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Ein sehr privater Verführer

1. KAPITEL

Gareth kam aus der Dusche und warf einen Blick in den Spiegel. Er war immer noch aufgewühlt, trotz des vielen kalten Wassers. Nackt, wie er war, begann er, sich zu rasieren. Als sich seine Haut glatt anfühlte, zog er seinem Spiegelbild eine Grimasse.

Sein schwarzes, welliges Haar fiel ihm bis auf die Schultern. Zwar trug er es immer länger, doch mittlerweile war es so lang, dass es ihn bei der Arbeit störte. Also griff er in eine Schublade, holte ein dünnes Lederband heraus und machte sich einen kurzen Pferdeschwanz.

Da hörte er ein lautes Klopfen an der Haustür. Wer konnte das sein? Irgendwelche Lieferanten brachten ihre Sachen immer ins Hauptgebäude. Weder seine Brüder noch sein Vater kämen auf die Idee, ihr Kommen auf diese Weise anzukündigen. Und sowohl Onkel Vincent als auch seine Cousins nahmen Rücksicht auf Gareths Einsiedlerdasein und ließen ihn in Ruhe.

Die Journalisten hatten sich jahrelang die Finger über ihn und seine Familie wund geschrieben, das Fernsehen war ihnen immer auf den Fersen gewesen. Wenn ein Mann reich war, gab es immer Leute, die sich an ihn hängten. Gareth war des Spiels müde.

Als Soldat hatte er sich kurz in eine Gemeinschaft einfügen müssen, aber sonst hatte er es zeitlebens vorgezogen, allein zu sein. Nur seine Familie bekam ihn ab und an zu Gesicht.

Er zog eine Jeans an – ohne Unterwäsche. Für den Eindringling, der geklopft hatte, musste das genügen. Seine Laune tendierte gegen null. Wer wagte es, einen grimmigen Wolff zu stören?

Mit langen Schritten durchquerte er sein Haus und fluchte, als sich das Lederband öffnete und sein schwarzes Haar wieder bis auf die Schultern fiel. Egal. Wer auch immer da draußen vor der Tür stand, würde hochkant vom Grundstück fliegen.

Er riss die Tür auf und sah verblüfft auf die zierliche Frau mit den wilden roten Locken. Während seine Wut nicht im Geringsten verrauchte, genügte ein Blick, und sein sexuelles Interesse erwachte. „Wer sind Sie und was wollen Sie?“, knurrte er.

Unwillkürlich wich die Frau einen Schritt zurück. Gareth baute sich vor ihr auf und stützte eine Hand gegen den Türrahmen. Barfuß und mit nacktem Oberkörper wirkte er äußerst bedrohlich.

Was die Frau nicht daran hinderte, seine muskulöse Brust mit einem bewundernden Blick zu streifen, ehe sie zu ihm aufsah und vorsichtig sagte: „Ich muss mit Ihnen reden.“

Wow, diese Rothaarige war sexy. Doch Gareth antwortete kalt: „Sie haben kein Recht, hier einzudringen.“

Ihre helle Haut schimmerte, und sie hielt sich extrem gerade. Zu gern hätte Gareth seine Zunge über ihren zarten Rücken gleiten lassen, bis sie …

Nein, befahl er sich, atmete tief durch und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Er musste auf der Hut sein, auch wenn er eine Schwäche für rote Locken und fein gemeißelte Wangenknochen besaß. Das Parfüm, das sie trug, erregte ihn. Kein Wunder. Es war lange her, seit er das letzte Mal mit einer Frau geschlafen hatte. „Was wollen Sie?“, blaffte er.

Nervös schaute sie ihn an. Ihre Augen waren klar und blau wie der Himmel in den Bergen. Dazu ein kleines energisches Kinn, das sie jetzt kämpferisch reckte, ehe sie lächelte und sagte: „Könnten wir nicht nach drinnen gehen und uns einen Moment unterhalten? Ich hätte auch gern etwas zu trinken. Ich verspreche Ihnen, dass ich Sie nicht lange aufhalten werde.“

Gareth ballte vor Zorn die Fäuste. Schon wieder eine, die ihn für ihre Zwecke benutzen wollte. „Hauen Sie ab“, schnauzte er sie an.

