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Ein kalter Mord

Colleen McCullough

Ein kalter Mord

Thriller

 

Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger

 

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Inhaltsübersicht

TEIL EINS

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

TEIL ZWEI

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

Kapitel zehn

Kapitel elf

Kapitel zwölf

Kapitel dreizehn

TEIL DREI

Kapitel vierzehn

Kapitel fünfzehn

Kapitel sechzehn

Kapitel siebzehn

Kapitel achtzehn

Kapitel neunzehn

Kapitel zwanzig

Kapitel einundzwanzig

TEIL VIER

Kapitel zweiundzwanzig

Kapitel dreiundzwanzig

Kapitel vierundzwanzig

Kapitel fünfundzwanzig

Kapitel sechsundzwanzig

Kapitel siebenundzwanzig

Kapitel achtundzwanzig

Kapitel neunundzwanzig

Kapitel dreißig

TEIL FÜNF

Kapitel einunddreißig

Kapitel zweiunddreißig

Kapitel dreiunddreißig

 

Für Helen Sanders Brittain

In liebevoller Erinnerung an die alten Zeiten,

mit Liebe.

 

TEIL EINS

Oktober & November 1965

Kapitel eins

Mittwoch, den 6. Oktober 1965

 

Als Jimmy aufwachte, war er sich anfangs nur einer Sache bewusst: dieser schneidenden Kälte. Seine Zähne klapperten, sein Fleisch schmerzte, die Finger und Zehen waren taub. Und warum konnte er nichts sehen? Warum konnte er nichts sehen? Um ihn herum war es stockdunkel, eine Schwärze, die so dicht war wie nichts, was er je erlebt hatte. Je wacher er wurde, desto klarer wurde ihm, dass er in etwas Engem gefangen war, etwas Seltsamem, Stinkendem. Eingewickelt! Panik stieg in ihm hoch. Er fing an zu schreien und begann wie wahnsinnig an seinen Fesseln zu kratzen. Es riss und zerrte, aber die schauderhafte Kälte blieb, auch nachdem er sich befreit hatte. Sie trieb ihn vor Angst in den Wahnsinn. Er war umgeben von anderen stinkenden, eingewickelten Dingen, und wie sehr er auch schrie, riss und zerrte, fand er doch keinen Weg hinaus, erblickte nicht den kleinsten Schimmer Licht und fühlte nicht den Hauch von Wärme. Also brüllte, riss und zerrte er weiter, während sein Pulsschlag in den Ohren dröhnte und die einzigen Geräusche, die er hörte, seine eigenen waren.

Otis Green und Cecil Potter kamen gemeinsam zur Arbeit, nachdem sie sich mit einem breiten Grinsen begrüßend auf der Eleventh Street getroffen hatten. Zwar Punkt sieben Uhr morgens, aber es war doch großartig, keine Stechuhr betätigen zu müssen. Sie packten ihre Brotdosen in den kleinen Edelstahlschrank, den sie für sich reserviert hatten – Abschließen war nicht notwendig, denn Diebe gab es hier keine. Dann begannen sie mit ihrem Arbeitstag.

Cecil konnte schon hören, wie seine Babys ihn riefen. Er ging direkt zur Tür, öffnete sie und gab zärtliche Laute von sich. »Hallo, Jungs! Habt ihr auch alle gut geschlafen?«

Die Tür schloss sich zischend hinter Cecil, als Otis sich der unangenehmsten Aufgabe des Tages widmete, der Leerung des Kühlraums. Sein fahrbarer Abfallbehälter aus Kunststoff roch frisch und sauber; er befestigte einen neuen Müllbeutel darin und schob ihn hinüber zur Tür des Kühlraums, einem schweren Edelstahlteil mit Schnappschloss. Was dann passierte, verschwamm alles zu einem großen Durcheinander: Als er die Tür öffnete, raste etwas an ihm vorbei, das wie am Spieß schrie.

»Cecil, komm raus!«, brüllte er. »Jimmy lebt noch, wir müssen ihn wieder einfangen!«

Der große Affe schnatterte in wilder Raserei, aber nachdem Cecil eine Weile auf ihn eingeredet hatte, streckte er seine Arme aus, und Jimmy stürzte sich zitternd hinein, seine Schreie verklangen zu einem Wimmern.

»Himmel, Otis«, sagte Cecil und wiegte das Tier in seinen Armen wie ein Vater sein Kind. »Wie konnte Dr. Chandra das übersehen? Der arme kleine Kerl war die ganze Nacht im Kühlraum eingesperrt. Ruhig, Jimmy, ganz, ganz ruhig! Daddy ist jetzt da, mein Kleiner, alles ist gut!«

Otis’ Herz schlug wie wahnsinnig, aber niemand war zu Schaden gekommen. Dr. Chandra würde überglücklich sein, dass Jimmy zumindest nicht gestorben war, dachte Otis, der nun zum Kühlraum zurückkehrte. Jimmy war bestimmt hunderttausend Dollar wert.

Selbst zwei Sauberkeitsfanatiker wie Cecil und Otis bekamen den Leichengestank nicht weg, den der Kühlraum verströmte, obwohl sie mit Desinfektionsmittel schrubbten. Dieser Gestank, der nicht nur von Verwesung stammen konnte, umgab Otis, als er das Licht anschaltete, das den Innenraum aus Edelstahl erleuchtete. O Mann, der Affe hatte eine echte Sauerei veranstaltet! Überall zerrissenes Papier, kopflose Rattenkadaver, starres, weißes Fell, obszön wirkende nackte Schwänze. Und hinter dem Dutzend Rattenbeuteln zwei erheblich größere Säcke, die ebenfalls aufgerissen waren. Seufzend zog Otis los, um neue Papierbeutel aus einem Schrank zu holen und das Chaos aufzuräumen, das Jimmy hinterlassen hatte. Nachdem die toten Ratten wieder ordentlich in Tüten verpackt waren, griff er in den eisigen Raum und zog den ersten der zwei großen Säcke nach vorne. Er war von oben bis unten aufgerissen.

Otis öffnete den Mund und schrie genauso schrill wie Jimmy zuvor. Als Cecil aus dem Affenzimmer hereingestürzt kam, brüllte er immer noch. Dann, ohne Notiz von Cecil zu nehmen, drehte er sich um und rannte aus der Tierstation, die Korridore hinunter, ins Foyer, aus dem Eingang hinaus. Die ganze Eleventh Street hinunter öffneten und schlossen sich seine Beine in einem schmerzenden Laufrhythmus, der erst aufhörte, als er sein Zuhause im ersten Stock eines schäbigen Dreifamilienhauses erreicht hatte.

Celeste Green trank mit ihrem Neffen Kaffee, als Otis in die Küche geplatzt kam. Sie sprangen auf, vergessen war Wesleys leidenschaftliche Tirade über die Verbrechen der Weißen. Celeste holte das Riechsalz, während Wesley Otis auf einen Stuhl setzte. Zurück mit der Flasche, schob sie Wesley grob zur Seite.

»Weißt du, was das Problem mit dir ist, Wes? Du bist immer im Weg! Wenn du Otis nicht ständig in die Quere kämest, würde er dich auch nicht Tunichtgut nennen! Otis, Liebling, wach auf!«

Otis’ Haut war von einem warmen Braunton zu einem teigigen Grau übergegangen, das auch nicht besser wurde, als ihm das Riechsalz unter die Nase geschoben wurde, doch er kam wieder zu sich und riss den Kopf zur Seite.

»Was ist denn los?«, fragte Wesley.

»Ein Stück von einer Frau«, flüsterte Otis.

»Ein was?«, fragte Celeste schroff.

»Ein Stück einer Frau. In dem Kühlraum, bei den toten Ratten. Eine Muschi und ein Bauch.« Er begann zu zittern.

Wesley stellte die einzige Frage, die ihm wichtig war: »War es eine weiße oder eine schwarze Frau?«

»Lass ihn doch damit in Ruhe, Wes!«, brüllte Celeste.

»Keine Schwarze«, antwortete Otis und griff sich an die Brust. »Aber auch keine Weiße. Eine Farbige«, fügte er hinzu, kippte nach vorn vom Stuhl und stürzte zu Boden.

»Ruf einen Krankenwagen! Mach schon, Wes, ruf einen Krankenwagen!«

Aufgrund zweier glücklicher Umstände kam dieser Wagen sehr zügig: Einerseits lag das Holloman-Krankenhaus direkt um die Ecke, und andererseits herrschte morgens um diese Zeit nicht viel Verkehr. Otis Green wurde in den Krankenwagen verfrachtet, wo seine Frau sich neben ihn hockte. Die Wohnung blieb Wesley le Clerc überlassen.

Er blieb allerdings nicht lange dort, nicht mit einer solchen Neuigkeit. Mohammed el Nesr lebte in der Fifteenth Street Nummer 18 und musste umgehend informiert werden. Ein Stück von einer Frau! Nicht schwarz, aber auch nicht weiß. Farbig. Für Wesley hieß das schwarz, genauso wie für alle anderen Mitglieder von Mohammeds Black Brigade. Höchste Zeit, dass die Weißen zur Rechenschaft gezogen wurden für über zweihundert Jahre Unterdrückung, dafür, dass sie schwarze Menschen als Bürger zweiter Klasse behandelten, ja sogar als Wilde ohne unsterbliche Seele.

Nachdem er in Louisiana aus dem Gefängnis entlassen worden war, hatte Wesley beschlossen, in den Norden nach Connecticut zu Tante Celeste zu ziehen. Er wollte sich unbedingt einen Namen als bedeutender schwarzer Mann machen, und das war leichter in einem Teil des Landes zu erreichen, wo anders als in Louisiana Schwarze nicht schon für einen schrägen Seitenblick ins Gefängnis geworfen wurden. Außerdem hingen in Connecticut Mohammed el Nesr und seine Black Brigade ab. Mohammed war gebildet, hatte seinen Doktor in Jura gemacht – er kannte seine Rechte! Aber aus Gründen, die Wesley jeden Tag im Spiegel sah, war Wesley von Mohammed el Nesr als wertlos eingestuft und abgewiesen worden. Er war ein Plantagen-Schwarzer, ein absoluter Niemand. Was Wesleys Feuereifer nicht gedämpft hatte; er würde sich in Holloman, Connecticut, beweisen! Und zwar so klar und eindeutig, dass eines Tages Mohammed zu ihm aufsehen würde, zu Wesley le Clerc, dem Plantagen-Schwarzen.

Cecil Potter hatte bald herausgefunden, was Otis kreischend aus der Tierstation gejagt hatte, aber er war kein Mann, der leicht in Panik geriet. Er rührte den Inhalt des Kühlraums nicht an. Und er verständigte auch nicht die Polizei. Stattdessen nahm er den Hörer ab und wählte die Nummer des Professors, weil er genau wusste, dass Professor Smith selbst um diese Uhrzeit in seinem Büro sein würde. Wirklich Ruhe fand er nur frühmorgens, pflegte er immer zu sagen. Allerdings, dachte Cecil bei sich, wohl kaum an diesem Morgen.

