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Ein himmlisches Versprechen

1. KAPITEL

„Und? Steht euer Hochzeitstermin denn nun endlich fest?“

Kate Cassidy verschluckte sich beinahe an einer Erdnuss. Sie versuchte, gelassen auszusehen und nicht dieses angestrengte Gesicht zu machen, wie immer, wenn ihr eine Situation unangenehm war. Doch so langsam hatte sie keine Kraft mehr, die Gelassene zu mimen – zumal sie heute Abend, beim jährlichen Empfang des Maklerverbandes, schon zum dritten Mal nach ihrem Hochzeitstermin gefragt wurde.

„Noch nicht“, antwortete sie und lächelte unverbindlich.

„Oh.“ Die Fragestellerin, eine Innenarchitektin namens Gloria, wartete gespannt, dass Kate weitersprach und ihr erklären würde, was denn so schwer daran war, einen Hochzeitstermin zu finden.

Doch Kate dachte nicht daran, irgendwas zu erklären. Wenn sie einfach lange genug schwieg, ließen es die meisten Leute erfahrungsgemäß dabei bewenden. Nicht aber Gloria.

Okay, dachte Kate, dann eben die Mitleidsnummer. Sie verzog das Gesicht und ließ Tränen in ihren Augen schimmern, und dabei betete sie inbrünstig: Verzeih mir, Mom.

Gloria begriff sofort: „Oh, es tut mir ja so leid. Es ist wohl noch zu früh.“

Kate nickte mit kummervoller Miene. Ihr ganzes Leben war aus den Fugen geraten. Sie wusste nicht mehr, was richtig oder falsch war, geschweige denn, wie es weitergehen sollte. Der Tod ihrer Mutter war nur der Anfang gewesen.

„Trauern braucht Zeit“, sagte Gloria freundlich. „Und Joe ist so ein Schatz! Ich bin überzeugt, dass er Verständnis hat.“

Da war Kate sich allerdings gar nicht sicher. Aber sie wollte besser nicht an Joe denken. Lieber das ganze Desaster ignorieren und hoffen, dass es sich in Wohlgefallen auflöste.

Charlie Sims, der Vorsitzende des Maklerverbandes von Magnolia Falls, kam zu ihr und reichte ihr die Hand. „Hallo, Kate. Wie geht’s dir?“

„Großartig, Charlie. Und dir?“

„Es könnte mir nicht besser gehen, meine Liebe.“ Er stellte ihr die Frau vor, die neben ihm stand: „Kennst du meine Frau Charlotte schon?“

„Bis jetzt nicht.“ Kate lächelte die zierliche Blondine an und gab ihr die Hand. Sofort begann Charlotte ausgiebig und in höchsten Tönen von ihrer Hochzeit neulich zu schwärmen. Auch das noch!

Kate hörte nur mit halbem Ohr zu und suchte währenddessen einen triftigen Grund, wie sie sich hier davonstehlen könnte. Himmel, gab es überhaupt irgendjemanden in diesem Raum, der nicht wusste, dass sie und Joe in diesem Sommer heiraten wollten, es aber verschoben hatten, weil ihre Mutter im Frühjahr an Krebs gestorben war?

Da! Kate entdeckte zwei völlig Fremde in einer Ecke und wollte sich gerade entschuldigen, als Gloria sagte: „Oh, das klingt ja super. Das würde ich sehr gern tun.“

„Wundervoll“, erwiderte Charlie erfreut.

Kate versuchte, ein interessiertes Gesicht zu machen, obwohl sie kein Wort von dem Gespräch mitbekommen hatte. Aber es war nun mal wichtig, Charlie nicht zu verprellen, Charlie, der für alle Immobilienmakler in der Stadt der wichtigste Mann war. Von seinem Wohlwollen hing es ab, ob Kates noch relativ junge Hypothekenvermittlung solvente Kunden bekam oder nicht.

„Was ist mit Ihnen, Kate?“, fragte Charlotte. „Machen Sie auch mit?“

Wenn sie nur wüsste, worum es ging! Aber ihr war es ja wichtiger gewesen, einen Grund zu finden, sich davonzumachen, als ihre Karriere voranzutreiben. Machen Sie auch mit? Wobei denn, bitte? Nun, sei’s, wie es sei, für Charlies Anerkennung hätte sie fast alles gegeben. „Natürlich. Es klingt wirklich super.“

„Das ist es in der Tat“, bestätigte Charlotte. „Die Kids sind großartig.“

Kids? Was für Kids?

