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Ein orientalisches Märchen

1. KAPITEL

„Du bist – wo?“ Die Stimme von Kits Freundin Emma, die aus dem Hörer des Münztelefons tönte, überschlug sich. „Sag mal, hättest du nicht wenigstens mir Bescheid geben können? Schaltest dein Handy aus und verschwindest – ohne ein Wort. David dreht schon halb durch. Dir ist doch hoffentlich nichts passiert?“

„Keine Sorge, ich bin okay.“ Kit atmete tief durch. David … Wenn sie nur schon den Namen hörte! „Es ist aus zwischen uns. Hat er dir das nicht erzählt?“

„Doch, hat er. Da kam Freude auf bei mir, das sag ich dir“, bemerkte Emma bissig. „Wie heißt es doch so schön: Der Kater lässt das Mausen nicht. Leider war er schon immer so, mein werter Bruder. Aber dass er jetzt auch noch ein Techtelmechtel mit Virginia anfangen musste … Ausgerechnet – die tut zwar immer so unschuldig, aber ich sag dir, die …“

„Emma …“ Kit schloss für einen Moment die Augen und bemühte sich, ihre Anspannung hinter einem ruhigen Ton zu verbergen. „Ich habe keine Lust mehr, darüber zu reden. Es ist aus! Und falls du dir Sorgen um die Miete machen solltest: Meinen Anteil habe ich überwiesen, noch gleich am …“

„Jetzt mach aber mal einen Punkt! Als wenn das jetzt wichtig wäre“, unterbrach Emma sie. „Versprich mir lieber, dass du keine Dummheiten machst.“

„Keine Panik. Ich werde nur etwas Sonne tanken, Abstand gewinnen, durchatmen, und wenn ich weiß, wie es weitergehen soll, komme ich zurück. In etwa einer Woche melde ich mich wieder bei dir, versprochen.“

Mit flatterndem Puls und zitternden Händen legte Kit den Hörer zurück auf die Gabel des öffentlichen Fernsprechers. Ließ sich wie in Trance in einen der Sessel im Foyer des Hotels sinken. Über ihr an der Decke sorgte ein sich emsig drehender Ventilator für eine kühle Brise. Dennoch hatte Kit das Gefühl zu ersticken. Seit dem kurzen Telefonat zuckten Bilder durch ihren Kopf, die sie am liebsten vergessen hätte: David und Virginia im Bett … Erst hatte sie die beiden nur wie eine Fata Morgana angestarrt, dann hatte sie aufgeschrien und auf dem Absatz kehrtgemacht. Wie von der Tarantel gestochen war David ihr hinterhergelaufen. Krachend hatte er die Tür des Schlafzimmers hinter sich ins Schloss fallen lassen und Kit damit weitere Ansichten der nackten Virginia erspart … Aber dann hatte er dort gestanden, mit diesem schiefen Grinsen im Gesicht …

„Ich … verdammt, hör mich doch erst mal an“, hatte er versucht, sich zu rechtfertigen, und fahrig am Gürtel seines Bademantels genestelt.

„Es hat keinen Zweck, David.“ Fast mechanisch hatte sie geantwortet und sich gewundert, dass sie überhaupt noch stehen konnte. Schließlich hatte sie wortlos ihren diamantenen Verlobungsring vom Finger gestreift und ihn David vor die Füße geworfen.

„Was soll das? Sei nicht albern!“, hatte er gefaucht, und seine Gesichtsfarbe war von einer vornehmen Blässe in eine hektische Röte gewechselt. „Glaubst du etwa, dass die Kleine da mir irgendetwas bedeutet? Ach Süße, komm, das machen doch alle Männer … ein bisschen Druck ablassen, wenn die Hormone verrücktspielen und sich die Gelegenheit bietet …“

Ein bisschen Druck ablassen? Kit war sprachlos gewesen. In vier Monaten hätten sie vor den Traualtar treten sollen! Abgrundtief entsetzt wollte sie nur noch weg, aber David hatte sie festgehalten.

„Wir wollten heiraten, hast du das vergessen? Und unser Loft, wir haben schon die Möbel dafür …“, hatte er gezischt.

