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Ein gutes Mädchen

Obwohl die Ereignisse um Amanda Knox den Anstoß zu diesem Roman gegeben haben, sind sämtliche Handlungen frei erfunden. Keine der Figuren ist real. Nichts davon hat sich je wirklich abgespielt. Nichts in diesem Buch sollte als Bericht über tatsächliche Begebenheiten oder Personen gelesen werden.

Ich war der Schatten eines Seidenschwanzes,

Erschlagen vom falschen Blau der Fensterscheibe.

Vladimir Nabokov, Fahles Feuer

(Aus: Vladimir Nabokov, Gesammelte Werke, Band 10, Rowohlt Verlag, Reinbeck 2008)

Inhaltsübersicht

Teil 1

Erstes Kapitel: Februar

Zweites Kapitel: Februar

Drittes Kapitel: Januar

Viertes Kapitel: Januar

Fünftes Kapitel: Januar

Sechstes Kapitel: Februar

Siebtes Kapitel: Februar

Achtes Kapitel: Januar

Neuntes Kapitel: Februar

Zehntes Kapitel: März

Elftes Kapitel: Februar

Zwöltes Kapitel: März

Dreizehtes Kapitel: Februar

Vierzehtes Kapitel: Februar

Teil 2

Fünfzehntes Kapitel: Februar

Sechzehntes Kapitel: März

Siebzehntes Kapitel: März

Achzehntes Kapitel: März

Neunzehntes Kapitel: Mai

Informationen zum Buch

Über Jennifer duBois

ERSTES KAPITEL

Februar

Pünktlich um sieben Uhr morgens Ortszeit landete Andrews Flugzeug in EZE. Der Sonnenball stand monströs hinter dem Fenster und blutete orangefarbenes Licht durch die flirrende Hitze. Andrew war noch immer benommen von den beiden Valium und den zwei Gläsern Wein – das absolute Minimum, das er inzwischen zum Fliegen brauchte, überallhin, überallher, doch für hier, für dies hier erst recht. Die Ironie dessen, ein Professor für internationale Beziehungen zu sein, der höllische Angst vor Auslandsreisen hatte, entging ihm nicht (Ironie entging ihm nie), doch so war es nun einmal. Und daran konnte auch die – seit je konstatierte und nun auch verinnerlichte – Erkenntnis nichts ändern, dass die Dinge, die schieflaufen, meist nicht die sind, über die man sich bereits Gedanken gemacht hat.

Andrew tippte Anna auf die Schulter, und sie fuhr hoch. Er sah zu, wie ihr entglitt und wieder einfiel, was los war. Er war froh, dass er sie nicht daran erinnern musste. Sie zog sich die iPod-Kopfhörer aus den Ohren – Andrew schnappte ein paar gedämpfte Fetzen Ambient-Musik auf; wie blutleer die heutige Musik oft war: Wollten diese Kids denn gar nichts, waren sie nicht verrückt nach irgendwem? – und stellte die Musik ab. Sie hatte die Reise ziemlich gut überstanden – ihr feines Haar war zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden; ihr Matrosenshirt, bei den Studenten gerade sehr in Mode, war kaum zerknittert. Sie nahm alles mit Fassung. Sie ahnte nicht, wie beängstigend das für ihn war.

»Dad. Du musst blinzeln«, sagte sie.

Andrew blinzelte gequält.

»Tut deine Hornhautverletzung weh?«

»Nein.« Sie tat ständig weh. Während des Unterrichts hatte er sich einmal bei einer besonders nachdrücklichen Bemerkung zu russischem Cyberterrorismus in Estland ins Auge gestochen und zur Augapfelnarkose in die Notaufnahme gemusst. Seitdem schmerzte sein Auge, morgens oder wenn er im Flugzeug saß oder müde oder gestresst war, was von nun an bis auf weiteres dauernd der Fall sein würde.

»Sehen wir Lily heute?«, fragte Anna.

Andrew fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Seine Augen schmerzten so sehr, dass sie fast tränten. Von der Ostküste gab es nur einen Argentinienflug am Tag, und das nur von D. C., und es war schier unmöglich, in weniger als sieben Stunden nach D. C. zu kommen. Andrew hatte einfach nicht früher hier sein können. »Vielleicht nicht heute«, antwortete er.

»Sieht Mom sie, wenn sie kommt?«

»Hoffentlich.« Seine Stimme brach, und Anna warf ihm einen alarmierten Blick zu. »Hoffentlich«, wiederholte er, um zu zeigen, dass seine Heiserkeit nicht Rührung, sondern Müdigkeit geschuldet war.

