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Ein italienischer Liebestraum

1. KAPITEL

Kathryn Peters legte die Hände schützend auf ihren Bauch, als das Flugzeug in ein Luftloch sackte. Ihr war etwas übel zumute, und als die Turbulenzen sich wieder gelegt hatten, spürte sie ein leichtes Flattern im Unterleib. Vielleicht das Baby? Sie ließ eine Hand auf dem Bauch liegen und wartete. Alle ihre Sinne waren darauf ausgerichtet, auch die winzigste Bewegung des Kindes zu spüren. Komm schon, Baby. Die Sekunden vergingen. Nichts. Sie wartete etwas länger. Immer noch nichts.

Wie dumm von ihr! Ungeduldig zog sie ihre Hand weg. Als ob sie schon jetzt etwas merken könnte. Sie war doch erst in der zwölften Woche und das Baby nicht einmal fünf Zentimeter groß! In den Büchern stand, dass es noch bis zu zehn Wochen dauern würde, bis sie die ersten Bewegungen fühlte. Sie nahm sich vor, keine Schwangerschaftsbücher mehr zu lesen. Sie musste aufhören, in diese Fantasiewelt abzudriften. Es hatte überhaupt keinen Sinn, das Baby noch mehr ins Herz zu schließen, denn sie konnte ihm niemals eine Mutter sein.

Auf keinen Fall. Schlimm genug, dass sie das Kleine schon jetzt mehr liebte als ihr eigenes Leben. Sie musste wirklich cooler werden und es in Gedanken nicht mehr „das Baby“ oder „ihn“ oder „sie“ nennen. Sie musste Abstand zu dem ungeborenen Leben in ihrem Bauch finden. Schließlich tat sie das Richtige. Denn wenn man jemanden liebte, wollte man sein Bestes, nicht wahr? Und sie war als Mutter ganz sicher nicht das Beste für dieses Kind. Deswegen saß sie schließlich in diesem Flugzeug und würde sich mit einem Mann treffen, den sie kaum kannte. Sie wollte herausfinden, ob der Vater das Beste für das Baby wäre.

Als sie eine Stunde später von Bord gegangen war und Passkontrolle und Zoll hinter sich gelassen hatte, hätte Kathryn vor lauter Müdigkeit und Unwohlsein am liebsten laut geschrien. Kurz vor dem Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels hatte sich die tägliche Übelkeit zwar weitgehend gelegt, aber ihre große Nervosität schlug ihr auf den Magen. Vor drei Monaten hatte sie ihn zuletzt gesehen. Ja, es war drei Monate her, dass sie sich so unverantwortlich verhalten hatte wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Und sie waren nicht im Guten auseinandergegangen. Nun trug sie sein Baby in sich.

Der Blumenstrauß, den er ihr zur Begrüßung entgegenstreckte, hob ihre Laune keineswegs. Wütend funkelte sie ihn an und stemmte die Hände in die Hüften.

„Ich hatte doch gesagt, dass ich aus rein beruflichen Gründen hier bin.“

Der zarte Duft der Rosen umhüllte sie, sie musste sich zusammenreißen, um nicht in einem Reflex nach dem Strauß zu greifen. In der belebten Ankunftshalle des Leonardo-Da-Vinci-Flughafens drängten sich die Menschen; alle hatten es eilig, ihre Lieben zu begrüßen. Nur er und sie wahrten in diesem Gedränge Distanz. Weder umarmten sie sich, noch brachen sie in Tränen aus.

Conte Benedetto Medici lachte leise in sich hinein und versuchte, angesichts dieser Zurückweisung verletzt auszusehen. Sie war genauso, wie er sie in Erinnerung hatte.

Geradeheraus und ohne Umschweife. Wer sie nicht kannte, würde sie vielleicht sogar als gefühllos bezeichnen. Aber er wusste aus eigener Erfahrung, dass Kathryn Peters entgegen dem äußerlichen Anschein eine ausgesprochen leidenschaftliche Frau war.

Tesoro“, schmeichelte er.

„Nenn mich nicht Schatz“, sagte Kathryn sofort und ignorierte die Hitzewellen, die seine Stimme über ihre Haut jagte. Leider hatten weder die Zeit noch die Entfernung oder die wochenlange Übelkeit sie immun gegenüber seinem Charme gemacht, und auch ihre Reaktion auf den Sex-Appeal seiner sehr tiefen, ausgesprochen männlichen Stimme hatte sich kein bisschen abgeschwächt.

