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Ein neues Leben

1. KAPITEL

Laura fuhr mit ihrem klapprigen Auto durch die wunderschöne Landschaft – grüne Wiesen im Sonnenlicht, im Hintergrund grüßten die verschneiten Gipfel der Alpen. Bayern war so ganz anders als das kleine Dorf im Osten Deutschlands, das Laura hinter sich gelassen hatte, weil ihr Leben dort allmählich zu erdrückend geworden war.

Jeden Tag hatte Laura in einer kleinen Bäckerei Brötchen verkauft und insgeheim davon geträumt, endlich das tun zu können, was sie gelernt hatte: Herrliche Süßigkeiten herstellen, um damit die Menschen glücklich zu machen. Pralinen wie die „Süßen Küsse“ ihrer Oma – Laura hatte sie früher immer von ihrem Vater bekommen, wenn sie traurig gewesen war. Wie echte Küsse hatten die Pralinen ein Lächeln auf Lauras Gesicht zurückgezaubert und sie jeden Kummer vergessen lassen.

Wie gerne hätte sie mit diesem Rezept auch nun den Schmerz einfach ausgelöscht, der sie in den vergangenen Tagen immer wieder überwältigte. Es gab schließlich noch einen anderen, viel wichtigeren Grund, warum Laura ihre Heimat verlassen hatte.

Ihr langjähriger Freund und Verlobter, Lars, hatte sie kurz vor der Hochzeit betrogen. Ausgerechnet in den Armen ihrer alten Schulkameradin Britta hatte sie Lars erwischt. Es tat so weh, ihr ganzes Leben zerbrach von einer Sekunde auf die andere. Laura stand noch immer unter Schock und wollte nur noch eins: weg! Dieses Leben hinter sich lassen, das ihr weder privat noch beruflich eine Perspektive bot.

Auch wenn ihrem Vater die Trennung sehr schwer fiel, sie konnte nicht bleiben.

Immer wieder rief sie sich das Vorbild ihrer besten Freundin Tanja in Erinnerung, die in München Karriere machte. Wie sehr hatte Laura sie in der letzten Zeit vermisst. Tanja war soviel mutiger als sie selbst, hatte schon vor Jahren das traurige Dorf hinter sich gelassen und erzählte seitdem Laura am Telefon immer wieder von ihren unerhörten Großstadtabenteuern. Tanja würde ihr bestimmt dabei helfen, noch einmal ganz neu anzufangen.

Dummerweise hatte sie ihre Freundin bisher nicht erreichen können. Inzwischen hatte sie schon mehrere Nachrichten auf ihrer Mailbox hinterlassen, ohne einen Rückruf zu erhalten, und so war sie einfach losgefahren.

Kleine Kirchen mit Zwiebeltürmen säumten Lauras Weg, und sie überlegte, wer sich wohl diese Form ausgedacht hatte. Sie spürte, wie ihre Wut langsam einer aufgeregten Vorfreude Platz machte: Hier war sie, jung und voller Energie und Neugier! Sie hatte den Aufbruch gewagt und jetzt wartete auf sie eine aufregende Zukunft. Und vielleicht sogar das Glück.

Tanja räkelte sich auf dem Bett. Sie war erst seit einer Woche Zimmermädchen im Hotel „Fürstenhof“ und hatte sich weder an das frühe Aufstehen gewöhnt noch an die Tatsache, dass in den Hotelzimmern regelmäßig prominente Gäste wohnten. Auch in diesem Bett würde heute Nacht ein berühmter Schauspieler liegen.

Das Klingeln ihres Handys unterbrach unsanft ihre Träumereien von einer Liebesgeschichte, in der sie natürlich selbst die weibliche Hauptrolle spielte. Und ein Millionär die männliche. Aber das Läuten hörte nicht auf, und plötzlich bemerkte Tanja Stimmen im Flur. Gerade als sie aufsprang und nach ihrem Telefon greifen wollte, wurde die Zimmertür aufgerissen. Das Handy fiel mit einem dumpfen Knall zu Boden, während der Hoteldirektor Werner Saalfeld und Alfons Sonnbichler, der Portier, sie verblüfft betrachteten.

Und dann polterte der Portier auch schon los: „Fräulein Liebertz, was fällt Ihnen eigentlich ein? Sie werden hier nicht fürs Faulenzen bezahlt!“ Tanja entschuldigte sich zerknirscht, aber der Portier war noch längst nicht fertig. „Entschuldigen Sie sich gefälligst bei Herrn Direktor Saalfeld! Auf seine Kosten trödeln Sie hier schließlich herum!“

Tanja stammelte etwas wie „’tschuldigung!“ und sammelte dann hastig die Einzelteile ihres Handys ein. Ich muss die Probezeit unbedingt bestehen, dachte sie verzweifelt. Sie konnte es sich einfach nicht leisten, diesen Job auch wieder zu verlieren.

