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Ein neuer Anfang?

1. KAPITEL

Adam Blacks graue Augen glänzten hell wie das Meer, wenn im Winter die Sonne darauf schien. „Weshalb haben Sie mich herbestellt, Vaughn?“ fragte er sanft.

Der Alte im Rollstuhl blickte zu dem großen, dunkelhaarigen Mann auf, der den Raum beherrschte. „Ich hasse es, jemanden um einen Gefallen bitten zu müssen“, antwortete er schroff. „Sogar wenn es sich um dich handelt.“

„Dann sind wir quitt. Ich hasse es, anderen einen Gefallen zu erweisen.“ Adams harte Miene wurde etwas weicher. Er musste zugeben, dass Vaughn einen unbeugsamen Charakter besaß. Darin waren sie sich ähnlich. „Trotzdem mache ich in Ihrem Fall eine Ausnahme. Worum geht’s denn?“

Der alte Mann schwieg. „Erinnerst du dich an meine Enkelin Kiloran?“ fragte er dann. „Sie leitet Lacey’s. In letzter Zeit hat es Probleme gegeben. Große Probleme sogar.“

Kiloran? Adam überlegte. Ah, jetzt erinnerte er sich. Er sah ein Mädchen mit Zöpfen und grünen Augen vor sich. Trotz ihrer fleckigen Jeans und der Zöpfe war sie eine kleine Prinzessin gewesen. Denn die Laceys hatten zu den Reichen gehört, während er arm gewesen war.

„Ja, ich kann mich undeutlich an sie erinnern. Damals war sie noch ein Kind. Neun Jahre alt vielleicht. Oder zehn.“

„Dann ist es sehr lange her. Sie ist kein Kind mehr, sondern eine erwachsene Frau von sechsundzwanzig.“

Vaughn wirkte jetzt sentimental. „Ihre Mutter erinnerst du bestimmt. Jeder weiß, wer Eleanor ist.“

Als der Alte diesen Namen nannte, fiel Adam ein längst vergessenes Erlebnis wieder ein. Er hatte es, wie so vieles, all die Jahre verdrängt. Vaughns Worte erwiesen sich als der Schlüssel zu seinem Innern.

„Ja, an Eleanor kann ich mich gut erinnern“, sagte Adam nachdenklich.

Er war damals achtzehn gewesen. Groß, schlank, muskulös und sonnengebräunt. Der Sommer war heiß gewesen. Eigentlich zu heiß, um den ganzen Tag lang schwere Kisten auf Laster zu laden. Aber das war damals sein Job gewesen. Mit Hilfe dieses Jobs hatte er das schlimmste Tief überwunden, das er je hatte durchstehen müssen. Es schien ihm eine halbe Ewigkeit her zu sein!

Eleanor musste damals etwa vierzig gewesen sein. Oder etwas älter? Vielleicht auch jünger? Schwer zu sagen bei Frauen in dem Alter. Eins war sie jedoch ganz sicher gewesen: eine Frau, nach der sich die Männer umdrehten.

Ging Eleanor vorbei, legten die Männer im Lagerhaus eine Pause ein und blickten ihr lüstern nach. Sie kam oft wie zufällig in der Fabrik vorbei, nur mit engen Jeansshorts und einem noch engeren T-Shirt bekleidet, das über ihren Brüsten spannte. Die schöne Witwe, die man auch die Schwarze Witwe hätte nennen können, wenn ihr Haar nicht blond gewesen wäre.

Adam hörte sich schweigend an, was die Arbeiter über sie redeten: Eleanor spielte gern mit den Männern. Sie anzusehen war erlaubt, mehr nicht. Hände weg von Eleanor! Ihre soziale Stellung schützte sie. Sie war die Tochter des Chefs.

Eleanor wusste um die Macht ihrer Sexualität. Ihre starke, unverkennbar erotische Ausstrahlung war in jenen heißen Sommernächten sicher der Stoff für viele sexuelle Fantasien.

Nur er träumte nicht von ihr.

Irgendetwas an ihr stieß ihn ab. Er wich ihren verführerischen Blicken aus. Vielleicht erinnerte sie ihn zu stark an das, was er zu Hause erlebt hatte.