„Meinetwegen mach damit, was du willst“, hatte sie ihm entgegengeschleudert und sich losgerissen. Nur ein Gedanke hatte sie dabei noch beherrscht: Flucht – und gleichzeitig Haltung bewahren. Er war groß – aber sie war mit ihren eins achtundsiebzig auch nicht klein – und trug an diesem Tag glücklicherweise Schuhe mit so hohen Absätzen, dass sie ihm, der barfuß vor ihr stand, auf Augenhöhe begegnen konnte und es sogar schaffte, ein leicht herablassendes Lächeln auf ihre Lippen zu zwingen. „Und wenn du der letzte Mann auf der Welt wärst – nie im Leben würde ich dich noch heiraten!“ Damit hatte sie auf dem Absatz kehrtgemacht und war hoch erhobenen Hauptes zur Haustür geeilt.

David hatte ihr noch etwas Unverständliches, das aber ziemlich giftig klang, hinterhergerufen. Sie hatte es jedoch vorgezogen, es schlichtweg zu ignorieren …

Kit atmete tief durch und straffte die Schultern. Vergiss ihn endlich, deswegen hast du diese Reise doch gemacht, ermahnte sie sich. Außerdem – war es nicht schon eine Ewigkeit her, dass sie von London aus den nächsten Flieger nach Casablanca genommen hatte? Keine vier Stunden war sie unterwegs gewesen und fühlte sich doch bereits in eine faszinierend fremde Welt versetzt, die nur darauf zu warten schien, von ihr entdeckt zu werden.

Also los. Entschlossen steuerte Kit jetzt aus dem Hotel hinaus auf die berühmte Küstenstraße Corniche. Nach der angenehmen Kühle in dem klimatisierten Gebäude traf sie die marokkanische Hitze allerdings wie ein Schlag. Irritiert in die Sonne blinzelnd, die heiß vom kobaltblauen Himmel herunterbrannte, hielt sie Ausschau nach ihrem Mietwagen, einem kleinen Cabrio, das ein Angestellter des Hotels für sie geparkt hatte. Zum Glück musste sie nicht lange suchen, denn das leuchtende Rot ihres blitzblank geputzten Modells bot einen deutlichen Farbkontrast zu den typisch weiß getünchten Häusern, denen die größte Hafenstadt Nordafrikas ihren Namen verdankte – Casablanca. Weißes Haus.

Normalerweise war Kit kein Mensch, der viel Zeit mit Sightseeing verbrachte. Was nicht heißen sollte, dass sie kein Auge für Farben, Ornamente und Ambiente hatte. Im Gegenteil. Vor genau achtzehn Monaten hatte sie zusammen mit Emma und David einen Laden für trendige Accessoires rund um Wohnen und Lebensart eröffnet.

Zusammen mit David!

Mit einem unterdrückten Fluch stieg Kit in ihren Wagen. Der Gedanke an ihren Ex sollte ihr nicht schon wieder die Stimmung verderben. Außerdem – wozu gab es Anwälte! Die würden die Sache mit der gemeinsamen Firma schon irgendwie regeln. Und hoffentlich so effektiv sein wie der Verkehrspolizist da auf der Kreuzung!, dachte sie grimmig, als sie ein energisches Pfeifen hörte und sah, wie der Ordnungshüter eine schier endlose Karawane Motorräder und hupender Autos konsequent an sich vorbei dirigierte.

Immer noch innerlich fluchend, aber entschlossen, die traurigen Gedanken fürs Erste in den hintersten Winkel ihres Denkens zu verbannen, lenkte Kit ihren Wagen aus der Parklücke auf die quirlige Corniche mit ihren Cafés und Diskotheken und fuhr von dort die Küste entlang gen Süden, dicht vorbei an steil abfallenden Klippen. Die Panoramablicke auf die tosenden Gischtfontänen des Atlantiks, die sich ihr dabei immer wieder boten, waren bereits wie Balsam für ihr Gemüt. Dann, nach einigen Stunden Autofahrt, entdeckte sie auf einem lang gestreckten Felsen am Meer einen mächtigen Schutzwall, bewehrt mit Türmen, Zinnen und Schießscharten. Und nun ging ihr vollends das Herz auf. Der Hotelmanager hatte wirklich nicht zu viel versprochen. Allein dieser Anblick der einstigen Piratenbastion Essaouira, die dort wie eine Fata Morgana zwischen Himmel und Wasser erschien, war den weiten Ausflug allemal wert.