Laura war gereizt. In Tanjas Straße gab es keinen Parkplatz. Erst mehrere Blocks weiter fand sie eine freie Lücke. Daran würde sie sich erst gewöhnen müssen, genauso wie an die vielen fremden Menschen, die an ihr vorbeihasteten. Und trotzdem legte sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. Sollte Lars doch bleiben, wo der Pfeffer wächst! Sie war hier, in München. Bereit, sich ihrem Schicksal zu stellen. Eine erfolgreiche Confiseurin zu werden. Nur von Männern würde sie in Zukunft lieber die Finger lassen.

Das Treppenhaus, das zu Tanjas Wohnungstür führte, wirkte nicht gerade einladend. Auf Lauras Klingeln hin wurde sofort geöffnet, ein älterer Mann stand in der Tür.

„Entschuldigung, ich dachte … Tanja hat mir gar nichts von einem Freund …“

Der Mann schnitt ihr das Wort ab: „Kennen Sie Frau Liebertz?“

„Sie etwa nicht?“, erwiderte Laura verdattert. Aber da wurde ihr schon ein Schreiben mit vielen Stempeln unter die Nase gehalten: Gerichtsvollzieher stand im Briefkopf, einhundertfünfzig Euro waren die zu begleichenden Schulden.

„Ja, ich bin der schwarze Mann mit dem Kuckuck“, versuchte der Mann gequält zu scherzen, „aber ihre Freundin ist nicht da. Die ganze Wohnung ist leer geräumt.“

Laura konnte es kaum glauben. Tanja wohnte nicht mehr hier? Und wenn das stimmte – wo sollte sie selbst dann hin?

Eine Weile später bummelte Laura durch die Großstadtstraßen und betrachtete die Auslagen der Geschäfte. Sie hatte beschlossen, sich nicht allzu große Sorgen zu machen – weder um ihre Freundin, die sich vermutlich bald melden und alles aufklären würde, noch um sich selbst. Sie jedenfalls wollte den ersten Tag in München in vollen Zügen genießen, sie hatte sich für eine Nacht ein Zimmer in einer kleinen Pension genommen.

Im Englischen Garten kramte Laura ihre Kamera hervor. Während sie selbstvergessen die prächtigen Blumenrabatten knipste, kam ein japanisches Paar auf sie zu und bat sie mit Händen und Füßen, ein Foto von ihnen zu machen. Laura blickte durchs Objektiv und trat einen Schritt zurück. Dann noch einen. Und einen weiteren. Etwas ließ sie straucheln. Gleichzeitig rief eine Männerstimme: „Vorsicht!“ Doch bevor Laura wirklich stürzte, wurde sie von starken Armen aufgefangen.

Erschrocken blickte sie auf und sah in die Augen ihres Retters. In seine braunen Augen. Er hielt sie an sich gedrückt, als wollte er sie nicht wieder loslassen. Leider machte sich das japanische Paar erneut bemerkbar, und pflichtschuldig befreite Laura sich aus seinen Armen und drückte auf den Auslöser. Daraufhin bot der Japaner an, ein Foto von Laura und dem Unbekannten zu machen. Er forderte die beiden auf, in die Kamera zu blicken. Vergeblich. Sie hatten nur noch Augen füreinander. Laura wusste nicht, wie ihr geschah, aber sie konnte ihren Blick einfach nicht abwenden. Dieser Fremde hatte sie in seinen Bann gezogen.

Das Klingeln seines Handys zerstörte den Zauber des Augenblicks. Kurz angebunden verabredete der Unbekannte einen Termin und wiederholte, bevor er auflegte, eine Adresse. „Tut mir Leid, ich muss los“, sagte er wie betäubt zu Laura.

Beinahe hätten ihre Hände sich zum Abschied berührt. Laura sah ihm nach und tat dabei unwillkürlich einen Schritt nach vorn. Ihr Fuß stieß gegen etwas. Sie blickte auf den Boden: Dort lag ein Kugelschreiber. Er musste ihn verloren haben. Sie wollte ihm schon hinterherrufen, da hielt sie plötzlich inne. Nein, den Kugelschreiber würde sie noch brauchen, dachte sie, und fasste einen Plan.

Eine Stunde später stand Laura vor dem Haus, dessen Adresse der Unbekannte am Telefon wiederholt hatte. Und kurz darauf trat er auch schon aus dem Bürogebäude. Laura hatte sich fest vorgenommen, ganz ruhig und selbstbewusst auf ihn zuzugehen, doch als sie ihn sah, war es, als hätte eine unbekannte Macht von ihr Besitz ergriffen. Sie stürzte ihm entgegen.

