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Ein heißer Kuss als Antwort

PROLOG

„Ich bin James Maguire, Leonard Maguires Sohn“, erklärte er dem Wachmann hinter dem Gittertor. War es nicht glatter Hohn, dass er sich erst zu erkennen geben musste?

„Wusste nicht, dass er einen hat“, brummelte der Sicherheitsmann und beäugte ihn misstrauisch. „Sie haben einen amerikanischen Akzent.“

Kein Wunder! James war nach Texas abgeschoben worden, als er gerade sieben Jahre alt war. Doch geboren war er in Australien. Jetzt, mit vierundzwanzig, hatte er sich zu einem vermögenden Mann emporgearbeitet. Endlich würde der Grund und Boden, der ihm lange verwehrt worden war, ihm gehören.

„Rufen Sie einfach in der Ranch an und fragen Sie nach“, befahl er nun ungeduldig.

Während der Wächter nach seinem Handy griff und der Anweisung folgte, ließ James den Blick die lange, von Ahornbäumen gesäumte Zufahrtsallee hinaufschweifen, die zu dem imposanten Anwesen auf der Anhöhe führte. Es war Frühling, und das zarte Blattgrün der Bäume leuchtete in der hellen Nachmittagssonne. Überall im Tal grünte und blühte es. Aber es war ja auch erstklassiges Land. Für die Zweitfamilie seines Vaters nur das Beste!

Das Haupthaus und die Zäune, alles war makellos weiß und tadellos gepflegt. Natürlich kostete das Geld. Sehr viel Geld. Etwas anderes war von einem Mann auch nicht zu erwarten, dem ein Transportimperium und eine Inlandfluggesellschaft gehörten. All die Jahre über hatte James von seinem Vater jedoch höchstens Geburtstags- und Weihnachtskarten bekommen – die vermutlich eine Sekretärin geschickt hatte. Das größte Geschenk waren einige Tage in einem Luxushotel in Las Vegas gewesen, die er gemeinsam mit seinem Vater verbringen durfte, als dieser dort geschäftlich zu tun hatte: einmal als er, James, zwölf und dann nochmals, als er achtzehn war.

Damals hatte jemand ihn gefragt: „Was möchtest du denn mal werden, Junge?“

James’ erwartungsvolle Antwort war gewesen: „Wollen Sie mir eine Stelle anbieten?“

Doch die schroffe Antwort hatte seine Hoffnungen im Keim erstickt. „Nein. Schaffen Sie’s wie ich allein nach oben. Wenn Sie sich durchgeboxt haben, sind Sie ein Mann, den ich achten kann.“

Die Herausforderung hatte James’ Ehrgeiz angestachelt. Sein Vater war ein Milliardär, der sein Unternehmen aus dem Nichts aufgebaut hatte. Doch der Anblick des Reichtums, mit dem er seine zweite Frau und seine beiden Adoptivtöchter überschüttete, konnte James nur verächtlich stimmen. Für seinen leiblichen Sohn hatte dieser Mann nicht das Geringste übriggehabt, während er die beiden Mädchen seiner zweiten Frau verschwenderisch verwöhnte. Würde man ihnen mit achtzehn auch raten, es aus eigener Kraft zu etwas zu bringen?

Der Wächter klappte das Handy zu und warf James einen neugierig mitfühlenden Blick zu. „Ich kann Sie nicht durchlassen, Mann. Lady Ellen sagt, ich soll Sie wegschicken. Man will Sie hier nicht haben.“

Lady Ellen. James’ Magen verkrampfte sich. Die Frau war eine junge ehrgeizige Büroangestellte gewesen, die mit ihrem sehr viel älteren, damals noch verheirateten Chef ein Verhältnis angefangen hatte. Erst nachdem sein Vater für besondere Verdienste um das Land in den Ritterstand erhoben worden war, hatte sie sich den Titel Lady zulegen können.

James ließ sich nicht abwimmeln. „Sagen Sie, ich möchte meinen Vater sprechen.“

„Das geht nicht. Sir Leonard ist noch nicht zu Hause.“

„Und wann kommt er zurück?“

„Sein Hubschrauber startet meist gegen sieben.“ Der Sicherheitsmann blickte auf die Uhr. „In ungefähr drei Stunden. Es hat also keinen Sinn zu warten. Ich darf Sie erst durchlassen, wenn ich Anweisung dazu bekomme.“

Nun verstand James. Das Anwesen seines Vaters war für ihn tabu, solange Lady Ellen das Sagen hatte. Die gerissene Frau verteidigte ihre Interessen mit allen Mitteln und Tricks. Und sein Vater schien nichts dagegen zu unternehmen. Wie viel Macht übte sie auf ihren sehr viel älteren Mann aus? Wer hatte bestimmt, dass der Sohn in der Verbannung blieb?

Es gab so vieles, was James wissen wollte.

Besonders jetzt!

„Ich komme wieder“, erklärte er.

„Und ich wache in der Hütte“, warnte der Sicherheitsmann und deutete mit dem Kopf zu dem kleinen Haus, von dem er das weite Gelände bis zum Horizont überblicken konnte.

Das sollte heißen: Niemand kommt an mir vorbei. Der große muskulöse Mann musste Anfang fünfzig sein – ein beachtlicher Gegner.

James hatte keine Lust, sich auf einen Kampf einzulassen, schon gar nicht mit dem Wächter, der schließlich nur seine Pflicht tat. Also kehrte er ohne ein weiteres Wort zu dem Leihwagen zurück, den er am Flughafen gemietet hatte.

Eine halbe Stunde später parkte er den Wagen an einer Seitenstraße, kramte Jeans, ein dunkelblaues T-Shirt und Turnschuhe aus dem Gepäck, schälte sich aus seinen feinen Besuchsklamotten und zog sich um.

Dann lehnte er sich an den Koppelzaun, der an das Maguire Anwesen grenzte, sah den Pferden zu, die auf den saftigen Weiden hinter den modernen Stallungen grasten – und wartete. Schließlich erschien eine Reiterin – ein junges Mädchen, unter dessen Cowboyhut dichte rotblonde Locken hervorlugten, und übte mit ihrem Pony Hindernisspringen.

War das die Ältere der beiden Adoptivtöchter?

Oder eine Stallhilfe, die das Pferd trainierte?

Sie schien kaum älter als vierzehn zu sein und hatte eine tolle Figur. Und reiten konnte sie auch, das musste er ihr lassen! Auf der Ranch seines Stiefvaters hatte auch er mit vierzehn mit Pferden umgehen gelernt. Auf die harte Tour.

James’ Neugier war erwacht. Kurz entschlossen kletterte er über den Zaun und schlenderte auf den Übungspferch zu. Was scherte es ihn, dass hier Privatbesitz und Zutritt verboten war? Schließlich hatte er mehr als jeder andere das Recht, hier zu sein.

Sally bemerkte den Herankommenden nicht. Blaze hatte das Dreifachhindernis zu stürmisch genommen, sie würde den Durchgang wiederholen. Sanft zügelte sie den kraftvollen Wallach und konzentrierte sich auf die Arbeit. Erst als Blaze das dritte Hindernis fehlerfrei genommen hatte, wurde Sally auf den Zuschauer aufmerksam, der bewundernd Beifall klatschte.

Erfreut über den Erfolg, wandte sie sich mit geröteten Wangen dem Mann zu, darauf gefasst, Tim Fogarty vor sich zu haben, den Stallburschen, der ihr half, Blaze für Hindernisturniere zu striegeln. Verwundert entdeckte sie einen Fremden, der obendrein allein war. Das gab es hier eigentlich nicht. Ein Besucher wurde stets von Sicherheitsleuten begleitet.

Der Mann sah umwerfend aus, entschieden besser als die jungen Männer aus ihrem Bekanntenkreis: dichtes dunkles Haar, markante Züge, kraftvolle Gestalt, ungewöhnlich groß! Locker stützte er die muskulösen Arme auf die Umzäunung, seine gebräunte Haut ließ darauf schließen, dass er sich viel im Freien aufhielt. War er ein neuer Angestellter?

Kurz entschlossen lenkte Sally den Wallach zu dem Fremden, der sie interessiert musterte. Seine wachen, unerhört blauen Augen faszinierten sie, eine seltsame Erregung erfasste sie, und irgendwie war es ihr wichtig, dass er sie attraktiv fand.

Ein dummer Wunsch. Sie mochte die Figur einer erwachsenen Frau haben, aber sie war erst vierzehn. Und ihn schätzte sie auf Mitte zwanzig … viel zu alt für sie! Doch da war etwas in seinen Augen – ein wissender, erfahrener Ausdruck, der ihr unter die Haut ging.

„Wer sind Sie?“ Irgendetwas drängte sie, alles über ihn zu erfahren.

Amüsiert lächelte er, und unwillkürlich fragte sie sich, wie es sein müsste, wenn er sie küsste. Sinnliche Lippen hatte er –, würde er sie sanft oder leidenschaftlich küssen? Er kam ihr wie ein Held aus den Liebesromanen vor, die sie förmlich verschlang.

„Wer sind Sie?“, antwortete er mit einer Gegenfrage.

Sein amerikanischer Akzent überraschte sie. Dunkle, sympathische Stimme …

„Ich bin Sally Maguire“, erwiderte sie stolz. Nun dürfte er beeindruckt sein. Schließlich war sie die Tochter eines Mannes, der in Australien zur lebenden Legende geworden war.

„Aha …“ Das klang gar nicht bewundernd, er war keineswegs beeindruckt. Bildete sie sich zu viel ein?

„Schönes Pferd“, bemerkte er. „Sie beherrschen es gut. Reiten Sie schon lange?“

Sally nickte, auf einmal fühlte sie sich unbehaglich. „Dad hat mir ein Pony geschenkt, als ich fünf war.“

„Dann hat er Ihnen dieses sicher auch gekauft?“

Der spöttische Ton war jetzt nicht mehr zu überhören.

„Wer sind sie?“, wiederholte Sally etwas schärfer. „Was tun Sie hier?“

Er zuckte die Schultern. „Ich sehe mich nur mal um.“

„Dies ist Privatbesitz. Wenn Sie hier nichts zu tun haben, dürfen Sie das Gelände nicht betreten.“

„Tja, ich bin geschäftlich hier. Es geht um etwas Persönliches.“ Durchdringend sah er sie an. „Ich warte, bis mein Vater nach Hause kommt.“

Von den Angestellten hatte keiner einen Sohn, der wie er aussah, dessen war Sally sicher. „Wer ist Ihr Vater?“

„Ihrer.“

Vor Schreck war sie einen Moment lang sprachlos. Das durfte nicht wahr sein! Oder doch? War dieser Fremde ein unehelicher Sohn, den er offiziell nicht anerkannt hatte? Er sah ihrem Vater nicht ähnlich … bis auf die blauen Augen, die von einem noch strahlenderen Blau waren.

„Ich weiß nichts von Ihnen“, platzte Sally heraus. Wer immer der Mann war, er wollte Ärger machen!

„Das überrascht mich nicht“, erwiderte er verächtlich. „Lady Ellen möchte offenbar nicht wahrhaben, dass es mich gibt.“

Er hasste ihre Mutter, das sah, hörte und spürte Sally.

„Wahrscheinlich weiß sie auch nichts von Ihnen“, gab sie pikiert zu bedenken.

Doch er schüttelte den Kopf. „Sie scheinen ziemlich abgeschirmt zu leben, Sally Maguire!“ Herausfordernd blickte er ihr in die Augen und setzte hinzu: „Warum fragen Sie Lady Ellen nicht selbst nach der Ehe, die sie zerstört hat, und dem Jungen, von dem sie nichts wissen wollte?“

„Welcher Ehe?“

„Leonard Maguires erster Ehe mit meiner Mutter“, erklärte er sachlich.

Wie versteinert sah Sally ihn an und versuchte, das Gehörte zu verarbeiten. Wenn der Mann die Wahrheit sagte, war er kein unehelicher Sohn, sondern der erstgeborene leibliche eheliche Sohn und Erbe ihres Vaters –, im Gegensatz zu ihr und ihrer jüngeren Schwester, die er nur adoptiert hatte. Ihre eben noch heile Welt schien einzustürzen.

„Waren Sie schon im Haus?“ Panik überkam sie, als sie begriff, dass jetzt nichts mehr wie früher sein würde.

„Noch nicht.“

„Weiß meine Mutter, dass Sie hier sind?“

„Das weiß sie schon. Aber Lady Ellen war nicht bereit, mich zu sprechen. Mehr noch, sie hat mich nicht mal das Tor passieren lassen. Was halten Sie davon, Sally Maguire?“ Spöttisch neigte er den Kopf leicht zur Seite und wartete auf ihre Reaktion. „Sie sitzen auf einem edlen Pferd, genießen es, zu reiten und auf der ganzen Linie verwöhnt zu werden.“ Er deutete zu den Stallungen. „Und ich werde daran gehindert, auch nur den Fuß auf das Land meines Vaters zu setzen.“

Das war ungerecht.

Das durfte nicht sein.

Sally schoss das Blut in die Wangen, beschämt schwieg sie. Doch letztlich hatte sie nur das Wort dieses Mannes, dass er die Wahrheit sagte. Sie hatte keine Ahnung, was in der Vergangenheit gewesen war … ehe sie und ihre Schwester geboren und von ihrem Vater adoptiert worden waren. Vielleicht hatte ihre Mutter einen guten Grund, ihm den Zutritt zur Ranch zu verweigern.

„Was wollen Sie?“, fragte Sally beunruhigt. Der Mann wäre nicht hergekommen, wenn er nicht etwas im Schilde führen würde.

„Ich hatte meinen Vater nur sieben Jahre lang, Sie fast doppelt so lang. Finden Sie das nicht etwas ungerecht?“

„Wieso? Sie sind erwachsen. Jahre, die vergangen sind, kann man nicht zurückholen“, hielt sie dagegen. Er wusste also, wie alt sie war! Nicht zu fassen, dass er diese Information hatte, während sie keine Ahnung hatte, wer und was er war.

„Stimmt.“ In seinen Augen erschien ein harter Ausdruck. „Aber ich muss auch an die Zukunft denken.“

Also wollte er tatsächlich Ärger machen! „Und was ist mit Ihrer Mutter?“, schleuderte Sally ihm entgegen, um die Situation zu entschärfen. „Sie dürfte Sie doch mitgenommen haben. Wo ist sie jetzt?“

„Tot“, erwiderte er mit ausdrucksloser Stimme.

Das klang beängstigender als alles andere. „Tut mir leid, dass Sie sich“, sie suchte nach den richtigen Worten, „verlassen vorkamen.“

Ohne Eltern, ohne Familie musste er sich schrecklich gefühlt haben.

„Ich wurde nicht abgeschoben, sondern von Ihnen und ihrer ebenfalls adoptierten Schwester verdrängt.“

„Das wusste ich nicht. Und Jane auch nicht“, gab sie hilflos zu bedenken.

Es war nicht ihre Schuld. Dennoch hatte sie Schuldgefühle. „Ich werde mit meiner Mutter reden“, erbot sie sich. Zu aufgewühlt, um sich weiter mit ihm zu unterhalten, lenkte sie den Wallach an ihm vorbei. Wieso hatte ihre Mutter ihn weggeschickt?

„Das dürfte ein interessantes Gespräch werden“, bemerkte er ironisch. „Schade, dass ich nicht Mäuschen spielen kann.“

Um dem eindringlichen Blick ihres angeblichen Halbbruders zu entkommen, galoppierte sie davon, dabei spürte sie seinen Blick im Rücken. Am Ausgang der Koppel musste sie absteigen, um das Tor zu öffnen, und konnte der Versuchung nicht widerstehen, noch einmal zurückzublicken. Er hatte sich nicht von der Stelle bewegt, sah sie mit zusammengekniffenen Augen finster, fast anklagend an.

„Sie haben mir Ihren Namen noch nicht verraten!“, rief sie zurück und wünschte, er hätte etwas … Brüderliches an sich.

„Maguire“, erinnerte er sie ironisch. „James Jack Maguire. In manchen Kreisen als Blackjack bekannt. Für manche ist er ein Albtraum.“

Der Name sollte Sally noch lange Zeit verfolgen. Zehn Jahre gingen ins Land, ehe sie James Maguire wiedersah. Erst zehn Jahre später erschien er wieder auf der Ranch, um die Früchte des Bösen zu ernten, die an diesem Tag gesät worden waren.

Scharf blickte James ihr nach. Sie brachte ihr Pferd nicht in den Stall, sondern galoppierte direkt den Hang hinauf, als wären alle Höllenhunde hinter ihr her. Die untergehende Sonne überzog die Wolken mit rotgoldenen Rändern und tauchte das mächtige weiße Anwesen in ein unwirkliches Licht. Er konnte nur hoffen, dass Sally Maguire mit ihren Fragen nach ihm möglichst viel Seelenqual verbreitete.

Es wurde Zeit, zum Wagen zurückzukehren, ehe Lady Ellen die Hunde auf ihn hetzte. Er hätte dem Mädchen nicht so viel verraten sollen, aber irgendwie hatte er seinem Zorn Luft machen müssen, nachdem er einfach weggeschickt worden war.

Verteufelt hübsch war das Mädchen! Faszinierende jadegrüne Augen und eine makellose Haut hatte sie, und wie sie errötet war …

Zu gern hätte er sie von ihrem hohen Ross heruntergeholt, ihr die dunklen Seiten ihrer privilegierten Welt gezeigt. Ihr hatte das Schicksal zu viel geschenkt, ihm zu wenig, darauf lief es hinaus.

Er war gekommen, um die Lage zu sondieren. Nun wusste er, woran er war. Jetzt galt es, sich eine Strategie zurechtzulegen, die ihn ans Ziel brachte.

Eins stand fest.

Was immer es kostete, eines Tages würde er abrechnen.

1. KAPITEL

Wie erstarrt blickte Sally auf den Sarg ihres Vaters. Irgendwie konnte sie noch immer nicht fassen, dass er tot war, dahingerafft durch einen tödlichen Herzinfarkt. Ohne jede Vorwarnung. Soweit sie sich erinnern konnte, war er nie krank, immer voller Kraft und Energie gewesen. Schmerz und Trauer über seinen plötzlichen Tod machten sie benommen. Und vielleicht war das gut so, denn ihre Mutter hatte sie und Jane ermahnt, während der Beerdigung Fassung zu bewahren.

Schließlich standen sie im Blickpunkt der gesamten Öffentlichkeit.

Sie mussten sich Ihres Vaters würdig erweisen.

Dieser Tag gehörte Sir Leonard Maguire.

Vor der Kathedrale hatten sich Fernsehteams aufgebaut, um das Eintreffen seiner Familie zu filmen. Außerdem waren da all die wichtigen Leute, die ihm die letzte Ehre erweisen wollten: Politiker, Wirtschaftsbosse, die gesamte Renngemeinde. Sally konnte sie hinter sich Platz nehmen hören, sie schoben sich in die Kirchenbänke, begrüßten einander in gedämpftem Ton.

Auf der anderen Seite des Ganges saßen die leitenden Angestellten seiner Firma – seiner zweiten Familie –, die seine Träume von einem Transportimperium und seine Großprojekte umsetzen geholfen hatten. Mit ihnen hat Dad weit mehr Zeit verbracht als mit uns, dachte Sally. Sein unerwarteter Tod musste die Leute schwer getroffen haben. Sie trauerten nicht nur um ihren Chef, sondern mussten sich auch sorgen, wie es weitergehen sollte. Wer würde die Leitung der Firma jetzt übernehmen?

Sie unterdrückte einen Seufzer. Bisher waren sie und ihre Schwester behütet im Schutz unermesslichen Reichtums aufgewachsen, von den Geschäften ihres Vaters waren sie immer ferngehalten worden. Und jetzt wussten sie auf einmal nicht, was werden sollte, kamen sich wie entwurzelt vor.

Vielleicht hatte ihr Vater in seinem Testament für sie gesorgt. Am nächsten Tag waren sie in die Kanzlei seines Anwalts bestellt, wo sein Testament verlesen werden sollte. Ihre Mutter war wütend, weil Victor Newell, der langjährige Rechtsberater ihres Vaters, sich geweigert hatte, nach Yarramalong zu kommen. So mussten sie morgen erneut in die Stadt fahren. Trotz heftiger Ausbrüche ihrer Mutter am Telefon war der Anwalt hart geblieben. Er folge nur Sir Leonards Anweisungen, hatte er betont. Nicht einmal ihre Mutter konnte sich dem eisernen Griff entziehen, mit dem ihr Vater alles kontrolliert hatte.

Unwillkürlich musste Sally an James Maguire denken. Trotz allem, was ihre Eltern ihr erzählt hatten, konnte sie sich kaum vorstellen, dass seine Mutter ihn dem Mann entfremdet hatte, der jetzt im Sarg lag. Ihr Vater hatte ihn aus einem triftigen Grund aufgeben müssen, etwas anderes konnte sie sich nicht vorstellen, da er nie versucht hatte, seinen Sohn zurückzuholen. Das war die einzig denkbare Erklärung für James Maguires Fernbleiben.

Jetzt ist es für ihn zu spät, um sich mit seinem Vater auszusöhnen und in den Schoß der Familie zurückzukehren, dachte Sally traurig.

Bei ihrer einzigen kurzen Begegnung hatte er großen Eindruck auf sie gemacht. Oft hatte sie sich gefragt, wie er mit dem Verhalten seines Vaters fertig geworden sein mochte. Es musste ihn tief getroffen haben. Dennoch hatte dieser persönliche Schlag James nicht davon abhalten können, selbst erfolgreicher Unternehmer zu werden. Vielleicht hatte er ihn sogar erst dazu getrieben …

Ab und zu hatte Sally in den Zeitungen über James und seine erfolgreichen Geschäfte gelesen. Auf Fotos hatte er nie gelächelt, nicht einmal, wenn er auf Prominentenpartys mit schönen Frauen abgebildet war. Irgendwie blickte er stets ernst drein, vielleicht, weil er keine Familie hatte und einsam war.

Jetzt würde er nie erleben, dass sein Vater ihn liebevoll in die Arme schloss. Die Medien hatten sich in den letzten Tagen unermüdlich mit Sir Leonards Leben und seinem unerwarteten Tod beschäftigt –, also musste James davon erfahren haben. Als entfremdeten Sohn hatten sie ihn bezeichnet. Was für eine kalte Bezeichnung! Als seine vergötterte Adoptivtochter hatten sie erneut Schuldgefühle überkommen.

Die Orgelmusik schwoll ab und verstummte. Sally blickte auf die Uhr. Jetzt müsste der Trauergottesdienst beginnen. Der Bischof von Sydney würde jeden Moment aus der Sakristei kommen, um die Zeremonie einzuleiten. Die Anwesenden verstummten.

Leise Schritte eines Verspäteten ertönten auf dem Gang. Wer immer der Mann war, man schien nicht mit ihm gerechnet zu haben, denn Flüstern und Geraune breiteten sich unter der Trauergemeinde aus. Die Schritte kamen näher … bis zur ersten Bankreihe.

War das der Bischof? Aus dem Augenwinkel bemerkte Sally, dass ihre Mutter sich leicht umdrehte –, was sie ihren Töchtern verboten hatte.

Der Ankommende trug einen schwarzen Anzug, dazu eine dunkelblaue Krawatte. Mitten auf dem Gang blieb er direkt neben ihnen stehen, und Sally hörte ihre Mutter scharf einatmen. Nun konnte auch Sally nicht mehr an sich halten. Unauffällig beugte sie sich vor, um zu sehen, wer der Mann war.

Schockiert hielt sie inne.

James Maguire!

Seine markanten Züge wirkten grimmig entschlossen, er richtete die kalten blauen Augen feindselig auf ihre Mutter, die sich schnell abwandte. Ein spöttisches Lächeln überflog seine Lippen, als er Sally entdeckte, die ihn nur fassungslos anstarren konnte.

Einen Moment lang blickten sie sich stumm in die Augen, und ihr wurde heiß, dann nickte er, als würde ihre Reaktion ihm gefallen, und ging weiter. Ruhig bahnte er sich seinen Weg zur ersten Reihe auf der anderen Seite des Ganges und setzte sich. Komisch, aber dort hatte man für ihn offenbar einen Platz freigehalten, keiner der Führungskräfte ihres Vaters hatte ihn eingenommen.

Schließlich war er Leonard Maguires Sohn.

Betrachtete man ihn als seinen Erben?

Das Ganze ergibt keinen Sinn, dachte Sally. Die beiden hatten doch jeden Kontakt abgebrochen …

Oder nicht?

Volltreffer!, dachte James zufrieden. Allein schon der Schock, das Entsetzen auf Lady Ellens Gesicht waren die kleine Inszenierung wert. Hatte die Frau doch die Frechheit besessen, ihm brieflich mitzuteilen, dass seine Anwesenheit bei Sir Leonards Beerdigung unerwünscht sei. Hoffentlich setzte sein Erscheinen der hinterhältigen Person so zu, dass sie die Fassung verlor.

Wie einem Modejournal entstiegen, saß sie da, den eleganten schwarzen Hut kunstvoll auf dem strähnchendurchzogenen honigblonden Haar, die großen braunen Augen leicht überschattet, um den Eindruck einer tief Trauernden zu erwecken. Sie trug ein schwarzes Designerkostüm, das ihre makellose Figur wie eine zweite Haut umschloss, dazu eine Perlenkette. Mitte vierzig dürfte sie inzwischen sein, doch das Leben in Luxus hatte sicher dazu beigetragen, dass sie höchstens wie dreißig wirkte. Das achtzehnjährige Nymphchen, dem sein Vater ins Netz gegangen war, hatte sich gut gehalten.

Das wird ihr jetzt schwerer fallen, schwor James sich.

Ein tolles Trio gaben sie ab, die Maguire-Damen –, die Blonde, die Rothaarige und die Brünette. Auf Jane hatte er nur einen kurzen Blick erhascht, sie saß etwas weiter entfernt neben Sally in der Bank. Mit ihrem dunklen Haar, den braunen Augen und der olivfarbenen Haut wurde Jane vom Glanz ihrer älteren Schwester überstrahlt, die in den zehn Jahren noch schöner geworden war: herrliche rotblonde Locken, makellose Haut, faszinierende jadegrüne Augen … James musste sich eingestehen, dass Sally zu einer Frau herangereift war, die urtümliche Regungen in ihm weckte.

Er wollte mit ihr schlafen.

So oder so würde er sie vielleicht ins Bett bekommen.

Die bloße Vorstellung brachte sein Blut in Wallung.

Sally bekam nicht viel von der Trauerfeier mit. Ihre Gedanken kreisten um James Maguire. Was hatte er vor? Wollte er einfach nur bei der Beerdigung seines Vaters dabei sein und öffentlich demonstrieren, dass er Leonard Maguires Sohn war, der sich von seinem Vater verabschieden wollte? Eine Beerdigung war ein Abschied für immer.

Ihre Mutter hielt die Hände nicht mehr im Schoß gefaltet, sondern krallte die Finger ineinander. Natürlich würde sie keinen Skandal riskieren, indem sie James Maguire wegen seines frechen Auftauchens in der Kirche zur Rede stellte, aber in ihr brodelte es, das sah Sally ihr an. Wenn sie nach Hause kamen, würde ihre Mutter einen ihrer berühmten Wutanfälle bekommen, wie stets, wenn etwas nicht so lief, wie sie geplant hatte. Für ihre Mutter musste alles perfekt sein, und James Maguire stellte einen dicken schwarzen Klecks auf ihrem Bilderbuchleben dar.

Blackjack … der Mann, der für manche ein Albtraum war.

Sally hatte ihn nie vergessen können. Bis in ihre Träume hatte er sie verfolgt. Die Vorstellung, dass er irgendwo da draußen war und im Gegensatz zu ihr nichts von ihrem Vater bekam, hatte sie die ganze Zeit belastet.

Heute war er nicht mehr dort draußen.

Er war hier.

Und alle schienen sich unbehaglich zu fühlen.

Hymnen wurden gesungen, Gebete gemurmelt, Lobpreisungen wiederholt. Der Gottesdienst lief wie geplant, bis zum dem Moment, als alle aufstanden, um dem Sarg zu folgen, der gemäßigten Schrittes aus der Kirche getragen wurde. Als Erste verließ ihre Mutter ihren Platz.

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