Draußen war Sommer, genau wie Andrew es erwartet, wenn auch nicht wirklich geglaubt hatte. Anna schüttelte sich aus der Jacke und zog, vom Kerosingestank angewidert, die Nase kraus. Im Flughafenterminal wimmelte es von Reisenden. Andrew bot Anna an, ihr ein Sodawasser zu kaufen, doch als er die Zeitungen am Kiosk sah, ließ er gleich wieder davon ab – obwohl sich seine Spanischkenntnisse auf die dürftige Ausbeute kultureller Osmose und rudimentäres Latein beschränkten, war es verstörend einfach und geradezu unvermeidbar, den Kern der Schlagzeilen zu erfassen. Unter allen Umständen wollte er Anna davor bewahren. Obwohl sie die Anklage in groben Zügen kannte, war es ihm – so meinte er zumindest – gelungen, ihr das Schlimmste zu ersparen. In den Staaten sickerte die Geschichte erst allmählich durch, und Andrew verbrachte Stunden im Netz, um die Berichterstattungen zusammenzuklauben: Die Darstellungen von Lily als hypersexuell, instabil, verdorben; die widerlichen Anspielungen auf ihre romantische Eifersucht und Wut; die Schilderungen ihres arroganten, überzogenen Atheismus. Die Tatsache, dass sie nicht geweint hatte – weder nach Katys Ermordung noch während der Verhöre; im Internet wurde so heftig darauf herumgeritten, dass Andrew »Sie ist eben keine Heulsuse! Sie heult halt nicht, verdammt noch mal!« in den Computer gebrüllt hatte. Und dann die schlimmste und militanteste Fehlinformation von allen: Die Tatsache, dass der Fahrer eines Lieferwagens Lily am Tag nach der Ermordung mit Blut im Gesicht aus dem Haus hatte stürzen sehen. Es spielte keine Rolle, dass sie Katy gefunden hatte, sich beherzt über sie gebeugt und vergebliche Wiederbelebungsversuche unternommen hatte. Die Journalisten pfiffen darauf, und Andrew bezweifelte, dass sich daran etwas ändern würde. Ihm begann zu dämmern, auf was für eine Geschichte sie aus waren.

Mit der Ausrede, erst einmal aus dem Flughafen rauszukommen und dann ein Sodawasser zu kaufen, manövrierte Andrew Anna (recht geschickt, wie er fand) Richtung Gepäckausgabe, wo sie eine Viertelstunde schweigend auf ihre Sachen warteten. Als Andrew den Koffer vom Band wuchtete, trat er versehentlich einem androgynen Teenager auf den Fuß.

»Permiso«, murmelte er dem Teenager zu, der ein T-Shirt mit der Aufschrift SORRY FOR PARTYING trug. Er spürte, wie sich Anna neben ihm versteifte. Andrew legte Wert darauf, sich egal, wo er war, zumindest korrekt entschuldigen zu können, doch Anna hasste es, wenn er versuchte, etwas anderes außer Englisch zu sprechen. Vorletzten Sommer, in einem anderen Leben, war er drei Monate auf Recherche in Bratislava gewesen – sein Gebiet war die Entwicklung postsowjetischer Demokratien, auch wenn seine Arbeit mit deren Fortschritt zunehmend an Brisanz einbüßte – und hatte sich danach mit den Mädchen zu einer Woche voller Schlösser, Brücken und Bier in Prag getroffen. Anna war jedes Mal zusammengezuckt, wenn er den Mund aufgemacht hatte und ein paar Brocken Tschechisch losgeworden war, die ihm von seinen drei Tschechischsemestern am College hängengeblieben waren. »Dad, die sprechen Englisch.« – »Tja, und ich spreche Tschechisch.« – »Nein, tust du nicht.« – »Es ist nun mal höflich, Menschen in der Landessprache anzureden.« – »Nein, ist es nicht.« Und so weiter. Lily hingegen hatte sich von ihm so viel Tschechisch wie möglich beibringen lassen und dann wahllos damit um sich geschleudert – falsch ausgesprochen und sinnentleert hatte sie den Verkäufern einen saloppen Gruß zugeworfen, die sich nicht anmerken ließen, dass Lily sie eigentlich gerade vor den Kopf gestoßen hatte, und ihren fraglos guten Willen meist mit einem Lächeln quittierten. Andrew hatte immer geglaubt, Lilys Herzlichkeit und ihre zupackende Art wären weltweit verständlich und würden sie schützen. Doch offenbar war dem nicht so.

Das Taxi brachte Andrew und Anna an Obstständen, schäbigen Bars und knatternden Motorrädern vorbei. Im Dunst der Hitze waren gedrungene, verschachtelte Barrios zu sehen, Wäscheleinen mit bunten Kleidungsstücken, hier und da ein Wellblechdach, das in der Sonne gleißte. Die Straßen waren in einem leidlichen Zustand; insgesamt schien die Infrastruktur einigermaßen in Schuss zu sein. Andrew bemerkte zwischen Häuser geklemmte Satellitenschüsseln, die aussahen wie versprengte Überbleibsel eines Raumschiffwracks. Ein großer, mit Mauern und Stacheldraht umgebener und von zwei Sicherheitsmännern mit Walkie-Talkies bewachter Gebäudekomplex kam ins Blickfeld. Andrew reckte den Hals, um zu erkennen, ob es das Gefängnis war, doch es war nur eine Luxus-Wohnsiedlung.

»Es ist alles geschlossen«, bemerkte Anna. Sie sah starr aus ihrem Fenster.

»Es ist Sonntag. Ist nun mal ein sehr katholisches Land.«

»Echt schade, dass dein Fachgebiet nicht Lateinamerika ist.«

Andrew musterte Annas Hinterkopf. In letzter Zeit hatte sie angefangen, kryptische, betont neutral klingende Feststellungen von sich zu geben, von denen Andrew inständig hoffte, es möge sich nicht um erste Anzeichen von Zynismus handeln.