Er drehte sich um und sah direkt in ihre Augen. Sie erstarrte. Eine Ewigkeit standen die beiden stumm voreinander, bis Laura der Kugelschreiber wieder einfiel. Lächelnd nahm er den Stift entgegen und steckte ihn ein.

Dann gingen sie einfach los, Seite an Seite, als würden sie sich schon ein ganzes Leben lang kennen. Sie spazierten durch die Straßen und flirteten ausgelassen miteinander; Laura konnte sich nicht daran erinnern, jemals so viel Spaß gehabt zu haben. Und noch nie hatte sie einem Mann vom ersten Augenblick an so vertraut.

Auf einmal waren sie wieder im Englischen Garten. Laura, fasziniert von den prächtigen Blumen, zeigte begeistert auf die Pflanzen: „Königskerze, Eisbegonie, Feuerlilie, Iris …“

„Woher weißt du das alles?“ fragte ihr Begleiter beeindruckt.

„Von meiner Oma“, meinte Laura, „die kannte alle Blumen. Sie hatte auch die gleichen Lieblingsblumen wie ich.“

Der Fremde fiel ihr ins Wort: „Lass’ mich raten!“ Er schloss die Augen, als müsste er sich konzentrieren. „Deine Lieblingsblumen sind Sonnenblumen.“

„Das stimmt“, erwiderte Laura ungläubig. Woher wusste er das? Konnte er diesen Zauber zwischen ihnen auch spüren?

Ihr Begleiter deutete auf ein anderes Beet: „Sieh mal! Eine Kugelorchidee.“

„Na so was.“ Laura lachte. „Erst tust du so, als könntest du keine Rose von einem Gänseblümchen unterscheiden, und jetzt kennst du dich sogar mit Orchideen aus. Was für Geheimnisse hast du sonst noch?“

Für einen Augenblick huschte ein Schatten über sein Gesicht.

„Hab’ ich was Falsches gesagt?“ fragte Laura.

Aber da legte er ihr schon einen Finger auf die Lippen. Sie sahen einander an. Ertranken in dem Blick des anderen, hielten sich an den Händen. Und dann gab es nur noch eine Möglichkeit: sich zu küssen. Laura vergaß den Englischen Garten mit seiner Blumenpracht, die Menschen nahm sie nicht mehr wahr und spürte nur noch die Lippen des Mannes, dessen Namen sie nicht einmal kannte. Er küsste sie leidenschaftlich. Gleichzeitig lag etwas zutiefst Unschuldiges in diesem Kuss. Nur die reine Liebe, dachte Laura, kennt eine solche Unschuld und eine solche Leidenschaft.

Später saßen sie eng aneinander geschmiegt auf einer Parkbank. Der Zauber ihrer Begegnung ließ sie schweigen, aber nach einiger Zeit war Laura klar, dass sie etwas entscheiden mussten. Würden sie sich wiedersehen?

Sie nahm all ihren Mut zusammen: „Morgen früh um neun bin ich wieder hier.“

Der Fremde lächelte sie an, drückte ihre Hand, erhob sich und ging davon.

„Ich heiße Alexander“, hörte Laura ihn noch sagen.

Am nächsten Morgen pünktlich um neun saß Laura wieder auf der Parkbank. Immer wieder sah sie auf die Uhr, stand nervös auf, lief einige Schritte und setzte sich wieder. Alexander kam nicht. Hatte sie sich in der Zeit geirrt? Es war jetzt schon viertel nach neun. Eine tiefe Traurigkeit breitete sich in ihr aus. Wie konnte das sein? Er musste es doch auch gespürt haben, das Schicksalhafte, das über ihrer Begegnung lag.

Ihr Handy klingelte. Sie hatte keine Lust ranzugehen, tat es aber schließlich doch.

„Was in aller Welt machst du in München?“, trompetete Tanja am anderen Ende der Leitung.

„Wieso bist du nicht mehr in deiner Wohnung, sondern nur noch der Gerichtsvollzieher?“, entgegnete Laura.

„Komm schnell zu mir, das ist gar nicht so weit. Dann erkläre ich dir alles.“ Und sie beschrieb Laura den Weg zum „Fürstenhof“.

Das Hotel lag inmitten einer bezaubernden Landschaft. Als sie die prächtige Auffahrt hinauflief, kam Tanja ihr in eine adrette Uniform gekleidet entgegen. Die beiden Freundinnen fielen sich um den Hals.