Ihr war er sofort aufgefallen. Weil er anders war als die anderen. Intelligenter, kräftiger, größer und durchtrainierter. Außerdem sah er besser aus als die fest angestellten Lagerarbeiter, und er blickte ihr nicht nach. Manche Frauen liebten eben gerade die Herausforderung.

Eleanor hatte gewartet, bis sein Vertrag bei Lacey’s beinah abgelaufen war. Erst eine Woche vor seinem letzten Arbeitstag machte sie sich an ihn heran. Vermutlich wollte sie das Risiko vermeiden, sich zu langweilen oder ihren Vater zu verärgern. Denn Vaughn achtete strikt darauf, dass alle die Regeln einhielten. Abgesehen davon, dass er zu jung für sie war, war Adam als mittelloser Spross einer Familie aus dem Armenviertel in keiner Hinsicht etwas für Vaughns Tochter.

Doch Eleanor hatte ihre eigenen Vorstellungen.

An einem sehr heißen Sommertag, als der Boden unter den Füßen brannte, brachte sie ihm eine Flasche Bier mit. Es war das erste Mal, dass er Alkohol trank. Aber der Tag war zu heiß, das kühle Nass zu verlockend, und als er es getrunken hatte, fühlte er sich kühner als vorher. Trotzdem wahrte er Abstand. Eleanor saß in der Scheune im Heu und bedeutete ihm, sich neben sie zu setzen.

„Komm her zu mir“, forderte sie ihn auf.

„Mir gefällt es hier“, antwortete er.

Sie war es gewohnt, ihren Kopf durchzusetzen, und so ignorierte sie seine Worte. Denn sie wusste genau, was sie wollte: ihn.

An diesem Tag trug sie eine kurze geblümte Bluse. Als sie die Knöpfe einen nach dem anderen aufzuknöpfen begann, stand Adam wie erstarrt vor ihr.

Vielleicht hätte kein anderer Mann auf der Welt ihr großzügiges Angebot ausgeschlagen, aber er war eben nicht wie die anderen. Er hatte erlebt, wohin Charakterschwäche und Exzesse führen konnten.

Weder Eleanor noch er sprachen auch nur ein Wort. Er nahm einfach sein Jeanshemd, bedankte sich für das Bier und schlenderte zurück nach draußen, wo die Sonne erbarmungslos brannte. Eleanors frustrierten Blick hatte er nicht gesehen, nur gespürt. Es war das erste Mal, dass ihm so etwas passiert war, aber nicht das letzte.

Jetzt sah er Vaughn kühl an. „Ja, ich erinnere mich an deine Tochter. Wie ist es ihr denn seither ergangen?“

Vaughn lachte. „Sie hat genau das getan, was sie wollte: einen Millionär geheiratet. Mit dem ist sie nach Australien ausgewandert.“ Er zuckte die Schultern. „Sie wünschte sich ein besseres Leben.“

„Und Kiloran ist hier geblieben?“

Vaughn nickte. „Erst ging sie mit ihrer Mutter nach Australien, aber sie war schon bald wieder zurück. Das hier fehlte ihr.“ Er blickte sich stolz um. „Sie hängt ebenso sehr daran wie ich. Ein Haus zu lieben und eine Firma zu führen sind allerdings zwei verschiedene Dinge. Ich war dumm genug, zu glauben, dass sie die Geschäftsleitung ohne weiteres übernehmen könnte, weil sie etwas Erfahrung in dem Beruf gesammelt hatte. Leider hat es für so ein großes Projekt nicht gereicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Sie hat mich um den Finger gewickelt! So, wie sie es noch mit jedem Mann geschafft hat. Denn Kiloran weiß immer alles besser.“

Adam verkniff es sich, das Offensichtliche auszusprechen. Sie hatte sich geirrt, was die Firma ihres Großvaters anging.

„Du hast doch gesagt, dass du im Moment eine Pause zwischen zwei Jobs machst“, sagte Vaughn unwirsch. „Theoretisch hast du also Zeit.“

„Hm.“ Adam sah aus dem Fenster auf den Garten, der wie ein Park angelegt war und sich bis zum Horizont erstreckte. Als Kind waren ihm das Herrenhaus und der Besitz der Laceys wie eine andere Welt erschienen. Eine Welt, die ihm verschlossen geblieben war. Inzwischen gehörte er allerdings selbst dazu.

