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Ein schönes Mädchen und andere Geschichten

Heinz-Jürgen Schönhals

Ein schönes Mädchen und andere Geschichten

(über Liebe, Leidenschaft, Glück und Elend)





BookRix GmbH & Co. KG
81675 München

Ein schönes Mädchen und andere Geschichten (über Liebe, Leidenschaft, Glück und Elend) erzählt von Heinz-Jürgen Schönhals

Inhalt

Ein schönes Mädchen

Der Boxfan und sein ’Lumpazi’

Liebetrauts Streben nach dem Glück

Der sanfte Herr Kissler

Der Handlungsreisende

(oder die schwierige Suche nach einem Freund)

Das Handicap des Studienrats

Der Machtmensch

Gefahrvolles Reisen nach dem Kriege

Die verwehte Spur von Ulrike D.

Inhaltsangaben

Inhaltsangaben

Ein schönes Mädchen: Ein alternder Mann verliebt sich in ein schönes Mädchen. Er glaubt, er hätte bei dem Mädchen eine Chance, beginnt aber bald zu zweifeln. Während dessen wird sein Verliebt-sein immer heftiger.

Der Boxfan und sein ’Lumpazi’: Der Jurastudent Ralf Herden freundet sich mit einem Kommilitonen an, einem Liebhaber des Boxsports. Dieser „Boxfan“ vertritt eine Lebensphilosophie des Kampfes und der Durchsetzung, die Herden wenig zusagt. Trotzdem hält er an der Freundschaft fest, weil der „Boxfan“ ihm eine wesentliche Stütze beim Jura-Studium ist. Der „Boxfan“ scheint eine problematische Beziehung zu einer Studentin zu haben, die jetzt mit einem anderen Studenten liiert ist. Nachdem beide Freunde das Staatsexamen bestanden ha­ben, ist Ralf über des Boxfans lieblose Urteile über durchgefallene Examenskandidaten stark befremdet. Dabei äußert dieser wieder selt­same Auffassungen über Frauen. Jahre später sieht Herden, inzwi­schen Rechtsanwalt, den „Boxfan“ auf einem Bild in einer Illustrierten wieder, oder er glaubt zumindest, es sei sein ehemaliger Studienge­nosse. In dem Illustriertenbericht ist die Rede von den verkorksten Frauengeschichten eines Rechtsanwalts. Herden liest den Bericht mit großem Interesse.

Liebetrauts

Streben nach dem Glück: Der Gymnasiallehrer Manfred Lie­betraut ist in seiner Ehe mit Elisabeth nicht glücklich. Er hat sich deshalb in eine schöne Frau, Marianne Curtius, verliebt und möchte sie als Geliebte gewinnen. Die Chancen dafür stehen gut, da er deutliche, geradezu auffällige Zeichen des Entge­genkommens bei Marianne wahrzunehmen glaubt. Unterwegs zur Schule und später zu einem Park, wo Marianne immer dann auftaucht, wenn Liebetraut dort auf einer Bank sitzt, überlegt er, wie er sein Glück mit Marianne realisieren könnte. Zunächst will er sie heute auf jeden Fall im Stadtpark, sobald sie dort auftaucht, an­sprechen. Wie aber soll er mit Marianne glücklich werden? Als Lehrer hat er der anspruchsvollen Marianne nicht viel zu bieten. Er glaubt aber, dass in ihm mehr steckt als ein bescheidenes Talent zur Ausübung des Lehrerberufs. Da er heimlich schriftstellert, hofft er, künftig als Schriftsteller groß herauszukommen, zumal er spürt, wie ihm durch die Liebe zu Marianne unglaubliche Kräfte zuwachsen. Zugleich gehen seine Gedanken in die Vergangenheit zurück. Er denkt an seine Ju­gendliebe Maja, der Marianne stark ähnelt. Hierbei fallen ihm bestimmte Ereignisse ein, und er sieht sich veranlasst, über das Wesen des Glücks nachzudenken. Dabei fällt ihm der starke Kontrast zwischen diesem höchsten Ziel und seiner jetzigen Le­benslage auf. So verstärkt sich bei ihm das Bestreben, seine jetzige triste Lage mit Hilfe der Liebe Mariannes zu verbessern. Nach einem Arztbesuch erhält sein „Glücksstreben“ allerdings einen Dämpfer. Aufgrund gewisser Bemerkungen des Arztes glaubt er, schwer erkrankt zu sein. Trotzdem geht er, nach der Besprechung mit dem Arzt, am Nachmittag in den Park und wartet dort auf Marianne. Manfred ist sich nicht sicher, ob der Arzt wirklich mit seinen Andeutungen, die er eventuell überinterpretierte, eine unheilbare Krankheit gemeint hat. Also glaubt er nach wie vor an sein künftiges Glück.

Der sanfte Herr Kissler: Der Volksschullehrer Joachim Kissler, auf dem Friedhof vor einem Grabstein sitzend, erregt das Interesse des Schülers Christoph H., der unterwegs zu seinem Freund ist, mit dem er eine Kirmes besuchen möchte. Er hatte Kissler früher einmal als Lehrer in der Volksschule gehabt. Jetzt läuft ein Scheidungsverfahren gegen den Lehrer, und die Ehefrau Kisslers wird von Christophs Vater, einem scharfen Rechtsanwalt, vertreten. Christoph hat mehrmals eine Unterredung seines Vaters mit seiner Mutter belauscht, in welcher der Charakter des Lehrers erörtert wurde. Kissler sei ein sanfter Mensch; von seiner Frau werde er als Waschlappen angesehen, hatte Christoph, an der nur angelehnten Tür zuhörend, erfahren. Christoph, unterwegs also zu seinem Freund, hofft, auf dem Juxplatz ein Mädchen namens Elvira anzutreffen, in die er sich etwas verliebt hat. Unterwegs fallen ihm noch andere Bemerkungen seines Vaters über den Volksschullehrer ein. Auf dem Kirmesplatz besuchen die Freunde mehrere Karussells, dabei sehen sie auch Elvira mit einer Freundin, die beide den Autoskootern eines Autodroms zuschauen. Die Mädchen sind aber bald verschwunden. Nachdem die Freunde noch mit einer Geisterbahn gefahren sind, suchen sie weiter nach den beiden Mädchen.

Der Handlungsreisende:

(oder die schwierige Suche nach einem Freund): Der Handlungsreisende Reiner Scholten ist stark frustriert. Er hat keine Freunde, und in seiner Verwandtschaft findet er nur wenig Anerkennung. Auch hat er in seinem Job nur geringe Erfolge vorzuweisen. Die Verwandten machen sich vor allem über Reiners Ehefrau Rita lustig, die sie als „einfaches Gemüt“ bezeichnen, weil sie immer still und in sich gekehrt ist. Reiner hofft jetzt, durch die Vermittlung seines Bruders Walter, eines Diplomingenieurs, in dessen Freundeskreis Freunde, zumindest einen Freund, zu finden. Während einer Soiree bei einem Rechtsanwalt lernt Scholten in der Tat nette Leute kennen, und er hofft, er könnte in diesem Kreis der Freunde Walters eine Art Heimat finden. Während des Gesellschaftsabends wird viel über literarische Themen diskutiert, unter anderem auch über Goethes Humanitätsideal. Reiner freut sich, dass er von allen so freundlich aufgenommen wurde, und er diskutiert eifrig mit.

Das Handicap des Studienrats: Rechtsanwalt Dr. Selbach trifft in ei­nem Park vor dem Gebäude des Landgerichts einen alten Bekannten, Ludwig Hertling, mit dem er sich früher einmal angefreundet hatte. Hertling war Lehrer am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in B. und soll, wie Selbach hörte, von der Schule „geflogen“ sein, weil er sich mit ei­ner Schülerin eingelassen hat; oder auch - hatte Selbach von anderer Seite gehört - weil er gegenüber seinem Vorgesetzten tätlich gewor­den sei. Neugierig, was es mit den Gerüchten auf sich hat, lässt sich Selbach von dem Studienrat dessen Lebensgeschichte erzählen. Sie handelt von Hertlings aufreibender Tätigkeit am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium und seinem konfliktreichen Umgang mit dem Schulleiter Dr. Üppermann. Der Oberstudiendirektor habe den Studienrat in ei­nem Ausmaß schi­kaniert, dass dieser am Friedrich-Wilhelm-Gymna­sium seines Lebens nicht froh wurde. Die Beweggründe des Schullei­ters hätten in Hertlings Vorgeschichte gelegen. Er, Hertling, sei ein gescheiterter Jurist, sei zweimal durchs juristische Staatsexamen gefallen. Obwohl er dieses Fiasko in seinem Lebenslauf verschleierte, konnte man es aus seiner Personalakte erschließen, was - wie er vermutet - Üppermann getan hat. Dann sei er noch - während seines Studiums - wegen einer Nervenkrise kurzzeitig in psychiatrischer Behandlung gewesen. Schließlich habe er aber sein zweites Studium, das der Germanistik und Philosophie, doch noch geschafft. Für den Leh­rerberuf habe er sich durchaus geeignet gefühlt. Doch Direktor Üpper­mann, mehrmals im Beisein des Stu­dienrates über gescheiterte Ju­risten herziehend (mit dem Satz: ’Wer nichts wird, wird Wirt....’ etc), sei der Auffassung ge­wesen, am hoch­gelobten Friedrich-Wilhelm-Gy­nasium mit seinem ho­hen Anspruch hätten gescheiterte Juristen nichts zu suchen. Schließ­lich habe sich für ihn, Hertling, die Lage an der Schule dramatisch zuge­spitzt.