»Ich meine, dann könntest du hier nebenher arbeiten.«

»Na, ich weiß nicht.« Eine jähe Übelkeit erfasste ihn, ausgelöst von diesem seltsamen neuen Schicksalsschlag. Natürlich war es völlig unmöglich, dass Lily irgendwie in die Sache verwickelt war; Andrew war dermaßen davon überzeugt, dass ihm die Situation anfänglich nicht katastrophal erschienen war. Die Anklage war so entsetzlich, so haarsträubend und so offenkundig und eindeutig aberwitzig, dass er beinahe gelacht hätte, als er davon erfuhr. Nicht, dass er sich nicht das eine oder andere vorstellen konnte, für das man Lily zu Recht verhaften könnte. Vor ihrer Abreise hatten er und Maureen ein paar ernste Gespräche mit ihr geführt – hauptsächlich über Lateinamerikas knallharte Drogengesetze und die laxen sexuellen Sicherheitsstandards. Sie hatten ihr eine riesige Schachtel Kondome mitgegeben, eine Großpackung für Krankenhäuser oder Musikfestivals, dachte Andrew – eine Packung in der Größenordnung konnte unmöglich für einen einzigen Menschen bestimmt sein. Andrew mochte sich gar nicht vorstellen, wie viel Sex seine Tochter haben musste, um sie leer zu kriegen. Trotzdem hatten er und Maureen tapfer und erwachsen diese Unterhaltung geführt (sie legten ja so viel Wert auf Pragmatismus! Und auf gemeinsame Erziehung!) und Lily dann tapfer und erwachsen mit dieser Packung losgeschickt. Und Andrew war ständig in Sorge um sie – dass sie gekidnappt, zur Prostitution gezwungen, geschwängert, vergewaltigt, mit irgendwelchen grauenhaften Geschlechtskrankheiten infiziert, wegen Marihuanakonsum verhaftet, zum Katholizismus übergetreten oder von einem öläugigen Vespafahrer umgarnt worden sein mochte. Er machte sich Sorgen, sie könnte zu wenig Freunde finden oder zu viele. Er machte sich Sorgen, ihr Notendurchschnitt könnte leiden. Er machte sich Sorgen, sie könnte von Insekten zerstochen werden. Andrew machte sich so viele Sorgen, dass er, als Maureens Anruf kam – am helllichten Tag hatte sie mit halberstickter Stimme eine Nachricht auf seinem Büroanschluss hinterlassen –, einen metallischen Geschmack im Mund hatte, so sicher war er sich, dass etwas Schicksalhaftes passiert war. Und als er erfuhr, dass Lily im Gefängnis saß, brachen düstere Visionen von Drogenmissbrauch, Antiamerikanismus und politischer Revanche über ihn herein. Er konnte sich genau vorstellen, wie Lily auf alle wirkte (naiv und zweifellos privilegiert), und noch genauer, was der Anreiz war, sie hart zu bestrafen.

Als sich zeigte, dass die Anklage nicht auf Drogen lautete – weder auf Drogen noch auf Schwarzfahren in der U-Bahn (hatte Buenos Aires überhaupt eine U-Bahn?) oder auf unbefugtes Betreten eines Grundstücks, während sie in die Sterne guckte, oder auf sonst eines der zahllosen, gedankenlosen Vergehen, die er seiner Tochter zugetraut hätte –, war Andrew vor allem erleichtert. Eine Anklage wegen Mordes war geradezu lachhaft abwegig und somit keine echte Bedrohung.

Andrew hatte versucht, Lily sein Gefühl am Telefon zu vermitteln, als man ihr endlich, endlich einen Anruf gewährt hatte. »Mach dir keine Sorgen«, hatte er ihr über die lausige Verbindung gesagt. Es erschien Andrew absolut unerlässlich, Lily wissen zu lassen, dass sie ihre Unschuld ihnen gegenüber nicht beteuern musste. Ihre Unschuld sowie der spätere Freispruch mussten die selbstverständliche, allenfalls nebenbei und ohne weitere Erklärungen erwähnte Voraussetzung all ihrer Interaktionen sein. »Ich weiß«, hatte er gesagt, »wir wissen es alle.«

»Ihr wisst was?«, hatte sie aus weiter Ferne zurückgeblafft.

Doch jetzt, in dem überhitzten Taxi, hinter dessen Fenstern Fetzen von Buenos Aires aufblitzten, fing Andrew an, sich Fragen zu stellen. Er fragte sich, ob diese Katastrophe wohl der Größenordnung der anderen Katastrophen entsprach; er fragte sich, ob sie sich zu diesen Katastrophen gesellen und mit ihnen einen Dreiklang bilden würde, der sein Leben wie römische Säulen trug. Als Erstes – Wichtigstes, Unüberwindbarstes – war da der Tod von Janie, ihrer ersten Tochter, die mit zweieinhalb Jahren an aplastischer Anämie gestorben war. Diese Tragödie sollte alle anderen Tragödien in den Schatten stellen, das Raster bilden, auf dem sämtlicher Kummer kartografiert wurde.