„Wie gut, dass ich dich endlich gefunden habe“, meinte Laura. Tanja schien wegen der Sache mit dem Gerichtsvollzieher ein wenig peinlich berührt.

„Vergiss’ es einfach!“ Laura knuffte ihre Freundin in die Seite. Dann begann sie aufgeregt, von Alexander zu erzählen. Obwohl jede Menge Arbeit auf sie wartete, hörte Tanja sich jede Einzelheit an. Dann blieb es eine Weile still, bis Tanja zusammenfasste: „Du hast dich in diesen Alexander verliebt, obwohl du ihn nicht kennst. Und obwohl er dich heute Morgen versetzt hat.“

Laura nickte. „Ich bin schon eine ganz schön dumme Kuh, was?“

„Nein“, antwortete Tanja resolut. Dann prusteten die beiden los. Ihr Gelächter wurde von der ungehaltenen Stimme des Portiers unterbrochen, der nach Tanja rief.

„Ich muss los! Wir treffen uns nachher bei mir.“ Kurze Zeit später schlenderte Laura durch die Lobby des Hotels. Gerade wollte sie den Portier fragen, wann Tanja Feierabend hatte, als sie von einem jungen Mann in Kochkleidung beinahe über den Haufen gerannt wurde. Er blieb nicht einmal stehen, um sich zu entschuldigen.

„Robert, jetzt warte doch mal“, hörte sie eine Männerstimme rufen. Laura kannte diese Stimme. Seit gestern tönte sie ununterbrochen in ihrem Inneren. Laura drehte sich um.

Alexander blieb wie angewurzelt stehen.

„Du?“, fragte er ungläubig. Und dann versank erneut die Welt um sie herum, nur noch Alexander existierte und der zärtliche Blick in seinen Augen. Laura hätte ewig so stehen bleiben wollen, aber schließlich riss sie sich zusammen:

„Ich weiß, es klingt unwahrscheinlich … Aber irgendwie habe ich gewusst, dass wir uns wiedersehen.“

„Gewusst habe ich es nicht. Aber gehofft“, entgegnete Alexander und fügte entschuldigend hinzu: „Tut mir Leid, aber ich muss den Koch beruhigen.“

Und ohne dass Laura auch nur das Geringste begriff, verschwand der Mann, den sie für die Liebe ihres Lebens hielt, in der Hotelküche.

Alexander tat gut daran, seinem Bruder Robert in die Küche zu folgen. Robert fühlte sich zwar wohl in seiner Rolle als begnadeter Chefkoch, aber er empfand sein Leben dennoch als eine ständige Zurücksetzung. Immer zog sein Vater, der Hoteldirektor, den älteren Bruder vor. Solange die Gäste mit der Küche zufrieden waren, beachtete er Robert kaum. Heute hatte er ein weiteres Mal seinen mangelnden Respekt unter Beweis gestellt. Obwohl das Küchenpersonal und er selbst vollkommen überlastet waren, hatte Robert sich dazu überreden lassen, seinen Eltern zu deren Hochzeitstag eine besondere Freude zu machen: Mit viel Liebe hatte er das Menü nachgekocht, das Charlotte und Werner Saalfeld am Tag ihrer Hochzeit vor mehr als dreißig Jahren gegessen hatten. Und was geschah? Sein Vater nahm das Menü wortlos zur Kenntnis. Doch als Alexander das Restaurant betrat, begrüßte er seinen Ältesten begeistert und bat darum, ein weiteres Gedeck aufzulegen. Ein Gedeck für Alexander – an Robert dachte natürlich niemand.

„Was willst du?“, schnauzte Robert seinen Bruder an.

„Vater hat bestimmt nur gedacht, du müsstest zurück zu deiner Arbeit in die Küche.“

Robert schnaubte verächtlich.

„Bitte Robert, ich verstehe, dass du sauer auf Vater bist. Aber was ist mit Mutter? Die hat sich doch wahnsinnig gefreut.“

Gegen dieses Argument war Robert machtlos.

Als Alexander zurück zu seinen Eltern ging, fiel es ihm schwer, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Er konnte das Wiedersehen in der Lobby immer noch nicht fassen. Wie konnte das sein? Es kam ihm wie ein Wunder vor.

Nach dem Essen erhob Werner Saalfeld sein Glas: „Auf die eine, wahre und große Liebe, die Charlotte und mich über all die Jahre verbunden hat.“

„Auf die Liebe“, prostete Alexander seinen Eltern lächelnd zu.

Charlotte und Werner Saalfeld wollten gerade zu einem Spaziergang aufbrechen, da begegneten sie Cora Franke, der PR-Managerin des „Fürstenhofs“.

