Logo weiterlesen.de
Ein kleines Stück vom Himmel nur

AMELIA CARR

EIN
KLEINES
STÜCK
VOM
HIMMEL
NUR

ROMAN

Übersetzung
aus dem Englischen von
Ute Leibmann

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

BASTEI ENTERTAINMENT

Den tapferen Männern und Frauen der
Air Transport Auxiliary

ERSTER
TEIL


GEGENWART

SARAH

Wie gut kennt man seine Familie eigentlich wirklich – wie gut kann man andere überhaupt kennen? So nahe wir einem anderen Menschen auch stehen mögen, es gibt immer tief verborgene Geheimnisse, von denen wir nichts wissen – Träume und Ängste, Leidenschaften und Hass. Die Erinnerungen, die man nur hervorkramt und betrachtet, wenn man ganz allein ist; die düsteren Gedanken, die einen in schlaflosen Nächten plagen; die Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit, die wir niemals offen zugeben würden; die Momente, in denen uns vor der Zukunft graut. Wir sehen nur das, was die anderen uns zu sehen gestatten. Ihr Handeln und ihre Einstellungen beurteilen wir auf der Basis unserer eigenen Werte und Erfahrungen. Und auch wir selbst hüten Geheimnisse.

Ja, sogar ich habe genug eigene Geheimnisse, und dabei würde mich wohl kaum jemand als besonders verschwiegen bezeichnen. Als Kind hatte ich den Ruf, eine Quasselstrippe zu sein. »Die kleine Plaudertasche«, so nannte mein Vater mich zu meinem großen Ärger – nach einer Figur aus den Comic-Heften, die ich mir jeden Sonntag beim Zeitschriftenhändler kaufte, zusammen mit einem Schokoladenriegel oder einer Tüte Bonbons. »Das dürft ihr auf keinen Fall jemandem erzählen«, sagte er immer, wenn meine Schwester Belinda und ich beim sonntäglichen Mittagessen Zeuge irgendeiner Diskussion zwischen ihm und meiner Mutter wurden, und dabei richtete er seinen Blick vor allem auf mich. Als ob ich irgendetwas davon weitererzählt hätte! Meistens ging es sowieso nur um irgendwelchen langweiligen Kram, zum Beispiel, ob sie sich eine Renovierung der Küche leisten könnten oder welcher der Nachbarn was im Wohltätigkeitsladen abgegeben hatte, in dem meine Mutter ehrenamtlich arbeitete. Ich verdrehte dann immer die Augen in Richtung Belinda, die sich natürlich wie immer mustergültig benahm, und schaute meinen Vater mit beleidigter Miene an. Ich würde wohl kaum mit meinen Freundinnen über die Finanzierung einer Küche reden und konnte mir auch nicht vorstellen, dass sie sich dafür interessieren würden, in welchem Zustand die Kleidung war, die Mrs. Waite, Mitglied in unserem Stadtrat, im Laden des Hospizes abgeben hatte – Pullover mit Kaffeeflecken und schlecht gewaschene Unterwäsche, wie meine Mutter sagte. Aber so war es nun mal – ich hatte den Ruf weg, zu viel zu reden und Geheimnisse nicht für mich behalten zu können.

Vielleicht wurde ich deshalb später so gut darin …

Meine Mutter dagegen konnte schon immer gut Geheimnisse bewahren. So gut, dass ich noch nicht mal ahnte, dass es überhaupt Geheimnisse gab, die gehütet werden mussten, dass es Menschen gab, die es zu schützen galt. Eine Fassade der Wohlanständigkeit, die aufrechterhalten werden musste. Und Schuld, die man einem anderen Menschen nur insgeheim zuschreibt. In der dunklen Welt zwischen Abend- und Morgendämmerung, wenn man schlaflos daliegt und alle Gedanken ungeheure Ausmaße annehmen, die erst das Tageslicht wieder auf die richtige Größe zurechtstutzt. Die sprichwörtlichen Leichen im Keller.

Heutzutage gibt es wahrscheinlich weniger solcher Leichen im Keller. Eine Scheidung oder ein uneheliches Kind sind kein gesellschaftlicher Makel mehr. »Vom Karren gefallen«, nannte man das früher. Entzückend altmodisch, oder? Und dennoch ist es uns auch heute noch wichtig, dass die anderen uns in einem ganz bestimmten Licht sehen. Wir machen uns immer noch Sorgen darüber, ob andere die Wahrheit vertragen können – wie würde die Welt auch aussehen, wenn wir das nicht täten? Unangenehme Wahrheiten, die man gedankenlos oder aus eigennützigen Gründen äußert, können ein Leben zerstören, wenn sie von erwachsenen »Plappertaschen« ausgesprochen werden.

Doch die Kehrseite kann genauso gefährlich sein. Geheimnisse, die in bester Absicht gehütet werden, können auf äußerst heimtückische Weise Probleme verursachen, die noch jahrelang nachwirken. Eine Familiengeschichte kann ihre schleimigen Tentakel bis in die nächste und übernächste Generation ausstrecken. Offen ausgesprochen würden manche Dinge ihre bedrohliche Macht verlieren, statt aus Angst vor Entdeckung immer weiter zu gären. Hätte es in meiner Familie keine »Leichen im Keller« gegeben, wären ein paar Menschen wohl unweigerlich verletzt worden. Doch andere wären durch die Wahrheit anstelle von Halbwahrheiten, durch Gewissheit anstelle eines heimlichen Verdachts von einer schweren Last befreit worden.

Mir war immer klar, dass es in meiner Familie Dinge gab, über die nicht geredet wurde. Spannungen, die ich nicht verstand. Jedenfalls wurde mir schon zu einem recht frühen Zeitpunkt bewusst, dass manches seltsam war: Meine Mutter reiste kaum je in ihre eigentliche Heimat Florida zurück, die sie mit neunzehn verlassen hatte, um in England meinen Vater zu heiraten. Sie erzählte nur selten von ihrer Mutter Nancy, meiner Großmutter, und praktisch nie von ihrem Bruder Ritchie. Und wenn ich alljährlich in den Ferien ins sonnige Florida reiste, um meine Großmutter zu besuchen – zunächst noch unter der Obhut des Kabinenpersonals, später dann allein –, war meine Mutter immer besonders gereizt und schlecht gelaunt. Ich fragte mich natürlich schon manchmal, woran das lag, und versuchte mir aus Fotos, Daten und bruchstückhaften Informationen die Gründe zusammenzureimen. Aber mit meinen Vermutungen habe ich die Ursachen nicht einmal annähernd erraten. Erst jetzt, im letzten Jahr, ist die Wahrheit ans Licht gekommen.

Und dabei musste ich erfahren, dass ich meine Familie überhaupt nicht richtig kannte.

Florida, Sommer 2006

Wenn es etwas gibt, was ich liebe und was mich vom Stress und den selbstauferlegten Zwängen des Lebens befreien kann, dann ist es das Fliegen. Man könnte durchaus sagen, dass ich es im Blut habe.

Meine Urgroßeltern, die Eltern von Grandma Nancy, waren Flugartisten, die mit einem der damals so beliebten Flugzirkusse durch die Lande zogen; ihr Vater war Kunstflieger, ihre Mutter eine Flugakrobatin. Nancy erzählte, dass sie selbst in einer Scheune irgendwo im Mittleren Westen das Licht der Welt erblickte und bereits im zarten Alter von vier Jahren als Hilfe bei einem Kunststück eingesetzt wurde: Sie musste sich hinter einem Stapel Flaschen verstecken und diesen genau in dem Moment umschmeißen, in dem ihr Vater darüber hinwegflog und vorgab, darauf zu schießen. Nancy hatte fliegen gelernt, noch ehe sie Auto fahren konnte; dann hatte sie für Grandpa Joe gearbeitet, der Streuflugzeuge geflogen hatte und sein Geschäft ausbauen wollte. Die beiden hatten geheiratet und gemeinsam Varna Aviation aufgebaut. Ach ja, und natürlich nicht zu vergessen: Beide waren sie im Zweiten Weltkrieg geflogen – Grandpa Joe für die USAAF1 und Grandma Nancy bei der Air Transport Auxiliary in England, die im Zubringerdienst Flugzeuge von Fabriken zu den Flugplätzen oder von einem Stützpunkt zum anderen brachte.

Ja, folglich kann man wohl sagen, dass ich das Fliegen im Blut habe, und nirgendwo fühle ich mich mehr zu Hause als in der Luft. Besonders in Florida. Hier habe ich mit siebzehn bei einem ausgedehnten Ferienaufenthalt das Fliegen gelernt – und als ich nach meinen Sommerferien wieder nach Hause zurückkehrte, hatte ich nicht nur alle theoretischen und praktischen Prüfungen bestanden, sondern sogar genügend Alleinflüge absolviert, um den Privatpilotenschein zu bekommen.

Meine Mutter war nicht gerade begeistert. »Die haben doch ganz genau gewusst, dass ich nicht wollte, dass du dich mit Flugzeugen abgibst!«, sagte sie missbilligend. Und: »Denk bloß nicht, dass du damit hier weitermachen kannst. Du musst dich auf die Uni konzentrieren, und außerdem ist es viel zu teuer.«

Da hatte sie leider Recht, ich hatte keine Ahnung, wie ich neunzig Pfund pro Stunde auftreiben sollte, um eine Cessna oder eine PA28 zu chartern, und sie würde mich auf keinen Fall dabei unterstützen.

»Schließlich ist dein Onkel John so ums Leben gekommen«, sagte sie, als ob ich das nicht längst wüsste. »Ich möchte auf keinen Fall, dass dir das Gleiche passiert.«

John, ihr älterer Bruder. Noch einer aus der Familie der fliegenden Costellos. Ich verkniff mir, sie darauf hinzuweisen, dass der ganze Rest der Familie das Fliegen bis ins hohe Alter überlebt hatte. Mir war klar, dass es keinen Sinn hatte, mit meiner Mutter zu diskutieren. Doch trotzdem fragte ich mich, warum ausgerechnet sie nicht von dem Fieber gepackt worden war, das alle anderen ergriffen hatte. Soviel ich weiß, war sie nie geflogen und hatte es auch nie gewollt. Es gibt eine Familienanekdote, dass Grandpa Joe einmal versucht hat, sie für eine Flugstunde ins Cockpit zu kriegen, doch sie schrie und kreischte, weigerte sich rundweg und lief schließlich fast fünf Kilometer zu Fuß nach Hause, um deutlich zu machen, wie ernst es ihr war. Sie wollte nicht fliegen lernen, und nichts und niemand konnte sie dazu bewegen.

Ich kann mir das sehr gut vorstellen. Meine Mutter ist die störrischste Person, die mir je begegnet ist. Aber ich kann trotzdem nicht verstehen, warum sie nicht fliegen wollte. Nie werde ich das aufregende Gefühl vergessen, das ich hatte, als ich um das Flugzeug herumging, die Tragfläche in Brusthöhe und der Propeller nur ein paar Zentimeter von meiner Nase entfernt. Wie ich auf den Pilotensitz geklettert bin und der Startfreigabe vom Tower gelauscht habe. Wie das ganze Flugzeug dröhnte und zitterte, während der Motor hochlief, der plötzliche Schub nach vorn, als Grandpa Joe die Bremse löste und wir über die Startbahn sausten und immer schneller wurden, das Gefühl der Schwerelosigkeit, als die Räder vom Boden abhoben, das Gras sich unter uns entfernte und die Bäume zu einem lebendigen, schwankenden Mosaik wurden.

Und vor allem nicht den Augenblick, etwa zehn Tage später, als ich genügend halbwegs ordentliche Starts und Landungen hingelegt hatte – so genannte Platzrunden – und Grandpa Joe in seinem langsamen, gedehnten Akzent sagte: »Okay, willst du dann mal allein eine Runde drehen?« Und ich nickte, denn es hatte mir die Sprache verschlagen. Er benachrichtigte den Tower, stieg aus dem Flugzeug und ließ mich allein zurück. Mein erster Alleinflug. Mir klopfte das Herz wie wild und pumpte mir das Blut durch die Adern, doch gleichzeitig war ich seltsam gelassen, und meine Hände lagen ruhig und entschlossen auf dem Steuerhorn. Mir war klar, dass ich jetzt alles hundertprozentig richtig machen musste. Wenn ich erst einmal gestartet war, konnte mir keiner mehr helfen. Ich musste eine Platzrunde fliegen und wieder landen, ganz allein.

Und ich schaffte es. Keine perfekte Landung, aber auch nicht schlecht. Damit gewann meine Liebe zum Himmel eine neue Dimension. Ich war nun keine Jungfrau mehr, ich hatte die Initiationszeremonie hinter mich gebracht.

Grandpa Joe versuchte sich die Erleichterung nicht anmerken zu lassen, als ich wieder auf festen Boden zurückgekehrt war. Auf seiner Stirn glänzten Schweißperlen, sie reichten bis in die breiten Geheimratsecken, und als er die Tür aufriss und sich ins Flugzeug beugte, um mir durchs Haar zu fahren, waren seine Handflächen ebenfalls ganz feucht und klebrig.

»Gut gemacht, Sarah.« Sachlich, aber mit einem rauen, gerührten Unterton in der Stimme. »Du bist jetzt eine echte Costello.«

Ich wies ihn nicht darauf hin, dass ich Sarah Lintern hieß und deshalb keineswegs eine Costello war und auch keine Amerikanerin, sondern Engländerin. In diesem Moment glühte ich vor Stolz und überschwänglicher Freude und hatte das Gefühl, gleich ausbrechen zu müssen wie der Vesuv. Und Grandpa Joes Lob war nur das Tüpfelchen auf dem i.

So war es immer: Ich bewunderte ihn, ich liebte ihn beinahe abgöttisch. Ein Lob aus seinem Munde war mir Ansporn genug.

»Du fliegst wie ein Engel, Sarah.«

Ich kann ihn jetzt hören, während ich eine Kurve über die smaragdgrünen und saphirblauen Flächen der Everglades fliege und Kurs zurück auf Varna nehme.

»Du fliegst wie ein Engel, Sarah.«

Zu meiner Rechten, am Rande meines Gesichtsfelds, ist eine schemenhafte Gestalt; hochgewachsen wie Grandpa Joe. Ich kann ihn beinahe spüren, neben mir auf dem Copilotensitz, die großen Hände ruhen entspannt auf seinen Knien, den scharfen Blick hat er aufmerksam in die Ferne gerichtet. Ich habe heute noch den süßen, würzigen Duft seiner Bruyère-Pfeife in der Nase, die er ausklopft und in seine Tasche steckt, ehe wir abheben. Er ist jetzt seit fünf Jahren tot, er starb genauso ruhig und rücksichtsvoll, wie er gelebt hat – er schlief einfach in seinem Sessel ein und wachte nicht mehr auf –, doch wenn ich fliege, begleitet mich seine Stimme immer noch. Er ist immer noch da und lässt mich an seiner Weisheit teilhaben; manchmal schilt er mich, manchmal lobt er. Er sitzt auf meiner Schulter und flüstert mir ins Ohr: »Du solltest immer Achtung vor dem Himmel haben, Sarah. Wenn du ihn nicht ernst nimmst, Mädchen, dann zahlt er es dir heim.«

Er war bei mir, als ich unerwartet in ein Gewitter geriet, der Regen sturzbachartig über die Windschutzscheibe lief und die Luftturbulenzen mich hin und her warfen wie einen verletzten Schmetterling. Und auch damals, als sich irgendetwas überhitzte. Ich spürte die Wärme an meinen Füßen und konnte den verbrannten Geruch sogar noch über Grandpa Joes Tabak hinweg riechen. Ich musste einen Notruf absetzen und schnell zum Flugplatz zurückfliegen, wo mir ein Feuerwehrwagen die Landebahn entlang folgte. Und dabei war das in England passiert – das muss man sich mal vorstellen! Grandpa Joe ist wirklich nicht wählerisch. Wo ich auch fliege, er ist immer bei mir.

