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Ein süßer Glücksbringer

Cathy Gillen Thacker

Ein süßer Glücksbringer

1. KAPITEL

Michelle Anderson hatte schon öfter Geschenke bemerkt, die auf der Veranda vor Thad Garners Haustür für ihn abgelegt worden waren. In den drei Monaten, die sie nun schon dem sexy Notarzt gegenüber wohnte, hatte sie eine ganze Parade hoffnungsvoller Singlefrauen beobachten können, die den begehrtesten Junggesellen von Texas mit allem Möglichen, von Geschenkkörben bis zu Luftballons, beglückten. Es war allerdings das erste Mal, dass Michelle einen Kindersitz, eine Wickeltasche und einen Baby-Tragekorb auf der Veranda der Landhausstil-Villa entdeckte.

Als sie für ihre morgendliche Laufrunde das Haus verlassen hatte, war von den seltsamen Geschenken noch nichts zu sehen gewesen. Sie fragte sich, ob das Babyzubehör wohl als Botschaft gedacht war.

Falls ja, war es in Anbetracht der Tatsache, dass Thad Garner den Ruf eines Weiberhelden hatte, der Frauen bloß als Spielzeug betrachtete, eine sehr interessante Botschaft.

Der gutaussehende dreiunddreißigjährige Arzt behauptete, er wolle Frau und Kinder, und zwar lieber früher als später. Tatsächlich verabredete er sich aber mit kaum einer Frau öfter als zwei- oder dreimal, bevor er sich so unverbindlich-freundlich aus ihrem Leben verabschiedete, wie er darin aufgetaucht war.

„Es fehlt einfach dieses Knistern. Ich hoffe, wir können Freunde bleiben“, pflegte er dann zu sagen, wie Michelle gehört hatte. Aber das war es nicht, was die Frauen wollten. Sie sehnten sich nach der „großen Liebe“, die für Thad offenbar ein Fremdwort war.

Sie wollten genau das, dachte Michelle, was auch sie selbst sich wünschte. Heirat, ein erfülltes gemeinsames Leben, Kinder. Neben der Karriere. Doch sie hatte keine Ahnung, ob sich ihr Traum jemals erfüllen würde.

Beruflich und finanziell war alles perfekt. Mit zweiunddreißig Jahren war sie Partnerin in einer Anwaltskanzlei, hatte ihr eigenes Haus – sie hatte sogar überlegt, allein ein Kind zu adoptieren und …

Weinte da ein Baby?

Das konnte nicht sein. Noch während sie das dachte, stockte das hohe Wimmern, hörte kurz auf und setzte dann wieder ein – nun als verzweifeltes Schreien aus vollem Hals.

Michelle suchte Thads Veranda und den Hof mit Blicken ab, dann die Straße. Normalerweise war es am Wochenende um sieben Uhr morgens still. Nicht heute. Nicht, wenn das unverkennbare Geschrei eines Babys durch die Nachbarschaft hallte.

Mit klopfendem Herzen lief Michelle über die Straße und hastete die Stufen der überdachten Veranda von Thads Haus hinauf.

Und tatsächlich lag da ein rotgesichtiges, aufgebracht weinendes Kind in dem Babykorb. Er – Michelle vermutete zumindest, dass es ein Junge war, da er in eine blaue Decke gewickelt war – konnte nicht mehr als wenige Tage alt sein.

Ihr Herz flog dem Kleinen zu. Auf die Veranda gekniet schlug sie die weiche Decke zurück, unter der das jammernde Kind lag, und hob es aus dem tragbaren Babybett in ihre Arme.

In genau diesem Moment wurde die Haustür unsanft geöffnet.

Ihr zu-sexy-um-wahr-zu-sein Nachbar starrte auf sie hinab.

Und Michelles Herz tat einen weiteren Sprung.

