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Ein himmlisches Gefühl

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1. KAPITEL

„Warum sollte Bella denn etwas dagegen haben, deine Brautjungfer zu werden?“

„Na ja, sie ist doch erst seit zwei Monaten in New York, Lynda.“ Nervös schob Alison einen Stoß Hochzeitseinladungen auf dem Tisch hin und her und wich dem Blick ihrer Stiefmutter aus. „Ich kann mir denken, dass sie sich richtig einleben möchte, bevor sie wieder nach London kommt – auch wenn es nur für einen Besuch ist.“

„Aus dem Grund ist sie zu Weihnachten nicht hier gewesen. Aber jetzt geht es um deine Hochzeit. Das ist doch etwas ganz anderes! Außerdem hat Bella sich schon als kleines Mädchen darauf gefreut, deine Brautjungfer zu werden.“

„Stimmt. Und Blumen im Haar stehen ihr ausgezeichnet.“ Alison betrachtete lächelnd das Foto ihrer Stiefschwester auf dem Bücherregal.

Bella sah bezaubernd aus. Sie hatte goldblondes Haar, das duftig ihr zartes Gesicht umrahmte, und ausdrucksvolle blaue Augen. Obwohl sie ungewohnt ernst in die Kamera geblickt hatte, merkte man ihr an, dass sie vor Lebensfreude sprühte.

„Sie hat sich schon immer gern herausgeputzt“, meinte Lynda nachsichtig.

„Bei einer Mitarbeiterin des Elegance Magazine nennt man das nicht Herausputzen, sondern Modebewusstsein“, verbesserte Alison sie humorvoll.

„Ja, Bella hat endlich den idealen Job gefunden. Nur schade, dass sie dazu nach New York musste.“

Alison hatte seit Längerem das unbestimmte Gefühl, Bella habe sich nur deshalb um die Stelle beworben, weil sie von London wegwollte. Da es jedoch nur eine Vermutung war, sagte sie lieber nichts. Bella hatte ihr Monate zuvor anvertraut, unglücklich verliebt zu sein, aber nicht verraten, in wen.

Kurz nachdem Alison sich mit Konstantin Milo verlobt hatte, war Bella abgereist. Ob da ein Zusammenhang bestand?

Nein, vermutlich sehe ich Gespenster, sagte Alison sich. Mit Gefühlen kannte sie sich nicht aus, sie galt als die Intellektuelle in der Familie. Gefühle waren Bellas Ressort. Spontane Entscheidungen ebenfalls.

„Alison, verschweigst du mir etwas?“, fragte Lynda plötzlich besorgt. „Hat Bella Probleme?“

Wieder betrachtete Alison das Foto auf dem Bücherregal. Bella war hinreißend attraktiv, lebenslustig und vierundzwanzig Jahre alt. Sie hatte einen Job, von dem andere nur träumten. Sie lebte in einer der faszinierendsten Städte der Welt, und wenn ihr ein Mann gefiel, brauchte sie nur mit den Fingern zu schnippen. Welche Probleme sollte sie haben?

„Nein, Lynda, es geht ihr bestens“, antwortete Alison schließlich überzeugt.

„Ich weiß, dass sie dir alles anvertrauen würde – aber du würdest es mir nicht weitersagen, stimmt’s?“

„Wenn ich das Gefühl hätte, dass sie ein echtes Problem hat, dann schon“, versicherte sie ihrer Stiefmutter. „Den Eindruck habe ich allerdings nicht. Ehrlich! Ich bin nur wegen der Hochzeit schon ganz nervös und male mir alle möglichen Komplikationen aus. Du weißt doch, wie sehr ich unter Lampenfieber leide.“

„Ja, und nur Bella kann dich davon kurieren.“

„Ihre Methode hat jedenfalls bisher immer funktioniert“, stimmte Alison zu. „Wenn ich vor Nervosität wie gelähmt war, stellte sie etwas Dummes an, und ich musste ihr aus der Patsche helfen. Dann konnte ich nicht länger an mein Lampenfieber denken, und wenn ich an der Reihe war, klappte alles hervorragend. Sobald sie nicht bei mir war, stand ich nur da wie eine Salzsäule und brachte kein Wort heraus.“