„Wenn Sie mir Ihre Faxnummer geben, schicke ich Ihnen das Bewerbungsformular. Faxen Sie es mir zurück, und dann suchen wir etwas Passendes.“

Wollten Charlotte und ihr Mann sie mit jemandem verkuppeln? Aber nein, unmöglich. Jeder hier wusste von ihrer bevorstehenden Hochzeit mit Joe. Außerdem schien es irgendwie mit Kindern zusammenzuhängen.

Erst am nächsten Tag, als der Faxapparat ein Bewerbungsformular ausspuckte, erinnerte Kate sich vage, dass Charlies Frau den Vorsitz des Projekts ‚Big Brothers & Big Sisters‘ übernommen hatte.

Kate sollte also als „große Schwester“ für irgendein bedürftiges Kind fungieren. Okay, von ihr aus. Wenn sie Glück hatte, zählte ihre künftige „kleine Schwester“ zu den wenigen Leuten in der Stadt, die sie nicht ständig mit Fragen über ihre Hochzeit bombardierten.

Ben Taylor suchte verzweifelt nach einem Weg, sich aus seinem Büro zu stehlen, ohne dass seine fast achtzigjährige Sekretärin etwas merkte. Sehnsüchtig schaute er auf die Tür neben seinem Schreibtisch. Wenn er leise genug war, würde Mrs. Ryan, die am anderen Ende des Raums saß, nichts merken. Die alte Lady hatte wahrscheinlich die schlechtesten Augen in der Gemeinde, weigerte sich aber beharrlich, eine Brille zu tragen. Sie redete sich gerade mal wieder so in Rage, dass sie wahrscheinlich ohnehin nicht mitbekommen würde, wenn der Adressat ihrer Rede das Weite suchte. Ben kannte ihren Vortrag längst auswendig. Sie pflegte ihm ständig Vorhaltungen zu machen, dass es so nicht weitergehen konnte. So, das bedeutete in ihren Augen: die Welt verbessern zu wollen und dabei von einer Schwierigkeit in die nächste zu geraten.

Dabei wollte er doch nur seinen Mitmenschen helfen. Und manchmal war er sogar erfolgreich dabei. Manchmal, aber eben nicht immer. In letzter Zeit hatte er ja selbst gezweifelt, ob er noch auf dem richtigen Weg war. Oder wurden die Probleme, die die Leute hatten, einfach immer größer? Zu groß, um von einem idealistischen Reverend gelöst zu werden?

„Ich hätte das Mädchen einfach kidnappen sollen“, murmelte Ben vor sich hin, als er den rettenden Hausflur erreicht hatte. Drinnen zeterte Mrs. Ryan unerschrocken weiter. „Oder sie zumindest hier festhalten, bis sie Vernunft angenommen hat.“

„Haben Sie etwas gesagt, Reverend?“, fragte Rose, die nette Lady, die jeden zweiten Tag zum Putzen in das Pfarramt kam und gerade den Flur kehrte.

„Nein, Ma’am. Aber ich gehe für ein paar Minuten weg. Würden Sie das bitte Mrs. Ryan sagen, falls sie nach mir fragt?“

„Schleichen Sie sich mal wieder davon, Reverend?“

Ben seufzte. Eines Tages musste er mal ein klärendes Gespräch mit Mrs. Ryan führen, die es jedes Mal als persönliche Beleidigung auffasste, wenn er während ihrer Arbeitszeiten das Büro verließ. Aber heute war ihm nicht danach zumute, sich mit dieser spröden schulmeisterlichen Person auseinanderzusetzen, die ihn darüber hinaus auch noch an seine Urgroßmutter erinnerte. „Werden Sie es ihr ausrichten?“

„Das muss ich wohl“, erwiderte Rose. „Ich bin die Einzige, die keine Angst vor ihr hat.“

Ben musste lachen und bedankte sich bei Rose.

Er hatte beinahe schon die Tür erreicht, als sie nachhakte: „Sie wollen doch nicht wirklich jemanden kidnappen, oder?“

Ben lächelte. „Nein. Versprochen.“ Auch wenn er in diesem Fall fast keine andere Lösung sah.

