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Ein traumhaftes Angebot

1. KAPITEL

Aus. Vorbei. Nie wieder. Traurig strich Nina Baxter über die Lehne des Bürostuhls, auf dem sie fünf Tage die Woche gesessen hatte, seit sie bei der Hanson Media Gruppe zur Sekretärin in der PR-Abteilung befördert worden war.

Jetzt hatte man sie gefeuert. Entlassen, verbesserte sie sich bitter in Gedanken.

„Es liegt nicht an Ihnen“, hatte die Personalleiterin beteuert, „aber Sie wissen ja, dass wir wegen der großen Probleme der Firma leider Personal abbauen müssen.“

Natürlich lag es nicht an ihr. Die Hanson Media Gruppe war ihr zweites Zuhause gewesen, seit sie sich als Neunzehnjährige hier als Schreibkraft beworben hatte – frisch verheiratet, mit ihrem ersten Kind schwanger, und begeistert über die erste richtige Arbeitsstelle.

Sie hatte sich hochgearbeitet, war aufgestiegen zu einer der Sekretärinnen in David Hansons PR-Abteilung. Und dann war der Job plötzlich überlebenswichtig geworden. Als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern brauchte sie nicht nur das Geld, sondern auch das beruhigende Gefühl, selbst für ihre Familie sorgen zu können.

Aus und vorbei.

„Wenn Sie noch Sachen hier haben, die Sie mitnehmen wollen, können Sie die am Montag abholen“, hatte die Personalleiterin vorgeschlagen.

Doch Nina hatte keine Lust, sich an einem Arbeitstag von ihren Kolleginnen zu verabschieden – mit Tränen in den Augen und einem Pappkarton mit ihren Habseligkeiten im Arm.

Deshalb hatte sie sich von ihrer Freundin und Kollegin Carolyn deren Firmenausweis geliehen, um das Gebäude am Sonntag betreten zu können – der Pförtner kannte sie schließlich vom Sehen und hatte den Ausweis, den sie ganz selbstverständlich ins Lesegerät gesteckt hatte, nicht weiter beachtet.

Wenn sie nur daran dachte, wie ihr Leben jetzt weitergehen sollte, wurde ihr ganz schlecht.

Um sich abzulenken, legte sie Mantel und Schal ab und machte sich an die Arbeit. Sie hatte eine große Umhängetasche mitgebracht, in die sie jetzt die persönlichen Gegenstände auf ihrem Schreibtisch einpackte. Zwei Fotos von ihren Kindern, ihre Lieblingsstifte, der lilafarbene Notizblock in Nilpferdform.

Als sie zu der goldfarbenen Plastiktrophäe mit der Plakette „Beste Sekretärin der Welt“ kam, hielt sie inne. Die hatte ihre Tochter Isabella ihr geschenkt, nachdem sie am Familientag Nina bei der Arbeit hatte besuchen dürfen.

Mit großen Augen hatte Isabella beobachtet, wie schnell und sicher ihre Mutter tippte, und Nina war so stolz gewesen, als hätte sie einen Weltrekord gebrochen.

Mit zitternden Händen steckte sie die Trophäe in die Tasche, und statt Wehmut spürte sie plötzlich Ärger. Schließlich war es nicht ihre Schuld, dass die Hanson Media Gruppe in Schwierigkeiten steckte. Keiner der Entlassenen konnte etwas dafür. Die Probleme kamen von oben, aus dem Management, aber das war den Verantwortlichen ja egal. Die hohen Herren schafften immer ihre Schäfchen ins Trockene, und die kleinen Angestellten konnten zusehen, wo sie blieben.

Und anstatt sich am Freitag schon darüber aufzuregen, hatte sich Nina nach ihrer Entlassung auch noch um die sichtlich gestresste Personalleiterin gekümmert und ihr ein Glas Wasser und zwei Aspirin gebracht.

„Was bin ich doch für ein dummes Huhn!“, schimpfte Nina vor sich hin. Von den Hanson-Leuten würde ihr keiner Tabletten bringen, wenn sie Kopfschmerzen bekam, weil sie nun Bewerbungen schreiben musste. Und es würde auch keinen kümmern, wenn sie die Miete nicht mehr bezahlen konnte und mit den Kindern auf der Straße stand.

