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Ein königlicher Verführer

1. KAPITEL

Melissa Thornsby brachte eigentlich so leicht nichts aus der Ruhe.

Sie war in der sehr eigenwilligen High Society von New Orleans groß geworden, wo es ihrer Erfahrung nach nicht unüblich war, sein Gegenüber freundlich anzulächeln und ihm dabei hinterrücks – wenn auch nur sprichwörtlich – ein Messer in den Rücken zu rammen.

Nach dem Hurrikan hatte Melissa vor einigen Jahren eine Stiftung ins Leben gerufen, die den Wiederaufbau der Stadt tatkräftig unterstützte. Beinah täglich hatte sie in ihrer Funktion als Stiftungsgründerin mit unzähligen Staatsoberhäuptern, Schauspielern, Musikern und anderen Berühmtheiten zu tun gehabt. Alle waren auf einmal von Wohltätigkeit regelrecht besessen, und bald war es für Melissa nichts Besonderes mehr, jeden Tag Prominenten zu begegnen. Als sie vor Kurzem vollkommen überraschend erfahren hatte, dass sie die uneheliche Tochter des früheren Königs von Morgan Isle war, hatte auch das Melissa kaum aus der Ruhe gebracht. Ganz im Gegenteil, sie hatte sich sogar dafür entschieden, nach Morgan Isle zu ziehen, obwohl die Königsfamilie ihr offensichtlich misstraute. Doch Melissa folgte stets dem Rat ihrer verstorbenen Mutter und betrachtete alles Neue im Leben als ein großes Abenteuer.

Deswegen war es für sie eigentlich auch nichts Besonderes gewesen, der Nachbarinsel Thomas Isle und der dort ansässigen Herrscherfamilie einen Besuch abzustatten. Die Beziehungen zwischen den beiden Reichen waren lange Zeit sehr angespannt gewesen, weswegen Melissas Besuch große diplomatische Bedeutung beigemessen wurde – was die Prinzessin mit der ihr üblichen Gelassenheit anging.

Bis sie ihn sah, wie er auf dem kleinen Privatflughafen auf sie wartete. Ein schwarzer, auf Hochglanz polierter Bentley stand in der hellen Nachmittagssonne zur Abfahrt bereit, zwei finster dreinblickende Bodyguards wachten an der Seite des Mannes. Ihn schön zu nennen wäre schlichtweg eine Untertreibung gewesen. Er war groß und trug einen maßgeschneiderten dunkelgrauen Nadelstreifenanzug. Nicht zu übersehen, dass der Mann sich in bester körperlicher Verfassung befand.

Prinz Christian James Ernst Alexander, Thronerbe von Thomas Isle. Seines Zeichens eingefleischter Junggeselle und schamloser Playboy. In Wirklichkeit sah er noch viel besser aus als auf den Fotos, die Melissa bisher von ihm gesehen hatte.

Sie stieg die Stufen herunter, und er kam ihr so atemberaubend lächelnd entgegen, dass ihr beinah das Herz stehen blieb. Plötzlich hatte sie das Gefühl, als ob Schmetterlinge in ihrem Bauch wild zu flattern begannen, und sie wagte kaum zu hoffen, dass dieser Mann in den nächsten zwei Wochen ihr Begleiter sein würde. Ihrer Erfahrung nach war das eigentlich die Aufgabe der Prinzessinnen, während sich der Prinz darauf vorzubereiten hatte, eines Tages das Land zu regieren.

Melissa traf ihren Gastgeber auf halbem Wege. Sie wurde begleitet von ihrem eigenen Sicherheitstrupp, den ihr ihr Halbbruder König Phillip förmlich aufgedrängt hatte. Als sie sich gegenüberstanden, nickte Prinz Christian ihr höflich zu und sagte mit voller, wohlklingender Stimme, sodass Melissa plötzlich an den zarten Schmelz ihrer Lieblingsschokolade denken musste: „Willkommen auf Thomas Isle, Eure Hoheit.“

„Eure Hoheit.“ Mit dem geübten Charme einer Südstaatenschönheit machte sie einen vollendeten Knicks. „Mir ist es eine Ehre, hier zu sein.“

„Die Ehre ist ganz auf unserer Seite“, erwiderte er mit diesem Lächeln, das sie wie ein gewaltiger Energiefluss von Kopf bis Fuß zu durchströmen schien.