„Dann ist es ja gut. Was soll ich Mrs. Ryan denn sagen, wenn sie nach Ihnen sucht?“

„Nichts.“

„Reverend …“

„Wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, können Sie ihr ja sagen, dass ich ins Büro von Big Brothers & Big Sisters gegangen bin. Aber nur, wenn sie Ihnen sonst mit Folter droht. Verstanden?“

Rose lachte leise. „Natürlich.“

„Danke, Rose.“

Ben schlüpfte aus dem Pfarrhaus und lief an der massiven steinernen Kirche vorbei, die vor fünfundsiebzig Jahren erbaut worden war. Mrs. Ryans Worte hallten in seinem Kopf nach. Ihrer Meinung nach war er zu jung, zu unverheiratet und zu kinderlos, um überhaupt irgendwas vom Leben wissen zu können. Wie sollte er da seinen Schäfchen ein Ratgeber sein, wenn sie Probleme hatten? Zudem fand sie es überhaupt nicht angemessen, dass er darauf bestand, Ben genannt zu werden – Reverend Ben, wenn sie es für unbedingt nötig hielten, ihn mit seinem Titel anzusprechen. Und er war immer im Verzug mit seiner Schreibarbeit.

Im letzten Punkt musste Ben seiner strengen Sekretärin uneingeschränkt recht geben. Die anderen Vorwürfe wollte er so nicht gelten lassen. Wie gesagt, eines Tages würde er einmal ein ernstes Wort mit Mrs. Ryan sprechen müssen. Doch jetzt hatte er Wichtigeres zu tun. Er lief zur Main Street von Magnolia Falls, um Charlotte Sims aufzusuchen. Hoffentlich hatte sie mehr bei dem jungen Mädchen erreicht, das gestern Hilfe suchend in seiner Kirche aufgetaucht war, um zehn Minuten später wieder wegzulaufen.

Zehn Minuten. Hatte sie wirklich gedacht, dass Ben in dieser lächerlich kurzen Zeit ihr Problem hätte lösen können?

Natürlich war er der Kleinen hinterhergelaufen, vergebens. Er musste schmunzeln, als er sich daran erinnerte, wie Mrs. Ryan das Gesicht verzogen hatte beim Anblick des Mädchens. Um ehrlich zu sein: Er war auch ein wenig verblüfft gewesen.

Shannon, so hieß das Mädchen, hatte pechschwarz gefärbte Haare, die stumpf auf ein paar Zentimeter abgeschnitten und dann mit Gel in alle Himmelsrichtungen aufgestellt worden waren. Mindestens sieben Ringe zierten – oder verunstalteten? – ihr Gesicht. Ben wollte lieber nicht daran denken, welche Körperstellen Shannon sonst noch gepierct haben mochte. Sie hatte eine schwarze Lederjacke und hohe Stiefel angehabt, das Gesicht ganz hell, fast weiß geschminkt, dazu schwarzer Lippenstift. Mit einem Wort: gruselig.

Dabei war noch gar nicht Halloween.

Das Mädchen ging ihm aber nicht wegen ihres gewöhnungsbedürftigen Äußeren nicht aus dem Kopf. In diesem Alter neigten die Kids eben dazu, sich ein bisschen neben der Spur zu kleiden. Was ihn erschreckt hatte, war ihre Ausstrahlung. Shannon war fünfzehn und sah aber aus wie eine vorzeitig gealterte Zwölfjährige. Von dem kurzen Gespräch wusste er, dass sie die Großmutter verloren hatte, bei der sie bisher aufgewachsen war, und danach auch die Mutter. Nun lebte sie bei ihrem Vater, dem sie total egal war, wie sie behauptete. Und zu allem Überfluss war sie schwanger.

Ganz unverhohlen hatte Shannon erklärt, dass sie nicht an Gott glaube, aber sie war verzweifelt genug gewesen, um ihm eine Chance zu geben, ihr zu helfen. Zehn Minuten, um eine Lösung für das Unlösbare zu finden. Oder um sie wenigstens zum Bleiben zu überreden. Nichts davon war ihm gelungen.

Nachdem sie von einer Sekunde auf die nächste aus der Kirche geflohen war, war er ihr gefolgt, unauffällig. Auf dem Parkplatz der Highschool hatte er sie mit Betty Williams sprechen sehen, offensichtlich ihre Klassenlehrerin, die ein aktives Mitglied seiner Kirchengemeinde war. Ein Hoffnungsschimmer, dachte er, und war zu den beiden gegangen, um etwas vorzuschlagen: Big Brothers & Big Sisters. Shannon hatte zugestimmt, an dem Projekt teilzunehmen.