Seit er damals den Sommerjob bei Lacey’s gehabt hatte, war er nicht mehr hier gewesen. Weder im Herrenhaus noch in dem einfachen Reihenhaus, in dem er aufgewachsen war. Nun wollte es das Schicksal, dass sich die beiden Welten berührten. Ob es ein Fehler gewesen war zurückzukommen?

„Ja, das stimmt“, bestätigte Adam. „Mein neuer Job beginnt erst im nächsten Monat.“

Vaughn straffte sich. „Ich möchte, dass du Lacey’s wieder zu dem machst, was es einmal war, Adam. Wenn es überhaupt jemand schaffen kann, dann du. Wenn ich sterbe, sollen mein guter Ruf und die Firma weiter bestehen. Um Kilorans willen. Wirst du das für mich tun?“

Adam runzelte die Stirn. „Was wird Kiloran davon halten? Wenn sie im Moment die Geschäfte führt, wird sie sich kaum etwas von mir sagen lassen. Oder willst du sie aus dem Weg haben? Hast du vor, sie hinauszuwerfen?“

Vaughn lachte. „Kiloran hinauswerfen? Eher würde ich den Teufel selbst einstellen, als ein solches Risiko einzugehen!“

„Wenn die Dinge so schlecht stehen, wie du annimmst, und du Resultate sehen willst, muss ich aber hart durchgreifen.“

Der Alte lächelte. „Sei so hart, wie du willst! Vielleicht habe ich Kiloran in der Vergangenheit zu viel durchgehen lassen. Zeig ihr, wer das Sagen hat, Adam. Das braucht sie. Sie ist ein eigenwilliges kleines Ding.“

Adam überdachte schweigend, was der Alte offenbar von ihm erwartete. Er wusste, dass ihm, Adam, was Durchsetzungsfähigkeit anging, niemand das Wasser reichen konnte. Wollte Vaughn ihn benutzen, um seine Enkelin aus ihrer Machtposition zu verdrängen? Hatte er sich an ihn gewandt, damit er ihm diesen unangenehmen Job abnahm?

Aber dann verdrängte Adam den Gedanken. Persönliches, Intrigen und Hintergedanken spielten keine Rolle. Es gab immer Fakten, und an die würde er sich halten. Egal, ob Kiloran eine Kopie ihrer Mutter war und ihren Sex-Appeal nutzte, um sich durchzusetzen. Ebenso wie ihre Mutter würde sie bald herausfinden, dass er nicht zu den Männern gehörte, die sie um den Finger wickeln konnte. Von nun an würde er entscheiden, was zu tun war. Passte es ihr nicht, hatte sie eben Pech gehabt.

Vaughn nickte zufrieden und drückte auf die Klingel an der Seite seines Rollstuhls. Kurz darauf erschien eine Frau mittleren Alters, ein Tablett mit zwei Gläsern und einer Flasche Champagner in den Händen.

„Ah, Miriam! Schenk doch bitte Mr. Black ein!“ sagte Vaughn.

Adam amüsierte sich insgeheim. Also hatte der Alte fest damit gerechnet, dass er ihm den Gefallen tun würde! Warum auch nicht? Schließlich hatte Vaughn Lacey ihm damals auch aus der Patsche geholfen, als er in Schwierigkeiten gewesen war. Er beobachtete, wie Miriam geschickt die Flasche öffnete. Sie trug ein schwarzes Kleid mit weißem Kragen, offenbar eine Art Uniform. Wie altmodisch! Seit Jahren hatte er keine Dienstboten in Uniform mehr gesehen. Allerdings hatte er ja auch in Amerika gelebt, wo auf Klassenunterschiede nicht so viel Wert gelegt wurde wie in England.

Dann fiel ihm ein Stich von Augustus John auf, der an der Wand gegenüber hing und sicher zwei Millionen Pfund wert war. Er fragte sich, inwieweit die Familie Lacey vom Erfolg der Vergangenheit zehrte. Ob sich Vaughn und seine Enkelin wohl anpassen konnten, wenn sich herausstellte, dass sie sich würden einschränken müssen?