„Die interessiert das doch einen Dreck!“, rief sie aufgebracht. Wütend griff sie nach dem ersten Gegenstand, der ihr in die Hände fiel – eine Plastikschachtel mit bunten Büroklammern –, und schleuderte ihn an die dicke Eichentür von David Hansons Büro.

David Hanson – der gehörte auch zu den hohen Tieren. Und bestimmt würde er in Zukunft nicht auf teure Abendessen im Nobelrestaurant verzichten, während seine entlassenen Angestellten von Tütensuppen lebten.

Die Büroklammerschachtel prallte mit einem beeindruckenden Scheppern von der Tür ab, aber das reichte Nina noch nicht. Also nahm sie ihren Duden und warf ihn gleich hinterher. Als nächstes griff sie nach dem Synonymwörterbuch. Und bei jedem Wurf benutzte sie ein Schimpfwort, das sie vorher noch nie im Leben in den Mund genommen hatte.

Aber immerhin fühlte sie sich schon ein bisschen besser.

„Was zum …“ David Hanson blickte von seiner Arbeit auf und starrte auf die geschlossene Tür im Vorzimmer seines Büros. Zuerst hatte er gedacht, dass jemand anklopfte, was am Sonntag ja schon seltsam genug war. Doch bereits beim zweiten Mal wurde ihm klar, dass es sich bei den lauten Schlägen an die Tür ganz bestimmt nicht um Klopfen handelte.

Draußen war jemand, und er warf mit Gegenständen um sich.

David kam überhaupt nicht auf die Idee, den Sicherheitsdienst zu rufen. Er stand einfach vom Schreibtisch auf, durchquerte das Vorzimmer und wartete, bis es draußen still wurde. Dann riss er die Tür auf …

… und konnte sich gerade noch ducken, bevor ein Edelstahl-Thermosbecher ihn am Kopf traf.

„Heiliger Bimbam!“ Als David sich wieder aufrichtete, sah er eine recht aufgelöste Blondine, die bereits wieder zum Wurf ausholte. „Genug jetzt!“ David hob die Hand, und als sie tatsächlich innehielt, fuhr er fort: „Verzeihung, aber was zum Teufel ist hier eigentlich los?“

Der Blondine hatte es offenbar die Sprache verschlagen. Wie vom Donner gerührt stand sie da.

Schnell blickte David sich um. So wie’s aussah, waren sie allein, also hatte er wohl eine Chance. Zielen konnte sie, das musste man ihr lassen, denn sie stand etwa zehn Meter von der Tür entfernt. Allerdings fiel ihm auf, dass sie dringend ein Taschentuch brauchte.

Tränen liefen ihr übers Gesicht, die Nase war geschwollen, und ihre Wangen glühten. Sie sah aus wie ein Häuflein Elend. Wenn sie nicht dabei gewesen wäre, das Büro zu zerlegen, hätte er sie bemitleidet.

Vielleicht sollte er doch den Sicherheitsdienst rufen? Schließlich hatte er genügend andere Probleme am Hals, da musste er sich nicht auch noch mit einer Verrückten anlegen.

Er war schon dabei, sich umzudrehen, als ihm etwas auffiel. Ungläubig kniff er die Augen zusammen. „Miss Baxter?“

Den Arm noch immer erhoben, zwinkerte die Blondine ihre Tränen weg, lächelte zittrig und erwiderte: „Ja?“

Liebe Güte, sie war es wirklich. Es musste an den wilden blonden Locken und ihrer legeren Kleidung liegen, dass er sie nicht gleich erkannt hatte. Die Miss Baxter, die er kannte, trug ein Kostüm oder Rock und Bluse, nicht Jeans und einen lockeren Pullover. Und das Haar normalerweise … er musste nachdenken … in einem Knoten?

„Was machen Sie denn da?“, fragte er stirnrunzelnd.

