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Ein letzter Gruß

Reiner Sörries

Ein letzter Gruß

Die neue Vielfalt der Bestattungs- und Trauerkultur

Butzon & Bercker

Inhalt

Vorwort

I. Wandel der Bestattungskultur

II. Gender und Diversity auch am Lebensende?

III. Gender

Bestattung in Frauenhänden

Friedhöfe für Frauen

Männer trauern anders

Genderspezifische Aspekte der anonymen Bestattung

Friedwald und Gender

Geschlechtersensibler Umgang mit Pflegebedürftigen und Sterbenden

Frau und Tod

IV. Sex

Schwule Bestattungs- und Trauerkultur

Impulse aus der AIDS-Szene

Kritik an der bürgerlichen Trauerkultur

Öffentliches Gedenken

V. Age

Bestattungswünsche älterer Menschen

Bestattung von Früh- und Totgeburten

Differenzierung des Gedenkens für Frühverstorbene

Orte des Sterbens

VI. Handicap

VII. Social Status

Solidarisch mit den Außenseitern

Der Gedenkbaum Hinz&Kunzt

Unentgeltliche Bestattung

VIII. Culture und Religion

Transkulturelle Pflegekonzepte

Religiöse und ethnische Identitäten

Differenzierung der kirchlichen Traueragenden

Grab und Wallfahrtsort

IX. Creating Identities

Gruppengräber

Beliebte und unbeliebte Gruppen

Politische Trauer

X. Medien

Die Generation der Kommunikationsgesellschaft

Digital Natives

Sterben vor laufender Kamera

XI. Timeline

Chronologie der Ereignisse

Megatrends

Die Geschichte von AIDS im Zeitraffer

XII. Fazit

Anmerkungen

Bildnachweise

Vorwort

Jeder trauert anders – diese Stereotype scheint heute die Diskussion um eine angemessene und zeitgemäße Bestattungs- und Trauerkultur zu beherrschen. Richtig daran ist zunächst, dass über diese ehemaligen Tabuthemen seit etwa zehn bis zwanzig Jahren ein lebhafter Diskurs herrscht, wie es ihn zu kaum einer Epoche der Menschheitsgeschichte in ähnlicher Weise gegeben hat. Wie man bestattet und trauert, war durch Tradition und Religion vorgegeben, weshalb es wenig Anlass gab, darüber zu diskutieren.

Das hat sich erst im 20. Jahrhundert geändert, als man begann, die Trauer wissenschaftlich zu erforschen. Sigmund Freud führte den Begriff der Trauerarbeit ein, die notwendig sei, um die Bindung zum geliebten Objekt völlig zu lösen. Gelänge dies nicht, etwa aufgrund bestimmter Verdrängungsmechanismen, so drohten den Trauernden Gefahren für das seelische Wohlbefinden. In den 1970er-Jahren entwickelte die Schweizer Ärztin Elisabeth Kübler-Ross das Modell einer Trauer, die immer in den gleichen Phasen verläuft. Sie hatte diese Phasen in ihren Interviews mit Sterbenden herausgearbeitet, und das Modell wurde auf Trauernde übertragen. Wenig später wurde das Phasenmodell dahingehend korrigiert, dass es nicht linear verlaufe, sondern in Wellen und Schüben; Phasen werden übersprungen oder mehrfach erlebt. Neuerdings jedoch präferieren viele Trauerberater die Tatsächlichkeit höchst unterschiedlich verlaufender Trauerprozesse, die sich nicht kategorisieren lassen. Der amerikanische Trauerforscher George Bonanno hat festgestellt, dass die Zahl jener Trauernden erstaunlich hoch ist, die selbst nach einem schweren Verlust wie dem des Ehepartners eher kurze und milde Trauersymptome entwickeln, und er spricht von Resilienz, einer hohen Widerstandsfähigkeit gegenüber schlimmen Erfahrungen. Nach seinen Untersuchungen sind es 41 %, die gut mit Verlusten umgehen können.