Eilig suchte Kit nach einem Parkplatz und schlenderte bald darauf zu Fuß durch die Gassen der Medina, der Altstadt. Ein leichter heißer Wind war aufgekommen und zerrte an den farbenfrohen langen Gewändern der zahllosen Menschen, die sich an ihr vorbeischlängelten. Der Geruch von gebratenen Sardinen und Gambas erfüllte die Luft, von irgendwoher erklang der Rhythmus afrikanischer Trommeln, während Kit staunend immer wieder neue Ansichten hinter versteckten Torbögen entdeckte. Gedankenverloren lenkte sie ihre Schritte von einem belebten, sonnenbestrahlten Platz in eine schattige Nebenstraße. Irgendwo sollten die Römer hier in der Antike kostbaren Purpursaft aus Schnecken gewonnen haben – um damit die Seide für ihre Gewänder einzufärben, wie der Hotelmanager ihr erzählt hatte.

Zuerst konnte Kit nichts sehen und blinzelte, um sich an die plötzliche Dunkelheit zu gewöhnen. Ein wenig mulmig war ihr auch. Vorhin, inmitten der vielen Menschen hatte sie sich deutlich wohler gefühlt als an diesem Ort, der nicht nur kühler, sondern auch einsamer war.

Und dann hörte sie Schritte hinter sich. Ganz deutlich. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Die Schritte kamen immer näher. Kit überlegte gerade, ob es nicht besser wäre, die Gasse schnell wieder zu verlassen, als sie einen kräftigen Schlag auf den Kopf bekam. Sie taumelte … spürte noch einen stechenden Schmerz und dass ihr jemand ihre Tasche von der Schulter riss, dann wurde ihr schwarz vor Augen.

Das Erste, was Kit wahrnahm, als sie aus der Bewusstlosigkeit erwachte, war ihr Schädel, in dem ein Presslufthammer zu pochen schien. Ihre Arme und Beine fühlten sich wie mit Blei gefüllt an. Und dann, wie aus weiter Ferne, drangen auch noch Geräusche an ihr Ohr.

„Hallo, können Sie mich hören? Versuchen Sie, die Augen zu öffnen“, hörte sie eine ihr fremde männliche Stimme sagen und spürte eine kühle Hand auf ihrer Stirn.

Langsam hob sie die Lider und schloss sie wieder, weil ihr das grelle Licht in die Augen stach.

„Keine Angst. Es wird alles gut“, sagte die Stimme jetzt, und dann spürte Kit zwei starke Arme, die sie hochhoben und irgendwohin trugen. Sie wollte die Augen öffnen, aber ihre Lider, die waren so schwer … und es war so schön, sich fallen zu lassen und dabei ganz fest in dieser dunklen Schwerelosigkeit geborgen zu sein …

„Hallo, nicht wieder einschlafen.“

„W…as?“, stammelte sie wie in Trance, versuchte aber, ihre Lider zu heben. Blinzelnd sah sie über sich erst nur vage zwei dunkle Punkte, aus denen sich allmählich die Augen eines Mannes formten, der Kit forschend betrachtete.

„Na, wer hätte das gedacht? Sie können ja doch wach werden.“

Kit blinzelte. Die Stimme ihres Retters hatte einen wohltönend tiefen, männlichen Klang, und er sprach Englisch mit einem leicht französischen Akzent.

„Hören Sie, bleiben Sie ruhig. Und dann konzentrieren Sie sich auf mein Gesicht, bis das Schwindelgefühl im Kopf nachlässt“, sagte ihr Gegenüber sanft, aber dennoch bestimmt. „Okay?“

Kit nickte bloß stumm. Langsam klärte sich ihr Blick, dafür hatte es ihr die Sprache verschlagen. Was für ein Mann!, konnte sie nur staunen, während sie sich brav ganz auf sein Gesicht konzentrierte.

Dabei kam sie nicht umhin zu bemerken, dass seine etwas längeren dunkelbraunen Haare ihn verwegen und lässig aussehen ließen, sein Gesicht scharf geschnitten war, mit einer geraden Nase, hohen Wangenknochen und einem kantigen Kinn. Der Mund wirkte sinnlich, und seine Mimik verriet gleichzeitig Entschlossenheit. Und sie konnte es auch nicht verhindern, dass sie sich fragte, ob es wirklich die goldenen Punkte in seiner braunen Iris waren, die sie kaum einen klaren Gedanken fassen ließen.