Erschrocken stolperte die Frau rückwärts. Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch in diesem Moment trat sie ins Leere, fiel fast wie in Zeitlupe nach hinten und knallte unsanft auf die Stufen, um dann zusammengekauert am Fuß der Treppe liegen zu bleiben.

Sofort war Gareth bei ihr. Seine Hände zitterten, und sekundenlang konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Was bin ich doch für ein Mistkerl, fluchte er im Stillen. Nicht besser als die Kojoten, die nachts durch die Berge streifen.

Sie war bewusstlos. Hektisch untersuchte Gareth, ob sie sich etwas gebrochen hatte. Aufgewachsen mit Brüdern und Cousins, war er oft Zeuge von Knochenbrüchen gewesen. Doch jetzt fürchtete er sich vor dem Anblick eines scharfen Knochens, der die zarte, helle Haut durchstach.

Erleichtert atmete er auf, als er nichts dergleichen fand. Dafür gab es eine Platzwunde an der Schläfe, die stark blutete.

Vorsichtig hob er die zierliche Frau hoch und trug sie in sein Schlafzimmer – sein privatestes Refugium. Nachdem er sie so sachte wie möglich auf das noch ungemachte Bett gelegt hatte, holte er Eis und Verbandszeug.

Dass sie immer noch bewusstlos war, als er zurückkam, machte ihm große Sorgen, ebenso wie die tiefe Wunde an ihrem Bein. Also rief er seinen Bruder Jacob an. „Ich brauche dich. Es handelt sich um einen Notfall. Bring deinen Arztkoffer mit.“

Zehn Minuten später standen beide Männer da und schauten auf die zarte Person, die in dem riesigen Bett winzig wirkte. Ihr rotgoldenes Haar schimmerte auf dem in männlichen Grau- und Blautönen gehaltenen Kissenbezug.

Rasch und methodisch untersuchte Jacob seine Patientin von Kopf bis Fuß. „Den Schnitt am Schienbein muss ich nähen“, verkündete er dann. „Die Platzwunde am Kopf sieht schlimmer aus, als sie ist. Ihre Pupillen sind normal.“ Er runzelte die Stirn. „Ist sie eine Freundin von dir?“

Verächtlich schnaubend erwiderte Gareth: „Wohl kaum. Ich habe gerade mal zwei Minuten mit ihr gesprochen, ehe sie von der Treppe fiel. Sie wollte mit mir über irgendwas sprechen. Vermutlich eine Journalistin.“

„Und wieso ist sie gefallen?“

Gareth beugte sich vor und strich dem zierlichen Geschöpf eine rote Strähne aus dem Gesicht. „Ich wollte ihr Angst machen, und es hat funktioniert.“

Jacob seufzte. „Irgendwann gehst du zu weit in deinem Bedürfnis, ungestört zu bleiben, Gareth. Was ist, wenn sie uns auf Schadensersatz verklagt? Hast du auch nur eine Minute an die Familie gedacht?“

Während er sprach, hatte Jacob eine Spritze gesetzt und die Stelle am Schienbein betäubt, um sie zu nähen. Die Frau rührte sich nicht.

„Ich wollte einfach nur, dass sie abhaut“, murmelte Gareth schuldbewusst und hoffte, die Frau wäre so unschuldig wie der Neuschnee, der im Spätherbst in den Bergen fiel.

Doch sie konnte genauso gut eine giftige Schlange sein.

Jacob setzte den letzten Stich und verband die Wunde fachgerecht. Dann fühlte er den Puls seiner Patientin, spritzte ihr noch ein Schmerzmittel und überlegte kurz. „Wir müssen herausfinden, wer sie ist. Hatte sie eine Handtasche dabei?“

Gareth nickte. „Dort auf dem Stuhl.“ Während sein Bruder die große Handtasche durchwühlte, betrachtete er die junge Frau in seinem Bett. Sie sah aus wie ein Engel.