„Aber ich habe sie für dich gekauft – um dich in meinem Land willkommen zu heißen.“

Kathryn rümpfte die Nase, während sein verführerisches Lächeln sie aus dem Gleichgewicht brachte. „Ich bin zum Arbeiten hierhergekommen, Ben. Du musst mir nichts schenken.“

„Sie sind zu schön, um sie wegzuwerfen“, sagte er sanft und hielt ihr die Blumen noch einmal hin. Kathryn nahm den Duft der purpurroten Blüten wahr, und die Versuchung war schier unwiderstehlich. Aber hier ging es ums Prinzip. Blumen waren etwas für Liebende, und genau das waren sie nicht. Ein einziges Mal zählte nicht. Ben, ein reicher und attraktiver Mann – und außerdem ein Adliger –, war es gewöhnt, stets seinen Willen zu bekommen. Aber sie war nicht hier, um die Geliebte eines reichen Mannes zu werden. Das war eher etwas für ihre Mutter.

Sie war gekommen, um Fakten zu sammeln. Nur weil sie selbst nicht in der Lage sein würde, das Baby zu versorgen, würde sie diese Aufgabe noch längst nicht irgendjemandem überlassen. Ben war zwar der Vater, aber sie wusste nur wenig über ihn. Natürlich, was das Geld anging, wäre das Kind bei ihm bestens versorgt. Aber könnte er ihm auch geben, was es sonst noch brauchte?

Die weniger greifbaren Dinge. Seine Liebe. Seine Zeit und Zuwendung. Seine Erfahrungen und Hingabe. Kathryn wusste nur zu gut, wie es war, ohne all dies aufzuwachsen. Und obendrein hatte sie die Erfahrung gemacht, vaterlos aufzuwachsen. Vielleicht wäre alles anders gewesen, wenn sie einen Vater gehabt hätte. Womöglich aber auch nicht. Doch für dieses Kind wollte sie nur das Beste – und abgesehen von einer Mutter war das der Vater, oder? Um dies herauszufinden, war sie hier.

Sie schaute sich in der sich langsam zerstreuenden Menschenmenge um und bemerkte einen jungen Mann, der auf den Fußballen wippte und seinen Blick unruhig und suchend über die Ankommenden gleiten ließ. „Frag ihn, auf wen er wartet“, bat sie.

Ben lachte wieder leise. Aber er tat, worum sie ihn gebeten hatte. Die beiden Männer sprachen kurz miteinander, und Ben übersetzte: „Auf seine Verlobte.“

Kathryn lächelte: „Perfekt. Die Rosen werden ihr gefallen.“ Zielstrebig ging sie in Richtung der Ausgangsschilder und rollte ihren Koffer hinter sich her.

Ben warf Kathryns mittelgroßen Koffer, der aussah, als hätte er schon bessere Zeiten erlebt, in seinen Alfa Romeo. „Mehr Gepäck hast du nicht?“

„Nein. Warum?“

Ben zuckte mit den Schultern. „Die meisten Frauen, die ich kenne, brauchen schon für ihr Make-up einen Koffer dieser Größe.“

Kathryn merkte, dass seine offensichtliche Vertrautheit mit anderen Frauen und deren Gepäckgewohnheiten sie seltsam berührte. „Ich bin aber nicht wie die meisten Frauen.“

Wie wahr. Ben schloss den Kofferraumdeckel und klopfte liebevoll auf das Metall. Als er aufblickte, sah er, wie sie das Auto anstarrte. „Was ist?“, fragte er vorsichtig.

Nun zuckte sie mit den Schultern: „Ich hatte erwartet, dass du einen Ferrari oder einen Lamborghini fährst.“

Er lächelte: „Enttäuscht?“

„Nein, überrascht.“

Natürlich. Von allen Frauen, die er jemals kennengelernt hatte, war Kathryn wirklich die Einzige, die sich von seinem Titel und seinem Status nicht im Geringsten beeindrucken ließ. Ganz im Gegenteil: Sie hatte ihm von Anfang an gezeigt, dass sie seinen Reichtum ablehnte. Sie war ein Arbeiterkind und er in ihren Augen ein Playboy, wofür sie ihn verurteilte. Und es stimmte: Er hatte einmal jede Menge Statussymbole besessen, darunter einen schnittigen roten Ferrari. Aber das war in einem anderen Leben gewesen. Damals, als ein maßloser und verschwenderischer Lebensstil für ihn völlig normal war. Aber seitdem war viel passiert. Deshalb störte es ihn, dass sie seinen Kontostand zu seinem Nachteil auslegte.