Sofort war er zu Charlotte Sims gegangen, um das Mädchen für Big Brothers & Big Sisters anzumelden. Es hatte einiges an Überredungskunst erfordert, um Shannon ganz oben auf die ellenlange Warteliste setzen zu lassen. Dass andere Kids sich nun länger gedulden mussten, gefiel ihm zwar nicht, aber Shannons Umstände, vor allem ihre ‚anderen Umstände‘, machten eine Ausnahme erforderlich. Charlotte Sims hatte mit sich reden lassen, aber im Gegenzug dazu musste Ben ihr versprechen, ihr einen Gefallen zu tun. Sie hatten sich für heute verabredet, damit Charlotte ihm mitteilen konnte, an welche Art von Gefallen sie dabei gedacht hatte.

Ben erreichte das hübsche Backsteingebäude und wollte gerade zur Klinke greifen, als die Tür aufging. Ein winziges lockenköpfiges Mädchen tauchte vor ihm auf. Sie hielt die Tür mit dem Rücken offen.

„Hi“, grüßte Ben die Kleine, die er auf ungefähr sechs Jahre schätzte. „Die Tür sieht schwer aus. Wie wäre es, wenn ich sie aufhalte?“

Sie zuckte die Schultern und grinste. Sobald er die Tür im Griff hatte, drehte sich das Mädchen im Kreis. „Weißt du wa-as? Wenn ich groß bin, werde ich Tänzerin.“

„Großartig.“

Sie vollführte erneut eine Pirouette, und dabei glitt ein rotes Haarband aus ihren Locken und schwebte zu Boden.

„Allie, warte!“, rief eine angespannte weibliche Stimme aus dem Haus.

Ben blickte in die Richtung der Stimme und sah eine Frau im Empfangsbereich sitzen. Sie hatte beide Hände voll zu tun. Auf einem Arm schlief ein Baby, und mit der anderen Hand hielt sie ein Kleinkind fest, das zum Ausgang rennen wollte, obwohl ihm ein Schuh fehlte.

„Hör auf deine Mom“, sagte Ben und stellte sich Allie vorsichtshalber in den Weg.

„Das ist nicht meine Mom“, entgegnete sie. „Das ist bloß meine Tante Grace. Meine Mommy ist weg, und Grace hat ein ganz kleines Baby und noch eins, was ein bisschen größer ist, und sie will auch auf mich aufpassen. Aber wir sind eine Plage, sagt sie. Deswegen sind wir hier. Damit ich eine große Schwester kriege. Und du?“

„Ich glaube, ich bin zu alt, um einen großen Bruder zu bekommen. Was meinst du?“

Sie kicherte. „Du bist echt alt.“

„Und du hast deine Haarschleife verloren. Komm, lass sie uns aufheben!“ Er hockte sich neben Allie, hob das Haarband auf und betrachtete es ratlos. Die Kleine hatte eine Unmenge von wirren Locken. Wie sollte er die mit einer einzigen Schleife bändigen?

Na wunderbar, dachte er resigniert, nicht einmal so eine kleine Sache bekomme ich hin. Vielleicht ist heute einfach nicht mein Tag.

„Es sieht ganz so aus, als ob ihr zwei Hilfe braucht“, unterbrach eine nette sanfte Frauenstimme seine düsteren Gedanken.

Ben drehte sich um und sah Beine – auffallend wohlgeformte Beine. Er hob den Kopf und erblickte eine ausnehmend hübsche Blondine in einem schlichten dunkelbraunen Kostüm und einer weißen Bluse. In einer Hand hielt sie eine riesengroße braune Ledertasche. Ihr Gesicht strahlte Zuversicht aus.

„Das ist Allie“, teilte er ihr mit und stand auf. „Sie hat ihr Haarband verloren.“

„Es rutscht mir immer raus“, klagte Allie.

„Oh. Dann schauen wir mal, dass es diesmal drin bleibt.“ Die Frau stellte die Tasche ab, nahm die Schleife und vollbrachte ruck, zuck! ein wahres Wunder an den unbändigen Locken. „Fest anziehen und Doppelknoten, und schon rutscht es nicht mehr raus.“

„Wirklich?“ Allie hüpfte auf und nieder und schielte aus den Augenwinkeln nach dem Zopf.