Gleich darauf hatte Jacob eine Geldbörse und ein Blatt Papier zutage gefördert. „Sieh dir mal dieses Foto an. Die Frau heißt Gracie Darlington.“

„Falls der Personalausweis keine Fälschung ist.“

„Sei nicht paranoid. Kann doch sein, dass das alles ganz harmlos ist.“

„Und Schweine können fliegen. Ich lasse mich von einem niedlichen Gesicht nicht täuschen. Das habe ich hinter mir.“

„Ach, komm. Deine Ex-Verlobte war einfach ein bisschen zu zielstrebig. Und niedlich ist für sie auch das falsche Wort. Das alles ist so lange her, Gareth. Zeit, es zu vergessen.“

„Trotzdem, ich bleibe misstrauisch.“

Jacob schüttelte den Kopf und zerbrach eine Ampulle mit Ammoniak unter Gracies Nase.

Das starke Stimulans führte dazu, dass sie sich unruhig bewegte. Als sie die Augen aufschlug und langsam in die Realität zurückkam, stöhnte sie.

Gareth nahm ihre kleine Hand. „Wachen Sie auf.“

Blinzelnd sah sie erst ihn an, dann seinen Bruder. „Es gibt zwei von Ihnen?“, flüsterte sie verwirrt.

Jacob antwortete grinsend: „Solange Sie nicht vier von uns sehen, ist alles in Ordnung. Sie haben vermutlich eine Gehirnerschütterung, das heißt, Sie müssen liegen und viel trinken. Wenn sich Ihr Zustand verschlechtern sollte – ich bin in der Nähe. Und keine hastigen Bewegungen verstanden?“

Gracie zog das Näschen kraus. „Wo bin ich?“

Beruhigend legte Jacob ihr die Hand auf den Arm. „Im Schlafzimmer meines Bruders. Aber keine Sorge. Gareth beißt nicht. Ich bin übrigens Jacob.“ Er warf Gareth einen Blick zu. „Eisbeutel für das Bein und die Beule an der Schläfe. Ich lasse ein paar Schmerztabletten da, für später, wenn die Wirkung der Spritze nachlässt. Morgen früh komme ich wieder und sehe nach ihr, außer, ihr braucht mich früher. Außerdem solltest du sie bald zu mir in die Klinik bringen, damit ich ein Röntgenbild machen kann. Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich was übersehen habe.“

Gareth machte sich nicht die Mühe, seinen Bruder zur Tür zu bringen.

Stattdessen setzte er sich auf die Bettkante und verfluchte sich dafür im Stillen, als er sah, dass Gracie, obwohl sie so angeschlagen war, sofort versuchte, in den hintersten Winkel des Bettes zu flüchten. Leichenblass und zitternd beugte sie sich vor und erbrach sich auf den Fußboden.

Dann begann sie zu schluchzen.

Sekundenlang wusste Gareth nicht, was er tun sollte. Nie zuvor hatte er ein so starkes Bedürfnis verspürt, eine Frau zu trösten und sie zu umsorgen. Gleichzeitig war ihm klar, dass er Gracie nicht vertrauen durfte.

Ihre Hilflosigkeit rührte ihn allerdings zutiefst. Niemand konnte so etwas spielen.

Also ging er ins Bad, feuchtete einen Waschlappen an und gab ihn Gracie, während er das Malheur auf dem Boden aufwischte. Als er fertig war, ging ihr Schluchzen in einen Schluckauf über. Sie lag da mit geschlossenen Augen und rührte sich nicht, wahrscheinlich, weil ihr alles wehtat.

Mit zwölf war Gareth einmal ziemlich übel vom Pferd gestürzt und hatte sich am Kopf verletzt. Seitdem wusste er, wie sich eine Gehirnerschütterung anfühlte.

Er ging zum Fenster und öffnete beide Flügel weit, um die frische Frühlingsluft hereinzulassen. Dann zog er die Vorhänge vor, damit Gracie nicht geblendet wurde. Er wollte es ihr so angenehm wie möglich machen.

Später stand er neben dem Bett, schaute auf die zarte Frau und fragte sich, wie ein Tag, der so normal begonnen hatte, so aus dem Ruder hatte laufen können. Mit einem Räuspern deckte er Gracie bis zum Kinn zu. „Wir müssen miteinander reden. Aber das hat Zeit, bis Sie wiederhergestellt sind. Es ist fast Abend. Ich mache Ihnen etwas Leichtes zu essen und bringe es Ihnen.“ Zögernd wartete er auf ihre Antwort.