Während er sie aufmerksam musterte, blickte sie in seine grünen Augen, in denen sich Übermut spiegelte und die Melissa unwillkürlich an das geheimnisvolle Wesen einer Katze erinnerten.

Er nahm ihren Sicherheitstrupp mit leicht gehobener Augenbraue zur Kenntnis. „Erwarten Sie eine Revolution, Eure Hoheit?“

Sie nickte in Richtung seiner Leibwächter. „Komisch. Das Gleiche wollte ich Sie auch gerade fragen.“

Falls seine Frage als eine Art Test gemeint war, dann hatte sie ihn offensichtlich bestanden. Er lächelte so verschmitzt und überaus sexy, was die Schmetterlinge in ihrem Bauch erneut aufgeregt flattern ließ. Was war bloß los mit ihr? Das war nun wirklich nicht ihre Art, sie war schließlich daran gewöhnt, dass Männer mit ihr flirteten. Junge und alte, reiche und arme, und sie alle waren hinter dem aberwitzig großen Vermögen her, das ihre Großtante und ihr Großonkel ihr hinterlassen hatten. Aber irgendwie konnte sie sich nicht vorstellen, dass der Prinz an Geld dachte. Nach dem, was sie gehört hatte, übertraf sein Reichtum den ihren bei Weitem.

„Die Bodyguards sind eine Idee von König Phillip“, erklärte sie. „Natürlich steht es Ihnen frei, sie überallhin mitzunehmen“, entgegnete er, „aber das ist sicher nicht nötig.“

Phillip hatte zwar darauf bestanden, dass Melissa die Leibwachen mitnahm, er hatte aber nicht ausdrücklich gesagt, dass sie sich die ganze Zeit über von ihnen begleiten lassen musste. Darüber hinaus wäre es eine nette Geste, ihr Wohlergehen vertrauensvoll in die Hände des Mitarbeiterstabes von Prinz Christian zu legen. Angesichts der langen Auseinandersetzung, die ihre beiden Länder miteinander geführt hatten, steckte der Frieden zwischen ihnen sozusagen noch in den Kinderschuhen. Melissa empfand es als ihre Pflicht, alles zu tun, um ihn weiter zu stärken.

„Könnten Sie dafür sorgen, dass meine Sicherheitsleute zurückgeflogen werden?“, fragte sie.

Er nickte. „Selbstverständlich, Eure Hoheit.“

Sie zuckte unwillkürlich zusammen, denn sie hatte sich immer noch nicht an den königlichen Titel gewöhnt. „Bitte, nennen Sie mich einfach Melissa.“

„Melissa“, wiederholte er mit seinem sexy englischen Akzent. „Das gefällt mir.“

Und ihr gefiel die Art, wie er es sagte.

„Sie können Chris zu mir sagen. Ich denke, es ist das Beste, wenn wir die Förmlichkeiten vergessen, zumal wir in den nächsten zwei Wochen sehr viel Zeit miteinander verbringen werden.“

Ach ja? Erneut machte sich das nervöse Flattern in ihrem Magen bemerkbar. „Sie werden also mein Begleiter sein?“, erkundigte sie sich.

„Wenn Sie nichts dagegen haben“, entgegnete er.

Als ob sie etwas dagegen haben könnte, zwei Wochen mit einem überaus attraktiven und charmanten Prinzen zu verbringen!

