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Ein seidenes Nachthemd

Um dem Lebensweg einer anderen Person folgen zu können, müssen wir versuchen, sie in ihrer Welt zu sehen, in ihrem Rahmen von Zeit, Raum und Kultur. Denn hat nicht jeder Mensch sein Automobil, seine gute Straße und sein Kathedralen-Ziel1?

Im 19. Jahrhundert weht ein Wind der Hoffnung durch Europa; die Auswanderung zahlreicher Europäer (darunter auch Millionen Deutsche) in die Vereinigten Staaten von Amerika ist europäischer Wunschtraum und Zeitgeist zugleich.2

Therese lebte in Broos, dem westlichsten der 7 „Stühle“ des Königsbodens, deutsch geprägter Gebietskörperschaften, die sich unter dem bezeichnenden Dach Siebenbürgen zusammenfanden. Broos war nicht groß. Zur Zeit ihrer Geburt zählte der Ort rund 5000 Einwohner, darunter etwa doppelt so viele Rumänen wie Ungarn. Sie selbst gehörte der zweitgrößten Volksgruppe an und war als einzige Tochter des Kaufmanns Franz L. als 1467-stes deutsches Gemeindemitglied in jene kleine Welt getreten; wahrlich kein Grund, an etwas Besonderes zu denken.

Zwischen den West- und Südkarpaten wand sich das Tal des Mieresch- Flusses, die Einfallsschneise, die schon vor 700 Jahren ihren Vorfahren aus Deutschland zur Einwanderung gedient hatte und die auch im 19. Jahrhundert das Tor zur westlichen Welt darstellte. Freiheit war im 12. Jahrhundert ein Wegweiser nach Osten, so wie er ab dem 16. Jahrhundert nach Westen zeigen sollte.

Thereses Vorfahren mussten wohl zu den ersten Einwanderern aus deutschen Landen gezählt haben, denn kam man aus dem Westen, siedelte man sich wohl dort an, wo der freie Königsboden begann. Kam man später, musste man schon weiter ostwärts ziehen. Der ungarische König Andreas II. hatte 1224 mit seinem „goldenen Freibrief“ und bedeutenden Sonderrechten eine große Anzahl deutscher und flämischer Landwirte, darunter Leibeigene, aber auch Handwerker umworben, nach Transsilvanien, in die Freiheit umzusiedeln und dort ihren eigenen Grund und Boden zugeteilt zu bekommen. Sie sollten neben der Urbarmachung des Bodens bei Bedarf auch als Abwehr gegen die häufigen Tataren und Türkeneinfälle zur Verfügung stehen. Es war der Beginn der ältesten deutschen Diaspora. Entlang der rund 190 km langen , doch schmalen Ansiedlungsregion, die bis zu den Ostkarpaten reichte, waren um den Hauptstuhl Hermannstadt die 7 Stühle wie an einer Perlenkette aufgereiht3. Im Laufe der Zeit sollten die Einwanderer dort Burgen errichten, vor allem Kirchenburgen als Abwehr nach außen und als Schutz nach innen.

Therese erhielt den Namen ihrer Mutter. Als sie am 20. Mai 1883 das Licht der Welt erblickte, gab es in ihrer Familie schon den 3-jährigen Bruder Franz (offenbar war es das Erstgeburtsrecht, vielleicht aber auch die Pflicht, den Namen des Vaters/der Mutter zu übernehmen, was auch von den nachfolgenden Generationen beibehalten wurde). In den anschließenden 13 Jahren sollten noch 3 weitere Brüder hinzukommen: Richard, Hermann und Hugo.

Auch in einer Kaufmannsfamilie der so bodenständig geprägten Siebenbürger Sachsen wurde Ende des 19. Jahrhunderts Bildung großgeschrieben. Therese lernte wie auch ihre Brüder Latein und besuchte den Konfirmandenunterricht. Gerne spielte sie auf dem Bösendorfer Flügel, den ihr Vater als „das größte Weihnachtsgeschenk in der Geschichte unserer Familie“ aus Wien mitgebracht hatte. Allerdings wurde sie, freilich ohne erkennbare Begeisterung, von der Mutter auch in Haushaltsdinge eingewiesen. Am liebsten noch mochte sie über die seltene Seide streichen, ein Gewebe, das sie mit den Weiten ihrer Träume verband, nachdem Pfarrer Amlacher einmal über die Seidenstraße gesprochen und damit in ihrer Einbildung ein Bild hinterlassen hatte, das sie nicht mehr losließ. Der namhafte deutsche Geologe Ferdinand von Richthofen habe dieser seit rund 5.000 Jahren bestehenden Brücke zwischen Osten und Westen, Europa und dem Pazifischen Ozean diesen prägenden Namen „Seidenstraßen“ gegeben.4 Wege, auf denen Pilger und Mönche, Kaufleute und Heere zogen, aber auch Religionen und Ideen seit Tausenden von Jahren ausgetauscht wurden. Wie großartig musste es sein, jenseits der Horizonte zu leben!

Sauber machen, kochen, waschen und bügeln war Pflicht. Therese konnte, was man in der Küche gemeinhin ein karges Gericht nannte, mit mäßigem Geschick zubereiten; „Backen auf dem Backblech“ zeichnete sie hingegen aus. Von allen Blechkuchen mochte sie am liebsten Buchteln, weil diese so problemlos in ihre Umhängetasche aus Hanf passten. Diese Tasche hatte sie mal auf dem wöchentlichen Jahrmarkt erworben und zeigte sie nach ihrer Rückkehr stolz dem Vater. In seiner sanften Art missbilligte er allerdings den Kauf: „Einmal mehr stellst du, mein Kind, damit den Knaben heraus“.

Wo und wann immer sie konnte, suchte sie ihre Phantasie und Inspiration durch Lektüre aller Art zu beflügeln. Immer wieder griff sie in Vaters Bibliothek, häufig zum Klassiker Gustav Schwab und seinen schönsten Sagen des klassischen Altertums. Mit ihnen, ja mit der gesamten Genealogie der griechischen Mythologie war sie besser vertraut als mit der eigenen siebenbürgischen Geschichte. Natürlich klang aber auch für sie „Amerika“ wie ein – wenn auch sehr fernes – Versprechen. In einem Almanach hatte sie gelesen, dass es einen regen Dampfschiffverkehr zwischen Hamburg, Bremen, Bremerhaven und New York gab, so dass sie, mal in Hamburg angekommen, nach Ellis Island am Hudson wollte, wo man in einem großen Auffanglager nicht nur registriert sondern auch über die ersten Schritte in Amerika beraten werden würde. Auch dieses Wissen gehörte zum Grundstock ihrer Tagträume, mit denen sie zu Bett ging, in der Hoffnung, zumindest im Traum dafür eine Fortsetzung zu finden.

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