Verändert sich die Trauer oder verändern sich die Betrachtungsweisen der Trauer? Immerhin haben die Forschungen dazu geführt, dass von vielen eine Regellosigkeit der Trauer angenommen wird. Betrachtet man jedoch nicht die psychologische Seite der Trauer, sondern ihre sichtbaren und beschreibbaren Formen, so zeigt sich ein anderes Bild. Menschen trauern keineswegs regellos, sondern orientieren sich an ihrem sozialen und emotionalen Umfeld, in das sie hineingestellt sind, und das Trauerverhalten folgt solchen gruppenspezifischen Bedingungen. Das ist nicht neu, aber es kann aus einem veränderten Blickwinkel neu wahrgenommen werden. In hundert Prozent Todesfällen können nicht hundert Prozent verschiedene Handlungs- und Verhaltensweisen festgestellt werden, sondern es gibt konkrete Szenarien, in denen sich die Trauernden bewegen. Diese Szenarien folgen den Verschiedenheiten der Menschen, durch die sie charakterisiert sind, und es wurden in den letzten beiden Jahrzehnten solche Verschiedenheiten erhoben, die den Menschen ausmachen. Nicht jeder trauert anders, sondern wir trauern im Kontext unserer Verschiedenheit, die uns von vielen unterscheidet, aber mit manchen ähnlich sein lässt. Daraus entstehen gruppenspezifischen Verhaltensweisen, derer wir uns bedienen, um die eigene Identität zu bewahren.

Um solche gruppenspezifische Verhaltensweisen soll es hier gehen, um einerseits die Veränderungen der Bestattungs- und Trauerkultur zu verstehen und andererseits die Notwendigkeit zu unterstreichen, den daraus resultierenden Bedürfnissen gerecht zu werden. Denn unser Bestattungs-, Friedhofs- und Trauerwesen ist immer noch zu eindimensional ausgerichtet, das zahlreichen Verschiedenheiten von Menschen nicht gerecht wird.

Nicht jeder trauert anders, aber jeder trauert verschieden. Während sich aber das jeder trauert anders jeder Regel zu entziehen scheint, können Verschiedenheiten benannt und differenziert werden. Somit haben wir es heute nicht mit einer individuellen Regellosigkeit, sondern mit einer geregelten, allerdings differenzierten Vielfalt zu tun. Diese wahrzunehmen heißt dann, die Veränderungen als Chance für eine zeitgemäße und menschliche Trauerkultur zu begreifen. Insofern schwimmt dieses Buch ein wenig gegen den Strom jener, die Abweichungen von der (bisher) geltenden Norm und Veränderungen als Verfall interpretieren und die so Handelnden gleichzeitig stigmatisieren.

Reiner Sörries, Kröslin im Herbst 2015

I. Wandel der Bestattungskultur

Nicht erst seit heute wird darüber diskutiert, interpretiert, manchmal sogar dämonisiert, was man inzwischen als Wandel der Bestattungs- und Friedhofskultur bezeichnet, nicht selten sogar als dynamischen Wandel, wie es ihn zuvor kaum gegeben hat. Es ist vom Verlust der Pietät die Rede, von einer Neuorientierung im Bestattungsverhalten, die sich ausschließlich an den Kosten orientiert. Man befürchtet gar ein Sterben der Friedhöfe, wie es exemplarisch in dem 2006 erschienenen Büchlein „Friedhof – ade?“ zum Ausdruck kam.1 Vielfach sind die Ursachen durchaus sachlich analysiert worden, und der allgemeine Wandel gesellschaftlicher Prozesse wurde als Auslöser dieser Entwicklung erkannt. Da sind die demografische Entwicklung, die beruflich bedingte Mobilität, der Bedeutungsverlust der Familie oder auch eine erstarkende Autonomie des Individuums, das sich mehr an den eigenen Bedürfnissen als an den gesellschaftlichen Konventionen orientiert. Eine monokausale Ursache darf ebenso wenig angenommen werden, wie eine Patentlösung für die ggf. daraus resultierenden Probleme nicht in Aussicht steht. Das gilt indes nicht nur für das Bestattungswesen, sondern für viele gesellschaftliche Bereiche, in denen Politik, Kulturschaffende, Sozialverbände und Soziologen um die Gültigkeit ihrer Analysen und Zielvorstellungen streiten.

Fragt man danach, wann dieser Wandel der Bestattungskultur mit welchen Folgen eingesetzt hat, so ist es durchaus erhellend, die deutschen Bischöfe zu befragen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten drei Hirtenschreiben zu diesem Thema verfasst haben: 1994, 2005 und 2011. Diese Jahreszahlen markieren entscheidende Wendepunkte, die an ganz konkreten Phänomenen festzumachen sind.

1994 reagierten die Bischöfe mit ihrem Hirtenschreiben „Unsere Sorge um die Toten und die Hinterbliebenen. Bestattungskultur und Begleitung von Trauernden aus christlicher Sicht“2 auf die seit dem Ende der 1980er-Jahre zunehmende sogenannte anonyme Bestattung, die auch als Bestattung unter der grünen Wiese geläufig ist: „Seit Jahrhunderten bestehende Formen der Bestattung und der Begleitung der Angehörigen werden vielen fremd. Ein Zeichen für diese Entwicklung ist die Zunahme der sogenannten anonymen Bestattungen … Die Friedhofs- und Grabmalkultur sucht nach neuen Gestaltungsformen; neben das Erdbegräbnis als tradierte Bestattungsform – und an seine Stelle – tritt in den alten, ganz besonders aber in den neuen Bundesländern, immer mehr die Feuerbestattung; anonyme Bestattungen und Urnen-Beisetzungen auf See sind keine Seltenheit mehr: Mehr und mehr finden Beisetzungen der Verstorbenen in aller Stille und, unter Ausschluß der Öffentlichkeit, nur im engsten Familienkreis statt.“3

2005 ließen die Bischöfe ein weiteres Hirtenschreiben unter der Überschrift „Tote begraben und Trauernde trösten. Bestattungskultur im Wandel aus katholischer Sicht“4 folgen. Während sich die anonyme Bestattung ungeachtet des ersten Hirtenwortes längst etabliert hatte und auch von evangelischen wie katholischen Christen gewählt wurde, war 2001 mit der Eröffnung des ersten deutschen Friedwaldes im Reinhardswald bei Kassel aus Sicht der Bischöfe eine unchristliche Radikalisierung der Bestattungskultur eingetreten: „Die Konzeption des so genannten ,Friedwaldes‘ (freier, unumfriedeter Wald; völlig naturbelassenes Waldgebiet; Unsichtbarkeit des Urnenfeldes; Baumsymbolik; Anonymität; keine Grabpflege – die Grabpflege übernimmt die Natur) lässt zentrale Elemente einer humanen und christlichen Bestattungskultur vermissen.“5 Selbst wenn man diese schroffe Kritik nicht teilt, wird man die nun gegebene Möglichkeit einer Bestattung in der Natur als qualitative Steigerung des Wandlungsprozesses in der Friedhofskultur bezeichnen müssen. Alle, die beruflich mit dem Friedhof zu tun haben, mussten die Bestattung im Wald gar als substanziellen Angriff auf ihre ökonomische Grundlage empfinden. Den Friedhöfen gingen Gräber mit den entsprechenden Grabgebühren verloren, die Steinmetze mussten einen Rückgang an Grabmalaufträgen verkraften und die Friedhofsgärtner bekamen ebenfalls weniger zu tun, denn im Wald übernimmt die Natur die Grabpflege kostenlos.

War bereits mit dem Aufkommen der anonymen Bestattungen die Begrifflichkeit der alternativen Bestattung entstanden, so entwickelten sich erst im Zuge der Naturbestattungen weitere, echte Alternativen von der Luft- bis zur Diamantbestattung. Bis heute haben zwar die Verstreuung der Asche vom Ballon aus oder die Generierung eines Diamanten aus der Asche des Verstorbenen nur einen kaum messbaren Anteil an den Bestattungsarten, aber sie haben unterstützt durch ihre mediale Aufbereitung die Mentalität dahingehend verändert, dass man nun alles für möglich hielt. Selbst die Urne zu Hause war über den halblegalen Umweg über das grenzenlose, benachbarte Ausland und dienstbeflissene Bestatter zu einer Option geworden. Und es entstanden weiterhin sogar echte Alternativen in Gestalt der Urnen- oder Begräbniskirchen. In Aachen und Marl waren 2005 die ersten Kirchen, die man aufgrund der Zusammenlegung von Kirchengemeinden nicht mehr für die Messe benötigte, für die Beisetzung von Urnen geöffnet worden. Damit hatte die katholische Kirche eine Beisetzungsform erfunden, welche die vorausgehende Feuerbestattung voraussetzte, die man bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil 1963 noch für un- und antichristlich gehalten und den Gläubigen verboten hatte.

Dies nahmen die deutschen Bischöfe zum Anlass für ihr drittes Hirtenschreiben zur Bestattungskultur 2011: „Der Herr vollende an Dir, was er in der Taufe begonnen hat. Katholische Bestattungskultur angesichts neuer Herausforderungen.“6 Darin erklärten sie unter anderem, dass und wie sich das Bestattungsverhalten in der Gesellschaft verändert hat: „Die Bestattungskultur unterliegt … einem stetigen Wandel. Neue Formen entstehen, die der Mobilität der Menschen, der zunehmenden Vereinsamung im Alter, dem Rückgang der Religiosität oder auch dem Wunsch, den Nachkommen nicht zur Last zu fallen, geschuldet sind.“7 Weiter verwiesen die Bischöfe auf die nach wie vor als gültig erachtete Haltung, die Körper-Erd-Bestattung sei die menschlich und liturgisch angemessenere Form, doch akzeptierten sie nun die Kremation: „Bei aller kirchlichen Wertschätzung der Bestattung des Leichnams darf dies nicht zu einer pastoralen und liturgischen Abwertung der Feuerbestattung führen.“8

Schließlich formulierten sie eine Rechtfertigung für die Einrichtung der Urnenkirchen aus ökonomischen und theologischen Gründen: „An die Tradition kirchlicher Friedhöfe wird an einzelnen Orten angeknüpft, wenn Kirchen, die vor allem aus finanziellen Gründen nicht mehr gottesdienstlich genutzt werden können, zu Kolumbarien umgewidmet und umgestaltet werden. Sie können vor allem dort sinnvoll sein, wo es keine innerstädtischen Friedhöfe in kirchlicher Trägerschaft gibt. Solche Kolumbarien sind ein augenfälliges Zeichen einer Bestattung in der Nähe der Lebenden. Wenn ausnahmsweise im Kolumbarium die heilige Messe gefeiert wird, machen sie den Zusammenhang zwischen Begräbnis, Totengedenken und Eucharistie in besonderer Weise deutlich.“9

Diese neue Bestattungsmöglichkeit, die erstens nicht neu ist, denn während des Mittelalters war die Bestattung in Kirchen weit verbreitet, und zweitens in der Folge auch in der evangelischen Kirche als sinnvolle Alternative angesehen wurde, macht vollends die mentale Spreizung der Bestattungswünsche in der Bevölkerung deutlich. Schlug das Pendel zunächst in Richtung Natur aus, so erfolgte nur Jahre später die Gegenbewegung in Richtung Kultur. Der eine hält das grüne Dach der Wälder für beruhigend, der andere sucht für die letzte Ruhe das Dach der Kirche. Und irgendwo dazwischen liegen seitdem die Friedhöfe, die ihrerseits nun eine Alternative geworden sind.

Waren bis zu diesen Zeiten die Bestattungsmöglichkeiten in Deutschland durch ein rigides Gesetzeswerk auf die öffentlichen Friedhöfe eingeschränkt, so hält das 21. Jahrhundert nahezu alle Optionen offen. Die Menschen können wählen, wovon sie glauben, dass es ihren Wünschen, Vorstellungen und vor allem auch finanziellen Möglichkeiten entspricht. Mit den Naturbestattungen und den Urnenkirchen, auch mit der Seebestattung, die ebenfalls als weitere Alternative genannt werden kann, und mit den extravaganten Alternativen, die das liberalere Ausland eröffnet, war der ehedem gültige Friedhofszwang an allen Stellen perforiert. Den vorläufigen Schlusspunkt setzte 2014 die Bremer Bürgerschaft, die mit einem neuen Friedhofsgesetz den Friedhofszwang außer Kraft setzte.10 Nach dem Beschluss der Bremischen Bürgerschaft darf die Asche von Toten ab 1. Januar 2015 auch auf Privatgrundstücken oder besonders ausgewiesenen öffentlichen Flächen verstreut werden, wenn der Verstorbene dies zu Lebzeiten schriftlich so verfügt hat.

Innerhalb von zwei Jahrzehnten hatte sich in Deutschland die Bestattungskultur radikal verändert, und dieser Wandel, der von vielen als dynamisch bezeichnet wird, ist noch nicht an sein Ende gelangt. Eine politische Liberalisierung und eine wachsende Ökonomisierung des Bestattungswesens werden im Sinne einer multioptionalen Gesellschaft weitere Alternativen entwickeln. In der Ursachenforschung waren sich die beteiligten Experten von Kirche bis Gewerke nicht immer ganz einig, doch bekunden sie alle die Befürchtung, es handle sich dabei um einen Verlust religiöser und traditioneller Werte, denen man kritisch gegenüberstehen müsse. Dass die beobachteten Phänomene auch Chancen zu einer Neuorientierung bieten, wurde nur von wenigen in Erwägung gezogen. Dass sie sogar die notwendige Folge einer sich Gehör verschaffenden Einsicht in die Verschiedenheit der Menschen in einer säkularen, multireligiösen und individualisierten Gesellschaft sind, blieb aus den Überlegungen ausgeklammert. Noch hatte das, was unter dem Wissenschaftsbegriff der Diversity erörtert wurde, die Öffentlichkeit und erst recht die Diskussion um die Bestattungskultur nicht erreicht. Sie soll im Folgenden als ein Erklärungsmodell für den Wandel im Bestattungs- und Trauerverhalten dienen.

Denn während die Änderungen der Beisetzungsmöglichkeiten eigentlich nur äußerliche Phänomene beschreiben, hat sich viel schwerwiegender ein innerer Mentalitätswandel vollzogen, der die Trauer und ihre Bewältigung fortan bestimmt. Jeder und jede Einzelne denkt, fühlt und handelt nach inneren Einstellungen und Überzeugungen. Es ist schon richtig, dass der Wandel im Trauerverhalten schon von anderen mit einer zunehmenden Individualisierung erklärt wurde, hier soll diese Individualität weiter im Sinne von Verschiedenheit, eben von Diversity, präzisiert werden. Ausdruck von Individualität ist keineswegs ein Handeln gewissermaßen nach Gefühl und Wellenschlag, sondern Verschiedenheit ist von sehr konkreten Faktoren bestimmt. Indem ein Mensch als Mann oder Frau, als Trans- oder Intersexueller geboren wird, er innerhalb einer bestimmten Gruppe sozialisiert sowie beruflich und gesellschaftlich eingebunden ist, letztendlich religiös und weltanschaulich gepolt ist, bestimmt sich danach seine Lebens- und Verhaltensweise. Freilich kann diese durch gesellschaftliche Normen oder durch gesetzliche Regelungen eingeschränkt oder sogar unterbunden werden, doch ändert dies nichts an den grundsätzlichen Bedürfnissen. Fallen jedoch die Einschränkungen sozialer und politischer Natur, so können sie sich entfalten. Genau dies geschieht wie in vielen anderen Lebensbereichen nun auch in der Bestattungs- und Trauerkultur.

II. Gender und Diversity auch am Lebensende?

Gender und Diversity haben als Begrifflichkeiten noch kaum Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden und sind eher noch Themen akademischer Überlegungen und Forschungen. Die damit verbundenen Phänomene hingegen spiegeln sich in den politischen und gesellschaftlichen Diskussionen etwa um die Frauenquote oder um die politisch korrekte Bezeichnung von bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen. In der Öffentlichkeit stößt es bisweilen auf Unverständnis, dass der aus Kindertagen vertraute Negerkuss oder Mohrenkopf so nicht mehr genannt werden darf, sondern nun Schokokuss oder Schaumkuss heißen muss. Dahinter steht jedoch die wachsende Erkenntnis, dass Menschen nicht aufgrund ihrer Rasse als Neger oder Mohr bezeichnet werden dürfen, denn dahinter könnte eine Diskriminierung aus rassistischen Gründen stecken. Die Sozialwissenschaftler haben längst ausgemacht, dass es individuelle Eigenarten gibt, die zur Diskriminierung der betreffenden Person führen können. Verschiedenheiten werden als Diversity bezeichnet und sie gliedern sich nach heutigen Maßstäben hauptsächlich nach

  • Geschlecht,
  • Alter,
  • physische und psychische Fähigkeiten/Unfähigkeiten, Beeinträchtigungen, Behinderungen, auch Handicap,
  • Rasse, Ethnie, Herkunft,
  • Religion und Weltanschauung,
  • sexueller Orientierung, Hetero, Homo, Trans- und Intersexualität.

Es muss klar sein, dass solche Persönlichkeitsmerkmale heute nicht mehr Anlass zu Diskriminierung sein dürfen, und diese Erkenntnis hat Eingang gefunden in die Gesetzgebung, die jedoch vorwiegend die Welt des Arbeitsmarktes betrifft. Antidiskriminierungsmaßnahmen müssen sich jedoch auch über diesen speziellen Bereich hinaus auf alle Lebenssituationen und Lebensphasen erstrecken, und die Diskriminierungspotenziale sind weit größer als die sechs genannten Hauptpunkte, die nach dem Modell der amerikanischen Diversity-Pionierinnen Lee Gardenschwartz und Anita Rowe11 als innere Dimensionen bezeichnet werden. Nach diesen Forscherinnen sind zudem eine äußere Dimension (Einkommen, Gewohnheiten, Freizeitverhalten, Ausbildung, Berufserfahrung, Auftreten, Elternschaft, Familienstand) und eine organisationale Dimension (Arbeitsfeld, Arbeitsabteilung, Betriebszugehörigkeit, Arbeitsort, Gewerkschaftszugehörigkeit, Status und Funktion / Gehalt) zu berücksichtigen. Alle diese Elemente können zu einer Bevorzugung oder Benachteiligung, zu einem Vorurteil oder einer Klassifizierung der betreffenden Person führen.

Die Gefahr, dass verschiedene Merkmale miteinander verschränkt zu einer Potenzierung der Diskriminierung führen können, wird als Intersektionalität bezeichnet. So können bspw. Geschlecht, schwarze Hautfarbe, von der Mehrheit abweichende Religion, als niedrig gewertete Arbeit, geringes Einkommen, Status als Alleinerziehende(r) und Kinderreichtum potenziert als ausgrenzend wirken. Um einerseits dieser Gefahr vorzubeugen und andererseits sie für die betrieblichen wie für die persönlichen Belange positiv umzumünzen, steht heute ein Bestreben in der Diskussion, das man als Diversity management bezeichnet.

Niemand darf wegen seiner Persönlichkeitsmerkmale benachteiligt werden. Dabei setzt sich die Erkenntnis durch, dass dies nicht nur für die Arbeitswelt gelten muss, sondern für alle Lebensbereiche und Lebensphasen, deshalb auch in der letzten Lebensphase und über den Tod hinaus. Hat man die gegenwärtigen Verhältnisse vor Augen, so wird schnell klar, dass von Hospiz bis Friedhof ganz überwiegend noch eine Monokultur herrscht, die den genannten Verschiedenheiten nicht gerecht wird.

Als sich seit den 1980er-Jahren die Hospizidee durchzusetzen begann, begrüßte man sie mit wachsender Aufmerksamkeit als Hoffnungsträger für eine menschliche Sterbekultur. Man setzt erst recht heute große Erwartungen in sie, doch verschwendete man zunächst noch kaum einen Gedanken daran, das Hospizwesen geschlechtersensibel und alterskonform zu gestalten. Erst recht war nicht davon die Rede, wie eine hospizliche Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund gelingen kann, wenn Sprachbarrieren und kulturverschiedene Hindernisse dagegenstehen. Die ersten Hospize entstanden in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre, ein eigenes Kinderhospiz erst 1997 in Olpe. Die Bestattungsinstitute differenzieren ihre Angebote bis heute fast ausschließlich nach den Bestattungsarten, aber nicht im Hinblick auf die Verschiedenheiten der Verstorbenen und ihrer Angehörigen. Und auch die Friedhöfe sind nach wie vor ganz überwiegend monokulturelle Einrichtungen, in denen Differenzierungen im Sinne von Diversity kaum vorgesehen sind. Erst vereinzelt setzt ein Umdenken ein, wie bspw. die Gemeinschaftsgrabstätten für Früh- und Totgeburten zeigen.

Die Berücksichtigung von Verschiedenheiten von Menschen ist eine junge Entwicklung, die erst allmählich Fahrt aufnimmt, Rückschläge erfährt, aber letztlich zukunftsweisend sein wird. Im Hospizwesen setzte dieses Umdenken mit der Erkenntnis ein, dass es anfänglich in erster Linie im Hinblick auf Krebspatienten und mit dem Ziel der Schmerz- und Symptomlinderung entstanden ist, jedoch die Bedürfnisse der alten, multimorbiden, ggf. dementen Menschen nicht berücksichtigte. Daraus entstand seit dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts das Anliegen einer palliativen Geriatrie. Im Jahr 2004 startete das „Kompetenzzentrum Palliative Geriatrie“ als Projekt des Unionhilfswerk Senioren-Einrichtungen gemeinnützige GmbH in Berlin, das sich für hochbetagte, multimorbide (mehrfacherkrankte) und sterbende Menschen einsetzt.