„Es ist noch da“, versicherte Ben ihr und musterte die Frau noch einmal. Sie war nicht nur hübsch, sondern freundlich dazu, und sie schien Kinder zu mögen. „Danke.“

„Keine Ursache. Sie ist entzückend.“

„Ja, aber sie ist nicht meine Tochter“, erklärte Ben vorsichtshalber. „Ich bin nur der offizielle Türaufhalter.“

„Ich soll eine große Schwester kriegen“, verkündete Allie und wandte sich an die Frau: „Willst du eine kleine Schwester haben?“

Braves Mädchen, dachte Ben erfreut, nur weiter so! Es passte ihm ausgezeichnet, dass Allie die hübsche Blondine in ein Gespräch verwickelte. Vielleicht konnte er nebenhin einstreuen, dass er unverheiratet und kinderlos war, und dann … Womöglich gelang es ihm sogar, die Frau zum Abendessen einzuladen.

Er schaute verstohlen an sich hinab, um zu prüfen, ob er den Halskragen angelegt hatte, der ihn als Reverend auszeichnete. Da fiel ihm wieder ein, dass Mrs. Ryan ihn schon heute früh gerügt hatte, weil er ohne das Kollar ins Pfarrbüro gekommen war. Er vergaß das Ding häufig, nicht ganz ohne Absicht, weil er es für eine überholte Sitte hielt.

„Ich habe schon zwei kleine Schwestern“, antwortete die Frau. „Richtige Schwestern, meine ich. Aber man kann nie genug haben, stimmt’s?“ Sie blickte Ben an.

„Stimmt“, bestätigte er.

„Deshalb bin ich hier, um mir noch eine zu besorgen.“

„Oh, toll! Ich nehme dich“, erklärte Allie. Sie drehte sich um und rief in das Büro: „Grace? Ich hab ganz allein eine Big Sister gefunden! Guck mal!“

Grace hockte mittlerweile auf dem Boden vor dem Kleinkind, das nun ganz ohne Schuhe auf einem Stuhl saß und immer noch auszureißen versuchte. Das Baby hatte sie einer anderen Frau in die Arme gedrückt, die etwas hilflos neben ihr stand.

„Allie, Mrs. Sims muss eine große Schwester für dich finden. Du kannst dir nicht einfach eine aussuchen.“ Grace packte den kleinen Jungen am Arm, damit er nicht vom Stuhl rutschen konnte. Aus lauter Trotz heulte er ohrenbetäubend, und prompt stimmte das Baby in das Geheul ein.

Ben fühlte mit der armen Mutter, die offensichtlich am liebsten selbst in Tränen ausgebrochen wäre. „Warten Sie Ma’am, ich helfe Ihnen“, bot er an, und schon hatte er den schreienden Jungen auf dem Arm. „Vielen Dank.“ Grace lächelte ihn an. „Wir sind hier fertig. Ich hole nur schnell die Schuhe, das Baby und die Windeltasche. Mein Auto steht vor der Tür.“

„Die Windeltasche nehme ich“, entschied die hübsche Blondine, die mit Haarschleifen zu zaubern vermochte.

Das könnte dein Glückstag sein, Ben.

Wenn er es geschickt anstellte, gab sie ihm vielleicht ihre Telefonnummer und ließ sich nachher sogar zum Mittagessen einladen. Und falls das Essen nett verlief und sie ihn wiedersehen wollte, gelang es ihm womöglich, sich ein Leben neben der Kirche aufzubauen.

Langsam, Junge, eins nach dem anderen.

Aber er hatte keine Lust mehr, langsam zu sein, bedächtig, vorsichtig. Was hatten ihm diese Tugenden bitte bisher gebracht? Nichts, was sein Privatleben anbelangte. Denn das existierte schlicht nicht. Außerhalb der Kirche hatte Ben Taylor kein Leben, so war das.

Er hielt das Kleinkind auf dem Arm, das ihn misstrauisch beäugte. Allie nahm ihn vertrauensvoll an der Hand. Grace trug das Baby und die Blondine die Windeltasche. Es konnte losgehen.

„Vielen Dank Ihnen beiden“, sagte Grace.

„Wir haben heute einen schlechten Tag“, verkündete Allie und klang dabei zwanzig Jahre älter als ihre geschätzten sechs Lenze. Ben konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Die Kleine war wirklich was ganz Besonderes.

Nachdem sämtliche Kinder in den kleinen blauen Kombi verstaut worden waren, dankte Grace noch einmal überschwänglich, setzte sich hinters Steuer und fuhr mit quietschenden Reifen davon.