Er deutete auf die wartende Limousine. „Wollen wir?“

Mit wenigen Worten entband Melissa ihre Bodyguards von ihren Pflichten. „Danke, meine Herren.“

Die Männer schwiegen zwar, warfen sich jedoch zweifelnde Blicke zu. Ihnen war klar, Phillip würde nicht erfreut darüber sein, wenn er erfuhr, dass die Prinzessin sie wieder nach Hause geschickt hatte. Aber ihre neue Familie war bereits daran gewöhnt, dass Melissa ihren Kopf durchsetzte. Sie war zwar überaus dankbar dafür, nach dem Tod ihrer Eltern wieder nahe Verwandte zu haben und wollte auch unbedingt von ihnen akzeptiert werden. Das bedeutete aber nicht, dass sie bereit war, etwas von ihrer Freiheit aufzugeben. Mit dreiunddreißig Jahren war es vermutlich auch schon zu spät, das noch zu ändern.

Der Prinz fasste sie sacht am Ellbogen, um sie zum Wagen zu führen, und obwohl ihre Kostümjacke aus leichter Seide und feinem Leinen war, wurde ihr siedend heiß bei seiner Berührung. Wann hatte sie zum letzten Mal eine derartig knisternde Verbindung zu einem Mann gespürt? Oder vielleicht sollte sie besser fragen, wann sie sich zum letzten Mal gestattet hatte, so zu empfinden? Da die nächsten vierzehn Tage nicht nur eine Geschäftsreise sein würden, sprach eigentlich nichts dagegen, auch ein bisschen Spaß an der Sache zu haben.

Chris half ihr in den Bentley, und sie ließ sich in den gemütlichen Ledersitz sinken. Er ging um den Wagen herum, um auf der anderen Seite Platz zu nehmen, und Melissa stieg sein warmer und verlockender Duft, der das Innere der Limousine erfüllte, in den Kopf. Zu Hause in den Südstaaten hätte sie die große Hitze für ihr Schwindelgefühl verantwortlich machen können. Auf Thomas Isle herrschten jedoch noch nicht einmal dreißig Grad, und auch die Luftfeuchtigkeit war kaum der Rede wert.

Nachdem die Türen geschlossen waren, fuhren sie zum Schloss, das nicht weit entfernt sein konnte, weil sie es kurz vor ihrer Landung aus dem Flugzeug gesehen hatte. Aus der Luft hatte es gewaltig ausgesehen, sie schätzte, dass es wesentlich größer war als der modernere Palast auf Morgan Isle. Um das Schloss herum erstreckten sich Quadratkilometer grüner Rasenflächen, hübscher Grünanlagen, und sogar einen Irrgarten hatte sie entdeckt.

Sie konnte kaum erwarten, das alles zu erkunden, denn sie liebte die Natur über alles, was sie ihrer Mutter verdankte, die eine begeisterte Gärtnerin gewesen war. Das Anwesen auf Morgan Isle, wo Melissa in ihrer Kindheit gewohnt hatte, war weithin berühmt für seine preisgekrönten Gärten gewesen, und sie hatte diese Leidenschaft mit nach New Orleans genommen. Ihr war es zwar schwergefallen, ihr Zuhause zu verlassen und wieder in ihr Geburtsland zurückzukehren, aber eigentlich waren die USA nie richtig ihre Heimat gewesen. Und um ehrlich zu sein, hatte sie sich seit dem Tod ihrer Eltern nirgendwo heimisch gefühlt.

„Meine Eltern, der König und die Königin, freuen sich darauf, Sie zu treffen“, sagte Chris.

„Das beruht auf Gegenseitigkeit.“ Sie drehte sich zu ihm und sah, dass er sie neugierig betrachtete. „Was haben Sie denn?“

„Ihr Akzent“, erwiderte er, „woher stammen Sie? Ich kann es nicht heraushören.“

„Das können Sie auch nicht, weil es ein Mischmasch aus verschiedenen Dialekten ist“, erklärte sie. „Überall, wo ich gelebt habe, hab ich etwas aufgeschnappt, und das kommt hin und wieder zum Vorschein.“

„Wo haben Sie denn überall gelebt?“

„Warten Sie …“ Sie zählte an ihren Fingern ab. „Auf Morgan Isle habe ich bis zu meinem zehnten Lebensjahr gelebt, danach bin ich nach New Orleans gekommen, dann ins Internat nach Frankreich, Sommerferien in Kalifornien, danach war ich an der Ostküste auf dem College und bin anschließend wieder nach New Orleans zurück.“

„Klingt spannend“, meinte er.