In diesem Moment genießt er gerade, genau wie ich, die Freiheit, die man spürt, wenn man in beinahe absoluter Ruhe über den saftig grünen Mangrovenwäldern dahinschwebt. Natürlich hört man das gleichmäßige Dröhnen des Motors und gelegentlich das Klappern der Türen und Fenster in ihren Rahmen oder das sanfte Rütteln des Windes, der über die Tragflächen gleitet. Doch das sind angenehme Geräusche, sie tragen ihr Teil zu dem Gefühl von Ruhe und Frieden bei, ähnlich wie das leise Schnarchen eines Menschen, der tief und fest schläft. Ich vermute, dass Grandpa ebenso den scharfen Blick in die Ferne richtet und nach allem Ausschau hält, was unseren Luftraum stören könnte. Genau wie ich würde er am liebsten nicht in die Wirklichkeit zurückkehren. Doch leider müssen wir das, Grandpa Joe. Wir können uns nicht die ganze Zeit hier oben herumdrücken.

Ich drossele die Leistung und senke die Nase der Cessna. Eine schnurgerade Straße glänzt silbrig in der Mittagshitze, und vor mir liegen die ersten der Ten Thousand Islands, verstreut wie die Perlen einer gerissenen Kette im glitzernden Blau des Golfs von Mexiko. Ich steuere auf die Brücke zu, diesen erstaunlich grellweißen Bogen, der Varna mit dem Festland verbindet. Ich sinke auf ein paar Tausend Fuß, während ich das ruhige Wasser in der kreisförmigen Bucht unter mir absuche und hoffe, ein Manatee zu entdecken. Aber heute habe ich kein Glück. Die Manatees halten sich versteckt.

Plötzlich spüre ich einen schmerzhaften Stich im Herzen. Als ich klein war, hat Grandpa Joe mir immer die Manatees gezeigt: dunkle Erhebungen, die aussehen wie rutschige Felsen. Doch diesmal gilt mein Schmerz nicht der Vergangenheit, die für immer verschwunden ist, sondern ich trauere um etwas, was vielleicht niemals sein wird.

Ich würde die Manatees so gern meinem eigenen Kind zeigen. Ich würde so gern hören, wie es vor Begeisterung die Luft einzieht, und sein staunendes kleines Gesicht sehen, wenn es die Augen weit aufreißt und den Mund zu einem atemlosen »O« formt. Sogar hier oben, in einer von Grandma Nancys Cessnas, kann ich der Sehnsucht nicht entfliehen, die von Tag zu Tag, von Woche zu Woche und Monat zu Monat wächst und sich zu einer regelrechten Besessenheit entwickelt.

Ich bin sechsunddreißig. Wenn ich nicht bald ein Kind bekomme, wird es irgendwann zu spät sein. Durch meine eigene Dummheit habe ich die fruchtbaren Jahre verstreichen lassen. Ich habe sie mit einem Mann vergeudet, der niemals mir gehören oder der Vater meiner Kinder sein wird – wie ich mir schließlich eingestehen musste. Und die Männer, die sich vielleicht als Vater geeignet hätten, sind inzwischen alle mit anderen Frauen verheiratet und haben sich hinter Hypotheken, Windelbergen und gemütlicher Häuslichkeit verschanzt. Vor zehn Jahren wimmelte es in meinem Umkreis nur so von verfügbaren Männern, auch wenn sie ebenso wenig bereit zu sein schienen, sich häuslich niederzulassen, wie ich es damals war. Inzwischen gibt es nur noch Fergus, und ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob ich den Rest meines Lebens mit ihm verbringen will, obwohl er mich ständig zu überzeugen versucht, dass genau das mein innigster Wunsch sei. Er ist ein guter Freund, aber mehr nicht – und ursprünglich war er noch nicht mal mein Freund, sondern der meiner Schwester. Ihr Verlobter sogar. Selbst wenn ich in Fergus verliebt wäre, was ich nicht bin, müsste ich mir sagen, dass ich im Laufe meines Lebens bereits weiß Gott genug abgelegte Sachen von Belinda geerbt habe.

Doch was habe ich für eine Wahl? Möglichkeit Nummer eins: Ich heirate Fergus, der mich bestimmt gut behandeln wird – sicher wäre er ein großzügiger, verlässlicher Ehemann und großartiger Vater. Möglichkeit Nummer zwei: Ich schlage mich als alleinerziehende Mutter durch, aber dann käme Fergus als Vater nicht in Frage. Es wäre nicht fair, ihn so zu benutzen. Wenn ich es als alleinerziehende Mutter versuchen wollte, müsste ich jemanden finden, der mir nicht so nahesteht, oder mir sogar einen »anonymen Spender« suchen. Keine dieser beiden Möglichkeiten gefällt mir wirklich. Jedes Mal, wenn ich über eine davon ernsthaft nachdenke, schreckt ein Teil von mir innerlich zurück, so wie man sich vor einer Nacktschnecke ekelt, die durch die Türritze hereingekrochen ist und sich am Katzenfutter gemästet hat.

Beide Möglichkeiten sind allerdings immer noch besser als die dritte und letzte Alternative, die da hieße, mich damit abzufinden, dass ich niemals Mutter werde. Dass ich niemals erfahren werde, wie es ist, ein Kind auf die Welt zu bringen, niemals spüren werde, wie sich ein kleiner Körper an meine Brust schmiegt und eine Woge bedingungsloser Liebe mich überrollt. Niemals würde ich spüren, wie sich winzige Finger um meine Finger schlingen, oder mein Gesicht in einen weichen Haarflaum versenken, der nach Frühling riecht, und wissen, dass dieses kleine eigenständige Leben einmal ein Teil von mir war und immer ein Teil von mir sein wird. Tatsächlich wünsche ich mir schlaflose Nächte und klebrige Essensreste auf dem Fußboden und Berge von Socken, T-Shirts und Unterhosen, die ich waschen muss. Und ich möchte einen Zwerg in den Schlaf singen und Fußabdrücke aus Schlamm auf der Fensterbank hinterlassen, um meinem Kind weiszumachen, dass der Weihnachtsmann auf diesem Weg hereingekommen ist. Ich möchte frühmorgens geweckt werden und dabei zuschauen, wie der Weihnachtsstrumpf auf meinem Bett ausgeleert wird. Und ich möchte das ungläubige Staunen im Gesicht meines Kindes sehen, wenn es zum ersten Mal eine Seifenblase, ein frisch geschlüpftes Küken oder eben ein Manatee erblickt.

Aber nun bleibt mir keine Zeit mehr für trübe Gedanken. Ich kann bereits den Flugplatz von Varna sehen, eine Ansammlung weiß gestrichener Bürogebäude und Hallen am Rand einer großen Grünfläche. Ich gehe auf eintausend Fuß runter, greife nach dem Mikro und bitte den Tower um Landeerlaubnis. Ich erkenne Gus Hadfields Stimme wieder. Er sitzt schon im Tower von Varna, so lange ich denken kann. Gus begrüßt mich wie üblich unter Missachtung der korrekten Fachsprache.

»Bist du’s, Sarah? Hab ich mir doch gedacht. Okay, dann komm mal runter, Herzchen.«

Auf dem grasbewachsenen Vorfeld vor den Bürogebäuden parkt noch eine weitere Cessna in den blau-weißen Firmenfarben von Varna Aviation. Während ich darauf zurolle, taucht Ritchie, der Bruder meiner Mutter, hinter der Nase der Cessna auf. Ein Mädchen folgt ihm wie ein eifriges Hündchen, eine Schülerin auf dem Wege zu ihrer ersten Flugstunde oder vielleicht zu einem Schnupperflug, denn Ritchie macht mit ihr einen Außencheck und prüft die Flugtauglichkeit der Cessna. Sie ist vielleicht achtzehn oder neunzehn. So jung noch! Sie hat jedenfalls noch viel Zeit zum Kinderkriegen.

Ritchie, in leichter schwarzer Hose und weißem Hemd mit Kapitänsstreifen auf den Schulterklappen, hebt lässig eine Hand, um mich zu grüßen. Die meisten Piloten hier kleiden sich lieber leger in Jeans oder Shorts und T-Shirt, doch Grandma Nancy nimmt es mit dem Protokoll genau. Ein Pilot solle wie ein Pilot aussehen und nicht wie ein Gammler, der gerade vom Strand kommt, sagt sie. Das vermittle den Leuten Vertrauen. Obwohl Ritchie inzwischen angeblich die Firma führt, ist ihm schon lange klar, dass Diskussionen mit seiner Mutter nur Zeit- und Energieverschwendung sind. Bei einer Krawatte zieht er allerdings die Grenze.

Ich winke zurück, doch Ritchie schaut schon gar nicht mehr herüber. Er versetzt dem Propeller einen Schwung und sagt etwas zu dem Mädchen, das ihn aufmerksam und offensichtlich bewundernd anstarrt. Ich muss grinsen. Komisch, dass die jungen Flugschülerinnen immer so für Ritchie schwärmen, obwohl er ihr Vater, ja fast ihr Großvater sein könnte. Doch man muss schon sagen, dass er eine ziemlich schnittige Figur abgibt; er wirkt immer noch jugendlich, obwohl er seinen fünfzigsten Geburtstag schon hinter sich hat. Er hat die verwegene Ausstrahlung eines Mannes, der auf drei gescheiterte Ehen zurückblicken kann und nun ein überzeugter Single ist, und nutzt das glamouröse Flair, das sein Beruf mit sich bringt, voll aus. Ich kann nur hoffen, dass er nicht auch die Mädchen ausnutzt, denen er Flugunterricht gibt, doch wenn ich seine bisherigen Erfolge bei Frauen betrachte, möchte ich darauf lieber nicht wetten.

Ehefrau Nummer drei, Mary-Lyn, war nämlich eine ehemalige Flugschülerin, obwohl sie ihren Schein nie bekam und, soviel ich weiß, noch nicht mal einen Alleinflug machte. Sie hatte eigentlich nur Interesse am Fliegen, wenn Ritchie auf dem Sitz neben ihr saß und ihr vermutlich einredete, wie toll sie sich doch anstellte, während er alle schwierigen Manöver selbst flog. Als sie erst mal einen Verlobungsring am Finger hatte, einen Klunker, der ihn ein Jahresgehalt gekostet haben musste, tröpfelten die Stunden nur noch dahin und versiegten schließlich ganz, nachdem er sie zur Little Chapel in Las Vegas geflogen und zur dritten Mrs. Richard Costello gemacht hatte.

Doch zumindest dieser Teil der Geschichte wird sich wohl kaum wiederholen. Wie vernarrt die neue Schülerin auch sein und wie geschmeichelt sich Ritchie durch ihre Bewunderung fühlen mag, mit drei Unterhaltszahlungen an der Backe und einer Firma, die zurzeit nicht besonders prosperiert, wenn man Grandma Nancy glauben darf, wird Ritchie keinesfalls in der Lage sein, sich Diamanten, Weißgold und romantische Hochzeitsreisen nach Mexiko zu leisten.

Ich parke das Flugzeug, schließe ab und gehe auf das gemauerte Gebäude zu, in dem sich die Büros von Varna Aviation befinden.

Heutzutage strahlt das Foyer mit seinem blauen Teppichboden, der gedämpften Beleuchtung, einem Getränkeautomaten und einer Reihe Computern Wohlstand aus. Als ich klein war, bestand die Geschäftsstelle von Varna Aviation lediglich aus einer baufälligen Hütte am Rande des Flugplatzes. Doch vor etwa zehn Jahren entschloss sich die Stadt, in brandneue Gebäude und Einrichtungen zu investieren, und Varna Aviation profitierte davon. Der eindrucksvolle Rahmen mag zwar wirkungsvoll für Geschäftsabschlüsse sein, doch nach allem, was Grandma Nancy gesagt hat, tragen die gestiegenen Mietkosten nicht unwesentlich zu den Finanzproblemen bei, mit denen Ritchie in der Firma zu kämpfen hat.

Ein junger Mechaniker in einem Overall geht mit einem Stapel Papiere in der Hand an mir vorbei. Wir tauschen ein paar Belanglosigkeiten aus, bevor ich das Foyer betrete und zu dem Schreibtisch in Kiefernoptik gehe, hinter dem Monica Rivers am Computer arbeitet.

Monica ist mollig, hübsch und adrett zurechtgemacht. Sie trägt ihr blondes Haar immer noch so voluminös wie in den Achtzigern, und sie verfügt über eines dieser erstaunlich faltenfreien Gesichter, wie es füllige Frauen oft haben. Die Fingernägel hat sie in einem grellen Pinkton lackiert. Monica ist eine Institution bei Varna Aviation; ich habe meine Zweifel, ob die Firma ohne sie überhaupt funktionieren würde. Sie hat hier auf Teilzeitbasis angefangen, als Grandpa Joe noch die Firma leitete. Sie machte die Buchführung und Terminplanung und kümmerte sich um den Empfang. Ihr Mann, ein Flugzeugmechaniker, war plötzlich und unerwartet gestorben, so dass sie mit drei kleinen Söhnen und einer mageren Rente dasaß, und Grandpa Joe hatte Mitleid mit ihr.

Doch tatsächlich hat er von Monicas Einstellung nur profitiert. Binnen kürzester Zeit wurde Monica unentbehrlich, und seit ihre erwachsenen Söhne zu Hause ausgezogen sind, bildet Varna Aviation ihren Lebensinhalt. Jeden Morgen um neun sitzt sie an ihrem Schreibtisch, und dort sitzt sie auch oft noch abends um neun und verabschiedet den letzten Flugschüler. Ich habe mich schon gefragt, ob sie vielleicht eine Schwäche für Ritchie hat und deshalb der Firma all die Jahre treu geblieben ist. Ich hoffe es nicht, denn was Frauen angeht, ist Ritchie wirklich eine Katastrophe, und ich sage mir, dass Monica dafür viel zu vernünftig ist. Doch wann hätte die Vernunft schon mal über die Launen des Herzens gesiegt?

Als Monica mich erblickt, schiebt sie die Maus weg, schaltet den Computer in den Ruhemodus und lehnt sich in ihren bequemen Drehstuhl zurück.

»Wieder zurück, Sarah? Hattest du einen guten Flug?«

»Ja, ganz toll.«

»Magst du einen Kaffee?«

»Oh ja, gern. Ich hol ihn mir, wenn ich den Papierkram erledigt habe.«

»Nein, lass mal. Ein bisschen Bewegung tut mir gut.« Monica erhebt sich schwerfällig von ihrem Stuhl und macht sich auf den Weg zum Kaffeeautomaten, während ich mich über den Tisch beuge und das Bordbuch ausfülle.