Ben blieb allein mit der Blondine zurück. Fieberhaft versuchte er, sich zu erinnern, wie man flirtet. Um ehrlich zu sein: Flirten war noch nie seine Stärke gewesen. Ihm fiel partout keine geistreiche Bemerkung ein.

Die Frau rettete ihn aus seiner Not, indem sie ihm ihre Hand reichte. „Entschuldigung. Es war vorhin so hektisch, dass ich noch gar nicht dazu gekommen bin, mich vorzustellen. Ich bin Kate Cassidy.“

Er nahm ihre Hand. „Hi. Ben Taylor. Aber Ben reicht völlig. Ich halte nicht viel von Förmlichkeiten.“ Dann nahm er all seinen Mut zusammen und fragte forsch: „Wollen wir uns nicht duzen?“

Ihre verdutzte Miene verriet, dass sie seinen spontanen Vorschlag als plumpe Anmache auffasste, und er hätte ihn liebend gern wieder zurückgenommen. Doch dann, als er vor Verlegenheit errötete, sagte sie mit einem kleinen Lächeln: „Von mir aus. Es freut mich, dich kennenzulernen, Ben. Musst du auch zurück zu Big Sisters? Oder in deinem Fall ist das ja wohl eher Big Brothers.“

Er atmete erleichtert auf. Der gemeinsame Rückweg würde ihm ein bisschen Zeit verschaffen. „Ja.“

Sie gingen die Straße entlang zu dem schmucken Backsteinhäuschen.

Kate fragte: „Und? Bist du ein großer Bruder?“

„Nein. Zumindest noch nicht. Ich schulde der Chefin von Big Brothers einen Gefallen, und weiß noch nicht, wie sie ihn eintreiben will. Ich habe gehört, dass sie erbarmungslos sein kann. Womöglich habe ich heute Mittag sechs kleine Brüder.“

Kate lachte. „Ja, Charlotte versteht sich darauf, jede Gelegenheit zu nutzen.“

„Wurdest du auch von ihr … gezwungen?“

„Nein. Das kann man nicht sagen. Es war eher …“ Sie hatten das Backsteinhaus erreicht, und Ben hielt die Tür auf. Kate deutete mit dem Kopf auf seine Hand. „… als hätte sie eine Tür geöffnet und gewusst, dass ich hindurchgehen würde. Verstehst du, was ich meine?“

„Ja. So etwas passiert mir ständig“, erwiderte er und dachte sich, dass Kates Bild mit der Tür ein Zeichen sein könnte. Er glaubte an solche Zeichen. Und er hielt sehr viel von Telefonnummern. Jetzt konnte er nur noch hoffen, dass Kate es ähnlich ging.

2. KAPITEL

„Hallo, Kate, wie schön, dich zu sehen!“, verkündete die Empfangsdame von Big Brothers & Big Sisters, Melanie Mann. „Und? Steht euer Hochzeitstermin denn nun endlich fest?“

Ah, diese vermaledeite Frage! „Noch nicht“, erwiderte Kate.

Bildete Ben es sich nur ein, oder klang Kate ein wenig genervt? Er stellte sich dicht hinter sie und lauschte schamlos.

„Dann bist du wohl noch nicht dazu gekommen, ein Fest zu planen?“

„Genau.“

Ben wunderte sich. Normalerweise fand eine Frau, die wirklich heiraten wollte, auch mit übervollem Terminkalender immer Zeit, ihre Hochzeit zu planen. Wollte Kate der Eheschließung etwa aus dem Weg gehen?

„Es tut mir so leid wegen deiner Mom“, sagte Melanie. „Du musst sie furchtbar vermissen.“

„Ja.“

Was bist du nur für ein egoistischer Schuft!, durchfuhr es Ben. Wie konnte er hoffen, dass zwischen Kate und ihrem Verlobten etwas nicht stimmte, während sie kürzlich ihre Mutter verloren hatte! Er runzelte die Stirn und seufzte laut, und beide Frauen blickten ihn fragend an.