Offenbar war sie entschlossen, die Situation irgendwie zu retten, denn sie zuckte die Schultern, ohne die Topfpflanze, die sie noch immer wurfbereit hielt, abzustellen. „Ausräumen.“

Er besah sich die Bescherung vor seiner Bürotür. Zwischen verstreuten Büroklammern lagen zwei Bücher und der Edelstahlbecher. „Ausräumen?“

„Meinen Schreibtisch, Sir.“

Nach drei schwierigen Monaten voller unvorhergesehener Krisen konnte David eigentlich nichts mehr überraschen. Aber Nina Baxter gelang es trotzdem. Hatte in dieser umsichtigen Sekretärin immer schon eine Psychopathin gesteckt?

Und dann dämmerte es ihm …

Verflixt.

Nina Baxter war eine derjenigen, die die Fehler seines verstorbenen Bruders, des früheren Firmenchefs, ausbaden mussten.

David massierte sich die Stirn, weil seine Kopfschmerzen schlimmer wurden. Offenbar hatte er nicht einmal sonntags vor den endlosen Problemen in der Firma Ruhe.

Während David das Gesicht hinter seiner Hand verbarg, verabschiedete sich Nina gedanklich schon einmal von dem positiven Zeugnis, das sie sich erhofft hatte. Mit viel Glück würde sie vielleicht als Imbissverkäuferin enden.

Liebe Güte, was hatte sie sich auch bloß dabei gedacht? Fassungslos ließ sie die Hand sinken und starrte auf den Zimmerkaktus, den sie als Nächstes hatte werfen wollen – ein Geschenk ihrer Großmutter. Sonst war sie umgänglich und friedfertig, aber jetzt hätte sie David Hanson beinahe einen Kaktus an den Kopf geworfen. Was, wenn er die Tür ein wenig später geöffnet hätte? Die widerborstigen Stacheln hätten womöglich ernsthaften Schaden angerichtet.

„Ich hätte Sie beinahe umgebracht!“, platzte sie heraus. Ganz offensichtlich fehlte es ihr heute Morgen wirklich an Selbstbeherrschung. David Hanson wirkte mittlerweile auch nicht mehr ärgerlich, sondern sah ziemlich misstrauisch aus.

Die Hanson Media Gruppe würdevoll zu verlassen, konnte sie sich also wohl abschminken. Ganz im Gegenteil, sie würde als geistesgestört in die Firmenchronik eingehen.

Und wenn Mr. Hanson mitbekam, dass sie sich mit Hilfe von Carolyns Firmenausweis unerlaubt Zutritt verschafft hatte, würde die am Ende auch noch entlassen werden.

„Es tut mir furchtbar leid“, sagte Nina und eilte auf David Hanson zu, um die verstreuten Büroklammern aufzuheben. Je näher sie ihm kam, desto lauter wurde das Rauschen in ihren Ohren. Sie hatte sich in seiner Nähe immer befangen gefühlt, obwohl sie jetzt schon mehrere Jahre für ihn arbeitete. Zwar war er stets höflich und korrekt, wirkte dabei aber steif und unnahbar.

Außerdem war sie nur knapp eins sechzig groß, und er überragte sie um gut zwanzig Zentimeter – allein zu ihm aufzusehen verursachte ihr Höhenangst.

„Ich werde hier aufräumen und …“ Als Nina bemerkte, dass sie noch immer den Kaktustopf in der Hand hielt, blickte sie sich suchend nach einer Abstellmöglichkeit um.

Überraschenderweise streckte David Hanson die Hand aus und nahm ihr den Topf ab. Als ihre Finger sich dabei berührten, zuckte Nina zusammen und ließ die Pflanze fallen. Geistesgegenwärtig fing er den Topf auf und blickte nun wirklich nachdenklich auf sie hinunter.

„Miss Baxter, wollen Sie sich nicht setzen?“, schlug er vor. „Da drüben vielleicht?“ Er zeigte auf einen der Schreibtische, die ein paar Meter von ihm entfernt standen.

Eindeutig, er hielt sie für vollkommen übergeschnappt.

„Normalerweise benehme ich mich nicht so“, versuchte sie sich zu verteidigen. „Wirklich, ich bin eigentlich ein ganz friedlicher Mensch. Nur heute, da bin ich …“ Sie suchte nach dem richtigen Wort, um zu erklären, warum sie sich von einer umsichtigen Person in eine durchgeknallte Irre verwandelt hatte. „Heute bin ich sehr …“

Im Geiste ging Nina die Möglichkeiten durch. Müde? Besorgt? Nervös? Alles richtig. Dann aber fand sie das treffendste Adjektiv von allen, und ihr Magen verkrampfte sich vor Kummer. Vielleicht hätte sie einfach den Mund halten sollen, doch bevor sie wusste, wie ihr geschah, war sie schon damit herausgeplatzt.