„Verliebt wie am ersten Tag“, rief Cora und sagte dann zu Charlotte: „Ich beneide dich um diesen Mann.“

Die beiden Frauen lachten, doch Coras Blick blieb unergründlich. Werner wirkte unangenehm berührt.

„Leider muss ich ihn dir für einen Augenblick entführen“, fuhr die PR-Managerin fort.

Charlotte lächelte noch immer: „Kein Problem. Daran bin ich gewöhnt.“

Cora hatte wirklich Neuigkeiten: Ein Bauer, dessen Land direkt an den „Fürstenhof“ grenzte, hatte angekündigt, das Grundstück verkaufen zu wollen. „Ich sehe den Golfplatz schon vor mir“, träumte Cora mit offenen Augen. Werner Saalfelds Blick ruhte mit unverhohlener Begeisterung auf den Beinen seiner Mitarbeiterin.

Laura hatte in der Zwischenzeit das ganze Hotel nach Tanja abgesucht. In der Wäschekammer schließlich hatte sie Erfolg.

„Er ist hier!“ rief Laura atemlos.

„Du spinnst!“ antwortete Tanja. Nachdem Laura von der Begegnung in der Lobby erzählt hatte, wurde sie ganz aufgeregt.

„Kommst du nicht irgendwie an eine Gästeliste?“ fragte Laura.

„Ich soll für dich rumschnüffeln?“ erwiderte Tanja lachend.

„Früher hättest du mir dafür den Kopf abgerissen. Aber gut, ich schau’ nachher an der Rezeption im Computer nach.“ Als es soweit war, konnte Tanja seinen Vornamen auf der Gästeliste nicht entdecken.

„Er ist also kein Hotelgast?“ fragte Laura aufgeregt.

„Vielleicht war er nur zum Essen hier“, überlegte Tanja.

„Kann sein. Er war ja irgendwie sauer auf den Koch“, bemerkte Laura.

Ihre Freundin sah sie fassungslos an. „Sauer auf den Koch? Man, bin ich blöd!“

Laura hatte keine Ahnung, warum Tanja sich auf einmal schier ausschütten wollte vor Lachen. Als sie wieder sprechen konnte, sagte sie: „Also, dein Schatz heißt Alexander Saalfeld und ist der Sohn des Hotelbesitzers.“

Laura schluckte. Das wurde ja immer verrückter. Aber zumindest wusste sie nun, was zu tun war. „Zuallererst brauche ich jetzt einen Job. Hier, im Hotel.“

Tanja verstand sofort, was die Freundin meinte. „Die suchen jemanden in der Küche“, sagte sie.

Alexander Saalfeld war alles andere als begeistert von der Golfplatz-Idee seines Vaters. Das Geld, das in den Kauf des Landes fließen würde, wurde im „Fürstenhof“ dringend anderweitig gebraucht.

Werner hingegen konnte kaum glauben, dass sein Sohn gegen seinen Vorschlag war. Als er Cora davon berichtete, reagierte die PR-Managerin gereizt.

„Noch bist du hier ja wohl der Chef“, zischte sie mit funkelnden Augen. Sie wartete, bis Werner außer Hörweite war, und zückte ihr Handy. „Große Dinge entstehen nur unter Druck, lieber Werner. Und den bekommst du jetzt“, murmelte sie vor sich hin.

Dann wählte sie die Nummer eines befreundeten Journalisten. „Die Saalfelds wollen den Bauernhof kaufen, der an ihr Hotelgelände grenzt“, sagte sie kurz angebunden. „Sicher kannst du das in die Zeitung setzen. Nur mein Name darf allerdings nicht fallen.“

Nervös warteten Laura und Tanja in der Hotelküche darauf, dass Robert Saalfeld einen Augenblick für sie erübrigen konnte. „Was gibt’s denn?“ herrschte der Koch sie schließlich unwirsch an.

Stotternd stellte Tanja ihre Freundin Laura Mahler vor. Robert lehnte ab. Er benötige keine Konditorin oder Confiseurin.

„Servieren Sie denn keine Desserts? Geben Sie mir eine Stunde, und ich zeige Ihnen, was ich kann.“ Laura wollte so schnell nicht aufgeben, und nach einem Zögern ließ der Koch sich tatsächlich auf ihren Vorschlag ein.

Routiniert begann sie, mit den Schüsseln und Töpfen zu hantieren, als die Tür aufgerissen wurde und Alexander Saalfeld die Küche betrat. Ohne nachzudenken fragte Laura schnell: „Warum bist du nicht zu unserer Verabredung gekommen?“

Gleichzeitig wollte Alexander wissen: „Was tust du eigentlich hier?“

Bevor sie einander antworten konnten, klingelte Alexanders Telefon. Was der Anrufer mitzuteilen hatte, schien Alexander zu schockieren. Mit bedauernder Geste sagte er: „Ich muss weg.“

Laura lächelte. „Wir laufen uns immer wieder über den Weg.“

„Fast schicksalhaft“, entgegnete Alexander. „Wie heißt du eigentlich?“

„Laura.“

„Sehr schöner Name“, murmelte er, während er die Küche hastig verließ.

Alexander war wirklich aufgebracht. Die Presse hatte Wind von dem Landverkauf bekommen und meldete, dass der „Fürstenhof“ einen Golfplatz anlegen wollte. Diese Information konnte nur von seinem Vater kommen. Aber als er Werner zur Rede stellte, behauptete der steif und fest, nichts mit der Sache zu tun zu haben. Wo aber war dann die undichte Stelle?

Laura hatte ihr ganzes Herz und Können in die Zubereitung des Desserts gelegt; genau so, wie sie es von ihrer Oma gelernt hatte. Selbst der mürrische Robert Saalfeld war beeindruckt. Als er sie nach Zeugnissen und Referenzen fragte, erschrak Laura. Sie hatte nichts dergleichen bei sich. Aber Tanja, nie um eine Lösung verlegen, scannte im Büro heimlich den Briefkopf eines Sternerestaurants und schrieb ein Arbeitszeugnis darunter.

Laura stöhnte: „Erstens, unbefugtes Eindringen in ein Büro. Dazu Betrug. Und Urkundenfälschung.“

Robert Saalfeld war zwar geschmeichelt, dass Laura von einem so ausgezeichneten Arbeitgeber in seine Küche wechseln wollte, bot ihr aber trotzdem nur einen Job als Küchenhilfe an. Ein wenig enttäuscht nahm Laura an.

Cora Franke hatte noch andere Waffen zur Verfügung, wenn es darum ging, einen Mann zu überzeugen. Und Werner Saalfeld musste dringend davon überzeugt werden, dass sein ältester Sohn sich irrte. Cora hatte große Pläne für den „Fürstenhof“. Und noch größere für sich selbst. Nie im Leben würde sie dulden, dass Alexander ihre Pläne durchkreuzte.

Cora war klug genug zu wissen, dass Werner seine Frau Charlotte liebte und unter keinen Umständen verlassen würde – was ihn allerdings keineswegs daran hinderte, sie als Geliebte zu haben. Sie genoss den Einfluss, den sie so auf den Hoteldirektor ausüben konnte, sie brauchte einen wachsweichen Werner Saalfeld, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Sie stritt ihm gegenüber ab, die Presse über das Golfplatz-Projekt informiert zu haben. Werner wusste, dass sie log; aber ihre Skrupellosigkeit steigerte nur die ungeheure erotische Anziehungskraft, die Cora Franke auf ihn ausübte und der er wieder einmal erlag.

Durch das Liebesspiel mit Cora gestärkt, suchte Werner ein weiteres Mal die Konfrontation mit seinem Sohn. Alexander allerdings beharrte auf seinem Standpunkt. Als Werner ihn anherrschte, dass immer noch er der Besitzer des „Fürstenhofs“ sei und den Golfplatz anlegen würde, egal ob seinem Sohn das passe oder nicht, erwiderte Alexander kalt: „Wenn du das Land kaufst, gehe ich.“

Die Vorstellung gefiel Alexander mit einem Mal gar nicht so schlecht. Ein radikaler Neuanfang … konnte der nicht auch eine neue Liebe bedeuten?

Laura sollte ihren Arbeitsvertrag mit dem Juniorchef verhandeln. Nachdem sie Alexander ihr Anliegen geschildert hatte, lachte er leise auf. „Du willst tatsächlich bleiben?“, fragte er.

Laura sah ihn fragend an.

„Exzellentes Timing, das muss man dir lassen“, fuhr er fort.

Laura begriff nicht. Aber sie wollte endlich eine Antwort auf die eine Frage, die ihr auf dem Herzen lag, seit sie vergeblich auf der Parkbank gewartet hatte: „Warum bist du nicht zu unserer Verabredung gekommen?“

Alexander vermied es, sie anzusehen. Dann murmelte er etwas von Verpflichtungen und Terminen.

Laura konnte es einfach nicht glauben, dass er sich in solche Ausreden flüchtete. Was war nur los? Er hätte sie doch niemals so leidenschaftlich geküsst, wenn er nicht auch gefühlt hätte, dass etwas ganz Besonderes mit ihnen geschah.