Das konnte man meinen, aber in Wahrheit hatte sie sich immer danach gesehnt, endlich irgendwo sesshaft zu werden. Als sie es allerdings das letzte Mal getan hatte, hatte es sich nicht richtig angefühlt. Ihre Hoffnungen, auf Morgan Isle ein echtes Zuhause zu finden, hatten sich nicht erfüllt, denn sie kam sich immer noch wie eine Außenseiterin in der königlichen Familie vor. Manchmal fragte sie sich, ob es überhaupt eine Heimat für sie gab.

„Und was ist mit Ihnen?“, fragte sie den Prinzen.

„Auf meinen diplomatischen Reisen bin ich zwar weit herumgekommen in der Welt, aber ich lebe seit meiner Kindheit hier bei meiner Familie.“

Sie glaubte, einen leichten Unterton der Verbitterung in seiner Stimme zu hören. Für sie klang das einfach wundervoll. Nach dem Tod ihrer Eltern war sie in die USA zu ihrer Großtante und deren Mann gekommen, die selbst keine Kinder gewollt hatten und die Waise als Eindringling ansahen. So dauerte es nicht lange, bis sie das Mädchen auf ein Internat schickten und sie die Sommerferien in Feriencamps verbringen ließen. Melissa machte ihnen keinen Vorwurf, denn sie hatten sich wirklich bemüht. Hätten sie das verwaiste Mädchen nicht bei sich aufgenommen, wäre sie als Pflegekind in staatlicher Obhut gelandet, und wer weiß, wie ihre Lebensgeschichte dann verlaufen wäre.

Als ihr auffiel, dass der Wagen eine Anhöhe hochfuhr, wusste sie, dass sie bald am Ziel waren. Der dichte Baumbewuchs lichtete sich und gab schließlich den Blick auf das königliche Schloss frei. Ihr kam es wie eine Illustration aus einem Kinderbuch vor: Auf einem Kliff hoch über dem Meer wachte es über das bezaubernde Städtchen zu seinen Füßen. Es war zwar bei Weitem nicht so modern wie der Palast auf Morgan Isle, dachte sie mit einem Anflug von Stolz, aber trotzdem nicht weniger prachtvoll. Sie glaubte, eine Zeitreise gemacht zu haben und in einem vergangenen Jahrhundert gelandet zu sein.

Bei ihren Recherchen hatte sie erfahren, dass Morgan Isle modern und innovativ war und sich zu einem attraktiven Urlaubsziel entwickelte. Thomas Isle hingegen war eher traditionsbewusst, und man blieb gern unter sich. Die Wirtschaft des kleinen Reiches begründete sich hauptsächlich auf den Export von Meeresfrüchten und Produkten aus biologischem Anbau. Obwohl manch einer das wahrscheinlich als veraltet betrachtete, empfand Melissa es hingegen als idyllisch und reizvoll.

„Äußerst beeindruckend“, bemerkte sie, während sie aus dem Fenster schaute.

„Kennen Sie sich in der Vergangenheit unserer beiden Länder aus?“, erkundigte sich der Prinz.