Gracie rang um Fassung, sicher, dass sie gleich wieder ganz sie selbst sein würde. Alles kam ihr vor wie ein merkwürdiger Traum. Und der Mann, der sich gerade so fürsorglich über sie beugte, war auch definitiv ein Traumtyp – obwohl sein Gesicht eher ungewöhnlich als schön aussah. Seine Adlernase, sein markantes Kinn und seine ausgeprägten Wangenknochen betonten seine tiefschwarzen Augen, in denen die Pupillen kaum zu erkennen waren.

Die Art, wie er sein Haar trug, ließ ihn ungebändigt, fast wild erscheinen. Offenbar kümmerte dieser Mann sich nicht um Konventionen. Zu gern hätte Gracie eine dieser schwarzen Strähnen durch ihre Finger gleiten lassen, um herauszufinden, ob seine Locken wirklich so weich waren, wie sie aussahen.

Sein nackter, muskulöser Oberkörper war gebräunt, und Gracie entdeckte drei kleine Narben. Es juckte sie in den Fingern, die schmalen Kerben zu berühren. Dieser Typ würde sie umhauen, läge sie nicht längst schon in seinem Bett. Sie sah ihm nach, als er das Zimmer verließ, und bald darauf fiel sie in einen unruhigen Schlaf. Ab und zu schreckte sie auf. Alles tat ihr weh, und sie fühlte sich gottverlassen. Als ihr Gastgeber endlich wiederkam, war es fast dunkel geworden.

Er trug ein Tablett, das er auf einer hölzernen Truhe am Fußende des Bettes absetzte. Statt die Deckenleuchte einzuschalten, knipste er eine kleine antike Nachttischlampe an, deren cremefarbener Seidenschirm weiches Licht verbreitete. Gracie war dankbar für diese Rücksichtnahme.

Nun trat er zu ihr ans Bett. „Sie sollten sich aufsetzen und etwas essen.“

Fragen über Fragen wirbelten durch ihren Kopf, aber aus dem Tontopf, der auf dem Tablett vor sich hin dampfte, duftete es verführerisch, und ihr Magen knurrte hörbar. Der Mann machte dazu keine Bemerkung, sondern half ihr, sich aufzurichten. Als seine Hand ihre Haut berührte, schien die Stelle zu brennen.

Sobald sie saß, stellte er das Tablett vor sie. Gracie bewegte ihre Beine und verspürte plötzlich einen heftigen Schmerz, der sie zusammenzucken ließ. Bisher hatte sie gar nicht bemerkt, dass sie außer der Kopfwunde auch noch eine andere Verletzung davongetragen hatte.

Er beantwortete ihre unausgesprochene Frage. „Jacob – mein Bruder, ein Arzt – er hat die Wunde an Ihrem Schienbein genäht. Sie haben sich an den scharfkantigen Kieseln geschnitten, als Sie …“ Er hielt inne, und sie sah, dass ihm die Erinnerung an den Vorfall sehr unangenehm war. Ohne weiteren Kommentar zog er sich einen Stuhl ans Bett und sah zu, wie Gracie aß.

Wenn sie nicht am Verhungern gewesen wäre, hätte seine Anwesenheit sie nervös gemacht. Aber offenbar war es Stunden her, seit sie das letzte Mal gegessen hatte, und die Hühnersuppe schmeckte einfach köstlich! Große Fleischstücke, frische Karotten und Sellerie schwammen in einer kräftigen Brühe. Wer auch immer diese Mahlzeit bereitet hatte – sie kam nicht aus der Dose. Gracie war sich darüber bewusst, dass die Hast, mit der sie aß, alles andere als damenhaft war.

Sie schwiegen, bis sie aufgegessen hatte, dann stellte Gareth – das war doch sein Name, oder? – das Tablett weg, setzte sich wieder und verschränkte die Arme vor der Brust.