Im Vergleich dazu war die Scheidung eine Lappalie. Niemand war überrascht gewesen – nicht einmal er und Maureen –, auch wenn ihre eigene Einfallslosigkeit sie fraglos enttäuscht hatte. Und jetzt das. Das ist alles ein bisschen viel für ein Leben, dachte Andrew, obwohl er seine sozioökonomische Privilegiertheit, seine Gesundheit, sein männliches Geschlecht, die weiße Hautfarbe, seine Heterosexualität und seine amerikanische Staatsbürgerschaft und was nicht noch alles dagegenhalten musste; er gehörte lange genug der akademischen Welt an, um zu wissen, wie viel zu seinen Gunsten in der Waagschale lag und wie sehr er sich das stets aufs Neue klarmachen und wie ernsthaft er sich bemühen musste, sein Leben als Wiedergutmachung für die entscheidenden Unglücksfälle zu nehmen – und dennoch. Dennoch.

»Schau mal«, sagte Anna. Sie zeigte auf eine riesige, halb in sich zusammengesunkene Villa, die schon wieder hinter ihnen lag. »Glaubst du, da wohnt er

Andrew war sich nicht sicher, wer mit er gemeint war – vermutlich der reiche Junge, mit dem Lily eine fünfwöchige Liebschaft gehabt hatte –, aber er hätte sowieso nicht anders geantwortet. »Nein«, sagte er und tätschelte Annas Schulter, die ihm überraschend knochig erschien. Prüfend befühlte er seine eigene. »Und, geht’s noch, Kumpel?«, fragte er. Irgendwann während Annas Pubertät, als ihm allmählich klargeworden war, dass sie ihm von seinen Töchtern am wenigsten lieb war, hatte er angefangen, sie »Kumpel« zu nennen.

»Geht so«, sagte sie lahm. »Ich bin müde.«

»Im Hotel kannst du dich hinhauen.«

»Im Hotel muss ich laufen.«

»Oh. Stimmt.«

Anna war im Crosslauf-Team des Colby College – sie war zwar kein Star, aber bekannt für ihren Eifer – und war die ersten beiden Jahre jeden Tag gelaufen, selbst in den Ferien, selbst, wenn sie erkältet war. Die Lokalzeitung hatte einen Artikel über sie gebracht. Sie war fast in Tränen ausgebrochen – und es war das einzige Mal, dass sie fast in Tränen ausgebrochen war –, als Andrew ihr gesagt hatte, es komme verdammt noch mal nicht in die Tüte, dass sie während ihrer Reise joggen gehe. »Deine Schwester sitzt mit ›lebenslänglich‹ und du machst dir in die Hosen wegen deines Trainings? Jetzt mach aber mal halblang!« Er hatte gebrüllt. Es war ein schrecklicher Tag mit ihrem Anwalt Peter Sulzicki gewesen. »Du glaubst, du rennst durch die Straßen dieser Stadt? Es dauert keine fünf Sekunden, und du bist gekidnappt. Ich brauche nicht noch eine Tochter, die verhaftet oder tot ist.« Am liebsten hätte er sich sofort auf die Zunge gebissen. Um es wiedergutzumachen, hatte er Anna versprochen, ein Hotel mit Fitnessstudio zu finden. Doch würde diese Reise sowieso ihre Routine brechen.

Arme Anna. Sie liebte Lily, doch es musste ihr so vorkommen, als wäre immer Lily diejenige, bei der dauernd etwas los war und für die ständig Ausnahmen gemacht wurden. Umso ungerechter war es, dass Andrew Lily mehr liebte. Nicht viel mehr – aber wenn es um die Liebe zu den eigenen Kindern geht, lassen sich Unterschiede nicht unter den Teppich kehren, bedeutete es doch im Klartext, dass er Anna weniger liebte. Und das nur, weil Anna so harte Konkurrenz hatte: Janie, die einmalige Janie, war eine Tragödie, und Lily, die angehimmelte Lily, ein Wunder. Anna war zu ihrem dauerhaften Pech nur ein Kind gewesen.

Doch in diesem Moment überkam Andrew eine Welle der Zärtlichkeit für sie. »Hey«, sagte er und zupfte an ihrem Pferdeschwanz.

»Lass das, Dad.«

»Ich sag dem Zimmerservice, er soll uns was bringen, wenn du wiederkommst. Was Besonderes. Was ist hier noch mal so toll? Steak?«

Anna sah ihn ausdruckslos an. Wie hatte er ein Kind in die Welt setzen können, dessen Gesicht ihm ein solches Rätsel war? Er hatte dieses Gesicht gemacht. »Na ja«, meinte sie. »Da wir jetzt ja wohl jede Woche zwischen hier und Zuhause hin- und herfliegen und das für wer weiß wie lange, solltest du dein Geld vielleicht lieber zusammenhalten, oder?«

Sie hatte nicht unrecht. Andrew versuchte nicht darüber nachzudenken, wie lange der ganze Ärger mit Lily andauern würde, doch selbst, wenn alles denkbar glatt liefe, wäre das vermutlich sehr, sehr lange. Es würde seine Altersvorsorge aufzehren, auch wenn er sich nie sonderlich auf den Ruhestand gefreut hatte, zumal jetzt nicht, da er allein war: Er hatte sich schon ausgemalt, wie er mit Ach und Krach über die Runden kam und sich im Unterhemd Rührei briet (er hatte nie Kochen gelernt, und nun ging ihm auf, wie blauäugig das gewesen war – insgeheim war er davon ausgegangen, niemals in die Verlegenheit zu kommen, es lernen zu müssen) und dabei Tag und Nacht BBC glotzte. Haargenau das war es, wohin einen das Geisteswissenschaftlerleben abzüglich des 401K-Pensionsfonds und zuzüglich einiger widernatürlicher Katastrophen brachte.