Der Machtmensch: Der Ich-Erzähler weilt zur Kur in Bad S. Dabei kann er sich der Gesellschaft eines Kurgastes nicht erwehren, der ihn immer wieder in anstren­gende, problemhaltige Gespräche verwickelt. In die­sen Gesprächen erweist sich der fremde Kurgast als Anhänger der Machtlehre Nietzsches. Der Protagonist versucht immer wieder den ’Machmenschen’ - wie er ihn bald nennt - von seiner Ge­genpo­sition zu überzeugen, doch dieser widerlegt alle seine Argu­mente und lässt nur seine Auffassung gelten. Schließlich gelingt es dem Ich-Erzähler durch eine unfreundliche Reaktion, den ’Machtmen­schen’ abzuschüt­teln. Der schließt sich bald einem anderen Kurgast an, einem älteren Mann mit einer Glatze und seltsamen Ringellöck­chen an den Seiten, und verwickelt ihn in gleicher Weise in intensive Gespräche. - Jahre später trifft er den Mann mit den Ringellöckchen im selben Kurort wie­der, und er erkundigt sich nach dem ’Machtmen­schen’. Dieser sei auf keinen Fall ein ’Macht­mensch’ gewesen, sagt der fremde Kurgast, und er begründet seine Auffassung nä­her.

Gefahrvolles Reisen nach dem Kriege: Der Kriegsheimkehrer Jakob Winkelmann versucht in der schwierigen Nachkriegszeit einen Koffer voll Edelmetall, den er während des Krieges an einer bestimmte Stelle vergraben hat, nach Hause zu schaffen. In einem Hauptstadtbahnhof liest er auf einem Plakat von einem Schwerverbrecher, der sich in raffinierter Verkleidung an seine Opfer heranschleiche. In dem Abteil des Zuges, das sich während der Fahrt allmählich leert, sitzt Winkelmann mit einem Pfarrer zusammen. Als der Koffer während eines abrupten Halts des Zuges aus der Gepäckablage stürzt, erfährt der Mitreisende von dem wertvollen Inhalt des Koffers. Zunehmend glaubt der Protagonist nun, es handele sich bei dem Pfarrer um den gesuchten Verbrecher. Während der Zug einmal auf freien Strecke hält, steigt der Mitreisende aus, um bei der herrschenden Dürre einen glimmenden Zigarettenstummel, den Jakob Winkelmann aus dem Fenster geworfen hat, auszutreten. Dieser erwartet nur endgültig einen Angriff des Mitreisenden.

Die verwehte Spur von Ulrike D.: Der Krankenpfleger Reinhard Schlosser, in seiner Ehe mit Gudrun nicht besonders glücklich, folgt einer Einladung seines Cousins Klaus Kerner. Er hofft dort seine frü­here Verlobte Julia anzutreffen, die er einmal sehr geliebt hat. Bei Klaus verbringt er einen netten Abend. Am nächsten Tag macht Klaus’ Ehefrau Klara, die Schwester von Julia, Bemerkungen, aufgrund de­ren Reinhard annimmt, Julia wolle wieder mit ihm zusammenkommen. Julia sei unterwegs nach Waldstätten, um dort ihre Mutter zu besuchen. Er, Reinhard, solle doch bitte auch einen Abstecher nach Waldstätten machen - bittet ihn Klara - und ihrer Mutter einen Schlüssel, den diese dringend brauche, überbringen. Reinhard ist dazu gerne bereit, zumal er in Waldstätten ja Julia wiedertreffen wird. In Waldstätten zögert er, sofort zur Mutter von Julia, Adele Lam­bertz, zu fahren. Zunächst möchte er sein Heimatdorf besuchen und dort alte Erinnerungen auffrischen. Unterwegs trifft er einen alten Be­kannten, der ihm die Geschichte eines Mädchens erzählt, das vor Jah­ren einmal einer anderen den Bräutigam ausgespannt hat. Reinhard meint, diese Geschichte habe eine starken Bezug zu seiner eigenen Lebensgeschichte; auch träumt er in der Nacht von dem Mädchen, das seinen Bräutigam an eine andere verlor. Am nächsten Tag be­sucht Reinhard Frau Lambertz. Da Julia noch nicht da ist, vertreiben sich Frau Lambertz und Reinhard die Zeit mit Erzählungen. Frau Lambertz macht wie schon Klara seltsame Bemerkungen, unter ande­rem über Julia und ihren Mann, die beide in ihrer Ehe gar nicht glück­lich seien. Auch ein bestimmtes Gemälde im Wohnzimmer der Lambertz betrachtet Reinhard einge­hend. Dessen Aussage hat, wie er meint, gleichermaßen, wie schon der nächtliche Traum, einen Bezug zu seinem eigenen Leben und indirekt auch zu dem Schicksal des Mädchens, das seine große Liebe damals an eine an­dere verlor. Dieses unglückliche Mädchen hieß Ulrike D.

Ein schönes Mädchen

Gottfried Reinfeller, nicht übel aussehend, seit 10 Jahren verwitwet und schon in etwas fortgeschrittenem Alter, hatte sich in die sehr hübsche, blut­junge Brigitte Rohmer, eine Angestellte der Bäckerei Faust in Burgfelde, ver­liebt. Nachdem er in der Bäckerei öfter eingekauft und an der Verkaufstheke mit Brigitte, wenn er mit ihr alleine im Laden war, eifrig geflirtet hatte, kam er bald zu der Ein­sicht, dass er bei der niedlichen, für ihn aber ganz sicher zu jungen Frau wohl keine Chance habe. Deshalb entschloss er sich, die Bäckerei nicht mehr aufzusuchen, da seine behutsamen, einmal jedoch auch ganz unver­blümten Annäherungsversuche bei der Bäckereiangestellten ohne Widerhall blieben.

Ungefähr ein halbes Jahr später fasste Gottfried, der die gut schmeckenden Brötchen und den wunderbaren Kuchen der Bäckerei Faust vermisste, spontan den Entschluss, wieder einmal nach Burgfelde zur Bäckerei zu fahren. Auch interessierte ihn, was die hübsche Verkäuferin machte, ob sie inzwischen geheiratet hat und ob sie noch als Verkäuferin in dem Laden wirkte. Als er den Laden betrat, stellte er sofort fest: Brigitte wirkte noch, sie stand hinter der Theke und bediente gerade einen Kunden. Offenbar war sie noch nicht verheiratet, jedenfalls trug sie keinen Ring. Ihn erblickend, entfuhr der Hübschen die Bemerkung „Also, nach so langer Zeit wieder...!“

Nachdem sie ihn nicht unfreundlich begrüßt hatte, ging sie sogleich wieder zur Verkäufer - Routine über, indessen Gottfried sofort spürte, wie das schöne Mädchen ihn wieder in ihren Bann zog. Brigitte strahlte ja auch einen umwerfenden, lieblichen Charme aus. Sie war lebhaft und zuvorkommend, und durch die Art, wie sie redete und die Kunden bediente, wirkte sie äußerst angenehm. Immer fand sie einen Anlass, mit einem Kunden, der ihr sympathisch war und der auf ihr nettes Wesen einging, ins Gespräch zu kommen, wobei sie auch, wenn sie wollte, das Gespräch durch immer neue Gedanken und Einfälle in Gang halten konnte; natürlich nur, wenn nicht andere Käufer darauf warteten, von ihr bedient zu werden. Ihre Figur war nicht übermäßig schlank, doch darin lag nicht die Stärke ihrer Schönheit. Schön und faszinieren war allein ihr Antlitz. Jedenfalls Gottfried Reinfeller konnte sich an den ebenmäßigen, harmonischen Zügen dieses Gesichtes nicht satt sehen, an seiner zarten, leicht geröteten Haut und den dunklen, unmerklich vorstehenden, großen Augen. Ihr Mund fiel nicht weiter auf; sicher, er war hübsch geschnitten, kam ihm aber etwas klein vor. Doch zu seiner Überraschung konnte Brigitte, durch eine bestimmte reizvolle Bewegung ihrer Lippen, ihn so zur Geltung bringen, dass er plötzlich sinnlich und erotisch wirkte. Da überdies ihre halblang geschnittenen dunklen, fast schwarzen Haaren zu dem leicht geröteten Gesicht einen lieblichen Kontrast bildeten, sah sich Gottfried außerstande, seine wieder aufflammende Zuneigung zu dem Mädchen zu ignorieren oder gar zu unterdrücken.