Thad rieb sich das Gesicht und versuchte wach zu werden. „Was ist denn hier los?“, fragte er – und glaubte, noch zu träumen. Sonst stünde nicht die umwerfende Eisprinzessin von gegenüber mit einem Baby im Arm vor seiner Tür. „Und warum haben Sie Sturm geklingelt, als stünde die ganze Nachbarschaft in Flammen?“, fügte er schroff hinzu. Er hatte gedacht, das sei nur ein Traum gewesen, und war wieder eingeschlafen – bis ihn das Weinen dieses Kindes geweckt hatte.

Michelle Andersons Blick glitt über seine bloße Brust und die tiefsitzende Pyjamahose, bevor sie ihm wieder ins Gesicht sah. Eine für die morgendliche Kühle ungewöhnlich hitzige Röte erblühte auf ihren hübschen Wangen. „Ich habe nicht geklingelt“, sagte sie.

Thad hatte keine Ahnung, wie lange es her war, dass ihn das Klingeln geweckt hatte. Fünf Minuten? Eine Viertelstunde? „Sie stehen direkt neben der Klingel“, stellte er trocken fest.

„Nur weil ich Sie fragen wollte, was hier vor sich geht“, gab sie zurück.

Verspätet fiel ihm ein, dass er sich vielleicht ein T-Shirt hätte überziehen sollen. Thad betrachtete Michelle und das Neugeborene in ihren Armen. Er wusste nicht, wieso, doch sie schien ihm etwas Ungeheuerliches zu unterstellen. „Sie sind diejenige mit dem Baby“, bemerkte er.

Michelle tätschelte das Kind, das sich an sie geschmiegt hatte. Der beschützende Ton in ihrer anziehend weiblichen Stimme verstärkte sich. „Stimmt, aber ich bin nicht diejenige, die besagtes Baby vor Ihrer Haustür zurückgelassen hat.“

Sie klang wie eine Anwältin. „Wovon reden Sie überhaupt?“

Auf die Utensilien zu ihren Füßen deutend antwortete sie: „Jemand hat ein Baby auf Ihrer Türschwelle abgelegt.“

Die in Summit lebenden alleinstehenden Frauen hatten schon einige verrückte Dinge getan, um sein Interesse zu wecken, aber das hier übertraf wirklich alles. „Jemand hätte Ihnen sagen sollen, dass es für einen Aprilscherz etwas spät ist“, spöttelte Thad.

„Ich weiß sehr gut, dass heute der sechste April ist“, erwiderte Michelle kühl, „und wenn das hier eine Masche ist, um Ihre Aufmerksamkeit zu erregen, Dr. Garner, kann ich Ihnen versichern, dass dieser Versuch nicht von mir kommt.“

Thad sah Michelle an. Er rieb sich den letzten Schlaf aus den Augen. „Warum sollte mir jemand ein Kind übergeben?“

Michelle deutete auf das weiße Papier, das zwischen Seitenwand und Matratze des Babykorbs steckte. „Vielleicht steht es ja in dem Briefumschlag dort.“

Thad kniete sich hin, um den Umschlag aus dem Babybett zu fischen. Tatsächlich, da war sein Name auf die Vorderseite gekritzelt. Er riss das Papier auf und las.

Lieber Thad,

Brice und Beatrix haben vielleicht ihre Meinung über das Kinderkriegen geändert – ich nicht. Jetzt muss Ihr Bruder Russell entscheiden, was mit William geschieht – der Kleine ist schließlich sein Sohn.

Es tut mir leid, dass das alles so schiefgegangen ist, aber ich muss es noch einmal sagen: Es ist nicht mein Problem. Ich habe getan, wofür ich engagiert wurde – und mehr kann ich nicht tun.

Alles Gute,

Candace

P.S. Ich hoffe, Sie sind bei der Suche nach Russell erfolgreicher als ich.

„Was zum …?“, murmelte Thad, während er den Brief ein weiteres Mal überflog. Noch immer rätselnd hielt er den Brief Michelle hin, sodass sie ihn auch lesen konnte.

„Wer sind Brice und Beatrix?“, fragte sie stirnrunzelnd.

„Keine Ahnung“, sagte er. Das Baby sah zutiefst glücklich aus, wie es sich da an die Brüste seiner Nachbarin gekuschelt hatte.