Lynda lachte. „Das darf dir am Altar nicht passieren. Sieh also zu, dass du meine Tochter für das große Ereignis nach London zurückholst. Du brauchst sie.“

„Du hast recht. Am besten rufe ich sie sofort an.“

Das Redaktionsbüro des Elegance Magazine war groß, hell und äußerst modern eingerichtet. Es gab weder Trennwände noch Schreibtische. Die Journalisten stellten ihre Laptops auf kleine nierenförmige Tische und saßen auf Stühlen aus Drahtgeflecht. Alle Möbel standen auf Rollen, damit sie jederzeit ohne Aufwand neu gruppiert werden konnten.

„Die Einrichtung signalisiert Dynamik und Flexibilität“, hatte die Chefredakteurin Rita Laruso an Bellas erstem Arbeitstag erklärt.

Das war im November gewesen. Anlässlich der Weihnachtsparty hatte Bella ein „Bürostuhlrennen“ organisiert und als ersten Preis einen Clubbing-Abend gestiftet – unter ihrer Führung natürlich. Sie kannte bereits die besten Klubs und die richtigen Leute. Und sie tanzte für ihr Leben gern.

Im Februar hatte sie sich in ihren neuen Job schon gut eingearbeitet, fand das Büro aber noch immer scheußlich.

Bella telefonierte mit einem Modeschöpfer in Los Angeles und machte sich, so gut es ging, Notizen, als sie bemerkte, dass ihre Kollegin Sally ihr zuwinkte.

„Bella, deine Schwester ist am Telefon.“

„Okay!“ Sie beendete das Gespräch mit dem Couturier, der ziemlich beleidigt zu sein schien, und ging zu Sally.

„Du kannst in Larusos Büro telefonieren“, meinte diese. „Sie ist unterwegs, um einen Millionär zu interviewen, und kommt heute nicht mehr.“

„Prima!“

Rita Laruso hatte ein eigenes Büro, in dem der einzig bequeme Sessel der gesamten Redaktion stand. Alle benutzten dieses Büro zum Telefonieren, wenn sich die Gelegenheit bot.

Bella setzte sich an den Schreibtisch, gleich darauf klingelte das Telefon.

„Hallo, Alison! Wie geht’s?“

„Mir geht es gut. Und dir?“

„Bestens! Meine Chefin schätzt den ironischen Ton meiner Texte. Typisch britischer Humor, findet sie. Wenn ich brav bin, besser gesagt, wenn ich witzig und boshaft bin, darf ich demnächst vielleicht über einen ihrer Millionäre schreiben.“

„Gratuliere!“ Alison klang beeindruckt. „Witzig warst du schon immer, aber doch nicht boshaft!“

„Ich arbeite daran. Jetzt erzähl mir von dir. Was machen die Hochzeitsvorbereitungen?“

„Probleme! Ich wollte eine Hochzeit im kleinen Rahmen, aber Lynda hält nichts davon.“

„Hab ich dir nicht gleich gesagt, dass Mom den Begriff ‚im kleinen Rahmen‘ nicht kennt?“

„Ich bin viel zu groß für einen Schleier und Rüschen“, jammerte Alison. „Aber hört sie auf mich? Nein!“

„Sie glaubt nun mal, dass du dir insgeheim eine Hochzeit mit allem Drum und Dran wünschst. Nicht einmal ein ärztliches Attest könnte sie vom Gegenteil überzeugen.“

„Stimmt genau. Und nun zum nächsten Problem.“

Bitte frag mich nicht, ob ich deine Brautjungfer werden möchte, flehte Bella im Stillen. „Und das wäre?“

„Ich brauche dringend Hilfe.“

„Mich darfst du nicht fragen“, wehrte Bella ab und versuchte verzweifelt, einen Scherz daraus zu machen. „Ich habe noch nie eine Hochzeit organisiert. Wenn du Mom nicht vertraust, versuch es mal mit Konstantins mondänen Bekannten. Bestimmt ist eine Hochzeitsplanerin darunter.“

„Das kann schon sein.“ Es klang gleichmütig.