„Vielleicht kennst du mich weniger gut, als du denkst“, sagte er und ging auf sie zu, um ihr die Wagentür zu öffnen.

Kathryn hob eine Augenbraue. Während seiner gesamten Zeit bei MedSurg hatte er sich wie ein reicher, verwöhnter Playboy benommen. Nur ein einziges Mal hatte sie ihn anders erlebt, und zwar in der Nacht, in der sie einander geliebt hatten. In der Nacht, in der er vom Tod seines Bruders erfahren hatte. In jenen Stunden hatte sie ihn als verwundbar erlebt und einen Blick auf den Menschen hinter der Fassade werfen können. Alle seine Masken waren durch die entsetzliche Nachricht heruntergerissen worden, und er war nackt gewesen, vollkommen unverstellt. Der Playboy war verschwunden und an seine Stelle ein Mann getreten. Ohne Zögern hatte sie sich ihm hingegeben. Und dieser Ben war es, den sie als Vater ihres Kindes brauchte.

„Vielleicht nicht“, gab sie zu.

Ben fühlte ihren warmen Atem an seiner Wange und wunderte sich über ihr Zugeständnis. Das war nicht die Kathryn, an die er sich erinnerte. Die respektlose Kathryn, die es ihm unentwegt schwer machte und niemals nachgab. Einmal hatte er sie so erlebt, und zwar in der Nacht, in der sie ihm Trost und Ermutigung schenkte.

Sie standen jetzt sehr dicht beieinander, und er wurde von Bildern jener Nacht überwältigt. Er roch ihren vertrauten Zimtduft, genau wie der Duft in seiner Erinnerung. Er spürte das plötzliche Verlangen, auszuprobieren, ob sie noch so schmeckte wie damals. Im weiten Ausschnitt ihrer Bluse konnte er ihre helle Haut sehen. Plötzlich wollte er nichts lieber, als sich zu ihr hinüberzulehnen und sie zu liebkosen.

Kathryn blickte in seine verträumten Augen und konnte sehen, wie darin die Leidenschaft erwachte. Sie konnte seine Gedanken genau lesen. Sie dachte ja selbst daran, spürte ihr eigenes Zittern und hörte, wie zuerst ihr Atem und dann seiner schneller ging.

Hinter ihnen hupte jemand, und das Echo hallte zwischen den Betonmauern des Parkplatzes wider, sodass beide erstarrten. Kathryns Herz klopfte heftig, während sie sich langsam aus seiner gefährlichen Nähe zurückzog. Sie war schließlich nicht hierhergekommen, um dort weiterzumachen, wo sie das letzte Mal aufgehört hatten! Sie wusste noch, wie beiläufig er sich am Morgen nach ihrer gemeinsamen Nacht verhalten und wie sehr sein wie zufällig hervorgebrachtes Jobangebot sie verwirrt hatte. Sie hatte sich gefühlt, als hätte er ihr Geld auf den Nachttisch gelegt, und war fest entschlossen gewesen, so zu tun, als ob ihr das alles nichts ausmachte.

„Wie lange werden wir bis Ravello brauchen?“, fragte sie und ließ sich mit zittrigen Knien auf den Beifahrersitz gleiten.

„Heute Nacht bleiben wir in Positano“, sagte er, als er ins Auto stieg. „In der Villa meiner Mutter.“ Er schnallte sich an und bemerkte, wie ihr ohnehin schon sehr angespannter Körper, der die Berührung mit den Ledersitzen krampfhaft zu meiden schien, sich noch mehr versteifte.

„Das war nicht Teil der Abmachung.“

„Meine Mutter möchte dich in Italien willkommen heißen. Sie bereitet dir zu Ehren ein Abendessen vor. Entspann dich also“, neckte er sie und legte ihr eine Hand aufs Knie.

Kathryn sah ihn wütend an, nahm seine Hand und legte sie zurück auf den Schaltknüppel. „Das ist nicht nötig.“

„Meine Mutter besteht darauf.“ Er zuckte mit den Schultern. „Sie wäre sehr enttäuscht, wenn wir nicht vorbeikommen. Morgen früh fahren wir nach Ravello. Wenn nicht zu viel Verkehr ist, brauchen wir nur eine halbe Stunde.“

Sie presste ihre Lippen fest zusammen, und ihm war klar, dass sie am liebsten etwas entgegnet hätte. Dieses Glitzern in ihren Augen hatte er schon früher gesehen und anschließend einen ätzenden Kommentar zu hören bekommen. Aber er merkte auch, dass sie seine Mutter nicht beleidigen wollte.

„Deine Mutter weiß, dass wir lediglich Kollegen sind, oder? Ich gehe davon aus, dass wir in getrennten Zimmern schlafen.“

Ben konnte sein Lachen nicht zurückhalten. Seine Mutter war eine altmodische Frau und hatte ihre Kinder nach traditionellen Wertvorstellungen erzogen. Für sie war Sex vor der Ehe eine Sünde. „In dieser Hinsicht brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“

„Gut.“ Kathryn wandte sich zum Seitenfenster und schaute hinaus.

Ben konzentrierte sich aufs Fahren und steuerte den Alfa sicher aus Rom heraus. Er hatte viele Jahre in der Hauptstadt verbracht und kannte sich hier bestens aus. Die Familie Medici besaß Häuser in Rom und Florenz, und er hatte seine Kindheit und Jugend an beiden Orten verlebt. Er nahm die autostrada Richtung Neapel. Seine Familie pflegte den Winter schon immer an der Amalfiküste zu verbringen, da seine Mutter das mildere Klima Süditaliens bevorzugte. Jetzt war die Villa in Positano bereits seit fünf Jahren ihr Hauptwohnsitz. Viele Jahre war dies sein liebster Ort in ganz Italien gewesen, aber dann war dort zu viel passiert, und als er vor zehn Jahren wegging, hatte er sich geschworen, niemals zurückzukehren. Aber die Lucia-Klinik und seine Pflicht hatten ihn genötigt, diesen Schwur zu brechen.

Er sah Kathryn von der Seite an. Sie schien ganz in die Betrachtung der Landschaft versunken, und er nutzte diese Gelegenheit, sie genauer anzuschauen. Sie trug eine tief auf den Hüften sitzende Jeans. Diese war eher bequem als eng geschnitten, was ihre schmalen Hüften noch betonte. Ihre weiße kurzärmelige Bluse sah angenehm kühl aus, die obersten Knöpfe waren geöffnet und gaben den Blick auf eine Andeutung von Dekolleté frei.

Seltsam – er hatte sie ein Jahr lang fast jeden Tag getroffen und dennoch selten in Freizeitkleidung gesehen. Wenn er an sie dachte, was ein bisschen zu häufig vorkam, dann sah er sie so vor sich wie in jener letzten Nacht. Herrlich nackt und mit schweißglänzendem Körper, ihre blauen Augen vor Leidenschaft weit geöffnet.

Es fiel ihm schwer, aus dieser Fantasie in die Realität zurückzukehren. Auch wenn sie jetzt dicht neben ihm war, konnte er kaum glauben, dass sie wirklich neben ihm saß. Es wäre untertrieben, zu behaupten, dass ihr Anruf vor ein paar Wochen ihn überrascht hatte. Sein Verhalten nach dieser unglaublichen Nacht und ihr darauffolgender Abschied waren keine Glanzleistung gewesen.

Steht dein Jobangebot noch?“, hatte sie am Telefon gefragt.

Er war so froh gewesen, ihre Stimme zu hören, so erleichtert, dass sie nach seinem unsensiblen Verhalten noch mit ihm sprach, dass er ganz vergessen hatte, wie trotzig sie sein konnte.

„Natürlich“, hatte er erwidert. Er hatte sie wirklich vermisst. Ihre Direktheit hatte ihm gefehlt. Ihre süße Stimme und ihre Reserviertheit. Sie war die einzige Frau, die ihn durch bloße Gleichgültigkeit erregen konnte.

Wie es ihre Art war, hatte sie nichts Genaueres über ihre Gründe verraten. Sie hatte nicht erklärt, warum sie jetzt genau das tun wollte, was sie noch vor Kurzem als unmöglich bezeichnet hatte.

Da würde ich lieber abgestandenen Tee trinken“, hatte sie an jenem letzten Morgen gesagt.

Anstelle von Erklärungen, die er sich gewünscht hätte, hatte sie am Telefon lediglich ausgeführt, was es bedeutete, wenn sie nach Italien kam – und was nicht.