„Heute bin ich sehr … arbeitslos!“

Bis jetzt war es ihr gelungen, die Tränen zurückzuhalten, aber jetzt heulte sie einfach los. Sie sah noch, dass David eine Hand nach ihr ausstreckte, und wich ihm aus, dann ging sie in die Hocke und begann, die Büroklammern aufzusammeln, hob dann die Bücher und den Kaffeebecher auf. David beobachtete sie schweigend. Die Plastikschachtel für die Büroklammern war zerbrochen, und sie konnte die Stücke nirgends entdecken, also richtete sie sich auf und hielt ihm die geschlossene Faust hin.

„Diese … Büroklammern …“, sagte sie, bemüht, das peinliche Schluchzen zu unterdrücken, das man unweigerlich von sich gibt, wenn man weint und gleichzeitig zu sprechen versucht, „… gehören mir nicht.“

Als er keine Anstalten machte, sie ihr abzunehmen, stopfte sie sie in den Blumentopf vom Kaktus. „Die Bücher hier sind meine.“

David hob eine Augenbraue. „In Ordnung.“

Sie drehte sich um und ging zu ihrem Schreibtisch zurück, wo sie ihre letzten Habseligkeiten in die Umhängetasche steckte, den Reißverschluss zuzog und nach ihrem Mantel griff. Zwar hörte sie, wie David ihren Namen rief, doch sie musste unbedingt hier raus, bevor sie völlig die Nerven verlor.

Erst am Aufzug fiel ihr auf, dass sie Carolyns Ausweis ins Lesegerät stecken musste, damit die Tür sich öffnete, und leider war David Hanson ihr gefolgt.

Mittlerweile war sie so weit, dass sie sich am liebsten aus dem Fenster gestürzt hätte – wenn eins in der Nähe gewesen wäre. Doch als David hinter ihr stehen blieb, zog er seinen eigenen Ausweis aus der Tasche und zog ihn durch den Leseschlitz.

„Ich frage wohl lieber nicht, wie Sie hereingekommen sind?“

Stumm schüttelte Nina den Kopf.

„Miss Baxter, ich …“

Doch da öffnete sich die Aufzugtür, und Nina beeilte sich, einzusteigen und den Knopf fürs Erdgeschoss zu drücken. Als die Türen sich schlossen, war ihr klar, dass sie nie wieder einen Fuß in dieses Gebäude setzen würde, ohne nicht mindestens verhaftet zu werden.

Als Nina ihre Wohnungstür aufschloss, empfing sie der Duft von Hühnersuppe und frischem Gebäck.

Sie hatte Carolyn, die in einem Imbiss bei der Firma auf sie wartete, den Ausweis zurückgegeben und ihr von der „Begegnung“ mit David Hanson erzählt, aber eilig hinzugefügt, dass er nicht wusste, wie sie ins Gebäude gekommen war. Danach war sie eine halbe Stunde ziellos durch die Innenstadt spaziert, hatte sich schließlich die Sonntagszeitung gekauft und war mit der Bahn nach Hause gefahren. Kurz vor ihrer Haltestelle hatte sie sich die Augen abgetupft, sich die Nase geputzt und sich die Lippen nachgezogen, um von ihren geröteten Wangen und Augen abzulenken.

Gegessen hatte sie den ganzen Tag noch nichts, und auch jetzt würde sie keinen Bissen runterbekommen, aber sie war entschlossen, sich vor ihrer Familie nichts anmerken zu lassen.

„Ich bin wieder da!“, rief sie von der Tür her.

Auf ihre Ankündigung hin stürmte eine Herde Büffel ins Wohnzimmer – so hörte es sich jedenfalls immer an, wenn ihre Kinder durch die Wohnung rannten.