Sie weiß, dass Konstantin sie über alles liebt, und merkt gar nicht, wie viele Frauen ihm noch immer schöne Augen machen, dachte Bella wehmütig.

„Ich brauche allerdings keinen technischen Rat“, fügte Alison hinzu. „Ich brauche meine Schwester!“

Bella war plötzlich die Kehle wie zugeschnürt.

„Bella! Hallo? Bist du noch am Apparat?“

Sie räusperte sich. „Ja. Vermutlich war eine Störung in der Leitung.“

„Und? Kommst du zu meiner Hochzeit?“

„Alison, weißt du, wie viele Hebel ich in Bewegung setzen musste, um den Job hier zu ergattern? Eine Arbeitserlaubnis für die USA zu bekommen, ist schwieriger, als Gold zu finden. Wenn ich nach England fahre, lassen mich die amerikanischen Behörden womöglich nicht mehr einreisen“, erklärte Bella aus dem Stegreif. „Jedenfalls darf ich bestimmt nicht mehr arbeiten. Und es ist doch der erste richtige Job, den ich habe! Womöglich mache ich als Journalistin sogar Karriere. Die möchte ich nicht aufs Spiel setzen.“

Plötzlich merkte sie, dass ihr Tränen über die Wangen liefen. Wann hatte sie denn zu weinen angefangen?

„Na ja, wenn du wirklich nicht kannst, muss ich auf dich verzichten.“ Alison klang traurig.

Verflixt, jetzt habe ich sie verletzt, dachte Bella reuig. Aber immer noch besser, als auf der Hochzeit heiße Tränen wegen des Bräutigams zu vergießen.

„Tut mir leid, Alison, ich muss jetzt Schluss machen, weil ich noch unbedingt jemand anrufen soll. Halt mich über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden, okay?“ Bella fand, dass sie schrecklich gefühllos klang.

„Okay, Bella. Ich ruf mal wieder an. Machs gut.“

Es war scheußlich, Alison zu enttäuschen! Sie war immer so lieb zu mir, dachte Bella und putzte sich die Nase.

Eine richtige Schwester hätte sich nicht rührender um sie kümmern können. Alison hatte ihr vorgelesen, mit ihr gespielt und ihr das Segeln beigebracht. Alison hatte sie nie für oberflächlich und albern gehalten, wie es so viele andere taten.

Wieso hatten sie beide sich ausgerechnet in denselben Mann verlieben müssen?

Sie hatte Konstantin zuerst kennengelernt, und bei ihm war es Liebe auf den ersten Blick gewesen – als er Alison begegnet war! Ja, sie war eine Frau, in die ein Mann sich verliebte.

Ich bin nur das Mädchen, das zu Partys eingeladen wird, dachte Bella bekümmert. Auch Partygirls konnten sich verlieben, doch sie durften sich nicht wundern, wenn niemand ihre Gefühle ernst nahm. Dann mussten sie eben ihren Liebeskummer so schnell wie möglich überwinden.

Eigentlich war sie auf dem besten Weg dazu. Manchmal dachte sie tatsächlich eine ganze Stunde lang nicht an Konstantin. Irgendwann würde ihr gebrochenes Herz wieder heilen, aber noch war es nicht so weit.

Dabei zu sein, wenn Alison und Konstantin den Bund fürs Leben schlossen, würde sie nicht ertragen.

„Zum Kuckuck mit der Liebe!“, rief Bella wütend. „Wer braucht die schon?“

„Alison, Sie müssen mit mir nach New York kommen“, verkündete Gilbert de la Court unvermittelt.

Überrascht blickte sie von den Unterlagen auf. „Wieso?“

„Ich brauche Sie als Tarnung.“

Das machte sie argwöhnisch. Sie arbeitete seit einigen Monaten für ihn und kannte seine Firma mittlerweile in- und auswendig, über sein Privatleben wusste sie jedoch so gut wie nichts.