Ehe ich fertig bin, ist sie schon wieder zurück, stellt einen dampfenden Pappbecher neben mich und trägt den anderen zu ihrem Platz auf der anderen Seite des Tisches.

»Und, wie lange dauert’s noch, bis du wieder nach Hause fliegst?«, erkundigt sie sich.

»Nur noch ein paar Tage.« Während ich das sage, wird mir ein wenig schwer ums Herz. Die drei Wochen hier sind wie im Fluge vergangen. So ist das immer: Wenn ich ankomme, scheinen noch unzählige Tage vor mir zu liegen, dann sind sie plötzlich verstrichen, und ich kann an einer Hand abzählen, wie viele Mahlzeiten mir noch mit Grandma Nancy bleiben und wie oft ich noch in der Cessna über die Everglades oder hinunter zu den Keys fliegen kann, ehe ich meine Koffer packen muss.

Doch eigentlich sollten drei Wochen lange genug sein. Man kann sein normales Leben nicht bis in alle Ewigkeit warten lassen, wie sehr man es sich auch wünschen mag.

»Du solltest mal darüber nachdenken, für immer hierherzuziehen«, meint Monica, als hätte sie in meinen Gedanken gelesen, wie ungern ich heimkehren möchte. »Komm doch her und hilf Ritchie mit der Firma. Fliegen ist doch bestimmt allemal besser als … als das, was du da zu Hause in deinem Büro machst.«

»Bilanzen. Ich bin Wirtschaftsprüferin.«

»Ziemlich stressiger Job, was?«

»Das kann man wohl sagen.«

»Und das Wetter hier bei uns ist bestimmt auch viel besser als in England.«

»Ob du’s glaubst oder nicht: Mir gefallen die Jahreszeiten in England. Und ich kann auch nicht einfach so eine gute Stelle hinschmeißen, mein Haus verkaufen und hierherziehen. Außerdem glaube ich kaum, dass sich die Firma ein weiteres Gehalt leisten könnte. Und ich bin mir nicht mal sicher, ob sie mich hier überhaupt die ganze Zeit haben wollten.«

»Deine Großmutter bestimmt«, sagt Monica voller Überzeugung. »Sie hält große Stücke auf dich. Und meiner Meinung nach ist sie einsam. Ich glaube, sie ist nie richtig über den Tod deines Großvaters hinweggekommen. Deine Mutter lebt in England, die sieht sie auch nicht. Und … Dann auch noch der andere Verlust, den sie erlitten hat …« Sie bricht ihren Satz ab, ein wenig verlegen, so als hätte sie eine unsichtbare Grenze überquert und verbotenes Gebiet betreten. »John«, schließt sie ohne weitere Erklärung, zieht eine Schreibtischschublade auf und holt eine Schachtel mit Krispy Kreme Doughnuts heraus. »Magst du einen?«

»Nein, danke.« Ich schüttele den Kopf.

»Aber ich gönn mir einen.« Monica beißt ein Stück ab und besprenkelt sich dabei das Kinn mit Puderzucker. »Was wäre mein Tag ohne Krispy Kreme Doughnuts!«

Kein Wunder, dass sie so zugenommen hat, denke ich mir. Laut sage ich: »Sie hat doch Ritchie.«

Monica schnaubt verächtlich, und eine weitere Puderzuckerwolke staubt empor und setzt sich wie Pulverschnee auf die Computertastatur. »Wenn er mal zu Hause ist. Was nicht besonders oft vorkommt, wenn du mich fragst. Und wenn er dann da ist …«

»Ich weiß«, seufze ich. »Sie sind nicht wirklich auf einer Wellenlänge.«

»Das kannst du wohl laut sagen.« Das letzte Stückchen Doughnut verschwindet in Monicas Mund, und sie leckt sich die Finger und die glänzenden Lippen. »Zwei nette Menschen – und trotzdem haben sie ständig Auseinandersetzungen. Aber wenn du hier wärst …«

Ich muss über ihre Hartnäckigkeit lachen. »Ich werde nicht hier sein. In den Ferien ja. Aber immer hier leben – nein.«

»Man kann nie wissen – vielleicht begegnest du ja noch dem Mann deiner Träume. Ich wette, der würde dich dann schon überreden, hierzubleiben.«

Ich lache wieder, doch es klingt hohl. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hat Monica einen wunden Punkt getroffen und Gefühle aufgewühlt, die ich nicht gern eingestehe – nicht einmal mir selbst. Ich bin eine unabhängige Karrierefrau. Ich träume nicht von irgendwelchen Männern. Nicht mehr. Die Sehnsucht, die mich überfällt, wenn ich ein Paar sehe, das ein kleines Kind an den klebrigen Händen festhält und hin- und herschwingt, hat nichts mit romantischen Illusionen zu tun.

Einmal habe ich Mark und seine Frau Claire gesehen, als sie genau das taten. Sie liefen neben der Straße entlang, den zweijährigen Freddy in der Mitte, zählten die Pflastersteine und schwangen ihn immer wieder hoch, sein Gewicht gleichmäßig zwischen beiden Armen verteilt. Sie lächelten zu ihm herab und lachten, während er vor Vergnügen quiekte. Freddy trug eine leuchtend rote Jacke und rote Gummistiefel, und sein Gesicht glänzte rosig unter der Kapuze hervor. Die sechsjährige Molly hielt sich an der anderen Hand ihres Vaters fest, blickte zu ihm empor und sagte etwas. Mich sahen sie natürlich nicht. Für sie war ich bloß ein vorbeifahrendes Auto. Wenn Mark in meine Richtung geblickt hätte, hätte er mein Auto erkannt, doch er schaute nicht herüber. Und für Claire war ich eine Fremde. Sie hatte keine Ahnung, wie viel ich über sie wusste.

In diesem Augenblick wurde mir klar, dass Mark sie und die Kinder niemals verlassen würde, obwohl er es mir oft versprochen hatte, und mir wurde auch klar, dass ich das gar nicht wollen würde. Ich konnte mir mein Glück nicht auf Kosten dieser Kinder stehlen. Wie hätte ich das mit meinem Gewissen vereinbaren sollen? Das war’s, sagte ich mir, aus und vorbei. So einfach war es dann natürlich nicht. Sich vorzunehmen, eine Affäre zu beenden, und es dann auch wirklich zu tun, sind zwei verschiedene Dinge, wenn man verliebt ist. Doch es war der Anfang vom Ende.

Ich will mich nicht mehr verlieben. Ich will nicht die Kontrolle über mein Leben und meine Gefühle verlieren. Mein Verstand jedenfalls will das nicht. Was mein Herz angeht, bin ich mir da nicht so sicher. Wenn es mir wirklich ernst damit wäre, gefühlsmäßig unbeteiligt zu bleiben, warum treffe ich dann keine Abmachung mit Fergus? Und bekomme ein Kind von ihm, das wir dann zwischen uns über den Bürgersteig schwingen können?

»Monica«, sage ich und trinke meinen Kaffee aus. »Ich kann mir kaum vorstellen, dass innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden irgendein toller Typ auftaucht, der mich vom Hocker reißt. Und selbst wenn – ich muss trotzdem nach England zurück.«

Monica betrachtet mich mit wissendem Blick. Ich glaube, sie weiß genau, wie verletzlich ich trotz meiner Flapsigkeit bin. Dass ich nur nach außen hin den Eindruck erwecke, ich sei mit meinem anspruchsvollen Beruf und all den materiellen Dingen, die ich mir von meinem guten Gehalt leisten kann, vollauf zufrieden, tatsächlich aber manchmal eine schmerzende Leere in mir spüre. Dass ich mein Leben keineswegs so gut unter Kontrolle habe, wie ich es gern vorgebe. Sie kennt mich schon zu lange.

»Du wirst schon sehen – eines Tages passiert es«, sagt sie. »Und zwar dann, wenn du am wenigsten damit rechnest.«

Ich lächle sie schief an. »Darauf möchte ich lieber nicht wetten.«

»Ich auch nicht.«

Ich betrachte sie, diese hübsch zurechtgemachte Frau, die nun schon seit beinahe zwanzig Jahren verwitwet ist und die Leerstellen in ihrem Leben mit der Arbeit für Varna Aviation und mit Krispy Kreme Doughnuts füllt, und ich frage mich, ob sie insgeheim ebenfalls auf etwas wartet – oder auf jemanden. Falls ja, hat sie schon furchtbar lange warten müssen.

Varna besteht aus einem Gitternetz von Straßen, rechtwinklig wie das Muster eines karierten Papiers. Die Straßen werden von Bäumen und einzelnen Shopping Malls und Cafés gesäumt. Die Häuser dagegen sehen alle unterschiedlich aus, als wollten sie gegen diese Einförmigkeit protestieren. Manche imitieren den Kolonialstil, andere sind weitläufige Bungalows und wieder andere mehrstöckige Gebäude mit Wohnungen. Fast alle jedoch verfügen über einen Pool, der sich in einem schattigen Garten versteckt.

Grandma Nancys Haus befindet sich an einer der gleichförmigen Avenues, die auf das Stadtzentrum zuführen – ein weißes, stuckverziertes Gebäude hinter einem ordentlich gepflegten Rasen, hübsch und geräumig, doch ohne jeden Protz. Varna Aviation hat nie so viel Geld abgeworfen, dass Grandpa Joe es sich leisten konnte, in eines der ranchähnlichen Anwesen zu ziehen, die sich außerhalb der Stadt hinter riesigen, mit Sträuchern und Büschen bewachsenen Grundstücken verbergen und von den Touristen in ihren Rundfahrtbussen neugierig beäugt werden. Ich glaube auch nicht, dass sie das gewollt hätten. Ich fahre mit meinem Mietwagen in die Auffahrt und gehe ins Haus.

»Grandma – ich bin wieder da!«

»Ich bin hier!« Grandma Nancys Stimme dringt aus dem Wohnzimmer. Sie klingt heiter und energisch, so dass man kaum glauben kann, dass die Frau, der diese Stimme gehört, schon weit in den Achtzigern ist.

Grandma Nancy ist überhaupt ziemlich erstaunlich für ihr Alter. Sie ist immer noch rüstig, obwohl sie ein bisschen mit Arthritis in Händen und Knien zu kämpfen hat. Immer noch ist sie entschieden auf ihre Selbständigkeit bedacht: Sie hat darauf bestanden zu fliegen, bis sie vierundsiebzig Jahre alt war, und sich erst aus dem Pilotensitz drängen lassen, als sie eine ärztliche Tauglichkeitsuntersuchung nicht bestand, weil ihr Gehör nicht mehr so gut war. Und sie sieht immer noch gut aus – ihre hohen Wangenknochen machen mühelos die unvermeidlichen Falten und Fältchen wett. Ihr schneeweißes, gewelltes Haar erscheint mir so dicht wie eh und je, obwohl sie schwört, dass es ihr büschelweise ausfalle, und sie ist immer noch beneidenswert gut frisiert. Bei meiner Ankunft vor zweieinhalb Wochen hatte ich jedoch den Eindruck, dass sie ein wenig gebrechlicher ist als im letzten Jahr. Ich hätte nicht genau sagen können, wieso, doch es war nicht zu übersehen, und plötzlich hatte ich ein flaues Gefühl im Bauch. Grandma Nancy alterte allmählich. Ja – sie ist alt, nach gängigen Maßstäben jedenfalls. Und das finde ich schwer zu ertragen.

Jetzt sitzt sie am Tisch. Vor ihr aufgeschlagen liegt ein Buch von der Größe eines Tischkalenders, neben ihrem Ellbogen befinden sich ein Fotoalbum und ein eckiges Lederkästchen. Sie klappt das Buch zu und lächelt mich an mit diesem wunderbaren Lächeln, das ihre Wangen hebt und ihre Augen so saphirblau glitzern lässt wie das Meer zur Mittagszeit.

»Hattest du einen schönen Flug?«

»Ja, ganz toll«, erwidere ich. »Du hättest mich begleiten sollen.«

Sie legt das Fotoalbum und das lederne Kästchen auf das Buch. Jetzt sehe ich, dass das Buch ein vergilbtes Etikett trägt, das sich an einer Ecke emporwellt.

»Vielleicht komme ich ja noch mal mit, bevor du nach Hause fährst«, sagt sie.

»Hast du denn wirklich Vertrauen in meine Flugkünste?«

»Ich bin schon mit weitaus schlechteren Piloten geflogen.« Sie begegnet meinem Blick mit einer Spur Schalk in den Augen. »Würdest du mich denn auch mal steuern lassen?«

Ich tue so, als lasse ich mir ihren Vorschlag durch den Kopf gehen. »Ich denke schon. Solange du mir versprichst, einfach geradeaus zu fliegen – ohne eines deiner Flugkunststücke!«

»Ich glaube, dafür bin ich inzwischen ein bisschen zu alt«, sagt Nancy trocken.

»Das hoffe ich. Und du musst mir versprechen, Ritchie nichts davon zu erzählen. Ich glaube kaum, dass er das gutheißen würde.«

Ein weiteres verschmitztes Zwinkern. »Als ob ich das tun würde. Okay, abgemacht!« Dann wird ihre Miene wieder weich. »Ich bin ja so froh, dass du mir nachschlägst, Sarah. Deine Mutter hatte nie auch nur das geringste Interesse am Fliegen. Du weißt ja, dass sie immer einen weiten Bogen darum gemacht hat. Ich schiebe es immer darauf, dass sie als kleines Kind mal einen furchtbaren Schock erlitten hat. Sie war mit uns am Flugplatz, als eine Cessna beim Start abstürzte – irgend so ein junger Kerl, der angeben wollte, wenn ich mich recht erinnere. Hat die Maschine viel zu stark hochgezogen, schmierte ab und schlug auf wie ein Pfannkuchen. Ellen war völlig hysterisch. Wir dachten, sie wäre viel zu klein, um zu verstehen, was da passiert war, und hätten auch nicht damit gerechnet, dass sie sich später noch daran erinnern würde. Doch leider hat sie das wohl für den Rest ihres Lebens vom Fliegen abgehalten.«

»Sie kann sich nicht daran erinnern«, sage ich. Ich habe die Geschichte schon mal gehört und meine Mutter danach gefragt. »Ich glaube, wenn sie sich erinnern würde, hätte es gar nicht solche nachhaltigen Auswirkungen auf sie. Sie wäre in der Lage, das Ereignis als Erwachsene zu rationalisieren, statt es immer noch wie ein Kind in sich zu spüren, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Vielleicht.« Nancy hatte noch nie viel für psychologische Betrachtungen übrig. »Ich bin jedenfalls froh, dass sie ihre Angst nicht auf dich übertragen hat. Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass meine Enkelin immer noch in den Wolken schweben wird, wenn ich mir schon längst das Gras von unten anschaue.«

Mir läuft ein Schauer über den Rücken. »Sag doch nicht so was, Grandma. Du wirst uns noch alle überleben!«

»Das will ich doch nicht hoffen!« Ihr Gesicht wird ernst. »Sarah, ich möchte mit dir über etwas reden.«

»Aber nicht über deinen Tod.«

Grandma Nancy lächelt schwach. »Nein. Jedenfalls nicht streng genommen. Doch ich werde immer älter, und dann fallen einem die Dinge ein, die man gerne noch erledigen möchte, bevor es zu spät ist. Ich möchte dich bitten, etwas für mich zu tun, wenn du nach England zurückkehrst. Ich möchte, dass du jemanden für mich ausfindig machst.« Ihre Finger, die von der Arthritis ein bisschen geschwollen sind, wandern zu dem Stapel mit dem Buch und den anderen Gegenständen und halten alles zusammen, so gut es ihre steifen Gelenke erlauben. »Lass uns etwas trinken.«

»Ich habe gerade am Flugplatz einen Kaffee mit Monica getrunken«, erwidere ich.