Zumindest konnte Andrew dankbar sein, dass er und Maureen bereits so vieles besprochen und sich über so vieles geeinigt hatten. Sie hatten sich geeinigt, dass sie das Außenministerium verständigen und die Medien kontaktieren würden; sie hatten sich geeinigt, dass sie eine Website ins Leben rufen und Spenden von Vielfliegermeilen und auch Geld annehmen würden, sollte es ihnen angeboten werden. Sie hatten sich geeinigt, eine Hypothek auf das Haus aufzunehmen, obwohl sie sich ebenso einig waren, dass sie es höchstwahrscheinlich irgendwann würden verkaufen müssen. (Eigentlich hatten sie es als Polster für eventuelle Engpässe in Annas und Lilys Leben behalten wollen, doch aus sowohl schrecklichen wie erfreulichen Gründen war dieser Zug definitiv abgefahren.) Sie hatten sich außerdem geeinigt, dass zunächst nur einer von ihnen nach Buenos Aires fliegen sollte: Natürlich wollten sie beide dort sein, doch man musste langfristig denken, und wenn sie sich wochenweise abwechselten, würde immer jemand bei Lily sein. Andrew hatte darauf bestanden, als Erster zu fahren, denn hätte Maureen den Anfang gemacht, hätte Lily sie nicht mehr fortgelassen. Aus tiefster Nachsichtigkeit hatte Maureen zugestimmt. Andrews stillschweigende Gegenleistung bestand darin, Anna mitzunehmen. Solcherlei kleine, praktische Zugeständnisse hatten die letzten acht lähmenden Jahre ihrer Ehe erträglich gemacht, in denen sie einfach weitermarschiert waren, kurz hintereinander Lily und Anna bekommen und auf dem Überleben des jeweils anderen bestanden hatten. Zumindest, bis die Mädchen in der Schule waren, war ihre Ehe mit der Trägheit weitergelaufen, die einen kreiselnden Körper in Schwung hält. Dann war die Sache ins Trudeln geraten und hoffnungslos bergab gegangen, und Andrew hatte sich das unpassende, aber hartnäckige Bild vom kopflosen Huhn aufgedrängt, das noch ein Weilchen herumrennt, ehe es tot umfällt. Trotzdem war Andrew dankbar für diese letzten Jahre und ein wenig stolz darauf. Normalerweise ließen sich Paare in solchen Situationen viel früher scheiden.

Andrew schluckte und versuchte sich in einem Lächeln. »Ich glaube, dieses eine Mal dürfen wir uns was gönnen, Kumpel.«

Im Hotel duschte Anna und ging mit nassen Haaren laufen. Andrew lag sieben Minuten lang auf dem Bett – er zählte mit –, dann setzte er sich auf, öffnete seinen Laptop und sah sich noch einmal die Fotos an, die Lily ihm geschickt hatte, ehe all das passiert war. Sie hatte haufenweise Obst fotografiert: Guaven und Bananen und seltsame Melonen, die wie Igel aussahen. Auf einem Foto stand Lily vor einer Kirche, und wieder verzog Andrew das Gesicht bei ihrem Outfit, einem weit ausgeschnittenen Top: Eines dieser billigen Fähnchen aus irgendeinem Schnäppchenmarkt. Die Frauen hier kleideten sich allesamt konservativ. War ihr das wirklich nicht aufgefallen? Es gab auch ein Foto von Lily und diesem toten Mädchen, Katy, die darauf genauso bezaubernd aussah wie auf allen anderen Bildern – sie war wirklich außergewöhnlich, mit aschblondem Haar und seltsam unergründlichen Augen. Ihre Schönheit war natürlich eine verheerende Neuigkeit. (»Das ist nicht gut«, hatte Peter Sulzicki gesagt und auf Katys Foto getippt. »Das ist ganz und gar nicht gut.«) Auf dem Bild saßen Katy und Lily lachend und Bier trinkend in irgendeiner Bar. Sie wirkten ziemlich einträchtig. Doch Andrew zuckte innerlich zusammen, wenn er daran dachte, was Lily in ihren E-Mails über Katy geschrieben hatte. »Wortspiele sind für Katy offenbar die höchste Form von Humor.« – »Abgesehen von ihren Zähnen ist Katy perfekter Durchschnitt.« – »Darf ich mal was zu ihrem Namen sagen? Katy Kellers. Was haben sich ihre Eltern dabei gedacht? Dass ihre Tochter einmal Nachrichtensprecherin im Lokalfernsehen wird?« Die E-Mails waren natürlich bereits in Umlauf, sie waren von den Lokalzeitungen zitiert und von scheinbar jedem Blogger des Universums geflissentlich weitergepostet worden. Andrew wusste, wie übel sie klangen. Die arrogante Geringschätzigkeit war nicht einmal das Schlimmste – das Schlimmste war die sich darin spiegelnde Haltung, dass Lily unmöglich Durchschnitt sein konnte, wenn sie für selbigen eine solche Verachtung hegte. Das Ironische daran war, dass Lily letztlich glatter Durchschnitt war – natürlich war sie intelligent und neugierig und ein bisschen leichtfertig und hatte die lästige Angewohnheit, alles im täglichen Leben auf ziemlich simple und militante Art philosophisch zu unterfüttern. Doch unterm Strich war all das normaler Durchschnitt für eine normale junge Studentin an einem normalen Neuengland-College. Lily trudelte mit dem Gefühl durchs Leben, alles bereits Existierende würde erst durch sie entdeckt – Nietzsche oder Sex oder dass es keinen Gott geben könnte oder Südamerika – natürlich war das völlig in Ordnung: Sie war einundzwanzig; es stand ihr zu. Und deshalb war es schier zum Verrücktwerden, wenn es in den Berichten hieß, Lily weiche extrem von der Norm ab. Sie war geradezu nervtötend stereotyp, und das umso mehr, als es ihr noch gar nicht recht bewusst war.

