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Ein sündiges Angebot

1. KAPITEL

„Ich brauche deine Hilfe.“

Gabe Piretti konnte kaum verhehlen, wie sehr es ihn befriedigte, diese vier Worte aus dem Mund der einzigen Frau zu hören, die er jemals geliebt hatte. Eigentlich hatte er geglaubt, dass dreiundzwanzig Monate Pause genug wären, um Catherine Haile wiedersehen zu können, ohne dass sie so starke Gefühle in ihm auslöste. Wie hatte er nur so dumm sein können? Immerhin hatten sie zusammengearbeitet, zusammengelebt! Ihrer beider Leben waren so eng miteinander verbunden gewesen, dass niemand gedacht hätte, dieses Band könnte sich jemals wieder lösen. Die Leidenschaft, die sie füreinander empfunden hatten, war wie ein loderndes Feuer gewesen, das selbst in achtzehn gemeinsamen Monaten nicht annähernd erloschen war. Im Gegenteil, es war mit jedem Tag stärker geworden.

Doch dann hatte sie ihn verlassen. Gabe erinnerte sich schmerzhaft genau an alles, was sie zu ihrer Entschuldigung vorgebracht hatte. Doch was ihn viel mehr quälte, waren die Worte, die sie nicht gesagt hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Gabe „Der Pirat“ Piretti vor einem Problem gestanden, das er nicht lösen konnte. Weder Forderungen noch Charme, weder Anschuldigungen noch Hartnäckigkeit hatten geholfen. Seitdem Catherine gegangen war, hatte er jeden Halt verloren. Auch wenn er es nicht gern zugab: Seit dreiundzwanzig Monaten hatte er keinen festen Boden mehr unter den Füßen gespürt.

Wäre sie heute nicht überraschend aufgetaucht, hätte er in absehbarer Zukunft wohl selbst dafür gesorgt, dass sie sich wiedersahen. In den sich schier endlos hinziehenden Monaten der Trennung hatte er ihr den Freiraum gelassen, um den sie gebeten hatte. Aus der Ferne hatte er beobachtet, wie sie ihr eigenes Unternehmen aufbaute. Es hatte ihn all seine Kraft gekostet, diese Distanz zu wahren. Die letzten Monate waren für ihn sogar noch schwerer gewesen als die Entscheidung, seiner Mutter die Führung des Familienunternehmens zu entziehen, um Piretti’s vor dem Bankrott zu retten.

Aber jetzt war Catherine wieder da, und er würde alles dafür tun, dass sie blieb. Sie brauchte Hilfe? Dann sollte sie sie bekommen. Er würde ihr alles geben, was sie wollte – natürlich nicht umsonst. Würde sie den Preis tatsächlich zahlen oder einfach wieder davonlaufen?

Während er in seine Gedanken versunken war, hatte er Catherine einfach mitten im Raum stehen lassen. Jetzt winkte er sie in die Sitzecke, die einen großen Teil seines Büros einnahm. Warmes Sonnenlicht fiel durch die getönten Glasscheiben, die den Blick auf Seattle und die Puget Meerenge freigaben. Die Strahlen verfingen sich in Catherines hochgestecktem Haar und ließen die honigfarbenen Locken golden schimmern.

„Möchtest du Kaffee?“, fragte er. Catherine setzte sich, stellte ihre Aktentasche ab und schüttelte den Kopf. „Nein, danke.“

Er nahm ihr gegenüber Platz und musterte sie. Sie trug einen schokoladenbraunen Seidenanzug, der ihre zarten Kurven betonte. Sie hatte in letzter Zeit besorgniserregend viel abgenommen. Der maßgeschneiderte Blazer umschmeichelte ihre schmale Taille und endete kurz oberhalb ihrer Hüfte. Dazu trug Catherine ein Paar hochhackiger Sandaletten, die aus wenig mehr als einem Netz feiner Riemen bestanden. Vermutlich trug sie sie, um wenigstens die Illusion von Größe zu erwecken. Abgesehen davon betonten die Schuhe ihre spektakulären Beine, deren Anblick Gabe fast vom Thema abgelenkt hätte. Mühsam riss er sich zusammen.