„Ich weiß nur, dass sie viele Jahre lang Rivalen waren.“

„Eine spannende Geschichte. Wussten Sie, dass beide Inseln früher einmal von einer Familie regiert wurden? Von einem Königspaar mit zwei Söhnen. Sie waren Zwillinge, um genau zu sein, die nur wenige Minuten nacheinander auf die Welt gekommen waren.“

„Sie hießen nicht zufällig Thomas und Morgan, oder?“

Er lächelte. „Ja, so hießen sie. Als der König starb, stritten die beiden Brüder um den Thron, denn jeder von ihnen fühlte sich für das Amt berufen. Als sie keine Einigung erzielten, forderte einer den anderen zum Duell heraus.“ Er machte eine Pause, um die Spannung zu steigern. „Sie hatten vor, auf Leben und Tod zu kämpfen, und der Sieger sollte König werden. Ihre Mutter wollte aber keinen ihrer Söhne verlieren und flehte sie an, nicht gegeneinander anzutreten. Sie schlug als Kompromiss vor, das Reich aufzuteilen, sodass jeder von ihnen eine Insel bekam. Die Brüder willigten ein, aber ihr Zerwürfnis war so tief, dass sie nie wieder ein Wort miteinander sprachen.“

„Eine traurige Geschichte.“

„Um sich gegenseitig zu ärgern, wählte jeder von ihnen seinen eigenen Namen für sein Reich. Ihren Untertanen verboten sie, die jeweils andere Insel zu besuchen oder auch nur mit deren Bewohnern zu sprechen. Viele Familien zerbrachen daran, und zahlreiche erfolgreiche Händler wurden in den Ruin getrieben.“

„Und was ist mit der Königin? Für welche Insel hat sie sich entschieden?“

„Sie hat sich geweigert, einem ihrer Söhne den Vorzug zu geben und ist deshalb aus beiden Königreichen verbannt worden.“

Melissa drückte eine Hand aufs Herz. „Du meine Güte, das ist ja grauenhaft!“, rief sie. Wie hatten sie nur ihre eigene Mutter verbannen können?

„Ein paar hundert Jahre hat es gedauert, bis wir unsere Vergangenheit hinter uns gelassen haben“, erzählte Chris. „Das ist der Grund, weswegen wir die Abkommen zwischen unseren beiden Ländern schließen. Wenn wir unsere Ressourcen zusammenlegen, helfen wir Thomas und Morgan Isle, unseren Völkern und Familien.“

„König Phillip ist derselben Ansicht“, versicherte sie ihm. „Und aus diesem Grund bin ich hier.“

„Ich bin erleichtert, das zu hören. Angelegenheiten wie diese können sehr heikel sein.“

„Ich bin eine Prinzessin, die mit dem Strom schwimmt“, gestand sie, und das stimmte zumindest größtenteils. „Jedenfalls nehme ich meine neue Rolle sehr ernst und möchte nur das Beste für mein Land.“

Er bedachte sie mit einem weiteren betörenden Lächeln. „Dann bin ich mir sicher, dass wir sehr gut miteinander auskommen.“

Sie fuhren die Auffahrt hoch, an deren Ende bereits ein Pulk von Presseleuten mit gezückten Mikrofonen und startbereiten Kameras auf sie lauerte.

Als die Tore aufschwangen, trat ein Wächter in Uniform heraus, um die Menge in Schach zu halten. Sie fuhren hinter die steinerne Mauer, die sich meilenweit in alle Richtungen zu erstrecken schien, und als Melissa einen Blick auf die andere Seite warf, stockte ihr der Atem. Überall sattes Grün, alles schien so lebendig. Das Schloss selbst ragte hoch empor wie ein sorgfältig erhaltenes Kunstwerk aus Stein und farbenfroh verzierten Glasfenstern.

„Willkommen auf Schloss Sparrowfax“, sagte Chris.

Als sie die Einfahrt hinter sich gelassen hatten, wurde ihr mit einem Mal klar, dass man hier alle Register zog, um ihr einen wahrhaft fürstlichen Empfang zu bereiten. Die königliche Familie und alle Bediensteten standen in einer Reihe bereit, in Erwartung ihrer Ankunft. Melissas Magen machte sich abermals nervös bemerkbar.