So nimmt es nicht wunder, dass er seit dieser Zeit aufs Neue zaghafte Versuche unternahm, sich der hübschen Verkäuferin zu erklären. Dabei hatte er zwar immer den Eindruck, Brigitte fühle sich von ihm, wie man so sagt: „angemacht“, aber irgendeinen Hauch eines Entgegenkommens vermochte er bei ihr nach wie vor nicht festzustellen; und das, obwohl er ihr doch voriges Jahr in jener eindeutigen Weise seine Zuneigung offenbart hatte! Nur hier und da trug sie wieder, wie schon vor einem halben Jahr, rote Kleidung, was Gottfried von jeher als ein mögliches Zeichen von Liebe interpretierte. Aber etwas Konkretes geschah weiterhin nicht. Im Gegenteil: einmal fuhr Gottfried vor dem Geschäft mit seinem Wagen langsam vor, sie kam von links aus einem Hof, trug irgendein Behältnis vor sich her, eine breite Schüssel oder auch einen Korb. Er versuchte ihr zuzuwinken, sie aber ging stur ihres Weges, ohne seinen Wagen auch nur eines Blickes zu würdigen, ohne auch nur einmal den Kopf zu wenden und ihm, Gottfried, freundlich oder auch herzlich zuzulächeln. Dann, ein andermal, sagte er während eines Einkaufs zu ihr, er werde jetzt einige Zeit nicht bei ihr einkaufen, er fahre nämlich zu seinem Bruder nach München und bleibe dort ungefähr 10 Tage. „Aha“, erwiderte Brigitte; mehr sagte sie nicht, sie sagte überhaupt in letzter Zeit nicht viel, sondern ging, wenn er bei ihr einkaufte, immer gleich zur Verkäufer-Routine über. Natürlich schmerzte ihn dieses wortkarge, zurückhaltende Benehmen Brigittes. Wo war ihr einst lebhaftes, aufgeschlossenes Wesen geblieben? Es kam ihm vor, als wäre ihr all das, was ihm voriges Jahr noch so viel Freude bereitet hatte, ihr Temperament, ihre Munterkeit und ihre Interessiertheit, mit einem Male abhanden gekommen, so als hätte sie sich diesen sympathischen, einnehmenden Charakterzug abgewöhnt oder auch: sie hätte ihn vorübergehend ausgeschaltet.

Als er dann von München zurückkehrte und wieder in der Bäckerei Faust einkaufte, fragte sie mit keinem Wort, wie sein Aufenthalt in Bayern gewesen sei, ob er etwas Besonderes in München erlebt oder ob es Zwischenfälle während der Fahrt auf der Autobahn gegeben habe. Nein, nichts von alle dem geschah, nur gleichgültiges Schweigen oder freundliche Routinefragen und Routineantworten!

Einmal hatte Brigitte eine starke Erkältung. Sie erklärte ihm mit heiserer Stimme, sie nehme ein gewisses Naturpräparat namens x ein. Da sich Gottfried für das Präparat interessierte, sagte sie: „Komm, ich schreibe es Ihnen auf!“ Sie schrieb etwas auf einen Zettel, meinte dann aber, sie müsste noch einmal zu Hause nachschauen, und zerriss den Zettel. Ein paar Tage später, als er wieder in der Bäckerei einkaufte, kam sie auf den Zettel nicht mehr zurück; auch bei seinen folgenden Einkäufen nicht. Sie hatte die Sache offenbar vergessen. Dabei hatte Gottfried starke Hoffnung auf diesen Zettel gegründet: Er wäre doch eine gute Gelegenheit gewesen, ihm eine liebe Nachricht zukommen zu lassen. Doch nicht einmal der nüchterne Name des Präparats wurde ihm mitgeteilt!

Gottfried, inzwischen wieder heftig in Brigitte verliebt, musste sich natürlich fragen, ob das schöne Mädchen für ihn überhaupt so etwas wie Sympathie empfand. Vom Standpunkt der Vernunft aus konnte die Antwort nur lauten: Nein, nichts dergleichen lag vor, erst recht konnte er nicht auf Zuneigung, geschweige denn auf Liebe hoffen. Doch die Vernunft ist nicht die einzige Instanz, die das Handeln und die Einsicht des Menschen bestimmt. Es gibt daneben ja noch das Gefühl. Und das Gefühl vertritt in Liebesangelegenheiten fast immer einen eigenen Standpunkt, es redet stets optimistisch, fordert dazu auf, sich der Geliebten oder dem Geliebten zu erklären; selbst dann, wenn ein solches Beginnen aussichtslos erscheint. Das Gefühl sucht dann eifrig nach Wegen, diese Aussichtslosigkeit aus der Welt zu schaffen oder zumindest zu relativieren oder zu ignorieren. Bei Gottfried Reinfeller hörte sich nun dieses schmeichelnde Reden des Gefühls so an: ’Das Mädchen trägt doch immer schöne, rote Kleidung, wenn du bei ihr einkaufst; das hat garantiert etwas zu bedeuten, das muss ein Liebeszeichen sein! Vertraue darauf, du wirst es nicht bereuen! Sie wartet auf dein energisches Vorpreschen, sie wird ungehalten sein, wenn du nicht endlich beherzt deine Chance wahrnimmst!’ - Indessen hielt die Vernunft mit harschen, desillusionierenden Worten dagegen: ’Rote Kleidung? Was soll diese Art der Bekleidung schon bedeuten? Das sind doch nur ganz vage, unklare Signale! Frauen tragen eben gerne rot, ohne dass dies gleich ein Hinweis auf Sympathie oder gar Liebe sein muss! Außerdem, denk’ an dein Alter! Junge Mädchen interessieren sich für junge Kerle, nicht aber für einen zerknitterten Alten!“

Nun passierte folgendes an einem Donnerstag im November: Gottfried hatte seine Einkäufe in Burgfelde inzwischen intensiviert, jeden Montag- und Donnerstagnachmittag erschien er in der Bäckerei, immer mit rotem Pullover bekleidet, oft auch trug er ein rotes Käppi, womit er dem geliebten Mädchen seine Zuneigung signalisieren wollte. Er war zunächst alleine mit ihr im Geschäft, nur ein junger, schmaler, nicht allzu großer Mann betrat noch den Laden. Wie ihm vorkam, war das ein ausländischer Typ, aber mit Bestimmtheit konnte er das nicht sagen. Gottfried stand vor dem Tresen und beobachtete, wie Brigittes Blick, dem neuen Kunden zugewandt, sich eigenartig veränderte. Er hatte den Eindruck, dass ihre Augen voller Anspannung waren und auf den jungen Mann einen Blitz abschossen. Danach kam es ihm vor, als blicke er statt in Brigittes Auge auf eine winzige blanke Stahlwand, die hinter der Iris angebracht sei und aus der ihm eine erschreckende Leere, ein Nichts entgegenstarrte. In dem Augenblick, als er dann grüßend den Laden verließ, hörte er den jungen Mann zu Brigitte sagen: „Tja, mein Schatz, was nehme ich denn da mal.....?“

Indem Gottfried mit dem Wagen abfuhr, dachte er amüsiert über die Anrede nach. Was hat dieser Araber denn da für einen lockeren Spruch losgelassen? - Dann aber kamen ihm Zweifel, ob das überhaupt ein Ausländer war. Und wenn es nun der Freund, der Liebhaber von Brigitte war? - Im Laufe des Abends verfestigte sich ihm allmählich die Ansicht, dass es sich tatsächlich nur um jemand handeln konnte, der Brigitte nahe, wahrscheinlich sogar sehr nahe stand, denn wer redet ein Mädchen schon mit „mein Schatz“ an? Nur ein Freund, vielleicht sogar ihr Liebhaber konnte sie mit dieser äußerst vertrauten Anrede angesprochen haben! Eventuell aber war es auch nur ihr Bruder!?

War nun dieses „Tja, mein Schatz“ für ihn, Gottfried, endlich das Signal, nach dem er sich eigentlich auch die ganze Zeit gesehnt hatte, ein Hinweis, der ihm Klarheit über ihre innersten Gedanken und Gefühle verschaffen konnte, dass das Herz des Mädchens ihm gegenüber stumm geblieben war?

Mehrmals fuhr er noch nach Burgfelde, um weiter dort einzukaufen, dabei hin- und herschwankend zwischen Hoffnung und Resignation. Er hoffte immer noch, weil Brigitte schon wieder ständig ein intensives Rot unter ihrem Kittel trug; zugleich resignierte er, weil seine Vernunft, illusionsfrei über den Lauf der Welt sinnierend, dringend von irgendeiner, zum Scheitern verurteilten Initiative abriet!

An einem Tag im Januar schritt er aber doch zur Tat, denn er sah plötzlich eine gute Gelegenheit, sich die erwünschte Klarheit zu verschaffen: Brigitte und er hatten eine Woche vorher über Computer gesprochen. Gottfried schloss daraus, Brigitte besitze Kenntnisse über Computertechnik. Als er sie dann an besagtem Tage fragte, ob sie auch E-Mails schreiben könne, bejahte sie, zögernd. Da überreichte er ihr seine Visitenkarte mit der Bemerkung, sie könnte, wenn sie wollte, ihm ja mal eine E-Mail schicken.