Er war dreiunddreißig Jahre alt und nicht verheiratet. Und er war ausgesprochen attraktiv, aber sehr zurückhaltend. Die Alltagswelt schien er nicht richtig wahrzunehmen, denn er ging ganz in seiner Arbeit auf. Manche Frauen empfanden das als Herausforderung und versuchten beharrlich, ihn zu erobern.

Möglicherweise hatte er mehrere Freundinnen, denen er sich widmete, wenn er ausnahmsweise nicht am Computer saß.

Jedenfalls wollte Alison nicht in seine privaten Fehden verwickelt werden.

„Ich bin Unternehmensberaterin“, sagte sie kühl. „Für sonstige Dienstleistungen müssen Sie sich an jemand anderen wenden.“

„Jemand versucht, die Firma zu übernehmen“, erklärte Gilbert ausdruckslos.

Zuerst dachte sie, sie hätte sich verhört. „Wissen Sie, wer dahintersteckt?“, erkundigte sie sich bestürzt. „Jedenfalls muss jemand in der Firma damit zu tun haben. Einer der Partner. Aber … die sind doch alle seit Jahren mit Ihnen befreundet!“

„Richtig.“ Noch immer klang seine Stimme völlig sachlich. „Wahrscheinlich kann ich das Schlimmste verhindern. Dazu müsste ich allerdings nach New York fliegen und dort einiges regeln, ohne dass der Insider Verdacht schöpft. Bei der Analyse der Firma müssen Sie doch auch die Verbindungen nach Amerika berücksichtigen, stimmt’s? Wenn wir behaupten, Sie würden das noch vor Ihrer Hochzeit erledigen wollen, hätte ich einen guten Vorwand, um jetzt schon nach New York zu fliegen anstatt wie üblich erst im April.“

„Ach so, das meinten Sie mit Tarnung, Gilbert!“

„Genau. Kommen Sie nun mit nach New York?“

Alison überlegte. Einerseits hatte sie bis zur Trauung in England bleiben wollen, weil noch so viel zu erledigen war, andererseits würde sie sich in New York mit Bella treffen können. Und dann konnte sie sie bestimmt überreden, zur Hochzeit zu kommen.

„Einverstanden, ich begleite Sie“, sagte sie kurz entschlossen. „Wann soll es losgehen?“

„Heute Abend.“

Alison schluckte trocken.

„Die Sekretärin hat Ihnen schon ein Ticket beschafft“, beruhigte er sie. „Sie brauchen nur Ihren Pass und die Zahnbürste.“

„Und meinen Aktenkoffer, wenn ich als Tarnung etwas nützen soll“, fügte sie spöttisch hinzu. „Okay, dann mache ich mich besser sofort auf den Weg.“

Nachdem sie die Unterlagen geordnet hatte, ging sie ins Vorzimmer.

„Ellen, haben Sie mir tatsächlich schon einen Flug nach New York gebucht?“

Die Sekretärin lächelte. „Und ein Auto bestellt, das Sie nach London und dann zum Flughafen bringt. Außerdem habe ich Ihnen Dollar besorgt und ein Hotelzimmer reservieren lassen. Mein Boss ist ein weitblickender Mann.“

„Um nicht zu sagen: selbstherrlich“, meinte Alison pikiert. Anscheinend war Gilbert sich völlig sicher gewesen, dass sie ihn begleiten würde.

„Ja, er ist einfach faszinierend! Groß, dunkelhaarig und attraktiv.“ Ellen seufzte. „Schade, dass er nur an Computer und Software denkt. Er ist nicht mal zur Weihnachtsparty gekommen.“

„Wirklich schade“, stimmte Alison geistesabwesend zu. „So, jetzt muss ich los. Ich habe noch einiges in London zu erledigen.“

Am folgenden Mittag fuhr Alison als Erstes zur Redaktion von Elegance Magazine, obwohl sie von der Reise nach New York ziemlich erschöpft war.

Die Rezeptionistin meldete sie übers Haustelefon an.