Auf einem Foto leckte Lily Salz von ihrer Hand; auf dem nächsten saugte sie an einer Zitrone. Auf einem anderen war sie auf irgendeinen Hügel gekraxelt und zeigte sich in gespielter Siegerpose. Das nächste Bild war von dem dreibeinigen Hund. Das danach war der grauenhafte Schnappschuss von einer Kirchenkuppel, direkt von unten: weiße Strahlen ziehen sich durch die Architektur, das Gewölbe strahlt in blendendem Licht. Wie hätte ein einundzwanzigjähriges Mädchen dieses Foto nicht machen sollen? All diese Fotos. Ihre Banalität brach Andrew das Herz.

Er klappte den Computer zu und überlegte, was als Nächstes zu tun war. Bald würde Maureen anrufen. Morgen stand das erste Treffen mit den hiesigen Anwälten an. Und irgendwann wollte Andrew mit Lilys neuem reichen Freund reden – dieses generische »Freund« stieß Andrew auf. Ein von Maureen übernommener Euphemismus: Sie hatte so hartnäckig daran festgehalten, einen von Lilys unseligen College-Lovern als einen »Freund« vorzustellen, dass Lily mitten auf einer Dinnerparty ein dramatisches »Mom, er ist mein Geliebter!« vom Stapel gelassen hatte. Dieser Junge hier hieß Sebastien LeCompte, was in Andrews Ohren wie der Name eines Edelherrenausstatters klang – doch er durfte sich nicht beschweren: Wäre der Name nicht so exotisch gewesen, hätte Lily ihn niemals in voller Länge erwähnt. Und so albern der Name auch sein mochte: Sebastien LeCompte war der wichtigste Mensch des ganzen Universums. Mit ihm war Lily in der Nacht von Katy Kellers Ermordung zusammen gewesen. Andrew musste genau wissen, wie er sich dazu zu äußern gedachte. Sebastien LeCompte war nicht verhaftet worden – auch wenn das durchaus noch immer möglich war –, und Maureen und Andrew kreisten wie besessen um diese Tatsache und wussten nicht, wie sie sie einordnen sollten. Je nach Blickwinkel konnte sie vielversprechend (wenn Lily mit ihm zusammen gewesen war und die Polizei es nicht einmal für nötig befunden hatte, ihn festzunehmen, wusste sie vielleicht, dass die Sache auf tönernen Füßen stand) oder erschreckend (was hatte er den Beamten erzählt, um der Verhaftung zu entgehen?) oder einfach gut (wozu zwei unschuldige Kinder in den Knast werfen?) oder schreiend ungerecht erscheinen (wenn ein unschuldiges Kind im Knast landen musste, warum, zum Teufel, war es ihre Tochter und nicht dieses Arschloch?). Andrew brauchte Antworten, und das so schnell wie möglich. Also würde er Sebastien LeCompte aufsuchen, um sie zu bekommen.

Andrew hatte nicht vor, seinem Anwalt Peter Sulzicki davon zu erzählen, obgleich der ihm strenggenommen nur verboten hatte, mit den Kellers Kontakt aufzunehmen. In dem Punkt war Sulzicki sehr entschieden gewesen. Das war hart für Andrew, denn er konnte sich vorstellen, was die Kellers durchmachten; er wusste, dass ein Kind zu verlieren das Schlimmste war, was einem im Leben widerfahren konnte. Allerdings wusste Andrew nicht, was schlimmer war – es zu verlieren, wenn es weit weg war und man selber schlief, oder wenn man seinen winzigen Kopf mit der Hand umfing und spürte, wie der zarte Puls versiegte. Andrew hatte nie aufgehört, sich durch die Hierarchien des Schmerzes zu arbeiten und der Taxonomie des Leidens auf den Grund zu gehen. Er verachtete Menschen, die der Tod kaltließ, und er verabscheute Menschen, die ihre Erfahrungen mit sterbenden Verwandten auspackten, sobald er von Janie sprach (»Wen interessiert’s«, hätte er ihnen am liebsten ins Gesicht geschrien, »so läuft es nun mal«). Die einzigen Menschen, die er aufrichtig respektierte, waren die, deren Schmerz objektiv und unwiderlegbar schwerer wog als sein eigener. Da gab es beispielsweise diesen Mann in Connecticut, der bei einem Einbruch seine ganze Familie verloren hatte – Frau und zwei Töchter. Sie waren vergewaltigt und dann angezündet worden. Dieser Mann tat Andrew leid.