„Nein, nein, nein, nein, nein!“ rief das Mädchen, fünf Mal, mit schriller Stimme. Dennoch nahm sie die Visitenkarte entgegen und steckte sie in die Tasche ihrer Schürze.

So, dachte er, das lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig: Ein einmaliges ’Nein’ einer Frau bedeutet nach allgemeiner Erfahrung ein ’Vielleicht’, ein fünfmaliges Nein hingegen kann nur ein endgültiges, keine Zweifel und Hoffnungen übrig lassendes Nein bedeuten. Da er schon bezahlt hatte, verließ er knapp grüßend die Bäckerei Faust und ging äußerst resigniert, aber auch wie von einem Alpdruck befreit zu seinem Wagen. In diese Bäckerei wird er keinen Fuß mehr setzen, schwor er sich im Hinausgehen, stieg in den Wagen ein und fuhr nach Hause. -

Die Woche darauf schwächten sich seine empörten Gefühle wieder etwas ab. Immerhin, überlegte er, hatte Brigitte seine Visitenkarte angenommen; so dürfte es nicht ganz unwahrscheinlich sein, dass sie auch reagieren würde, irgendwie. Vielleicht erhält er doch noch einen lieben Anruf, oder sie entschließt sich, ihm eine Email mit freundlichem, vielleicht sogar herzlichem, liebevollem Inhalt zu senden.

Am Mittwoch derselben Woche - es war, wie er wusste, Brigittes freier Tag! - passierte folgendes: Gottfried, erwartungsvoll an seinem Computer sitzend, empfing in der Tat eine E-Mail, allerdings eine mit dubioser Absenderkennzeichnung (seine Mailadresse firmierte zugleich als Absender). In der Mail stand auch Dubioses: Ihm wurde wärmstens Viagra angepriesen. Viagra! So eine Mail hatte er noch nie bekommen! Viagra hatte ihm noch niemand angeboten, schon gar nicht per E-Mail! Am Abend desselben Tages trudelte noch eine solche Viagra-Mail ein; diesmal war die Offerte mit dem Angebot eines Antidepressivums verbunden! - Gottfried war nicht wenig erschüttert, der Gedanke drängte sich auf, dass diese Mails, die an „Dear Reinfall“ gerichtet waren, von Brigitte Rohmer stammten. Zwar traute er ihr eine solche Schäbigkeit, eine solche Verhöhnung seiner Person eigentlich nicht zu, doch wer sieht schon in einen Menschen hinein, wer errät seine innersten Gedanken? Gleichzeitig fiel ihm wieder der kalte Blitz ihrer Augen bei jenem Vorfall im Laden ein, auch erinnerte er sich, wie ihre Augen damals so seelenlos und blank wirkten, als wäre hinter der Iris jene winzige polierte Stahlwand eingebaut. Überhaupt hatten ihre Augen, wie ihm jetzt ebenfalls einfiel, in letzter Zeit oft merkwürdig starr und unbelebt auf ihn geblickt. Nichts Gefühlvolles oder Beseeltes konnte er in jenen Augenblicken darin erkennen. Wer weiß, was hinter diesen dunklen, leicht vortretenden, starren Augen für Gedanken obwalteten. Steckte dahinter eine geballte Niedertracht, die sich nicht vollständig verbergen ließ, da sie sich ja in diesem dunklen Starren verräterisch kundtat? Na ja, sicher ist das nicht. Gottfried konnte noch nicht einmal beweisen, dass diese E-Mails tatsächlich von Brigitte stammten. Sie könnten auch normaler Internet-Müll sein. - „Ach Schwamm darüber!“, rief er laut aus und ging, immer noch etwas mühsam, von schweren Gefühlen niedergedrückt - er war schließlich in Brigitte ernsthaft verliebt gewesen - zur Tagesordnung über. -

Nach diesen “Viagra-Mails“ passierte nichts mehr. Nie bekam er eine ’richtige’ E-Mail von Brigitte, nie folgte ein Anruf von ihr. Es war so, wie er das die ganze Zeit geahnt oder befürchtet, wie es ihm seine Vernunft vorausgesagt hatte. Aber das war eigentlich nicht anders zu erwarten gewesen, er hatte nur im Moment nicht daran gedacht, wie das Leben mit der Torheit der Menschen umgeht, wie es diejenigen bestraft, die seine Gesetze nicht beachten. Er, Gottfried, war nun einmal viele Jahre älter als das schöne Mädchen, viel zu viele Jahre älter!

Eins noch musste Gottfried aus der Affäre (die eigentlich keine war) wieder einmal lernen: Es gibt Frauen, vor denen man sich - vor allem als in die Jahre gekommener Mann - in Acht nehmen muss, unheilvolle Frauen, gewissermaßen den Sirenen vergleichbar. Die Sirenen - sagte sich Gottfried - hausen also nicht nur auf einem Plateau der Insel Capreae oder auf den Sirenusen, zwischen der Insel der Circe und den Klippen von Scylla und Charybdis, sondern sie können auch schlicht hinter der Theke einer Bäckerei stehen und - wie einst Parthenope oder Leukosia - ihre betörenden Gesänge ertönen lassen. Natürlich wird diese Art von Sirenen den sie anhimmelnden Liebhaber nicht gleich totschlagen, wie es einst die furchtbaren wirklichen Sirenen taten, sie werden ihm aber (und Brigitte tat es ja) eins kräftig ’auf die Mütze geben’, sodass sich der Arme, reich an Blessuren, trollen muss. Gottfried jedenfalls konnte die Sirenenwirkung an sich beobachten: In dem Augenblick, wo er Brigitte Rohmer im Frühsommer letzten Jahres wiedersah - er wollte, wie gesagt, nur mal wieder diese wohlschmeckenden Brötchen einkaufen und nur einmal gucken, was Brigitte so macht - schlagartig war er wieder in sie verliebt gewesen, und das Gefühl hatte sich dann von Mal zu Mal gesteigert, ohne dass er sich gegen die Ausstrahlung des schönen Mädchens wehren konnte, bis er die Notbremse ziehen musste, eine Notbremse in Gestalt seiner Visitenkarte. Oder man könnte auch sagen: er hatte sich rasch noch die Ohren mit Wachs zugeklebt, wie es einst Odysseus mit seinen Begleitern tat, und hatte dann überstürzt Reißaus genommen. Dieser zweiten Parthenope, die eine derartig verheerende Ausstrahlung auf ihn ausübte - er musste ihr seitdem eisern und konsequent aus dem Wege gehen! Burgfelde samt Bäckerei Faust war für ihn auf ewig zu einer Gefahrenzone geworden, in die er nie wieder, nie wieder (wiederholte er) hineingehen durfte!

Der Boxfan und sein 'Lumpazi'

Ich hatte ihn einige Zeit vor dem Staatsexamen kennen gelernt, den Boxfan, und wir waren so etwas wie Freunde geworden, auf jeden Fall gute Kameraden. Er hieß - glaube ich - Erich....; ja, Erich war sein Vorname. Seinen Nachnamen habe ich leider vergessen, nach so langer Zeit! Wir studierten beide Rechtswissenschaft an der Universität in M., und zwar im 7. Semester, und wie hatten beschlossen, das Staatsexamen schon im 8., spätestens im 9. Semester abzulegen. Erich riet mir, zu einem Repetitor zu gehen. Er selbst sei schon von Anfang an bei einem guten Repetitor gewesen, und die Noten seiner Übungsklausuren seien dementsprechend allesamt hervorragend. Doch im Gegensatz zu ihm konnte ich mir einen Repetitor nicht leisten. So schlug er vor, wir sollten eine private Arbeitsgemeinschaft bilden, ich könnte dann von seinen Kenntnissen, die ihm der Repetitor beigebracht, profitieren. Natürlich war ich einverstanden. Ich versprach mir von Erichs Repetitor-Wissen einen kräftigen Schub für mein ins Stottern geratenes Jurastudium, vor allem aber Erfolge bei den Klausuren und Hausarbeiten der juristischen Übungen. Wir kämpften also fortan zu zweit im Dschungel der Rechtsmaterie und schlugen dort kräftige Schneisen durch das sperrige Paragraphendickicht, sei es im juristischen Seminar oder auf unseren Studentenbuden. ’Fälle lösen’ hieß dieses harte, tägliche Geschäft, aber wir waren trotz aller ’Büffelei’ noch in der Lage, innezuhalten und uns durch mancherlei Kurzweil zu zerstreuen, vornehmlich abends. Auch an Sonntagen ließen wir BGB und STGB, die Rechtsfälle und Gesetzeskommentare liegen, fuhren mit unseren Fahrrädern in die schöne Umgebung von M. oder wanderten durch die nahe gelegenen hügeligen Wäldern, wo wir unsere vom nüchternen Juristengeschäft strapazierten Gedanken auf angenehmere, lieblichere Themen zu lenken versuchten.