»Ein trauriger Fall«, sagte Lieutenant Carmine Delmonico zu seinem uniformierten Kollegen und nominellen Vorgesetzten Captain Danny Marciano. »Wenn wir keine anderen Verwandten finden, werden die Kinder ins Heim müssen.«

»Bist du sicher, dass er’s gewesen ist?«

»Eindeutig. Der arme Kerl hat versucht, es aussehen zu lassen, als sei ein Fremder eingedrungen, aber da haben wir die Frau zusammen mit ihrem Liebhaber im Bett, und ihr Liebhaber hat ein paar Stichwunden abbekommen, sie selbst aber ist Hackfleisch – er hat’s getan. Ich wette, er wird im Laufe des Tages ein Geständnis ablegen.«

Marciano stand auf. »Dann lass uns frühstücken gehen.«

Sein Telefon klingelte. Marciano runzelte die Stirn, blickte Carmine an und hob ab. Innerhalb von drei Sekunden war der Captain erstarrt und hatte den zufriedenen Gesichtsausdruck verloren. »Silvestri«, flüsterte er Carmine zu und nickte einige Male. »Sicher, John. Ich setze Carmine sofort in Marsch und schicke Patsy nach, sobald wie möglich.«

»Ärger?«

»Massig Ärger. Silvestri hat soeben einen Anruf vom Leiter des Hug erhalten, vom Professor Robert Smith. Sie haben einen Teil eines Frauenkörpers gefunden, in ihrem Kühlraum für Tierkadaver.«

»Herr im Himmel!«

Die Sergeants Corey Marshall und Abe Goldberg frühstückten im Malvolio’s, dem von Polizisten frequentierten Schnellrestaurant, weil es neben dem Präsidium im County Services Building an der Cedar Street lag, dem Gebäude der Bezirksverwaltung. Carmine ging gar nicht erst hinein; er klopfte von außen genau vor der Sitzecke ans Fenster, wo Abe und Corey gerade Ahornsirup-Pfannkuchen mit großen Bechern Kaffee runterspülten. Die Glücklichen, dachte er. Die bekommen was zwischen die Kiemen, und ich gehe jetzt leer aus, muss dafür aber Danny meinen Bericht abliefern. Vorgesetzter zu sein nervt.

Der Ford Fairlane, den Carmine als seinen eigenen ansah (tatsächlich war es ein Zivilfahrzeug des Holloman Police Department), hatte eine frisierte V8-Maschine und eine auf Polizeierfordernisse abgestimmte Federung. Wenn die drei damit unterwegs waren, war es immer Abe, der fuhr, Corey saß auf dem Beifahrersitz, und Carmine breitete sich mit seinen Papieren auf dem Rücksitz aus. Corey und Abe ins Bild zu setzen brauchte nur eine halbe Minute, die Fahrt von der Cedar Street zum Hug weniger als fünf.

Holloman lag etwa auf halber Strecke die Küste Connecticuts hinauf, sein weitläufiger Hafen blickte über die Meerenge hinüber nach Long Island. 1632 von einer Splittergruppe der Puritaner gegründet, florierte die Stadt kontinuierlich. Und das nicht nur wegen der zahlreichen Fabriken, die am Stadtrand und flussaufwärts am Pequot River lagen. Ein guter Teil seiner 150 000 Bewohner hatte auf irgendeine Weise mit der Chubb University zu tun, die sich selbst mit Harvard und Princeton auf Augenhöhe sah. Stadt und akademische Lehre waren untrennbar miteinander verwoben.

Der Hauptteil des Chubb-Campus fasste auf drei Seiten eine große Grünfläche ein, den Holloman Green. Neogotische Bauten des neunzehnten Jahrhunderts und des frühgeorgianischen Kolonialstils wurden ergänzt durch einige erschreckend moderne Gebäude, die allein wegen der mit jedem einzelnen verknüpften illustren Architektennamen toleriert wurden. Aber es gab auch noch Science Hill im Osten, wo die Naturwissenschaften in kantigen Türmen aus dunklen Ziegeln und viel Glas angesiedelt waren, und schließlich einmal quer durch die Stadt, ganz im Westen, die medizinische Fakultät der Chubb University.

Weil medizinische Hochschulen immer neben Krankenhäusern entstanden, fand man sie Mitte der sechziger Jahre in der Regel im schlechtesten Teil der Stadt; in dieser Hinsicht bildete auch Holloman keine Ausnahme. Die medizinische Fakultät der Chubb und das Holloman Hospital lagen entlang der Oak Street an der Südseite des größeren der beiden Schwarzenghettos von Holloman, das The Hollow genannt wurde, weil es in einer Senke lag, die einmal ein Sumpf gewesen war. Um alles noch schlimmer zu machen, wurden 1960 die Ölvorratstanks von East Holloman ans Ende der Oak Street auf Brachland zwischen der I-95 und dem Hafen verlagert.

Das Hughlings Jackson Center für Neurologische Forschung an der Oak Street lag direkt gegenüber den Shane-Driver-Apartments für Medizinstudenten. Neben dem Shane-Driver und wiederum gegenüber dem Nachbarn des Hug, dem Holloman Hospital, lag der Parkinson Pavillon für medizinische Forschung, ein elfstöckiger Gebäudekomplex, der 1950, im selben Jahr wie das Hug, errichtet worden war.

»Warum nennt man es eigentlich das Hug?«, fragte Corey, als der Ford auf die Baustellenstraße einbog, die einen riesigen Parkplatz durchschnitt.

»Sind einfach nur die ersten drei Buchstaben von Hughlings, schätze ich«, meinte Carmine.

»Hug? Das besitzt überhaupt keine Größe. Warum nicht die ersten vier Buchstaben? Dann hieße es wenigstens das Hugh.«

»Frag einfach Professor Smith«, erwiderte Carmine.

Das Hug war ein kleinerer, schlankerer Zwilling des Burke Biology Tower und des Susskind Science Tower auf dem Science Hill am anderen Ende des Universitätsgeländes. Ein schlichter, gedrungener Quader aus dunklem Backstein mit vielen großen Fensterflächen. Auf dem etwas über einen Hektar großen Gelände des Hug hatten früher Slum-Behausungen gestanden, die abgerissen worden waren, um diesem architektonischen Denkmal zu Ehren eines geheimnisvollen Mannes Platz zu machen, der absolut nichts mit seiner Entstehungsgeschichte zu tun gehabt hatte. Wer in Gottes Namen war überhaupt dieser Hughlings Jackson? Eine Frage, die sich ganz Holloman stellte. Von Rechts wegen hätte das Hug nach seinem Stifter benannt werden müssen, dem ungemein reichen und erst kürzlich verstorbenen Mr William Parson.

Da sie keinen Schlüssel für das Parkplatztor besaßen, stellte Abe den Ford auf der Oak Street direkt vor dem Gebäude ab, das allerdings keinen Eingang an der Oak Street besaß. Die drei Männer stapften einen Kiesweg an der Nordseite hinunter, bis sie zu einer einfachen Glastür kamen, an der sie bereits von einer sehr großen Frau erwartet wurden.

Es hat etwas von einem Bauklötzchen in der Mitte eines riesigen Raumes, dachte Carmine. Ein Hektar ist eine Menge Platz für einen Gebäudequader mit gerade mal gut dreißig Metern Seitenlänge. Und, Mist, die Frau hielt ein Klemmbrett in der Hand. Also eine Verwaltungsangestellte und keine Medizinerin. Sein Verstand registrierte automatisch die körperlichen Merkmale jeder Person: eins achtzig ohne Schuhe, Anfang dreißig, dunkelblauer, eher weit geschnittener Hosenanzug, flache Schnürschuhe, mausbraunes Haar, ein Gesicht mit einer recht großen Nase und markantem Kinn. Selbst vor zehn Jahren hätte sie keine Chance gehabt, Miss Holloman zu werden, gar nicht zu reden von Miss Connecticut. Als er jedoch vor ihr stand, bemerkte er ihre ausgesprochen attraktiven, interessanten eisblauen Augen, eine Farbe, die er schon immer als besonders schön empfunden hatte.

»Das hier sind die Sergeants Marshall und Goldberg. Und ich bin Lieutenant Carmine Delmonico«, sagte er knapp.

»Desdemona Dupre, Geschäftsführerin«, stellte sie sich vor und führte sie in eine kleine Eingangshalle, die offensichtlich nur zwei Aufzüge beherbergte. Statt jedoch auf den Pfeil nach oben zu drücken, öffnete sie eine Tür in der gegenüberliegenden Wand und führte sie auf einen breiten Korridor.

»Das ist unser Erdgeschoss. Hier befinden sich die Tierstationen und die Werkstätten«, sagte sie, wobei ihr Akzent ihre Herkunft von der anderen Seite des Atlantiks verriet. Sie gingen um die Ecke und kamen zu einer weiteren Halle. Desdemona Dupre deutete auf mehrere Türen ein Stück weiter: »So, da wären wir. Die Tierstation.«

»Danke«, sagte Carmine. »Wir finden uns jetzt auch allein zurecht. Bitte warten Sie an den Fahrstühlen auf mich.«

Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, aber sie machte auf dem Absatz kehrt und verschwand ohne weiteren Kommentar.

Carmine fand sich in einem sehr großen Raum wieder, an dessen Wänden Schränke und Abfallbehälter standen. Hohe Regale voller sauberer Käfige, groß genug für einen Hund oder eine Katze, standen in ordentlichen Reihen vor einem Lastenaufzug, der um ein Mehrfaches größer war als die beiden Aufzüge im Foyer. Andere Regale enthielten Kunststoffkisten, die mit Drahtgittern verschlossen waren. Es roch gut in dem Raum, so durchdringend wie ein Kiefernwald, doch darunter lauerte die Ahnung von etwas weniger Angenehmem.

Cecil Potter war ein gutaussehender Mann, groß, schlank und sehr gepflegt in seinem gebügelten weißen Overall und den Leinenstiefeletten. Seine Augen, stellte Carmine sich vor, lächelten viel, allerdings nicht in diesem Moment.

Einer von Carmines wichtigsten Grundsätzen in diesem turbulenten Jahr nach dem neuen Bürgerrechtsgesetz war, dass er die Schwarzen, die er im Zuge seiner Arbeit oder im Privatleben traf, stets höflich behandelte. Er begrüßte Cecil mit festem Händedruck und stellte die beiden anderen vor, ohne gehetzt zu wirken. Durch und durch seine Männer, folgten Corey und Abe seinem Beispiel mit derselben Höflichkeit.