Kit versuchte es dennoch, obwohl es ihr nicht leichtfiel. Irgendwie verstand sie gerade gar nichts mehr. Wer war dieser Mann? Überhaupt, was hatte das alles zu bedeuten? Wo war sie? Und warum war ihr so übel?

„Bitte …“ Sie versuchte sich aufzusetzen, sah nur ständig kreisende schwarze Flecken vor ihren Augen. Und sank gleich in die Kissen zurück.

„Nicht doch, ma belle. Schön langsam. Ich sagte doch, Sie sollen noch liegen bleiben.“ Der Unbekannte beugte sich wieder über sie. Kit konnte ihn bloß anstarren – er musterte sie eher unbeeindruckt. „Nur keine Hektik! Sie haben einen ziemlichen Schlag auf den Kopf bekommen.“

„Ich habe was …?“, stammelte sie. In ihrem Kopf herrschte Chaos, und sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen traten.

„Schon gut, kein Grund, gleich wieder schwindelig zu werden.“ Nachdenklich runzelte der Fremde die Stirn und drückte Kit ein feuchtes Tuch in die Hand. „Hier, kühlen Sie damit Ihren Kopf. Und dann verraten Sie mir freundlicherweise, wie Sie heißen und welches Hotel ich verständigen soll. Sie sind doch als Touristin hier, oder?“

„Tou…ristin?“ Ihre Zunge schien zu groß für ihren Mund. „Ich … ich weiß nicht.“

Touristin? Die Panik, dass etwas mit ihr nicht stimmte, seit sie die Augen aufgeschlagen hatte, wurde sie jetzt nicht mehr los. Vielleicht war sie ja eine Touristin. Vielleicht aber auch nicht. Möglich war alles. Das Blackout war da. Sie erinnerte sich nicht.

Alors, vielleicht ist es besser, wenn wir das Thema zunächst ruhen lassen.“ Für einen Moment musterte der Fremde Kit mit einem intensiven Blick, der ahnen ließ, dass er das Entsetzen in ihren Augen gesehen hatte. Sekunden darauf lächelte er aufmunternd. „Entspannen Sie sich erst mal. Offenbar haben Sie eine Gehirnerschütterung davongetragen. Dummerweise nur hat der Kerl, der Ihnen diesen Schlag verpasst hat, auch noch Ihre Handtasche mitgehen lassen. Unter den gegebenen Umständen dürfte es schwierig sein, Ihre Identität festzustellen, sollten Sie sich nicht erinnern.“ Er zuckte die Achseln. „Aber ich bin mir sicher, die Polizei wird es herausfinden.“

Kit schluckte. „Sie haben gut reden, Mister! Sie …“

„Dumont.“

Kit blinzelte irritiert. „Wie bitte?“

„Mein Name ist Dumont. Gerard Dumont. Und eigentlich würde ich Ihnen jetzt gern die Hand reichen und sagen, dass ich mich freue Sie kennenzulernen.“ Kits Retter musterte sie für einen Moment nicht mehr wie ein Arzt, sondern blickte von seinen geschätzten eins neunzig mit einem Funkeln in den Augen so auf sie hinab, dass ihr vor Verlegenheit das Blut ins Gesicht schoss.

„Aber …“ Kit räusperte sich angestrengt. „Ich kann Ihnen … meinen Namen …“ Ihre Stimme erstarb. Am liebsten hätte sie nur noch geheult. „Ich weiß nicht, wer ich bin.“

„Ganz ruhig. Das ist jetzt alles ein bisschen viel für Sie – kein Grund zur Panik.“

Kit zwang sich, tief durchzuatmen. Sie wollte auf keinen Fall, dass der Mann mitbekam, wie charmant sexy sie sein Englisch mit französischem Akzent fand. Dann sagte sie leise: „Haben Sie Erfahrungen mit Gehirnerschütterungen?“

„Nun, ich bin kein Arzt“, antwortete Gerard, „aber in der Regel verschwinden alle Symptome nach einigen Tagen Bettruhe und körperlicher Schonung von allein. Sie werden sehen, sobald die Beule abschwillt, wird auch Ihre Erinnerung zurückkehren.“ Dann lächelte er plötzlich, und Kit blieb fast die Luft weg. Wusste dieser Kerl eigentlich, welch atemberaubende Wirkung er auf Frauen ausüben konnte?