Mein Freund, der über alle Maßen dem Boxsport zugetan war, widmete sich in seiner freien Zeit vor allem seinem Hobby, dem Zuschauen beim Boxen, und dazu hatte er oft Gelegenheit, denn es war damals noch die Zeit, da Wettkämpfe der Box-Amateure öfter als heute ausgetragen wurden. Keine dieser Veranstaltungen ließ er aus, ja sein Vergnügen an den Boxkämpfen steigerte sich manchmal derart zu einer wilden Anteilnahme, dass man meinte, die Boxer kämpften nicht nur für den eigenen Sieg, sondern sie entschieden stellvertretend auch über das Wohl oder Wehe meines Freundes. Wegen dieser überdrehten, ja manchmal wahnwitzigen Leidenschaft nannte ich ihn bald nur noch - ‚Boxfan’.

Nach und nach erfuhr ich Näheres über ihn. Ein Kommilitone, der seine Familienverhältnisse kannte, sprach mich einmal auf den Boxfan an:

„Du hast Glück“, sagte der Student, „hast dir da ein reiches Früchtchen an Land gezogen.“

„Wieso?“

„Na, wusstest du nicht, dass der Erich einen reichen Onkel hat?“

„Das erste, was ich höre!“

„Der ist Chef der Haunschild KG, einer Kleiderfabrik in Bad Lauterbach; gleichzeitig auch der Besitzer! Und er heißt auch Haunschild. - Soll ein übler Kerl sein, ein richtiger Leuteschinder! Andererseits, als Arbeitgeber ist er in der Region hochwillkommen. Die Leute reißen sich nur so um die Jobs bei Haunschild, und der kann es sich leisten, die Bewerber reihenweise abzulehnen - nach scharfen Vorstellungsgesprächen! Die Ruppigkeit des Alten hat sich, glaube ich, auch auf den Neffen übertragen. Der soll früher geboxt haben, beim Verein für Boxfreunde e.V. von A.. Passt gut in das Raster der Familie, was? Sogar bei den Amateur - Boxmeisterschaften hat er ein-, zweimal teilgenommen, allerdings, seine Mannschaft ist immer schon in der Vorrunde ausgeschieden.“

Der Student lächelte spöttisch, als er in dieser Weise über die mageren Erfolge der „Boxfreunde“ erzählte, und mir kam es vor, er habe nicht nur über die „Boxfreunde“, sondern auch über meinen Freund keine gute Meinung.

„Eins ist komisch“, gab ich zu bedenken, „ich wohne schon ziemlich lange in A., fast mein ganzes Leben, aber den Boxfan habe ich dort nie gesehen. Er müsste mir doch hin und wieder über den Weg gelaufen sein!“

Der Student wusste eine plausible Antwort: „Vielleicht, weil er aus einem Dorf in der Nähe von A. stammt, und ich nehme an, er ist nur gelegentlich nach A. gekommen, wahrscheinlich nur, um dort zu boxen. Abitur soll er woanders gemacht haben; ich glaube in Bad Lauterbach.“

Der Kommilitone wusste tatsächlich vieles über den Boxfan, und mir war sogleich klar geworden, warum mein neuer Freund sich so leidenschaftlich für das Boxen interessierte. Was es nun heißt, mit einem Liebhaber des Boxsports befreundet zu sein, merkte ich nicht nur daran, dass ich wie noch nie in meinem Leben Boxveranstaltungen besuchte (oder richtiger: auf Wunsch Erichs zu besuchen hatte), ich bekam es auch immer wieder während unserer gemeinsamen Spaziergänge zu spüren; zu spüren im wahrsten Sinne des Wortes, musste ich doch, wenn wir über interessante, hochaktuelle Themen scharf diskutierten, oft leichte Fausthiebe an der Schulter oder am Rücken einstecken; spielerisch, versteht sich, denn der Boxfan wollte damit nur seine Ansichten temperamentvoll unterstreichen. Proteste meinerseits führten allein zu dem Ergebnis, dass er seine Lust am 'handfesten' Streiten etwas zügelte, meinen armen Körper nicht mehr gar so heftig mit Knuffen traktierte.

Zu Hause hatte er noch zwei alte Boxhandschuhe über seinem Bett hängen. Nicht selten streifte er sie, wenn ich ihn besuchte, über, um gegen einen unsichtbaren Kampfpartner zu ‘fighten’. Manchmal auch diente ich ihm als Sparringspartner; dabei musste ich mehr als einmal leichte, aber trotzdem unliebsame Fausthiebe einstecken. Ich ertrug alles mit Geduld, denn ich wollte Erich nicht ‘vergraulen'. Ich hatte ihn erst kurz zuvor als Freund gewonnen, und da er sonst ein netter, witziger Bursche war, sah ich immer über sein absonderliches Betragen hinweg. Zu erwähnen wäre noch Folgendes: Falls ich einmal Erich signalisierte, dass ich an einer Boxveranstaltung, die er gerne besuchen wollte, nicht teilnehmen könnte, ließ mein Freund sofort die nächste und übernächste private Repetitorstunde ausfallen, was mir, bei meinem enormen Nachholbedarf an juristischen Übungstechniken, natürlich überhaupt nicht gefiel; so wagte ich es selten, schließlich überhaupt nicht mehr, Erichs privater Neigung, dieser Leidenschaft für den Amateurboxsport, entgegenzuarbeiten.

Noch eine Seite befremdete mich an meinem neuen Freund, eine pikante Einzelheit, die mir wieder jener genannte Student - diesmal nicht mit einem spöttischen, sondern eher einem genüsslichen Lächeln zum Besten gab: Erich habe einige Zeit mit einer attraktiven Studentin namens Ute und einem anderen Kommilitonen in einer Art Dreiecksbeziehung gelebt. Das hübsche Mädchen hätte ich bestimmt schon einmal gesehen, meinte der Student. Sie sei an ihrem auffälligen Kurzhaarschnitt sofort zu erkennen. Lange habe es so ausgesehen, als könnte sich Ute zwischen ihren beiden Liebhabern oder was immer sie waren, nicht entscheiden. Mal sei Erich ihr Favorit gewesen, mal wieder der Dritte, und Erich habe wohl den Kürzeren gezogen, vermutete der G*ewährsmann. Ja, er warnte mich sogar vor meinem neuen Freund. Dieser sei jähzornig und rasend eifersüchtig. Zwischen den beiden Rivalen um die Gunst der schönen Studentin habe es sogar einmal eine Schlägerei gegeben, provoziert durch den cholerischen Boxfan. Wahrscheinlich sei dass auch der Grund gewesen - meinte der Kommilitone, der das alles vor mir ausbreitete - , weshalb Ute mit Erich Schluss gemacht habe. Welches Mädchen wolle schon mit einem Schläger befreundet sein, fügte er noch mit einem spöttischen Unterton hinzu, dabei lächelte er in einer Weise süffisant, dass es mir vorkam, der Schaden des Boxfans bedeute ihm eine herzliche Genugtuung.

Ich konnte mit diesen halbseidenen Geschichten nichts anfangen. Sie passten auch gar nicht in das Bild, das ich mir von meinem neuen Freund machte, und es war für mich unvorstellbar, dass Erich einmal in so eine verrückte Dreiecksbeziehung verwickelt war. Dazu gehörte ja eigentlich eine ziemlich abgebrühte, nonchalante Einstellung zu solch elementaren Dingen, die wir pauschal ’Liebe’ nennen. War also der Boxfan ein durchtriebener Hallodri, ein loser Vogel oder gar ein „Gruppensexler“? Ich hielt das für ausgeschlossen! Denn niemals habe ich ihn, solange er mit mir zusammen fürs Examen 'büffelte', mit einem weiblichen Wesen sprechen sehen oder am Telefon plaudern hören. Allenfalls konnte ich mir vorstellen, dass sich Erich vielleicht in das schöne Mädchen mit dem auffälligen Kurzhaarschnitt verliebt hatte, unglücklich vermutlich, doch da er im allgemeinen immer gut gelaunt war und auch meistens einen ausgeglichenen Eindruck auf mich machte - mit Ausnahme vielleicht seiner hektischen, leidenschaftlichen Anteilnahme während der Boxveranstaltungen - nahm ich an, dass er sich von dieser Ute innerlich längst getrennt hatte, wenn das mit der Liebe zu der Studentin überhaupt stimmte.

Allerdings - da fällt mir ein: es gab doch einmal eine Begegnung mit dieser Ute, eine mehr als flüchtige, dazu eine äußerst knappe Begrüßung von Seiten Erichs. Als Beobachter war mir dabei die Kälte in seinem Benehmen unangenehm aufgefallen, als ob dieses Mädchen für ihn die fremdeste Person sei, die er sich überhaupt vorstellen konnte.

Eines Tages also schlenderte im Passantengewühl der Innenstadt ein Mädchen mit braunem Bubikopf an uns vorbei, eine attraktive Person, begleitet von einem jungen Mann. Sie warf meinem Freund auffallend durchdringende Blicke zu und rief: "Hallo, Erich!", worauf dieser gleichfalls „Hallo“ sagte, wie gesagt: sehr kühl, fast teilnahmslos; und ohne eine Regung zu zeigen, ging er weiter.