»Es ist hier«, erklärte Cecil und ging zu einer Edelstahltür mit einem Schnappschloss. »Ich habe nichts angerührt, sondern einfach nur die Tür geschlossen.« Er zögerte kurz und entschied dann, es zu riskieren: »Äh, Lieutenant, würd’s Ihnen was ausmachen, wenn ich zu meinen Babys zurückgehe?«

»Babys?«

»Den Affen. Makaken. Sind Ihnen Rhesusaffen ein Begriff? Nun, sie sind da drin und unruhig. Jimmy hört nicht auf, ihnen zu erzählen, wo er letzte Nacht gewesen ist, und sie sind sehr verstört.«

»Jimmy?«

»Der Affe, wo Dr. Chandra dachte, der tot ist, weswegen er ihn dann ja auch in einem Sack in den Kühlraum gelegt hat. Also, eigentlich hat Jimmy sie ja gefunden – der hat da drinnen alles auseinandergenommen, als er so im Dunkeln aufgewacht ist und sich den Hintern abgefroren hat. Als Otis – wo mein Assistent ist – angefangen hat, den Kühlraum auszuräumen, da ist Jimmy schreiend und kreischend da raus. Und dann hat Otis sie gefunden, und dann ist er schreiend und kreischend hier raus, schlimmer noch als Jimmy. Ich hab nachgeguckt und sofort den Professor angerufen. Nehme an, der Professor hat dann Sie alarmiert.«

»Wo ist Otis jetzt?«, fragte Carmine.

»Wie ich Otis kenn, ist er nach Hause gerannt zu Celeste. Sie ist seine Mama und auch seine Frau.«

Inzwischen hatten sie Handschuhe übergestreift; Abe rollte den Abfallbehälter beiseite, und Carmine öffnete die Tür, während Cecil, bereits gurrend und schnalzend, in den Affenraum ging.

Einer der beiden großen Säcke lag immer noch ganz hinten in dem Raum. Der von oben bis unten aufgerissene andere Sack hatte die untere Hälfte eines Frauentorsos preisgegeben. Als Carmine die Größe des Rumpfs sowie das Nichtvorhandensein von Schamhaar bemerkte, überkam ihn ein flaues Gefühl – ein noch nicht geschlechtsreifes Mädchen? Oh, bitte, nur das nicht! Er machte keinerlei Anstalten, irgendetwas zu berühren, lehnte sich nur mit den Schultern an die Wand.

»Wir warten auf Patrick«, sagte er.

»So ein Geruch ist mir noch nie untergekommen«, meinte Abe, der sich nach einer Zigarette sehnte. »Tot, aber die Verwesung hat noch nicht eingesetzt.«

»Abe, mach dich mal auf die Suche nach Mrs Dupre und sag ihr, sie könne nach oben gehen, sobald die uniformierten Kollegen eintreffen«, sagte Carmine, der diesen Gesichtsausdruck gut kannte. »Postiere sie an sämtlichen Eingängen und Notausgängen.« Als er kurz darauf mit Corey allein war, verdrehte er die Augen. »Warum ausgerechnet da drinnen?«

 

Patrick O’Donnell klärte ihn auf.

In einer Stadt, die früher immer einen Coroner, einen amtlichen Leichenbeschauer ohne forensische Kenntnisse gehabt hatte, trug Patrick den sehr modernen Titel des Rechtsmediziners. Patrick hatte sich der Pathologie verschrieben, weil er Patienten nicht ausstehen konnte, die Widerworte gaben, und dem Leben eines öffentlich bestellten Pathologen. Dank Patricks rücksichtslosem Feldzug, Holloman in die zweite Hälfte des Jahrhunderts zu überführen, war es ihm gelungen, die meisten Verpflichtungen eines Coroners vor Gericht auf einen Stellvertreter abzuwälzen und ein kleines Imperium aufzubauen, das weit mehr umfasste als bloß Leichenöffnungen. Er war von der neuen Wissenschaft der Forensik überzeugt und beteiligte sich aktiv an jedem Fall, der ihn interessierte, selbst wenn keine Leiche involviert war.

Durch die rötlichen Haare und die blauen Augen sah er so irisch aus, wie sein Name klang, aber tatsächlich waren er und Carmine Cousins ersten Grades, die Söhne zweier Schwestern italienischer Abstammung. Die eine heiratete einen Delmonico, die andere einen O’Donnell. Obwohl Patrick zehn Jahre älter war als Carmine, glücklich verheiratet und Vater von sechs Kindern, ließ er nicht zu, dass eines dieser Hindernisse ihre tiefe Freundschaft beeinträchtigte.

»Viel ist es nicht, aber Folgendes weiß ich«, sagte Carmine und setzte ihn ins Bild. Als er fertig war, wiederholte er seine Frage: »Warum ausgerechnet da drinnen?«

»Ganz einfach: Wäre Jimmy, der untote Affe, nicht wieder aufgewacht und in Panik geraten, wären diese beiden braunen Säcke ohne jede Kennzeichnung in irgendeine Art Behälter geworfen und zum Verbrennungsofen der Tierstation gebracht worden«, antwortete Patrick und verzog das Gesicht. »Die perfekte Art und Weise, menschliche Überreste zu beseitigen. Simsalabim! In Rauch aufgelöst.«

Abe kehrte gerade rechtzeitig zurück, um die letzten Sätze mitzubekommen. Er wurde blass. »Himmel!«, keuchte er entsetzt.

Nachdem alles fotografiert worden war, hob Patrick den ersten Sack auf eine Bahre und verstaute ihn in einem offenen Leichensack. Dann begutachtete er, was er sehen konnte, ohne den aufgerissenen braunen Papiersack weiter zu beschädigen.

»Kein Schamhaar«, sagte Carmine. »Patsy, wenn du mich wirklich liebst, dann sag mir jetzt, dass es kein Kind ist.«

»Die Haare wurden – nicht rasiert – nein, ausgezupft, also hat sie die Pubertät bereits hinter sich. Trotzdem noch ein junges Mädchen. Als sehnte sich unser Mörder eigentlich nach einem Kind, sei aber nicht bereit, all seine widerwärtigen Triebe bis zum Ende durchzuziehen.« Er hob den zweiten Sack hoch, der nicht ganz so zerfetzt war, und legte ihn neben den ersten. »Ich fahre direkt ins Leichenschauhaus – du wirst meinen Bericht sicher so schnell wie möglich haben wollen.«

Sein Cheftechniker Paul bereitete bereits alles vor, um das Innere des Raumes gründlich mit einem Staubsauger zu bearbeiten; anschließend würde er nach Fingerabdrücken suchen. »Wenn du mir noch Abe und Corey ausleihst, Carmine, können wir Cecil mit seiner Arbeit weitermachen lassen. Abgesehen von den Affen müssen sie ihre Versuchstiere woanders unterbringen – hier stehen jede Menge saubere Käfige, die direkt benutzt werden können.«

»Dreht jeden Stein um, Leute«, meinte Carmine, als er seinem Cousin und der Bahre mit ihrer grausigen Last hinausfolgte.

Desdemona Dupre – was für ein seltsamer Name!- wartete in der Eingangshalle und überflog den Inhalt eines dicken Stoßes Papiere auf ihrem Klemmbrett.

»Mrs Dupre, das hier ist Dr. Patrick O’Donnell«, stellte Carmine vor.

Woraufhin die Frau hochging wie eine Rakete! »Ich bin keine Mistress, ich bin eine unverheiratete Miss!«, entgegnete sie schnippisch mit ihrem merkwürdigen Akzent. »Begleiten Sie mich nach oben, Lieutenant [sie sprach es wie Leftenant aus], oder darf ich jetzt gehen? Meine Arbeit wartet.«

»Wir sprechen uns später, Patsy«, verabschiedete sich Carmine und folgte Miss Dupre in den Fahrstuhl.

»Sie kommen aus, äh, England?«, fragte er, während sie nach oben fuhren.

»Korrekt.«

»Wie lange sind Sie schon am Hug?«

»Fünf Jahre.«

Sie verließen den Fahrstuhl in der dritten Etage, dem obersten Stockwerk, obwohl auf dem letzten Knopf DACH stand. Hier sah man den Stil der Inneneinrichtung des Hugs deutlicher. Sie unterschied sich nur wenig vom Erdgeschoss: die Wände in üblichem Cremeweiß, viel dunkle Eiche, Reihen von Leuchtstoffröhren unter Kunststoffscheiben. Dann einen zweiten Korridor wie im Erdgeschoss hinunter zu einer Tür, wo der Gang rechtwinklig auf einen weiteren Flur stieß.

Miss Dupre klopfte an, wurde hereingebeten und schob dann Carmine in Professor Smiths Privatbereich, ohne selbst einzutreten.

Unmittelbar ertappte er sich dabei, wie er einen der bestaussehenden Männer anstarrte, denen er je begegnet war. Robert Mordent Smith, Ordinarius und Inhaber des William-Parson-Lehrstuhls am Hughlings Jackson Center für Neurologische Forschung, war über eins achtzig groß, schlank und besaß ein unvergessliches Gesicht: wundervolle Wangenknochen, schwarze Augenbrauen und Wimpern, lebhafte blaue Augen und einen dicken Schopf welliger weißer Haare. Bei jemandem, der noch jung genug war, weder Runzeln noch Falten zu haben, betonte dieses Haar sein Gesicht geradezu perfekt. Sein Lächeln entblößte ebenmäßige weiße Zähne, obwohl es an diesem Morgen nicht bis zu den wundervollen Augen reichte. Kein Wunder.

»Kaffee?«, fragte der Professor und winkte Carmine zu dem großen teuren Sessel auf der gegenüberliegenden Seite seines großen teuren Schreibtischs.

»Ja, gern. Ohne Milch und Zucker.«

Während der Professor zwei Kaffee über die Gegensprechanlage bestellte, betrachtete sein Gast das Zimmer, einen großzügigen Raum von etwa sechs mal acht Metern mit riesigen Fensterflächen an zwei Seiten. Das Büro des Professors befand sich an der Nordostecke des Gebäudes, wodurch er auf The Hollow, das Shane-River-Studentenwohnheim und den Parkplatz schaute. Das Dekor war teuer, aber kitschig, die Möbel aus Walnussholz, der Teppich ein Aubusson. Eine beeindruckende Sammlung von akademischen Abschlüssen, Diplomen und Auszeichnungen hing an einer grüngestreiften Wand, und hinter dem Schreibtisch des Professors befand sich eine Landschaft, die nach einer exzellenten Kopie eines Watteaus aussah.

»Das ist keine Kopie«, sagte der Professor, der Carmines Blick gefolgt war. »Ich habe es als Leihgabe der William Parson Collection, der größten und besten Sammlung europäischer Kunst in Amerika.«

»Irre«, sagte Carmine und dachte an den billigen Druck von Van Goghs Schwertlilien, der hinter seinem eigenen Schreibtisch hing.

Eine Frau von Mitte dreißig betrat den Raum. Sie trug ein silbernes Tablett mit einer Thermoskanne, zwei zierlichen Tassen mit Untertassen, zwei Kristallgläsern und einer Kristallkaraffe mit Eiswasser. Im Hug ließ man es sich wahrhaftig gutgehen!