Und die Kellers: Von den Einzelheiten abgesehen, war ihr Verlust letztlich der seine. Es quälte ihn, nicht einmal eine Karte schreiben zu können. Für Maureen war das noch unerträglicher als für ihn. Auf Beileidskarten hatte sie immer großen Wert gelegt. »Das gehört sich nun mal so«, pflegte sie zu sagen und füllte eine für einen unbekannten Nachbarn oder eine längst vergessene Tante bestimmt Karte mit ihrer runden Schreibschrift. »Das wird nun einmal erwartet. Liebe drückt sich durch Pragmatismus aus. Es mag nur eine Karte sein, aber es ist auch das objektive Korrelat des erlittenen Verlustes.«

»Das objektive Korrelat?«, sagte Andrew dann. Maureen unterrichtete Englisch an der Highschool. »Ich dachte, wir hatten vereinbart, keine Arbeit mit nach Hause zu nehmen.«

Das Telefon klingelte, und Andrew stellte den Computer auf den Boden. »Hey«, sagte er.

»Du hast es geschafft«, sagte Maureen.

»Sieht ganz so aus.«

»Wie geht’s Anna?«

»Sie ist laufen.«

»Draußen?«

»Natürlich nicht.«

»Gut.«

Mit Maureen zu reden tat Andrew jedes Mal gut – nicht gerade typisch für Männer, die mit ihren Exfrauen sprachen, aber schließlich war es auch keine typische Scheidung gewesen. Ihre Scheidung hatte etwas zutiefst Optimistisches gehabt, dachte Andrew oft. Nach Janies Tod hatten sie alles daran gesetzt, den blutenden Krater im Herzen ihres Lebens zu stopfen; romantische Liebe oder deren Aufguss spielten keine Rolle mehr. Dass sie fast ein Jahrzehnt später erkannt hatten, dass sie nicht tot waren, dass ihr sexuelles Ich noch immer da war, dass die Vorstellung einer erwachsenen Beziehung, die nicht unwiederbringlich zerstört war, etwas Reizvolles für sie hatte – das war ein Lichtblick. Womöglich war es das Hoffnungsvollste, was sie seit Lilys Geburt überhaupt getan hatten. Es barg die Ahnung, dass sich die Dinge für sie beide zum Besseren wenden konnten. Auch wenn niemand anders es so sah und all ihre gemeinsamen Freunde Andrew wie Ödipus mit den ausgestochenen Augen behandelten, dessen Situation nicht weniger quälend war, nur weil sie vom Schicksal gewollt war.

»Nun«, sagte Maureen, »ich habe keine besonders tollen Neuigkeiten.«

»O Himmel«, sagte Andrew. Maureen war die Königin der Untertreibung.

»Es sieht so aus, als hätten sie womöglich mit demselben Mann geschlafen. Und sich womöglich deswegen gestritten.« Sie holte Luft; es klang, als söge sie sie durch die Zähne.

»Was?« Andrew stand auf, um die Neuigkeit besser verarbeiten zu können. »Wer? Dieser Sebastien-Typ?«

»Scheint so.«

Andrew ging ins Bad und knipste das Licht an. Sein Spiegelbild sah grauenhaft aus – zerzaustes Haar, tränende, rote Augen. Kaffee auf dem Kragen, auch wenn er sich nicht erinnern konnte, welchen getrunken zu haben. Es schien, als verschwänden seine Augen allmählich, genau wie sein Haaransatz. War das normal? Seine Augenhöhlen glichen zwei von der Stirn überwölbten Absiden. »Und darüber hatten sie Streit?«

Maureen hustete. »Ja. Oder zumindest haben sie über etwas gestritten.«

»Wie ist man, äh, darauf gekommen?«

»Auf den Streit? Es gibt ein halbes Dutzend Zeugen. Es war in der Bar, in der sie gearbeitet hat.«

»Und die andere Sache?«

»E-Mails.«

»Ah. Na, klar.« Andrews Augapfel pulsierte. Er nahm ein Papiertaschentuch und tupfte daran herum. Er hatte keine Ahnung, weshalb seine Augen so tränten. Vielleicht war er auf irgendeinen südamerikanischen Baum oder die unerbittliche Fruchtbarkeit dieser grauenhaften Stadt allergisch. Er weinte nicht. Er war keine Heulsuse, genau wie seine Töchter. »Gab’s da noch jemanden?«

»Du meinst, dort?«

»Ja. Oder auch zu Hause. Was glaubst du, wie viele insgesamt?«

»Du fragst mich, mit wie vielen Männern unsere Tochter geschlafen hat?«

»Glaub mir. Das wird ins Gewicht fallen.«

»Ich habe keine Ahnung, Andrew.«

»Wirklich nicht?«

»Wirklich nicht. Du weißt, wie Lily ist. Ich meine, da war auf jeden Fall dieser Typ.«

»Ja.« Andrew hielt sein rechtes Auge ganz dicht an den Spiegel. Es sah witzig und auch ein bisschen gruselig aus, mit einem Netz aus blutroten Äderchen, das die Pupille umwölkte. Er konnte keinen eindeutigen Schaden feststellen. Nicht zu fassen, dass etwas Unsichtbares dermaßen weh tun konnte.