Dies war jedoch nicht der passende Moment für solche Fragen. Adam nahm Miriam die Drinks ab. Sobald sie den Raum verlassen hatte, reichte er dem alten Herrn ein Glas und stieß mit ihm an.

„Auf den Erfolg von Lacey’s“, sagte er und fragte sich, worauf, zum Teufel, er sich eingelassen hatte.

Vaughn lächelte angespannt. „Ich lasse Kiloran holen.“

2. KAPITEL

Kiloran strich nervös ihr Kleid über den Hüften glatt. Der Flur, der zum Vorstandszimmer führte, schien unendlich lang. Dabei ging sie hier jeden Tag mehrmals entlang. Weshalb also plötzlich die Unsicherheit?

Ihr Großvater hatte sie angerufen und zu sich bestellt. Unverzüglich. Es hatte sich mehr nach einem Befehl als nach einer Bitte angehört, und er hatte angespannt und kurz angebunden geklungen. Ganz anders, als sie es von ihm gewohnt war.

Wollte er ihr mitteilen, dass sie als Geschäftsführerin versagt hatte? Dass sie die Gläubiger informieren sollte, weil sie die Firma und alles, was daran hing, aufgeben mussten?

Kiloran spürte, wie ihre Hände feucht wurden, als sie die Tür zum Vorstandszimmer aufstieß. Dann sah sie, dass ihr Großvater nicht allein war, und das brachte sie aus dem Gleichgewicht.

Der Mann, der neben ihrem Großvater stand, taxierte sie ungeniert von Kopf bis Fuß. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu und sah schnell wieder weg. Er gehörte zu jenen Männern, bei deren Anblick einer Frau der Atem stockte. Doch seine Miene verhieß nichts Gutes.

Kiloran wandte sich an den alten Mann im Rollstuhl. „Du wolltest mich sprechen, Großvater?“

„Ah, Kiloran“, sagte er leise. „Dies ist Adam. Adam Black. Erinnerst du dich an ihn?“

Sie überlegte einen Moment. Adam. Adam Black?

Natürlich erinnerte sie sich an ihn!

Sicher, sie war damals noch jung gewesen. Doch manche Männer hinterließen einen unauslöschlichen Eindruck, und sie war in einem Alter gewesen, in dem man für Eindrücke besonders empfänglich war. In dem Alter, in dem man Geschichten von tapferen Rittern las, die unglückliche Heldinnen in Not retteten und sie einem nicht näher genannten, aber sicher angenehmen Schicksal zuführten.

Adam Black hätte die perfekte Besetzung für so eine Rolle abgegeben, und sie war nicht die Einzige gewesen, die das gedacht hatte. Immer wieder hatten kleine Grüppchen von Arbeiterinnen eine Ausrede gefunden, um zur Laderampe der Firma zu gehen und einen Blick auf den kräftigen jungen Mann zu werfen, der anscheinend mühelos schwere Seifenkartons in die Lastwagen lud. Hatte nicht sogar ihre Mutter Bemerkungen darüber fallen lassen, was für ein gut aussehender Junge dort arbeitete?

Deshalb konnte Kiloran sich sehr gut an Adam Black erinnern. Sie wandte sich um und betrachtete ihn.

Obwohl die Zeit nicht spurlos an ihm vorübergegangen war, sah er sogar noch besser aus als damals. Er war schlank, durchtrainiert und leicht gebräunt. Sein Haar war immer noch pechschwarz und so dicht wie eh und je. Nur die Schläfen zierten erste silbergraue Strähnen. Die grauen Augen blickten wachsam. Er wirkte nicht unfreundlich, aber auch nicht gerade wohlwollend. Und er trug einen tadellosen schwarzen Anzug, als wäre er aus beruflichen Gründen gekommen.

Kiloran erinnerte sich an einen jungen Mann mit nacktem, sonnengebräuntem Oberkörper, der ausgeblichene Jeans trug. Es fiel ihr schwer, ihn mit dem Mann in Verbindung zu bringen, der jetzt vor ihr stand und wie ein erfolgreicher Geschäftsmann wirkte.

Was, in aller Welt, wollte er hier?

