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Ein süßes Stück vom Glück

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  24. 20
  25. 21
  26. 22
  27. 23
  28. 24
  29. 25
  30. 26
  31. 27
  32. 28
  33. 29
  34. 30
  35. Epilog
  36. Danksagung

Über die Autorin

Laura Florand wurde in Georgia geboren, war aber schon früh vom Reisevirus infiziert. Nach einem Jahr in Tahiti, mehreren Monaten in Madrid und vielen Reisen von Neuseeland bis Griechenland strandete sie schließlich in Paris, wo sie ihren Traummann fand und heiratete. Die gemeinsame Zeit in Paris inspirierte Laura Florand zu diesem Roman. Heute lebt das Paar mit seiner Tochter abwechselnd in Frankreich und in Georgia, wo Laura Florand an der Duke University unterrichtet.

Laura Florand

EIN SÜSSES
STÜCK
VOM GLÜCK

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Ingrid Exo und Katharina Kramp

1

Sylvain Marquis wusste, was Frauen begehrten: Schokolade. Und so hatte er auf dem Weg zum Erwachsenen gelernt, wie man die Begierden einer Frau befriedigte.

Draußen machte der November die Straßen von Paris kalt und grau. Aber in seinem Laboratoire erhitzte Sylvain die Schokolade, bis sie genauso war, wie er sie haben wollte: weich und delikat. Er verteilte sie auf dem Marmortisch vor sich. Mit einer geschickten Handbewegung strich er sie zusammen und breitete sie dann wieder aus, glänzend und dunkel.

Im Laden kaufte gerade eine elegante Blondine, deren gesamte Erscheinung Reichtum und Privilegien ausstrahlte, eine Schachtel Pralinen. Sylvain beobachtete die Frau durch die Glasscheibe, die Besuchern einen kurzen Einblick in die Herstellung kunstvoller Pralinen gewährte. Er sah, dass sie nicht widerstehen konnte und noch auf dem Weg nach draußen eine der Pralinen kostete, sah, wie ihre perfekten Zähne in die daumennagelgroße Praline sanken, ahnte den Moment voraus, in dem die Hülle nach einem leichten Zögern nachgab, wusste, wie die Füllung darin auf ihrer Zunge zerschmolz, und spürte förmlich den Schauer der Freude, der durch ihren Körper lief.

Er lächelte und beugte sich vor, um sich wieder auf seine Schokolade zu konzentrieren. Und so bemerkte er nicht, dass eine weitere Frau den Laden betrat.

Wie sich jedoch herausstellen sollte, würde sie sich von ihm fortan nicht weiter übersehen lassen.

Der Duft von Schokolade strömte hinaus auf die verregnete Straße. Der schnelle Rhythmus der Stiefelabsätze verlangsamte sich, wenn Passanten in langen schwarzen Mänteln zögerten und nach der Quelle des Dufts Ausschau hielten. Einige blieben stehen. Einige gingen weiter. Cade wurde förmlich mit ihrem Schwung über die Schwelle getragen.

Theobromin hüllte sie ein wie eine warme Decke gegen die Kälte. Kakao flutete ihre Sinne.

Sie schlang die Arme um sich. Das Aroma erinnerte sie an zu Hause, doch ihre Augen sagten ihr, dass sie weit entfernt war von den Stahlbottichen der Fabrik, von den Strömen aus Schokolade, die gleichmäßig und ohne Unterlass aus Tüllen in Gussformen flossen, und den Milliarden von identischen Riegeln und Verpackungen mit Großbuchstaben, die ihr Leben geprägt hatten. Irgendetwas – eine Anspannung, die sie mit sich trug – löste sich in ihren Schultermuskeln und zog ein Zittern nach sich, das ihren gesamten Körper durchlief.

Jemand hatte Schokolade zu riesigen Kakaobohnen-Hälften geformt, die das Schaufenster zierten und die Ecken des Ladens gestalterisch hervorhoben. Sie konnte sich die Hand vorstellen, die sie geformt hatte – die Hand eines Mannes, stark, mit langen Fingern, gewandt bis zur feinsten Präzision. Sie hatte ein Foto dieser Hand als Hintergrundbild auf ihrem Laptop. Auf der Außenseite jeder Bohne hatte er Szenen aus Ländern gestaltet, die Kakao produzierten. Und auf der Oberfläche der liegenden Bohnen hatte er daumennagelgroße Pralinen exakt an den Stellen platziert, wo sie seiner Meinung nach hingehörten. Cade sah sich im Laden um. In den Ecken standen vereinzelt Holzkisten herum, deren schwarze Brandzeichen von fernen Ländern erzählten und die Kunden daran erinnerten, dass Kakao etwas Exotisches war, das aus einer anderen Welt stammte. Sie kannte diese Länder. Die Brandzeichen brachten die Gerüche und Bilder wieder zurück, die Leute, die sie dort in der Fremde getroffen hatte, den Klang der Macheten in den Kakaobäumen, den Duft reifender Kakaobohnen. Hier und da hatte er Kakaostückchen verstreut, so wie ein Chefkoch einen Teller mit einem Tropfen Soße verzierte. Er hatte Vanilleschoten und Zimtschalen großzügig auf verschiedenen Oberflächen verteilt, wie ein Rausch der noch unverarbeiteten Köstlichkeiten.

Jede kleine Einzelheit der Dekoration spiegelte die raue, wunderschöne Natur der Schokolade und dadurch den Triumph ihrer ultimativen Verfeinerung: winzige Schokoladenquadrate, Pralinen, die einhundertfünfzig Dollar das Pfund kosteten, hergestellt von Sylvain Marquis.

Sylvain Marquis. Manche behaupteten, er sei der beste Chocolatier von Paris. Er denkt das auch von sich, ging es Cade durch den Kopf. Sie wusste, dass er so viel Selbstvertrauen hatte. Sie wusste es aufgrund des Bildes von seiner Hand, das sie auf ihrem Laptop hatte.

Seine Schachteln hatten die Farbe von unbehandeltem Holz und wurden mit Seilen verschnürt. Der aufgedruckte Name – SYLVAIN MARQUIS –, schwarz wie dunkle Schokolade, verwandelte die Vorderseite zu einer knappen, klaren Aussage.

Cade atmete ein und versuchte, aus den Gerüchen und Anblicken Mut zu schöpfen. Berauschende Erregung erfasste sie, aber auch – völlig gegensätzlich – Angst, so als müsse sie gleich vor hundert Leuten nackt auf eine Bühne treten. So durfte sie sich nicht fühlen. Schokolade war ihr Geschäft, ihr Erbe. Ihr Dad sagte oft scherzhaft, dass Schokolade durch ihre Adern floss. Ein nicht unerheblicher Teil der Weltwirtschaft lebte tatsächlich von der Schokolade, die ihre Familie produzierte. Sie hatte Sylvain Marquis eine unglaubliche Möglichkeit zu bieten.

Und doch hatte sie so viel Angst davor, dass sie kaum schlucken konnte. Immer wieder sah sie den berühmtesten Riegel ihrer Familie vor sich, Milchschokolade in Folie und Papier verpackt und mit ihrem Nachnamen darauf – für dreiunddreißig Cent erhältlich bei Walmart. Diese Dreiunddreißig-Cent-Riegel hatten ihrer Familie mehr Geld auf das Bankkonto gespült, als man sich vorstellen konnte. Ganz sicher mehr, als er sich vorstellen konnte. Und doch verkrampfte sich ihr Magen bei dem Gedanken daran, einen dieser Riegel aus ihrer Handtasche zu holen und in dieser Umgebung zu zeigen.

»Bonjour«, sagte sie zu dem Verkäufer, der ihr am nächsten stand, und die Aufregung stieg ihr erneut zu Kopf, verdrängte alles, was dieser sonst noch enthielt. Sie hatte es getan! Sie hatte ihr erstes französisches Wort zu einem echten Pariser gesagt und kam damit zugleich ihrem Ziel ein Stück näher. Sie lernte schon ihr ganzes Leben lang Spanisch und Französisch, um sich bei ihren Besuchen der Kakao-Plantagen gut verständigen zu können. Während des vergangenen Jahres hatte sie dann zusätzlich französische Muttersprachler zur Unterstützung engagiert, um besser auf den heutigen Tag vorbereitet zu sein – täglich eine Stunde Nachhilfe und abends Hausaufgaben, mit dem Schwerpunkt auf jenen Wörtern, die sie heute hier benutzen wollte: Proben, Marketing, Produktlinien. Und Schokolade.