Sie fand, dass das verdammt viel Aufwand für einen normalen diplomatischen Besuch war, obwohl sie sich der Wichtigkeit dieser Reise für ihre Familie und ihr Land bewusst war. Von nun an musste sie auf ihr Benehmen achtgeben und ganz besonders auf ihr loses Mundwerk, das manchmal auf Südstaatenart schneller war als ihr Kopf.

Nachdem die Limousine angehalten hatte, öffneten uniformierte Diener die Türen. Melissa ergriff die Hand, die man ihr entgegenstreckte, und ließ sich heraushelfen. Plötzlich kam ihr das elegante Leinenkostüm, das sie trug, viel zu schlicht vor, denn die Familie des Prinzen war wie für einen königlichen Empfang gekleidet. Zum ersten Mal, seitdem sie erwachsen war, sorgte sich Melissa darüber, einer Herausforderung nicht angemessen gegenüberzutreten, und fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut.

Chris’ Eltern, der König und die Königin, traten auf sie zu, um sie zu begrüßen. Obgleich sie bereits etwas älter waren, wirkten sie gesund und lebensfroh. Ihre anderen Kinder, Chris’ Bruder und seine Zwillingsschwestern, waren genauso atemberaubend attraktiv wie ihr Bruder. Was für ein Privileg mochte es sein, zu einer derartig schönen Familie zu gehören, überlegte Melissa. Da kam es einem Wunder gleich, dass keiner von ihnen bisher verheiratet war.

Andererseits war gutes Aussehen nicht alles. Nach allem, was sie bisher gehört hatte, konnten die Geschwister auch recht unhöflich sein.

Als Chris an ihre Seite trat, fühlte sie sich aus irgendeinem Grund plötzlich ruhiger, und ihre Aufregung legte sich.

„Ist das alles meinetwegen?“, wollte sie wissen.

Ihre Frage schien ihn zu verwirren. „Natürlich, Sie sind unser Ehrengast. Ihr Besuch ist der Beginn einer neuen Ära für unsere Reiche.“

Tatsächlich? Ihr war bisher nicht klar gewesen, dass ihre Anwesenheit hier solche Wellen schlug. Ihre eigene Familie hatte nicht so einen Aufwand betrieben, als sie von New Orleans wieder nach Morgan Isle zurückgekehrt war. Alles war eher klammheimlich und eilig über die Bühne gegangen, da man den Medienrummel hatte vermeiden wollen.

Aber sie würde sich sicher nicht über die Aufmerksamkeit beschweren, die man ihr zuteil werden ließ. Welche Frau genoss es nicht, hin und wieder im Mittelpunkt zu stehen?

Chris bot ihr seinen Arm an. „Sind Sie bereit, meine Familie zu treffen?“

Sie hakte sich bei ihm unter und genoss die beruhigende Wirkung, die sein warmer Körper auf sie hatte.

Lächelnd nickte sie ihm zu. In New Orleans hatte sie gesellschaftlich ganz weit oben mitgemischt. Doch das war hier nicht von Bedeutung, denn auf Morgan und Thomas Isle war sie nicht mehr als die uneheliche Tochter des seligen König Frederick, der in vielen Betten zu Hause gewesen war.

Sie wurde den Verdacht nicht los, dass man sie ihr ganzes Leben daran erinnern würde.

2. KAPITEL

Bereits nach fünf Minuten vermutete Chris, dass er und Prinzessin Melissa ziemlich gut miteinander auskommen würden.

Obwohl er normalerweise Blondinen bevorzugte, empfand er Melissa dunkles Haar, ihre grauen Augen und den warmen Ton ihres Teints überraschenderweise als sehr attraktiv. Sie sah aber nicht nur gut aus, sondern verfügte offensichtlich auch über Charme, einen guten Charakter und Witz. Genau, wie König Phillip gesagt hatte. Solche Charakterzüge mochten vielleicht nicht alle Menschen für besonders wünschenswert halten, sie waren Chris’ Meinung nach aber unerlässlich für die Art von Abmachung, welche die Königshäuser getroffen hatten.