Er war leger in Jeans gekleidet und barfuß. Dazu trug er jetzt ein dunkelrotes, handgewebtes Shirt, weit geschnitten, ein bisschen Ethno, ein bisschen Hippie. An einem anderen Mann hätte es vielleicht lächerlich gewirkt, aber er sah darin selbstbewusst und anziehend aus.

Verlegen flüsterte Gracie: „Ich muss mal ins Bad.“ Es war ihr peinlich, dass sie Gareths Hilfe brauchte, um aufzustehen. Zuerst dachte sie, ihre Beine würden einfach so wegsacken, doch dann fing sie sich und humpelte nach nebenan.

Das Badezimmer war riesig und besaß eine gemauerte, voll verglaste Dusche. Für den Bruchteil eines Moments stellte sie sich Gareth unter der Brause vor, nackt, hinreißend männlich …

Puh, dachte sie, als sie merkte, wie ihre Knie zitterten. Der Typ ist unglaublich sexy. Beim Händewaschen machte sie den Fehler, in den Spiegel zu schauen. Sie war so blass, dass man jede Sommersprosse einzeln sah, und ihr Haar war völlig zerzaust.

Hastig suchte sie in den Schubladen, bis sie einen Kamm fand. Doch als sie versuchte, ihre Locken zu entwirren, kam sie an die Schläfenwunde und schrie vor Schmerz auf.

Sofort war Gareth bei ihr. Er hatte noch nicht einmal angeklopft. „Was ist los?“, wollte er wissen. „Ist Ihnen wieder übel?“ Als er begriff, was der Auslöser für ihren Schrei gewesen war, murmelte er: „Vergessen Sie Ihre Frisur“, hob sie hoch und trug sie zurück ins Bett.

Sobald sie wieder lag, justierte er die Eisbeutel und gab ihr zwei Schmerztabletten, wobei er darauf bestand, dass sie sie mit Milch hinunterspülte. Sie kam sich vor wie ein krankes Kind, das von einem Elternteil gepflegt wird. Ein starker Kontrast dazu waren ihre durchaus weiblichen Reaktionen auf diesen Mann. Er ging zur Tür, aber sie rief ihm hinterher: „Bitte, gehen Sie nicht weg.“ Dabei errötete sie und hoffte, er würde es nicht merken. „Ich will nicht allein sein.“

Gehorsam kam er zurück, drehte den Stuhl um und setzte sich rittlings darauf. Seiner Miene war nicht zu entnehmen, was er dachte. „Sie können sich hier absolut sicher fühlen“, sagte er mit so sanfter Stimme, dass sie einen Schauer spürte. „Jacob meint, dass Sie sich schnell erholen werden.“

Sie zupfte an der Decke. „Lebt Ihr Bruder auch hier im Haus?“

Seine Stimmung veränderte sich schlagartig, und er sah sie feindselig an. „Jacob hat ein eigenes Haus auf dem Gelände. Aber das geht Sie eigentlich auch nichts an. Ich wüsste gern: Weshalb sind Sie hierhergekommen?“

Kraftlos sank sie zurück in die Kissen und wandte den Kopf zur Seite. Das Fenster stand immer noch offen, aber draußen war es inzwischen dunkel. „Ich weiß es nicht“, erwiderte sie tonlos.

Er runzelte die Stirn. „Was meinen Sie damit? Schauen Sie mich doch bitte an, wenn ich mit Ihnen rede.“

Zögernd gehorchte sie. Die Situation war ihr äußerst peinlich, und sie fühlte sich vollkommen verwirrt. Nervös biss sie sich auf die Unterlippe und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen. „Warum sind Sie so wütend? Liegt es an mir?“

Wenn sie nicht so eine gute Beobachterin gewesen wäre, dann hätte sie seine Reaktion vielleicht gar nicht bemerkt: Sein Blick war alarmiert und mit einer Hand umklammerte er die Stuhllehne, so heftig, dass die Knöchel weiß hervortraten. Gleich darauf hatte er sich aber wieder unter Kontrolle. „Nein, durchaus nicht. Ich möchte nur, dass Sie hier so bald wie möglich wieder verschwinden.“

Offensichtlich stellte ihre Anwesenheit in seinem Haus für ihn ein riesiges Problem dar. Hektisch schlug sie die Decke zurück und stand auf. „Ich gehe.“

Mit einer geschmeidigen Bewegung war er bei ihr und drückte sie sanft zurück in die Kissen. „Machen Sie sich nicht lächerlich. Sie sind überhaupt nicht in der Lage, irgendwo hinzugehen. Bleiben Sie liegen und schlafen Sie sich gesund. Morgen jedoch hauen Sie ab.“

In ihrem Kopf hämmerte der Schmerz, er machte sie fast verrückt. Aber noch mehr ängstigte sie etwas, das sie in diesem Moment immer klarer erkannte. „Bitte“, flüsterte sie tränenerstickt.