Voller Verzweiflung erhob Laura die Stimme: „Ist es dir lieber, wenn ich verschwinde? Aus dem Hotel und aus deinem Leben?“

Alexander wurde nun sehr ruhig. „Kann man einen Traum festhalten?“, fragte er mit leiser Stimme.

Darauf wusste Laura keine Antwort. Aber als er vorschlug, gemeinsam eine Wanderung zu unternehmen, leuchteten Lauras Augen hoffnungsvoll auf.

„Aber nur auf Traumpfaden.“

Sie grinste.

2. KAPITEL

Robert Saalfeld saß in der Küche und studierte Rezepte, als ihm plötzlich jemand von hinten die Augen zuhielt.

„Sag, wer ich bin, und ich küsse dich“, hörte er Maries Stimme.

„Ich habe jetzt überhaupt keine Zeit“, erwiderte er. Sofort fiel Marie Sonnbichler in sich zusammen. „Hast du mich denn gar nicht vermisst?“, fragte sie gekränkt.

Robert wusste nicht, was er darauf antworten sollte. In den letzten Tagen war so viel zu tun gewesen, dass er die Abwesenheit seiner Freundin kaum bemerkt hatte. Jetzt war sie wieder da, ein ungutes Gefühl beschlich ihn. Vielleicht war es keine so gute Idee gewesen, sich ausgerechnet mit der Tochter des Portiers einzulassen. Obwohl Alfons weniger das Problem war, er mischte sich nicht in die Beziehung seiner Tochter ein. Die Mutter, Hildegard Sonnbichler, dafür umso mehr. Auch jetzt stand sie in der Küchentür und hatte die ganze Szene beobachtet. Als Marie aus der Küche stürmte, rief ihre Mutter ihr hinterher: „Robert hat dich gar nicht verdient, meine Kleine.“

Laura und Alexander hatten in der Zwischenzeit den „Fürstenhof“ hinter sich gelassen. Ein merkwürdiges Schweigen lag zwischen ihnen. Laura wusste, dass sie diesen Mann liebte, ohne zu begreifen, weshalb. Als hätte Alexander ihre Gedanken erraten, drehte er sich um. Lange sahen sie sich an. Sie spürte, dass er etwas sagen wollte, doch er schwieg.

„Wohin führst du mich?“, fragte Laura schließlich.

„Vertrau mir“, antwortete er.

„Dann muss ich also keine Angst haben, dass wir uns verirren?“

Spürte er, welche Bedeutung in dieser Frage lag? Alexander nahm Laura an der Hand und zog sie in den dichten Wald, der direkt vor ihnen lag. Als Laura über eine Baumwurzel stolperte, fing Alexander sie auf. Und sofort war alles wieder zum Greifen nahe, der Zauber, der über ihrer Begegnung, lag, die schicksalhafte Bestimmung. Verzehrte sich Alexander genauso nach ihr? Und wenn ja, warum war er dann so still? Doch vielleicht war es besser, einfach den Augenblick zu genießen. Wichtig war nur, dass der Mann, der dieses Gefühl in ihr weckte, von dem sie nicht gewusst hatte, dass es existierte, bei ihr war. Alles andere spielte keine Rolle. Alexander zog sie mit sich auf den warmen, weichen Waldboden.

Laura schloss die Augen. „Ich wollte, es gäbe nur diesen Augenblick“, flüsterte sie.

„Ich auch“, murmelte Alexander. Er hielt sie so fest in seinen Armen. „Seltsam, da sitze ich hier mit dir an meinem Lieblingsplatz und weiß nichts von dir. Erzähl mir von dir, ich will alles wissen.“

„Später vielleicht. Lass uns noch ein wenig spazieren gehen.“

Etwas später erreichten sie eine Almwiese, auf der gelber Löwenzahn mit der Sonne um die Wette strahlte. Mitten auf der Wiese stand eine Hütte, an der sich Jugendliche mit Buchstaben und Herzchen verewigt hatten.

„Hast du da auch was reingekritzelt?“, fragte Laura.

Alexander erstarrte. Sein Blick klebte an einem bestimmten Herz auf der Wand, „A + K“ stand darin geschrieben. Laura folgte seinem Blick.

„Leider nirgends ein Herz mit A wie Alexander und L wie Laura …“, setzte sie an.

Alexander unterbrach sie: „Du hast gefragt, warum ich nicht im Park war.“

Laura erstarrte, böse Ahnungen erfüllten sie. Aber wollte sie wirklich den Zauber dieses Tages zerstören? Kurz entschlossen legte sie einen Finger auf seine Lippen. Auch er berührte ihren Mund und fuhr sacht darüber. Die Sehnsucht schlug über ihr zusammen; sie begehrte ihn so sehr. Doch das Unausgesprochene stand zwischen ihnen. Mit aller Kraft riss sie sich von Alexander los. Was auch immer ihn zurückhielt, er musste es selbst klären, sie jedenfalls würde ihn nicht unter Druck setzen. Hand in Hand wanderten sie weiter. Die grandiose Pracht der Berge schien ihre unfassbaren Gefühle zu spiegeln.