Er begleitete Melissa zu seiner Familie, um sie einander vorzustellen. Man hatte schon im Voraus festgelegt, wie sich jeder Einzelne zu verhalten hatte. Es war unbedingt erforderlich, dass Melissa sich vom ersten Moment an wie zu Hause fühlte.

„Melissa, ich möchte Sie meinen Eltern vorstellen, König und Königin von Thomas Isle.“

Die Prinzessin knickste. „Mir ist es eine Ehre, Eure Majestäten.“

Seine Mutter ergriff Melissas Hand und sagte freundlich: „Die Ehre ist ganz auf unserer Seite. Wir sind so glücklich, dass Sie uns besuchen.“

„Ich hoffe, dass es für beide Seiten gleichermaßen dienlich ist“, fügte Chris’ Vater mit ernster Stimme hinzu.

„Da bin ich mir ganz sicher“, erwiderte Melissa und lächelte ihn herzlich an.

Der König warf Chris einen Seitenblick zu, der besagte, dass er die Sache auf gar keinen Fall vermasseln sollte. Trotz seiner anfänglichen Bedenken, sesshaft zu werden, musste Chris gestehen, dass eine Allianz mit der Königsfamilie von Morgan Isle ein geschickter Schachzug war – sowohl politisch als auch finanziell.

„Mein Bruder und meine Schwestern“, erklärte Chris und stellte sie der Reihe nach vor. „Prinz Aaron Felix Gastel und die Prinzessinnen Anne Charlotte Amalia und Louisa Josephine Elisabeth.“

„Eine Freude, Sie kennenzulernen“, sagte Melissa und schüttelte ihnen allen die Hand. Wie geplant, wurde ihr von den Geschwistern ein warmherziger Empfang bereitet. Aaron war einfach nur froh, dass es Chris und nicht ihn getroffen hatte, obwohl er mit einunddreißig durchaus die Verantwortung hätte tragen können.

Louisa, die genau fünf Minuten nach ihrer Schwester auf die Welt gekommen war, begrüßte Melissa mit ihrer üblichen übersprudelnden Begeisterung. Seit ihrer Kindheit liebte Louisa jeden Menschen, auch wenn es ihr manchmal eher schadete als nutzte. Ihre Geschwister hatten bisher eine Menge Zeit damit verbracht, sie vor leidvollen Erfahrungen zu bewahren.

Anne war die Ältere und Vorsichtigere. Zu oft war ihr Vertrauen von Leuten missbraucht worden, die sie für ihre Freunde gehalten hatte. Aber heute gab sie ihr Bestes und begrüßte Melissa freundlich. Wie alle anderen wusste auch sie, wie wichtig es war, dass dieser Besuch reibungslos verlief.

Nachdem die Begrüßung vorüber war, gab Chris der Hausangestellten, die sich um Melissa für die Zeit ihres Aufenthaltes kümmern würde, ein Zeichen.

„Elise, würden Sie unseren Gast bitte zu seinen Räumen führen?“ Dann wandte er sich an Melissa. „Was glauben Sie, wie viel Zeit Sie brauchen, um sich einzurichten?“

„Nicht lange“, antwortete sie, und ihre Augen leuchteten vor Aufregung. „Ich kann es kaum erwarten, die Gartenanlage zu sehen. Bereits vom Flugzeug aus hat sie einen großen Eindruck auf mich gemacht.“

„Dann beginnen wir genau damit“, legte er fest. „Reicht Ihnen eine Stunde?“

Sie nickte. „Ich erwarte Sie dann in einer Stunde.“

Elise machte einen Knicks. „Hier entlang, Eure Hoheit.“

Als die beiden im Schloss verschwunden und außer Hörweite waren, wurde das Personal entlassen, um sich seinen Pflichten zu widmen. Alle Angehörigen der Königsfamilie schienen gleichzeitig erleichtert aufzuatmen.

„Ich glaube, das lief ganz gut“, meinte die Königin.

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