnerin für den Prinzen. Wenn er so beschäftigt ist, sollte ich ihn nicht stören und lieber meinen Bruder schicken." Hoffnungsvoll sah sie den Mann an. Doch dieser schob sie wortlos ins Zimmer.

Von dem großen, prächtig ausgestatteten Raum tief beeindruckt, blieb Amy staunend stehen. Auf der einen Seite befanden sich durch Säulen getrennte Spitzbogenfenster, die gedämpftes Licht auf die kostbaren Bildteppiche an der gegenüberliegenden Wand fallen ließen.

Alles um sich her vergessend, trat Amy näher, um sie genauer zu betrachten. Die Wildpferde, die darauf zu sehen waren, wirkten so echt, dass man das Donnern der Hufe förmlich zu hören meinte.

In einer Ecke lagen kostbar bestickte Seidenkissen, die zum Sitzen einluden, etwas weiter entfernt stand ein kunstvoll geschnitzter Tisch, auf dem ein Computer in modernstem Design stand.

Der Kontrast zwischen alter arabischer Kultur und neuester westlicher Elektronik verschlug Amy den Atem. Wer immer diesen Raum bewohnte, benutzte ihn offensichtlich als Büro.

Sie blickte sich um und wünschte, sie hätte sich anders angezogen. Ihr braves blaues Leinenkleid war sicherlich praktisch, entbehrte jedoch Schick und Eleganz. Von ihrem Gehalt als Lehrerin konnte sie sich jedoch keine Modellkleider leisten, außerdem war ihr für die Schule bequeme Garderobe die liebste.

Amy besann sich und wandte sich wieder an ihren Begleiter. "Wann werde ich den Prinzen sehen? Sollte ich auf meine Audienz nicht doch lieber verzichten, wenn er so viel zu tun hat? Ich möchte ihm keinesfalls lästig werden."

Anstatt ihr zu antworten, ließ sich der Diener plötzlich auf die Knie fallen. Überrascht blickte Amy ihn an.

"Sie möchten schon wieder abreisen, Miss Kingston?" vernahm sie plötzlich eine Stimme hinter sich. "Lässt unser Land es an Gastfreundschaft fehlen, dass Sie uns schon so schnell wieder verlassen wollen? Oder leiden Sie an schlechtem Gewissen und möchten flüchten?"

"Weshalb sollte ausgerechnet ich ein schlechtes Gewissen haben?" Empört drehte Amy sich um – und sah direkt in die dunklen Augen eines Mannes.

Der herausfordernde Blick des Fremden erregte sie auf seltsame Weise, und ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Noch nie hatte sie sich so als Frau gefühlt. Ihr schwindelte, und sie war weder zu einer Bewegung noch zu einem klaren Gedanken fähig. Erst als der Unbekannte auf sie zukam, gelang es ihr, sich aus seinem Bann zu lösen.

Der Mann musste schon dort gestanden haben, als sie den Raum betreten hatte. Sie hatte ihn nur nicht bemerkt, weil sie von ihrer Umgebung so überwältigt gewesen war.

Aber wie war das möglich? fragte sie sich. Wie hatte sie einen Menschen mit einer solchen Ausstrahlung nicht wahrnehmen können? Wenn ein Mann eine Frau in Versuchung führen konnte, dann er. Selbst in seinem perfekt sitzenden westlichen Anzug wirkte er ungewöhnlich und unkonventionell. Amy hätte ihn nie für einen Geschäftsmann gehalten, vielleicht für einen Piraten – oder eher noch für einen Beduinen.

Er war ein Mann, den die faszinierende Wüstenlandschaft Kazbans geprägt zu haben schien, ein Mann, wie er männlicher nicht hätte sein können. Das glänzende tiefschwarze Haar trug er aus der Stirn gekämmt, und nichts störte die klassische Schönheit seines von der Sonne tief gebräunten Gesichts. Seine Nase war aristokratisch, und seine Haltung zeugte von Stolz und Autorität.

Amy fühlte sich einer Ohnmacht nah, solche Wirkung hatte er auf sie. Sie atmete einige Male tief durch, um wieder klar denken zu können.

Inzwischen hatte der Diener sich erhoben und sah sie beschwörend von der Seite an. "Verbeugen Sie sich vor dem Prinzen", zischte er ihr zu.

"Dem Prinzen? Natürlich, aber wo …" Amy verstummte, als ihr die Wahrheit dämmerte. "Wie konnte ich nur!" Hastig verbeugte sie sich, peinlich bewusst, dass Zakour Al-Farisi sie dabei nicht aus den Augen ließ.

Sie hätte natürlich spüren müssen, dass nur er der Prinz sein konnte, doch er war jünger und anders gekleidet, als sie es sich vorgestellt hatte. Dennoch bestand kein Zweifel: Seine Züge, seine Haltung, sein Blick, alles sprach für seine königliche Abstammung.