Plötzlich wusste sie, warum der Name Adam Black ihr so bekannt vorkam. Nicht nur, weil dieser Mann einen Sommer lang harte körperliche Arbeit für ihren Großvater verrichtet hatte.

Adam Black, der Adam Black, befand sich hier in ihrem Vorstandszimmer? Der Mann, der in den Wirtschaftsmagazinen „Der Hai“ genannt wurde, weil er so kühl und unnachgiebig war? Jetzt war sie noch erstaunter als zuvor. Und verwirrt. Wie jeder, der etwas mit Wirtschaft zu tun hatte, hatte sie Berichte über Adam Black gelesen. Sein Name wurde immer mal wieder im Zusammenhang mit Fusionen oder bei Firmenübernahmen erwähnt. Auch in den Klatschspalten tauchte er regelmäßig auf. Da er sehr fotogen war, liebten ihn die Pressefotografen ebenso sehr wie die Frauen. Durfte man den Boulevardblättern glauben, so hatte er schon viele Frauen geliebt und wieder verlassen. Oder vielleicht nicht unbedingt geliebt. Verlassen schon eher.

Warum also war dieser Mann hier? Kiloran sah ihn verwirrt an.

„Du erinnerst dich?“ fragte Vaughn. „Meine Enkelin Kiloran.“

Adam nickte ihr kurz zu. „Es ist schon lange her.“

Sehr lange, dachte er. Die Frau, die ihm jetzt gegenüberstand, hatte kaum Ähnlichkeit mit dem Mädchen mit den Zöpfen. Sie trug ein Kleid, das ebenso dunkelgrün war wie ihre Augen, und ihre langen Beine zeichneten sich durch den dünnen Stoff ab. Aber selbst so großartige Beine konnten nicht von ihren vollen Brüsten ablenken.

Sie trug das blonde Haar in einem festen Knoten im Nacken. Es war das Haar ihrer Mutter. Auch die Augen waren die gleichen. Jedenfalls hatten sie dieselbe Farbe. Damit hörte die Familienähnlichkeit jedoch auf. Denn Kiloran sah ihn nicht verführerisch und anzüglich an wie ihre Mutter damals, sondern erwiderte seinen Blick kühl und abschätzend. Das war allerdings nur ein erster Eindruck. Frauen trugen so viele Masken. Wer konnte schon sagen, was für eine Frau Kiloran Lacey tatsächlich war?

Aber zumindest äußerlich wirkte sie perfekt.

Ihre Haut war zart und makellos und bildete einen lebhaften Kontrast zu den grünen Augen. Die vollen Lippen luden zum Küssen ein. Ja, Kiloran Lacey war eine Frau, deren Schönheit in einem früheren Jahrhundert Scharen von Malern anzogen hätte.

Sie blickte ihn abwartend und ein wenig ablehnend an, ganz so, als hätte er kein Recht, hier zu sein. Adam fand ihren leichten Schmollmund sehr anziehend, und ihre Haltung weckte sein Interesse. Lag es daran, dass Kiloran nicht lächelte? Die meisten Frauen versuchten sofort, mit ihm zu flirten. Diesmal war es anders.

„Guten Tag“, grüßte er.

„Würde wohl jemand so gut sein, mir zu erklären, was hier vorgeht?“ fragte Kiloran gelassen. „Ich verstehe nicht ganz, warum Sie gekommen sind, Mr. Black.“ Sie lächelte höflich.

„Nennen Sie mich doch Adam.“ Er erwiderte das Lächeln. „Bitte.“

Seine überlegene Haltung und die arrogante Selbstsicherheit brachten Kiloran langsam, aber sicher auf die Palme. Wie konnte er es wagen, aufzutreten, als hätte er jedes Recht, den Ton anzugeben und so zu tun, als wäre sie überflüssig! Sie hätte ihn gern wesentlich unhöflicher angeredet als mit dem Vornamen!

Doch sie atmete tief durch und sagte kühl: „Guten Tag, Adam. Was für eine Überraschung!“

„Ich habe Adam gebeten, den vollen Umfang der Unterschlagung festzustellen“, verkündete ihr Großvater.