„Gott, ist das lange her“, setzte er an. „Du hast dich verändert.“ „Hör auf damit.“

Fragend zog er eine Augenbraue hoch und lächelte sie sanft an. „Womit denn?“

„Du ziehst mich mit deinen Blicken aus.“

Da hatte sie recht, allerdings nicht so, wie sie glaubte. Vielmehr fragte er sich, weshalb sie so abgenommen hatte. Doch er war vorsichtig genug, um seine Sorge hinter höflichem Geplänkel zu verbergen. „Doch nur, weil ich befürchte, dass du etwas dagegen hättest, wenn ich dich tatsächlich ausziehen würde.“

Einen Augenblick lang lächelte Catherine widerwillig. „Ich dachte, du trennst Arbeit und Privatleben streng voneinander!?“

„Sicher. Aber soweit ich weiß, arbeitest du nicht mehr für mich.“

„Richtig. Seit dreieinhalb Jahren nicht mehr.“

„Bereust du deine Entscheidung?“

Gabe entging nicht, dass Catherine einen Augenblick lang verunsichert wirkte, ehe ihr Gesicht einen unbeteiligten Ausdruck annahm. „Diese nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich wieder ganz genauso entscheiden würde.“ Sie warf ihm einen strengen Blick zu. „Abgesehen davon bin ich nicht hier, um über die Vergangenheit zu sprechen.“

„Dann lass uns zum Geschäftlichen kommen.“

Sie musterte ihn eindringlich. Gabe erinnerte sich, dass ihm ihre bernsteinfarbenen Augen damals als Erstes aufgefallen waren. Ihr Blick war noch immer genauso intensiv wie am ersten Tag. Es war, als würde Catherine ihm direkt in die Seele sehen. „Wenn ich mich recht erinnere, ist das Geschäft doch sowieso das Einzige, das dich wirklich interessiert“, bemerkte sie.

„Mit dir ist das anders.“ Er zuckte mit den Achseln. „Du warst schon immer eine Ausnahme.“

„Wie erstaunlich! Ich habe das etwas anders in Erinnerung.“

Sie presste die Lippen aufeinander, was sie immer tat, wenn sie kurz davor war, die Beherrschung zu verlieren und zu sagen, was sie wirklich dachte.

„Tut mir leid“, murmelte sie. „Jetzt habe ich selbst damit angefangen.“

„Schon in Ordnung. Also, wie ist es dir in letzter Zeit ergangen?“

„Um ehrlich zu sein, bin ich im Augenblick ziemlich gestresst“, gab sie zu. „Deswegen bin ich auch hier.“

„Worum genau geht es?“

Sie zögerte. Gabe konnte ihr ansehen, wie sehr sie um Selbstbeherrschung rang. Schließlich setzte sie wieder eine unbeteiligte Miene auf. „Vor achtzehn Monaten habe ich ein Unternehmen gegründet.“

„Elegant Events, wenn ich mich nicht irre“, unterbrach er sie.

Überrascht sah sie auf. „Woher …“ Dann winkte sie müde ab. „Egal. Seit wir getrennter Wege gegangen sind, hast du meine Karriere vermutlich bis ins Detail verfolgt.“

„Seit du mich verlassen hast, um genau zu sein.“

Die Worte waren ihm einfach so herausgerutscht. Catherine entging der scharfe Unterton nicht. Der Ärger, den sie so verzweifelt zu unterdrücken versucht hatte, bahnte sich nun seinen Weg an die Oberfläche. Gabe beobachtete, wie sie ihre Hände zu Fäusten ballte, bis die Knöchel weiß hervortraten.

„Bist du dir sicher, dass du über dieses Thema sprechen möchtest?“, stieß sie schließlich hervor. „Wirst du mir nur helfen, wenn wir vorher die Vergangenheit durchkauen?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Aber es wäre dir am liebsten.“ Sie wartete seine Antwort gar nicht erst ab. „Nun gut, dann werde ich dir eine kurze Zusammenfassung meiner Sicht der Dinge liefern. Dir war es wichtig, Arbeit und Privatleben zu trennen, also hast du mich vor eine Wahl gestellt: Entweder ich arbeite für dich, oder ich liebe dich, aber beides auf einmal kam nicht infrage. Dumm, wie ich war, habe ich mich für die Liebe entschieden. Was ich nicht wusste, war, dass du bereits verliebt warst. Und dass ich gegen diese Liebe nie eine Chance haben würde.“

„Ich habe nie eine andere Frau geliebt als dich“, erwiderte er ruhig.