Und jetzt war sie endlich hier. Sie redete. Bereit, la cerise sur le gâteau auf die neue Produktserie zu setzen, die sie für die Firma plante. Die Kirsche auf der Torte … Vielleicht könnte man auch La Cerise als Produkt für die neue Linie einsetzen …

»Je m’apelle Cade Corey. Ich nehme fünf Stück von allen Sorten, jeweils eins von einer Sorte pro Schachtel, bitte.« Nur eine dieser Schachteln war für sie selbst bestimmt. Die anderen würden zum Firmensitz von Corey Chocolates in Corey, Maryland, geschickt werden. »Und während Sie das zusammenstellen, habe ich eine Verabredung mit Sylvain Marquis.«

Ihr Französisch klang so wunderschön, dass sie ein kleines stolzes Lächeln nicht unterdrücken konnte. Nach einem kurzen anfänglichen Zögern glitt es ihr nur so über die Lippen. All die Hausaufgaben hatten sich gelohnt.

»Yes, madam«, antwortete der adrett gekleidete junge Mann in einem Englisch, das so kühl und spitz war wie eine Stecknadel.

Sie blinzelte, und ihr Ballon des Glücks verlor an Luft, gedemütigt durch zwei Worte in ihrer eigenen Sprache.

»Monsieur Marquis ist mit den Pralinen beschäftigt, Madame«, sagte er, immer noch auf Englisch, was sie zähneknirschend bemerkte. Ihr Französisch war viel besser als sein Englisch, danke schön. Oder merci.

Eine junge Frau fing an, die Schachteln mit Cades Pralinen zu füllen, während der arrogante junge Mann sie durch eine Tür in den hinteren Teil des Ladens führte.

Sie betrat eine magische Welt, und es gelang ihr fast, den englischen Schlag ins Gesicht zu vergessen, während ihr Glücksballon sich wieder füllte. In einer Ecke goss ein schlanker Mann mit einer Brille und den feinen Gesichtszügen eines Poeten oder eines Nerds weiße Schokolade großzügig in Formen. In einer anderen bemalte eine Frau, deren Haare von einer Papierhaube mit Krempe bedeckt waren, mit einem Pinsel Schokoladeneulen. Zwei weitere Frauen füllten Schachteln mit kleinen Pralinen. Andere Frauen legten Plastikblättchen mit feinem Dekor über zu Dutzenden angeordnete Pralinen und drückten vorsichtig auf jede einzelne, bis das Muster sich darauf abbildete.

An einem roséfarbenen Marmortisch in der Mitte des Raumes rührte ein Mann mit einem großen Schneebesen in einer Schüssel über einem Wasserbad, die aussah, als würde sie mindestens vierzig Pfund wiegen. Um ihn herum stieg feiner weißer Puder in die Luft auf. Ihm gegenüber drückte ein anderer schlanker Mann mit einem kurzen dunklen Bart Schokolade aus einer Tülle in eine Form, aus der Lutscherstiele ragten. Sein Ehering blitzte auf, als ein Sonnenstrahl aus dem Fenster darauf traf. Alle waren in der Tat dünn, was überraschend war bei Leuten, die den ganzen Tag mit Schokolade zu tun hatten. Nur ein Mann, groß und stämmig, fiel durch einen dicken Bauch auf. Alle waren in Weiß gekleidet, und alle trugen Papierhauben, deren Stil je nach Funktion variierte. Es war eine Welt mit einer Hierarchie, die auf den ersten Blick erkennbar war.

Über den Spülbecken hingen Pinsel, Spachtel, Schneebesen. Auf dem Marmortisch standen eine große elektronische Waage und ein riesiger Mixer. Auf einer Arbeitsfläche an der Seite befanden sich Behälter und Schüsseln in allen Größen. Gefüllt mit Rosinen, kandierten Orangen und Zucker umgaben sie die Menschen, die an der großen Marmorinsel arbeiteten.

Alle sahen auf, als Cade eintrat, aber die meisten konzentrierten sich sofort wieder auf ihre Arbeit. Nur ein Mann, der gerade geschickt Schokolade auf dem Marmor ausbreitete, bedachte sie mit einem längeren Blick, der höhere Autorität beinhaltete und wenn möglich noch mehr Missbilligung.

Er war groß und schlank (natürlich), und sein schwarzes, kinnlanges Haar fiel in sanften Locken herab. Er hatte es an einer Seite achtlos hinter sein Ohr geschoben, sodass seine markanten, glatten Gesichtszüge klar zu erkennen waren. Eine weiße Kochmütze minimierte das Risiko, dass eines der übrigen Haare in die Pralinen eines Kunden fallen konnte. Die Vorderseite seiner weißen Kochjacke war mit Schokolade bedeckt.

Er war wunderschön. Cade schluckte, ihr Mund fühlte sich trocken an. All die Düfte, die Aktivität, die Erkenntnis, dass der beste Chocolatier von Paris in Fleisch und Blut noch attraktiver war als auf den Fotos – das alles wirbelte um sie herum und steigerte ihre Erregung. Sie war hier. Lebte ihren Traum. Das hier würde enorm viel Spaß machen.

Und Sylvain Marquis war scharf.

Vielleicht war sie auch nur überreizt. So toll war er nun auch wieder nicht, oder? Okay, er hatte auf den Fotos sexy ausgesehen, und die Aufnahme von seiner Hand hatte nächtelang ihre Träume dominiert, aber sie hatte versucht, das alles mit Vorsicht zu genießen.

Doch jetzt, da er vor ihr stand, spürte sie die Energie und Kontrolle, die Leidenschaft und Disziplin, die er ausstrahlte. Auch das steigerte ihre Erregung und löste eine übermäßige Sensibilität aus. Sie fühlte sich wie eine Dose Cola, die geschüttelt wurde, während die Kohlensäure zunehmend von innen gegen die Wände drückte.

»Bonjour, Monsieur«, sagte sie, wie ihre Französischlehrer es ihr beigebracht hatten, trat selbstbewusst vor und streckte die Hand aus.

Er hielt ihr als Antwort seinen Ellbogen hin, was sie vollkommen aus dem Konzept brachte. Sie starrte den Ellbogen an, dann ihn.

Er hob die Augenbrauen gerade hoch genug, was bei ihr sofort das Gefühl hervorrief, schwer von Begriff zu sein. »Hygiène«, sagte er. »Je travaille le chocolat. Comment puis-je vous aider, Mademoiselle Co-rie?«

Sie übersetzte all das in ihrem Kopf, und ihre Aufregung steigerte sich, als ihr klar wurde, dass sie es konnte, dass diese Sprachsache funktionierte. Hygiene. Ich verarbeite die Schokolade. Wie kann ich Ihnen helfen, Miss Corey? Er klang so elegant, dass sie seine Stimme begeistert umarmen wollte. Stattdessen berührte sie verlegen seinen Ellbogen und wurde tatsächlich rot. Wie zur Hölle schüttelte man einen Ellbogen?

Der Ellbogen fiel von ihr weg. Er berührte mit der Rückseite seines pinkfarbenen Fingers die Schokolade, die er auf dem Marmor abkühlte, konzentrierte sich. Und seine Konzentration galt nicht ihr.

Das ergab keinen Sinn. Er wusste, wer sie war. Das hier war kein Überraschungsbesuch. Ihm musste klar sein, dass ihr Vermögen sein Einkommen um mehrere Millionen überstieg. Wie konnte er sich nicht auf sie konzentrieren?

Doch er schien sie für weniger wichtig zu halten als einen Haufen Schokolade. Sie wehrte sich gegen die Vorahnung, dass jemand vielleicht versuchen könnte, ihre geschüttelte Cola in den Kühlschrank zu stellen.

»Können wir uns vielleicht ungestört unterhalten?«, fragte sie ihn.

Er zuckte mit den Augenbrauen. »Das hier ist wichtig«, erklärte er ihr. Und meinte die Schokolade, nicht sie.

Hielt er sie etwa für eine Touristin, die sich für sein Handwerk interessierte? »Ich bin auf der Suche nach jemandem, der eine neue Linie von Schokoladenprodukten für uns entwirft«, sagte sie ruhig. Na, wer ist jetzt wichtig, Sylvain Marquis? Sie hatte diesen Satz ungefähr fünfzig Mal mit ihrem Französischlehrer geübt, und das Gefühl des Erfolgs ihn jetzt hier, mit diesem Grund, laut auszusprechen, ließ sie ganz schwindelig werden. »Wir möchten jetzt in das Marktsegment der Premiumschokolade einsteigen. Uns schwebt etwas sehr Elegantes, sehr Parisgeprägtes vor, vielleicht mit Ihrem Namen darauf.«

Da, jetzt habe ich seine Aufmerksamkeit, dachte sie zufrieden, als er sie anstarrte, während sein langer, dünner Spachtel in der Luft hängen blieb. Sie konnte die Euro-Zeichen fast in seinen Augen aufblitzen sehen. Hatte er gerade ein paar Nullen an das Ende seines Kontostandes angehängt?

»Pardon«, sagte er sehr langsam und vorsichtig. »Sie wollen meinen Namen auf eines Ihrer Produkte setzen?«

Sie nickte, zufrieden, endlich zu ihm durchgedrungen zu sein. Die Erregung drängte aus ihr heraus wie ein Geysir. Das hier, diese Gourmet-Linie, würde ihr Geschenk für ihre Familie sein. Und sie selbst würde sich darum kümmern und sich der hohen Kunst der Pralinenherstellung und der Stadt Paris widmen können, so viel sie wollte. »Vielleicht. Das wollte ich ja mit Ihnen besprechen.«

Sein Mund öffnete und schloss sich. Sie lächelte ihn triumphierend an. Wie würde seine Hand sich anfühlen, wenn sie den Deal besiegelten?

Warm vielleicht. Stark. Sicher. Voller Energie und Macht, aus etwas Ungeschliffenem etwas Sinnliches und Außergewöhnliches zu machen.

Und wieder kribbelte es in ihr. Sie blickte sich in dem kleinen Laboratoire um, einem Wunder der Intimität und Kreation, so anders als die Schokoladenfabrik, in deren Dunstkreis sie aufgewachsen war.

»Vous –« Sylvain Marquis sprach nicht zu Ende, was er hatte sagen wollen, sondern schloss seinen Mund wieder. Etwas blitzte in seinen Augen auf, durchbrach seine kühle Selbstbeherrschung.

Wut.

»Sie wollen meinen Namen auf Ihr Produkt setzen?«, wiederholte er und versuchte, seine Stimme und seinen Gesichtsausdruck weiter unter Kontrolle zu halten, aber seine Augen waren praktisch weißglühend. »Meinen Namen?« Er deutete mit der Hand zwei Tische weiter, wo eine verführerische Schachtel nach der anderen, auf der dieser Name stand, gefüllt, geschlossen und zugebunden wurde. »Sylvain Marquis?«

»Ich …«

»Auf Corey-Riegel?« Für dreiunddreißig Cent bei Walmart. Sie errötete heftig und ließ die Hand wie beiläufig in ihre Handtasche gleiten, um sie um ein Rechteck in einer protzigen goldbraunen Verpackung zu schließen, das sie in aller Heimlichkeit als Talisman nutzte. »Es wäre eine andere Linie. Eine Gourmet-Linie …«

»Mademoiselle …« Sein Mund wurde hart und ließ ihre sprudelnde Cola-Dose so schnell gefrieren, dass sie förmlich spüren konnte, wie sich eine Explosion aufbaute. »Sie verschwenden meine Zeit. Und ich Ihre. Ich werde niemals mit Corey-Riegeln arbeiten.«

»Aber, hören Sie …«

»Au revoir.« Er bewegte sich nicht. Er ging nicht. Er stand über seiner lauwarmen Schokolade, nagelte Cade fest mit Augen von der Farbe dunkler Kakaosplitter und zwang sie nur durch diesen Blick, durch seine Worte und diese Überlegenheit auf seinem Terrain, auf dem Absatz umzudrehen und zu gehen.

Sie zitterte vor Scham und Wut, als sie die fünf Schritte zurück zur Tür ging und ihr klar wurde, dass sie zugelassen hatte, dass er ihr das antat. Sie hatte ihm die Kontrolle über seine Welt gelassen und nicht verhindert, dass er sie aus dieser Welt warf. Sie war kein Mensch, der sich dominieren ließ. Sie hätte bleiben und um das kämpfen sollen, was sie wollte.

Sie versuchte sich zu motivieren, umzukehren und sich dieser Demütigung zu stellen, aber die Tür war nur noch drei Schritte entfernt. Sie schloss die Hand fest um den Corey-Riegel in ihrer Handtasche und versuchte, Verachtung in diese drei Schritte zu legen. Aber man konnte beim Rückzug nicht verächtlich sein. Niemand ließ sich von einem verächtlichen Rücken täuschen.

Zur Hölle mit dir, Sylvain Marquis. Es gibt andere Chocolatiers in Paris, und vermutlich sogar bessere als dich. Du bist nur eine Modeerscheinung. Du wirst es bereuen.

Sie ließ die Tür zwischen dem Laboratoire und dem Laden zuschlagen und erntete dafür missbilligende Blicke der Kunden sowie der Angestellten, die ihre prinzipielle Meinung über per se barbarische Amerikaner mit einem leichten Herunterziehen der Mundwinkel kundtaten.

Amerika konnte sie jederzeit kaufen und wieder verkaufen.

Verdammt. Wenn die sich doch nur ein Preisschild anstecken und das Geld nehmen würden.

Sie ging auf die Glastür zu, die nach draußen führte.

»Madame«, sagte eine junge Frau, neben deren Kasse eine große Tüte in der Farbe von unbehandeltem Holz und mit dem Aufdruck SYLVAIN MARQUIS stand. Ihr Gesichtsausdruck – neutral, aber überlegen – weckte in Cade den Wunsch, sie zu schlagen. »Ihre Pralinen.«

Cade zögerte. Ihre Kreditkarte hätte auch aus Stacheldraht sein können, so sehr widerstrebte es ihr, sie herauszuholen und der Verkäuferin zu überreichen.

Als sie den Kopf wandte, sah sie, dass Sylvain Marquis sie durch die Glasscheibe beobachtete. Ein Winkel seines weichen, schmalen Mundes zuckte belustigt, wütend, missbilligend.

Sie presste die Zähne so fest aufeinander, dass es sie überraschte, dass sie nicht zerbrachen. Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu und vergaß sie.

Ihre eigene Wut wurde weißglühend.

Sie unterschrieb die Kreditkartenabrechnung, durch die für fünf magere Pralinenschachteln fast tausend Dollar auf seinem Konto landen würden, und trat hinaus auf die Straße.

Sie wollte so gerne dramatisch in eine Limousine einsteigen oder zumindest in den Pariser Sonnenuntergang verschwinden. Stattdessen ging sie zehn Schritte über die Straße, durch eine dunkelgrüne Tür und in einen so kleinen Lift, der ihr endlich den wahren Grund zeigte, warum Französinnen nicht dick waren. Klaustrophobie. Die Tüte mit den Pralinen schlug gegen ihre Beine. Der Lift hielt quietschend im fünften Stock. Sie schloss die Tür des Apartments auf, das halb so groß war wie ihr Schlafzimmer zu Hause, warf die Tüte mit den Pralinen aufs Bett und starrte auf Sylvain Marquis’ Laden hinunter. Sie hatte sich so gefreut, als sie diese kleine Wohnung direkt über seiner Chocolaterie entdeckt und gemietet hatte. Das Apartment hatte sich so viel realer angefühlt, so viel passender für das, was sie tun wollte, als ein Luxushotel an den Champs-Élysées. Es war zwar mit Opfern verbunden, denn sie würde zum Beispiel herausfinden müssen, wie man eine Waschmaschine bediente, aber es war ihr vernünftig erschienen, diesen Preis zu zahlen.

Bis jetzt. Jetzt war sie hier, gefangen über der Chocolaterie eines echten Idioten.

Natürlich könnte sie immer noch in ein Hotel umziehen. Aber worin bestünde dann der Sinn ihres Aufenthaltes hier, wenn sie in einem Hotel wohnte, so wie bei all ihren gewöhnlichen Geschäftsreisen auch?

Sie warf einen Blick auf die Pralinentasche auf dem Bett. Nein, ermahnte sie sich entschlossen.

Sie starrte wütend auf den SYLVAIN-MARQUIS-Aufdruck hinunter.

Der Duft von Schokolade strömte aus den Schachteln bis zu ihr. Ihre Heimatstadt roch immer nach Schokolade. Allerdings nicht nach dieser Art Schokolade. Sie war nicht von dieser exquisiten Qualität, entsprang nicht der Fantasie und den Händen einer Person.

Vielleicht würde sie ein winziges Stück probieren. Um zu beweisen, wie sehr er überschätzt wurde.