Unterschlagung. So ein schreckliches Wort. Dass es die Wahrheit war, machte es nicht leichter. Es hatte nur eines redegewandten Buchhalters bedurft, der ihr einen Haufen überzeugender Lügen auftischte, um sie hereinzulegen.

„Du weißt, dass ich bereits daran arbeite!“ protestierte Kiloran.

„Ja, aber Sie sind persönlich in die Sache verstrickt“, erklärte Adam. „Deshalb ist es leider nicht ganz so einfach.“

Ungläubig sah sie ihn an. „Wollen Sie damit andeuten, ich hätte meine eigene Firma bestohlen?“

„Nein, natürlich nicht“, antwortete er höflich. „Aber im Gegensatz zu mir wären Sie nicht imstande, sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen und dabei unvoreingenommen zu bleiben.“

„Ich fürchte, da unterschätzen Sie mich!“ erwiderte sie hitzig.

Sein Blick sagte ihr deutlich, dass Adam anderer Meinung war.

„Am besten lasse ich euch beide jetzt allein.“ Ihr Großvater steuerte mit seinem Rollstuhl zur Tür.

Kiloran nahm kaum Notiz davon, dass er den Raum verließ. Sie war aufgebracht wie selten zuvor. Vor lauter Ärger atmete sie so heftig, als wäre sie gerannt. Mit jedem Atemzug hoben und senkten sich ihre Brüste unter dem dünnen Kleid.

Adam wünschte, er würde eine höhere Stellung bekleiden als sie. Dann hätte er ihr befehlen können, eine Jacke überzuziehen. Doch mit welcher Begründung? Weil ihn der Anblick ihrer Brüste zu sehr ablenkte? Weil ihr Haar zu blond und ihre Lippen zu einladend waren? Weil ihre helle Haut zu schade war, um sie mit etwas anderem als den Lippen eines Mannes zu bedecken?

Stattdessen lächelte er kühl. Dieses Lächeln wäre jedem, der ihn kannte, eine Warnung gewesen. „Ihr Großvater hat mich gebeten, die finanzielle Situation der Firma zu überprüfen“, sagte er unverblümt. „Ich habe mir die Zahlen schon einmal angesehen.“

Kiloran betrachtete ihn schweigend. „Und?“

Sein Blick war kalt. „Ich vermute, dass es noch schlimmer um die Firma bestellt ist, als ich zunächst gedacht hatte.“ Adam machte eine Pause, damit sie den Ernst der Lage erkannte. Doch dann fiel ihm ein, wie freundlich Vaughn zu ihm gewesen war. Schließlich war diese junge Frau Vaughns Enkelin. Also rang er sich ein Lächeln ab. „Ich fürchte, wir müssen hier einiges ändern.“ Wieder herrschte Schweigen, bevor er zum letzten, entscheidenden Schlag ausholte. „Wenn kein Wunder geschieht, werden Sie Konkurs anmelden müssen, Kiloran!“

3. KAPITEL

Wenn kein Wunder geschieht, werden Sie Konkurs anmelden müssen, Kiloran!

Adam Black betrachtete sie kühl und herausfordernd. Kiloran hielt seinem Blick stand, aber es fiel ihr schwer, sich nicht von seinem guten Aussehen ablenken zu lassen.

„Übertreiben Sie da nicht ein wenig?“ erwiderte sie ungerührt.

Ihr überheblicher Gesichtsausdruck ärgerte ihn. Doch Adam ließ es sich nicht anmerken und nahm einen Stapel Papiere aus seiner Aktentasche. „Nehmen Sie Platz, Kiloran!“ Sein Tonfall ließ ihr keine Wahl.

„Danke.“ Unverschämter Kerl! Er brachte es fertig, dass sie sich in ihrem eigenen Vorstandszimmer wie eine Fremde fühlte.

Adam setzte sich neben sie. „Sie meinen also, dass ich übertreibe? Haben Sie diese Akten denn nicht durchgesehen?“

„Natürlich habe ich das getan!“

„Wie können Sie dann bezweifeln, dass die Dinge sehr schlecht stehen?“

„Halten Sie mich für so dumm?“

Er lächelte sarkastisch. „Darf ich Ihnen einen Rat geben? Stellen Sie niemals eine so offene Frage. Es ist eine Einladung, einfach Ja zu sagen.“

„Dann sagen Sie es doch! Ich habe keine Angst vor Ihrer Antwort“, erwiderte Kiloran stolz.