Michelle zog die Decke um das winzige Ding etwas fester zusammen. „Und Candace?“

Mit einem Schulterzucken musterte Thad das Büschel dunkler, lockiger Haare, das unter dem blau-weißen Häkelmützchen hervorblickte. Die Kleidung des Babys wirkte teuer. „Auch nicht die geringste Ahnung.“

„Aber Russell …?“

„… ist definitiv mein Bruder und mein einziger noch lebender Verwandter“, antwortete Thad, während er die bildschönen Gesichtszüge und die helle Haut des Babys betrachtete. Bildete er sich das ein oder hatte William die Garner-Nase? Und Garner-Augenbrauen? Und dieses Kinn?

Er wusste, dass sein Bruder stolz auf seinen unsteten Lebenswandel war, doch hätte Russell wirklich seinen eigenen Sohn im Stich gelassen? Oder wusste er gar nichts von ihm? Hatte die Mutter dieses offensichtlich ungewollten Kindes beschlossen, dass Russell als Vater nicht gerade das große Los war, und das Baby zur Adoption freigegeben, ohne ihm davon zu erzählen? Nur um zu erleben, wie die Adoptiveltern im letzten Moment absprangen?

Michelle sah auf das Baby hinunter, als wäre es das anmutigste Kind der Welt. Zu Thad aufblickend fragte sie: „Glauben Sie, Ihr Bruder weiß überhaupt, dass er Vater geworden ist?“

Thad seufzte. „Schwer zu sagen.“

Gereizt nahm er die Wickeltasche, den Kindersitz und den Tragekorb und stellte die Sachen in seine Diele. „Bitte, kommen Sie doch herein“, grummelte er.

Zögernd, fast misstrauisch, folgte sie seiner Einladung.

Nicht dass sie sonst besonders freundlich zu ihm gewesen wäre, dachte Thad.

Seit sie vor ungefähr drei Monaten nach Summit gezogen war, war er ihr kaum einen Gruß wert gewesen. Auf ihre reservierte Art – zumindest ihm gegenüber – konnte er sich keinen Reim machen. Er selbst war der attraktiven Anwältin nie anders als freundlich begegnet.

Trotzdem war es verdammt schwer gewesen, die gertenschlanke Blondine mit dem warmen Kupferton im Haar nicht bei jeder Gelegenheit anzustarren.

Michelle Anderson trat mit der selbstbewussten Anmut einer vollendeten Karrierefrau auf. Zur Arbeit ging sie meist in eleganten Business-Kostümen mit High Heels, abends und am Wochenende war sie sehr viel legerer gekleidet.

An diesem Morgen trug sie eine marineblaue kurze Laufhose, die ihre langen wohlgeformten Beine grandios zur Geltung brachte, und ein pink-blaues T-Shirt, unter dem sich ihre Brüste ebenso schön abzeichneten. Das Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz hochgebunden, und ein paar vorwitzige Strähnen, beim Laufen entwischt, umspielten ihr Gesicht. Von ihrer hellen Haut ging ein Strahlen aus, während in ihren smaragdgrünen Augen die Skepsis einer Frau stand, die in ihrem Beruf schon viel zu viel gesehen und gehört hatte.

Was auf mich ebenso zutrifft, dachte Thad, als er sich ein dunkelblaues T-Shirt von der Rückenlehne des Sofas griff und überzog.

„Also?“, fragte Michelle, sanft auf den Fußballen wippend, um das zappelnde Baby zu beruhigen. „Ergibt dieser Brief für Sie irgendeinen Sinn?“

Thad beobachtete, wie das Baby den Kopf bewegte, als suche es eine Brust zum Saugen. „Leider ja“, gab er widerwillig zu, nicht besonders stolz auf seine Familie. Als er ein Babyfläschchen in einer Tasche des Kindersitzes entdeckte, griff er danach und schraubte den Deckel ab.