"Es … es tut mir Leid, Königliche Hoheit", entschuldigte sie sich unbeholfen und verbeugte sich sicherheitshalber ein zweites Mal. "Aber ein wenig liegt das auch an Ihnen. Sie haben sich nicht vorgestellt, und gekleidet wie ein Prinz sind Sie auch nicht."

Der Diener, der sie hereingeführt hatte, konnte nur mit Mühe ein Stöhnen unterdrücken, Prinz Zakour dagegen zuckte nicht einmal mit der Wimper.

"Und wie sollte ich mich Ihrer Meinung nach kleiden, Miss Kingston?" Obwohl seine Stimme voll und wohltönend klang, hatte sie einen gefährlichen Unterton. Dieser Mann besaß ganz offensichtlich ein unerschütterliches Selbstbewusstsein, bestimmt gab es keine Frau in ganz Kazban, die ihn nicht vergötterte.

"Wie ein arabischer Prinz eben … wallende Gewänder und so …" Amy verstummte betreten. Sie benahm sich wie ein dummes Gänschen!

Prinz Zakour teilte diese Meinung anscheinend, denn er lächelte ironisch. "Halten sie uns für einen Operettenstaat, in dem jeder kostümiert zu sein hat?" Ohne ihre Antwort abzuwarten, wandte er sich an seinen Diener und befahl ihm etwas in einer Sprache, die sie nicht verstand. Der verbeugte sich und zog sich sofort zurück, nicht ohne Amy einen letzten, mitleidsvollen Blick zuzuwerfen.

"Das … das Missverständnis tut mir Leid", sagte Amy noch einmal.

"Es lag allein auf Ihrer Seite, Miss Kingston." Der Prinz ging zum Fenster und blickte in den Innenhof, wo etwas seine Aufmerksamkeit erregt zu haben schien.

Amy konnte den Blick nicht von ihm wenden. Eine Frau, die von diesem Mann nicht fasziniert war, musste blind sein – oder weise.

Das erste Mal in ihrem bisher ereignislosen und außergewöhnlich behüteten Leben stand sie einem Mann gegenüber, vor dem ihre innere Stimme sie eindringlich warnte. Amy trat einen Schritt zurück und versuchte, ihre Gefühle wieder unter Kontrolle zu bekommen. Hoffentlich erriet Prinz Zakour nicht, was in ihr vorging.

"Sie wundern sich bestimmt, mich hier zu sehen", versuchte sie das Gespräch in Gang zu bringen.

Abrupt drehte er sich zu ihr um. "Ich kann mich nicht erinnern, Sie zum Reden aufgefordert zu haben."

Amy errötete und fühlte sich erniedrigt. Was gab ihm das Recht, sie derart zu behandeln? Sie traute sich nicht, ihm in die Augen zu sehen, und betrachtete stattdessen seine breiten Schultern. Im Ernstfall würde Zakour bestimmt keine Leibgarde brauchen, um sich zu verteidigen. Er sah ganz so aus, als könnte er auch mit mehreren Feinden gleichzeitig fertig werden. Unter seinem perfekt sitzenden Anzug verbarg sich ein athletischer Körper.

Zakour verkörperte nicht nur das Idealbild eines Märchenprinzen, er war ein echter Prinz obendrein. Als sie seine Blicke auf sich spürte, musste sie schlucken.

"Treten Sie näher", befahl er, und Amy gehorchte widerstandslos.

Zu ihrem Leidwesen war sie gut eins achtzig groß und daher gewohnt, sich mit den meisten Männern auf gleicher Augenhöhe zu befinden. Doch um Prinz Zakour ins Gesicht zu sehen, musste sie den Kopf zurücklegen. Zum ersten Mal in ihrem Leben genoss sie das Gefühl, zart, zerbrechlich und unbeschreiblich weiblich zu sein.

"Sie sind also Peter Kingstons Schwester." Arrogant musterte er sie von Kopf bis Fuß. "In Ihrem Interesse hoffe ich, Sie sind gekommen, um seine Schulden zu begleichen, denn das war der Sinn dieses Treffens."

Seine Worte waren eine offene Drohung, und Amy wünschte, niemals nach Kazban gekommen zu sein. Vergeblich suchte sie in den Augen des Prinzen nach Mitgefühl und Wärme.

"Geld habe ich leider nicht dabei – die Angelegenheit ist etwas kompliziert", antwortete sie zögernd.

"Sie irren, die Sachlage ist so eindeutig, dass sich jede weitere Diskussion erübrigt."

Wie konnte ein Mann so ruhig und leise sprechen und dabei so unnachgiebig klingen? Prinz Zakour stand in dem Ruf, ein äußerst erfolgreicher Geschäftsmann zu sein – anscheinend trug allein sein Auftreten entscheidend zu seinem Erfolg bei.

"Bestimmt möchten Sie wissen, weshalb ich anstelle meines Bruders vor Ihnen stehe." Sie gab sich größte Mühe, möglichst diplomatisch vorzugehen.