Adam seufzte ungeduldig, obwohl sie fantastisch aussah, wenn sie das Kinn hob und ihn mit ihren grünen Augen anblitzte. Genau diese Situation ergab sich immer, wenn er eine Firma beriet, die sich in Familienbesitz befand. Die Manager benahmen sich, als würde ihnen das Ganze gehören. Was genau genommen ja auch stimmte. Wäre Kiloran eine Angestellte gewesen, egal in welcher Position, hätte er ihr befohlen, nicht länger seine Zeit zu verschwenden, sondern den Mund zu halten und ihm zuzuhören.

„Wenn ich Ihnen überhaupt einen Vorwurf machen würde, dann den des Missmanagements“, sagte er. „Dummheit würde voraussetzen, dass Sie sich hätten beraten lassen und den Rat ignoriert hätten. Ich gehe davon aus, dass es nicht so war.“ Er runzelte die Stirn. „Oder doch? Hat jemand Sie gewarnt, dass Ihr Hauptbuchhalter Firmengelder für den eigenen Bedarf auf Schweizer Bankkonten verschoben hat, Kiloran?“

„Natürlich nicht!“

„Und Sie haben nichts gemerkt?“

Jetzt kam sie sich wirklich dumm vor. Sehr sogar. „Offensichtlich nicht!“

„In der Tat.“ Er betrachtete sie nachdenklich. „Wie konnte es denn passieren? Haben Sie ein Auge zugedrückt? Oder haben Sie sich gar nicht um die Finanzen gekümmert?“

Kiloran kochte insgeheim vor Zorn. Adam Black gab ihr das Gefühl, ein Dummkopf zu sein, und das war sie nicht. Sie wusste, dass sie sich in dem Hauptbuchhalter geirrt hatte. Das war ein großer Fehler gewesen. Aber sie sah nicht ein, warum sich dieser überhebliche Mensch die Freiheit herausnahm, sich ein Urteil über sie zu erlauben! Dabei kannte er sie gar nicht. Die Art, wie er sie kühl und berechnend musterte, grenzte an Frechheit! Leider brachte es sie auch aus dem Gleichgewicht.

„Sie stellen viele Fragen, Mr. Black …“

Und er fand, dass sie den Antworten sehr geschickt auswich. Ob sie etwas zu verbergen hatte? „Hatten wir uns nicht auf ‚Adam‘ geeinigt, Kiloran?“

„Wenn Sie darauf bestehen.“

„O ja, das tue ich!“ Einen Moment lang wirkten seine harten Züge weicher.

Er amüsiert sich über mich, dachte Kiloran und schluckte. Sie wusste nicht weiter, und das war ein ungewohntes Gefühl. Männer verunsicherten sie gewöhnlich nicht. Nicht einmal solche, die so gut aussahen wie Adam Black. Obwohl sie noch nie jemandem begegnet war, den eine solche Aura der Macht und des Erfolgs umgab wie ihn.

Allerdings sah sie nicht ein, warum sie sich davon einschüchtern lassen sollte. „Vielleicht ist es an der Zeit, dass Sie mir einige Fragen beantworten, Adam!“

Die Art, wie sie die rosigen Lippen verzog, irritierte ihn maßlos. Kiloran wagte es tatsächlich, ihm die Stirn zu bieten! Hatte sie immer noch nicht begriffen, wie wackelig ihre Position war? Wie viele Menschen ihretwegen ihren Job verlieren würden? Oder dachte sie nur an sich, diese verwöhnte, reiche junge Frau?

Adam beschloss, auf sie einzugehen. Wenn er ihr das Gefühl vermittelte, dass sie sich in Sicherheit wiegen konnte, würde sie sich vielleicht verraten. „Was möchten Sie denn wissen, Kiloran?“ fragte er mit einem charmanten Lächeln.

Kiloran ließ sich nicht beirren. „Warum hat mein Großvater sich an Sie gewendet?“

Er runzelte die Stirn. „Ist das nicht offensichtlich?

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