Die Säuglingsnahrung roch frisch. Er verschloss das Fläschchen wieder sorgsam und reichte es Michelle. „Mein Bruder benimmt sich so verantwortungslos und kurzsichtig, wie man sich nur vorstellen kann.“

„Und das bedeutet …?“ Als Michelle das Fläschchen William anbot, nahm er es sofort und brachte sie damit zum Lächeln.

Thad runzelte die Stirn. „Es ist durchaus möglich, dass Russell sich da in etwas hineinmanövriert und das Aufräumen mir überlassen hat.“ Und mehr würde er dazu nicht sagen, bis er mit seinem einzigen Bruder persönlich gesprochen hatte.

Auf Thads Einladung hin setzte sich Michelle auf die Couch und fütterte William, während Thad telefonieren ging.

Als er einige Zeit später wieder erschien, hatte er sich umgezogen. Über seinem durchtrainierten Oberkörper spannte sich ein gestärktes grünes Hemd, die langen sehnigen Beine steckten in einer khakifarbenen Stoffhose. Seine maßgefertigten Lederschuhe, offenbar sorgfältig poliert, glänzten.

Er duftete überwältigend. Wie der Wald nach einem Aprilregenschauer. Und er sah fantastisch aus – das kantige Kinn frisch rasiert, die goldbraunen Augen wach und aufmerksam. „Ich habe überall Nachrichten für Russell hinterlassen“, berichtete er grimmig.

Während sie versuchte zu ignorieren, wie das Sonnenlicht des frühen Morgens Thads kurzes sandbraunes Haar schimmern ließ, nahm sie William hoch an ihre Schulter, um ihn ein Bäuerchen machen zu lassen. So aus der Nähe konnte sie nicht umhin, – wieder einmal – zu bemerken, auf welch raue Art gutaussehend ihr Nachbar war. Kein Wunder, dass sämtliche Frauen der Stadt hinter ihm her waren. Sie riss den Blick von seinem breiten Kiefer und den sinnlichen Lippen los.

Endlich fand sie ihre Stimme wieder. „Können Sie abschätzen, wie lange es dauern wird, bis sich Ihr Bruder bei Ihnen meldet?“, fragte sie – erstaunt, wie ungerührt sie klang.

Thad sah unglücklich aus. „Das lässt sich nicht sagen.“ Er befestigte sein Handy und einen Pager an seinem Gürtel, blickte sich suchend nach seinen Schlüsseln um. „Russell könnte in jeder Zeitzone sein. Er ist Fotojournalist und hat Aufträge auf der ganzen Welt. Aber er hört seine Nachrichten täglich ab – wenn er nicht in einem Kriegsgebiet ist. Dann kann es natürlich schwieriger werden, ihn zu erreichen.“

Während sie sanft Williams Rücken rieb, fragte Michelle: „Was werden Sie tun?“

Zögernd blickte Thad sie an. „Darüber wollte ich mit Ihnen sprechen.“ Er setzte sich neben sie und lächelte sanft das Baby an, das ihn schläfrig mit seinen blauen Augen betrachtete. „Ich muss in zwanzig Minuten in der Notaufnahme sein. Natürlich werde ich versuchen, jemanden zu finden, der meine Schicht übernimmt. Aber bis dahin brauche ich jemanden, der auf William aufpasst.“ Er hielt dem Baby seinen Zeigefinger hin und grinste, als William instinktiv seine winzige Faust darum ballte und ihn festhielt.

Sorgenvoll blickte Thad wieder zu Michelle. „Kennen Sie irgendeinen Babysitter, den ich so kurzfristig anrufen könnte?“

Michelle wusste, worum er in Wirklichkeit bat. „Sie können ihn nicht mit ins Krankenhaus nehmen?“

Kopfschüttelnd erwiderte Thad: „Das wäre keine gute Idee. Zu viele Keime in der Notaufnahme.“

Da hatte er nicht unrecht. Sie sah auf ihren kleinen Schützling hinab. Dieses Kind brauchte liebevolle Pflege. „Was glauben Sie, wie alt er ist?“, fragte sie – und lächelte, als William endlich ein ordentliches Bäuerchen machte.