Sie zuckte mit den Achseln und warf ihm einen Blick zu, der ihm fast das Herz aus der Brust gerissen hätte. „Das glaube ich dir gern, trotzdem war Piretti’s deine wahre Liebe.“

„Du hast mich verlassen, weil ich zu viel gearbeitet habe?“, fragte er ungläubig. „Weil mir meine Arbeit ab und zu wichtiger war als du oder unsere Freizeit?“

Sie schien keine Lust auf einen Streit zu haben. Gabe konnte ihr ansehen, wie sie die heftigen Worte, die ihr auf der Zunge lagen, herunterschluckte. Catherine antwortete ihm erst, als ihr Zorn abgeklungen war.

„Ja“, erwiderte sie. Die Einfachheit ihrer Erklärung schmerzte ihn mehr als tausend Worte. „Ja, das zählt zu den Gründen, aus denen ich dich verlassen habe.“

„Aber es gab auch noch andere?“

Sie blickte ihn an. „Allerdings.“ Bevor Gabe hätte nachfragen können, hob sie eine Hand und bedeutete ihm zu schweigen. „Komm schon, Gabe. Es ist bald zwei Jahre her. Es macht doch keinen Sinn, darüber zu streiten. Lass uns nach vorn schauen.“

Gabe begriff, dass er sich würde gedulden müssen. Es würde ihm schwerfallen, aber es schien die einzige Lösung zu sein. Er atmete tief durch und nickte. „Also gut. Dann sag mir, wie ich dir helfen kann.“

Sie musterte ihn einen Augenblick lang, dann erklärte sie in sachlichem Tonfall: „Wie du vermutlich weißt, ist Elegant Events eine Eventagentur mit einer recht zahlungskräftigen Klientel.“

„Die in Seattle weit verbreitet ist.“

Sie nickte. „Genau. Ich plane alles bis ins letzte Detail, damit sich meine Kunden um nichts mehr Gedanken machen müssen. Sie sagen mir, was sie wollen, und ich kümmere mich darum, dass all ihre Wünsche erfüllt werden.“

„Und all das gelingt dir wie üblich mit Stil und Eleganz.“

Bei dem Kompliment errötete sie leicht. „Du solltest meine PR-Texte schreiben, Gabe. Genau das ist mein Ziel. Wir versuchen, jeden Event zu einem einzigartigen Ereignis zu machen. Alles muss perfekt sein, ganz egal, ob es um eine Hochzeit oder um eine Pressekonferenz, eine Betriebsfeier oder einen Geburtstag geht.“

„So wie die Marconi-Party heute Abend?“

Lachend schüttelte sie den Kopf. „Dir entgeht wohl wirklich nichts! Ja, ich organisiere das Fest. Man wird nur einmal im Leben neunzig, und Natalie steht unter starkem Druck, denn der Geburtstag ihres Schwiegervaters soll ein unvergessliches Ereignis werden.“

Gabe konnte sich nicht erinnern, wann er Catherine zum letzten Mal so glücklich gesehen hatte, und spürte Bedauern in sich aufsteigen. Sie hatte an seiner Seite gelitten. Er hatte es zwar nicht gewollt, aber an den Tatsachen änderte das nichts. „Ich bin mir sicher, dass du heute Abend die Party des Jahrhunderts schmeißt“, sagte er überzeugt.