Oh nein!, dachte sie, warum weiß ich das denn – wo sie sich ansonsten doch an nichts mehr erinnern konnte? Verlegen blinzelnd schaffte sie es dennoch, ihren Blick von seinem olivbraunen Teint abzuwenden. „Ich … ähm, das ist mir alles so entsetzlich peinlich. Ich kann doch nicht Ihre Zeit …“

„Keine Ursache“, unterbrach er sie, „die Polizei müsste bald eintreffen. Dummerweise wurden leider nicht nur Sie überfallen, sondern gleichzeitig auch das stadtbekannte Traditionsgeschäft eines unserer besten Juweliere. Und so leid es mir für Sie tut, ma belle, ich fürchte, da war Ihr Fall erst mal zweitrangig.“

Kit konnte ihn nur anstarren. Irgendwie hatte sie das Gefühl, ihr Kopf würde gleich platzen. „Wo … wo …?“ Konnte sie denn nur noch stottern? Kit riss sich zusammen. „Wo sind wir hier?“

„Nun, in meinem Büro. Können Sie sich denn an überhaupt nichts mehr erinnern? Was ist mit Ihrer Kleidung? Kommt die Ihnen vielleicht bekannt vor?“

„Hm.“ Nachdenklich biss sie sich auf die Unterlippe und musterte sich stirnrunzelnd von oben bis unten. Sie trug eine legere weiße Hose aus luftigem Leinen, ein passendes Top mit einem wirklich nur ganz dezenten Ausschnitt und mokkafarbene Riemchensandaletten. Alles in allem ein Outfit, das wohl dem heißen Klima angemessen war, und – ja, soweit sie das beurteilen konnte – auch teuer wirkte. Leider war das alles, was ihr dazu einfiel. Immer noch herrschte in ihrem Kopf Chaos. Keine der Fragen, die sie sich selbst stellte, konnte sie beantworten. Und als besonders befremdlich empfand sie es, Kleidungsstücke an sich zu sehen, an die sie sich nicht erinnern konnte, die sie selbst aber offensichtlich gekauft und auch angezogen hatte. Nur, wer zum Teufel, war sie?

„Nein“, sagte sie kopfschüttelnd und schloss für einen Moment die Augen. „Tut mir leid, aber ich kann dazu nichts …“

„Dafür müssen Sie sich doch nicht entschuldigen. Es ist sicher nicht einfach für Sie. Aber sie sollten sich nicht so unter Druck setzen.“ Dumont nickte ihr aufmunternd zu.

Sie quälte sich ein Lächeln ab, aber innerlich war sie mit ihren Nerven am Ende.

Und wenige Minuten später kam auch noch die Polizei, die sie immer wieder fragte, ob sie sich nicht doch ein bisschen erinnern könnte. Zuerst hatte sie geantwortet, so gut sie konnte. Doch irgendwann war ihr wieder schwarz vor Augen geworden, und sie hatte sich hinlegen müssen. Schließlich hatte der Mann – Gerard Dumont, wie sie ja inzwischen wusste – veranlasst, dass man sie ins Krankenhaus brachte. Anfangs hatte sie sich zwar dagegen gesträubt, aber inzwischen kannte sie ihren Retter gut genug, um zu wissen, dass er mit eben der Stärke, die er ausstrahlte, auch seine Entscheidungen umsetzte. Außerdem hatte er natürlich auch recht – und musste zu einem anderen Termin, wie sie erfahren hatte.

Sie konnte sich noch gut daran erinnern, dass sie am liebsten allein zur Tür gegangen wäre. Nicht nur, um ihre Genesung zu demonstrieren, sondern auch, weil sie ihn nicht länger aufhalten wollte. Dummerweise jedoch hatte sich das Zimmer um sie herum plötzlich im Kreis gedreht. Dann war sie gestolpert, und er hatte sie mit seinen Armen aufgefangen. Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war, dass er noch etwas in seiner Muttersprache geraunt – oder geflucht? – hatte, und schon war sie wieder ohnmächtig geworden.