„Alison, du bist wirklich hier?“, fragte Bella ungläubig. „Und stehst unten im Foyer?“

„In voller Lebensgröße! Allerdings habe ich in zwei Stunden eine wichtige Besprechung. Können wir beide vorher zusammen eine Kleinigkeit essen?“

„Natürlich. Ich hole nur meinen Mantel und bin sofort unten.“

Kurz darauf eilte Bella auf sie zu und umarmte sie herzlich. „Was für eine herrliche Überraschung! Möchtest du italienisch essen? Mein Lieblingslokal ist ganz in der Nähe.“

Sie hakte Alison unter und eilte mit ihr die verschneiten Straßen entlang.

„Warum hast du nicht gesagt, dass du nach New York kommst?“, erkundigte Bella sich, sobald sie im Restaurant am Tisch saßen.

„Weil ich es bis gestern nicht wusste. Ich arbeite zurzeit für einen dieser schnell entschlossenen Männer. Er hat mich mit der Reise sozusagen überfallen.“

„Dass du dir das gefallen lässt, ist neu.“

„Du kennst Gilbert nicht! Er verleiht dem Wort ‚Zielbewusstsein‘ eine ganz neue Dimension.“

„Das klingt, als wäre er ein Nervtöter.“

„Oh nein, das ist er nicht. Er ist anspruchsvoll, anregend und geht ganz in seinem Beruf auf. Es macht Spaß, für ihn zu arbeiten.“

„Und was macht er beruflich?“, wollte Bella wissen.

„Er hat mit Computern zu tun“, antwortete Alison ausweichend. Als Unternehmensberaterin war sie zu Diskretion verpflichtet.

„Oje! Einer von diesen ‚mickrigen Intelligenzlern‘, wie man hier sagt?“

„Mickrig? Das finden seine Angestellten nicht“, erwiderte Alison und dachte lächelnd daran, wie schwärmerisch sich Gilberts Sekretärin über ihn geäußert hatte.

Bella interessierte sich nicht weiter für ihn. Nachdem sie das Essen bestellt hatten, musterte sie Alison anerkennend.

„Du siehst richtig gut aus!“

„Das habe ich nur Konstantin zu verdanken“, wehrte Alison bescheiden ab. „Er ist jetzt mein Modeberater.“

„Er kümmert sich offensichtlich gut um dich“, meinte Bella beifällig. Den Liebeskummer konnte sie leichter ertragen, wenn sie sich vor Augen hielt, wie glücklich Konstantin ihre Stiefschwester machte.

„Ja, das tut er. Und wie geht es dir? Du wirkst geradezu mondän.“

Aber dass ich sichtlich dünner geworden bin und im Gesicht beinah ein bisschen spitz, erwähnt sie netterweise nicht, dachte Bella.

„Ich passe mich allmählich an“, erwiderte sie unverbindlich. „Es ist manchmal ziemlich stressig.“

Da in diesem Moment der Kellner mit dem Essen kam, brauchte sie zum Glück nicht näher auf das Thema einzugehen.

„Und wie ist deine Chefin?“, erkundigte Alison sich, als sie wieder ungestört reden konnten.

„Beeindruckt.“ Bella lächelte schalkhaft. „Was angeblich nicht oft vorkommt.“

„Demnach schreibst du schon wie ein Profi?“

„Nein, mit mir hat es nichts zu tun, sondern mit dir, Alison.“

„Das musst du mir näher erklären.“

„Rita Laruso mag keine Volontäre und Ausländer noch weniger, und das Ausland beginnt für sie an den Stadtgrenzen von New York. Sie war nicht begeistert, mich im Team zu haben, bis sie deinen Namen im Wall Street Journal entdeckte. Ab da konnte ich mich sozusagen im Abglanz deines Ruhmes sonnen.“ Bella lachte leise, weil Alison völlig erstaunt aussah. „Meine Chefin mag Erfolgsmenschen. Du bist inzwischen so erfolgreich, dass man es sogar an der Wall Street registriert hat. Wenn du so weitermachst, kommst du für unsere Kolumne ‚Millionär des Monats‘ infrage. Soll ich dich schon mal vormerken lassen?“