Auf meine Frage, wer das gewesen sei, antwortete er: "Das war Ute Meier, eine Studentin", und lässigen Schrittes ging er auf das nächstbeste Schaufenster zu, dessen Auslagen er - Haushaltswaren und Küchengeräte - aufmerksam betrachtete. -

Erich liebte also den Boxsport. Er machte aus diesem Sport geradezu eine Philosophie, die er mir einmal mit folgenden Worten umschrieb:

"Boxen, mein Lieber, auch das Zuschauen beim Boxen“, so sprach er in leidenschaftlichem Ton, „hat für mich eine ganz besondere Bedeutung: Es wirkt auf mich - wie soll ich sagen? - wie ein reinigendes Gewitter; als ob bei mir Schleusen geöffnet werden! - Es ist diese Prügelei da im Ring, die mich so aufputscht, dieses Reinhauen, dieses kannibalische Reindreschen....“ - Er duckte sich, bewegte ruckartig den Kopf und fuchtelte mit den Fäusten. „Klatsch!! Bumm! Wumm!!“ rief er dabei aus, „hinein in die Flanke! Ans Kinn! Klatsch, Wumm - Volltreffer!! Und: Woummm!! - Da liegt der Arsch......!“

Erich beendete abrupt seine Box-Pantomime und wandte den Kopf zu mir. - „Wenn ich mir das so ansehe, ....dann habe ich ein seltsames Empfinden, eine Art... - wie soll ich sagen? - Jagdfieber! - Eigentlich müsste ich ja Mitleid haben mit dem Geschundenen, müsste ihm helfen wollen oder wenigstens empört sein über dieses wilde Aufeinanderdreschen, dieses viehische Dreinschlagen, dieses gnadenlose Zusammenschlagen eines Schwächeren: bruch...... wumm....... bumm....!"

Erneut hieb er Schwinger kreuz und quer durch die Luft, als stünde ein imaginärer Gegner vor ihm, den er zusammenhauen müsste.

„Aber das Umgekehrte ist der Fall: ich weide mich an dem Gemetzel, ich frohlocke insgeheim, dass hier einer brutal seine Stärke ausspielt; ich fiebere mit ihm, wenn er - klatsch, bumm! - seine Schläge landet, wenn er Widerstände bricht!"

"Ich glaube", - Erichs Ausdrucksweise normalisierte sich wieder - "ich glaube, das ist das Tierische in uns, das sich da so heftig regt; es schafft sich ein Ventil. Hinterher bin ich wie befreit, - als wäre da etwas aus mir herausgeschleudert, etwas, das meine Seele zusammengeschnürt hat - Was hältst du davon, Herden?", wandte er sich an mich, der ich, geduldig zuhörend, an seiner Seite ging; "wie findest du das?"

Herden nannte er mich eigentlich selten; meistens redete er mich mit meinem Vornamen, Ralf, an.

"Ich? - Nun", sagte ich und war jetzt doch etwas irritiert über diese seltsame Philosophie, denn von der Seite hatte ich ihn noch gar nicht kennen gelernt; irritiert war ich vor allem über seine noch seltsamere Ausdrucksweise, und dass er mir schon wieder einige Knuffe zwischen die Schulterblätter gesetzt hatte, war mir auch wieder höchst unangenehm aufgestoßen; "nun, ich meine, Erich, du bist ein kleiner Sadist; einer, der mal ganz gerne.... die Sau herauslässt!"

"Ja, das ist es!", frohlockte er, "die Sau! Ich lasse sie 'raus, und sie lässt mich fortan in Ruhe, die Sau - für längere Zeit, denn sie ist ja draußen! Vorübergehend wenigstens!"

Ich gab ihm Folgendes zu bedenken: "Hör' mal, alter Junge, hast du noch nie gehört, man soll seinen inneren Schweinehund an die Kette legen? Ihn möglichst unterdrücken...?"

"Ja, ja, ich weiß.... man soll ein anständiger, braver Mensch werden, ein gebildeter Mensch!" - Erich wurde jetzt sarkastisch: „Und deshalb sollen wir dieses Ferkel in uns am Halsband festhalten - wolltest du doch sagen, ja? - Und die anderen - will sagen: die meisten - wie verhalten sich die, he? Sind die auch so grundanständig, so gut erzogen? - Nein, lautet die Antwort! Nein! Und noch einmal: nein!“

Er schlug, während er das im scharfen Ton sagte, dreimal hart auf ein Geländer, an dem wir gerade vorbeigingen. Als ich ihn verständnislos anblickte, schienen ihm Zweifel zu kommen. Er überlegte kurz und fuhr dann fort:

„Jedenfalls..., wenn es um die ganz dicken Kartoffeln geht, mein Lieber, nach denen ja jeder seine Kralle ausstreckt, nicht...? Jeder, der aus seinem Leben ’was machen will - du wirst sehen: man vergisst dann alles, was einen die gute Erziehung gelehrt hat: Anstand, Feingefühl, Rücksicht, ..., und ganz schnell lässt man seinen inneren Lumpazi von der Leine...."

"Seinen was?"

"Äh....ich meine: seinen...inneren Lumpazius! - Ein vornehmes Wort für.... das Lumpige in uns, das Schweinische, die Sau’, wie du vorhin sagtest! - Also, mein lieber, guter Ralf! Wenn ich dich recht verstehe, willst du ihn an der Kette halten, deinen Lumpazi, ja? Du willst ihn um jeden Preis ruhig stellen, weil es sich so gehört, weil es das Formgefühl dir so gebietet.... - Und das Ergebnis?“

Erich machte eine Bewegung, als ob er an etwas heftig zöge.

„Er fängt fürchterlich an zu ziehen und zu zerren, er jault dir seine Klagelieder in die Ohren, dass du noch ganz taub wirst! - Nein, mein Lieber, so was kommt für mich nicht in Frage! - Das Leben ist keine friedliche Aue, sondern eine verdammt trostlose Steppenlandschaft! Da sind harte Leute mit Überlebenswillen gefragt, Leute, die ihren Lumpazi auch mal freilassen und ihn nicht ständig lieb und brav an der Leine führen.“

„Mit anderen Worten, man soll sein ‘inneres Ferkel’ - wie du zu sagen beliebtest....“ - Ich schaute Erich, der mit Nachdruck nickte, empört in sein grimmig verzogenes Gesicht, „... man soll es frei aus sich herauslassen!? Meinst du das im Ernst?“

„Nicht so radikal“, erwiderte er, „und auch nicht jeden Tag! Aber von Zeit zu Zeit sollte man das wilde Tierchen schon mal aus dem Zwinger lassen, übungshalber! Einen Vorteil hat das auf jeden Fall: man kann danach wieder klar denken. Klar denken! Verstehst du? Was ja in unserer Situation, so kurz vor dem Examen, unerhört wichtig ist! - Natürlich muss man die kleine Bestie hinterher wieder einfangen.“

Als er so zu mir sprach, schaute er mich mit flackernden Augen an, und mir kam es vor, als hätte ich gerade in einen Abgrund geblickt. War da doch etwas mit dieser Ute gewesen, womit er nicht fertig geworden ist und was ihm die Maßstäbe verdreht hatte? Man müsste ihm dann - überlegte ich - seine verrutschten Maßstäbe wieder auf die Reihe bringen.Aber wie? Bei seiner Rechthaberei?

Noch einige Male pries er mir seine grobe Lebensphilosophie an, mit immer stärkeren Worten, während ich ständig dafür plädierte, doch lieber das ‚Lumpige’ in uns zu bändigen, anstatt es ungehemmt - wenn auch nur vorübergehend - herauszulassen. -

Einige Tage nach diesem Gespräch, das mich nicht wenig beunruhigt hatte, saß ich frühmorgens, wie immer, am Frühstückstisch meiner Studentenbude und las die Morgenzeitung, die mir meine freundliche Zimmerwirtin stets auslieh. Als ich auch den Anzeigenteil überflog, fiel mir eine Heiratsannonce ins Auge:

"Ihre Vermählung geben bekannt:

Harro Möcklinghoff, cand.med.

Ute Möcklinghoff, geb. Meier, stud phil.

Ute Meier? Hieß nicht diese Dreiecksgeschichte von Erich so? - Ich las die Annonce noch einmal: Ute Möcklinghoff, geborene.....; ja klar: Ute Meier ist es, das Mädchen mit dem Bubikopf! - Das wird Erich sicher interessieren. - Ich war gespannt, wie er auf Utes Heirat reagieren wird. Wenn er sie wirklich geliebt hat....., na ja...., ich würde versuchen, ihm zu helfen, ihn irgendwie zu trösten.