»Ich rede auch nicht von Kaffee. Ich werde mir einen Sherry genehmigen. Die Sonne steht über den Rahen, jetzt darf man sich einen genehmigen, wie man in England zu sagen pflegte. Warum trinkst du nicht auch einen mit?«

»Ich hätte lieber ein Glas Wein.«

»Bedien dich, du weißt ja, wo er steht.«

Ich gieße ihr einen Sherry ein, hole eine Flasche kalifornischen Rosé aus dem Kühlschrank in der Küche und gieße mir ein Glas über einen Berg Eiswürfel ein. Der Eiswürfelbereiter quillt praktisch schon wieder über und schiebt knirschend Nachschub in den Spender.

»Komm, wir nehmen die Getränke mit nach draußen.« Grandma Nancy steht hinter mir in der Küchentür, eine winzige Gestalt in ihren gerade geschnittenen Leinenhosen und der bedruckten Seidenbluse. Das blau gebundene Buch hat sie unter einen Arm geklemmt, das Kästchen und das Fotoalbum hält sie in der Hand. »Könntest du vielleicht meinen Drink tragen? Ich möchte nicht, dass er mir hinfällt. Das wäre doch eine Verschwendung von gutem Sherry, und mein bestes Kristall wäre auch hin!«

Ich gehe ins Wohnzimmer, hole Nancys Sherry und folge ihr ins Freie. Ein Tisch und Stühle stehen im Schatten eines großen, geblümten Sonnenschirms; jenseits der Holzterrasse schimmert der obligatorische Pool azurblau im hellen Sonnenlicht. Wir setzen uns.

»Also, was kann ich für dich tun?«, erkundige ich mich und trinke einen Schluck Wein.

Grandma Nancy schweigt einen Moment lang, als sei sie sich nicht ganz sicher, wie sie anfangen soll. Dann sagt sie: »Du weißt doch, dass ich während des Krieges in England war.«

»Als du für die Air Transport Auxiliary geflogen bist. Ja, natürlich.«

Aber viel mehr als das weiß ich auch nicht. Dass Jacqueline Cochran, eine der berühmtesten Pilotinnen ihrer Zeit, mit Nancy Kontakt aufgenommen hat und ihr angeboten hat, bei der kleinen, ausgesuchten Gruppe von amerikanischen Pilotinnen mitzumachen und ihr nach England zu folgen. Dass sie dort etwas länger als ein Jahr verbrachte und im Zubringerdienst Kampfflugzeuge für die RAF flog und dann wieder nach Hause zurückkehrte. Sie hatte von den Flugzeugen erzählt und davon, wie viel Spaß es ihr gemacht hatte, sie zu fliegen – doch an dieser Stelle endeten ihre Erinnerungen immer. Nie erzählte sie von den Menschen, die sie dort kennengelernt hatte, oder von den Freundschaften, die sie geschlossen haben muss, und ich hatte mich schon oft gefragt, ob sie vielleicht Dinge für sich behielt, die zu schmerzlich für sie waren, um sie anderen mitzuteilen. Grandma Nancy kann sehr verschlossen sein. So auch, wenn das Thema auf John kommt, ihren ältesten Sohn. Sie hat ihn vergöttert und spricht dennoch kaum je über ihn. Sie hat die Erinnerung an ihn in ihrem Herzen begraben.

Jetzt warte ich, während die Neugier in mir brennt, sage aber nichts aus lauter Angst, dass sich das Fenster gleich wieder schließen und die Jalousien heruntergelassen werden könnten.

»Damals haben wir ein paar sehr enge Freundschaften geschlossen«, sagt Grandma Nancy endlich. »Komisch eigentlich – diese Menschen haben einem die ganze Welt bedeutet, und dann … sind sie plötzlich nicht mehr da. Die Mädels haben sich noch regelmäßig wiedergetroffen – das letzte Treffen, von dem ich gehört habe, war in Boston, und Anfang der Achtziger wollten sie auch, dass ich zur Eröffnung des ATA-Museums nach England komme, doch ich bin nicht hingefahren. Zu weit. Zu viele Erinnerungen. Und ich hatte viel zu viel zu tun. Aber jetzt … Es gibt da jemanden, mit dem ich gern wieder Kontakt aufnehmen würde. Ich möchte ihm etwas zurückgeben – vorausgesetzt, er lebt noch. Und falls nicht, sollte seine Familie es bekommen.«

Ihm. Ich fahre mit dem Finger über den Rand aus Kondenswasser, der sich auf der Tischplatte unter meinem Glas gebildet hat. Das kommt doch ziemlich überraschend für mich. Bisher war ich immer davon ausgegangen, dass Grandma Nancy und Grandpa Joe schon seit Ewigkeiten zusammen waren. Ich weiß genau, dass sie schon vor dem Krieg für ihn gearbeitet hat, und nach dem Krieg waren sie beinahe sechzig Jahre verheiratet.

»Wer ist es denn, Grandma?«

Plötzlich hat sie einen ganz merkwürdigen Gesichtsausdruck; den Blick in die Ferne gerichtet, lächelt sie vor sich hin. Doch es ist ein wehmütiges Lächeln.

Sie zieht das Fotoalbum zu sich heran, holt ein Foto heraus und gibt es mir. Es ist ein bisschen grobkörnig und verschwommen, ein wenig ausgeblichen. Doch ich kann darauf unschwer einen jungen, gutaussehenden Mann erkennen. Er ist hochgewachsen und trägt eine Fliegerjacke aus Leder.

»Das ist er. Das ist Mac.«

Ich betrachte das Foto, und alle möglichen Fragen sprudeln empor wie Kohlensäure in einem Glas Sekt. Doch obwohl ich ziemlich überrascht und neugierig bin, kommt mir nicht einen Augenblick lang in den Sinn, dass ich nicht nur das Foto eines jungen Piloten betrachte, der mal irgendeine Rolle in Grandma Nancys Vergangenheit gespielt hat, sondern dass ich gleichzeitig in das Gesicht eines Mannes blicke, der das Leben unserer ganzen Familie prägte und veränderte. Und der auch heute noch einen Schatten auf uns wirft und uns beeinflusst.

RITCHIE

Heute bin ich ausnahmsweise mal ganz optimistisch. Die Kleine – Jodie Polanski stand auf dem Anmeldeformular – hat bei dem Schnupperflug ihren Spaß gehabt. Dafür habe ich schon gesorgt. Während wir über die Everglades flogen, habe ich sie eine Zeit lang steuern lassen, und als ich selbst gesteuert habe, habe ich ihr ein paar Kunststückchen vorgemacht. Das hat schon gereicht, dass sie vor Vergnügen kreischte wie auf einer Achterbahn in Orlando. Auf dem Rückflug Richtung Varna betrachte ich sie unauffällig von der Seite. Sie ist ganz rosa vor lauter Aufregung, kaut voller Konzentration mit den kleinen perlweißen Zähnen auf der Unterlippe herum und hält das Steuerhorn umklammert, als gelte es ihr Leben. Ich glaube, mein Einsatz hat sich gelohnt; sie wird bestimmt einen ganzen Kurs buchen. Ich überschlage schon mal im Kopf, wie viel Geld uns das einbringen wird. Pi mal Daumen dreißig Flugstunden, bevor sie ihren Schein bekommt – vielleicht noch ein paar mehr, wenn ich die Stundenzahl ein wenig erhöhe, ehe ich sie allein fliegen lasse –, und dann natürlich noch die Miete für das Flugzeug.

»Sie sind ein Naturtalent«, lobe ich sie. »Sie fliegen wie ein Vogel!«

Sie kichert. »Es ist einfach super. Ganz toll.«

»Und – wollen Sie’s mal probieren? Ein paar Stunden pro Woche, und Sie könnten den Schein noch vor Thanksgiving in der Tasche haben!«

Sie seufzt tief. »Ich würde ja zu gern. Aber diese Schnupperstunde war ein Geburtstagsgeschenk von meinem Freund. Ich könnte mir das gar nicht leisten. Ich gehe ja noch zur Schule.«

Ich greife nach dem Trimmrad, dabei streife ich ihren Arm ganz leicht mit meinem.

»Dann überreden Sie ihn doch, dass er Ihnen die Flugstunden bezahlt. Sagen Sie ihm, wie toll es ist, wenn er später mal seine eigene Privatpilotin hat, wenn er ein reicher Businessman ist, der schnell von hier nach da kommen muss.«

Sie lacht und schüttelt den Kopf. »Das wird er mir kaum abnehmen. Er ist genauso pleite wie ich. Diese halbe Stunde hat schon das ganze Geld aufgebraucht, das er sich zwei Wochen lang beim Regale einräumen im Supermarkt verdient hat.«

»Das ist ja wirklich ein Jammer.« Obwohl ich innerlich fluche, lasse ich mir nichts anmerken und bleibe freundlich. Es soll schließlich auf keinen Fall so wirken, als hätten wir Kundschaft dringend nötig. Vielleicht ändert sie ihre Meinung ja noch und kann ihren alten Herrn überzeugen, dass er ihr die Stunden bezahlt. Aber mir ist klar, dass ich meine Zeit vertue. Ich erleide einen Rückschlag nach dem anderen. Nie ist mir etwas einfach so zugefallen. Manche Leute behaupten ja von sich, sie wären unter einem Glücksstern geboren. Ich kann bloß sagen, dass es verdammt dunkel gewesen sein muss, als ich das Licht der Welt erblickte.

Während ich eine Runde über den Flugplatz von Varna drehe, sehe ich auf dem Parkplatz schon das nächste Problem auf mich warten. Dieses weiße Cabrio würde ich überall wiedererkennen. Es gehört Mary-Lyn, meiner dritten und anspruchsvollsten Exfrau. Jedenfalls ist es auf sie zugelassen. Bezahlen tue ich dafür. Was zum Teufel will sie denn jetzt schon wieder von mir? Weiß sie denn nicht, dass sie mir schon das letzte Hemd ausgezogen hat? Aber sie ist ganz bestimmt nicht bloß vorbeigekommen, um mal Hallo zu sagen. Nein, nicht Mary-Lyn. Die will was von mir. Das will sie immer.

Warum zum Teufel musste ich sie bloß heiraten? Man sollte meinen, ich hätte es besser wissen müssen. Zwei gescheiterte Ehen hatte ich schließlich schon hinter mir – da sollte man doch meinen, ich hätte meine Lektion gelernt. Aber nein – ich war genauso blöd wie immer. Bin sehenden Auges in mein Unglück gerannt und habe gehofft, dass es diesmal schon klappen würde.

Das hatte ich auch vorher schon zweimal gehofft. Das erste Mal kann man wahrscheinlich noch irgendwie entschuldigen. Diane und ich sind miteinander gegangen, seit wir beide vierzehn waren. Ich wollte sie so sehr, dass es schon wehtat. Und die einzige Möglichkeit, wie ich sie haben konnte – und damit meine ich »haben« im wahrsten Sinne des Wortes –, war, sie zu heiraten. Und wenn ich ganz ehrlich bin, wollte ich vielleicht auch meinen Bruder John endlich einmal bei etwas übertrumpfen. Ich hatte schon alles mögliche andere versucht – und war jedes Mal kläglich gescheitert. So konnte ich wenigstens der Erste von uns sein, der vor dem Altar stand. Allerdings ist es nicht ganz so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ja, eine Zeit lang war es prima, aber dann wurden wir erwachsen und entwickelten uns auseinander. Wir hatten nichts, aber auch gar nichts mehr gemeinsam – noch nicht mal den Sex. Und dann waren wir eigentlich beide erleichtert, als wir uns dazu durchgerungen hatten, die Sache zu beenden.

Chrissie, Gattin Nummer zwei, hat mich regelrecht erstickt. Sie war total eifersüchtig und besitzergreifend. Ich konnte nicht mal pinkeln gehen, ohne sie vorher um Erlaubnis zu bitten. Sie hatte diese fixe Idee, dass man als Ehepaar aneinander hängen muss wie siamesische Zwillinge. Dass wir alles gemeinsam unternehmen müssten, am besten noch im Partnerlook gekleidet, dass wir ständig Händchen halten und den Satz des anderen beenden müssten. Dauernd fummelte sie an mir rum, streichelte mir die Hand, das Knie oder den Nacken, sogar wenn andere dabei waren. Sie machte meine Post auf. Sie lieh sich mein Handy und loggte sich auf meinem PC ein. Sie ließ mich keine Sekunde in Ruhe. Das machte mich wahnsinnig. Ich ließ mich mit anderen Frauen ein in der Hoffnung, dass sie mich in den Wind schießen würde, wenn sie herausfand, was ich für ein mieser Typ war – aber sie klammerte bloß noch mehr. Schließlich zog ich aus, verfolgt von ihren Selbstmorddrohungen. Ich hatte eine Scheißangst, dass sie sie wahrmachen würde, aber noch mehr fürchtete ich, dass ich ihr etwas antun könnte, wenn ich noch länger bliebe. Nicht lange danach lernte sie einen Makler aus New England kennen, der seinen Urlaub in Florida verbrachte, und heiratete ihn. Soviel ich weiß, haben die beiden inzwischen drei Kinder, und ich habe Chrissie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen.

Man sollte meinen, dass ich nach diesen Erfahrungen so viel Verstand gehabt hätte, mich nicht noch einmal an eine Frau zu binden. Doch ich bin einfach zu blöd, ich kann wohl nicht anders. Ich habe immer noch diese bescheuerte Vorstellung, dass es schon eines Tages klappen wird, wenn ich mich nur ordentlich anstrenge. Dass ich dann ein bisschen mehr werde wie John und ein bisschen weniger wie ich. Trotzdem sollte man meinen, dass ich Mary-Lyn hätte richtig einschätzen müssen. Glamourös, zwanzig Jahre jünger als ich und mit einem anspruchsvollen Geschmack, der sich nicht nur auf schnelle Autos, sondern auf den ganzen Lebensstil erstreckt. Und man kann auch nicht sagen, dass mich meine Familie und Freunde nicht vorgewarnt hätten.

Monica zum Beispiel hatte mich zu warnen versucht.