In ähnlicher Weise entstand zumindest theoretisch das Bewusstsein, dass die wachsende Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund spezifische Anforderungen an ihre Pflege und Versorgung mit hospizlichen und palliativen Maßnahmen stellt. Hier sind nicht nur die sprachlichen Barrieren zu überwinden, sondern es müssen kulturspezifische Unterschiede berücksichtigt werden, wie Pflege und Fürsorge wahrgenommen und angenommen werden. In den multiethnischen Vereinigten Staaten von Amerika hat sich die Krankenschwester Madeleine Leininger schon früh als Pflegetheoretikerin und schließlich Professorin für Pflegewissenschaft einen Namen gemacht und ein Ethnopflegekonzept entwickelt. Dieses Konzept berücksichtigt, dass Kranksein in einem anderen Kulturkreis oft ein Ausgeliefertsein an fremde Bezugspersonen, fremde Behandlungsformen und fremde Medizin bedeutet. Kulturelle Prägungen beeinflussen den Heilungs- und Genesungsprozess, aber auch den Sterbeprozess im positiven wie auch im negativen Sinn, weshalb Pflegende eine Fülle an Informationen bezüglich der die Pflege betreffenden Kulturspezifika benötigen. Daraus entwickelte sich hierzulande seit den 1990er-Jahren das Konzept der kultursensiblen Pflege, auch transkulturelles Pflegekonzept genannt.12

Im Bestattungswesen, das seit fast 200 Jahren eine von Männern besetzte Domäne war, engagieren sich zunehmend Frauen, die meist als Quereinsteigerinnen diesen Beruf ergreifen. Sie berücksichtigen u. a. die Tatsache, dass Frauen zu ihrem Körper ein anderes Verhältnis haben als Männer und auch im Tode ihren ungeschützten Körper nicht den Händen und Augen von Männern ausgesetzt wissen wollen. Es keimt die Erkenntnis, dass Menschen mit homosexueller Orientierung, vor allem die Zu- und Angehörigen, ein Gespräch mit einem/einer heterosexuellen Bestatter/in scheuen. Dem Partner eines schwulen Verstorbenen fällt es möglicherweise schwer, zu sagen: „Mein Mann ist verstorben“, wenn er nicht die Gewissheit hat, auf Verständnis zu stoßen. Gay-Bestattungen und bekennend lesbische Bestatterinnen sind immer noch die große Ausnahme.

Auf Friedhöfen vollzieht sich Diversity zwar seit Jahren, aber keineswegs programmatisch, sondern als das Ergebnis eines schleichenden Prozesses von den Rändern der Gesellschaft her. Zu nennen sind etwa die mittlerweile auf einigen Großstadtfriedhöfen anzutreffenden AIDS-Gemeinschaftsgräber, die durchaus als Bekenntnisse zu schwulen Lebensentwürfen zu sehen sind. Und einer Einzelinitiative ist der 2014 eröffnete erste Lesbenfriedhof in Berlin zuzuschreiben.

Die AIDS-Szene hat sich eigene Bestattungsrituale gegeben oder erkämpft, auch eigene Formen der Erinnerungskultur kreiert, wobei erst das Internet der queeren Szene (englisch queer: etwas, das von der Norm abweicht) Räume des Gedenkens eröffnet hat. Es ist an der Zeit, sich mit Gender und Diversity in der Bestattungs- und Friedhofskultur zu befassen, um einerseits Ausgrenzungen zu vermeiden und andererseits keine Rand- oder Nebenkultur entstehen zu lassen, die sich im Zuge der Liberalisierung der Bestattungs- und Friedhofsgesetze ergeben könnten.

Relativ weit fortgeschritten ist das Bestattungs- und Friedhofswesen im Hinblick auf die Verschiedenartigkeit des religiösen Bekenntnisses. Zumindest gilt dies für Muslime, die auf vielen Friedhöfen ihre eigenen Grabfelder besitzen bzw. auf den Friedhöfen einen gewissen autarken Gaststatus besitzen. Doch auch diese Entwicklung beruht nicht auf einem Bewusstseinswandel der Mehrheitsgesellschaft, sondern ist der Eigeninitiative der Muslime zu verdanken. Sie gründeten eigene Bestattungsinstitute und die Ausländerbeiräte der Kommunen erstritten Grabareale für Muslime. Angehörige anderer Religionsgemeinschaften haben erst vereinzelt ähnliche Rechte.

Eine Gesellschaft, die mit und von der Verschiedenheit ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger lebt, muss sich der Aufgabe stellen, auch Diskriminierungen in der letzten Lebensphase, bei der Bestattung und der Trauer zu vermeiden.

Nicht minder müssen Wege gefunden werden, eine Diskriminierung derer zu vermeiden, die als professionelle Helfer die Menschen in der letzten Lebensphase begleiten. Der Sachverhalt ist verstörend: In Pflegeeinrichtungen sind ganz überwiegend Frauen beschäftigt, und viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Obwohl weitgehend Einverständnis herrscht, dass sie unterbezahlt sind, gehören sie zu den unteren Einkommensgruppen. Ihre gesellschaftliche Reputation ist gering, und daraus folgt, dass Pflegerinnen, aber auch Pfleger mehrfach diskriminiert werden. Bei Angehörigen des Bestattungsberufes hat in den letzten Jahren zwar eine Verbesserung des Status stattgefunden, doch begegnet man ihnen häufig noch mit Vorbehalten. Auch hat die Statusaufwertung des Bestatters im Sinne eines modernen Dienstleistungsberufes allenfalls die Vorderbühne des Geschäftsinhabers erreicht, während jene, die auf der Hinterbühne mit der Abholung und Herrichtung des Leichnams befasst sind, nach wie vor mit einem Totengräberimage stigmatisiert sind. Meist sind sie im Bestattungsinstitut nicht fest angestellt, sondern arbeiten auf Honorarbasis, je nach Bedarf, und entbehren einer sozialen Absicherung. Nicht unähnlich sind die Verhältnisse im Friedhofswesen, wo im operativen Bereich zumeist Billiglöhner beschäftigt sind. Jene, die im Krematorium mit der Einäscherung der Leichen befasst sind, wagen es in der Öffentlichkeit kaum, über ihren Beruf zu reden.

Im Sinne von Diversity Management muss die Situation dieser Personenkreise unbedingt mit bedacht werden, um ihre Situation als gesellschaftliche Randsiedler zu verbessern. Bestatter, Friedhofsgärtner und Steinmetze sehen sich zudem mit dem Vorurteil konfrontiert, mit dem Tod anderer Menschen Geschäfte zu machen.

Diskriminierungsmechanismen greifen also sowohl bei jenen, die in der letzten Lebensphase stehen, als auch bei denen, die diesen Weg begleiten und organisieren. Viele Anstrengungen, diese Situation zu verbessern, beruhen auf den Initiativen einzelner Personen, Gruppen oder Institutionen, während sie noch nicht als gesellschaftliches Anliegen gesehen werden.

Da aber heute letztlich jeder sein Recht auf Individualität beansprucht, erlangt die Verschiedenheit als Teil der Identität ihre eigene Bedeutung. Und ein Blick auf diese Verschiedenheit kann dazu beitragen, auch den Wandel der Bestattungs- und Trauerkultur besser zu verstehen, ihn vielleicht sogar als Chance zu begreifen.

III. Gender

Die Verschiedenheit von Frau und Mann ist keineswegs nur eine biologische, sondern auch eine sozial konstruierte, indem dem jeweiligen Geschlecht bestimmte Verhaltensweisen nicht nur zugeschrieben, sondern auch abverlangt werden. Mit diesem Sachverhalt befasst sich nach Anfängen in den 1960er- und 1970er-Jahren in den USA auch in Deutschland seit den 1980er-Jahren die sogenannte Geschlechterforschung als eigene Disziplin, auch hierzulande als Gender Studies bezeichnet.

Das den Geschlechtern traditionell zugeordnete Trauerverhalten kann diesen Sachverhalt verdeutlichen. Auf einer Zeichnung von Rudolf Jordan, darstellend das Begräbnis des jüngsten Kindes von 1857 ist dies prototypisch dargestellt. (Abb. 1)

Während die Frau überwältigt vom Schmerz um das tote Kind in gebückter Haltung die Hände vors Gesicht geschlagen hat, bleibt der Mann aktiv, trägt den Sarg des Kindes und blickt mit offenen Augen nach vorne. Die Frau ist passiv, der Mann aktiv.

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