„Was?“, fragte er irritiert.

„Bitte sagen Sie mir, wer ich bin.“

2. KAPITEL

Gareth bemühte sich, seinen Schock zu verbergen. Jetzt wusste er Bescheid. Da war er, der Täuschungsversuch. Wahrscheinlich gehörte das zu ihrem finsteren Plan. Denn es konnte doch nicht sein, dass sie wirklich ihr Gedächtnis verloren hatte. Oder?

Mit ausdrucksloser Miene fragte er: „Amnesie? Tatsächlich. Haben Sie vor, hier eine Seifenoper abzuziehen?“ Er zuckte die Achseln. „Na gut, ich spiele mit. Ich heiße Gareth, und Ihr Name ist Gracie Darlington. Sie kommen aus Savannah. Gemeinsam mit Jacob habe ich mir Ihren Personalausweis angesehen.“

Er sah, wie ihre Lippen zu zittern begannen und sie sich verzweifelt um Kontrolle bemühte. Eine gute Schauspielerin bekam so etwas ohne Weiteres hin. Anders ihr Blick, in dem sich echte Angst spiegelte. So etwas ließ sich nicht ohne Weiteres herstellen. Jetzt atmete sie tief durch. „Wie bin ich hierhergekommen? Steht draußen mein Auto?“

Er schüttelte den Kopf. „Anscheinend haben Sie den Aufstieg zu Fuß gemacht. Kein leichtes Unterfangen. Es ist steil, und der Wald ist ein Dickicht. Es gibt keine Wege. Deshalb haben Sie sich wohl auch Arme und Beine zerkratzt.“

„Besitze ich ein Handy?“

„Ich werde es herausfinden.“ Gareth erinnerte sich an die pinkfarbene große Tasche, in der Jacob vorhin herumgewühlt hatte. Diesmal war es Gareth, der sie durchsuchte. Er zog einen Reißverschluss auf und fand ein Smartphone. Er gab es Gracie und ließ die Handtasche aufs Bett fallen. Glücklicherweise schien die Batterie aufgeladen zu sein. Gracie klappte das Handy auf.

„Immerhin wissen Sie noch, wie man so was bedient“, bemerkte Gareth sarkastisch. Seine Bemerkung ließ Gracie zusammenzucken, doch sie sah nicht zu ihm auf, sondern studierte das Namensverzeichnis so intensiv, als wolle sie es auswendig lernen.

Endlich hob sie den Kopf, und in ihre schönen Augen trat ein feuchter Schimmer. „Ich kenne diese Leute alle nicht“, flüsterte sie, während eine Träne über ihre Wange rollte. „Aber weshalb? Warum kann ich mich an nichts erinnern?“

Ohne allzu großes Mitgefühl zu zeigen, nahm ihr Gareth das Handy ab. Einem Wolff konnte man so leicht nichts vormachen. Jedenfalls nicht mehr. „Als Sie die Treppe hinuntergestürzt sind, haben Sie sich den Kopf angeschlagen. Aber Jacob ist Arzt, und wenn er sagt, dass alles in Ordnung ist, glaube ich ihm.“ Allerdings war Jacob gegangen, ehe der Gedächtnisverlust zutage getreten war. Verdammt.

Langsam scrollte Gareth durch das Namensverzeichnis, ohne recht zu wissen, nach was er eigentlich suchte. Doch dann fand er es. Es gab einen Eintrag: „Für Notfälle“, und darunter stand der Name Edward Darlington, dazu die Bezeichnung „Daddy“.

Sofort wählte er die Nummer und wartete. Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine Männerstimme, und Gareth sagte ruhig: „Hier ist Gareth Wolff. Ihre Tochter ist gestürzt und hat sich verletzt. Ein Arzt hat sie bereits untersucht und nichts Gravierendes festgestellt. Allerdings klagt sie über Gedächtnisverlust, der sicherlich nur vorübergehend ist. Es wäre sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie ein paar beruhigende Worte zu ihr sagen könnten. Ich reiche Sie jetzt weiter.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, gab er Gracie das Handy.

Sie setzte sich halb auf und lehnte ihren Kopf an die Rückwand des Bettes. „Hallo?“

Gareth ließ sich auf der Bettkante nieder, was ihm ermöglichte, Teile des Gesprächs mit anzuhören. Die Männerstimme klang belustigt.

„Gut gemacht, kleine Gracie. Ich wusste gar nicht, dass du so schlau sein kannst. Hast so getan, als wärst du auf dem Weg zu Wolff verunglückt. Und jetzt ein kleiner Gedächtnisverlust? Super. Jetzt haben wir ihn genau da, wo wir ihn haben wollten. Die ganze Familie wird sich davor fürchten, dass wir sie auf Schmerzensgeld verklagen. Gratuliere, Gracie. Es zahlt sich doch immer aus, wenn man geradewegs auf sein Ziel lossteuert. Brillant, mein Kleines. Absolut brillant.“

Gracie unterbrach die begeisterte Suada. „Vater … mir geht es wirklich nicht gut. Könntest du mich bitte abholen und nach Hause bringen?“

Darlington lachte. „Bestimmt steht er gerade neben dir, nicht wahr? Das heißt, du musst dein Spiel perfekt spielen. Bravo. Ich werde meinen Part übernehmen. Aber jetzt musst du noch allein zurechtkommen. In einer halben Stunde geht mein Flieger nach Europa, und ich bin erst in einer Woche wieder da. Im Haus sind außerdem die Handwerker. Ich habe dem Bauunternehmer mitgeteilt, dass wir beide nicht da sind, und er mit den Umbauarbeiten sofort anfangen kann. Falls du früher wiederkommst, musst du dir also ein Hotelzimmer nehmen.“

„Das ist überhaupt nicht lustig“, murmelte sie. „Ich meine es ernst. Hier kann ich nicht bleiben. Sie wollen mich nicht hier haben. Ich bin eine Fremde.“

„Pack sie bei ihrem Mitgefühl“, riet ihr Vater. „Es gehört sich nicht, eine verletzte Frau einfach rauszuwerfen. Du könntest mit Gareth ein bisschen flirten. Weck seinen Beschützerinstinkt. Ein Mädchen in Nöten und so weiter. Bald hast du ihn so weit, und er gibt uns, was wir von ihm wollen. Nächste Woche reden wir weiter. Jetzt muss ich los.“

„Halt, warte!“, rief sie verzweifelt. „Sag mir wenigstens, ob ich verheiratet bin oder einen Freund habe. Irgendjemanden, der mich vermisst.“

Lautes Gelächter antwortete ihr, und sie hielt das Telefon weg von ihrem Ohr. „Unsinn, natürlich nicht. Alles Gute, Gracie. So viel Freude an dir hatte ich selten. Ich wünschte, ich könnte sein Gesicht sehen. Machs gut.“

Er legte auf, und Gracie starrte blicklos auf das Handy. Was war das eigentlich für ein Vater, der seine Tochter einfach sitzen ließ, wenn sie ihn am dringendsten brauchte? Abgesehen davon, dass sie sich gerade gottverlassen fühlte, schämte sie sich dafür, mit diesem Edward Darlington verwandt zu sein.

Sie legte das Handy weg und brachte ein unsicheres Lächeln zustande. „Wie viel von dem Gespräch haben Sie mitgehört?“

Gareth stand auf, ging zum Fenster und wandte ihr den Rücken zu. „Genug“, sagte er grimmig. Die Sache ekelte ihn an, und er war unzufrieden mit sich selbst. Wenn er ganz bei Trost wäre, würde er Gracie von seinem Grund und Boden jagen, und zwar umgehend – warum tat er es nicht?

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