Ein maßgeschneiderter Hingucker, dachte Carmine, während er sie begutachtete: schwarze, auftoupierte Haare, ein breites, weiches, eher flaches Gesicht mit Haselnussaugen und eine umwerfende Figur. Ihr Kostüm bestand aus bequem geschnittener Jacke und Rock, die flachen Schuhe waren von Ferragamo. Verantwortlich dafür, dass Carmine solche Dinge wusste, war eine lange Karriere in einem Beruf, der detaillierte Kenntnisse aller Aspekte der menschlichen Rasse und ihres Verhaltens erforderte. Diese Frau war, was seine Mutter einen männermordenden Vamp nannte, obwohl sie nicht einen Hauch von Appetit auf den Professor zu haben schien.

»Miss Tamara Vilich, meine Sekretärin«, stellte der Professor vor.

Und auch keinen Hauch von Appetit auf Carmine Delmonico! Sie lächelte, nickte und ging direkt wieder.

»Gleich zwei ausgewachsene Misses in ihrem Mitarbeiterstab«, bemerkte Carmine.

»Sie sind ganz wunderbar, wenn man denn welche findet«, sagte der Professor, der bestrebt zu sein schien, den Grund für diese Unterredung hinauszuschieben. »Eine verheiratete Frau hat familiäre Verpflichtungen, die sich bisweilen in ihren Arbeitstag hineindrängen. Unverheiratete Frauen andererseits geben in ihrem Job alles und haben zum Beispiel auch kein Problem damit, hin und wieder ohne große Voranmeldung länger zu bleiben.«

»Mehr Zeit und Energie für den Job, das ist klar«, meinte Carmine. Er nippte an seinem Kaffee, der scheußlich schmeckte. Nicht, dass er einen guten Kaffee erwartet hätte. Der Professor, bemerkte er, trank Wasser aus dieser wunderschönen Karaffe, obwohl er Carmine den Kaffee eigenhändig eingeschenkt hatte.

»Professor, waren Sie schon unten in der Tierstation, um sich anzusehen, was dort gefunden wurde?«

Der Professor erbleichte und schüttelte energisch den Kopf. »Nein, natürlich nicht! Cecil hat mich angerufen und mir berichtet, was Otis gefunden hatte, woraufhin ich wiederum sofort Commissioner Silvestri verständigt habe. Allerdings habe ich nicht vergessen, Cecil anzuweisen, bis zum Eintreffen der Polizei niemanden in die Tierstation zu lassen.«

»Haben Sie Otis gefunden – Otis, wie hieß er noch mal?«

»Otis Green. Es sieht so aus, als hätte er einen leichten Herzinfarkt gehabt. Momentan befindet er sich im Krankenhaus. Aber sein Kardiologe sagt, es sei kein massiver Iktus gewesen, also dürfte er in zwei, drei Tagen wieder entlassen werden.«

Carmine stellte seine Tasse ab und lehnte sich in dem Chintz-Sessel zurück, faltete die Hände auf dem Schoß. »Erzählen Sie mir etwas über den Kühlraum, in dem die Tierkadaver aufbewahrt werden, Professor.«

Smith sah ihn ein wenig verwirrt an. Vielleicht, überlegte Carmine, reichte seine Art von Courage nicht aus, um einer Krise wie einem Mordfall gewachsen zu sein, reichte stattdessen gerade mal für Förderkomitees und unbeholfene Forscher.

»Nun, jedes Forschungsinstitut hat einen Kühlraum. Oder teilt sich einen mit einem benachbarten Institut, wenn es selbst eher klein ist. Wir sind alle Forscher, und da wir für unsere Experimente aus ethischen Gründen keine Menschen als Versuchsobjekte benutzen können, nehmen wir Tiere, die auf der Evolutionsskala unter uns liegen. Welche Tierart benutzt wird, hängt von dem jeweiligen Forschungsprojekt ab – Meerschweinchen für die Haut, Kaninchen für die Lunge und so weiter. Da wir uns hier für Epilepsie und mentale Retardierung interessieren, die beide im Gehirn verortet werden, sind unsere Versuchstiere Ratten, Katzen und Primaten – oder genauer gesagt, bei uns hier im Hug sind es Makaken. Am Ende eines experimentellen Projektes werden die Tiere eingeschläfert – mit größter Sorgfalt und Güte, beeile ich mich hinzuzufügen. Die Tierleichen werden in spezielle Säcke gepackt und im Kühlraum deponiert, wo sie bis etwa sieben Uhr morgens des folgenden Werktags verbleiben. Zu dieser Uhrzeit leert Otis den Inhalt des Kühlraums in einen Abfallbehälter und schiebt diesen Behälter durch den Tunnel zum Parkinson Pavillon, wo sich die Haupttierstation der medizinischen Fakultät befindet. Der Verbrennungsofen, in dem sämtliche Kadaver beseitigt werden, gehört zwar zur Tierstation des PP, steht aber auch dem Krankenhaus zur Verfügung, das amputierte Gliedmaßen und dergleichen zur Beseitigung dorthin schickt.«

Seine Sprachmuster sind dermaßen formal, dachte Carmine bei sich, dass man meint, er diktiere gerade einen wichtigen Brief. »Hat Cecil Ihnen berichtet, wie die menschlichen Überreste entdeckt wurden?«, fragte er.

»Ja.« Das Gesicht des Professors nahm einen gequälten Ausdruck an.

»Wer hat Zugang zum Kühlraum?«

»Jeder hier im Hug, obwohl ich nicht annehme, dass ein Außenstehender ihn benutzen könnte. Wir haben nur wenige Eingänge, und die sind alle vergittert.«

»Warum denn das?«

»Mein guter Lieutenant! Wir befinden uns am unteren Ende der Linie medizinische Fakultät–Krankenhaus an der Oak Street. Nach uns kommt die Eleventh Street und dann The Hollow. Ein eher unangenehmer Stadtteil, wie Sie sicher wissen.«

»Mir ist aufgefallen, Professor, dass auch Sie die Bezeichnung Hug verwenden. Wieso eigentlich?«

Der Mund mit diesem leicht tragischen Zug zuckte. »Daran ist Frank Watson schuld«, presste der Professor durch zusammengebissene Zähne.

»Wer ist das?«

»Ein Professor der Neurologie in der medizinischen Fakultät. Als das Hug 1950 eröffnet wurde, wollte er die Leitung übernehmen, aber unser Stifter, der verstorbene William Parson, bestand darauf, dass sein Lehrstuhl an einen Mann mit Erfahrungen auf den Gebieten Epilepsie und mentale Retardierung gehen sollte. Da Watsons Fachgebiet aber demyelinisierende oder auch Entmarkungskrankheiten sind, war er nicht geeignet. Ich sagte zu Mr Parson, dass er einen einfacheren Namen als Hughlings Jackson wählen sollte, doch er war fest entschlossen. Oh, er war schon immer ein sehr willensstarker Mann! Natürlich geht man davon aus, dass so ein Name früher oder später abgekürzt wird, aber ich hätte erwartet, es hieße dann das Hughlings oder das Hugh. Frank Watson bekam jedenfalls seine kleine Rache. Er fand es furchtbar schlau, das Institut Hug zu nennen, und der Name blieb.«

»Wer genau war oder ist dieser Hughlings Jackson, Sir?«

»Ein wegbereitender britischer Neurologe, Lieutenant. Seine Frau hatte einen langsam wachsenden Tumor auf der somatomotorischen Rinde – das ist die vor der Zentralfurche liegende Hirnwindung, also jener Bereich des Neocortex, in dem die willkürlichen motorischen Funktionen gesteuert werden –, im Grunde also die Kommandozentrale der Muskeln.«

Ich verstehe nicht ein Wort von dem, was er da redet, dachte Carmine, aber kümmert ihn das? Nein.

»Mrs Jacksons epileptische Anfälle waren ausgesprochen seltsamer Natur«, erklärte der Professor weiter. »Sie waren auf eine Körperhälfte beschränkt, begannen auf einer Gesichtsseite, wanderten auf derselben Seite den Arm hinunter bis zur Hand und erreichten schließlich das Bein. Diese Art der Ausbreitung von Krampfanfällen ist auch heute noch als Jackson-Anfälle bekannt. Darauf aufbauend formulierte Jackson die ersten Hypothesen zur Motorik, dass nämlich jeder Körperteil seinen eigenen, unveränderlichen Bereich auf der Großhirnrinde besitzt. Was die Menschen allerdings besonders faszinierte, war die unermüdliche Art, wie er Stunde um Stunde am Bett seiner sterbenden Frau saß und minutiös jedes Detail ihrer Krämpfe notierte. Der Forscher par excellence.«

»Ziemlich herzlos, wenn Sie mich fragen«, meinte Carmine. »

Ich nenne es eher Hingabe«, entgegnete Smith eisig.

Carmine erhob sich. »Niemand verlässt ohne meine ausdrückliche Genehmigung dieses Gebäude. Das gilt auch für Sie, Sir. An sämtlichen Eingängen sind Polizeibeamte postiert, der Tunnel eingeschlossen. Ich schlage vor, dass Sie mit niemandem über die Vorfälle sprechen.«

»Aber wir haben keine Kantine«, sagte der Professor ausdruckslos. »Was sollen die Leute zu Mittag essen, wenn sie sich nichts von zu Hause mitgebracht haben?«

»Einer der Polizisten kann Bestellungen entgegennehmen und das Essen dann bringen.« In der Tür blieb Carmine kurz stehen und drehte sich noch einmal um. »Ich fürchte, wir müssen von jedem hier Fingerabdrücke nehmen. Eine größere Unannehmlichkeit als die Sache mit dem Mittagessen, aber ich bin sicher, Sie haben dafür Verständnis.«

Büros, Labors und Leichenschauhaus des Gerichtsmediziners von Holloman County befanden sich im County Services Building, welches ebenfalls das Holloman Police Department beherbergte.

Als Carmine das Leichenschauhaus betrat, fand er auf einem stählernen Obduktionstisch die zwei Hälften eines weiblichen Torsos an der richtigen Stelle zusammengefügt vor.

»Eine wohlgenährte junge Farbige, ungefähr sechzehn Jahre alt«, sagte Patrick. »Der Täter hat den Venushügel enthaart, bevor er die erste von mehreren Gerätschaften einführte – könnten Dildos gewesen sein, vielleicht auch Penisköcher, schwer zu sagen. Sie wurde mehrfach mit zunehmend größeren Objekten geschändet, aber ich bezweifle, dass sie daran gestorben ist. In dem, was wir vom Körper haben, befindet sich so wenig Blut, dass ich annehme, man ließ sie ausbluten, wie es mit Schlachtvieh auf einem Bauernhof gemacht wird. Keine Arme oder Hände, keine Beine oder Füße und auch kein Kopf. Diese beiden Körperteile wurden penibel gewaschen. Bislang habe ich noch keine Spermaspuren gefunden, aber da drinnen finden sich so viele Prellungen und Schwellungen – sie wurde übrigens auch anal missbraucht –, dass ich ein Mikroskop benötigen werde. Doch wenn du mich fragst, werde ich kein Sperma finden. Er trug Handschuhe und hat vermutlich seine Penisköcher als Kondom benutzt. Falls er überhaupt gekommen ist.«

Trotz ihrer blutlosen, extremen Blässe hatte die Haut des Mädchens diese wundervolle Farbe von Milchkaffee. Ihre Hüften waren gerundet, die Taille war schmal, und die Brüste waren einfach perfekt. Soweit Carmine erkennen konnte, hatte sie außerhalb des Genitalbereichs keinerlei Verletzungen – weder blaue Flecke noch Schnitte, Schürfwunden, Bisse oder Verbrennungen. Aber ohne Arme und Beine war unmöglich zu sagen, ob oder wie sie gefesselt worden war.