»Also, wenn du mich fragst: Diese Frau ist total geldgeil«, hatte sie mir unverblümt gesagt. Wir saßen nach einem langen Arbeitstag in Vinny’s Bar und führten ein vertrauliches Gespräch bei einer Flasche Wein. »Die ist doch bloß hinter deinem Geld her.«

Darüber musste ich lachen. »Ich habe doch gar kein Geld.«

»Das weiß sie aber nicht«, wandte Monica ein. »Sie sieht bloß den Chef einer Flugfirma vor sich und hält dich für einen wohlhabenden Mann. Und so, wie du sie mit Blumen und Geschenken überhäufst, glaubt sie, sie hat das große Los gezogen.«

»Aber nicht doch! Sie ist einzig und allein meinem Charme erlegen, Monica«, witzelte ich. »Du weißt doch, ich bin unwiderstehlich – gib’s doch zu!«

»Wenn du meinst.« Monica drehte ihr Glas zwischen den Händen und klopfte mit ihren langen Fingernägeln dagegen. Das Geräusch ging mir auf die Nerven; vielleicht war mir auch bloß bewusst, wie nahe sie der Wahrheit gekommen war. »Ich will nur nicht noch mal mit ansehen, wie du verletzt wirst, Ritchie.«

»Hey – vergiss nicht, ich bin schon ein großer Junge! Ich kann auf mich selbst aufpassen.«

»Amüsier dich, wenn’s unbedingt sein muss. Aber, um Himmels willen, heirate bloß nicht noch mal!«

Sie klang genau wie meine Mutter, und das sagte ich ihr auch. Sie schien es als Kompliment zu betrachten.

Doch trotz aller Warnungen – oder vielleicht gerade deswegen – heiratete ich Mary-Lyn. Und genau wie es alle vorausgesagt hatten, ging auch diese Ehe wie die beiden ersten den Bach runter. Vor gut einem Jahr haben wir uns getrennt, und ich bin wieder bei meiner Mutter eingezogen. Ich habe mir eingeredet, dass sie in ihrem Alter nicht mehr allein leben sollte, dabei war mir eigentlich ziemlich klar, dass der wirkliche Grund ein anderer war: Ich hätte es mir gar nicht leisten können, irgendwo anders zu wohnen. Mehr als ein Jahr ist das jetzt her, aber Mary-Lyn meint immer noch, ich müsse ihren Lebensstil finanzieren. Ich zahle ihr einen großzügigen Unterhalt, bezahle die Hypotheken für unser ehemals gemeinsames Haus und die Raten für ihr Auto, ebenso wie alle anfallenden Rechnungen. Sie ruiniert nicht nur mich, sondern auch die Firma, und entweder merkt sie es gar nicht, oder es ist ihr egal.

Ich bringe Jodie ins Büro, um sie zu verabschieden, und gebe Monica mit einem leichten Kopfschütteln zu verstehen, dass wir mit weiteren Buchungen von Flugstunden wohl nicht zu rechnen haben. Der Freund wartet schon auf sie, er sitzt auf einem der gepolsterten Stühle und hält eine leere Kaffeetasse in der Hand, vor ihm auf dem Tisch liegt ein Stapel Flugzeitschriften. Zusammen verlassen sie das Gebäude, Jodie hängt an seinem Arm und plappert aufgeregt von ihrem Flug, und ich gehe nach draußen zum Parkplatz, um herauszufinden, was Mary-Lyn diesmal von mir will.

Sie lehnt an der Motorhaube des Cabrios und raucht eine Zigarette. Sie lässt den Stummel auf den Asphalt fallen und tritt ihn mit dem Vorderteil ihrer Sandale aus, als ich näher komme. Sie ist eine üppige Frau, groß und braun gebrannt, und trägt die typische Uniform Floridas – Shorts und T-Shirt. Doch die Sonne lässt das Gold an ihrem Hals, den Handgelenken und Knöcheln glitzern, alles Schmuckstücke, die ich ihr gekauft habe, als ich sie noch beeindrucken wollte.

»Hallo«, begrüßt sie mich. »Immer noch hinter den Blondinen her, wie ich sehe.«

Ich ignoriere ihre spitze Bemerkung. »Was machst du denn hier?«

»Na, ich bin bestimmt nicht gekommen, um mir die Flugzeuge anzuschauen.« Im Laufe der Jahre hat Mary-Lyn eine gewisse Perfektion darin entwickelt, mir mit einem schnippischen Einzeiler zu antworten, genau wie sie früher perfekt in den Schmeicheleien war, mit denen sie mich um den Finger gewickelt hat.

»Also, was gibt’s?«

»Die Klimaanlage ist kaputt. Kannst du jemanden schicken, der sie mir repariert?«

Jemanden schicken, der sie repariert – und die Rechnung bezahlen.

»Hat das nicht noch Zeit?«, frage ich ohne viel Hoffnung.

»Bei dieser Hitze? Ist das dein Ernst? Ich bin kurz vor dem Verschmoren. Letzte Nacht habe ich kaum ein Auge zugekriegt!«

Ich stoße einen Seufzer aus. »Okay, ich kümmere mich drum.«

»Du rufst jetzt gleich jemanden an?«

»Ja, klar.«

»Aber bitte wirklich! Wir wollen uns doch nicht überwerfen, Schatz, oder?« Sie lächelt mich zuckersüß an, und ich erhasche einen Blick auf das Mädchen, in das ich mich damals verliebt habe und das leider ziemlich schnell verschwand, als ich Mary-Lyns großzügigen Umgang mit Geld, das ich nicht besaß, einschränken musste.

Wir hatten eine schöne Zeit, Mary-Lyn und ich, ab und zu jedenfalls. Manchmal wünschte ich mir fast, wir könnten noch mal von vorn anfangen, unter anderen Voraussetzungen.

Sie steigt in ihr Auto, lässt den Motor an und braust in einer Staubwolke davon. Ich hole eine Zigarette heraus und zünde sie mir an.

Rauchen ist eines der letzten großen Tabus unserer Zeit. Extrem unsozial. Man kann ruhig einen Mord begehen, irgendjemand wird schon eine Entschuldigung dafür finden. Aber steck dir eine Zigarette an – und sofort gehörst du zu den Unberührbaren. Aber das ist mir egal, verdammt. Wenn ich auf meinem eigenen Flugplatz eine Zigarette rauchen will, dann tue ich das auch. Und jetzt habe ich wirklich eine nötig, denn Mary-Lyn hat mich mal wieder auf die Palme gebracht.

Wo zum Teufel soll ich bloß das Geld hernehmen, um ihre Klimaanlage zu reparieren? Aus der Firma kann ich nicht noch mehr rausholen – das Geld ist einfach nicht da. Wenn ich mich noch weiter aus dem Fenster lehne, sitzen mir die Gläubiger auf den Fersen und wir gehen bankrott. Ach, verdammt, wahrscheinlich gehen wir sowieso bankrott. Obwohl es nicht meine Schuld ist, wirft Varna Aviation einfach keinen Gewinn mehr ab. Mir ist klar, dass ich trotzdem wieder derjenige sein werde, der sich dafür verantworten muss. Meine Mutter wird zwar vielleicht nicht laut aussprechen, dass die Firma niemals den Bach runtergegangen wäre, wenn John noch leben würde, aber sie wird es denken. Das werde ich an ihrem Blick erkennen. Und dann werde ich knurren und schnappen wie ein verwundeter Löwe, aber innerlich werde ich mal wieder spüren, wie ein Stück von mir stirbt. Ritchie, der Versager – Ritchie, der nie etwas richtig macht.

Wissen Sie, wie es ist, wenn man sein Leben lang im Schatten eines anderen Menschen steht? Ich sag’s Ihnen – es ist die Hölle. Vor allem, wenn dieser Andere der eigene Bruder ist.

Als ich klein war, war es nur natürlich, vermute ich. Er war vier Jahre älter als ich; ich habe mich an ihn gehängt, und er hat mich geduldet. Natürlich wollte ich so sein wie er. Das tun, was er tat, die Sachen haben, die er hatte. Ich beneidete ihn um seine Spielsachen: den ferngesteuerten LKW, während ich mich noch mit einem Aufziehmodell zufriedengeben musste; das richtige Fahrrad, auf dem er herumbrauste, während ich auf meinem Dreirad hinterherzockelte. An warmen Sommerabenden wünschte ich mir, ich könnte genauso lange aufbleiben wie er. Wie oft bin ich abends heimlich aus dem Bett gekrochen – der unteren Etage des Stockbetts natürlich, John hatte selbstverständlich die obere – und habe neidisch vom Fenster aus zugesehen, wie er draußen noch Trampolin sprang oder auf dem Baum herumkletterte! Ich wünschte mir immer bloß, dass die Zeit möglichst schnell weiterrasen möge, damit ich endlich dasselbe machen könnte wie er. Und dabei kam es mir nie in den Sinn, dass er natürlich ebenfalls älter wurde und mir immer einen Schritt – oder sogar mehrere – voraus sein würde.

Als ich dann älter wurde, gelangte ich allmählich zu der Einsicht, dass ich John niemals gewachsen sein würde. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem mir das zum ersten Mal bewusst wurde. Beim Sportfest in der Grundschule. John war gut in Sport – ja, verdammt, John war eigentlich bei allem gut, was er versuchte. Er lief richtige Wettrennen mit den großen Jungen und gewann jedes einzelne davon. Er stand auf dem Siegerpodest, mit einer Medaille um den Hals, und Mom und Dad platzten fast vor Stolz. Als ich dann an der Reihe war, musste ich Sackhüpfen. Ich war so wild entschlossen, genau wie John zu gewinnen. Ich erinnere mich noch, wie ich in einer Reihe mit den anderen gleichaltrigen Jungen stand, jeden Muskel angespannt, ganz heiß vor lauter Konzentration, und auf den Ton der Trillerpfeife wartete. Als Miss Chalmer hineinblies, warf ich mich mit aller Kraft nach vorn, verfing mich aber mit dem Fuß im Sack und schlug lang hin, mitten aufs Gesicht. Meine Hände und Knie brannten, und meine Nase hatte einen solchen Stoß abbekommen, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Aber nichtsdestotrotz konnte ich durch den Schleier genau sehen, wie die anderen Jungen davonhüpften, immer weiter weg, den Sportplatz entlang. Und die Tränen in meinen Augen kamen nicht bloß von der schmerzenden Nase, sondern es waren Tränen der Demütigung und Enttäuschung, die natürlich alles nur noch schlimmer machten. John war ein Goldjunge, ein Held. Ich dagegen war eine Heulsuse, die noch nicht mal bei einem dämlichen Sackhüpfen mithalten, geschweige denn gewinnen konnte.

Dieses lang zurückliegende Sportfest ist wohl mehr oder weniger ein Sinnbild für unser ganzes Leben. Nie ist es mir gelungen, auch nur entfernt an Johns Leistungen heranzukommen, geschweige denn, ihn zu übertreffen. Er war Kapitän der Schwimmmannschaft; er bestand die Führerscheinprüfung gleich beim ersten Mal – im Gegensatz zu mir, der die Prüfung verbockte und sie noch einmal wiederholen musste; er brauchte zehn Flugstunden weniger für den Pilotenschein. Ich könnte noch stundenlang weitererzählen, aber das tue ich nicht – für den ersten Eindruck reicht es bereits. Und als ob all das noch nicht schlimm genug wäre, merkte ich auch immer deutlich, dass er Moms Lieblingskind war. Kaum verwunderlich eigentlich, obwohl es trotzdem schmerzte – vor allem, als unsere Schwester Ellen mir den Grund dafür erzählte. Meine Art damit klarzukommen bestand darin, mich ruppig und rebellisch aufzuführen, und das machte vermutlich alles noch schlimmer. Und das Dämlichste ist, dass ich mich heute noch genauso aufführe.

Man könnte meinen, dass jetzt, wo John tot ist, der Druck geringer geworden sei, doch in Wahrheit ist es noch tausendmal schlimmer. Mom hat John praktisch in den Heiligenstatus erhoben. Sollte er jemals einen Fehler begangen haben – jetzt wird er es ganz bestimmt nicht mehr tun. Im Tod ist er sogar noch strahlender, als er es zu Lebzeiten war. Er verfolgt mich immer noch.

Also, was kann ich verdammt noch mal tun, um zahlungsfähig zu bleiben? Eine Lösung gäbe es; vor ein paar Wochen hat mir jemand einen Vorschlag gemacht, dem ich aber bisher widerstanden habe. Eine Sache, die ebenso gesetzwidrig wie unmoralisch ist. Sollte ich dabei erwischt werden, würde ich bestimmt für ziemlich lange Zeit hinter Gitter wandern. Doch inzwischen habe ich das Gefühl, dass mir kaum eine andere Wahl bleibt. Ich zünde mir noch eine Zigarette an, lehne mich an den Zaun und lasse mir die Sache noch mal durch den Kopf gehen.

Ich habe nie im Geringsten daran gezweifelt, dass Dexter Connelly ein Gauner ist. Etwas ausgesprochen Zwielichtiges umgibt die Geschäfte, die ihm seine Luxusvilla in einer der exklusivsten Gegenden am Rande von Varna eingebracht haben. Das riesige Grundstück wird durch elektronische Tore und ein paar missmutige Rottweiler gesichert. Connelly verfügt über etliche Luxuskarossen, besucht regelmäßig Golfplätze und Casinos und umgibt sich mit kostspieligen Frauen, die schon mit Mitte zwanzig die ersten Brust-OPs und Botoxspritzen hinter sich haben. Er mag sich den Anschein geben, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu sein, aber ich habe immer schon vermutet, dass er seine Finger in einer ganzen Reihe von schmutzigen Machenschaften hat. Und inzwischen habe ich sogar Gewissheit.

Von Zeit zu Zeit chartert Dexter Connelly sich ein Flugzeug bei Varna Aviation und lässt sich zu Geschäftsterminen oder für ein Wochenende an die Spieltische von Las Vegas fliegen. Er mietet dann immer die Beech Baron – mein ganzer Stolz –, nicht etwa eine der Cessnas, die wir sonst für Flugstunden und Sightseeing-Touren benutzen. Meistens fliege ich ihn selbst. Das letzte Mal, als wir in Las Vegas waren, schlug Connelly mir vor, ich solle ihn doch lieber an den Spieltisch begleiten, statt in meinem Hotelzimmer vor dem Fernseher abzuhängen. Ich war stark versucht mitzugehen, doch ein einziges Mal im Leben habe ich eine weise Entscheidung getroffen. Mir war klar, dass ich es kaum schaffen würde, der Verlockung des Roulettetischs zu widerstehen, wenn ich erst mal das Casino betreten hätte – und wie das ausgehen würde, konnte ich mir gut vorstellen.

»Danke, lieber nicht«, erwiderte ich also. »Ich habe die Dollars leider nicht ganz so locker sitzen wie Sie.«

Connelly musterte mich prüfend. Er ist ein großer, dunkelhäutiger Mann. Seine Muskeln wölben sich unter den teuren maßgeschneiderten Anzügen, und unter seinen blütenweißen Maßhemden trägt er Goldketten.

»Die Geschäfte laufen wohl nicht so gut, was?«

»Könnten besser sein.«

»Ich hätte gedacht, Sie sitzen da auf einer richtigen kleinen Goldmine.«

»Leider nicht.«

»Na, wenn das nicht ein Jammer ist.«

Das sagte er auf merkwürdig nachdenkliche Art und Weise, und später wurde mir klar, dass ihm wohl schon da die Idee kam, wie er die finanziellen Schwierigkeiten von Varna Aviation zu seinem Vorteil nutzen könnte. Für diesmal sagte er jedoch nichts weiter, und ich begab mich in mein Hotelzimmer, zog mir ein paar Videos rein und trank dazu Bourbon aus der Mini-Bar. Doch am nächsten Abend schlug Connelly wieder vor, ich solle ihn ins Casino begleiten.

»Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ich es mir nicht leisten kann, in großem Stil Geld zu verlieren«, sagte ich.

»Das brauchen Sie auch nicht, Kumpel.« Er legte eine Hand auf meine Schulter und grinste mich schief an. »Ich kaufe die Jetons für Sie.«

Ich muss zugeben, dass ich ganz schön verblüfft war. »Das können Sie nicht machen.«

»Warum nicht, zum Teufel? Betrachten Sie es als kleine Sonderzuwendung dafür, dass Sie mich fliegen! Wenn Sie die Bank sprengen, können Sie’s mir ja zurückzahlen. Wenn nicht, dann macht es auch nichts. Mir tut’s nicht weh, und ich freue mich über ein bisschen Gesellschaft.«

Ich zögerte, aber nicht sehr lange. Der Gedanke an einen weiteren Abend vor dem Fernseher war nicht besonders verlockend.

Ich hätte vorsichtiger sein sollen – das weiß ich jetzt. Mir hätte klar sein müssen, dass Connelly einen geheimen Beweggrund hatte und mir dieses Angebot keineswegs aus Freundlichkeit oder Herzensgüte machte. Und die Ausrede, er brauche Gesellschaft, war natürlich auch Quatsch. So wie er mit seinem Geld um sich wirft, ist er immer von einem Schwarm von Leuten umgeben, Männer, die so sein wollen wie er, und Frauen, die sich seine Aufmerksamkeiten und großzügigen Geschenke gefallen lassen. Aber ich bin nun mal nicht von der vorsichtigen Sorte.

»Okay, einverstanden«, stimmte ich zu.

Der Stapel Jetons, den Connelly für mich kaufte, war so groß, dass ich mich fast so reich fühlte wie er, und brachte mir auch dieselbe Aufmerksamkeit ein. Zu Anfang hatte ich eine Glückssträhne, doch dann wendete sich das Blatt leider. Als wir schließlich das Casino verließen, hatte ich alles verloren.

»Machen Sie sich nichts draus!«, sagte Connelly ungerührt. »Wie gewonnen, so zerronnen. Machen Sie sich nichts draus, Junge, früher oder später wird es schon irgendwas geben, womit Sie sich bei mir revanchieren können.«

Einige Wochen später fand ich heraus, wie dieses »irgendwas« aussah, mit dem ich mich revanchieren sollte. Connelly hatte mich für einen Flug nach Mexiko gebucht, und bei einem Drink in einer exklusiven Bar unterbreitete er mir seinen Vorschlag.

»Wollen Sie sich nicht ein bisschen was zusätzlich verdienen, mein Freund? Sie führen doch schon gelegentlich Frachtflüge durch. Ich könnte Ihnen da ein einträgliches kleines Nebengeschäft vermitteln. Zum Vorteil für uns beide. Ich glaube, wir würden gut zusammenarbeiten.«

Ich horchte auf. Die Luftfrachtaufträge waren in letzter Zeit ziemlich dünn gesät. Und dann sagte mir Connelly, worin das »Nebengeschäft« bestand. Bei der Fracht, die ich transportieren sollte, handelte es sich um Drogen.

Ich musste zugeben, dass sein Plan sehr durchdacht war. Es ist bloß ein Katzensprung von Südamerika bis zu den Keys und dann nach Varna, wo so gut wie gar nicht kontrolliert wird, was reinkommt oder rausgeht. Schon gar nicht bei einer so etablierten Firma wie Varna Aviation. Niemand schaut sich die Cessnas in den blau-weißen Firmenfarben genauer an. Sie sind schon so lange Teil dieser Gegend, und nie gab es auch nur den leisesten Anlass für Misstrauen. Meine Aufgabe wäre es bloß, das Flugzeug zu fliegen; um alles andere würden sich Connellys »Geschäftspartner« kümmern. Und ich würde bereits mit einem einzigen Flug so viel Geld verdienen, dass ich meine Schulden bei Connelly zurückzahlen könnte. Was ich danach tat, blieb mir überlassen.

Doch ich hatte das Gefühl, in einer ziemlichen Zwickmühle zu sitzen. Einerseits war die Aussicht auf leicht verdientes Geld verlockend, andererseits musste ich mit einer schweren Strafe rechnen, falls ich beim Transport der illegalen Fracht erwischt wurde. Bis jetzt habe ich noch gezögert, aber mir ist klar, dass Connelly nicht ewig Geduld haben wird. Bald muss ich ihm eine eindeutige Antwort geben, und er wird sicher nicht besonders nett reagieren, wenn ich ablehne. Er ist ein gefährlicher Mann, dem man lieber nicht in die Quere kommen sollte. Wahrscheinlich würde Varna Aviation dann Connelly als Kunden verlieren, und schlimmstenfalls müsste ich wohl mit noch übleren Konsequenzen rechnen, jetzt, wo er mir verraten hat, woher ein Teil seines Reichtums stammt … Das ist jedenfalls kein Kinderspiel mehr – und ich bin nicht besonders glücklich darüber.

Dabei weiß ich nicht mal, ob ich überhaupt noch eine Wahl habe. Ich betrachte die Beech Baron und die Cessnas, die aufgereiht in der Sonne glitzern. Es würde mich fertigmachen, wenn ich sie verkaufen müsste. Ich mustere das neue Bürogebäude und erinnere mich daran, wie stolz mein Vater und meine Mutter waren, als sie dort einzogen. Doch mir graut, wenn ich daran denke, wie mich die Mietzahlungen inzwischen lahmlegen. Und ich denke an Monica. Was zum Teufel würde mit Monica passieren, wenn Varna Aviation aufgeben müsste? Wie sollte ich ihr beibringen, dass sie keine Arbeit mehr hat?

Ich trete meine Zigarette aus, schiebe die Flieger-Sonnenbrille in die Stirn, hole mein Handy raus und suche nach Dexter Connellys Nummer. Ehe ich es mir anders überlegen kann, drücke ich auf die Wähltaste.

Vielleicht werde ich diese Entscheidung ein Leben lang bereuen. Aber wenn ich es nicht tue, werde ich es ganz sicher ebenfalls bereuen.

NANCY

Ach, Sarah, ich sehe schon, dass ich dir einen Schock versetzt habe. Du bemühst dich, es dir nicht anmerken zu lassen, aber mir kannst du nichts vormachen. Dafür liebe ich dich zu sehr und kenne dich zu gut. Wenn ich dich anschaue, ist es so, als würde ich in einen Spiegel blicken und mich selbst sehen, als ich in deinem Alter war. Die gleichen dunklen, immer ein wenig widerspenstigen Haare, auch wenn du deine kinnlang trägst, während meine immer schulterlang waren, außer in meiner Zeit bei der ATA, als ich sie mir abschneiden lassen musste. Der gleiche, ein wenig zu breite Mund und die kleine, gerade Nase. Die gleichen Augen, die je nach Licht manchmal blau, manchmal eher grün erscheinen. Das gleiche entschlossene Kinn.

Ich schaue dich an und erkenne mich selbst wieder, und ich verspüre einen schmerzhaften Stich. Ein Teil des Erkennens liegt wahrscheinlich in meiner Eitelkeit begründet. Ich will mich selbst in dir sehen. Ich will den hauchdünnen Faden spüren, der unsere Generationen miteinander verbindet; die Erneuerung – wie ein Phönix, der sich aus der Asche erhebt. Ich bin inzwischen müde, mir tun die Knochen weh, meine Bewegungen sind steif und langsam geworden, und es tut mir gut, etwas von mir in deiner Jugend und Kraft wiederzuerkennen. Durch dich bleibt mir eine Hoffnung auf Zukunft. Wenn ich nicht mehr da bin, wird ein Teil von mir in dir und deinen Kindern weiterleben.

Aber ich bin mir sicher, dass es nicht bloß selbstsüchtige Eitelkeit ist. Zwischen uns gibt es eine ganz besondere Nähe, und die war schon von Anfang an da. Schon als du ein kleines Mädchen warst, habe ich bestimmte Charakterzüge in dir wiedererkannt – Starrsinn, Unabhängigkeit und innere Stärke –, und ich verstand, woher du kamst, nicht bloß, weil ich mit dir mitfühlte, sondern weil deine Art zu handeln und zu reagieren wie eine Verlängerung meiner selbst war.

Sie war schon immer da, diese Seelenverwandtschaft, von dem Augenblick an, in dem ich dich zum ersten Mal sah, ein kleines Bündel mit einem Büschel dünner Haare, die fast schwarz waren, und einem geröteten Gesicht. Du schliefst in einem Babybett neben dem Bett deiner Mutter, und ich beugte mich über dich. Es juckte mir in den Fingern, dich anzufassen, dich auf den Arm zu nehmen, dich zu knuddeln und den süßen Duft nach Babypuder und Milch einzuatmen, der dich wie eine Aura umgab.

»Weck sie bloß nicht auf, Mama!«, warnte Ellen mich. Obwohl ihre Stimme ein bisschen erschöpft klang, schaffte sie es immer noch, in diesem schneidenden, rechthaberischen Tonfall zu sprechen, der mir so auf die Nerven geht. Doch in diesem Moment hast du angefangen zu wimmern und du hast dich bewegt und diesen dünnen, jämmerlichen Schrei eines Neugeborenen ausgestoßen, der einem so ans Herz geht, und Ellen seufzte: »Na, dann los, hol sie raus, wenn du willst! Jetzt ist sie sowieso schon wach.«

Ich hielt dich auf dem Arm, du warst dick eingepackt und gewickelt, und du schautest mich mit weit aufgerissenen Augen an, so leuchtend blau wie das Meer. Du weintest nicht mehr, und ein Gefühl der Liebe erfüllte mich, so dass mir ganz weich in den Knien wurde. Ich habe nie besonders viel für Babys übrig gehabt – ich habe immer gescherzt, dass ich mit einem jungen Hund wahrscheinlich mehr anfangen könnte –, und ein besonders mütterlicher Typ war ich auch nicht. Als meine eigenen Kinder Babys waren, habe ich mich unbeholfener gefühlt, als ich es zugegeben hätte; ich war froh, als sie älter und damit weniger hilflos und anstrengend wurden; als sie sich endlich zu eigenen kleinen Persönlichkeiten entwickelten. Bei der Geburt deiner älteren Schwester Belinda war ich viel zu sehr von der Sorge um Ellen eingenommen, die eine Hämorrhagie hinter sich hatte und noch immer geschwächt und weiß wie eine Wand war, um mich wirklich über das Würmchen zu freuen, das sie fast das Leben gekostet hätte. Doch bei dir verspürte ich sofort Nähe und Harmonie. Ich war so von Liebe und Zärtlichkeit erfüllt, dass es mir fast den Atem nahm.

Leider hatte ich nicht das Glück, dauerhaft in deiner Nähe zu sein, während du älter wurdest – wir waren nun mal durch den Atlantik getrennt. Doch immer, wenn wir einander besuchten, war die Bindung zwischen uns sofort wieder da, so stark, als seien wir nie getrennt gewesen. Und ich konnte sehen, wie du Eigenheiten und Charakterzüge entwickeltest, die ich als meine eigenen wiedererkannte: die Art, wie dein Mund sich zu einer entschlossenen Linie verzog, wenn du etwas wolltest; deine Ungeduld mit dir selbst, wenn dir etwas nicht gleich gelang; dein Drang, immer aktiv zu sein. Belinda konnte stundenlang ruhig dasitzen, zeichnen, lesen oder puzzeln. Du wolltest lieber draußen herumtoben, auf deinen Rollschuhen die Straße entlangflitzen, am liebsten mit einer ganzen Horde Jungs. Und wenn das Wetter schlecht war, wurde dein Gesicht genauso düster wie die Regenwolken, die dich nach drinnen verbannt hatten, und deine Stimmung war so gereizt, dass es die Geduld eines Heiligen auf die Probe gestellt hätte.

Ich konnte das nur zu gut verstehen. Auch ich war als Vagabundin geboren und fühlte mich in geschlossenen Räumen beengt und gelangweilt.

Dann war da noch dein heftiger Drang nach Unabhängigkeit.

Einmal, als ich euch besuchen kam, bist du verschwunden. Du kamst aus der Schule zurück, warst ungewöhnlich still und verkrümeltest dich in den Garten. Als deine Mom dich zum Tee rufen wollte, warst du weg. Ellen geriet in Panik und war überzeugt, sie würde dich nie wiedersehen.

»Da war so ein komischer Mann, der heute auf der Straße geparkt hat. Stell dir vor, wenn …«

Ich versuchte mein Bestes, sie zu beruhigen. »Ellen, kein Mensch schleicht sich in euren Garten und schnappt sich eine Neunjährige. Wahrscheinlich ist sie irgendwo draußen auf den Feldern.«

»Wo sie doch weiß, dass der Tee fertig ist?«

»Mach dir keine Sorgen! Ich finde sie schon.«

Ich ging bis zum Ende des Gartens und kletterte über die niedrige Steinmauer auf die dahinterliegende Weide. Ehrlich gesagt machte ich mir mehr Sorgen wegen der Kuhherde, die dort graste, als um dich. Kühe in größeren Ansammlungen sind mir immer schon suspekt gewesen. Wie friedlich sie auch aussehen, ich muss immer an Tausend Meilen Staub denken, eine wild gewordene Rinderherde, stampfende Hufe. Ich machte also einen großen Bogen um die Rindviecher, steuerte auf den Wald am anderen Ende des Feldes zu und versuchte, den mit Fliegen übersäten Kuhfladen auszuweichen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich dich dort finden würde – und so war es dann auch. Du saßest an einen Baumstamm gelehnt, die Arme um die Knie geschlungen.

»Hallo«, begrüßte ich dich.

Du schautest mich mit trübem Blick an. Keine Spur von deiner üblichen überbordenden Energie.

»Hallo.«

»Was machst du denn hier so ganz allein?«

Du hast mit den Achseln gezuckt und nichts gesagt. Ich setzte mich neben dich.

»Irgendwas ist doch los, Sarah. Komm, du kannst es mir ruhig erzählen! Ich werde es auch deiner Mom nicht weitersagen, wenn du es nicht möchtest.« Du hast am Saum deiner Shorts herumgeknibbelt. »Geteiltes Leid ist halbes Leid.« Deine Unterlippe zitterte, du hast störrisch darauf gebissen. Ich wartete ab. Ich wusste, dass du die Stille schon irgendwann brechen würdest, wenn sie dir zu lang wurde, und ich behielt Recht.

»Versprichst du mir, es niemandem zu erzählen?«, sagtest du schließlich.

Was immer hinter deiner Laune stecken mochte, ich konnte mir nicht vorstellen, dass es sich um eine Sache auf Leben oder Tod handelte. Aber ich gebe keine Versprechen, wenn ich mir nicht ganz sicher bin, dass ich sie auch halten kann.

»Schauen wir doch erst mal, ob wir das nicht klären können«, antwortete ich ausweichend.

Und dann hast du mir zuerst stockend und dann immer schneller von einer Gruppe Mädchen erzählt, die dich in der Schule ärgerten. Nichts besonders Ernstes, sie zogen dich gelegentlich an den Haaren, spotteten über dich oder versuchten dich auszugrenzen, aber sie waren beharrlich genug, um dich zu nerven. Damals hatte eine von ihnen heimlich das Heft mit deinen Hausaufgaben aus deiner Schultasche geholt, und sie warfen deine sorgfältig geschriebene Hausarbeit herum, bis sie zerknittert und schmutzig war, und du hattest deswegen mit deiner Klassenlehrerin Ärger bekommen.