„Das wäre nett.“

Bella lachte hellauf. „Es war natürlich ein Scherz. So viel Einfluss habe ich nicht. Noch nicht! Laruso hat mich allerdings beauftragt, für die nächste Ausgabe einen Artikel mit dem Titel ‚Neu in New York‘ zu schreiben. Ich schick dir dann ein Exemplar.“

„Nein, ich kaufe mir eins.“

„Sehr großzügig, aber so weit brauchst du nicht zu gehen. Ich weiß doch, dass du nur Finanzmagazine liest, Alison.“

„Inzwischen lese ich auch anderes. Konstantin kümmert sich nicht nur um meine Garderobe, sondern auch um meine Allgemeinbildung.“

Bella fuhr zusammen. Es tat weh, wenn sein Name so unvermittelt im Gespräch auftauchte. Glücklicherweise hatte Alison nichts gemerkt.

„Ich rechne fest damit, dass du mir dann Fanpost schickst“, scherzte Bella nach einer kurzen Pause und gratulierte sich, weil es nicht gezwungen klang.

„Worauf du dich verlassen kannst.“ Befangen schob Alison die Nudeln auf dem Teller hin und her. „Hör mal, ich weiß, wie wichtig dir der Job ist und dass du gesagt hast, du könntest unmöglich zu meiner Hochzeit kommen, aber …“

Jetzt ist es so weit, dachte Bella und wappnete sich gegen die Bitte, die nun unweigerlich folgen würde.

„Ich weiß nicht, wie es passiert ist, aber die Feier nimmt allmählich ungeahnte Dimensionen an“, erklärte Alison bedrückt. „Ständig treffe ich Leute, die sich für die Einladung bedanken, dabei haben weder Konstantin noch ich sie eingeladen! Außerdem bekomme ich Geschenke von Bekannten, die ich seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen habe.“ Plötzlich klang sie beinah hysterisch. „Lynda behauptet, alles im Griff zu haben, was ich ihr auch glaube, aber sie hört nicht auf mich und setzt sich über meine Wünsche einfach hinweg. Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll.“ Beschwörend sah sie Bella an. „Als ich am Telefon gesagt habe, dass ich dich brauche, war das kein Scherz.“

Bestürzt überlegte Bella, was sie erwidern sollte. Plötzlich erinnerte sie sich überdeutlich daran, wie sie als Kind zu hoch auf einen Apfelbaum gestiegen war und sich nicht mehr zurückgetraut hatte. Alison, die nicht schwindelfrei war, war zu ihr geklettert, hatte sie beruhigt und ihr nach unten geholfen. Danach hatte Alison sich übergeben, weil die ausgestandene Angst zu viel für ihre Nerven gewesen war. Trotzdem hatte sie keinen Moment gezögert, der kleinen Schwester beizustehen.

Ich kann sie doch jetzt nicht im Stich lassen, wenn sie mich braucht, sagte Bella sich. Aber wäre es nicht besser für alle, wenn sie sich von Konstantin fernhielte? Dass sie in ihn verliebt war, durfte niemand wissen, Alison am allerwenigsten.

Unwillkürlich seufzte Bella tief.

„Falls du erst zur Trauung kommen kannst, ist das nicht so schlimm“, versicherte Alison schnell. „Ich jammere dir am Telefon etwas vor, wenn mir die Vorbereitungen zu viel werden. Hauptsache, du bist an meinem großen Tag bei mir!“

„Ich kann es nicht versprechen“, erwiderte Bella niedergeschlagen. „Es ist alles so schrecklich kompliziert.“

„Unterhalten wir uns darüber? In Ruhe, meine ich, ohne dass du alle zwei Minuten auf die Uhr siehst? Heute Abend, zum Beispiel. Was machst du nach der Arbeit?“

„Ich gehe aus.“ Bella schnitt ein Gesicht. „Dienstlich! Mit Mitarbeitern einer japanischen Frauenzeitschrift. In der Redaktion stehe ich im Ruf, die beste Fremdenführerin durchs Nachtleben des Big Apple zu sein.“

„Verstehe.“ Alison klang enttäuscht, gab aber noch nicht auf. Sie zog ihren Terminkalender aus der Tasche und las die Eintragungen. „Wie wäre es damit: Mein Klient will um halb elf in den ‚Hombre y Mujer Club‘. Ich soll ihn begleiten. Können wir uns vielleicht dort treffen?“

„In dem Klub kann man sich nicht unterhalten. Die Musik ist ohrenbetäubend.“

„Wir müssen ja nicht bleiben, sondern könnten in deine Wohnung fahren, oder?“, schlug Alison vor.