»Für mich sieht sie aus wie ein Kind«, sagte er. »Kein besonders großes Mädchen.«

»Ich würde sagen, wenn’s hoch kommt – eins fünfundfünfzig. Die zweitwichtigste Sache«, fuhr Patrick fort, »ist, dass sie von einem richtigen Profi zerlegt worden ist. Ein einziger Streich mit etwas wie einem Filiermesser oder einem Obduktionsskalpell. Und sieh dir Hüft- und Schultergelenke an – eine saubere Exartikulation ohne erkennbare Gewalteinwirkung oder Verletzung.« Er zog die beiden Hälften auseinander. »Der diagonale Schnitt erfolgte direkt unterhalb des Zwerchfells. Der Magenmund wurde abgebunden, um ein Austreten des Inhalts zu verhindern, die Speiseröhre ebenfalls. Die Exartikulation der Wirbelsäule wurde genauso professionell durchgeführt wie jene der Gelenke. Kein Blut in der Aorta oder der Hohlvene. Allerdings«, sagte er und zeigte auf den Hals, »durchtrennte der Täter ihr die Kehle, einige Stunden bevor er den Kopf entfernte. Die Drosselvenen sind eingeschnitten, nicht aber die Halsschlagader. Das bedeutet, sie ist langsam ausgeblutet, es gab keinen plötzlich hervorschießenden Strahl. Natürlich kopfüber aufgehängt. Als er dann ihren Kopf abtrennte, machte er das zwischen den Halswirbeln C-4 und C-5, wodurch er neben dem gesamten Schädel ein kleines Stück Hals erhielt.«

»Ich wünschte, wir hätten wenigstens die Arme und Beine, Patsy.«

»Ich auch, aber ich vermute, dass die gestern zusammen mit dem Kopf in den Kühlraum gewandert sind.«

Carmine widersprach so entschieden, dass Patrick zusammenzuckte. »Oh, nein! Ihren Kopf hat der Täter noch.«

»Carmine! So etwas passiert in Wirklichkeit einfach nicht! Oder wenn, dann handelt es sich um einen Irren westlich der Rockies. Aber wir sind hier in Connecticut!«

»Er hat den Kopf noch, ganz egal, woher er kommt.«

»Ich würde sagen, er arbeitet im Hug, oder wenn nicht im Hug, dann in einer anderen Abteilung der medizinischen Fakultät«, meinte Patrick.

»Ein Metzger vielleicht? Ein Schlächter?«

»Möglich.«

»Du hast vorhin von der zweitwichtigsten Sache gesprochen, Patsy. Was ist die wichtigste?«

»Hier.« Patrick drehte den unteren Teil des Torsos um und deutete auf die rechte Pobacke, wo sich eine herzförmige, etwa zweieinhalb Zentimeter lange, dunkle und verkrustete Wunde gegen die sonst makellose Haut abzeichnete. »Zuerst dachte ich, er hätte es absichtlich hineingeschnitten – Herz, Liebe, so was in der Richtung. Aber der Rand ist nicht wie mit einer Schablone ausgeschnitten. Es ist einfach ein glatter transversaler Schnitt. Was Ähnliches hab ich mal bei einer Frau gesehen, der ein Kerl die Brustwarze abgeschnitten hat. Also habe ich mich gefragt, ob sie dort wohl einen Nävus hatte, ein Muttermal, das deutlich auf der Haut hervorragte.«

»Etwas, das ihn beleidigte, das ihre Vollkommenheit zerstörte«, meinte Carmine nachdenklich. »Wer weiß? Vielleicht wusste er gar nicht, dass sie eines hatte, bevor er sie dort hatte, wo immer er seine widerwärtigen Dinge mit ihr trieb. Kommt drauf an, ob er sie nur irgendwo aufgegabelt hat oder schon vorher kannte. Hast du irgendeine Idee, was ihre Rasse betrifft?«

»Nicht die geringste. Außer, dass sie eher eine Weiße ist als sonst irgendwas. Mit etwas negridem oder mongolidem Blut, vielleicht auch beides.«

»Würdest du sagen, dass sie eine Prostituierte ist?«

»Schwierig, wenn man keine Arme hat, um nach Nadelstichen zu suchen, Carmine, aber dieses Mädchen – ich weiß nicht, sie sieht gesund aus. Ich würde mal die Vermisstenmeldungen durchgehen.«

»Oh, das hab ich auch vor«, antwortete Carmine und kehrte zurück zum Hug.

Wo anfangen, wenn Otis Green erst frühestens morgen befragt werden durfte? Dann also Cecil Potter.

»Das hier ist ’n echt guter Job«, sagte Cecil, der auf einem Metallstuhl saß, mit Jimmy auf den Knien und offensichtlich völlig unbeeindruckt davon, dass der Makake damit beschäftigt war, Cecils Haar zu lausen, indem seine zierlichen Finger mit sichtlich großer Wonne durch das Dickicht zupften. Jimmy, hatte er erklärt, war immer noch sehr aufgeregt. Carmine hätte diesen vollkommen bizarren Anblick besser verkraftet, wenn der große Affe keinen halben Tennisball auf dem Kopf getragen hätte; dieser, erklärte Cecil, diente dem Schutz des in sein Gehirn implantierten Elektrodensatzes und der knallgrünen Buchse, die in rosa Zahnzement auf seinem Schädel befestigt war. Nicht, dass der halbe Tennisball Jimmy irgendwie zu stören schien; er ignorierte ihn einfach.

»Was ist an dem Job so gut?«, fragte Carmine, dem der Magen knurrte. Jeder im Hug war verpflegt worden, aber inzwischen hatte Carmine Frühstück und Mittagessen verpasst.

»Ich bin der Boss«, sagte Cecil. »Als ich drüben im P P gearbeitet hab, war ich nur einer von vielen Handlangern. Hier im Hug ist die Tierstation meine. Ich mag sie, besonders wegen der Affen. Dr. Chandra – eigentlich sind’s ja seine – weiß, ich bin der beste Affenmann an der Ostküste, also lässt er mich machen. Ich darf sie sogar für ihre Sitzungen auf den Stuhl setzen. Die sind total verrückt auf ihre Behandlungen.«

»Mögen die Affen Dr. Chandra nicht?«, fragte Carmine.

»Oh, doch, den könn’ sie schon leiden. Aber mich, mich lieben sie.«

»Leeren Sie manchmal den Kühlraum, Cecil?«

»Ab und an, aber nicht oft. Wenn Otis auf Urlaub ist, dann holen wir uns jemanden von den Reserveleuten drüben im P P Otis arbeitet nicht viel auf dieser Etage – er ist der Mann für oben. Muss die Glühbirnen wechseln und auch den gefährlichen Abfall wegräumen. Ich komm auf dieser Etage ganz gut allein zurecht, außer wenn’s darum geht, die Käfige von anderen Etagen rauf- und runterzubringen. Unsere Tiere kriegen von Montag bis Freitag frische, saubere Käfige.«

»Dann müssen Sie die Wochenenden hassen«, meinte Carmine ernst. »Wenn Otis nicht so häufig mit Ihnen zusammenarbeitet, wie reinigen Sie dann die Käfige?«

»Sehn Sie die Tür da, Lieutenant? Die führt zu unserem Käfigreiniger. Automatisch, ist wie ’ne schicke Autowaschanlage, nur noch besser. Im Hug gibt’s alles, Mann, einfach alles.«

»Noch mal zurück zum Kühlraum. Wenn Sie den ausräumen, Cecil, wie groß sind dann normalerweise die Beutel? Ist es ungewöhnlich, Beutel zu sehen, die so groß sind wie die?«

Cecil dachte einen Augenblick nach, den Kopf zur Seite geneigt, was der Affe direkt ausnutzte, um hinter seine Ohren zu gucken. »Ist nicht ungewöhnlich, Lieutenant, Sir, aber tun Sie am besten Otis fragen, der ist der Experte.«

»Ist Ihnen gestern jemand aufgefallen, der Beutel in den Kühlraum gelegt hat? Jemand, der das normalerweise nicht tut?«

»Nein. Die Forscher bringen ihre Beutel normal selber rein, wenn Otis und ich schon in Feierabend sind. Laboranten bringen auch Beutel, aber so kleine. Die einzige Laborantin, die große Beutel bringt, ist Mrs Liebman aus dem OP, aber nicht gestern.«

»Danke, Cecil, Sie waren mir eine große Hilfe.« Carmine bot dem Affen die Hand an. »Bis dann, Jimmy.«

Jimmy ergriff Carmines Hand und schüttelte sie ernst, wobei seine großen braunen Augen so voller Bewusstsein waren, dass Carmine eine Gänsehaut bekam. Sie sahen so menschlich aus.

»Gut, dass Sie ’n Mann sind«, meinte Cecil lachend und begleitete Carmine zur Tür, den Affen auf der Hüfte tragend.

»Warum das?«

»Alle meine sechs Babys sind Männchen, und Mannomann, die hassen Frauen! Können nicht ertragen, wenn eine Frau im selben Raum ist.«

Don Hunter und Billy Ho arbeiteten zusammen an einer Art Was-passiert-dann-Maschine, die sie aus elektronischen Bauteilen, Plexiglas-Extrudern und einer Pumpe zusammensetzten, die so konstruiert war, dass sie den Inhalt einer kleinen Glasspritze aufnehmen konnte. In der Nähe standen zwei Becher Kaffee, die kalt und abgestanden wirkten.

Dass beide in der Armee gewesen sein mussten, war in dem Moment klar, als Carmine das Wort »Lieutenant« aussprach. Sie sprangen von ihrem Spielzeug auf und nahmen Haltung an. Billy war chinesischer Abstammung; er war Elektroingenieur bei der U. S. Air Force. Don war Engländer aus »dem Norden«, wie er selber sagte, und hatte beim Royal Armored Corps gedient.

»Was ist das denn für ein Dingsbums?«, fragte Carmine.

»Eine Pumpe, die wir an einen Kreislauf anschließen, so dass sie alle dreißig Minuten ein Zehntel eines Em-El liefert«, erklärte Billy.