Als der Geschmack wie pure Sünde in ihrem Mund explodierte und ihren ganzen Körper dahinschmelzen ließ, legte sie die Stirn hilflos gegen das Fenster, während sie versuchte, den Mund weiterhin wütend zu verziehen. Was schwer war mit schmelzender Schokolade darin.

Er war so appetitlich.

Wie schade, dass er ein solcher Idiot war.

2

Sie ist gonflée, dachte Sylvain mit einer missbilligenden Bewegung seiner Lippen, während er die Schokolade zurück ins Wasserbad warf, um sie erneut zu schmelzen. Completement gonflée. Wirklich, ihre Meinung über sich selbst war so aufgeblasen, dass er sich nach einer Stecknadel sehnte. Er hoffte, dass die Art, wie er sie angesehen hatte, einer Stecknadel gleichgekommen war. Sein ganzes Leben lang hatte er diesen Blick geübt, mit dem er die Luft aus dem Ego eines anderen lassen konnte. Diese Technik wurde in seinem Land seit Jahrhunderten verfeinert.

Er goss ein Drittel der Schokolade zurück auf den kalten Marmor, fuhr mit einem langen, biegsamen Spachtel darunter, um sie hochzuheben, umzuklappen und dann wieder zu verstreichen, um sie zu kühlen. Er ärgerte sich, dass er diesen Teil wiederholen musste. Es war sonst nicht seine Art, eine kleine Ablenkung wie eine arrogante Milliardärin so ernst zu nehmen, dass er deswegen seine Schokolade ruinierte. Während er über die Schokolade strich, stellte er sich plötzlich die Schulter seiner Besucherin ohne Mantel und Kaschmir vor, sah seine Hand, die darüber streichelte und sie geschickt wärmte.

Er errötete leicht. Früher war er blutrot geworden, damals Anfang zwanzig, wenn er in den unpassendsten Momenten anfing, sich Frauen nackt vorzustellen. Einige der Erinnerungen daran, wie ihm das im Gespräch mit Lehrerinnen oder hübschen Freundinnen passiert war, demütigten ihn immer noch. Aber inzwischen hatte er akzeptiert, dass sein Kopf so funktionierte. Auch deshalb, weil der Kopf der meisten Männer so zu funktionieren schien.

Komisch und wirklich schade, dass Frauen nicht so dachten – indirekt sexuell und gleichzeitig direkt, die ganze Zeit über.

Seine amerikanische Besucherin zum Beispiel stellte sich ihn vermutlich nicht nackt vor. Sie hatte nur geglaubt, dass sie sein Lebenswerk und seine Errungenschaften kaufen konnte, als wären sie ein hübsches Paar Schuhe in einem Schaufenster, das sie als Andenken an ihren Ausflug nach Paris mit nach Hause nahm.

Er biss in einem Anfall von Wut die Zähne zusammen.

Was brachte man den Menschen in diesem Land eigentlich bei?

»Ich habe dir doch gesagt, dass es ein barbarisches Land ist«, sagte Cades Großvater James Corey, besser bekannt als Grandpa Jack, am Telefon. »Habe ich dir je von meinen Versuchen erzählt, eine Stelle bei Lindt zu bekommen, um zu lernen, wie man diese kleinen Kugeln herstellt? Sie wollten mich nicht nehmen. Da stand ich, der Besitzer der größten Schokoladenfabrik von Amerika – nicht, dass ich ihnen das verraten hätte, ich habe irgendeinen Einheimischen dafür bezahlt, dass er mir einen passenden Lebenslauf schreibt –, und die wollten mir nicht mal einen Job als Kakaobohnenröster geben. Diese Schweizer Snobs«, sagte er lustvoll, denn gegen die Schweiz zu sein war eines seiner Lieblingshobbys.

»Ich weiß«, sagte Cade. Vor zwei Jahren hatten sie den achtzigsten Geburtstag ihres Großvaters gefeiert, eine riesige vierwöchige Party in ihrer Stadt Corey, die zu einer Mischung aus einem Schokoladen-Festival und einer großen Kirmes mutiert war. Mit zweiundachtzig war er immer noch rüstig, aber er wiederholte Geschichten inzwischen häufig. Ihr Vater hatte außerdem eine Ecke in der Fabrik den merkwürdigen Geschmacksexperimenten gewidmet, mit denen Grandpa Jack sich in letzter Zeit beschäftigte. Kurz vor Cades Abreise hatte er versucht, Spinat mit Schokolade zu kombinieren. Ihre Fabrikarbeiter hatten einen merkwürdigen Humor, weshalb niemand Cade gewarnt hatte, als sie nach ihm suchte, und so hatte sie davon probieren müssen.

Ihr Mund verzog sich noch immer bei der Erinnerung daran.

»Ich musste schließlich einen ihrer Angestellten bestechen, damit er mir die Geheimnisse verrät«, lamentierte ihr Großvater. »Aber …« Er seufzte. »Ich wäre gerne selbst dort gewesen. Nur, um einmal eine dieser Schweizer Fabriken zu betreten. Und zwar nicht während einer dieser dämlichen förmlichen Führungen, bei denen sie alle ihre Geheimnisse verstecken. Ich wollte wirklich drin sein. Wäre mir sogar fast mal gelungen, eine von den kleineren Fabriken aufzukaufen, aber Lindt bekam Wind davon und schnappte sie mir weg, nur um mir eins auszuwischen.«

»Ja, aber …«

»Und mein Daddy erst – dein Urgroßvater –; was der alles unternommen hat, um hinter das Geheimnis dieser Milchschokolade zu kommen. Verkleidungen, Bestechung, Erpressung – aber das mit der Erpressung hast du nicht von mir, Cadey –, Infiltration. Das waren Zeiten, kann ich dir sagen.«

»Aber das hier ist etwas anderes, Grandpa. Ich arbeite mit kleinen Chocolatiers zusammen. Ich biete einem von ihnen ein millionenschweres Geschäft an.«

Sie konnte praktisch hören, wie ihr Großvater zusammenzuckte. »Wirf ja nicht mit den Millionen um dich, als wäre das Kleingeld, Cadey. Ihr Kinder. Es war nie leicht für mich, euch den Wert des Geldes beizubringen.«

»Grandpa! Du hast Daddy genötigt, uns nicht mehr als zehn Cent pro Tag für das Aufräumen unserer Zimmer zu zahlen. Damit sind wir in der Schule nicht weit gekommen, nur damit du es weißt.«

»Du bist verwöhnt«, sagte ihr Großvater liebevoll. »Es hat dir und deiner Schwester sehr gutgetan, nur damit du es weißt.«

»Wir konnten es uns nicht mal leisten, was Süßes zu kaufen, Grandpa!«

»Ihr hättet euch von zu Hause Corey-Riegel mitnehmen sollen«, erklärte er unnachgiebig. »Keine meiner Enkelinnen muss sich diesen Mars-Müll aus einem Snack-Automaten ziehen.«

Sie rollte mit den Augen. Irgendwann in ihrem Leben hatte sie alle Mars-Produkte probiert, allerdings nur zu Recherchezwecken. Noch immer überkam sie beim Anblick einer Tüte M & Ms in einem Snack-Automaten manchmal eine gewisse Wehmut, wenn ihr bewusst wurde, dass sie diese niemals kaufen konnte. (Das eine Mal, als sie auf einer Geschäftsreise schwach geworden war, blieb ihr Geheimnis.) Sie hatte während ihrer gesamten Kindheit höchstens ein Dutzend M & Ms gegessen. Selbst ihre Freunde hatten auf ihren Geburtstagsfeiern keine essen dürfen, weil deren Eltern Angst hatten, es sei ihr gegenüber unhöflich.

»Ich sage ja nur, dass er wegen der Millionen schon ein bisschen höflicher zu mir hätte sein können.«

»Oh nein.« Ihr Großvater klang alarmiert. »Du möchtest nicht, dass ein Franzose anfängt, höflich zu dir zu sein, Schatz. Es wird deine Seele erschüttern. Davon erholst du dich vielleicht nie. Die Schweizer sind da ein bisschen ungeschickt – sie sind oft höflich, und du merkst es nicht mal. Aber die Franzosen – die sind richtig gut darin. Wenn du mit einem Franzosen fertig bist, der ›höflich‹ zu dir war, dann bist du bereit, von diesem Turm zu springen, den die da haben.«

Cade rieb sich frustriert die Stirn. »Ich … ich will doch nur hier sein, Grandpa. Verstehst du? Ich will lernen, wie sie machen, was sie machen. Ich möchte nach Paris gehören. Ich will ihre Pralinen haben.«

»Oh, ich weiß.« Ihr Großvater seufzte. »Ich schätze, das ist unser größter Fehler. Und ich wünschte wirklich, ich könnte dir ausreden, deine Energie auf diese Snobs zu verschwenden. Sie werden dir nur wehtun und dir das Gefühl geben, dass du nichts wert bist.«

»Ich werde nicht zulassen, dass sie mir wehtun«, log Cade.