„Nur zum Arbeiten! Wir werden nicht dort weitermachen, wo wir aufgehört haben.“

Warum hatte sie ihre Meinung geändert? Er musste zugeben, dass er ziemlich neugierig war. Vielleicht brauchte sie aus irgendeinem Grund Geld? Das Personal der Lucia-Klinik wurde sehr gut bezahlt. Bei MedSurg dagegen, der Wohltätigkeitsorganisation, bei der sie beide angestellt gewesen waren, verdiente man wenig. Aber es tat unglaublich gut, dort zu arbeiten. Und niemand war dabei, um reich zu werden. Bei MedSurg ging es um höhere Werte. Und Kathryn hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass sie dort bleiben wollte.

„Für immer“, hatte sie an dem schrecklichen Morgen gesagt.

Also war irgendetwas passiert, was sie ihre Meinung hatte ändern lassen.

Sie wolle sich beruflich verändern, hatte sie hinzugefügt. Aber er wusste, dass sie log. Wie hatte sie sich noch ausgedrückt, als sie begriff, dass seiner Familie die weltbekannte Lucia-Klinik gehörte? „Ein Ort für reiche und eitle Menschen, die sich verzweifelt an ihre Jugend klammern.“ Oder so ähnlich.

Er lächelte in sich hinein. Ob sie es ihm wohl sagen würde, wenn er sie fragte?

„Solltest du nicht auf die Straße achten?“, fragte Kathryn, die sich vom Fenster abgewandt hatte und ihn missbilligend musterte.

Hm. Vielleicht frage ich besser nicht.

Auch als sie die dichten Häuserzeilen Roms hinter sich gelassen hatten und nur noch die wunderschöne italienische Landschaft vorüberglitt, konnte Kathryn seine Blicke nicht länger ignorieren. Von dem Moment an, als sie ihn am Flughafen entdeckt hatte, als er halb verborgen hinter dem riesigen Blumenstrauß stand, war sie sich seiner Anwesenheit sehr bewusst. Sie hatte gehofft, dass die Zeit ihrer Trennung seine Attraktivität schmälern würde, aber eher das Gegenteil schien der Fall.

Es liegt an seiner Kleidung, entschied sie. In der OP-Kleidung sah er zwar großartig aus, aber als italienischer Adliger war er absolut umwerfend. Alles, was er trug, signalisierte Reichtum. Der Schnitt seiner Hosen. Die Art, wie der teure Stoff seines Hemdes seine breiten Schultern bedeckte, sich an seine Brust schmiegte und seinen Körper betonte. Das geschmeidige Leder seiner edlen Schuhe.

Wer auch immer gesagt hatte, dass Kleider Leute machten, hatte recht. Solange sie ihn nur in OP-Kleidung sah, hatte sie so tun können, als sei er lediglich Ben. Der hinreißende, flirtende, beharrliche und nervende Ben. Ben, der Chirurg. Ihn zu ignorieren war trotz seiner beeindruckenden Größe von über ein Meter achtzig nicht sonderlich schwer gewesen. Aber in seiner exklusiven Freizeitkleidung sah er … königlich aus. Aristokratisch. Wie Conte Benedetto Medici. Sündhaft reich. Ein aufstrebender plastischer Chirurg. Und … der Vater ihres Kindes.

Kathryn wusste, es würde ihr nicht leichtfallen, diesen Ben nicht ernst zu nehmen. Etwas, was sie sich ohnehin nicht erlauben konnte, weil sie ihn besser kennenlernen wollte. Sie musste hinter seine Maske schauen, sehen, was sich hinter den Äußerlichkeiten verbarg. Es ging darum, den Mann zu finden, mit dem sie vor drei Monaten eine Liebesnacht verbracht hatte – falls dieser tatsächlich existierte und nicht eine kurzlebige Erscheinung war, geboren aus ungewöhnlichen Umständen.

Ein Auto schwenkte kurz vor ihnen auf ihre Spur ein und raste dann in Schlangenlinien weiter, wobei sein Fahrer die Fahrbahnmarkierungen der autostrada komplett ignorierte. Kathryn fluchte und krallte sich am Armaturenbrett fest. Ihr Puls raste angesichts der Vorstellung, dass sie einem Unfall nur mit knapper Not entkommen waren. „Idiot!“, rief sie dem Wagen nach und drehte sich zu Ben um: „Hast du das gesehen?“

Er lachte: „Wenn du alle anschreien willst, die so fahren, bist du heute Abend heiser. Wir Italiener fahren nun mal so, wie wir leben. Leidenschaftlich.“

„Verdammt gefährlich“, murrte Kathryn und versuchte, jeden Gedanken an ihre persönliche Erfahrung mit Bens italienischer Leidenschaftlichkeit zu vermeiden.