»Hast du ihr denn nicht erzählt, wieso die Arbeit so schmuddelig aussah?«, fragte ich.

Du blicktest mich empört an: »Nein, das wäre doch Petzen gewesen.«

»Ja, wahrscheinlich.«

»Und deshalb will ich auch nicht, dass Mum davon erfährt. Dann rennt sie bloß zur Schule und erzählt alles Miss Higgins, und Miss Higgins hält mich für eine Heulsuse, und Tonia und Mandy zahlen es mir heim, sobald sie nicht hinschaut …«

Nur zu wahr, dachte ich, verblüfft über deinen Weitblick. Eine Lehrerin kann ihre Augen auch nicht überall haben, genauso wenig, wie es eine Mutter kann. Meiner Meinung nach gibt es ein paar Dinge, die man besser allein ausmacht, auch wenn man erst neun Jahre alt ist.

»Warum, glaubst du, ärgern sie dich?«, fragte ich.

»Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich ihren Mädchenkram nicht so mitmache. Sie sagen immer, dass ich mich wie ein Junge benehme.«

Ich konnte mir ein Lächeln kaum verkneifen. »Das tust du auch. Aber das ist doch nicht schlimm. Du bist eben ein bisschen anders als sie.«

»Du meinst, ich sollte so tun, als ob ich ihre Puppen und den ganzen Kram mag?«

»Nein. Aber du solltest auch nicht die Nase über sie rümpfen. Und das Wichtigste ist, dass du dir nicht anmerken lässt, wie sehr du dich über sie ärgerst. Wenn sie das nächste Mal sagen, dass du dich wie ein Junge benimmst, dann antwortest du einfach: ›Ja, das macht mir auch Spaß. Ihr solltet es auch mal probieren.‹ Dann haben sie bald keine Lust mehr zu ihrem albernen Spiel.«

»Es ist kein Spiel, Grandma.«

»Doch, für sie ist es eins. Warum versuchst du es nicht mal?«

Du hast genickt und dir die Nase am Ärmel deines Hemds abgewischt. »Okay.« Dann hast du plötzlich gestrahlt. »Aber Barney und Luke sind jedenfalls meine Freunde. Ich wette, wenn ich denen das erzähle, würden sie den Mädchen eine ordentliche Abreibung verpassen!«

»Keine besonders gute Idee«, sagte ich entschieden, obwohl ich, um ehrlich zu sein, auch nicht abgeneigt gewesen wäre, mir die Mädchen mal übers Knie zu legen. »Dann hast du also doch Freunde?«

»Oh, ja. Barney und Luke sind meine besten Freunde. Aber die Jungen haben andere Unterrichtsstunden als die Mädchen – Fußball und Kricket und Werken und so was.«

Ich konnte mir genau vorstellen, wie es dir ging. Ich wünschte mir, dass ich dir helfen könnte, dein Leben zu meistern, doch das musstest du allein tun. Und ich wusste auch, dass du es mit der Zeit schon schaffen würdest.

»Wahrscheinlich sind sie bloß eifersüchtig, weil sie sich wünschen, dass Barney und Luke ihnen mehr Beachtung schenken«, sagte ich. »Wenn sie wieder eklig zu dir sind, zeig ihnen einfach, dass es dir gar nichts ausmacht. Und erzähl mir, wie’s weitergeht. So, und jetzt gehen wir lieber zurück nach Hause, ehe deine Mutter einen Suchtrupp nach uns ausschickt, okay?«

»Okay. Ich hab dich lieb, Grandma.«

»Und ich hab dich lieb, Schatz.«

Als du am nächsten Tag von der Schule nach Hause kamst, warst du viel fröhlicher.

»Wie war’s?«, habe ich dich gefragt, als wir allein waren.

»Ganz okay. Ich habe ihnen genau das gesagt, was du mir geraten hast. Und ich habe ihnen meine Tasche hingehalten und gesagt: ›Hier, wenn ihr meine Hefte nehmen wollt, bedient euch ruhig.‹ Und weißt du was? Sie sind einfach weggegangen.«

Damit war die Geschichte natürlich noch nicht zu Ende, aber immerhin war das Schlimmste vorbei. Und ein paar Wochen später hast du einen der begehrten Plätze in der Kunstturngruppe bekommen, und plötzlich wurdest du über Nacht zum Superstar, den alle zur Freundin haben wollten. Doch ich war vor allem stolz auf dich, weil du die Auseinandersetzung mit diesen Mädchen allein durchgestanden hast und dich von ihnen nicht hast unterkriegen lassen. Und, ich muss zugeben, insgeheim war ich auch stolz, dass du dich mir anvertraut hast, als du es nicht über dich brachtest, deiner Mutter von deinen Sorgen zu erzählen. Dieses Vertrauen, diese Verbundenheit habe ich immer zu schätzen gewusst. Ich weiß, was ich daran habe.

Und deshalb frage ich mich jetzt auch, ob ich nicht einen großen Fehler begangen habe, als ich dich um Hilfe bat. Als ich dich in einen Teil meines Lebens blicken ließ, den ich mehr als sechzig Jahre verborgen gehalten habe. Ich habe dir einen Schock versetzt, und das ist auch kaum verwunderlich. Zwar ist es ein Klischee, dass die Jugend glaubt, die sexuelle Liebe sei allein ihr vorbehalten, aber wie die meisten Klischees hat es einen wahren Kern. Keiner möchte sich vorstellen, wie es die eigenen Eltern tun – geschweige denn die Großeltern. Eine Großmutter muss nett und heimelig sein. Sie darf ihren Ehemann als Freund lieben. Sie darf ihre Kinder lieben, ihre Enkel und ihre Hunde, Katzen und Kanarienvögel. Aber alles andere ist unvorstellbar – geradezu skandalös. Eine Form von Liebe, die sich an Berührungen erinnert, die Herz und Sinne taumeln lassen, Liebe, die ein Prickeln auf der Haut verursacht und in der Seele ein Feuer entfacht, das so hell brennt, dass es Vernunft, Gewissen und Pflichtgefühl außer Kraft setzt – nein, eine solche Liebe ist nicht erlaubt.

Es war dumm von mir zu glauben, dass ausgerechnet du es verstehen würdest. Dumm, dass mir überhaupt diese Gedanken gekommen sind. Aber andererseits war ich nie so klug, wie ich hätte sein können. Ich habe auf mein Herz gehört, als ich besser meinen Kopf eingesetzt hätte, und auf meinen Kopf gehört, als ich besser meinem Herzen gefolgt wäre. Kein Zweifel, schließlich liegt der Beweis hier vor mir: in dem Tagebuch, das ich während der Kriegsjahre geführt habe, und dem Album mit den verblichenen Fotos.

Das Datum springt mir von dem sich lösenden Etikett entgegen, »April 1942 bis Januar 1944«, und versetzt mich schlagartig in die Vergangenheit zurück, so dass ich fast das Mädchen berühren kann, das ich einmal war. Einundzwanzig und unglücklich verliebt. Auge in Auge mit dem Tod und dennoch so lebendig wie nie. Schon damals habe ich instinktiv geahnt, dass diese Jahre der Dreh- und Angelpunkt meines gesamten Lebens sein würden, doch mir war nicht klar gewesen, wie sehr sie nicht nur meine Zukunft, sondern auch die anderer Menschen formen sollten.

Natürlich hätte ich das Tagebuch schon längst wegwerfen sollen – zusammen mit so vielen anderen Dingen. Es war töricht, es zu behalten. Aber irgendwie habe ich es nie über mich gebracht, mich davon zu trennen. Es bedeutet mir zu viel, und obwohl ich jahrelang keinen Blick mehr hineingeworfen habe, reichte es mir, zu wissen, dass es noch da war, eine Verbindung zur Vergangenheit, die tröstlich und gefährlich erregend zugleich war.

Vor ein paar Wochen habe ich jedoch entschieden, dass es an der Zeit ist, mich von meinen Schätzen und Geheimnissen zu trennen. Ich bin vierundachtzig Jahre alt; ich möchte nicht, dass jemand anders meine persönlichen Dinge weggibt, wenn ich nicht mehr da bin. Ich kann mir unschwer vorstellen, wie ungeduldig Ritchie mit meinen Sachen umgehen würde. Nachlässig würde er die Dinge, die mir einmal wichtig waren, durchwühlen, über manches verächtlich die Nase rümpfen, anderes dagegen mit ungesundem Interesse betrachten. Ich besitze einige Dinge, die niemand außer mir sehen sollte, doch ich will auch nicht, dass sie einfach in einen Müllsack gestopft werden. So schwer es mir auch fällt – ich möchte mich selbst von diesen Dingen trennen. Entschlossen, aber mit liebevoller Zuneigung. Und ich will das erledigen, solange ich noch in der Lage dazu bin, solange meine steifen Hände noch einen Brief zerreißen können und mein Verstand noch wach genug ist, um mir zu sagen, was ich da zerstöre. Ich wünschte, ich hätte mich schon vor Jahren an das Aussortieren meiner Sachen begeben, als ich noch auf dem Boden sitzen und nach Lust und Laune Schubladen herausziehen konnte. In meinem momentanen Zustand hatte ich Ritchie bitten müssen, mir alles stapelweise auf den alten Eichentisch ins Wohnzimmer zu tragen, wo ich mich auf einen Stuhl setzen und alles einigermaßen bequem durchsehen konnte.

Er murrte natürlich herum und schlug vor, ich solle lieber gleich alles in den Müll werfen.

»Du hast dich all die Jahre nicht darum gekümmert – warum gerade jetzt?«

»Weil ich es will.«

»Wie ich dich kenne, wirst du keine einzige Sache wegwerfen. In ein paar Tagen muss ich den ganzen Kram wieder zurückräumen.«

Ich spürte, wie Verzweiflung in mir aufstieg, sowohl über Ritchie als auch über mich selbst. Eins kann ich dir versichern: Alt zu werden macht wirklich keinen Spaß. Ich hasse es, meine Unabhängigkeit zu verlieren; es ist mir zuwider, bei den einfachen Dingen, die ich noch vor wenigen Jahren mühelos allein tun konnte, um Hilfe bitten zu müssen. Und dass ich mich manchmal innerlich noch wie neunzehn oder zwanzig fühle, hilft mir auch nicht weiter. Mit dem Unterschied vielleicht, dass ich mich damals noch für unsterblich und unbezwingbar hielt und es jetzt besser weiß.

»Ritchie, kannst du denn nicht einmal etwas für mich tun, ohne lange herumzudiskutieren? Ich würde dich doch nicht um Hilfe bitten, wenn ich es selbst könnte. Aber leider schaffe ich das nicht.«

Also hat Ritchie mir schließlich doch alle Ordner und Kisten herangeschleppt, um die ich ihn gebeten hatte, und ich machte mich an die entmutigende Arbeit, die Hinterlassenschaften meines Lebens zu sortieren.

Unter den Sachen befanden sich keinerlei Geschäftspapiere; die Firmenunterlagen werden alle im Büro aufbewahrt. Aber es gab unzählige Umschläge voller Familienfotos, die meine Erinnerungen weckten, während ich sie betrachtete. Da war eines von John mit Schwimmflügeln und diesem grässlichen Badeanzug, den ich ihm gestrickt hatte. Das Bild auf dem Strickmuster hatte eine gelassen lächelnde Frau und ein niedliches Kleinkind gezeigt, die perfekte Familie, und ich hatte mich der Illusion hingegeben, dass ich mich selbst in diese perfekte Mutter verwandeln würde, wenn ich den Badeanzug strickte. Doch gestrickte Badeanzüge sind nicht besonders tauglich zum Schwimmen. Kaum war John im Wasser, saugte sich die Wolle mit alarmierender Schnelligkeit voll und hing ihm schließlich triefend zwischen den Knien herab. Dann war da ein Foto von Ellen vor ihrem Spielhaus, wie sie mit ernsthafter Miene ihre Puppenkleider auf einem Puppenbügelbrett bügelt, und eines von Ritchie auf seinem Kinderfahrrad, mit finsterem Gesicht, weil er es nicht geschafft hatte, ohne Stützräder zu fahren, und Joe sie wieder anschrauben musste.

Dann waren da die vielen Kleinigkeiten, die ich aufbewahrt hatte, weil sie mich stolz und glücklich machten. Geburtstagskarten, die die Kinder gebastelt hatten, mit Strichmännchen, Blumen und leuchtend gelben Sonnen darauf, und innen stand in ungelenker, kindlicher Handschrift: »Für Mami. Alles Liebe von …« Die Urkunden von Johns Schwimmwettkämpfen – Gott sei Dank war er da längst aus dem selbstgestrickten Badeanzug herausgewachsen! Programmhefte von Theateraufführungen der Highschool, bei denen Ellen eine Hauptrolle gespielt hatte; ein Ausschnitt aus der Lokalzeitung, der die Rockgruppe, in der Ritchie gespielt hatte, bei einem Schulabschlussball zeigte. Ritchie hatte Washboard gespielt und war halb verborgen hinter den Jungen mit den Rhythmus- und Bassgitarren, aber ich hatte den Ausschnitt trotzdem aufbewahrt. Johns Einberufungsbescheid nach Vietnam war da. Die Gästeliste von Ellens Hochzeit. Ritchies erste Firmenvisitenkarte.

So viele Erinnerungen, alle in Schubladen und Aktenordner gestopft, die dann – jedenfalls in den letzten Jahren – in der Abstellkammer standen. Zusammen mit Quittungen und längst abgelaufenen Garantiescheinen, Kochrezepten, die gut klangen, die ich aber nie nachgekocht hatte, Anleitungen für Haushaltsgeräte, die inzwischen längst ihren Geist aufgegeben hatten, abgelaufenen Versicherungsverträgen und unbenutzten Scheckbüchern. Mich von dem ganzen Kram zu trennen war mir nicht schwergefallen.

Doch schließlich kam ich zu meinen persönlichen Dingen: Briefe und Telegramme, Leistungsnachweise und Flugbücher. Vergilbte Alben voller Fotos, die mit einer Brownie-Boxkamera aufgenommen waren. Und meine Tagebücher.

Ich hatte Tagebuch geführt, seit ich ein kleines Mädchen war und mit meinen Eltern durch das Land zog. Eine Lehrerin in einer Schule im Mittleren Westen hatte mir dazu geraten, damit ich meine Handschrift und Rechtschreibung verbesserte, die durch die unregelmäßigen Schulbesuche einiges zu wünschen übrig ließen. Zuerst hatte ich mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, denn ich rannte viel lieber draußen herum, als mich mit den Buchstaben abzuplagen, die meinen Klassenkameraden so leicht von der Hand zu gehen schienen, doch irgendwann fing es an, mir Spaß zu machen. Ein Tagebuch war wie ein bester Freund, dem man Geheimnisse zuflüstern konnte, und beste Freunde waren in dem Vagabundenleben meiner Kindheit nicht leicht zu finden.