Als sie wieder aufwachte, sah Kit über sich die weiß getünchte Decke eines Zimmers, in dem es nach Desinfektionsmitteln roch. Es dauerte einen Moment, bis ihr Blick allmählich klarer wurde und sie auch ihre übrige Umgebung wahrnahm.

Offenbar befand sie sich in einem Krankenzimmer. Wie lange sie hier wohl schon lag – halb wach, halb in einer anderen Welt? In den wenigen Momenten, in denen sie bei Bewusstsein gewesen war, hatte sie immer wieder verschwommene Umrisse wahrgenommen, aus weiter Ferne Stimmen gehört und unentwegt bohrende Kopfschmerzen gehabt. Letztere schienen jetzt zumindest erträglich. Ansonsten fühlte sie sich eigentlich auch ganz gut. Nur den Kopf bewegen oder sich aufrichten – wie jetzt – das sollte sie wohl besser noch unterlassen. Das Stechen in ihren Schläfen, das sich dann einstellte, war fast unerträglich.

Seufzend ließ sie sich zurück in ihre Kissen sinken und zog an der Klingelschnur dicht neben ihrem Bett. Dann blickte sie stirnrunzelnd zum Fenster. Wie spät es wohl sein mochte? Der Dämmerung nach zu urteilen war es entweder früher Morgen oder früher Abend. Sie fühlte, wie Panik in ihr aufstieg. Sie lag in einem Bett, ja, aber sie kannte weder die Uhrzeit noch wusste sie, wie spät es war. Sie hatte auch keine Ahnung, wo und wie sie hierhergekommen war. Und das Schlimmste: Sie hatte immer noch nicht ihr Gedächtnis wiedergefunden. Bei diesem Gedanken krampfte sich ihr Herz zusammen.

Kit schloss die Augen und versuchte, sich durch regelmäßiges Atmen zu beruhigen. Sie konnte sich noch erinnern, dass es heiß gewesen und sie mit dem Kopf auf den kantigen Bordstein einer staubigen Straße gefallen war. Wie es aber dazu gekommen war, wusste sie nicht mehr.

Umso deutlicher sah sie das Zimmer vor sich, in dem sie danach gelegen hatte. Angenehm kühl war es dort gewesen, und nur wenig Licht war durch die Ritzen der hölzernen Fensterläden gedrungen und … Sie atmete tief durch. Ja, sie erinnerte sich auch an Gerard Dumont. Nur was hatte das …?

Das leise Knarren der Tür unterbrach ihre Gedanken. Mühsam öffnete sie die Augen und blinzelte überrascht, als sie eine Krankenschwester und einen Mann erblickte. Das musste ein Traum sein, oder?

„Monsieur, sehen Sie! Madame ist aufgewacht. Madame ist wach!“

Kit registrierte nur am Rande, wie die hellblau gekleidete Schwester ein Fieberthermometer zückte. Jemand anders zog sie völlig in seinen Bann.

„Wie fühlen Sie sich? Geht es Ihnen gut?“ Sein Lächeln war genauso umwerfend wie in ihrer Erinnerung und machte sie schon wieder schwach. „Der Arzt wollte mich erst zu Ihnen lassen, wenn Sie sich erholt haben.“

Zaghaft richtete sie sich auf und machte sich schon auf das Stechen in ihren Schläfen gefasst. Doch offenbar stellte es sich nicht ein, wenn sie sich langsam bewegte. „Arzt?“, fragte sie verstört. „Welcher Arzt? Wovon reden Sie eigentlich?“

Alors, davon, dass ich Sie gestern Abend hier in die Klinik gebracht habe. Können Sie sich denn daran auch nicht mehr erinnern?“, antwortete er stirnrunzelnd. „Der Arzt hat eine leichte Gehirnerschütterung festgestellt und …“

„Bitte, Monsieur, Sie werden gleich genug Zeit haben, sich mit Madame zu unterhalten. Wenn ich Sie bitten dürfte, kurz zu warten, während ich bei ihr Temperatur und Blutdruck messe?“ Und schon schob die Schwester Kit ein Fieberthermometer in den Mund und legte ihr eine Blutdruckmanschette an.

„Kein Problem.“ Dumont lehnte sich an die Wand und verschränkte – für Kits Geschmack eine Spur zu lässig – die Arme vor der Brust. „Ich werde Sie ganz bestimmt auch nicht stören.“

Das war gelogen. Er störte sie mit jedem Blick, jedem Wimpernschlag seiner goldbraunen Augen. Wie Laserstrahlen brannte ihr Blick auf Kits Wangen, und gleichzeitig stieg Zorn in ihr auf. Nicht stören hatte er wollen? Und wieso schaute er dann nicht weg? Überhaupt – mit welchem Recht hielt er sich eigentlich in ihrem Zimmer auf? Schließlich war das ein Krankenhaus, und da konnte doch nicht einfach jeder – schon gar nicht ein wildfremder Mann! – in das Zimmer einer Dame. Außerdem: Hatte er nicht gestern gesagt, er habe einen Termin? Wie konnte er sie dann selbst hierher gebracht haben?

Sobald sie wieder frei sprechen konnte, machte Kit ihrem Herzen auf die höfliche Art Luft. „Ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen, Mr. Dumont, aber Sie müssen sich nicht weiter bemühen. Sie haben mich offensichtlich aus einer Notlage befreit, und dafür bin ich Ihnen auch dankbar. Aber ich fühle mich jetzt schon sehr viel besser, und hier im Krankenhaus bin ich sicher in den besten Händen …“

„Es freut mich, dass Sie sich wohlfühlen – in der besten Privatklinik des Landes.“ Seine dunklen Augen blitzten amüsiert. Er trat näher zum Bett und verabschiedete sich mit einem Nicken von der Schwester. „Ach, falls Sie sich Sorgen wegen der Kosten machen sollten: Die Rechnung übernehme selbstverständlich ich“, fügte er noch hinzu.

Eine Privatklinik? Was zum Teufel hatte das zu bedeuten? „Ich … verstehe nicht. Warum bin ich nicht in einem normalen Krankenhaus?“ Kit musterte Dumont mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit, Empörung und Argwohn.

„Na ja.“ Gerard betrachtete sie einen Augenblick, als überlege er noch, ob er sich weiter amüsieren sollte. Dann erklärte er kühl: „Erstens, ma chère, fallen mir normalerweise keine jungen Touristinnen mit Gehirnerschütterung vor die Füße. Und zweitens steht es Ihnen natürlich frei, Ihren Aufenthaltsort zu wechseln. Allerdings glaube ich nicht, dass so schnell noch irgendwo ein Bett frei ist – erst recht nicht auf einer neurologischen Spezialabteilung wie hier, wo Ihnen mit modernsten Diagnose- und Therapieverfahren geholfen werden kann.“ Er blickte auf ihr Bett. Kit spürte seine Blicke auf ihrem Körper, der sich unter der leichten Decke deutlich abzeichnete. „Und sollten Sie nicht wollen, dass ich Ihnen helfe, nur weil ich ein Mann bin, eh bien, ich liebe zwar fast alle Frauen, aber, mit Verlaub: Engländerinnen kann ich nicht ausstehen. Und Sie sind doch eine, oder?“

Völlig perplex richtete Kit sich auf. Leider etwas zu schnell und zu heftig, sodass sich das Stechen in ihren Schläfen wieder einstellte. „Wie bitte? Soll das jetzt ein Scherz sein?“

„Ich mache keine Witze über Engländerinnen.“

„Aber, ich meine, wollen Sie mich jetzt provozieren, weil ich gestern – tut mir leid, ich hätte Ihnen den Stress gern erspart – mein Gedächtnis verloren habe? Sagen Sie das nur, weil ich mich wieder erinnern soll?“ Das Stechen in ihren Schläfen hatte nachgelassen, stattdessen raste ihr Puls.

„Welchen Stress?“, fragte er.

„Ihre Unannehmlichkeiten gestern und heute.“ Erschöpft ließ sie sich wieder in die Kissen sinken. „Die ich Ihnen bereitet habe.“

„Eins möchte ich klarstellen: Ich bin zwar ein Mann, aber kein Unmensch. Bevor Sie ohnmächtig wurden, da baten Sie mich noch um Hilfe – ma chère, selbst auf die Gefahr hin, dass es Sie enttäuscht, aber ich wollte nur nett sein. Weiter nichts.“

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