Gegen sieben Uhr abends wollte er kommen, um mich zu einem Boxkampf abzuholen, einem Mannschaftskampf der Amateure von M. und G. Als Erich meine 'Bude' betrat, forschte ich sogleich in seinen Gesichtszügen. Ich spähte nach einem missglückten Lächeln, nach Merkmalen von Schwermut und Gedrücktheit. Ich erwartete eine Leichenbittermiene. Doch nichts davon war festzustellen! Erich sah wie immer aus: Mit seinen hellen, lebhaften Augen lachte er mich an; offenbar freute er sich schon auf den Boxabend. Sein bräunlich getöntes Gesicht war kein bisschen verzerrt; glatt auch die Stirn, frei von Grübelfalten; und sein schmaler Mund - überhaupt nicht verzogen! Dann das nach Habsburger Art vorspringende Kinn, welches dem Gesicht einen Zug ins Grobe verlieh; dazu die sorgfältig nach hinten gekämmten, links gescheitelten Haare; leicht gewellt schimmerten sie unter meiner schummrigen Deckenlampe rötlich, obwohl sie eigentlich hellbraun waren - nichts deutete auf Kummer, auf Seelenqual hin; keine Blässe der Haut, kein schiefes, aufgesetztes Lachen, kein heiseres Vibrieren der Stimme. Erich nahm die Verheiratung seiner Ex-Freundin offenbar mit Gleichmut hin. Doch hatte er überhaupt davon gehört? Wenn ja, war er offensichtlich fertig mit dieser Affäre, wenn sie überhaupt für ihn eine gewesen war! -

Wir gingen also los, Erich ungeduldig, erwartungsfroh, denn er erhoffte sich einen ereignisreichen Boxabend. Da wir noch viel Zeit hatten, bummelten wir gemächlich durch die Gässchen von M. Auf dem Weg begegneten wir zwei mir unbekannten Kommilitonen, welche direkt auf Erich zusteuerten:

"Na, Erich, schon die Annonce von Ute gelesen?", fragte der eine, meinen Freund scharf anblickend.

"Die Annonce?", Erich sprach das Wort etwas gedehnt aus, sagte dann aber rasch und ziemlich gleichgültig:

"Ja, hab’ es gelesen!"

"Die beiden hatten es aber auf einmal eilig", stellte der andere fest und schaute meinen Freund ebenfalls aufmerksam an; "warum eigentlich?"

"Weiß ich doch nicht!", erwiderte Erich lakonisch; dann wechselte er das Thema. Er begann jetzt mit ihnen, die auch Jura studierten, über den juristischen Vorlesungsbetrieb zu reden, und zwar mit solchem Eifer, dass die beide Studenten, die wohl lieber mehr über Ute Möcklinghoff, geborene Meier erfahren hätten, enttäuscht dreinschauten. Da mein Freund und die zwei Studenten mich an dem Gespräch, das eigentlich nur einseitig von dem Boxfan geführt wurde, nicht beteiligten, verfolgte ich interessiert dem Verlauf der Unterredung: Erich sprach vom Examen. Es sei so schwierig, sagte er, dass schon mancher, bevor er überhaupt ernsthaft die Prüfung erwog, entnervt ‘hingeworfen’ hätte. Auch zeigten die Statistiken: wer kurz und konzentriert studiere, sei wesentlich erfolgreicher als die Bummelanten. Vor allem solche, die sich erst nach zehn, elf oder gar zwölf Semestern ins Examen trauten, beendeten ihr zerdehntes Studium meist nur mit magerem, oft äußerst kümmerlichem Erfolg, nicht wenige von ihnen fielen durch. Mit anderen Worten: ein Scheitern, womöglich ein endgültiges, sei für viele das vorhersehbare, bittere Fazit. Alles sei dann umsonst gewesen, die Anstrengungen, der finanzielle Einsatz der Eltern!

„Schrecklich, allein der Gedanke!“, meinte einer der Kommilitonen. Dann, plötzlich, fragte der Boxfan die beiden, ob sie sich denn, wie von ihnen seit langem angekündigt, zum Examen gemeldet hätten. Die fremden Studenten, über diese plötzlich auf sie bezogene Wendung des Gesprächs überrascht, schüttelten den Kopf. Man merkte, die Frage war ihnen unangenehm. Sie wurden auf einmal wortkarg, schauten sich ständig um, als erwarteten sie jemanden; dann verabschiedeten sie sich schnell und wünschten uns noch einen erlebnisreichen, aufregenden Boxabend.

Erich und ich gingen weiter, der Stätte des Boxkampfes entgegen.

"In welchem Semester sind die beiden eigentlich?" fragte ich beiläufig.

"Einer im elften, der zweite im zwölften“, sagte Erich knapp, aber mit unverhohlener Genugtuung in der Stimme.

"Na, gratuliere", grinste ich, "die Runde ging ja voll an dich.“

Erich schaute mich kurz an, erwiderte aber nichts. Und das ganze letzte Stück Weg, das wir noch bis zur Sportarena zurücklegen mussten, sagte er keinen Satz mehr. -

Bald erreichten wir die große Stadthalle von M., ein gewaltiges Kuppelgebäude, das vielen Zwecken diente; heute war sie zu einer Boxarena umgebaut. Als wir sie betraten, scholl uns das bekannte Brausen einer tausendköpfigen Menschenmenge entgegen. Vielleicht 3000 Menschen füllten die Halle und heizten durch eine gewaltige Geräuschkulisse die Atmosphäre an. Meistens war es ein gleichmäßiges, manchmal auf und abschwellendes Stimmengewirr. Heiser-aufdringlich drang es an unser Ohr, hier und da unterbrochen von einzelnen Rufen oder vom Schreien und Grölen bereits fanatisierter Boxfans; auch Kampfgesänge wurden schon einmal von Gruppen angestimmt, verebbten aber gleich wieder, denn der zündende Anlass zu solcher Begeisterung fehlte noch: das Auftreten der Mannschaften, das Hineinsteigen der Kämpfer in den Ring, die hektischen Vorbereitungen unmittelbar vor dem Gong, schließlich, nach dem Ruf 'Ring frei zur ersten Runde!', das geduckte Aufeinander - zugehen der Boxer; all das sollte bald geschehen, und ein entsprechendes Anschwellen der Geräusche bis hin zum Getöse, zum Gebrüll, zu wilden Anfeuerungsschreien stand unmittelbar bevor.

In der Mitte der Halle war ein Ring aufgebaut. Der Lichtkegel eines Scheinwerfers hob ihn als einsame, grell leuchtende Insel aus dem Halbdunkel des Hallenrunds heraus. Im gedämpften Licht der Deckenbeleuchtung nur schwach zu erkennen, scharten sich Massen von Menschen Kopf an Kopf um die Kampfstätte. Man spürte die lüsterne Gespanntheit der Menge, so als fiebere sie einer sadistischen Hinrichtung entgegen.

Wir hatten diesmal einen Platz so nahe am Ring, dass wir nachher alles genau beobachten konnten: die übersteigerten Gebärden der Betreuer, den strömenden Schweiß der Boxer, ihre wild blickenden Augen.

Bald nachdem wir uns gesetzt hatten, erschienen die Mannschaften, begleitet vom Beifallklatschen, vereinzelt auch von Buhrufen der Zuschauer. Sie stellten sich an den Seitenpodesten des Ringes auf und wurden einzeln den Zuschauern über einen Lautsprecher bekannt gemacht. Dann, nach einigen Minuten hektisch-nervöser Vorbereitungen, während dessen Ring- und Kampfrichter, Betreuer und Assistenten aufgeregt durcheinander liefen, stiegen die ersten Kämpfer in den Ring, indessen die anderen wieder dem Ausgang zustrebten, dort offenbar in einem Vorbereitungsraum auf ihren Kampf warteten. Vom Beifall und von Anfeuerungsrufen überschüttet, setzten sich die beiden Fliegengewichtler in ihre Ecken und wurden von einer heiseren Lautsprecherstimme noch einmal genauer vorgestellt, wobei auch ihr Körpergewicht, ihr Alter und die Anzahl der Kämpfe, die sie für ihren Verein bestritten, den Zuschauern mitgeteilt wurden. Die beiden hatten sich derweil erhoben, waren aufeinander zugegangen und hatten sich knapp begrüßt, wobei sie ihre gut gepolsterten Fäuste kurz gegeneinander schlugen. In ihre Ecken zurückgekehrt, bekamen sie letzte Anweisungen von den Trainern, dann wurde es schlagartig still in der Halle. Der erste Kampf stand unmittelbar bevor. Sekunden später, mit dem Ertönen des Gongs, begann er.

Es war nur ein Vorgeschmack, ein ziemlich unbefriedigendes Präludium, was die Fliegengewichtler der Menge boten. Von Runde eins bis drei stets das gleiche Bild: Schnellfüßiges Auf- und Abtänzeln der Kontrahenten, klatschende Schläge gegen die Boxhandschuhe des Gegners, des je sich duckenden und verteidigenden; mitunter ein Körpertreffer, selten ein Schlag gegen den Kopf - man hatte das Gefühl, die beiden wollten sich nicht weh tun. Unentschieden, lautete am Ende das Urteil der Ringrichter, und die ersten Zuschauer machten ihrem Ärger durch Protestrufe und Pfeifen Luft.

Auch die weiteren Kämpfe der Fliegengewichtler, dann der Bantam - und Weltergewichtler stellten die Zuschauer nicht zufrieden: keinen Knock-out durften sie frenetisch bejubeln, kein beherztes Aufeinander - Losschlagen genussvoll beobachten, keinem sich anbahnenden K.o. entgegenfiebern; - nein, nur langweilige Punktsiege! Zwischendurch höchstens mal ein Unentschieden. Das war nicht nach dem Geschmack der Zuschauer, das war zu wenig; zu wenig dramatisch, und überhaupt nicht nervkitzelnd! Ihre Enttäuschung entlud sich in immer lauteren, zornigen Rufen und anhaltendem Pfeifen.

"Zieht endlich vom Leder!" brüllte einer von weit hinten, als die Weltergewichtler sich gegenseitig nur wieder 'abtasteten'.

"Genug geküsst!" ein anderer, mit heiserer Stimme. Ein Dritter rief:

"Aufhören!"

Andere stimmten ein: „Aufhören! Aufhören!“, so brüllte es bald von mehreren Seiten.

Erich indessen hatte während all dieser Kämpfe, gelangweilt Kaugummi kauend, auf seinem Stuhl gesessen; selten zeigte er eine Regung: allenfalls flog mal ein ärgerlicher Schatten über sein Gesicht, oder er schlug sich mit der Faust auf den Schenkel.

„Das darf nicht wahr sein!" rief er einmal, „wir verlangen unser Eintrittsgeld zurück!"

"Wart’ erst auf die Halbschweren", versuchte ich ihn zu trösten, "da wirst du dich gleich besser fühlen!"

Inzwischen wusste ich nämlich: in dieser Gewichtsklasse ging es ruppiger zu. Wie oft hatte ich bei den Halbschweren K.o. - Schläge, zumindest verbissene, leidenschaftliche ‚Fights’ beobachtet. Wir konnten deshalb mit einiger Berechtigung dem ersten großen Höhepunkt der Boxveranstaltung entgegensehen. Und in der Tat: nachdem die beiden ‚Halbschweren’ in den Ring gestiegen waren und der Gong zur ersten Runde ertönte, stürzten sie sogleich aufeinander los und jeder fing an, den anderen mit harten Schlägen zu bearbeiten. Doch nach dieser rasanten Ouvertüre flaute der Angriffselan der Boxer rasch wieder ab, die heftige Kanonade des Anfangs versickerte schon wieder zu einem betulichen Scharmützel, das sich kaum noch von den langweiligen Kämpfen der Leicht- und Mittelgewichtler unterschied. Die Enttäuschung war riesig; vermissten doch alle die Angriffslust, die Leidenschaft der Kämpfer und vor allem die vernichtenden Schläge in die Bresche des Gegners. Hatten die Halbschweren sich vor dem Kampf verabredet? Dass keiner dem anderen etwas antue?

„Das ist doch reine Schmusetaktik!“, rief Erich zornentbrannt, „die wollen wohl ihre hübschen Bodys schonen!“

Nachdem auch dieser Kampf mit einem Unentschieden geendet hatte, schwoll das Pfeifkonzert noch weiter an. Den enttäuschten Zuschauern blieb indes nichts anderes übrig, als sich noch einmal auf die nächste Partie zu vertrösten, den krönenden Abschluss der ganzen Veranstaltung, den Kampf der Schwergewichtler. Doch vielen war das zu wenig, hatten die meisten doch schon vorher viel mehr erwartet als diese ganze Serie fader, spannungsloser Kämpfe. Man war nicht auf seine Kosten gekommen! Verständlich also das immer lautere Rufen und Schreien - jedenfalls aus der Sicht der sich geprellt fühlenden Zuschauer. Die Gier der Fans nach vernichtenden Schlägen, nach krachenden Kinnhaken, nach zermalmenden Knock-outs musste endlich befriedigt werden, andernfalls könnte sich die Wut der teils schon alkoholisierten Fans vielleicht sogar in einer Massenschlägerei am Ende der Kämpfe austoben. Auf den Schwergewichtlern also lastete eine ’schwere’ Verantwortung, zumindest nach Meinung der Veranstalter, der Zuschauer und selbstverständlich nach Meinung meines Freundes, des Boxfans, der jetzt auch schon mehrere Male aufgesprungen war und etwas Unartikuliertes in Richtung des Boxrings gebrüllt hatte.

Bald war es soweit: die beiden Schwergewichtler erschienen seitlich am Eingang der Sporthalle, gekleidet - wie auch die anderen vor ihnen - in weißen Bademänteln; sie bahnten sich ihren Weg durch die Reihen der Zuschauer, die nur eine schmale Gasse hin zum Ring frei ließen. Dort angekommen, kletterten sie umständlich in den Ring, begrüßten einander kurz mit ausgestreckten Fäusten und begaben sich anschließend in ihre jeweiligen Ecken. Dort flüsterten ihnen die Trainer und Helfer noch einmal letzte Anweisungen ins Ohr, indessen die beiden scharfe, vernichtende Blicke in die Ecke des je anderen sandten. Kurz darauf ertönte der Gong, und es hieß zum letzten Mal: Ring frei!

Die Zwei schnellten von ihren Sitzen hoch, preschten aufeinander los und begannen unverzüglich aufeinander einzuprügeln. Diesmal boxten sie nicht nur zögerlich, schwächlich oder ließen Ihre dickgepolsterten Fäuste nur gegen die des Gegners klatschen, diesmal tänzelten oder sprangen sie auch nicht nur um einander herum, ohne den anderen mit Hieben zu belästigen, nein, dieses Mal prasselten die Schläge ununterbrochen, von beiden Seiten und mit sich steigernder Leidenschaft. Augenblicklich herrschte Stille in der Halle; man hatte solche beherzten Dauerattacken gar nicht mehr erwartet. Nur ein zufriedenes Raunen lief durch manche Reihe, dann und wann stöhnte jemand oder einem anderen entfuhr ein erleichterndes “Ah!“ oder ein erlösendes “Na endlich!“. Doch nicht lange hielt die Stille an; es war die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Je vernichtender die Schläge der Schwerathleten prasselten, desto vernehmlicher erschallten Beifallsrufe und Beifallsschreie, erst vereinzelt, dann von allen Seiten. Vor allem Erich bot jetzt eine sonderbare, exzentrische Vorstellung, der gegenüber alles, was ich bisher bei ihm, dem mitfiebernden Zuschauer, beobachtet, wie eine untertriebene, ja schüchterne Zuschaueranteilnahme erschien. Es genügte, allein ihn anzusehen, um die entfesselte Angriffslust der Schwerathleten, ihr rohes Aufeinander - losprügeln zu ermessen. Als beide Boxer in der zweiten Runde ihre Deckung aufgeben und jeder den anderen wild attackiert, weiten sich bei Erich die Pupillen, das Weiße des Augapfels blitzt gefährlich auf, sein Habsburger Kinn schiebt sich vor und sein Mund öffnet sich: Gurgelnde Laute schießen hervor, Laute der Anfeuerung für den, der nach mehreren gewaltigen Schwingern triumphiert. Der andere, nicht mehr Herr seiner Sinne, taumelt im Ring hin und her, fällt schwer in Seile; wird angezählt, rafft sich noch einmal auf, steht schwankend und taumelnd in einer Ecke; dann reißt es ihm plötzlich den Kopf rhythmisch zweimal nach hinten: zwei mächtige Haken haben das Aus besiegelt!

Erich kennt den erfolgreichen Schläger nicht; er weiß nur, er gehört zur heimischen Mannschaft. Das genügt ihm, und so brüllt er dem gnadenlos Prügelnden die frenetischsten Anfeuerungsrufe zu:

"Jawohl! Hau ihn! Hau ihn zusammen! Gib' s ihm! Hinein in die Fresse! Du kriegst ihn.......!!“

Und seine Hände ballen sich, seine Fäuste zucken, simulieren Hiebe: Kurz­stöße, Geraden, Kinnhaken, Schwinger.Nicht dass Erichs sonderbares Betragens aufgefallen wäre, es fügt sich durchaus in den Rahmen dieser hitzigen Veranstaltung ein; denn von allen Seiten erschallen ähnliche Rufe und Schreie, und manch einer ist aufgesprungen, stößt noch deutlicher als Erich seine Fäuste vor. Allerdings, für mich ist dieses Gestikulieren meines Freundes, sein tierisches Brüllen doch etwas Neues; so zügellos habe ich ihn noch nie erlebt.

Indem ich ihn so von der Seite beobachte, seine aus den Höhlen getretenen Augen mit einem Ausdruck voll Hass und wölfischer Angriffslust, dazu das grimmig verzogene Gesicht, den auf- und zuklappenden Mund, die rasenden Anfeuerungsrufe - ich erinnere mich plötzlich an eine Schulszene, an einen Deutschlehrer unseres Gymnasiums, der mal mit ähnlich verzerrtem Gesichtsausdruck, mit ähnlich hervortretenden Augen auf einen schwachen Mitschüler namens Grafenschein heruntergeblickt hatte (wir ...

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