Ich gewöhnte mir an, jeden Abend vor dem Schlafengehen wenigstens ein paar Worte hineinzukritzeln, und nun waren diese Hefte eine richtige Offenbarung. Ich hatte diesen Seiten so viel anvertraut. Während ich die Eintragungen entzifferte, in denen es von Rechtschreibfehlern nur so wimmelte, war ich plötzlich wieder von den Sinneseindrücken meiner Kindheit umgeben. Ich ging ganz auf in dem kleinen Mädchen, das ich einmal gewesen war, und alle Hoffnungen, Träume und Enttäuschungen waren genauso wahrhaftig für mich, wie sie es damals gewesen waren. Es widerstrebte mir, einen Teil von mir gehen zu lassen, von dem ich geglaubt hatte, dass er für immer verschwunden sei, der sich aber in Wirklichkeit nur versteckt hatte.

Im Sturmschritt eilte ich durch die Jahre meines Erwachsenwerdens und legte die Tagebücher beiseite, denn ich dachte mir, dass es dich vielleicht interessieren könnte, sie dir anzuschauen und zu sehen, wie das Leben damals war. Und dann wandte ich mich dem letzten Tagebuch zu, das ich geschrieben habe. Das Buch mit dem Etikett »April 1942 bis Januar 1944«.

Es dauerte ein paar Minuten, bis ich es über mich brachte, es aufzuklappen. Ich zögerte wie Pandora vor ihrer geheimnisvollen Büchse. Alles Unheil ist zwischen diesen Seiten eingesperrt; in dem Moment, wo ich den Band aufklappe, wird es herausfliegen, und alle Dummheiten, die ich begangen habe, werden zutage treten. Natürlich brachten auch die späteren Jahre noch einiges an Unheil, doch da war ich viel zu beschäftigt und zu müde, um Tagebuch zu führen. Und auch unwillig, dem Papier Dinge anzuvertrauen, die ich lieber in meinem Herzen verborgen halten wollte. Doch dieser letzte Band dokumentiert, wie alles angefangen hat. Das Schöne und das Leid. Die Jahre, die mich schließlich von dem kleinen Mädchen der frühen Schulhefte zu der Frau gemacht haben, die ich war und wohl immer noch bin.

Zuerst klappte ich das Fotoalbum auf, aber das war natürlich genauso gewagt – vielleicht sogar noch gefährlicher. Ein Foto ist nicht bloß eine Erinnerung. Es ist ein Moment, auf ewig festgehalten in der Zeit, gefroren wie eine Rose in einem Eisblock. Ewige Jugend.

Und da war er, blickte mich an, trotz all der Jahre, die vergangen waren, genau wie ich ihn in Erinnerung hatte: groß, athletisch, dunkles, welliges Haar über der breiten Stirn. Ein Lächeln glitzert in seinen Augen und zaubert Lachfältchen in sein Gesicht.

Mac.

Tief in mir spürte ich einen Stich, und ich hatte plötzlich einen Kloß im Hals. Und der Schmerz der Sehnsucht war viel stärker als die Arthritisschmerzen, an die ich inzwischen gewöhnt bin.

Ach, Mac! Ich habe dich so sehr geliebt. Und doch war es nicht genug …

Das nächste Foto zeigte uns beide. Wenn ich mich recht erinnere, hatte Buster Brown es gemacht. Buster, der Spaßvogel, der nie etwas ernst genommen hat. Kurz drauf wurde er getötet – abgeschossen irgendwo über dem Kanal. Das Wrack seines Flugzeugs wurde nie gefunden und auch seine Leiche nicht. Wie auch?

Auf dem Foto lehnen Mac und ich an einem Gattertor; beide tragen wir Zivilkleidung, und obwohl das Bild nur ein grobkörniger Schwarzweißabzug ist, sah ich es in herrlichen Technicolor-Farben vor mir: das Sonnengelb meiner Hosen und das passende Band in meinen Haaren, die damals natürlich noch dicht und glänzend waren, ohne die geringste Spur von Grau. Ich erinnerte mich daran, wie seine Schulter an meiner lehnte, an den Geruch seiner Haut in der Sonne und daran, wie er den Arm um meine Taille gelegt hatte. Und ich fühlte mich wieder ganz genauso wie damals: berauscht vor Liebe, atemlos vor Verlangen und zerrissen von unterdrückten Schuldgefühlen, während irgendwo in mir stets der Wurm der Angst kroch, weil ich wusste, dass jeden Moment alles vorbei sein konnte. Und diese Ahnung, am Rande eines Abgrunds zu stehen, ließ jedes andere Gefühl nur umso stärker hervortreten.

Ich betrachtete die Fotos eines nach dem anderen. Mac mit seinem geliebten Douglas-Motorrad. Ich, wie ich in eine Spitfire klettere. Eine Gruppe von uns beim Teetrinken auf der Veranda des Flugplatzes. Und während die Erinnerungen mich einholten, überfiel mich eine nostalgische Sehnsucht, die im Laufe der Tage und Wochen zu einem regelrechten Zwang wurde.

Noch etwas war in der Schublade – ein Lederkästchen, in dem sich ein Orden befand, Macs Distinguished Flying Cross, mit einem Balken auf dem weiß-lila gestreiften Band, und das bestärkte mich in meinem Entschluss. Mac mochte seine Gründe dafür gehabt haben, mir sein Fliegerkreuz zu schicken, und ich war stolz darauf gewesen, es all die Jahre in meinem Besitz zu haben. Aber es hatte mir nie gehört, und deshalb stand es mir auch jetzt nicht zu, darüber zu verfügen. Es gehörte ihm und seinen Nachkommen, und deshalb sollte er es zurückbekommen. Wenn er noch am Leben war. Der Gedanke, dass er nicht mehr leben könnte, war für mich nicht nur schmerzhaft, sondern schlichtweg unvorstellbar. Eine Welt ohne Mac? Doch ich musste den Tatsachen ins Auge sehen. Er war älter als ich, inzwischen musste er Ende achtzig sein.

Und plötzlich wurde mir klar, dass es in meinem Leben noch etwas gab, was ich zu Ende bringen musste. Genau wie ich mich von meinen gesammelten Schätzen hatte trennen müssen, ehe es zu spät war, gab es noch etwas anderes, was ich unbedingt klären musste. Und deshalb, Sarah, bin ich das Risiko eingegangen, dich um Hilfe zu bitten.

Dein Blick ist schwer zu deuten; du versuchst weltgewandt zu wirken und dir nicht anmerken zu lassen, was du denkst und fühlst.

»Du hast gesagt, sein Name sei Mac?«, fragst du mit gleichgültiger, betont sachlicher Stimme.

Ich bemühe mich, mit ebensolcher Nüchternheit zu antworten. Jetzt ist nicht die richtige Zeit, um dir zu gestehen, wie viel mir diese Sache bedeutet.

»So nannten ihn jedenfalls alle. Sein richtiger Name war James Mackenzie. Er war Jagdflieger bei der RAF. Er wurde bei der Luftschlacht um England verwundet, und eine Zeit lang war er Stellvertretender Kommandant bei der ATA. Dort habe ich ihn auch kennengelernt. Als er wieder ganz hergestellt war, ist er in den Kampfeinsatz zurückgekehrt.«

»Hast du auch eine Adresse?«, fragst du.

Ich lächle bedauernd. »Zählt auch eine, die fast sechzig Jahre alt ist? Aber ich gebe dir alles andere, was ich von ihm habe. Dienstnummer, Dienststellen und Einsatzorte … Da gibt es doch bestimmt Organisationen … Und dann noch die Adresse, die ich habe, sein alter Familienwohnsitz. Vielleicht hat irgendjemand aus dem Dorf immer noch Kontakt zu ihm oder weiß wenigstens, wo seine Familie hingezogen ist. Und es ist nicht besonders weit von dir, in Gloucestershire.«

Du runzelst die Stirn. »Du hast das nie erwähnt, wenn du uns besuchen kamst.«

Doch dann hältst du inne, vielleicht aus Angst, ein Terrain zu betreten, das besser unerforscht bleibt, und im gleichen Moment flackert eine Erinnerung in deinem Blick auf, als ob dir gerade eingefallen wäre, wie wir einmal gemeinsam zum Slimbridge Wildfowl Trust gefahren sind, als ich euch besucht habe.

Du hattest deinen Führerschein noch nicht lange und warst ganz stolz und aufgeregt, dass dein Vater dir sein Auto geliehen hatte. Weil wir durch Gloucestershire fuhren, schaute ich aufmerksam aus dem Fenster, ob ich irgendwelche Ortsnamen wiedererkannte, von denen Mac erzählt hatte. Ich bat dich, mir die Landkarte zu geben, damit ich unseren Weg besser verfolgen und die Hinweisschilder auf umliegende Ortschaften einordnen konnte. Ich weiß noch, wie energisch du dich verteidigt hast: »Grandma! Ich finde den Weg schon! Traust du mir etwa nicht?« Ich wollte dich nicht aufregen, deshalb legte ich die Karte wieder weg, als wäre nichts. Vielleicht ist es mir nicht so gut geglückt, wie ich dachte.

»Wo denn in Gloucestershire?«, fragst du jetzt.

»In der Nähe von Stroud.« Ich suche im hinteren Teil des Tagebuchs und fische ein Blatt heraus, das von einem Notizblock abgerissen wurde. »Cleverley. Ein ganz kleines Dorf, wenn mich nicht alles täuscht.«

Du kaust auf deiner Lippe herum und überlegst. »Na ja, ich kann es ja mal versuchen.« Du klingst skeptisch. Ich weiß, du denkst, dass es nach so langer Zeit nicht einfach sein wird. »Was soll ich denn tun, wenn ich ihn ausfindig machen kann?«

»Ich schreibe noch einen Brief, bevor du abreist.« Das hätte ich schon längst tun sollen, doch ich habe es immer wieder vor mir hergeschoben. Es ist nicht einfach, nach so langer Zeit einen Anfang zu finden. »Wenn du ihm den Brief geben könntest … Und noch etwas …«

Ich klappe das Kästchen auf. Das Distinguished Flying Cross ruht auf seinem Bett aus Satin. Es ist ein bisschen angelaufen, aber das lässt sich mit etwas Silberpolitur schnell beheben. Es blinkt zu mir empor und lässt mein Herz schwer werden.

Das Kreuz ist ein Blumenkreuz, etwas mehr als fünf Zentimeter breit. Die seitlichen Kreuzarme und der untere Arm enden in Verdickungen, die an Bomben erinnern, der obere Arm in einer Rose; darüber liegt reliefartig ein zweites Kreuz, dessen senkrechte Arme Flugzeugpropeller darstellen, während die waagerechten Flügel bilden. Die Mitte zeigt das Monogramm der RAF, über dem die Reichskrone schwebt, umgeben von einem Ehrenkranz.

»Mac hat es verliehen bekommen – das Kreuz und den Balken am Bande. Das bedeutet, er wurde zweimal für seinen mutigen Einsatz im Luftkampf gegen den Feind ausgezeichnet«, erkläre ich. Der Satz klingt wie auswendig gelernt. »Ich habe es all die Jahre behalten, aber ich finde, nun ist es höchste Zeit, dass er es zurückkriegt. Oder seine Familie. Es würde ihnen sicher viel bedeuten.«

Du betrachtest den Orden ehrfürchtig. Ich glaube nicht, dass du schon einmal einen gesehen hast. Vielleicht verstehst du jetzt allmählich, warum diese Angelegenheit mir so viel bedeutet, und denkst nicht länger, dass ich von allen guten Geistern verlassen bin. Obwohl man ja sagen muss, dass man im Alter immerhin einen Vorteil hat: Man kann von Zeit zu Zeit unvernünftig sein, und die anderen nehmen es hin, um einen bei Laune zu halten.

»Okay«, sagst du. »Ich werde mein Bestes tun.«

Ich trinke meinen Sherry aus. Dein Weinglas ist schon leer. Ich frage dich, ob du noch mehr Wein möchtest, aber du schüttelst den Kopf.

»Lieber nicht.« Dann überlegst du es dir anders. »Ach – ich trinke doch noch ein Glas.« Der Schrecken lässt allmählich nach, und du wirst wieder ganz die Alte. »Komm, Grandma, ich möchte noch ein bisschen mehr über diesen … Mac hören. Ich hole uns noch was zu trinken, und dann kannst du mir alles über ihn erzählen.«

Nicht alles, denke ich mir. Ich bin dir einige Informationen schuldig, aber eine ganze Menge behalte ich doch lieber für mich …

Du kehrst mit unseren gefüllten Gläsern zurück, und ich schlage das Tagebuch auf. Im vorderen Einband klebt ein Telegramm, mehrfach gefaltet, denn es ist über einen halben Meter lang. Ich klappe es auseinander und erinnere mich an das aufregende Kribbeln, das mir durch die Adern schoss, als es vor mehr als sechzig Jahren eintraf. Ein Telegramm vom Fliegerass Jackie Cochran, einer Frau, die schon zu Lebzeiten eine Legende war. An mich persönlich adressiert.

»Vielleicht möchtest du dir das mal anschauen«, sage ich. »So hat alles angefangen.«

ZWEITER
TEIL


VERGANGENHEIT

I

Das Telegramm wurde an einem sonnigen Vormittag im Frühling 1942 an Dorothy Costellos Tür abgegeben.

Als Dorothy es entgegennahm, überfiel Nancy ein ungutes Gefühl. Ein Telegramm bedeutete immer, dass eine Nachricht nicht warten konnte – und das kam gewöhnlich einer schlechten Nachricht gleich, ganz besonders bei der momentanen Weltlage.

Noch wenige Monate zuvor war der Krieg in Europa den meisten Amerikanern so weit weg erschienen, als fände er auf einem anderen Planeten statt. Wer regelmäßig die Zeitung las oder die Nachrichten im Radio verfolgte, wusste zwar, dass die Deutschen in den Niederlanden, Belgien und Frankreich einmarschiert waren und britische Städte und Flugplätze ständig von der Luftwaffe bombardiert wurden. Die Menschen wussten, dass amerikanische Truppen ins unabhängige Island entsandt worden waren, um die Briten zu unterstützen. Sie sollten verhindern, dass die Deutschen dort einen Stützpunkt errichteten und die wichtigen Handelsrouten zwischen den USA und Großbritannien störten. Die Leute wussten auch, dass Präsident Roosevelt und Mr. Churchill sich auf einem amerikanischen Kreuzer vor der Küste Neufundlands getroffen und die Atlantikcharta verabschiedet hatten. Interesse geweckt hatte jedoch eher die Tatsache, dass Präsident Roosevelt das geheime Treffen als Angelurlaub auf seiner Yacht getarnt hatte, weniger die Erklärung der gemeinsamen Absichten selbst. Der Krieg fand auf der anderen Seite des Atlantiks statt, und im Großen und Ganzen betraf er die Leute nicht.

Bis zum 6. Dezember 1941, als die Japaner Pearl Harbour bombardierten. Fünf Schlachtschiffe und vierzehn kleinere Schiffe waren gesunken oder zerstört, zweihundert Flugzeuge zerstört worden und über zweieinhalbtausend Menschen hatten den Tod gefunden. Plötzlich betraf der Krieg die Menschen sehr wohl. Offiziere der Armee und der Navy strömten ins War and Navy Department, und die ersten Zivilisten meldeten sich ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ein kleines Stück vom Himmel nur" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen