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Ein heißes Geständnis

1. KAPITEL

„Glauben Sie’s mir. Sie brauchen mich. Das weiß ich, und Sie wissen es auch.“ Hinter dem Rücken kreuzte Grace die Finger, während sie die andere Hand über den Tresen hinweg dem Mann hinhielt.

Der Mann blickte sie skeptisch an und presste die Lippen aufeinander. Grace konnte nur hoffen, dass er nicht merkte, wie ihre Hand zitterte.

Dieser Mann musste Tyler sein. Das vermutete Grace zumindest, weil draußen ein Schild mit der Aufschrift „Tyler’s Bar & Grill“ hing. Heute Abend sollte die große Eröffnung sein stand darunter. Tyler blickte Grace weiterhin mit unergründlicher Miene an. Nervös zupfte sie an ihrem frisch blondierten Haar. Sollte sie lieber gleich wieder gehen, bevor sie sich hier komplett zum Narren machte?

Nein. Wenn man schon beim letzten Zwanziger angekommen war, klang die Aussicht auf einen Job ziemlich gut.

Grace ließ ihre Hand weiter über dem Tresen schweben. Zwei Wochen lang versteckte sie sich jetzt. Ihr blieb einfach keine andere Wahl mehr. Es überraschte sie nicht, als sie in Gedanken die Stimme ihrer Großmutter hörte. Unwillkürlich blinzelte sie die Tränen weg und lächelte noch etwas strahlender.

Du bist doch eine Haley, Mädchen! Vergiss das nicht. Deine Vorfahren haben dem Wort Beharrlichkeit eine neue Bedeutung gegeben.

Allerdings war Grace sich bewusst, dass sie nur aus einem Grund dem abweisenden Blick dieses unglaublich gut aussehenden Mannes hinter dem Tresen standhielt. Als sie die Bar betreten hatte, war ihr eine ganze mexikanische Familie entgegengekommen. Alle hatten sich die weißen Schürzen abgebunden und sich überglücklich verabschiedet. Grace konnte genug Spanisch, um zu verstehen, dass sie sich bei Tyler dafür entschuldigten, so überstürzt nach Acapulco abzureisen. Aber ihr Cousin habe in der Lotterie gewonnen.

Wirklich Pech für Tyler, dachte Grace. Augerechnet am Abend der Eröffnung.

Ich werde Mitleid mit ihm haben, sobald er mir diesen Job gibt, beschloss sie. Ihr taten schon die Schultermuskeln weh, weil sie immer noch die Hand in der Luft ausgestreckt vor sich hielt. Doch das sollte Mr. Sexy nicht merken.

Noch nicht mal zehn Uhr vormittags, dachte Tyler, und der Tag ist schon ruiniert. Natürlich freute er sich für die Garcias, aber ohne Personal sein Restaurant zu eröffnen, das würde sicher nicht leicht.

Irgendwie bekomme ich das hin, beschloss er. Ich werde ein paar Leute anrufen und um einen Gefallen bitten. Doch viel Zeit blieb ihm nicht mehr dafür. Zuerst musste er noch mit diesem Mädchen klarkommen. Typischer Teenager, der von zu Hause weggelaufen war. Ziemlich entschlossener Blick.

Ihr steht die Verzweiflung förmlich auf die Stirn geschrieben, dachte er. Und mit den dunklen Ringen unter den wasserblauen Augen sieht sie sehr zerbrechlich aus. Ihr Haar war allerdings toll. Blond und ganz leicht gewellt, so dass es die Wangen, das Kinn und die Schultern sanft umspielte. Nach ihrem lächerlichen Vorschlag hatte sie mit einer Haarsträhne gespielt. Dieses Mädchen war so nervös wie drei Verbrecher auf der Flucht.

Es tat ihm zwar Leid, aber gerade heute hatte er überhaupt keine Zeit, um sich mit ihr abzugeben. Fast zehn Jahre lang hatte er auf diesen Tag hingearbeitet, und wenn alles glatt laufen sollte, hatte er keine Sekunde übrig zum Babysitten.

„Tut mir Leid, Süße“, sagte er leise. „In Chicago muss man mindestens einundzwanzig sein, um Drinks zu servieren.“

Zu seiner Überraschung lachte das Mädchen. Es klang melodisch und unbekümmert, und sofort wünschte Tyler sich, sie noch einmal zum Lachen zu bringen.

„Na, vielen Dank, Süßer“, sagte sie dann und lächelte so nett, dass Tyler nicht anders konnte, als das Lächeln zu erwidern. „Aber Sie würden mir mit einem Job mehr helfen als mit einem Kompliment.“

„Mit einem Kompliment?“

„Tyler. Der sind Sie doch, oder?“ Auf sein Nicken hin fuhr sie fort: „Tja, Tyler, ich kann die Dreißig schon riechen. Sie brauchen also keine falsche Rücksicht auf meine empfindsame weibliche Psyche zu nehmen.“

Es war, als habe sie einen Schalter umgelegt. Tyler konnte es sich nicht erklären, aber anstatt eines verzweifelten Teenagers stand jetzt eine witzige, durchsetzungsfähige und schlagfertige Frau vor ihm. Genau so stellte er sich die ideale Kellnerin vor. Als sie die Bar betreten und ihn um einen Job gebeten hatte, hatte er den Mut der Verzweiflung an ihr gespürt. Aber jetzt wirkte sie selbstsicher und ehrlich belustigt. Ihre Miene verkündete: Ich hab alles erlebt und gesehen, und du weißt nicht, was dir entgeht, wenn du mich wegschickst.

Aber vielleicht verschwand ein solches Selbstbewusstsein auch genauso schnell wieder, wie es gekommen war. Deshalb blickte Tyler der Frau beim Sprechen jetzt sehr genau in die Augen. „Ich habe nur nach einem netten Weg gesucht, um Ihnen zu sagen, dass Sie sich verziehen sollen. Hier gibt’s keinen Job für Sie.“

„Netter Versuch, Kumpel.“ Grace zog den Arm zurück und schüttelte die Hand aus. Durchdringend erwiderte sie Tylers Blick. „Sie sind offenbar ein sturer Kerl. Sagen Sie mir einfach, wann Sie zum Händeschütteln bereit sind.“

Grace zog einen der Barhocker mit schmaler Rückenlehne unter dem Tresen hervor und setzte sich so anmutig rittlings darauf, dass Tyler schlucken musste. Ihm kam sofort das unerwartete Bild in den Kopf, wie diese Frau sich in derselben leicht überheblichen Art beim Liebesspiel nackt auf ihm niederließ.

Reiß dich zusammen, sagte er sich. Sie sucht einen Job und keine Affäre. Dennoch beobachtete er atemlos, wie sie die Ellbogen auf die Lehne des Hockers stützte, die Finger verschränkte und das Kinn darauf legte. Ganz langsam leckte sie sich die Lippen. Tyler blieb also Zeit genug, um sich auszumalen, wie diese Zunge sich an seinen Lippen anfühlen würde. Er würde den Mund öffnen und dann …

Eigentlich hätte das Glitzern in den Augen der Frau ihn warnen müssen.

„Ich verlange zwei Dollar über dem Minimallohn.“

„Wie bitte?“ Tyler vergaß schlagartig seine erotischen Fantasien. „Mein Personal bekommt zwei Dollar weniger als den Minimallohn, denn immerhin kommt noch das Trinkgeld dazu. Sie müssen verrückt sein, wenn Sie glauben, ich würde Ihnen mehr bezahlen.“

„Tja, anscheinend haben Sie ein kleines Problem, Tyler. Sie haben überhaupt kein Personal, und da ich die Einzige bin, die vor Ihnen steht und einen Job will …“

Über den Tresen hinweg erwiderte er ihren Blick. Eben noch hatte er sie rauswerfen wollen, und jetzt verhandelten sie bereits über den Lohn. Ich habe ihr doch noch gar keinen Job angeboten, dachte Tyler verwundert. Diese Frau war gut, das musste man ihr lassen.

„Passen Sie auf, das ist doch wirklich ein gutes Geschäft für Sie. Ich empfange die Gäste, bin die Kellnerin, erledige Besorgungen und arbeite wahrscheinlich auch als Spülmaschine. Zum Anfang jedenfalls. Sie bekommen vier Angestellte zum Preis von einem.“

„Vier Angestellte für zwei Dollar über dem Minimallohn. Das ist viel mehr, als ich für eine normale Bedienung bezahlen würde.“

„Wie gesagt, Darling …“, sie strich sich das Haar zurück und richtete sich auf, „… Sie brauchen mich, Sie wollen mich, und das wissen wir beide.“

Leider hatte sie Recht. Tyler brauchte und wollte sie, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Grünen. Aber wer als Boss mit seinen Kellnerinnen schlief, war auf dem besten Weg, gute Angestellte schnell wieder zu verlieren. Tyler hatte bereits gelernt, wie schnell Frauen genug von einem Mann hatten, der die meiste Zeit mit seiner Arbeit verbrachte.

Er gab den Kampf auf. Eigentlich hatte er bereits beschlossen, sie einzustellen, vorausgesetzt, sie hatte anständige Referenzen. Aber im Grunde blieb ihm überhaupt keine Wahl. „Ich soll mich also fügen, ja?“

„Vollkommen richtig.“ Sie zwinkerte ihm zu, und Tyler war ihr bereits erlegen. Diese Frau war perfekt.

„Wo haben Sie bisher gearbeitet?“ Die Frage war nicht ernst gemeint, denn jeder mit ein paar Wochen Erfahrung kam mit dem überschaubaren Angebot auf Tylers Speisekarte zurecht. Deshalb wunderte Tyler sich, als die Frau nicht sofort antwortete.

„In einem Diner.“ Nervös zog sie sich am Haar und zuckte dann mit den Schultern. „Das hatte rund um die Uhr geöffnet. Spätnachts und zum Frühstück war viel zu tun, aber gegen Mittag konnte man sich gut die Nägel lackieren und Kreuzworträtsel lösen.“

Irgendetwas an ihrer Antwort ließ Tyler nachhaken. „Wie hieß das Restaurant?“

Wieder zögerte sie, und als sie antwortete, wusste Tyler, dass sie log.

„‚Mel’s Diner‘.“ Das war der Name eines Restaurants aus einer bekannten TV-Serie.

Grace sah Tylers ungläubigen Blick und verfluchte sich innerlich. Sie hätte sich eine Geschichte über ihre Vergangenheit überlegen sollen, bevor sie hier hereingekommen war. Bei Tylers unerwarteter Frage hatte sie einfach gesagt, was ihr gerade in den Sinn kam.

Wenn sie jetzt nicht aufpasste, verlor sie ihren Job, noch bevor sie sich überhaupt die Schürze zum ersten Mal umgebunden hatte.

„,Mel’s Diner‘? Das ist wirklich die Höhe.“ Tyler wandte ihr den Rücken zu und räumte Gläser in die Regale hinter der Bar. „Fast hätte ich Ihnen geglaubt. Aber Sie werden nicht zur Kellnerin, nur weil Sie sich im Fernsehen diese alte Serie ein paar Mal angesehen haben.“

Entnervt verdrehte Grace die Augen. Warum musste dieser Mann bloß so toll aussehen? Da konnte doch keine Frau mehr vernünftig denken. In ihrem früheren Leben wäre sie mit jemandem wie Tyler spielend zurechtgekommen. Aber da hatte sie auch noch ganz anders dagestanden als jetzt.

Sie konnte diesem Mann ja schlecht erzählen, dass sie bis vor zwei Wochen elf der besten Restaurants in ganz Chicago geleitet hatte. Jetzt saß sie hier und wurde nervös, weil sie eine so schlechte Lügnerin war. Tylers Anblick machte sie dabei nur noch nervöser.

Sie riss sich zusammen. „Finden Sie das witzig?“ Sie achtete darauf, dass ihre Stimme laut und selbstbewusst und gleichzeitig ein bisschen verärgert klang. „Eines sage ich Ihnen: Wenn Ihr Boss ein Fan dieser alten TV-Serie ist und Ihnen deshalb gleich am ersten Arbeitstag ein pinkfarbenes Kleid und eine alberne kleine weiße Schürze reicht, dann vergeht Ihnen das Lachen. Sie wären überrascht, wie viele Schnellrestaurants im ganzen Land ‚Mel’s Diner‘ heißen.“

Nach einem Augenblick drehte Tyler sich wieder zu ihr um. Er lächelte. „Mussten Sie auch Kaugummi kauen wie die Kellnerinnen in der TV-Serie?“

Grace legte zum Schwur eine Hand aufs Herz. „Das stand sogar im Arbeitsvertrag.“

Jetzt musste Tyler lachen, und Grace wusste, dass sie es geschafft hatte. Vor Erleichterung hätte sie fast geseufzt.

„Wie heißen Sie?“

„Grace.“ Sie benutzte lieber den Mädchennamen ihrer Mutter: „Grace Desmond.“

Als Tyler weitersprach, verschwand Grace’ Erleichterung sofort wieder.

„Okay, Grace Desmond. Sie sind hiermit eingestellt. Heute um fünf wird das Restaurant eröffnet. Also kommen Sie um drei Uhr wieder, damit wir noch Zeit für den Papierkram haben. Bringen Sie Ihren Führerschein und Ihren Ausweis mit. Und eine Schürze, wenn Sie eine haben. Wenn nicht, kann ich Ihnen eine geben.“

Grace nickte, doch ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Auf keinen Fall konnte sie diesem Mann ihren Führerschein zeigen. Selbst wenn er ihren Nachnamen nicht als einen der bekanntesten in ganz Chicago erkannte, würde er doch schon an ihrer Adresse sofort erkennen, dass sie keine einfache Kellnerin war.

Tyler streckte ihr die Hand entgegen, und einen Moment betrachtete Grace nur stumm die kräftigen Finger und die breite Handfläche. An den Knöcheln entdeckte sie feine Narben, die auf harte Arbeit hindeuteten. Schließlich schlug Grace trotz ihrer Bedenken ein.

Als sie ihre schmale Hand zurückziehen wollte, ließ Tyler sie nicht los. Besorgt blickte Grace ihm ins Gesicht. Seine Augen wirkten noch dunkler, als er sich vorbeugte und ihr ganz sanft die Finger küsste. Grace spürte die Wärme seiner Lippen, und jeder Muskel ihres Körpers schien sich anzuspannen.

„Aber ich brauche noch eine Referenz, bevor Sie gehen.“

Grace wartete, bis sie um die nächste Ecke war, damit Tyler sie durchs Fenster nicht mehr sehen konnte. Dann holte sie das Handy heraus und wählte die Nummer, die sie auswendig kannte. Hoffentlich war Paul zu Hause. Sie sah noch immer Tylers Blick vor sich, als sie ihm den Namen und die Telefonnummer auf eine Serviette geschrieben hatte. Wollte er sie nur einschüchtern, damit sie die Wahrheit sagte? Oder wollte er sie verführen? Beides, fürchtete Grace.

„Hallo?“ Es klang schlecht gelaunt.

„Paul? Ein Glück, du bist zu Hause.“

„Wo sonst sollte ich denn so früh am Morgen sein? Wer ist da überhaupt?“

„Es ist schon fast elf, Paul. Bist du sicher, dass Louis die Mittagsschicht ohne dich im ‚Nîce‘ schafft?“ Grace lächelte, obwohl ihr beim Gedanken an ihr Lieblingsrestaurant fast die Tränen kamen.

„Gracie?“

Allmählich schien Paul wach zu werden. Er war Grace’ Freund und Fürsprecher. Hoffentlich spielte er für sie heute auch den Retter.

„Ist das meine kleine Gracie?“

„Bien sûr, Paul“, versicherte sie ihm in seiner Muttersprache. „Hast du mich vermisst?“

„Ich komme um vor Sorge, du kleiner Satansbraten! Ich kann kaum noch kochen. Wo steckst du? Ist alles in Ordnung?“

Grace musste schlucken. Zum ersten Mal seit Wochen zeigte ihr jemand, dass sie ihm etwas bedeutete. Pauls Stimme klang so warm. Grace atmete tief durch und rang nach Fassung. Dann erst wurde ihr klar, dass Paul immer noch mit ihr sprach.

„ … absolument verrückt hier ohne dich. Deine Familie will einen Detektiv beauftragen. Und dein Verlobter, dieser Schuft, will mein Restaurant übernehmen. Chérie, sag mir, wo du bist. Dann schicke ich ein Taxi los und lasse dich hierher bringen. Und anschließend können wir zusammen dieses ganze Chaos aufklären.“

Ein Detektiv! Grace blickte sich um. Sie stand hier an einer Straßenecke. Vielleicht hatten ihre Familie oder Charles bereits jemanden mit der Suche nach ihr beauftragt. Sie unterbrach seinen Redefluss. „Paul, hör mir zu. Erstens: Charles und ich sind nicht verlobt, egal, was meine Familie dir erzählt. Wir können alles später besprechen, aber im Moment musst du mir einen Gefallen tun. Bitte.“

„Du weißt, dass du mich um alles bitten kannst“, erwiderte er sofort.

„Es klingt vielleicht verrückt, Paul, aber ich habe dich als Referenz dafür angegeben, dass ich kellnern kann.“ Sie erklärte ihm, wie sie Tyler gegenüber das Restaurant beschrieben hatte. Paul kannte die Fernsehserie nicht und begriff deshalb auch überhaupt nicht, wieso er von jemandem verlangen sollte, während der Arbeit Kaugummi zu kauen.

„Wieso sollten meine Kellnerinnen wie Kühe herumlaufen, Chérie?“

Schließlich hatte Grace Paul genau erklärt, was er antworten solle. Sie gab ihm auch die Nummer von Tylers Restaurant. Wenn diese Nummer als Anrufer auf dem Display von Pauls Telefon erschien, würde er sich mit „Mel’s Diner“ melden. Hastig beendete Grace das Gespräch. „Vielen Dank, Paul, du rettest mir das Leben.“

„Ich begreife immer noch nicht, wieso du kellnern willst, während du eigentlich sämtliche Restaurants deiner Familie leiten solltest. Du weißt, dass deine Großmutter es so wollte. Aber wenn du mir versprichst, mich bald wieder anzurufen …“

„Das werde ich, Paul. Versprochen.“

Als Grace ihr kleines Zimmer mit Küchennische im „Sherradin“ erreichte, war sie schweißgebadet. Bis vor kurzem hatte sie ihren eigenen Chauffeur gehabt. Jetzt konnte sie den Kakerlaken zusehen, wie sie sich hastig verkrochen, sobald die Zimmertür aufging. Das winzige Fenster war so schmutzig, dass kaum Licht von der Septembersonne hereinkam.

Aus diesem Zimmer musste sie so schnell wie möglich raus. Es gab ein helles Oberlicht und ein solides Schloss an der Tür, aber das war auch das einzig Positive, was sich über dieses Zimmer sagen ließ. Eine Klimaanlage fehlte, und so war es auch jetzt im Spätsommer noch heiß und stickig. Grace hatte noch nie in ihrem Leben ohne Klimaanlage gelebt, und auf diese neue Erfahrung hätte sie gern verzichtet.

Sie hatte sich billige blau gestreifte Bettwäsche gekauft und auch ein paar bunt gemusterte Plastikbecher und -teller. Bei diesen Dingen konnte sie wenigstens sicher sein, dass sie sauber waren. Direkt über dem Bett allerdings prangte ein rostfarbener Wasserfleck, und auch auf dem beigefarbenen Läufer waren Flecken. Was genau darauf gekleckert war, konnte Grace nicht sagen, aber bestimmt war es kein Wasser gewesen.

Sie öffnete den kleinen Schrank und überlegte, was sie heute Abend anziehen sollte.

Aus Erfahrung wusste sie, dass der Eröffnungsabend in einem neuen Restaurant immer wie in einem Irrenhaus ablief. Das war selbst bei einem eingespielten Team so, wenn alle genau wussten, nach welchem System Bestellungen aufgegeben wurden. Grace war sicher, dass sie mit Tylers System schnell zurechtkommen würde. Wahrscheinlich hatte er überhaupt noch keins entwickelt.

Allerdings hatte sie ihn nicht gefragt, ob er noch weiteres Personal für heute Abend suchen würde. Mit wie viel Hilfe würde sie rechnen können?

Schlimmstenfalls musste sie alles allein machen: die Gäste an der Tür empfangen, sie zu ihren Plätzen bringen, die Bestellungen aufnehmen, Drinks und Speisen servieren, die Tische säubern und das Geschirr in der Küche abwaschen. Solange Tyler nicht von ihr erwartete, dass sie auch noch kochte, würden sie beide diesen Abend vielleicht irgendwie überstehen.

Grace suchte sich etwas Schickes zum Anziehen aus, das außerdem auch sehr pflegeleicht war. Auf der gerade geschnittenen schwarzen Hose würde man kaum einen Fleck sehen, und die weiße Bluse war aus einer Kunstfaser, die keinerlei Flecken aufnahm. Selbst Rotwein ließ sich mit Mineralwasser wieder herausspülen. Dazu würde sie modische schwarze Schuhe mit halbhohem Absatz anziehen. Das Geheimnis dieser Schuhe lag allerdings in den teuersten Einlagen, die für Geld zu haben waren.

Als Grace vor ihrer Familie und deren Forderungen geflüchtet war, hatte sie natürlich nicht daran gedacht, eine Schürze mitzunehmen. An jenem Tag hatte sie eigentlich fast gar nicht nachgedacht. Sie war einfach von der Arbeit kurz nach Hause gefahren, hatte ihre Sachen gepackt und war verschwunden.

Jetzt hatte sie zwei Wochen damit verbracht, in Cafés zu sitzen und über eine Lösung für ihre Probleme zu grübeln. Allmählich ging ihr das Bargeld aus, und ihr Konto sowie die Kreditkarten waren tabu, weil sie dadurch Spuren hinterließ.

Eigentlich hätte sie gedacht, es sei ganz leicht, einen schlecht bezahlten Job zu bekommen. Doch ohne Papiere würde sie nirgendwo einen Job oder ein Apartment erhalten.

Tyler würde es bestimmt nicht lange dulden, dass sie bei ihm arbeitete, wenn er von ihr keinerlei Dokumente zu Gesicht bekam. Grace hatte das Gefühl, dass die gesamte Anspannung des Tages über ihr hereinbrach. Zum zweiten Mal an diesem Tag war sie den Tränen nahe.

Ich muss ein bisschen schlafen, dachte sie. Wenigstens eine Stunde. Dann kann ich mir überlegen, wie ich Tyler dazu bringe, mich weiter zu beschäftigen. Er wäre nicht der erste Restaurantbesitzer, der seine Kellnerin schwarzarbeiten ließ.

Sie streckte sich auf dem Bett aus und griff nach dem Wecker auf dem Nachttisch. Nur eine Stunde, sagte sie sich. Und während sie langsam in den Schlaf hinüberdämmerte, ging ihr nur ein einziges Bild durch den Kopf: Sie sah Tyler vor sich. Seine großen dunklen Augen blickten sie an, während er zärtlich ihre Finger küsste.

In ihrem Traum fuhr Tyler mit den Lippen ihren Arm hinauf, küsste ihre Schulter und glitt dann zu ihrem Mund. In ihrem Traum spürte sie die Küsse immer noch auf der Haut, während Tyler und sie sich immer intimer liebkosten. Und als er sie schließlich verließ, fühlte ihre Haut sich am ganzen Körper warm an.

Drei Stunden später betrat Grace Tylers Restaurant von neuem. Sie blieb abrupt stehen, als sie den Besitzer sah. Sie wusste sofort, dass sie in Schwierigkeiten geraten würde. Den sinnlichen Traum mit ihm hatte sie genossen, aber dass sie schon bei Tylers bloßem Anblick weiche Knie bekam, obwohl er ihr den Rücken zuwandte und telefonierte, das ging entschieden zu weit.

„Vielen Dank, mein Engel. Durch dich bekomme ich wieder Vertrauen zu den Frauen. Wir sehen uns dann in einer Stunde.“

Grace hörte, wie er sich leise lachend von der Frau am Telefon verabschiedete. Wer war diese Frau? Grace wollte ihr die Augen auskratzen. Verdammt, sie sollte lieber darauf achten, dass sie ihre Gefühle im Zaum hielt. Das ist dein Boss und nicht dein Liebhaber, sagte sie sich.

„Ich habe bei dem Diner angerufen, das Sie mir als Referenz genannt haben. Der Mann hat Ihnen ein fabelhaftes Zeugnis ausgestellt. Aber sagen Sie ihm doch bei Gelegenheit, er soll mit diesem gekünstelten französischen Akzent aufhören.“

Immer noch wandte Tyler ihr den Rücken zu und wählte jetzt die nächste Nummer. Gleichzeitig griff er hinter sich und legte ein paar Papiere und einen Stift auf den Tresen. „Füllen Sie das aus. Das mit den Referenzen können Sie auslassen. Dann haben wir auch schon alles geklärt.“

Fünf Minuten lang telefonierte er mit noch einer anderen Frau. Sein Tonfall klang verführerisch und voller Überredungskraft. Währenddessen schrieb Grace ihren falschen Namen in das Formular, gab die Adresse ihres Hotels an und sah dann ratlos auf die Zeile, wo sie die Nummer ihres Führerscheins und ihre Sozialversicherungsnummer angeben sollte. Wie sie sich aus dieser Klemme winden wollte, war ihr noch immer nicht klar.

Als Tyler auflegte und sich umwandte, begann Grace, in ihrer Handtasche herumzuwühlen. Sie suchte nach einer Eingebung.

„Noch nicht fertig?“ Er blickte auf das halb ausgefüllte Formular.

„Äh … nein.“ Sie stopfte die Brieftasche in der Handtasche ganz nach unten. Dann setzte sie ihre beste Unschuldsmiene auf und hielt die Handtasche schräg, so dass Tyler das Chaos von Schminkutensilien und Notizzetteln sehen konnte. „Ich fürchte, ich habe meine Papiere im Hotelzimmer vergessen.“ Mit ein bisschen Glück hielt ihr neuer Boss sie lediglich für ein bisschen schlampig und nicht für eine Betrügerin.

Sie hatte Glück.

„Bringen Sie sie morgen mit“, sagte er nur, öffnete die Kasse und holte zwei Zwanziger heraus. Die reichte er Grace über den Tresen hinweg. „Heute Morgen sind bei der Lieferung keine Limonen mitgekommen. Das geht in einer Bar natürlich nicht. Versuchen Sie, so viele wie möglich zu bekommen.“

Er sagte das ganz beiläufig, doch Grace merkte trotzdem, dass dies ein Test war. Mühsam unterdrückte sie ihre Wut über sein Misstrauen. Sicher rechnete er damit, dass sie mit dem Bargeld in der Hand auf Nimmerwiedersehen verschwand.

„Tut mir Leid, aber ich kenne mich hier in der Gegend nicht aus.“ Sie entschuldigte sich ganz unwillkürlich, als müsse sie sich auch noch für Tylers Mangel an Vertrauen schämen.

„Zwei Blocks nördlich von hier ist ein Geschäft. Beeilen Sie sich, es liegt noch eine Menge Arbeit vor uns.“

Grace glitt vom Barhocker und floh förmlich aus der Bar. Ein oder zwei Tage Schonfrist hatte sie vielleicht gewonnen, aber sie wusste, dass Tyler sich früher oder später daran erinnern würde, dass sie sich ihm gegenüber noch ausweisen musste. Ihr blieb ...

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