»Hmm. Denk immer daran, Schatz: Sie können so arrogant sein, wie sie wollen, aber damals, 1945, waren es unsere Schokoriegel, die unsere Soldaten ihnen geschenkt haben, und sie waren sehr dankbar dafür.«

Cade musste grinsen. Sie hatten für die D-Day-Jubiläumsfeier einen ganzen Haufen dieser alten Schokoladen-Rationsriegel hergestellt, was nicht gerade das Köstlichste gewesen war, das jemals von ihrem Fließband gelaufen war – das Militär hatte auf zu vielen gesunden Zutaten bestanden. »Vielleicht ist das der Grund für ihre Arroganz?« Abgesehen von dem Grund für die Besessenheit ihres Großvaters, Spinat-Schokoriegel herzustellen.

Ihr Großvater schnaubte. »Damals waren sie sich nicht zu schade dafür.«

Cade versuchte, diese alte Zweite-Weltkrieg-Haltung auf sich wirken zu lassen: Damals waren sie nicht so überlegen, oder? Aber sie sah immer wieder diese unglaubliche Ablehnung in Sylvain Marquis’ Gesicht, und sie ließ schon wieder unwillkürlich ihre Schultern sinken. Irgendwie glaubte sie nicht, dass sie etwas, das vor fast siebzig Jahren passiert war, als Argument benutzen konnte, um seine Ablehnung in die enthusiastische Einwilligung zu verwandeln, von der sie geträumt hatte.

Bastard. Egozentrischer, arroganter Idiot.

Himmel, andererseits machte er wirklich tolle Pralinen. Nachdem sie einmal mit dem Probieren angefangen hatte, konnte sie nicht mehr aufhören. Sie hatte sogar in der Nacht davon geträumt; die seidige Konsistenz dieser perfekten Schokolade hatte ihre Gedanken berauscht, das feine Aroma hatte sie umtanzt wie ein erregender Striptease, hatte sie immer weiter zu der Gefahr hingezogen, die hinter den Vorhängen in einer geheimnisvollen Opiumhöhle lauerte …

Sie schreckte aus dem Schlaf und eilte aus dem Bett, um sich mit einer Dusche zu erfrischen.

Leider verwandelte sich die »erfrischende Dusche« in einen Kampf mit der Handbrause in einer Badewanne mit Klauenfüßen. Wer hatte dieses Badezimmer entworfen? Ohne Halterung für den Duschkopf und ohne Vorhang stand schließlich der gesamte Raum unter Wasser, ebenso wie die frischen Sachen, die sie bereitgelegt hatte. Sie starrte auf die bespritzten alten Blumentapeten und fragte sich, ob das hier eine Art Falle war, um sie zu zwingen, die Wohnung in einer etwas … schlichteren Farbe zu streichen. Schlicht. Stilvoll. Vielleicht hatte es ja ursprünglich einen Duschvorhang gegeben, bis jemand ihren Namen gegoogelt hatte, als sie die Wohnung mietete, und die Gelegenheit beim Schopfe gepackt? Der dünne schwarze Pullover und die elegante schwarze Hose, die sie anzog, waren voller Wasserflecken. Der Tag hatte noch nicht richtig angefangen, und sie sah bereits lächerlich aus.

Deine Sachen werden trocknen, sagte sie sich. Bevor irgendein Pariser dich sieht. Gibt dir einfach Mühe mit dem Make-up. Betonend, hübsch, dezent – das brauchte sie. Das hier war schließlich Paris. Denn eigentlich war sie nur eine durchschnittlich attraktive junge Frau mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein. So ausgeprägt, dass sie normalerweise dafür sorgen konnte, dass ihr glattes, hellbraunes Haar, ihre ebenmäßigen, aber unauffälligen Gesichtszüge und ihre klaren blaugrauen Augen etwas waren, an das sich die Leute erinnerten.

Normalerweise. Normalerweise war sie sich sicher, dass sie das konnte. Sie machte das schon so lange. Aber jetzt war sie in Paris.

Ihr gehörte vielleicht ihre kleine Heimatstadt Corey. Vielleicht gehörte ihr sogar ein maßgeblicher Anteil der Weltwirtschaft. Aber Paris gehörte ihr nicht. Noch nicht.

Hier musste sie mit den Parisern und vor allem mit den Parisiennes konkurrieren. Sie musste vor der Kulisse einer Stadt auffallen, die so dramatisch und romantisch war, dass sie seit Jahrhunderten die Blicke der Menschen fesselte.

Sie trat auf den Bürgersteig hinaus, in die kalte Herbstluft, nervös und voller Angst vor einer weiteren Niederlage wie am Tag zuvor. Ein paar Türen weiter stand das Schild einer Bäckerei auf dem Gehweg, und der kalte Wind trug den Duft von Gebäck heran. Ansonsten lag die Straße ruhig da. Es war der frühe Morgen eines grauen Tages. Ihr blieb noch eine Stunde für einen Spaziergang durch Paris, bevor sie sich mit dem zweitbesten Chocolatier der Stadt treffen würde.

Vielleicht sogar dem Besten. Sylvain Marquis hatte wahrscheinlich einfach Glück gehabt an dem Tag, als ihm der Maire de Paris den Meilleur-Chocolatier-de-Paris-Preis verlieh. Was wusste der Bürgermeister von Paris denn schon?

Als sie die Tür der Bäckerei erreichte, wollte gerade ein Mann mit einem papierumwickelten Gebäckstück in der Hand heraus. Cades Blick traf den von Sylvain Marquis, und sie erstarrte.

Ein poetisch veranlagter Wind bewegte ihren roten Schal in genau diesem Augenblick und blies ihr eine Haarsträhne über den Mund. Sie blieb an dem schimmernden blassen Lipgloss hängen, den sie aufgetragen hatte, um mit den wunderschönen Pariser Frauen mithalten zu können.

Klebte dort fest. Sie versuchte, die Strähne mit einer behandschuhten Hand wegzuwischen. Der Lipgloss hinterließ einen Streifen auf ihrem Handschuh, die Haare aber klebten weiter und gelangten sogar zwischen ihre Zähne. Sie zog den Lammleder-Handschuh aus und zerrte mit bloßen Fingern an der Haarsträhne, während Sylvain Marquis sie auf eine kühle, perplexe Art ansah. Ganz elegant. Ganz bei sich und bereit, mit all der Leidenschaft, die in jener eleganten Kühle enthalten war, wieder einzutauchen in jene köstliche Welt, aus der er Cade ausschloss. Er würde den ganzen Tag lang im Herzen der Schokolade arbeiten, und sie würde sich die Füße wundlaufen auf der Suche nach jemandem, der ihr erlaubte, genau das auch zu tun.

Sie konnte ihn auch aus ihrer Welt ausschließen, wenn sie das wollte. Der Welt des Reichtums und der Macht.

Nur, dass es schwer war, jemanden auszuschließen, der nicht hereinwollte. Sie konnte es, aber es war irgendwie sinnlos.

»Die Antwort ist noch dieselbe wie gestern«, verkündete er, während er zurücktrat, um sie in den Laden zu lassen.

Wenn sie ihn würgte, würde er sie weiter kühl und herablassend ansehen, während sein Gesicht lila anlief?

»Ich frage Sie heute nicht noch einmal.« Sie drängte sich an ihm vorbei in die Bäckerei. Die Berührung durch ihrer beider Wollmäntel, Pullover und Hemden hindurch durchzuckte sie heiß. Sie konzentrierte sich auf das Angebot des Bäckers, das ausreichen sollte, um jede Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Mein Gott, die Pariser sollte mal einer verstehen. Wie konnten sie so unhöflich und schlecht gelaunt sein, wenn an jeder Ecke ein so warmer, goldener Zufluchtsort auf sie wartete?

Goldbraunes Gebäck füllte die Auslagen, Spiralen, Halbmonde, Kreise und fluffige Rechtecke, auf denen Mandeln, Puderzucker, Rosinen und Schokoladenkleckse lockten. Rote Beeren lagen in Betten aus weichem, blassem Vanillepudding, umrahmt von einem goldgebackenen Rand – ein perfekt geformter Kreis, der genau in die Hand passte. Apfelscheiben schimmerten köstlich durch etwas hindurch, das laut Schild tarte normande hieß. Kleine schokoladenüberzogene choux, Feinbackwaren aus Brandteig, machten es sich auf schokoladenüberzogenen Kissen aus größeren choux gemütlich, wie fette kleine schwarzgekleidete Schneemänner. Lange, phallische éclairs in den Geschmacksrichtungen Kaffee, Schokolade und Pistazie waren aufgereiht wie im Traum einer Nymphomanin. Cade runzelte die Stirn und blickte aus den Augenwinkeln misstrauisch zu Sylvain Marquis hinüber. Seit wann sah sie Phallussymbole in unbescholtenen éclairs?

Wenn Marquis da nicht mit seiner festen Überzeugung ihrer Unterlegenheit gestanden hätte, dann hätte sie mehrere Gebäckstücke wählen und in sich hineinstopfen können. Stattdessen war sie gezwungen, sich zu beherrschen. Was sollte sie nehmen? Ein Croissant war langweilig und würde sie wie eine Touristin wirken lassen. Ein pain au chocolat – das bekam sie auch zu Hause. Sie warf einen Blick auf das Gebäckstück in seiner Hand. Ein croissant aux amandes. Das schied also auch aus.

Auf gar keinen Fall würde sie ihm etwas nachmachen. Die Namen der anderen Dinge kannte sie nicht – also würde sie wieder ungebildet wirken. »Äh … das da.« Sie deutete irgendwohin und stellte fest, dass ihr Finger auf eine kleine tarte zeigte, die gänzlich mit frischen Himbeeren bedeckt war.

Gute Wahl. Sie brauchte mehr frisches Obst bei diesem kalten Wetter.

»Pour le petit-déjeuner?«, fragte Sylvain Marquis erstaunt.

»Habe ich Sie gefragt, was ich zum Frühstück essen soll?«, fuhr sie ihn an. Der Bäcker warf ihr einen drohenden Blick zu. Wie jetzt, waren die beiden etwa befreundet? Großartig. Jetzt würde sie sich für den Rest ihres Aufenthaltes fragen müssen, ob ihre Baguettes und ihr Gebäck bespuckt worden waren oder auf dem Boden gelegen hatten. Vielleicht sollte sie sich eine andere Wohnung suchen.

Eine mit Duschvorhang.

Eine, die mehrere Arrondissements von Sylvain Marquis Laboratoire entfernt lag.

»Américains«, sagte Sylvain Marquis ungläubig, während er seinen wunderschönen schwarzen Haarschopf schüttelte. »Ihr esst alles zu jeder Zeit, oder?«

Verunsichert ballte sie im Schatten ihres Mantelärmels ihre nackte Hand zur Faust. Sie hasste ihn wirklich. Zum Glück hatte sie das begriffen, bevor sie einen Vertrag unterschrieb, der ihn Millionen hätte verdienen lassen, nur weil sie Pariser Chocolatiers dermaßen blind verehrte.

»Was machen Sie hier?«, fragte der Chocolatier, dem die Tatsache völlig zu entgehen schien, dass sie nach seinem Verhalten eigentlich nicht mehr mit ihm sprach. »Mein Laden öffnet erst später. Sind Sie gekommen, um meine Rezepte zu stehlen?«

Hatte er ihre Familiengeschichte gelesen? Der Vorwurf des Rezeptdiebstahls gegen ihren Urgroßvater war nie bewiesen worden. Vor allem, weil die entsprechenden Schweizer Fabriken so wachsam gewesen waren, ihm keine Chance dazu zu geben und er das Schokoladenrad auf die harte Tour hatte neu erfinden müssen: mit vielen Experimenten, zwei Kesselexplosionen und einem abgebrannten Schuppen.

»Ich bin auf dem Weg zu Dominique Richard«, erklärte sie kühl und nahm ihre wunderschöne kleine Himbeer-Zubereitung aus den Händen des Bäckers entgegen. »Warum? Dachten Sie, Sie wären der einzige ›beste Chocolatier in Paris‹?«

Seine Augenbrauen zuckten. Das hatte gesessen, oder? Gut. Sie ging an ihm vorbei aus dem Laden und so schnell wie möglich die Straße hinunter, weil sie wenigstens diesen kleinen Sieg ihrer Begegnung genießen wollte. Sie zwang ihren Rücken, ihre Verachtung diesmal etwas besser zum Ausdruck zu bringen.

Dennoch wartete sie, bis sie am Ende der Straße um die Ecke gebogen und außer Sichtweite war, bevor sie in ihr Himbeer-tartelette biss. Es war so gut. Nicht zu süß, aber frisch und voller Geschmack, mit einer dünnen Schicht himmlischer Vanillecreme. Wieso sollte man so etwas nicht zum Frühstück essen? Es war gesünder als sein croissant aux amandes, das sollte sie ihn vielleicht wissen lassen. Doch das würde sie nicht tun, denn dafür hätte sie zurückgehen und es ihm sagen müssen.

Und wenn sie ihm so viel Aufmerksamkeit schenkte, dann ging dieser Punkt definitiv an ihn.

3

Sylvain hatte ein ungutes Gefühl, weil sich diese gonflée Vertreterin kapitalistischer Arroganz um sieben Uhr morgens vor seiner Chocolaterie herumtrieb, als hätte sie diese bereits gekauft. Aber er versuchte es zu verdrängen. Zumindest hatte sie es nicht noch einmal gewagt, ihn dazu zu drängen, ihr seinen Namen zu verkaufen.

Was tatsächlich ziemlich irritierend war. Sie hätte ihm schon ein bisschen mehr hinterherlaufen können, oder? Außerdem gab es nichts Besseres als einen Streit mit einer hübschen Frau mit einer Schwäche für Himbeeren, um sich einen grauen Tag zu versüßen.

Und sie hatte mit ihren Himbeeren mignonne, wirklich hübsch, ausgesehen. Es war ein lächerliches Frühstück, aber es gefiel ihm trotzdem, dass sie sich dafür entschieden hatte. Schmecke das Leben so, wie du es willst – so sah er das. Außerdem konnte er sich vorstellen, wie sie ihre Zähne in die zarte, dünne Schicht aus Vanillecreme senkte, wie sich ihre Lippen um die perfekten roten Himbeeren schlossen und der Wind ihr das Haar ins Gesicht blies und sie damit in den Wahnsinn trieb.

Er konnte sich vorstellen, sie zu retten und lachend mit seinen Fingern ihr Haar zurückzustreichen, damit sie aufessen konnte. Verdammt noch mal, seine Fantasie würde ihn wieder in Schwierigkeiten bringen. Er hoffte, dass der Wind sie wirklich verrückt machte. Dominique Richard? Dominique Richard würde sie wahrscheinlich umbringen, wenn sie ihm anbot, ihn zu kaufen. Und … verdammt noch mal! Dominique Richard? Wollte sie damit sagen, dass Dominique Richard so gut war wie er? Oder auch nur annähernd so gut? Imbécile de capitaliste américaine. Putain de nerve. Als wäre Dominique Richard nicht schon eingebildet genug, ohne dass irgendeine Idiotin sein Ego weiter aufpumpte …

Seine Wut ließ ein bisschen nach, als er sein Laboratoire aufschloss, dann besserte sich seine Laune immer. Theobromin. Die Droge der Götter. Sein Theobromin, seine Schokolade, seine Meisterwerke, für die die Leute auf dem Gehsteig Schlange standen, um ein Vermögen dafür zu bezahlen.

Es war ein langer Weg gewesen für einen Jungen, der in der Banlieue aufgewachsen war, dessen Eltern vom Land stammten und die gewollt hatten, dass er bei einem Landwirt in die Lehre ging. Jetzt beobachten zu können, wie megareiche Frauen – Frauen wie die amerikanische Kapitalistin zum Beispiel – ihre kleinen teuren Zähne in ein daumennagelgroßes Stück Schokolade senkten, das er gemacht hatte, hatte ihn viel Aufwand gekostet.

Er war ein schlaksiger, schüchterner Jugendlicher mit wirrem Haar gewesen, deshalb war es gut, dass er schon als Teenager entdeckt hatte, was Frauen begehrten.

Schokolade. Wenn man eine Frau verführen wollte, die einen sonst keines Blickes gewürdigt hätte, dann war gute Schokolade besser als ein Liebestrank. Als schüchterner Teenager war es ihm zwar nicht gelungen, aus diesen wunderschönen, von der Schokolade angelockten Frauen Partnerinnen zu machen, aber er hatte es zumindest in ihr Universum geschafft und sich mit ihrer Schönheit gegeißelt und von dort aus allmählich eine bestimmte Vorgehensweise gelernt. Er verführte sie mit Schokolade, und als Gegenleistung verführte ab und zu eine ihn. Normalerweise war er nur eine Affäre. Ein Trostpreis, während ihre eigentlichen Partner gemein zu ihnen waren, bis sie direkt wieder zu le bâtard zurückkehrten. Er war zwanzig, als er endlich von dieser außerordentlich hoffnungslosen Schiene abkam.

Es hatte sicher nicht geschadet, dass die körperlich intensive Lehre in der Chocolaterie ihm Kontrolle, Macht und Stärke verliehen hatte und dass er insgesamt viel muskulöser geworden war, aber der wahre Schlüssel war sein meisterlicher Umgang mit der Schokolade, und er wusste es. Der Weg zum Körper einer Frau führte über das, was sie sich gerne in den Mund steckte. Wenn eine Frau sich seine Schokolade auf der Zunge zergehen ließ, dann war es für ihn, als würde sie ein kleines Stück von ihm dort schmelzen lassen.

Plötzlich musste er lächeln. Wie viele Schachteln von seiner Schokolade Cade Corey wohl gegessen hatte? Wie viel von ihm hatte sie in sich aufgenommen? Und dann erstarrte er, mit der Hand auf dem kalten Marmortisch, am frühen Morgen allein in seinem Laboratoire, während Hitze ihn durchströmte.

4

Blätter wehten über den Kies im Jardin du Luxembourg. Cade ließ sich Sylvain Marquis vom Wind aus dem Kopf pusten, reckte das Kinn und genoss die Tatsache, dass sie hier spazieren ging. Auf dem Bassin vor dem Palast aus dem 17. Jahrhundert kräuselten kleine Wellen, aber heute trieben dort nicht, wie sie es auf Bildern so häufig gesehen hatte, Boote von kleinen Kindern. Die Sonne drang sanft durch die Wolken und erhellte das Grau hinter den Bäumen und dem Palast.

Der Park war fast menschenleer. Die wenigen Passanten, die ihn durchquerten, schienen ihn als Abkürzung zu nutzen, folgten beim Gehen ihrem vorgereckten Kinn, die Hände in den Taschen, als hätten sie es eilig, früh irgendwo hinzukommen. Ein paar Jogger auf den Wegen wirkten in der klassischen Landschaft ziemlich deplatziert und in ihrer Sportkleidung eher lächerlich.

Ich bin hier, dachte Cade, als sie vor dem Wasserbecken stehen blieb, um sich umzusehen. Ihre Hände ballten sich in ihren Taschen zu Fäusten, um den Moment festzuhalten und jedes Quäntchen Besonderheit herauszuquetschen. Paris.

Sie verdrängte Sylvain Marquis’ Weigerung, das war nur ein kleiner Rückschlag. In ihrer Welt würde es diese Stadt geben, wenn sie erst mit ihrer Linie erfolgreich war. In ihrem Leben würde es ein Laboratoire geben, einen Raum voller handgemachter Schokoladen-Alchemie und pingeliger, leidenschaftlicher Meister ihrer Kunst, die etwas Exquisites herstellten. Beides würde Teil von ihr werden.

Als sie darüber nachdachte, schien ihre Seele über sie hinauszuwachsen, sie wurde größer und größer, reicher und reicher, wurde so riesig wie diese größte der kleinen Städte und alles, was sie jemals enthalten hatte, so reichhaltig wie dunkle Schokoladen-Ganache, versehen mit einem neuen Geschmack, den sie nicht kannte, über winzig kleiner Flamme gerührt.

Ihre Augen brannten, vom kalten Wind oder von der plötzlichen Schönheit des Moments. Sie hätte ihn vielleicht noch ein wenig genossen, wäre ihr nicht plötzlich der Gestank von Urin entgegengeweht. Ein unrasierter Mann in fleckiger Kleidung kam auf sie zu, murmelte etwas und hielt die Hand auf.

Sie gab ihm zwanzig Euro und aus einer Laune heraus den Corey-Riegel, der bis jetzt ihr Talisman gewesen war. Sie hatte in ihrer gemieteten Wohnung eine ganze Kiste davon und verschenkte gerne einen mit, wenn sie jemandem Geld gab. Sie stellte sich dann vor, dass er dem Empfänger ein bisschen Freude bereitete.

Sie ging weiter, fühlte sich stärker, mutiger, freier, und verdrängte den Gedanken an Sylvain Marquis’ Wut und Überheblichkeit, was Schokolade betraf. Glück durchströmte sie, obwohl sie einem Mann ausweichen musste, der einen Zigarettenstummel auf den Gehweg warf, während sein Hund gerade kackte.

Paris. Sie war in Paris. Die Stadt gehörte ihr.

5

Dominique Richard gefiel die Idee auch nicht. Er war nicht ganz so zurückweisend wie Sylvain Marquis – oder besser gesagt nicht so unglaublich attraktiv, dass sie wünschte, sie wäre die Schokolade auf dem Tisch, die von seinen Händen temperiert wurde. Außerdem hatte er ihr bei seiner Absage nicht wie Marquis das Gefühl vermittelt, sie sei nicht einmal des Verspottens wert. Dominique war grob, aggressiv und seine Ablehnung brüsk, während er Cade gleichzeitig von oben bis unten musterte. Als hielte er es einerseits nicht für nötig, ernsthaft über ihr Angebot nachzudenken, als könne er sich bei Interesse aber andererseits vorstellen, in seinem Büro Sex mit ihr zu haben.

Mit dieser Art von Beleidigung konnte sie irgendwie besser umgehen als mit Sylvains. Sie ging ihr nicht unter die Haut und brannte da wie ein Feuer, das sie nicht zu löschen vermochte.

Aber es war auch die zweite Ablehnung ihrer brillanten Idee in weniger als vierundzwanzig Stunden. Mit diesem Traum beschäftigte sie sich schon seit der Highschool, im College hatte sie das Szenario immer wieder durchgespielt und es vier Jahre in ihrem Herzen behalten, während sie sich in der Firma für ihre Ideen und ihre Arbeit Respekt verschaffte, bevor sie versucht hatte, »daraus irgendeine neue Linie zu gestalten«, wie ihr Vater es gerne ausdrückte. Mindestens zehn Jahre hoffte sie nun schon darauf.

Sie hatte immer geglaubt, dass es nur ihre Familie, deren Firma und sie selbst waren, die ihrem Traum im Weg standen. Dass ihr Traum selbst sie ablehnen könnte, war ihr nie in den Sinn gekommen.

Und die Pariser hatten eine Art, Nein zu sagen, die wirklich entmutigend war. Konnten sie nicht zumindest lächeln und so tun, als würde ihnen die Ablehnung leidtun? Warum mussten sie sich so benehmen, als würde sie plötzlich stinken, nur weil sie eine Frage gestellt hatte?

Sie ging zurück durch den Jardin du Luxembourg, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, und versuchte, den Kopf und ihren Mut aufrecht zu halten, versuchte, sich auf die Schönheit der Gärten zu konzentrieren, auf den Genuss, Leute zu beobachten. Eine Frau versuchte, ihr Kleinkind davon abzuhalten, in das große Wasserbecken zu klettern, dessen Wasseroberfläche vom kalten Wind aufgeraut war. Ein Paar sprach einen Passanten direkt vor ihr an mit der Bitte, ein Foto zu machen.

Sie nickte dem Obdachlosen von vorhin zu, der seinen Corey-Riegel schon halb aufgegessen hatte.

»C’est de la merde«, informierte er sie im Plauderton. »Denken Sie, nur weil ich obdachlos bin, esse ich alles?«

Sie lief eilig weiter, ohne etwas, um das sie ihre Hand hätte schließen können, hatte sie doch ihren Talisman weggegeben, zumal an einen Franzosen, der nicht einmal ein Dach über dem Kopf hatte und sie darüber hinaus noch herablassend behandelte. Ihre Augen brannten. Sie konzentrierte sich darauf, zu ihrer Wohnung zurückzugehen, sich zu sammeln – sich zu verstecken –, wieder vor ihrem Laptop zu sitzen und eine Liste mit den dritt- bis zehntbesten Chocolatiers von Paris sowie einen Plan zu erstellen.

Die Wärme umhüllte sie, sobald sie sich in den Aufzug zwängte. Das Haus war kaum beheizt, aber hier blies kein Wind. Umgeben von der alten, geblümten Tapete in ihrer winzigen Wohnung stand auf der Arbeitsplatte aus Laminat in der kleinen Einbauküche die riesige Kiste mit Corey-Riegeln, die ihr so oft auf Reisen folgte.

Sie schaufelte einen Arm voll aus der Kiste, setzte sich auf ihr schmales Bett neben dem Fenster, verteilte die Riegel um sich herum und begann zu weinen. Das Klingeln des Telefons unterbrach ihren Tränenfluss. »Cade«, sagte ihr Vater abrupt, während sie tapfer kämpfte, kein einziges Schluchzen entweichen zu lassen. »Könntest du dir die Memos von Jennie und Russel ansehen, die ich dir geschickt habe? Check deine Mails. Ich weiß zu wenig über die Gespräche, die ihr mit den Kaufhausketten geführt habt, und ich weiß nicht, ob sie die richtige Entscheidung treffen.«

»Können die beiden das nicht alleine? Das wäre eine tolle Übung für sie.«

»Ja, aber … Wir würden uns alle besser fühlen, wenn wir deine Einschätzung dazu hätten. Du hast vermutlich auch noch ein paar andere Nachrichten in deinem Postfach. Es wäre nett, wenn du dir die Sache mal ansehen könntest. Wie geht es dir überhaupt, Liebes? Hast du Spaß?«

»Ja!«, log sie enthusiastisch. »Der Kontakt zu diesen kleinen Chocolatiers ist faszinierend. Hier gibt es so viel zu lernen.«

»Mmm«, sagte ihr Vater, der, was die Einführung einer neuen Gourmetlinie betraf, viel skeptischer war als sie. »Die Stadt ist schön, oder? Deine Mutter und ich haben unsere ersten Flitterwochen dort verbracht.«

Julie Corey, geborene Julie Cade, und Mack Corey waren bis zum Tode von Cades Mutter jedes Jahr an ihrem Hochzeitstag in sogenannte Flitterwochen gefahren.

»Ja«, sagte Cade.

»Es hat ihr dort immer gefallen. Weißt du noch, wie wir dich als Kind manchmal dorthin mitgenommen haben? Sie ist gerne einfach in der Stadt herumgelaufen, überall. Es gab kein Kopfsteinpflaster und kein altes Gebäude, das ihr nicht gefallen hätte.«

Cade lächelte bei dem Gedanken an ihre Mutter. So war sie wirklich gewesen.

»Wir vermissen dich hier, Kleines. Ich kann es kaum erwarten, dich wieder hier zu haben. Dass du mir ja nicht am anderen Ende der Welt bleibst, so wie deine Schwester das plant. Aber genieß jede Minute, die du dort bist, ja?«

»Ja«, erklärte Cade. »Das werde ich.« Vor allem, weil diese Minuten begrenzt waren. Ihre jüngere Schwester Jaime schien entschlossen, die familiären Verpflichtungen in den Wind zu schießen und stattdessen lieber die Welt zu retten, also konnte Cade nicht wirklich dasselbe tun. Sie würde bald nach Corey, Maryland, zurückkehren.

Zwanzig Minuten später war sie wieder auf den Beinen, richtete ihre Haare und das Make-up, bis beides wieder dem Paris-Standard entsprach, und überlegte, bei welchem Chocolatier sie ihr Glück als Nächstes versuchen sollte.

Sie betrachtete zweifelnd die Absätze ihrer Stiefel, ihre Füße schmerzten ein wenig von dem Spaziergang heute Morgen. Aber es war eine schlechte Idee, schon an ihrem ersten ganzen Tag in Paris klein beizugeben und flache Schuhe anzuziehen. Wenn die Pariserinnen das konnten, dann konnte sie das auch.

Sie lief und lief und lief.

Und einfach nur zu laufen war wirklich nett.

Abgesehen davon, dass ihre Füße so schrecklich schmerzten.

Und von dem Moment, wo sie in Hundescheiße trat.

Und von dem Moment, wo ein Passant ihr plötzlich an den Busen fasste.

Und von dem Moment, wo sie auf dem Bürgersteig dicht an jemandem vorbeiging und die Zigarette, die er seitlich am Körper hielt, sich in ihren Handrücken brannte. Wenigstens verhöhnte er sie nicht, sondern hielt sie fest, damit sie nicht fiel, und entschuldigte sich schnell und hastig bei ihr. Sie blickte ihm nach, als er weiterging, und überlegte, ob ihr Bedürfnis, ihn aufzuhalten und sich mit ihm verabreden zu wollen, weil er so nett gewesen war, sie nicht zu verhöhnen, nachdem er sie verbrannt hatte, möglicherweise ein Anzeichen für eine Paris-Schädigung sein konnte.

Sie setzte sich erschöpft in das nächstgelegene Café, bewegte ihre schmerzenden Zehen und bestellte eine Tasse heiße Schokolade. Das Getränk war überraschend dunkel und intensiv, gar nicht wie der Corey-Kakao, den sie als Kind immer getrunken hatte, mit den witzigen kleinen Schneemann-Marshmallows obendrauf. Auf dem Löffel lag ein winziges zylinderförmiges Stück Zucker, sollte sie das etwa in ihren Kakao rühren? Oder würde sie das wie eine Touristin wirken lassen? Vielleicht hatte der Kellner es ihr gegeben, weil er schon ahnte, dass sie eine Touristin war. Er würde sie vermutlich jeden Moment auf Englisch ansprechen. Alle sprachen Englisch mit ihr. Sie hatte Französisch in der Schule und am College gelernt und jahrelang Privatunterricht genommen – und sie alle bestanden darauf, in schlechtem Englisch mit ihr zu reden.

An den Tischen redeten hier und da Leute miteinander, fuchtelten mit Zigaretten über halbleeren Tassen und Gläsern. Vielleicht sollte man jedem Paris-Führer unechte Zigaretten beilegen, um Touristen die Chance zu geben, nicht aufzufallen. War es nicht inzwischen gesetzlich verboten, in Pariser Cafés zu rauchen? Sie legte ihren Mantel und ihre Handschuhe auf den Stuhl neben sich und umfasste die Tasse Kakao, saugte die Wärme auf. Ihre Füße schmerzten noch mehr, jetzt, wo kein Druck mehr auf ihnen lastete.

Die Erschöpfung legte sich schwer auf sie. Fühlte es sich so an, eine Niederlage zu erleiden? Sie hatte dieses Gefühl niemals zuvor kennengelernt und wollte nicht zugeben, dass es jetzt so weit war. Sie sammelte sich nur, das war alles.

Sie war den ganzen Tag gelaufen. Vorbei an wunderschönen Brunnen, versteckt gelegenen Innenhöfen und Schaufenstern, die Kunstwerken glichen. Die Gebäude, die Straßen, das Kopfsteinpflaster, das ihre Stiefelabsätze zerstört hatte, das war alles so, so … Paris. Sie war an der Seine entlanggegangen, und der Fluss war kalt und braun gewesen und wunderschön. Und darüber hatte sich Notre-Dame erhoben und und …

… sie würde zu dem nächsten Chocolatier auf ihrer Liste gehen. Und sie würde sich wappnen – sich jedes Mal noch stärker wappnen –, und dann würde sie hineingehen. Und der Duft und der Anblick von Schokolade würden sie einhüllen, so delikat und fabelhaft und außergewöhnlich und …

… der Chocolatier würde Nein sagen. Simon Casset hatte sie mit einem schnellen, durchdringenden, stahlblauen Blick bedacht und ihr geraten, Sylvain Marquis zu fragen. Doch ein Zucken seiner Mundwinkel hatte verraten, dass er das nur tat, um ihm eins auszuwischen, und nicht, weil er ihr ernsthaft helfen wollte.

Philippe Lyonnais hatte sie mit Augen angestarrt, die schnell dunkelblau geworden waren wie die stürmische See, und er hatte sie tatsächlich angeknurrt. Hatte gebrüllt wie Aslan, der Löwe aus den Chroniken von Narnia. Ihre Ohren hatten immer noch geklingelt, als sie den Laden verließ.

Manchmal sagte einer nett Nein, als wäre sie ein naives junges Ding, das es nicht besser wusste. Manchmal lehnten sie mit einem erstaunten Blick ab, als würden sie sich fragen, wo die Amerikaner diese verrückten Ideen herhätten. Manchmal waren sie ungeduldig, als wären sie die Amerikaner und ihre verrückten Ideen ziemlich leid.

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