Dann bleiben mir immerhin zehn Stunden Zeit, um mir eine überzeugende Ausrede auszudenken, weshalb ich nicht zur Hochzeit fahre, dachte Bella reuig.

„Okay. Und jetzt erzähl mir den neuesten Klatsch aus London, Alison.“

Hochzeiten und Ähnliches wurden ab da nicht mehr erwähnt.

Bella wurde jedes Mal unbehaglich zumute, wenn sie an das für den Abend geplante Treffen dachte. Sie war nachmittags in der Redaktion so still, dass es ihren Kollegen auffiel.

„Was ist los mit dir?“, erkundigte Sally sich und reichte ihr eine Terminliste. „Verliebt?“

„Das bin ich immer.“

„Hat er was dagegen, dass du heute Abend mit den Japanern die Stadt unsicher machst?“, fragte Sally mitfühlend. „Verliebte Männer stellen gern Besitzansprüche.“

„Nicht an mich!“ Bella lachte hellauf.

Sobald sie sich unbeobachtet fühlte, wurde sie wieder ernst.

Kurz vor Feierabend übermittelte Sally ihr die Nachricht, dass Alison das Treffen absagen müsse, weil sie sich nicht wohlfühle.

Bella war besorgt – und zugleich erleichtert. Sofort rief sie Alison im Hotel an.

„Was fehlt dir, Alison?“

„Ich weiß es nicht genau. Vielleicht habe ich etwas Falsches gegessen. Außerdem macht mir der Jetlag zu schaffen. Morgen bin ich bestimmt wieder in Ordnung. Können wir uns dann treffen?“

„Ja sicher“, stimmte Bella schicksalsergeben zu.

Abends ging Bella trotzdem ins „Hombre y Mujer“. Begeistert hatten die japanischen Gäste dem Vorschlag zugestimmt, einen Klub zu besuchen, in dem Salsa-Musik geboten wurde.

Der Klub war erst kürzlich eröffnet worden und immer gut besucht. Die Musik war authentisch, die Einrichtung dezent, und es gab südamerikanische Spezialitäten zu essen, falls die Gäste Hunger bekamen.

Man ging allerdings nicht zum Essen hin, sondern zum Tanzen. Die Schickeria hatte das Lokal noch nicht für sich entdeckt, es wurde hauptsächlich von Südamerikanern frequentiert. Auch bei professionellen Tänzern stand es hoch im Kurs, denn die Tanzfläche war groß, und die kubanischen Rhythmen waren unwiderstehlich.

Der Besitzer Paco behauptete gern, bei ihm könne man die besten Salsa-Tänzer außerhalb Havannas oder Rios beobachten.

An dem Abend nahm Bella sich vor, so lange zu tanzen, bis sie ihre Probleme vergessen hatte. Sie hatte sich nicht so elend gefühlt seit der einen Nacht in London, an die sie nicht mehr denken wollte. Nie mehr! Was damals passiert war, durfte sie niemandem verraten. Bisher hatte sie ihre Geheimnisse immer Alison anvertraut, die nicht nur ihre Stiefschwester, sondern ihre beste Freundin war. Und falls sie das Geheimnis erfahren würde, wäre es mit der Freundschaft aus. Für immer.

Deshalb versuchte Bella, so zu tun, als würde es nicht existieren. Das Leben ging weiter, auch wenn es jetzt ein ziemlich einsames Leben war. Doch damit konnte sie umgehen. Was machte es schon aus, wenn man allein war?

Sie straffte sich und ging auf die Tanzfläche. Zur Hölle mit morgen! Heute würde sie die ganze Nacht tanzen und den Kummer verdrängen.

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