Carmine nahm die Becher. »Ich hole Ihnen neuen aus der Kaffeemaschine, die ich im Flur gesehen habe, wenn ich auch einen Becher bekomme und ordentlich Zucker reinkippen darf.«

»Mensch, danke, Lieutenant. Nehmen Sie ruhig die ganze Zuckerdose.«

Wenn sein Kreislauf jetzt langsam keinen Zucker bekam, würde seine Aufmerksamkeit nachlassen, das wusste Carmine. Er hasste zu süßen Kaffee, aber es hinderte seinen Magen daran zu knurren. Und über einer Tasse Kaffee konnte man gut ein freundliches Schwätzchen halten. Es waren redselige Männer, die begierig darauf waren, über ihre Arbeit zu sprechen und Carmine zu versichern, wie großartig das Hug sei. Billy war der Elektroingenieur, Don der Mechaniker. Gemeinsam beschrieben sie Carmine das faszinierende Bild eines Lebens, das größtenteils damit zugebracht wurde, Dinge zu entwickeln und zu bauen, die sich kein normaler Mensch vorstellen konnte. Weil Forscher, erfuhr Carmine, eben keine normalen Menschen seien. Die meisten von ihnen seien nervige Fanatiker.

»Ein Forscher kann sogar eine Ladung Stahlkugeln versauen«, sagte Billy. »Sie haben ein Hirn so groß wie der Madison Square Garden und gewinnen ständig Nobelpreise, aber, Mann, was können die bescheuert sein! Wissen Sie, was ihr größtes Problem ist?«

»Sagen Sie’s mir«, meinte Carmine.

»Gesunder Menschenverstand. Sie haben einen beschissenen Menschenverstand.«

»Klaain-Billy haat totaal reecht«, sagte Don. Oder zumindest hörte es sich so an.

Als er sich verabschiedete, war Carmine überzeugt, dass weder Bill Ho noch Don Hunter zwei Teile einer Frau in den Kühlraum für Tierkadaver gelegt hatten. Obwohl es auch dem, der das getan hatte, an gesundem Menschenverstand mangelte.

Die Neurophysiologie befand sich ein Stockwerk darüber, in der ersten Etage. Sie wurde von Dr. Addison Forbes geleitet, der zwei Kollegen hatte, Dr. Nur Chandra und Dr. Maurice Finch. Jeder der Männer hatte ein großzügiges Labor und ein Büro. Auf der anderen Seite von Chandras Suite befanden sich der Operationssaal und dessen Vorraum.

Der Raum für die Tiere war sehr groß und enthielt Käfige mit zwei Dutzend Katern sowie Käfige für mehrere hundert Ratten. Dort machte Carmine den Anfang. Jede Katze, fiel ihm auf, lebte in einem blitzsauberen Käfig, bekam Dosen- sowie auch Trockenfutter und erledigte ihr Geschäft in einer Wanne, die mit gut duftenden Zedernspänen gefüllt war. Es waren freundliche Tiere, weder scheu noch deprimiert, und sie schienen den halben Tennisball auf ihrem Kopf gar nicht wahrzunehmen. Die Ratten lebten in hohen Kunststoffkisten, die mit feineren Spänen gefüllt waren. Rein, raus, hin und her, ergriffen ihre kleinen handartigen Pfoten die Stahlgitter, die ihre Kisten abschlossen, mit deutlich mehr Freude, als ein menschlicher Gefangener die Stangen seine Zelle umfasste. Die Ratten, sah Carmine, waren fröhlich.

Sein Fremdenführer war ein gewisser Dr. Addison Forbes, der nicht besonders fröhlich wirkte.

»Die Katzen gehören zu Dr. Finch und Dr. Chandra. Die Ratten sind von Dr. Finch. Ich habe keine Tiere, ich bin Kliniker«, sagte er. »Unsere Ausstattung ist exzellent«, leierte er weiter, während er seinen Gast den Flur zwischen dem Raum für die Tiere und dem Fahrstuhl entlangführte. »Jede Etage hat einen Pausenraum für Frauen und einen für Männer« – er machte eine Geste – »und eine Kaffeemaschine, um die sich unser Glaswäscher, Allodice, kümmert. Die Gasflaschen befinden sich in diesem Raum, aber Sauerstoff kommt über die Leitung, genauso wie Kohlegas und Druckluft. Die vierte Leitung ist zum Vakuumsaugen. Besonderer Wert wurde auf die Erdung und Kupferabschirmung gelegt. Wir arbeiten mit Millionstel Volt, was bedeutet, dass Faktoren, die die Interferenzen verstärken, für uns ein Alptraum sind. Das Gebäude ist klimatisiert, und die Luft wird ununterbrochen gefiltert, daher das Rauchverbot.«

Forbes beendete seinen Vortrag, um überrascht aufzusehen. »Die Thermostate funktionieren sogar.« Er öffnete eine Tür. »Unser Lese- und Konferenzraum. Womit wir die Etage durchhätten. Sollen wir in mein Büro gehen?«

Addison Forbes, hatte Carmine schon nach wenigen Minuten beschlossen, war ein totaler Neurotiker. Er hatte eine sehnige, ausgemergelte Figur, die auf einen Sportfreak mit vegetarischen Neigungen schließen ließ, war ungefähr fünfundvierzig Jahre – genauso alt wie der Professor – und sah nach nichts aus. Gesichtszuckungen und abrupte, bedeutungslose Handbewegungen flankierten seine Rede. »Vor drei Jahren hatte ich einen schweren Herzinfarkt«, sagte er. »Ist schon ein Wunder, dass ich überlebt habe. Jetzt laufe ich jeden Abend die fünf Meilen vom Hug nach Hause. Meine Frau fährt mich morgens hin und holt den Anzug vom Vortag ab. Wir brauchen keine zwei Autos mehr, eine willkommene Einsparung. Ich ernähre mich von Gemüse, Obst, Nüssen und gelegentlich einem Stück gedämpftem Fisch, wenn meine Frau einen findet, der wirklich frisch ist. Und ich muss sagen, ich fühle mich großartig.« Er tätschelte seinen Bauch, der total flach war. »Auf die nächsten fünfzig Jahre!«

Himmel!, dachte Carmine. Ich falle lieber tot um, als auf das fettige Zeug von Malvolio’s zu verzichten. »Wie oft bringen Sie oder Ihr Laborant die toten Tiere runter in den Kühlraum im Erdgeschoss?«

Forbes blinzelte und sah ihn ausdruckslos an. »Lieutenant, ich habe Ihnen doch schon gesagt, ich bin Kliniker! Meine Forschungen sind klinisch, ich mache keine Tierversuche.« Seine Augenbrauen versuchten, in gegensätzliche Richtungen zu streben. »Man lobt sich zwar nicht selbst, aber ich habe eine Begabung dafür, jedem Patienten genau die richtige Dosis krampfhemmender Medikamente zu geben. Es ist ein Feld, auf dem viel Missbrauch getrieben wird – können Sie sich vorstellen, wie frech einige idiotische Allgemeinmediziner sind, die sich erdreisten, Krampfhemmer zu verschreiben? Sie diagnostizieren bei den armen Patienten Epilepsie und stopfen sie voll mit Dilantin und Phenobarbital, obwohl die armen Patienten die ganze Zeit unter einer Temporallappenepilepsie leiden, die schon ein Blinder mit Krückstock erkennt. Ich leite die Epileptische Klinik des Holloman-Krankenhauses und die spezielle EEG-Einheit, die da dranhängt. Ich befasse mich nicht mit gewöhnlichen EEGs. Das ist eine andere Einheit, die von Frank Watson und seinen neurologischen und neurochirurgischen Lakaien. Ich interessiere mich für kurzzeitige Spannungsspitzen und nicht für Deltawellen.«

»Mhm-mhm«, machte Carmine, der von dieser Rede langsam glasige Augen bekam. »Also, Sie entledigen sich definitiv nie irgendwelcher Tiere?«

»Niemals!«

Forbes’ Laborantin bestätigte dies, ein hübsches Mädchen namens Betty. »Seine Arbeit hier befasst sich mit dem Level krampfhemmender Medikamente im Blutkreislauf«, erklärte sie Carmine in Worten, die er zumindest ansatzweise verstand. »Die meisten Ärzte verschreiben praktisch Überdosen, weil sie den Level der Medikamente im Blutkreislauf bei Langzeiterkrankungen wie Epilepsie nicht im Auge behalten. Er ist auch derjenige, der von der Pharmaindustrie gebeten wird, neue Medikamente auszuprobieren. Und er hat einen untrüglichen Sinn dafür, was ein bestimmter Patient benötigt.« Betty lächelte. »Er ist wirklich schräg. Das ist keine Wissenschaft mehr, sondern schon eher eine Kunst.«

Und wie, fragte sich Carmine, als er sich auf die Suche nach Dr. Maurice Finch begab, verhindere ich, dass ich unter medizinischem Kauderwelsch lebendig begraben werde?

Aber Dr. Finch war keiner von denen, die irgendjemanden unter medizinischem Gesülze begruben. Seine Forschung, erklärte er in wenigen Worten, befasse sich mit der Wanderung von Natrium- und Kaliumionen durch die Wand einer Nervenzelle während eines epileptischen Anfalls.

»Ich arbeite mit Katzen«, sagte er, »auf einer Langzeitbasis. Wenn die Elektroden und die Kanülen erst einmal in ihren Gehirnen implantiert worden sind – unter Vollnarkose –, leiden sie an keinerlei Trauma. Genau genommen freuen sie sich sogar auf ihre experimentellen Sitzungen.«

Eine freundliche Seele, war Carmines Urteil. Deswegen fiel Finch aber nicht aus der Reihe der Mordverdächtigen; einige der brutalsten Killer waren die reinsten Seelchen, wenn man sie kennenlernte. Mit einundfünfzig war er älter als die meisten anderen Forscher, hatte der Professor gesagt. Die Forschung war augenscheinlich das Spielfeld junger Männer. Als gläubige Juden lebten Finch und seine Frau Catherine auf einer Hühnerfarm. Catherine züchtete koschere Hühner. Die Tiere gaben ihr eine Aufgabe, da sie leider keine Kinder hätten, erklärte Finch.

»Dann leben Sie nicht in Holloman?«, fragte Carmine.

»Noch gerade eben hinter der Bundesgrenze, Lieutenant. Wir haben zwanzig Morgen Land. Aber nicht alles voller Hühner! Ich bin ein leidenschaftlicher Blumen- und Gemüsebauer. Ich habe auch eine Apfelplantage und diverse Treibhäuser.«

»Bringen Sie die toten Tiere nach unten, Dr. Finch, oder macht das Ihre Laborantin – Patricia?«

»Manchmal mache ich es und manchmal Patty«, sagte Dr. Finch, wobei er Carmine mit seinen großen, grauen Augen schuldlos und ruhig anblickte. »Wissen Sie, meine Art von Arbeit fordert kaum Opfer. Wenn ich mit einem Miezekater fertig bin, kastriere ich ihn und versuche, ihn als Haustier irgendwo unterzubringen. Sehen Sie, ich füge ihnen kein Leid zu. Dennoch kann ein Kater eine Gehirninfektion bekommen und verenden oder eines natürlichen Todes sterben. Dann gehe ich nach unten in den Kühlraum. Meistens mache ich das – die Tiere sind schwer.«

»Wie häufig haben Sie einen toten Kater, Doktor?«

»Einmal im Monat, vielleicht auch nur alle halbe Jahr einen.«

»Wie ich sehe, achten Sie gut auf die Tiere.«

»Ein Kater«, erklärte Dr. Finch geduldig, »stellt einen Investitionswert von mindestens zwanzigtausend Dollar dar. Er muss Papiere haben, die die verschiedenen Behörden zufriedenstellen. Dann sind da noch die Kosten seines Unterhaltes, der erstklassig sein muss, oder er würde nicht überleben. Ich brauche gesunde Katzen. Daher ist der Tod höchst unwillkommen, um nicht zu sagen, äußerst ärgerlich.«

Carmine begab sich zu dem dritten Forscher, Dr. Nur Chandra.