„Äh … ich habe gerade an … ein Problem gedacht, das ich lösen muss.“

„Melanie und ich sind zusammen zur Highschool gegangen“, erklärte Kate. „Melanie, das ist Ben Taylor.“

„Aha.“ Melanie nahm einen kleinen gelben Zettel zur Hand. „Charlotte hat mir vorhin diese Notiz gegeben, die ich kaum entziffern kann. ‚Ben, halb zehn, heute‘.“ Sie blickte zu ihm auf. „Das sind dann wohl Sie?“

„Das bin ich.“ Er reichte ihr die Hand. „Hallo.“

„Hallo. Aber ich fürchte, es gibt da ein Problem. Charlotte hat Ihren Termin nicht mit mir abgesprochen, und sie hat schon eine Besprechung um halb zehn. Mit Kate.“

„Das macht nichts. Ich kann warten.“ Da es ihn ohnehin nicht ins Pfarrbüro zu Mrs. Ryan zog, kam es bei Ben auf ein paar Minuten mehr oder weniger nicht an. „Außerdem habe ich ja auch erst heute Morgen angerufen. Ich habe ein bisschen Wartezeit einkalkuliert.“

Kate hakte nach: „Hast du denn nichts anderes vor?“

„Nicht heute Vormittag.“ Und auch nicht heute Mittag. Aber das spielte jetzt ja keine Rolle, denn aus seinen Plänen, Kate auf ein Mittagessen einzuladen, wurde nichts – immerhin war sie ja verlobt.

„Na ja, wenn du sicher bist … Ich habe es ziemlich eilig. In meinem Büro stapeln sich die Akten, außerdem habe ich nachher eine Besprechung zum Mittagessen.“

„Geh nur.“ Ben fiel auf, dass sie Besprechung, nicht Verabredung gesagt hatte. Kein Date. Kein Hochzeitstermin. Trotzdem war sie tabu für ihn. Leider. Er seufzte schwer.

Kate blickte ihn seltsam an. Melanie ebenfalls.

„Entschuldigung.“ Er gähnte herzhaft. „Ich bin letzte Nacht viel zu spät ins Bett.“ Hoppla, das klang, als hätte er eklatant unchristlichen Dingen gefrönt. In Wirklichkeit hatte er einem verzweifelten Elternpaar seelischen Beistand geleistet, während ihr Baby operiert wurde. Eine Notoperation, die gut ausgegangen war. „Ich habe gearbeitet.“

„Ich auch“, sagte Kate. „Aber dich hätte ich nicht unbedingt als Workaholic eingeschätzt.“

„Und das heißt? Dass du ein Workaholic bist?“

„Na ja …“

„Das ist sie eindeutig“, warf Melanie ein. „Sie ist Hypothekenvermittlerin. Und sie ist die Jüngste aus unserer Klasse, die ein eigenes Geschäft hat.“

„Es ist nichts Besonderes“, wehrte Kate ab. „Nur ich, ein Schreibtisch mit Telefon und Fax, ein Computer und eine Assistentin.“

„Trotzdem. Es gehört dir. Ich hätte auch gern den Mut, was Eigenes anzufangen.“

„Das hat nichts mit Mut zu tun“, widersprach Kate. „Du weißt doch, wie gern ich meinen Kopf durchsetze. Ich kann es einfach nicht ertragen, wenn mir ständig jemand sagt, was ich zu tun habe. Was blieb mir da anderes übrig, als meine eigene Chefin zu werden?“

Sie lachte, doch Ben war sich plötzlich sicher, dass sie tatsächlich eine eigenwillige und ehrgeizige Arbeitssüchtige war. Eine Frau, die nicht einmal Zeit fand, ihre eigene Hochzeit zu planen.

Okay, schade zwar, aber so eine Frau war nichts für ihn. Das Blöde war nur, dass sie ihm so gut gefiel – so gut wie noch nie eine Frau zuvor. Und wieder fiel ihm Kates Bild von der Tür ein. Genau so fühlte er sich nämlich: Als hätte sie eine Tür geöffnet, durch die er einfach gehen musste.

Das Telefon auf Melanies Schreibtisch klingelte. Sie entschuldigte sich und nahm das Gespräch an.

Kate und Ben setzten sich in den Wartebereich und lächelten einander höflich an. Er suchte nach einer Möglichkeit, ihre Verlobung anzusprechen, ohne dass es plump wirkte. Doch auch jetzt fiel ihm nichts Geistreiches ein, daher bemerkte er rundheraus: „Du bist also verlobt?“

Ein gequälter Ausdruck glitt über ihr Gesicht. Sie zögerte lange, bevor sie nickte.

Aha, wie interessant! Eine glückliche Braut sah wohl anders aus. „Entschuldigung.

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