Thad schmunzelte ebenfalls. „Ein paar Tage vielleicht.“

Und schon verlassen. Plötzlich fühlte Michelle Tränen in ihre Augen steigen. „Das habe ich mir auch gedacht“, murmelte sie mit belegter Stimme. Sie wünschte, sie könnte William einfach mit zu sich nach Hause nehmen und ihm das Heim geben, das er verdiente. Aber so einfach war das Leben nun einmal nicht. Dies war nicht der Weg, auf dem sie das Baby bekommen würde, das sie sich so sehr wünschte.

„Um noch einmal auf das Babysitter-Dilemma zurückzukommen“, hakte Thad nach, ohne ihre Sehnsucht zu erahnen. „Haben Sie irgendeine Idee, wen ich anrufen könnte?“

„Abgesehen von der Heerschar Ihrer Verehrerinnen?“, stichelte sie, während sie William den Rest des Fläschchens gab.

„Ich meine es ernst.“

Genau so ernst wie sie. „Violet Hunter weiß eine Menge über Kinder“, wagte sie sich vor.

„Wir waren eine Weile zusammen, als ich hergezogen bin.“

Das hatte auch Michelle gehört. Die hübsche alleinerziehende Mutter war eine von Thads hartnäckigsten Verehrerinnen gewesen.

„Das war ungefähr sechs Monate nach dem Tod ihres Ehemanns“, ergänzte Thad zögernd. „Es hat nicht funktioniert. Ich glaube, sie ist noch ziemlich verwundbar, obwohl es fast zwei Jahre her ist.“

Auf einer Benefizveranstaltung zwei Monate zuvor hatte Michelle die neunundzwanzigjährige Krankenschwester – und ihre zwei kleinen Töchter – kennengelernt. Sie war wirklich nett. Und mehr als bereit für einen neuen Ehemann.

Michelle sah Thad wartend an.

„Ich will keine falschen Hoffnungen bei Violet wecken“, erklärte er schließlich.

Aus der Nähe wirkte Thad unter Michelles forschendem Blick nicht wie der Typ Mann, der es genoss, eine Frau hinzuhalten – im Gegenteil. Doch ihrer Erfahrung nach konnte das Aussehen täuschen. Sie würde sich in ihrem Privatleben genau so an die Fakten halten wie in der Kanzlei.

„Und die wären?“, bohrte sie nach.

Thad begegnete ihr mit der Gelassenheit eines professionellen Zeugen. „Dass es eine Chance gibt, wo keine existiert.“ Bedauernd runzelte er die Stirn. „Und wenn ich Violet – oder eine andere Exfreundin – anrufe, um zu erklären, dass ich ihre Hilfe brauche mit dem Baby, für das ich auf einmal verantwortlich bin …“

„Vermutlich würden Sie etwas mehr bekommen als Hühnchen-Enchiladas auf der Veranda“, kommentierte Michelle trocken.

„Genau.“

„Wohingegen, wenn Sie mir das Baby anvertrauen …“

Plötzlich hörte er sich gekränkt an. „Es ist jedenfalls ziemlich offensichtlich, was Sie davon halten, mit mir auszugehen.“

„Sie haben mich nie gefragt – bisher hatte ich doch gar keine Gelegenheit, Ihnen einen Korb zu geben.“

„Aber das würden Sie“, konterte Thad.

Und er hatte recht. Sie wollte einfach nicht noch einmal ihre Zeit verschwenden. Bloß dass sie diesmal – bedachte man Thads Ruf bei den Frauen von Summit – von Anfang an wüsste, was auf sie zukäme. Da sie Nachbarn waren, hielt Michelle es für das Beste, einfach ehrlich zu sein. Schulterzuckend sagte sie: „Ich gehe nicht mit Aufreißern aus.“

Sein Mund wurde schmal. „Ich bin kein Aufreißer.“

Unter großer Anstrengung hielt sie den Blick von den muskulösen Umrissen seiner Schultern und Brust abgewandt. Die Erinnerung an seinen Anblick in nichts als einer tiefsitzenden Pyjamahose konnte sie jetzt zuallerletzt gebrauchen, genauso wenig, wie sie an die Linie feiner dunkler Härchen denken wollte, die von seinem Nabel abwärts lief. Sie verbot sich ihre lüsternen Gedanken. „Sicher.“

„Ich sage den Frauen nur ehrlich, ob ich eine Zukunft mit ihnen sehe oder nicht.“

Verzweifelt bemüht, ihren rasenden Puls zu beruhigen, zügelte sie ihre ausufernden Fantasien und gab zurück: „Und normalerweise sehen Sie keine.“

„Normalerweise ist nicht immer“, antwortete er rätselhaft.

Und das heißt …? überlegte Michelle. War ihm ebenfalls das Herz gebrochen worden? Hatten sie etwas gemeinsam?

Völlig aus dem Konzept gebracht, wandte sie sich wieder dem Neugeborenen in ihren Armen zu.

Wenn William ihr Baby wäre …

Doch das ist er nicht, rief sie sich entschieden in Erinnerung.

„Glauben Sie mir“, sagte Thad in einem Ton, der ahnen ließ, dass er sich ebenso als Beschützer des winzigen Babys fühlte wie Michelle. „Wenn ich irgendeinen anderen Job hätte – ich würde bleiben und mich selbst um den Kleinen kümmern. Aber ich kann die Notaufnahme nicht unterbesetzt lassen. Wir haben das einzige Traumazentrum im ganzen Landkreis.“

Von Thad hingen Leben ab.

Genau wie jetzt William auf Michelle angewiesen war.

Bevor sie es sich anders überlegen konnte, schob sie ihre Bedenken beiseite und erklärte: „In Ordnung. Ich werde es tun.“

Thad hob erstaunt die Augenbrauen. „Ganz sicher?“, fragte er schließlich und stand auf. „Es wird zwölf Stunden dauern, außer ich kann jemanden finden, der den Rest meiner Schicht übernimmt.“

Entschlossen zwang sie sich, die Erinnerung an ein anderes Kind, eine andere Situation, zu verdrängen, und erhob sich ebenfalls. Dieses Mal würde ihr Herz nicht brechen, denn sie würde sich gar nicht erst so weit auf William oder Thad einlassen.

Überglücklich darüber, wie der nun schlafende William sich an sie schmiegte, flunkerte sie: „Ich hatte heute sowieso nicht viel vor.“ Ihre Blumenbeete konnten warten.

Thad seufzte erleichtert. „Danke. Ich weiß das wirklich zu schätzen.“

Doch Michelle hatte noch eine Bedingung. „Ich möchte allerdings bei mir zu Hause auf ihn aufpassen.“ Je weniger sie über Thad wusste, je weniger Zeit sie in seinem Haus verbrachte, desto besser.

„Natürlich.“ Thad strich mit den Fingerspitzen unendlich sanft und zärtlich über Williams samtige Wange.

Mit offensichtlicher Anstrengung senkte er die Hand, trat einen Schritt zurück und sah zu den Babysachen auf der Diele. „Ich hoffe, dort ist alles, was Sie brauchen werden.“

Michelle senkte ihren Kopf zu William hinab und erschnupperte seinen süßen Duft. Leise erwiderte sie: „Wenn Sie mir die Sachen hinübertragen, komme ich schon zurecht.“

„Kein Problem.“ Er hob das Babyzubehör auf und folgte ihr aus der Haustür. „Dafür bin ich Ihnen ganz schön was schuldig“, sagte er.

„Oh ja“, stimmte Michelle ihm zu. „Das sind Sie.“

2. KAPITEL

Thad rechnete fest damit, über den Tag ein halbes Dutzend Anrufe von Michelle Anderson zu erhalten.

Sie meldete sich kein einziges Mal.

Und die zwei Male, die er sie anrief, um zu sehen, ob alles in Ordnung war, klang sie genau genommen leicht genervt.

Daraus konnte er ihr wohl auch keinen Vorwurf machen, wenn er ehrlich war.

Wahrscheinlich dachte sie, er würde ihr nicht zutrauen, sich allein um William zu kümmern. Sie hätte sich nicht stärker täuschen können. Thad wusste, William hatte die Mutter in Michelle instinktiv erkannt, als sie ihn hochgehoben und sanft in ihren Armen gehalten hatte.

Trotzdem hastete Thad aus dem Krankenhaus, sobald seine Schicht zu Ende war, und fuhr den kurzen Weg nach Hause. Das Auto stellte er in seiner Einfahrt ab und ging direkt auf die andere Straßenseite.

Als er sich der Veranda von Michelles Haus näherte, sah er, dass die Fenster im Erdgeschoss offen standen. Michelles sanfter Gesang drang an seine Ohren. Er warf einen Blick durch das Fenster neben der Tür. Mit William im Arm saß sie in einem altmodischen Schaukelstuhl.

Er hätte nicht sagen können, ob das Baby wach war oder schlief – sein Gesicht war durch das Fenster nicht zu sehen –, aber die Zärtlichkeit, die in der Luft lag, ließ ihn innehalten. Das ist es, dachte er, was Familie ausmacht. So hätte meine und Russells Kindheit sein sollen, auch nachdem Mom gestorben ist.

Doch das war sie nicht gewesen. Und jetzt war es zu spät. Er konnte nur noch nach vorn blicken, auf die Familie, die er selbst gründen wollte.

Alles, was ihm fehlte, war eine Frau, die er liebte.

Als Michelle aufhörte zu singen, klopfte er an den Fensterladen.

Sie erhob sich vorsichtig und kam zur Tür, um ihm zu öffnen. Sie hatte sich umgezogen und trug jetzt eine alte Jeans und ein hellblaues Häkeltop, das sich reizvoll an ihre Kurven schmiegte. Frisch gewaschen lag ihr Haar in einem Wirrwarr weicher rotgoldener Locken um ihr Gesicht. So hatte er es noch nie an ihr gesehen, aber auf ihn wirkte es mindestens so anziehend wie ihre übliche, glänzend geglättete Frisur.

„William sieht glücklich aus“, stellte Thad fest. Genau wie sie, dachte er bei sich.

Auf ihren Wangen erschien eine hübsche rosa Färbung. „Er ist sogar sehr glücklich – solange er gehalten wird“, entgegnete sie mit einem Blick in Thads Augen. Zwischen ihren Brauen erschien eine feine Sorgenfalte. „Jedes Mal, wenn er eingeschlafen ist und ich ihn hinlege, wacht er nach spätestens zehn Minuten wieder auf und dreht vollkommen durch.“

„Wahrscheinlich erinnert er sich …“

„Wie er allein auf Ihrer Veranda aufgewacht ist?“, ergänzte Michelle. „Das habe ich auch vermutet.“

Thad schüttelte den Kopf. Russell kam ganz nach ihrem Vater. Er hatte genauso wenig für familiäre Verantwortungen oder Blutsbande übrig. Sein Leben drehte sich nur um die nächste Stufe auf der Karriereleiter.

Frustriert fuhr Thad sich durch die Haare. „Russell, du Idiot“, fluchte er leise.

Michelle atmete aus. „Sie haben also nicht von ihm gehört?“

„Bisher nicht.“ An der Hüfte spürte er sein Telefon vibrieren. Er nahm es vom Gürtelclip und blickte auf das Display. Wenn man vom Teufel sprach. „Na endlich!“ Mit finsterem Blick hob er das Telefon ans Ohr. „Wo bist du?“, blaffte er.

„Ich habe einen Auftrag in Thailand. Warum das ganze Theater?“, gab Russell genauso wütend zurück.

„Auf meiner Veranda wurde heute Morgen ein Baby abgelegt.“ Kurzangebunden erklärte Thad, was sie wussten.

Russell begann zu fluchen wie ein Kesselflicker. Und es fiel ihm nicht ein, sich eine Erklärung oder wenigstens eine Entschuldigung abzuringen – typisch.

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