Isabella erreichte sie zuerst und schlang ihr die Arme um die Taille, schaute sie dann von unten herauf an. „Ich habe Bubby geholfen, Matzenklöße und Mandelbrot zu machen!“ Die Zehnjährige strahlte vor Stolz, und ihre blauen Augen blitzten. „Und weißt du was? Bubby sagt, dass ich ein Talent dafür habe und deshalb meine Klöße so locker werden wie Wolken!“

Nina strich ihrer Tochter über das braune Haar, das ihr in sanften Wellen über die Schultern fiel und sich nicht wie ihr eigenes widerspenstig ringelte. Wie schön, dass Isabella sich für die jüdischen Rezepte ihrer Urgroßmutter interessierte und die Tradition dadurch weiterleben würde. „Ich kann es nicht abwarten, sie zu probieren“, sagte sie. „Ihr habt mir doch hoffentlich welche aufbewahrt?“

„Wir haben mit dem Essen auf dich gewartet.“ Isabella trat einen Schritt zurück, um ihrem Bruder Isaac Platz zu machen, den alle nur Zach riefen. „Ich geh wieder Bubby helfen.“

Sie verschwand in Richtung Küche, und Nina blieb mit Zach zurück. Er war mit zwölf Jahren zu alt, über ihre Rückkehr offen begeistert zu sein, und interessierte sich hauptsächlich für die Chicago Sunday Times, die Nina unter dem Arm trug.

„Hi, Mom. Kann ich den Sportteil haben?“

„Klar, Schatz.“ Sie strich ihm über die kurz geschnittenen Locken – schließlich war sie nicht zu alt dafür, sich über das Wiedersehen zu freuen – und fragte: „Wie geht es dir heute, Zachie? Hattest du Probleme?“

Zach duckte sich unter ihrer Hand weg. In letzter Zeit ging es ihm auf die Nerven, wenn sie sich zu sehr um ihn sorgte. „Mir geht’s gut.“ Er griff nach der Zeitung. „Die Fernsehbeilage nehme ich auch mit, ja?“

„Ich brauche nur die …“ Beinahe hätte Nina Stellenanzeigen gesagt, aber sie biss sich rechtzeitig auf die Zunge. Bis jetzt hatte sie ihrer Familie noch nicht erzählt, dass sie entlassen worden war, und am liebsten wäre sie damit auch erst herausgerückt, wenn sie schon einen neuen Job gefunden hatte.

Obwohl er erst zwölf war, machte sich Zach oft zu viele Gedanken, was wahrscheinlich daran lag, dass er der einzige Mann im Haus war und sich für alle verantwortlich fühlte. Allerdings bekam er Asthmaanfälle, wenn er sich aufregte, und das wiederum bereitete Nina schlaflose Nächte.

„Aber den Rest würde ich schon gern lesen“, sagte sie also und verkniff es sich, ihn zu fragen, ob er in der Zwischenzeit seinen Inhalator hatte benutzen müssen.

„Ist gut. Wann gibt’s was zu essen?“

„Ich glaube, es ist bald fertig, also bleib besser gleich hier.“

Zach setzte sich aufs Sofa und begann zu lesen, wobei er die Teile, die ihn nicht interessierten, sorgfältig zusammenfaltete und zur Seite legte, bis er zum Sport kam.

Nina beschloss, sich die Stellenanzeigen erst anzusehen, wenn sie allein war, stellte ihre Umhängetasche bei der Tür ab und ging in die Küche.

Unter der fachkundigen Anleitung ihrer Urgroßmutter war Isabella dabei, ein Blech Mandelbrot mit Zimt und Zucker zu bestäuben.

„Das riecht verlockend“, sagte Nina und langte an ihrer Tochter vorbei, um eins der in lange Streifen geschnittenen Gebäckstücke zu probieren, die italienischen Biscotti ähnelten.

Bubby reagierte blitzschnell und schlug ihrer Enkelin leicht auf den Handrücken. „Nicht so schnell, meine Liebe. Erst gibt es Suppe.“

Nina zwinkerte ihrer Tochter zu. „Na gut. Kann ich was helfen?“

„Setz dich hin“, befahl Bubby, und Nina ließ sich dankbar an dem alten Küchentisch nieder, der am Fenster stand. Von hier aus hatte man einen Blick auf den Innenhof des Wohnblocks, in dessen drittem Stock die Wohnung lag.

Auf einmal fühlte sich Nina unendlich müde und war dankbar dafür, dass sie Bubby hatte, die mit ihren einsfünfzig Körpergröße ein unerschöpflicher Quell von Kraft und Zuwendung für sie war.

Zwar lebte Bubby nicht bei ihnen in der Wohnung, aber sie war immer da, wenn Nina einen Babysitter brauchte, und kümmerte sich um ihre Urenkel genauso liebevoll, wie sie es einst bei Nina getan hatte.

„Izzy, Liebes“, sagte Bubby und legte Isabella eine Hand auf die Schulter. „Du hast wirklich wunderbar gekocht. Geh und zieh dir etwas Schönes an, damit wir wie zivilisierte Leute essen können.“

Nur zu glücklich über die Gelegenheit, eins ihrer guten Kleider zu tragen, rannte Isabella sofort in ihr Zimmer. Bubby goss zwei Tassen Kaffee ein und arrangierte die Mandelbrot-Scheiben auf einem Teller. Sie trug bequeme dunkelblaue Stretchhosen und ein blaues Sweatshirt auf dem stand „Wenn’s nicht schmeckt, habe ich es nicht gekocht.“

Mit der Grazie einer gelernten Kellnerin trug sie Becher und Teller zum Tisch.

„Nanu, jetzt bekomme ich doch vor dem Essen was Süßes?“, fragte Nina und blickte verlegen an sich herunter. Ihre ausgebleichten Jeans und der beige, ausgeleierte Pullover aus Bändchengarn passten nicht besonders gut in die „zivilisierte“ Runde, die Bubby sich für das Mittagessen vorstellte. „Soll ich mich vielleicht auch schnell umziehen?“, fragte sie, sehnsüchtig nach dem dampfenden Kaffee schielend.

„Bleib sitzen“, befahl Bubby, stellte alles auf den Tisch und ließ sich mit einem übertriebenen Seufzen auf den Stuhl gegenüber Nina fallen. „Das Wetter in Chicago ist nichts für meine alten Knochen. Ich sollte nach Orlando ziehen und mit Mickymaus durchbrennen.“

Nina hatte die „Ich-sollte-nach-Florida-ziehen“-Nummer schon zu oft gehört, um sie ernst zu nehmen. „Die Wilkens-Seniorenresidenz wäre ohne deine Backkünste doch aufgeschmissen“, meinte sie, und Bubby nickte. Bubby hatte ein Apartment in einem Altenwohnheim, fühlte sich jedoch jung genug, um dort hin und wieder in der Küche auszuhelfen.

„Stimmt auch wieder.“

In der Hoffnung, dass der Zimt ihre Magennerven beruhigen würde, biss Nina in eine der Mandelbrot-Scheiben. „Mmmmmh.“

„Was ist los?“

Abwesend tauchte Nina das Stück in ihren Kaffee und blickte ihre Großmutter verwundert an. „Nichts, wieso? Es schmeckt köstlich.“

Ungeduldig wedelte Bubby mit der Hand durch die Luft. „Ich rede nicht vom Mandelbrot.“ Sie beugte sich vor und nahm Nina ins Visier. „Willst du mir vielleicht etwas sagen?“

Der Zimt schien offenbar nicht zu wirken. Um Zeit zu gewinnen, nahm Nina eine Serviette aus dem Halter auf dem Tisch und legte ihr Gebäckstück ordentlich darauf. „Also ich wüsste nicht, was …“

„Ellie Berkowitz hat die Sonntagszeitung abonniert, weil sie immer die Gutscheine ausschneidet. Heute hat sie den Wirtschaftsteil gelesen. Ich weiß nicht, warum.“ Bubby zuckte die Achseln. „Vielleicht will sie sich ja einen pensionierten Manager angeln. Sie hatte immer schon einen lockeren Lebenswandel. Aber darum geht es nicht.“

Sie lehnte sich noch weiter über den Tisch. „Jedenfalls hat sie heute Morgen hier angerufen, weil sie wusste, dass sie mich hier erreicht, und gefragt ‚Rayzel, warum hast du mir nicht gesagt, dass es bei Hanson noch mehr Entlassungen gab?‘“

Unvermittelt richtete sich Bubby wieder auf. „Entlassungen bei Hanson! Wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht.“ Theatralisch drückte sie ihre gichtknotige Hand auf die Brust. „Aber meine Nina betrifft das bestimmt nicht, sonst hätte sie mir was davon gesagt. Und außerdem ist Nina gerade jetzt im Büro, um Arbeit abzuliefern, die sie übers Wochenende fertig gemacht hat.“

Angestrengt blickte Nina in ihren Kaffeebecher und versuchte, sich eine halbwegs plausible Ausrede auszudenken. Sie hätte sich die Mühe sparen können.