Er hatte natürlich recht, und Kathryn verbrachte die nächsten zwei Stunden an ihren Sitz geklammert, während sein Alfa einen Kilometer nach dem anderen schluckte. Mit einem Blick auf den Tacho, der über 140 Stundenkilometer anzeigte, fragte sie: „Musst du so rasen?“

Er lächelte sie an: „Ich fahre doch nicht schnell.“ Wie um ihn zu bestätigen, zogen drei Autos an ihnen vorbei und ließen den Alfa in einer Wolke von Abgasen hinter sich zurück.

„Verrückt.“ Sie schüttelte den Kopf.

„Das ist noch gar nichts.“ Er zwinkerte ihr zu. „Warte ab, bis wir die Küstenstraße erreichen.“

Kathryn hätte nie gedacht, dass die Fahrt noch Furcht einflößender werden könnte, aber sie irrte sich. Auf der Küstenstraße ging es genauso zu, wie Ben angedeutet hatte. Eine einzige adrenalingetränkte Achterbahnfahrt.

Die Landschaft sah an diesem sonnigen Herbstnachmittag atemberaubend aus: Auf der einen Seite ragten schroffe Felsen weit in die Höhe, auf der anderen leuchtete das Mittelmeer in strahlendem Blau. Allerdings konnte sie diese Pracht nur schlecht bewundern, da sie sich die Hände vor die Augen hielt.

Wegen überhöhter Geschwindigkeit musste sie sich hier zwar keine Sorgen mehr machen, denn die Automassen ließen niemanden schneller als 40 Stundenkilometer fahren, aber dafür benahmen sich alle vollkommen verrückt. Auf den schmalen, kurvigen Straßen, die sich eng an die Felswand schmiegten und diese gelegentlich mit einem Tunnel durchschnitten, kämpften Autos und Vespas, Laster und Touristenbusse um Platz. Dazu kamen die Fahrzeuge, die völlig unmöglich am Straßenrand abgestellt waren – manchmal parkten sogar auf beiden Seiten welche. Sie standen überall dort, wo sich auch nur die kleinste Parkmöglichkeit ergab, sodass es auf der ohnehin schon schmalen Straße noch beengter zuging. Kathryn hielt sich die Augen zu, während Ben den Wagen durch dieses Chaos steuerte.

„Wenn sonntags die Sonne so scheint wie heute, fährt man in Italien an den Strand“, meinte er und schaltete souverän einen Gang höher.

Sie bewunderte seine Gelassenheit. Ganze Schwärme von Vespas scherten vor ihnen ein und aus, Autos überholten direkt vor scharfen Kurven, und die Luft war erfüllt von wildem Gehupe. Außerdem hielten manche Fahrer einfach mitten auf der Straße an, wenn sie unter den Fußgängern einen Bekannten entdeckten.

Ein solches Chaos hatte sie noch nie erlebt. Sie fuhren durch enge Gassen und mussten immer wieder bremsen, wenn streunende Hunde ihren Weg kreuzten oder Dorfbewohner sich zu einem Schwatz auf der Straße zusammengefunden hatten. Sie kamen an unzähligen Restaurants und Hotels vorbei, die alle mit wunderschönen Bougainvilleen in leuchtenden Farben geschmückt waren. Straßenverkäufer boten auf kleinen Lieferwagen Früchte an; auf einem befand sich ein Metallständer, von dem massenweise rote Chilischoten in üppigen Bündeln herunterhingen.

„Ben!“ Kathryn schrie auf, als ihnen auf ihrer Seite der Fahrbahn ein Bus entgegenkam. Sie umklammerte seinen Oberschenkel und schloss instinktiv die Augen.

Ben lachte und wich dem anderen Fahrzeug aus. „Alles in Ordnung, du kannst die Augen wieder aufmachen“, neckte er sie.

„Oh Gott, wie weit ist es noch?“, fragte sie und hielt sich weiterhin an seinem Bein fest, dessen kräftige Muskeln sich seltsam beruhigend anfühlten. Für ein paar Kilometer hatten sie eine ganze Stunde gebraucht!

„Es ist nicht mehr weit.“ Er grinste sie an.

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