Laura war tief in Gedanken versunken, als sie später allein zum Hotel zurückging. Beinahe wäre sie über die schluchzende Marie Sonnbichler gestolpert, die zusammengekauert auf einer Treppenstufe saß und hemmungslos weinte. Bisher hatte Laura die junge Frau nur von weitem gesehen, im Souvenirladen des „Fürstenhofs“, in dem Marie arbeitete.

„Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte sie. Die Unglückliche zeigte keine Reaktion. Also setzte Laura sich neben sie und legte ihr einen Arm um die Schulter. Nun brach es aus Marie heraus: Sie erzählte von Robert, der sie einfach nicht so liebte wie sie ihn; und von Hildegard, ihrer Mutter, die sich in alles einmischte. Laura hörte zu und reichte Marie nur ab und zu ein neues Taschentuch. Irgendwann war die Packung leer.

„Das ist jetzt mein letztes“, sagte Laura sanft. Marie sah sie mit verheulten Augen an und begann zu kichern.

„Ich hab’ dir sogar die Schulter nass geweint“, stellte sie fest. Aber dann wurde sie wieder ernst. „Danke“, sagte sie.

Und Laura wusste, dass sie soeben eine Freundin gefunden hatte.

Laura konnte natürlich nicht ahnen, was sich gerade im Büro des Hotels abspielte. Robert stürmte herein und knallte seinem Bruder Lauras Arbeitszeugnis auf den Schreibtisch. „Es ist eindeutig gefälscht! Die Mahler ist eine Betrügerin!“, tobte er.

Alexander saß wie vom Donner gerührt. Laura – eine Betrügerin? Ausgerechnet diese Frau, die ihn so tief berührt hatte? Das konnte einfach nicht sein. Aber das Arbeitszeugnis war eindeutig eine Fälschung, da hatte Robert Recht.

„So jemand will ich nicht in meiner Küche haben“, brüllte sein Bruder.

Trotz der Enttäuschung blieb Alexander in diesem Punkt hart. „Wenn du sie nicht willst, bekommst du gar keine Küchenhilfe!“

Robert verließ Türen knallend das Büro.

„Gut, dass wir einen Moment Zeit haben“, sagte Charlotte zu ihrem Mann, der sich gerade eine Tasse Tee einschenkte. „Es sind nur noch zwei Tage bis zur Verlobung von Alexander. Und es gibt so viel vorzubereiten.“

„Keine Sorge, es wird ein perfektes Fest werden“, beruhigte Werner sie.

„Und ein perfektes Paar“, fügte Charlotte hinzu. „Ich bin so froh, dass Alexander endlich Ernst macht. Katharina ist eine wunderbare Frau …“

„Deren Eltern eine florierende Hotelgruppe besitzen.“ Ergänzte Werner grinsend. Charlotte lächelte ihren Mann halb belustigt, halb vorwurfsvoll an. Da klopfte es an der Tür, und Cora Franke steckte ihren Kopf ins Zimmer. Charlotte Saalfeld zog sich sofort zurück. Sie hatte keine Lust, ständig über Geschäfte zu sprechen.

Die PR-Managerin unterbreitete Werner Saalfeld einen reizvollen Vorschlag: „Wenn du das Grundstück schon nicht kaufen willst, dann sollten wir wenigstens eine Fusion des Fürstenhofes mit der Klinker-Emden-Hotelgruppe ins Auge fassen! Deren Chefin ist ja die zukünftige Schwiegermutter von Alexander. Sie will sich ohnehin zurückziehen, und wer wäre besser als Hoteldirektor geeignet als dein Ältester?“

Werner war begeistert von Coras Idee.

Hildegard Sonnbichler traute ihren Augen kaum, als ein Mädchen die Küche betrat und sich als Laura Mahler, die neue Küchenhilfe, vorstellte. Oft genug hatte Hildegard sich bei Robert Saalfeld darüber beklagt, dass sie bei der Küchenarbeit dringend Unterstützung bräuchte. Aber dieses Mädchen sah eher aus, als würde es unter dem ersten schweren Topf zusammenbrechen.

Kurze Zeit später nahm Hildegard einen Anruf entgegen: Laura solle zum Juniorchef kommen.

„Schon unterwegs!“, sagte die neue Küchenhilfe mit einem strahlenden Lächeln. Was die Portiersfrau vollends ratlos zurückließ.

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