Chandras Gesichtszüge waren die eines Adeligen, seine Wimpern waren so lang und dick, dass sie falsch wirkten, seine Augenbrauen fein geschwungen, und seine Hautfarbe gemahnte an altes Elfenbein. Sein lockiges, schwarzes Haar war kurz geschnitten, passend zu seiner europäischen Kleidung; bis darauf, dass ein Meister seine Haare geschnitten hatte und die Kleidung aus Kaschmir, Wolle und Seide war. Eine vergrabene Erinnerung zog auf: Dieser Mann und seine Frau waren bekannt als das bestaussehende Paar der ganzen Chubb. Ah, jetzt konnte Carmine ihn einordnen! Der Sohn eines Maharadschas, der in Geld schwamm, verheiratet mit der Tochter eines anderen indischen Potentaten. Sie lebten auf zehn Morgen Land am Rand von Holloman County, zusammen mit einer Armee von Dienstboten und diversen Kindern, die zu Hause unterrichtet wurden. Offensichtlich war die protzige Dormer Day School nicht protzig genug. Oder vermittelte den Kindern zu viele amerikanische Ideen? Sie genossen diplomatische Immunität, aber wie genau, wusste Carmine nicht. Das bedeutete Samthandschuhe und beten, dass er nicht derjenige war!

»Mein armer Jimmy«, sagte Dr. Chandra, zwar mit mitleidiger Stimme, aber bei Weitem nicht mit der Zärtlichkeit, die in Cecils Stimme lag, wenn dieser von Jimmy sprach.

»Erzählen Sie mir doch bitte Jimmys Geschichte, Doktor«, bat Carmine, fasziniert von einem anderen Affen, der in einer enormen Kiste saß, deren Türen offen standen, in einem kompliziert aussehenden Plastiksessel, die Beine lässig übereinandergeschlagen. Dem Tier fehlte der Tennisball, wodurch man die Masse an rosafarbenem Zahnzement sah, in die eine leuchtend grüne Buchse eingebettet war. Ein leuchtend grüner Stecker war darin eingefügt, und ein dickes Kabel aus vielen bunten Strängen führte zu einer Schalttafel an der Kistenwand. Wahrscheinlich verband die Schalttafel den Affen mit einer Menge elektronischer Ausrüstung, die in den großen Regalen rings um die Kiste stand.

»Cecil rief mich gestern an, um mir zu sagen, dass er Jimmy tot aufgefunden hatte, als er aus der Mittagspause kam und nach den Affen sah«, erklärte der Forscher in dem breitesten englischen Akzent, den Carmine je gehört hatte. Er hatte nichts mit den Akzenten von Miss Dupre oder Don Hunter gemeinsam, so unterschiedlich die beiden waren. Erstaunlich, dass so ein kleines Land so viele Akzente hatte. »Ich ging hinunter, um es mir selbst anzusehen, und ich schwöre Ihnen, Lieutenant (noch so ein Löftenant!), dass ich Jimmy für tot gehalten habe. Kein Puls, keine Atmung, keine Herzgeräusche, keine Reflexe, beide Pupillen geweitet. Cecil fragte mich, ob ich möchte, dass Dr. Schiller eine Obduktion durchführte, doch ich lehnte ab. Jimmy hatte seine Elektroden noch nicht so lange eingepflanzt, als dass er für mich von irgendeinem experimentellen Wert hätte sein können. Aber ich sagte Cecil, er solle ihn liegenlassen, ich würde ihn gegen fünf noch einmal kontrollieren, und wenn sich nichts geändert hätte, ihn selber in den Kühlraum packen. Was genau das ist, was ich getan habe.«

»Was ist mit diesem Typen?«, fragte Carmine und zeigte auf den Affen, der denselben Gesichtsausdruck hatte wie Abe, wenn er sich nach einer Zigarette sehnte.

»Eustace? Oh, er ist von immensem Wert! Bist du, nicht wahr, Eustace?«

Der Affe schwenkte seinen leeren Blick von Carmine zu Dr. Chandra und grinste schaurig. Du bist ein ganz schön arroganter Bastard, Eustace, dachte Carmine.

Chandras Laborant war ein junger Mann namens Hank, der Carmine mit zum OP nahm. Im Vorraum wurde er von Sonia Liebman begrüßt, die sich als OP-Laborantin vorstellte. Hier stapelten sich in Regalen die chirurgischen Vorräte; außerdem gab es zwei Autoklaven und einen Safe.

»Für meine Medikamente«, erklärte Mrs Liebman und zeigte auf den Safe. »Opiate, Pentothal, Zyankali und andere Hässlichkeiten.« Sie reichte Carmine ein Paar Baumwollstiefel.

»Wer kennt die Kombination?«, fragte er und zog die Stiefel an.

»Ich, und sie ist nirgendwo aufgeschrieben«, antwortete sie nachdrücklich. »Wenn sie mich mit den Füßen zuerst hier raustragen, müssen sie einen Safeknacker holen. Teilt man ein Geheimnis, ist es kein Geheimnis mehr.«

Der OP selbst sah aus wie jeder andere Operationssaal.

»Ich operiere nicht unter komplett sterilen Bedingungen«, sagte Mrs Liebman und lehnte ihren Oberkörper auf den OP-Tisch, eine breite Fläche mit sauberem Papiertuch, an dessen Ende ein seltsamer Apparat befestigt war, lauter Aluminiumstäbe, Gestelle und Knöpfe zur Feinjustierung. Sie selbst trug einen sauberen Overall – gebügelt – und Baumwollstiefel. Eine attraktive Frau um die vierzig, schlank und sachlich. Ihr dunkles Haar war zu einem praktischen Knoten im Nacken zurückgebunden, dunkle, intelligente Augen, und ihre wunderschönen Hände wurden durch sehr kurz geschnittene Nägel ruiniert.

»Ich dachte, ein OP müsse immer steril sein«, sagte er.

»Gewissenhafte Sauberkeit ist viel wichtiger, Lieutenant. Ich habe schon OPs gesehen, die steriler waren als eine ionisierte Fruchtfliege, aber die noch nie wirklich gereinigt wurden.«

»Dann sind Sie also eine Neurochirurgin?«

»Nein, ich bin eine Laborantin mit einem Master. Neurochirurgie ist eine reine Männerdomäne. Aber im Hug kann ich machen, was mir Spaß macht. Aufgrund der Größe meiner Patienten ist die Arbeit sehr anspruchsvoll. Sehen Sie das hier? Mein Zeiss-Operationsmikroskop. Davon haben die in der Neurochirurgie im Chubb kein einziges«, sagte die Lady sehr zufrieden.

»Wen operieren Sie?«

»Affen für Dr. Chandra. Katzen für ihn und Dr. Finch. Ratten für die Neurochemiker oben und für die auch Katzen.«

»Sterben viele Tiere auf dem OP-Tisch?«

Sonia Liebman sah ihn entrüstet an. »Für was halten Sie mich eigentlich? Einen Tollpatsch? Nein! Ich opfere Tiere für die Neurochemiker, die nicht oft an lebenden Gehirnen arbeiten. Neurophysiologen arbeiten mit lebenden Gehirnen. Das ist für mich der Hauptunterschied zwischen den beiden Fachgebieten.«

»Ähm, was genau opfern Sie, Mrs Liebman?« Sei vorsichtig, Carmine, ganz vorsichtig!

»Hauptsächlich Ratten, aber ich führe auch bei Katzen sherringtonsche Dezebrationen durch.«

»Was ist das?«, fragte er, notierte es, wollte es aber eigentlich gar nicht wirklich wissen – es tauchten ja immer mehr abstruse Details auf!

»Die Entfernung des Gehirns vom Tentorium ab, unter Äthernarkose. In dem Moment, in dem ich das Gehirn heraushole, injiziere ich Pentothal ins Herz, und zack!, ist das Tier tot. Sofort.«

»Also stecken Sie relativ große Tiere in Säcke und bringen sie zur Entsorgung in den Kühlraum?«

»Ja, an Dezebrationstagen.«

»Wie häufig sind diese Dezebrationstage?«

»Das hängt davon ab. Wenn Dr. Ponsonby oder Dr. Polonowski um Vorderhirne bitten, alle zwei Wochen, über mehrere Monate hinweg, etwa drei bis vier Katzen an diesem Tag. Dr. Satsuma bittet nicht annähernd so oft darum – vielleicht einmal im Jahr sechs Katzen.«

»Wie groß sind diese enthirnten Katzen?«

»Es sind Monster. Die Männchen wiegen sechs bis sieben Kilo.«

In Ordnung, zwei Stockwerke waren erledigt und noch zwei weitere auf der Liste. Die Versorgung, die Arbeitsräume und die Neurophysiologie waren durch. Jetzt noch nach oben, zum Büropersonal im dritten Stock und dann runter in den zweiten, in die Neurochemie.

Es gab drei medizinische Schreibkräfte und eine Ablagekraft, die lediglich ein Highschool-Diplom vorzuweisen hatte – wie einsam sie sich fühlen musste! Vonnie, Dora und Margaret benutzten große IBM-Kugelkopf-Schreibmaschinen und konnten schneller »Elektroenzephalographie« schreiben als ein Polizist »ABC«. Hier gab’s nichts zu holen, Carmine überließ sie ihren Tätigkeiten.

Dr. Charles Ponsonby wartete am Fahrstuhl auf ihn. Er sei, sagte er, während er seinen Besucher zu seinem Büro begleitete, genauso alt wie der Professor, fünfundfünfzig, und vertrete den Professor, wenn dieser unterwegs sei. Sie seien zusammen zur Dormer Day School gegangen, hätten ihr Physikum gemeinsam an der Chubb absolviert. Beide, erklärte Ponsonby ernsthaft, seien von Anfang an Yankees am Hofe des Königs Artus gewesen. Aber nach dem Medizinstudium hatten sich ihre Wege getrennt. Ponsonby hatte es vorgezogen, an der Chubb zu bleiben, um seine Ausbildung zum neurologischen Facharzt zu absolvieren, während Smith an die John Hopkins gegangen war. Nicht, dass die Trennung von Dauer gewesen wäre: Bob Smith kam zurück, um Leiter des Hug zu werden, und lud Ponsonby ein, sich ihm anzuschließen. Das war 1950, als beide dreißig Jahre alt waren.