„Das habe ich natürlich alles gesagt, bevor ich erfuhr, dass Ellie Berkowitz’ Nichte, Carla, gerade einen Job in dem neuen Kaffeeladen in der Innenstadt bekommen hat. Wie heißt er noch? Richtig, Some Like It Hot. Freut mich für sie.“

„Und was hat das zu tun mit …“

„Lass mich ausreden. Ich bin alt. Hab ein wenig Geduld, dann komme ich zum Punkt. Carlas Sohn Anthony geht mit Isaac zur Schule. Das wusste ich übrigens auch nicht. Jedenfalls hat Carla Ellie angerufen, weil sie dich heute in der Stadt gesehen hat. Es sah aus, als ob du weinst, hat sie gesagt, und sie machte sich Sorgen deshalb. Some Like It Hot ist gleich um die Ecke von deinem Büro.“

Bubby lehnte sich zurück und legte die Hände auf die Tischplatte. „Und Carla hat die Zeitung auch gelesen.“

Nina blickte zur Küchentür, um sicherzugehen, dass die Kinder außer Hörweite waren.

„Ich wollte Isabella und Zach nicht beunruhigen“, sagte sie leise. „Und ich dachte, dass du dir weniger Sorgen machst, wenn ich es dir erst sage, wenn ich schon was Neues in Aussicht habe.“

Wahrscheinlich klang sie so elend, wie sie sich fühlte, denn Bubby schaltete sofort von vorwurfsvoll auf mitfühlend um. „Warum sollte ich mir Sorgen machen? Das ist doch gar nicht meine Art.“ Über den Tisch hinweg griff sie nach Ninas Hand und drückte sie. So saßen sie eine ganze Weile schweigend da.

„Tut mir leid, dass du es nun von Ellie Berkowitz erfahren hast“, meinte Nina schließlich.

„Ach, sie ist eine alte Klatschtante. Um wie viel steigt die Miete nächsten Monat noch mal?“

Nina verzog das Gesicht, als Bubby sie an den Brief vom Verwalter erinnerte, der vor zwei Wochen gekommen war. Das ältere Mietshaus war verkauft worden, und die neuen Besitzer hatten vor, die Außenanlagen neu zu gestalten und andere Sanierungsmaßnahmen durchzuführen. Deshalb würde die Miete um hundert Dollar steigen – vom nächsten Monat an, der noch zehn Tage entfernt war.

„Es kommt wieder mal alles zusammen“, seufzte Nina. „Ich hatte ja was zurückgelegt, aber du weißt ja … Izzy brauchte ein Ballettkostüm und Isaac eine bessere Geige, damit er sein Talent voll entfalten kann, wie sein Musiklehrer so schön sagt.“

Nina hatte es immer irgendwie geschafft, jeden Monat ein bisschen Geld zu sparen, das für besondere Anschaffungen gedacht war, und sie hatte sich hoch und heilig geschworen, es niemals für die monatlichen Fixkosten anzurühren.

„Ich habe ja auch Geld“, setzte Bubby an, aber Nina drückte sofort ihre Hand, um sie zu unterbrechen.

„Von deiner Rente werde ich nichts annehmen, die musst du selbst für schlechte Zeiten sparen“, sagte sie. „Wir kriegen das schon hin. Ich habe gute Referenzen und kann hart arbeiten. Bis jetzt bin ich noch nicht einmal dazu gekommen, mir die Stellenanzeigen anzuschauen, aber ich wette, dass was drinsteht, das in Frage kommt.“

„Und ich dachte immer, David Hanson wäre nett“, sagte Bubby traurig.

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