Der Prinz reagierte darauf jedoch nur mit Spott. "Ich bin nicht auf den Kopf gefallen, Miss Kingston. Meinen Sie, ich wüsste nicht, weshalb Ihr Bruder seine bezaubernde Schwester vorgeschickt hat?"

Sein Blick ließ sie erbeben. Was dachte er nur von ihr? "Peter ist verhindert, allein aus diesem Grund bin ich hier", verteidigte sie sich.

Zakour Al-Farisi zog die Brauen hoch. "Das soll ich Ihnen glauben? Haben Sie nicht viel eher den Auftrag, mich zu umgarnen und gnädig zu stimmen?"

Er verließ seinen Platz am Fenster, ging langsam um Amy herum und begutachtete sie wie eine Ware, die er zu kaufen gedachte. Dann legte er ihr die Hand unters Kinn und drehte ihren Kopf ins Licht. "Sie sollen mich dazu bringen, Ihrem Bruder die Schulden zu erlassen, das ist doch Ihr Ziel, oder?"

Seine Berührung ließ Amy erschauern, und sie konnte sich nur schwer konzentrieren. "Nicht erlassen – nur stunden", erklärte sie stockend.

"Ehe Sie sich weiter in Lügen verstricken, möchte ich Ihnen etwas sagen: Wenn ich bei einer Frau eines nicht ausstehen kann, dann ist es Unaufrichtigkeit."

"Was gibt Ihnen das Recht, mich als Lügnerin zu bezeichnen?" Amy war empört. "Peter will die Schulden bezahlen, so wahr ich hier stehe. Er bittet lediglich um einen Aufschub von zwei Monaten, dann wird er jeden Penny zurückzahlen, das hat er versprochen."

"Er hat auch versprochen, zum Vorteil von Kazban zu investieren."

Nervös trat Amy von einem Fuß auf den anderen. Zu diesem Vorwurf konnte sie nichts sagen, denn über Peters Geldgeschäfte war sie nicht informiert. Sie war nach Kazban geflogen, weil sie ihren Bruder liebte und ihm helfen wollte.

"Peter hat keine Einzelheiten genannt", gab sie widerstrebend zu. "Ich soll lediglich seine Bitte vortragen, nämlich die ihm gegebene Frist um zwei Monate zu verlängern."

Zakour blickte sie durchdringend an. "Und weshalb sollte ich diesem Wunsch nachkommen?"

Verwirrt sah Amy zu Boden. Auf die Idee, der Prinz könne die Bitte abschlagen, war sie nicht gekommen, denn Zakour Al-Farisi war einer der reichsten Männer der Welt. Er würde es doch bestimmt nicht einmal merken, wenn Peter seinen Verpflichtungen einige Wochen später nachkäme!

"Weshalb?" wiederholte sie und rang sich ein Lächeln ab. "Weil Sie ein netter Mensch sind, nehme ich an."

"Dann besitzen Sie keinerlei Menschenkenntnis, Miss Kingston, ich bin nämlich alles andere als ein netter Mensch."

Mit einer geschickten Bewegung entfernte er ihr die Spange aus dem Haar und warf sie achtlos zu Boden. Extra für diese Begegnung hatte Amy ihre dichten blonden Locken gebändigt und straff zurückgekämmt. Die Mühe hätte sie sich sparen können, denn ohne den künstlichen Halt ringelte sich ihr Haar sofort wieder und fiel ihr seidig auf die Schultern. Schockiert hielt sie den Atem an.

"Warum haben Sie das getan?" fragte sie dann leise.

"Können Sie sich das nicht denken?" Der Prinz lächelte zynisch. "Wie ich bereits erwähnte, verabscheue ich jegliche Art von Unaufrichtigkeit. Sie können mir nichts vormachen, Miss Kingston, Ihr Bruder hat Sie geschickt, weil er auf Ihre weiblichen Reize setzt. Daher wäre es ehrlicher gewesen, diese auch zu zeigen, statt im hochgeschlossenen Kleid und mit zusammengestecktem Haar die Unschuld vom Lande zu spielen."

Amy war fassungslos. Was dachte er nur von ihr? Benommen schüttelte sie den Kopf. "Sie verstehen das völlig falsch."

"Das glaube ich kaum. Ihr Bruder scheint doch nicht der Dummkopf zu sein, für den ich ihn gehalten habe." Er trat einen Schritt zurück. "Sie sind eine außergewöhnlich schöne Frau."

Erstaunt sah sie ihn an. Außergewöhnlich schön? Stets hatte man ihr eingeredet, sie sei viel zu groß, um Männern zu gefallen. Ein Kompliment, wie der Prinz es ihr eben gemacht hatte, hörte sie zum ersten Mal.

So bewundernd seine Worte auch klangen, seine Augen blickten kalt, was bewies, wie herzlos er war. Er traute ihr zu, den Aufschub, um den Peter bat, durch Liebe erkaufen zu wollen.

Mit beiden Händen strich sie ihr Haar glatt und versuchte, es hinter die Ohren zu stecken. "Ich weiß nicht, was mein Kleid mit meinem Anliegen zu tun hat",

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