Warum bist du wohl zu Hause geblieben?, fragte sich Carmine und musterte den Chef der Neurochemie. Der mittelschwere Mann mittlerer Größe, mit grau gesträhntem, braunem Haar, wasserblauen Augen über einer Halbmondbrille, unter der eine lange, schmale Nase saß, machte den Eindruck eines zerstreuten Professors. Seine Kleidung war aus schäbigem Tweed, die Haare waren wuschelig, und Carmine konnte sehen, dass er zwei verschiedene Socken trug: dunkelblau am rechten Fuß, grau am linken. All das könnte bestätigen, dass Ponsonby ein nicht sonderlich unternehmungslustiger Mann war, der keinen Wert darin sah, sich von Holloman wegzubewegen, dennoch sagte ihm irgendetwas in diesen wässrigen Augen, dass er ein anderer Mann geworden wäre, wenn er nach seinem Studium woandershin gegangen wäre. Eine Hypothese, die auf einem Bauchgefühl beruhte; irgendetwas hatte Ponsonby zu Hause gehalten, etwas ganz Konkretes und Zwingendes. Keine Frau, denn er hatte relativ gleichgültig erwähnt, dass er schon immer Junggeselle sei.

Auch sehr interessant war der Kontrast zwischen ihren Büros. Das von Forbes war furchtbar ordentlich, ohne Platz für plüschige Möbel oder Wandbehänge; überall Bücher und Papiere, selbst auf dem Boden. Finch hatte es eher mit Topfpflanzen und besaß sogar eine blühende Orchidee. An seinen Wänden hingen Kaskaden von Farn. Chandra bevorzugte den ledernen Chesterfield-Stil mit bleiverglasten Bücherschränken und ein paar ausgewählten indischen Kunstobjekten. Und Dr. Charles Ponsonby lebte sehr ordentlich zwischen gruseligen Artefakten wie Schrumpfköpfen und Totenmasken von Beethoven und Wagner. Außerdem hatte er vier Reproduktionen an den Wänden – Goyas »Kronos frisst eines seiner Kinder«, zwei Flügel von Boschs »Hölle« und Munchs »Der Schrei«.

»Mögen Sie surrealistische Kunst?«, fragte Ponsonby.

»Ich tendiere eher zu orientalischer Kunst, Doktor.«

»Ich habe schon oft gedacht, Lieutenant, dass ich den falschen Beruf gewählt habe. Psychiatrie gefällt mir, speziell Psychopathie. Sehen Sie sich den Schrumpfkopf an – welche Art von Glauben bringt so etwas hervor? Oder welchen Visionen entspringen meine Bilder?«

Carmine grinste. »Mich zu fragen hat keinen Zweck. Ich bin bloß ein Bulle.« Und du, beendete er schweigend seinen Satz, bist nicht mein Mann. Zu offensichtlich.

Hier oben, stellte er fest, als Ponsonby ihn durch die Labors führte, war die Ausrüstung vertrauter: ein AAS-Spektrometer, ein Massenspektrometer, ein Gaschromatograph, große und kleine Zentrifugen – die gleiche Art von Apparaten, die Patrick in seinem rechtsmedizinischen Labor hatte, nur neuer und prachtvoller. Patrick musste jeden Cent zusammenkratzen; hier gab man das Geld mit offenen Händen aus.

Von Ponsonby erfuhr er mehr über die Katzenhirne, die zu dem gemacht wurden, was Ponsonby so selbstverständlich »Gehirnsuppe« nannte, dass darin keinerlei Scherzhaftigkeit lag. Sie benutzten auch Ratten-Gehirnsuppe. Und Dr. Polonowski führte einige Experimente am Riesenaxon eines Hummerbeines durch – nicht an den dicken Zangen, sondern den kleinen Beinen. Diese Axone waren riesig! Polonowskis Laborantin, Marian, muss auf ihrem Weg zur Arbeit oft am Fischgeschäft vorbeigehen und die vier größten Hummer im Becken kaufen.

»Was passiert hinterher mit den Hummern?«

»Sie werden im Wechsel an die verteilt, die gern Hummer essen«, sagte Ponsonby, als wäre die Frage vollkommen überflüssig, weil die Antwort sowieso klar war. »Dr. Polonowski macht nichts mit dem Rest des Tieres. Es ist sogar sehr freundlich von ihm, sie zu verteilen. Es sind seine Versuchstiere, er könnte sie auch alle selber essen. Aber er kommt genauso wie wir an die Reihe. Außer Dr. Forbes, der Vegetarier geworden ist, und Dr. Finch, der zu jüdisch ist, um Krustentiere zu essen.«

»Sagen Sie mir, Dr. Ponsonby, bemerken die Leute hier große Beutel mit toten Tieren? Wenn Sie einen großen, vollgestopften Kadaverbeutel sähen und er ihnen auffiele, was würden Sie denken?«

In Ponsonbys Gesicht spiegelte sich leichtes Erstaunen. »Ich bezweifle, dass ich darüber nachdenken würde, Lieutenant, denn ich bezweifle, dass ich ihn bemerken würde.«

Wunderlicherweise war Ponsonby gar nicht so erpicht darauf, im Detail über seine Arbeit zu sprechen, von der er einfach nur erzählte, dass sie mit den chemischen Vorgängen innerhalb einer Gehirnzelle in Zusammenhang mit Epilepsie zu tun hatte.

»Bisher scheinen sich alle mit Epilepsie zu beschäftigen. Gibt es auch jemanden für geistige Retardierung? Ich dachte, das Hug wäre für beides.«

»Leider haben wir unseren Genetiker vor einigen Jahren verloren, und Professor Smith hat bis jetzt keinen passenden Mann gefunden, der ihn ersetzen könnte. Sie werden mehr zu den DNA-Sachen hingezogen. Ist aufregender.« Er kicherte. »Ihre Suppe besteht aus E. coli.«

Und also weiter zu Dr. Walter Polonowski, dessen ziemlich gereizte Stimmung nichts mit seiner polnischen Herkunft zu tun hatte. Das, wie auch Ponsonsbys Kunst, wäre zu einfach gewesen.

»Es ist nicht gerecht«, sagte er zu Carmine.

»Was ist nicht gerecht, Doktor?«, fragte Carmine.

»Die Arbeitsteilung hier. Wenn sie einen medizinischen Abschluss haben, so wie ich, Ponsonby, Finch und Forbes, müssen sie im Holloman Hospital Patienten behandeln, und die Patientenbetreuung kostet Forschungszeit. Wohingegen promovierte Doktoren wie Chandra und Satsuma die ganze Zeit forschen können. Ist es da ein Wunder, dass sie uns weit voraus sind? Als ich den Posten annahm, war die Vereinbarung, dass meine Patienten idiopathisch Retardierte seien. Und was passiert? Ich erbe die Patienten mit Resorptionsstörungen!«, sagte Polonowski böse.

Oh, Himmel, da wären wir wieder! »Sind die denn nicht retardiert, Doktor?«

»Ja, natürlich sind sie das, aber erst als Folge, in erster Linie haben sie Resorptionsstörungen. Sie sind nicht idiopathisch!«

»Was bedeutet denn idiopathisch, Sir?«

»Ein Leiden unbekannter Ätiologie – unbekannter Herkunft.«

»Aha.«

Walt Polonowski war ein sehr präsentabler Mann, groß und gut gebaut. Die dunkelgoldenen Haare und Augen waren eins mit seiner dunkelgoldenen Haut. Die Art von Mann, urteilte Carmine, die nicht wirklich über die Menge an Patienten meckerte, denn das war gar nicht das, was ihn ärgerte; was ihn störte, waren tiefe Gefühle wie Liebe und Hass. Der Typ war die ganze Zeit unglücklich, das stand in den Zügen seines Gesichts geschrieben.

Aber wie alle anderen hatte er nie etwas Großes wie einen riesigen Kadaversack bemerkt und wusste noch nicht einmal, wie groß die Beutel überhaupt waren. Warum bin ich überhaupt so auf diese Tierbeutel fixiert?, fragte Carmine sich. Weil jemand ziemlich Schlaues den Vorteil der Kühlraums ausnutzte in dem Wissen, dass das Personal des Hugs nie Notiz von den Kadaverbeuteln nahm. Deswegen kommt – ich spür’s in den Knochen – mir aus dieser Richtung etwas ziemlich Bösartiges entgegen. Da kommt noch was nach. Ich weiß es einfach.

Polonowskis Laborantin, Marian, war ein hübsches Mädchen, das Carmine erzählte, dass sie Dr. Polonowskis Beutel selber nach unten brachte. Ihr Verhalten war skeptisch und abwehrend, aber er nahm an, nicht wegen der toten Tiere. Das hier war ein unglückliches Mädchen, und unglückliche Mädchen waren normalerweise wegen persönlicher Probleme unglücklich und nicht wegen ihrer Arbeit. Jobs fanden diese jungen Leute recht leicht, alle hatten einen wissenschaftlichen Abschluss, manche nebenher ein kleines Projekt laufen, das zählte, wenn sie ihren Master machten oder promovierten. Marian, wettete Carmine, kam manchmal mit einer dunklen Brille ins Hug, um zu verbergen, dass sie die halbe Nacht geweint hatte.

Nach all den anderen war Dr. Hideki Satsuma großartig. Er sprach perfektes Amerikanisch; sein Vater, erklärte er, war an der japanischen Botschaft in Washington D. C. gewesen, seit die diplomatischen Beziehungen nach dem Krieg wieder aufgenommen worden waren. Satsuma hatte seine Ausbildung in Amerika beendet, mit einem Abschluss in Georgetown.

»Ich arbeite an der Neurochemie des Rhinencephalon«, sagte er, sah Carmines verständnislosen Blick und lachte. »Das, was man manchmal auch Riechhirn nennt – die primitivsten der menschlichen grauen Zellen. Sie sind stark in den epileptischen Prozess involviert.«

Satsuma war noch so ein Hingucker; das Hug hatte wahrlich seinen Teil davon abbekommen! Auch seine Gesichtszüge waren adelig, und er hatte sich einer kosmetischen Operation unterzogen, die seine Mongolenfalten auf den oberen Augenlidern zurückgezogen und seine blitzenden schwarzen Augen freigelegt hatten. Für einen Japaner war er recht groß. Er bewegte sich mit der Anmut eines Rudolf Nurejew und hatte dasselbe leicht tatarische Aussehen. Carmine sah in ihm eine sehr zielstrebige Person, der nie ein Messbecher aus der Hand fallen würde. Außerdem war er sympathisch, was Carmine beunruhigte, der seine Kriegsjahre im Pazifik verbracht hatte und für die Japsen keine besondere Zuneigung hegte.

»Sie müssen verstehen, Lieutenant«, sagte Satsuma ernsthaft, »dass wir alle, die wir hier im Hug arbeiten, keine wirklich aufmerksame Sorte Mensch sind, außer ...

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