„In der Zeit, in der ich bei Piretti’s gearbeitet habe, habe ich viel darüber gelernt, was funktioniert. Aber noch viel wichtiger war es, zu begreifen, was nicht funktioniert. Eigentlich hatte ich nicht erwartet, dass meine Firma ein sofortiger Erfolg werden würde, aber zu meiner Überraschung ist es genauso gekommen.“ Ihre Stimme war voller Energie und Enthusiasmus. „Wir haben einige sehr einflussreiche Kunden, und sie schienen stets zufrieden zu sein … Jedenfalls wirkten sie so.“

Als sich ihr Tonfall plötzlich veränderte, runzelte Gabe verwirrt die Stirn. „Was ist schiefgelaufen?“

Catherine schien ganz plötzlich in sich zusammenzusinken. „Zwei Dinge. Erstens verlieren wir Kunden. Es hat sich nie jemand beschwert, aber plötzlich kamen bereits abgeschlossene Verträge nicht zustande. Aber mir hat nie jemand erklärt, weshalb. In den Vorbereitungsgesprächen sind sie alle freundlich und schrecklich begeistert, doch dann entscheiden sie sich ganz plötzlich doch für einen anderen Veranstalter.“

„Und das zweite Problem?“

„Das ist noch ernster.“ Ihr Blick verdunkelte sich, und ihre Stimme klang auf einmal heiser. „Wir stehen kurz vor dem Bankrott, Gabe. Und ich weiß nicht einmal, warum! Wir sind sehr sorgsam mit unserer Gewinnmarge umgegangen, aber offenbar haben wir trotzdem mehr Geld verschleudert, als wir uns leisten konnten. Du weißt, dass ich kein Finanzgenie bin, deswegen kann ich nicht genau sagen, was los ist, aber irgendetwas stimmt da nicht. Ich wollte dich bitten, dir die Zahlen einmal genauer anzusehen. Vielleicht kannst du mir einige Änderungen vorschlagen, damit wir wieder in die schwarzen Zahlen kommen, ehe wir untergehen.“

„Wer ist ‚wir‘?“, hakte Gabe misstrauisch nach.

Sie zögerte. „Ich habe einen Partner, jemanden, der gern anonym bleiben möchte“, erklärte sie dann.

Das gefiel Gabe ganz und gar nicht. „Warum?“

Catherine zuckte mit den Achseln. „Sie möchte es eben gern. Da die Hälfte des Anfangskapitals von ihr stammt, muss ich ihre Wünsche respektieren.“

Sie. Gabe konnte ein erleichtertes Aufseufzen nur mühsam unterdrücken. Ihm war klar, dass Catherine sich mit Männern abgeben konnte, soviel sie nur wollte. Es hätte ihm allerdings dennoch nicht gefallen, wenn sie so eng mit einem anderen zusammengearbeitet hätte. Trotzdem erschien es ihm seltsam, dass ihre Partnerin anonym bleiben wollte. Nun ja, vielleicht würde er ein bisschen herumschnüffeln, um das Geheimnis zu lüften. „Ich sehe mir deine Bücher gern an, aber je nachdem, was ich herausfinde, kann es sein, dass ich sie kennenlernen möchte.“

„Darüber haben wir schon gesprochen. Sie hat sich bereit erklärt, dich zu treffen, wenn die Zukunft von Elegant Events davon abhängen sollte.“

„Scheint eine kluge Frau zu sein“, kommentierte Gabe.

„Dann sind wir uns einig?“ Ein kurzes Lächeln erhellte ihr Gesicht. Gabe hatte ganz vergessen, wie sehr ihm dieses Lächeln gefehlt hatte, und ein schmerzhaftes Verlangen breitete sich in seinem Körper aus. „Sag mir einfach, was du brauchst, damit du anfangen kannst“, fuhr sie fort.

Er zwang sich, beim Thema zu bleiben. „Alle Bank- und Buchhaltungsunterlagen seit eurer Unternehmensgründung.“ Er dachte kurz nach. „Außerdem alle Verträge, eine Liste der Dienste, die ihr anbietet, sowie eine Preisliste.“

„Mit anderen Worten: einfach alles.“ Sie griff nach ihrer Aktentasche, nahm einen dicken Ordner heraus und legte ihn auf den Couchtisch. „Den größten Teil habe ich dabei.“

Er nickte anerkennend. „Sehr gut. Ich gehe die Unterlagen durch und lasse Roxanne eine Liste davon anfertigen, was ich sonst noch benötige.“

Ein Schatten glitt über Catherines Gesicht, verschwand aber so schnell wieder, dass Gabe ihn fast übersehen hätte.

„Ich hatte gehofft, dass die ganze Angelegenheit unter uns bleibt. Können wir deine Assistentin nicht heraushalten?“, bat sie zögerlich.

„Möglich wäre es schon, aber nicht sonderlich sinnvoll. Außerdem bekommt Roxanne sowieso alles mit, was hier vor sich geht.“

„Und ich nehme an, wenn sie etwas nicht mitbekommt, fängt sie einfach an zu schnüffeln?“, fragte Catherine geradeheraus.

Gabe erkannte ein Minenfeld, wenn er vor einem stand. Er beschloss nachzugeben. „Dann halten wir Roxanne eben heraus“, erwiderte er beschwichtigend.

„Und was, wenn sie dich darauf anspricht?“

Nachdenklich kniff er die Augen zusammen. „Findest du wirklich, dass du in der Position bist, meinen Führungsstil infrage zu stellen?“

„Nein, ich …“

„Dann ist ja gut. Wenn du dich damit besser fühlst: Ich werde jedem, der Fragen stellt, einfach erzählen, dass wir uns wieder zusammengetan haben.“

Catherine warf ihm einen erstaunten, vorsichtigen Blick zu. „Wie bitte?“

„Das wäre schließlich nicht ganz gelogen“, erklärte er mit einem erwartungsvollen Lächeln. „Ganz und gar nicht, wenn man es aus der richtigen Perspektive betrachtet.“

Angespannt sah sie ihn an. „Wovon redest du bitte?“

„Davon, dass du mich noch gar nicht gefragt hast, was dich meine Hilfe kosten wird.“

Sie atmete scharf ein, dann hob sie kämpferisch das Kinn.

„Wie dumm von mir! Ich hatte ganz vergessen, warum man dich auch ‚Den Piraten‘ nennt.“

„So bin ich eben“, erklärte er gelassen. „Pirat durch und durch.“

„Also, was willst du?“

Er beschloss, es geradeheraus zu sagen. „Dich. Ich will dich,

Catherine. Ich will, dass du wieder ein Teil meines Lebens wirst. Dass du bei mir einziehst.“

Sie sprang auf. „Du hast wohl den Verstand verloren! Glaubst du ernsthaft, dass ich mich darauf einlasse?“

Einen Augenblick lang musterte er sie schweigend, dann antwortete er: „Hängt ganz davon ab, wie wichtig es dir ist, Elegant Events zu retten.“

„So wichtig ganz bestimmt nicht.“

Er erhob sich ebenfalls und kam näher. „Lügnerin.“

„Was immer da zwischen uns war, Gabe, es ist vorbei.“

Wie klein sie im Vergleich zu ihm war. Wie zierlich gebaut. Fasziniert beobachtete Gabe, wie ihr zarter Körper beinah vor Zorn vibrierte. Catherine strahlte eine Stärke und Energie aus, die er unwiderstehlich fand. Diese Eigenschaften waren es, die er an ihr immer besonders geschätzt hatte. Die meisten Frauen versuchten einfach nur, ihm nach dem Mund zu reden, aber Catherine war anders. Sie war ehrlich und aufrichtig, und ihre wunderschönen Augen konnten ihn mit einem einzigen Blick in die Knie zwingen.

„Ich weiß, dass du dir einredest, es wäre aus zwischen uns, aber du vergisst da eine Kleinigkeit.“

„Und was soll das bitte sein?“

„Das hier.“

Mit einem Satz war er bei ihr und schloss sie in die Arme. Sie fühlte sich noch immer so an, als wäre sie wie für ihn geschaffen, ihre Körper harmonierten miteinander wie damals. Ein unbändiges Verlangen durchfuhr ihn, und ehe er sich versah, hatte er ihr Gesicht mit den Händen umschlossen und küsste Catherine. Er hätte erwartet, dass sie sich wehren würde, aber dem war nicht so. Sie reagierte gar nicht.

Stumm und reglos stand sie da, ihre Lippen bewegten sich unter den seinen keinen Millimeter, und dennoch reagierte sein ganzer Körper auf die Berührung. Wie sehr hatte er ihren Geschmack vermisst, die Wärme ihrer Haut, ihren zarten Duft. Doch er hatte auch ihren scharfen Verstand vermisst – und hin und wieder selbst ihre spitzen Bemerkungen, die sie nur einsetzte, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlte.

Er hatte die ruhigen Abende vermisst, an denen sie sich mit einem Glas Merlot auf den Balkon gesetzt und dem Sonnenuntergang über der Puget Meerenge zugesehen hatten. Hatte ihre leisen Gespräche beim Anblick der blinkenden Sterne und dem Mond, die den Schiffen auf ihrem Weg durch die Meerenge leuchteten, vermisst. Hatte es vermisst, sie auszuziehen, den Weg vom Balkon bis zum Schlafzimmer mit ihren Kleidern zu übersäen. Und dann waren da noch die Nächte, die langen, leidenschaftlichen Nächte, in denen Catherines sanftes Naturell etwas Wilderem, Hungrigem gewichen war.

Er hatte sich mit jeder Faser seines Körpers mit ihr verbunden gefühlt, und er tat es noch. Er konnte nicht ohne sie leben, und er würde alles dafür tun, sie zurückzuerobern. Seit sie fort war, war sein Leben eine einzige Qual gewesen. Er würde keinen weiteren Tag der Einsamkeit mehr ertragen. Wenn er nur durch Erpressung bekam, was er wollte, dann sollte es so sein. Ihm war jedes Mittel recht.

Er spürte, wie sich Catherine allmählich unter seiner Berührung entspannte, wie ihr Körper auf seinen reagierte. Leise stöhnend öffnete sie den Mund und ließ seine Zunge ein. Für den Bruchteil einer Sekunde ergab sie sich, nahm sie alles, was er zu geben hatte. Sie drängte ihren warmen Körper an seinen und begann, seine Lippen zu liebkosen. Er griff in ihr Haar und zog sie näher an sich. Leise seufzend hob Catherine ihr Bein und umschlang seine Waden. Gabe reagierte sofort. Er umfasste ihren Po und hob sie an, damit sie ihre Beine um seine Hüfte legen konnte. Doch im selben Moment zuckte Catherine zurück.

„Nein!“ Sie löste sich aus seiner Umarmung und trat zurück. „So läuft das nicht.“

„Es ist zu spät, Catherine. Es ist bereits geschehen.“

In ihrem Blick sah er, dass sie plötzlich begriff. Ihr schien klar zu werden, dass ihre Gefühle für ihn nicht annähernd so tot waren, wie sie geglaubt hatte, und diese Erkenntnis schien Catherine noch zorniger zu machen. Sie schloss die Augen, wie um ihn aus ihrem Bewusstsein zu drängen.

„Verdammt!“, flüsterte sie.

„War der Kuss Beweis genug für meine These, oder brauchst du eine weitere Demonstration?“

Catherine zupfte ihr Revers zurecht und begann, den Blazer wieder zuzuknöpfen. Dann strich sie den Saum ihres Rockes glatt und ordnete ihr zerzaustes Haar. Schließlich warf sie Gabe einen irritierten Blick zu. „Beweisführung gelungen“, erklärte sie kurz angebunden. Er konnte nur ahnen, wie schwer es ihr fallen musste, ihm in die Augen zu sehen.

„Du hast doch nicht ernsthaft geglaubt, dass es jemals wirklich vorbei sein könnte mit uns.“

Erneut hob sie das Kinn. „Ich hatte nicht erwartet, dass ich noch irgendwelche Gefühle für dich habe.“

„Das bezweifle ich nicht.“

„Trotzdem kann all das hier …“ Sie sah sich um, musterte das Büro, Gabe und seine sinnlichen Lippen. „… nichts an meiner Einstellung zu unserem Verhältnis ändern. Ich werde nicht nach Hause zurückkehren.“

Nach Hause. Die Worte waren ihr einfach so herausgerutscht, und nun hingen sie im Raum. Die Zeit schien stillzustehen, während Gabe Catherine schweigend, jedoch wissend lächelnd musterte.

Leise vor sich hin fluchend, marschierte Catherine zum Sofa, nahm den Aktenordner und stopfte ihn zurück in ihre Tasche. Während sie sich die Riemen über die Schulter streifte, fuhr sie herum und musterte Gabe zornig. Er postierte sich zwischen ihr und der Tür, machte aber keinerlei weitere Anstalten, sie aufzuhalten.

„Ich gehe jetzt“, warnte sie ihn. „Entweder du lässt mich durch, oder es gibt Tote.“

„Heute gehst du vielleicht“, erwiderte er. „Aber du wirst zurückkommen, dafür werde ich sorgen.“ Er trat zur Seite. „Wenn du deine Meinung änderst und mein Angebot annehmen willst, weißt du ja, wo du mich findest.“

Sie durchquerte das Zimmer und achtete dabei peinlich genau darauf, ihm nicht zu nahe zu kommen. Erst als sie ihre Hand schon auf die Türklinke gelegt hatte, zögerte Catherine. „Warum, Gabe?“, fragte sie ruhig. „Warum diese Bedingungen?“

„Willst du die Wahrheit hören?“

„Natürlich.“

Ihr Tonfall war schroff und ging ihm durch Mark und Bein. „Weil keine Nacht vergeht, in der ich dich nicht vermisse, Cate. Kein Morgen, an dem ich mir nicht wünschte, neben dir aufzuwachen. Ich halte das nicht mehr aus. Ich brauche dich.“

2. KAPITEL

Catherine benötigte jedes bisschen Selbstbeherrschung, das in ihr steckte, um Gabes Büro erhobenen Hauptes zu verlassen. Ihr Herz raste, als wäre sie soeben der Hölle entkommen. Zu allem Überfluss hatte sie auch noch Roxanne Bodine vergessen, des Teufels rechte Hand. Mit ihren scharfsinnigen schwarzen Augen nahm sie Catherines Anspannung sofort wahr und lächelte spöttisch.

„Nicht ganz die Versöhnung, auf die Sie gehofft hatten?“, fragte sie in honigsüß. „Wenn Sie mich vorher gefragt hätten, hätte ich Ihnen gleich sagen können, dass Sie Ihre Zeit verschwenden. Sie haben den Fisch schon vor zwei Jahren vom Haken gelassen, und Gabe lässt sich nicht so ohne Weiteres ein zweites Mal ködern.“

„Sprechen Sie da aus eigener Erfahrung?“, schoss Catherine zurück, ärgerte sich aber noch im selben Moment, dass sie überhaupt auf Roxannes Sticheleien einging.

Roxanne war eine Meisterin im Austeilen, aber einstecken konnte sie nur sehr schlecht. Außerdem musste es sie halb wahnsinnig machen, dass ihre Erzrivalin plötzlich wieder aufgetaucht war, nachdem sie sich so viel Mühe gegeben hatte, sie zu vertreiben.

„Manche Frauen verstehen sich einfach nicht auf die Kunst, sich mit Anstand geschlagen zu geben.“ Roxanne erhob sich und reckte ihren kurvenreichen Körper. Dann setzte sie sich geschmeidig wie eine Raubkatze auf den Rand ihres Empfangstisches. Catherine glaubte fast, das leise Geräusch zu hören, mit dem die Assistentin ihre Krallen ausfuhr, um sie an ihrer Rivalin zu wetzen. „Ich dachte immer, dass Sie zu viel Stolz hätten, um wieder angekrochen zu kommen. Sie betteln ja förmlich darum, wieder in die Gosse gestoßen zu werden.“

Ihr Leben lang hatte Catherine sich aus solchen Schlammschlachten herausgehalten. Sie war immer das brave Mädchen gewesen, freundlich, höflich und zurückhaltend. Aber genug war genug. Sie hatte sowieso nichts mehr zu verlieren. „Ich weiß gar nicht, wie ich so lange ohne Ihre wertvollen Ratschläge überleben konnte, Roxanne“, erwiderte sie mit einem freundlichen Lächeln. „Aber vielleicht ist ja genau das Ihr Problem: Sie mischen sich einfach zu sehr in die Angelegenheiten anderer Leute. Kein Wunder, dass Sie da keine Zeit mehr haben, sich um Ihr eigenes Leben zu kümmern.“

„Ach, machen Sie sich um mich nur keine Sorgen. Ich lande immer wieder auf den Füßen, ganz egal, was passiert.“

Catherine warf Roxanne einen abschätzigen Blick zu.

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