»Und der Wirtschaftswissenschaftler aus Middlebury natürlich.«

»Der Wirtschaftswissenschaftler?«

»Andrew. Du hast ihn kennengelernt.«

»Hab ich das?« Andrew drehte den Wasserhahn auf und hielt seine Hände darunter. Er spritzte sich Wasser ins Gesicht und klopfte sich auf die Wangen.

»Die waren monatelang zusammen. Wir haben im The Impudent Oyster zusammen zu Mittag gegessen. Was machst du da eigentlich?«

»The Impotent Oyster? Was für ein Name für ein Restaurant.«

»Impudent, Andrew. Erinnerst du dich nicht mehr? Es war für uns alle furchtbar klemmig.«

Eine verdrängte Erinnerung stieg nebelhaft in ihm auf. Maureen hatte vehement klargemacht, dass sie mit niemandem über IWF-Kredite an Peru diskutieren wolle; nachdrücklich hatte sie mit der Gabel in die Luft gestochen. Was für Zeiten waren das gewesen, als sie gemeinsam potentielle Verehrer ihrer Töchter zum Mittagessen getroffen hatten und die größte Herausforderung darin bestand, möglichst geschlossen aufzutreten. »Okay«, sagte Andrew. »Okay. Das macht also zwei. Noch jemand?«

Andrew hörte, wie Maureen nachdachte. »Ich glaube schon, dass da noch ein paar andere waren«, sagte sie schließlich.

»Aha.«

»Ich meine, bestimmt nichts Unsägliches.«

»Was heißt unsäglich?«

»Na ja, sie ist halt – du weißt schon. Eine andere Generation. Die haben andere Vorstellungen von Sex.«

»Ich dachte, die anderen Vorstellungen von Sex sind auf unserem Mist gewachsen.« Er war sich nicht sicher, ob er das wirklich glaubte, doch es klang wie etwas, das er einmal geglaubt haben könnte.

»Ja, schon«, sagte Maureen. »Ich meine ja nur. Die Mädchen von heute sind genau wie die Jungs. Die vögeln rum. Die wollen dafür nicht an den Pranger gestellt werden. Ich sage ja nicht, dass ich das gut finde. Ich will damit nur sagen, dass das heute normal ist.«

»Gut.« Andrew knipste das Badezimmerlicht aus.

»Nicht, dass es eine Rolle spielt. Ich meine, sie könnte mit hundert Jungs geschlafen haben, und trotzdem heißt das nicht, dass sie das hier getan hat, oder?«

»Stimmt.« Er tappte ins Schlafzimmer und zog die Vorhänge zu. Ließ sich auf die Bettkante fallen.

»Nicht, dass sie mit hundert Jungs geschlafen hat.«

»Mit wie vielen denn – fünfzig?«

»Andrew!«

»Was?«

»Das ist doch lächerlich!«

»Ich habe keinen blassen Schimmer, was lächerlich ist.«

»Nein. Nein. Natürlich nicht. Vielleicht zehn. Zehn wäre eine sehr, sehr freizügige Schätzung.«

»Verstehe.« Andrew seufzte. »Hast du jemals mit ihr über diesen Kram gesprochen?«

»Über Sex? Was redest du denn da? Das haben wir doch beide.«

»Na ja. Ich meine, über – ach, ich weiß nicht. Darüber, nicht so viel zu haben.«

Es folgte eine bleierne Pause. »Hättest du mit einem Sohn darüber gesprochen?«

»Nein«, sagte Andrew nüchtern. »Höchstwahrscheinlich nicht. Aber es geht schließlich um sie, oder nicht? In unserem Fall ist das nicht sonderlich hilfreich.«

»Nun, ihre ganze Persönlichkeit ist in unserem Fall nicht sonderlich hilfreich. Was nicht heißen soll, ich wünschte, sie hätte keine.«

Andrew schloss die Augen. Er begriff nicht, wieso die Wunde nicht zu sehen war: Wieso konnte er sie vor dem Hintergrund seines geschwollenen Lides nicht erkennen, zickzackförmig, blutrot. »Ich kann das einfach nicht glauben.« Er hielt die Augen geschlossen, aus Angst, er hätte Maureens Gesicht vor sich, wenn er sie öffnete. »Kannst du es?«

»Ehrlich gesagt, ja.« Maureen klang alt. »Ich habe keine Ahnung, ob mich überhaupt noch etwas wirklich überraschen könnte, weißt du.«

Andrew verbrachte den ersten Tag in Buenos Aires damit, zu begreifen, dass er Lily vor Donnerstag nicht sehen durfte. In diesem Punkt waren alle – die Polizei, der Anwalt, das Internet – unerbittlich. Er durfte sie vor Donnerstag nicht sehen, daran war nichts zu rütteln, und es half auch nicht, dass Andrew die Angestellte der US-Botschaft am Telefon anblaffte.

»Ich muss sie heute sehen«, sagte er. Er meinte, wenn er besonders langsam und deutlich sprach, wäre er überzeugender. Es mochte zwar eher sarkastisch klingen, doch das war ihm egal. Anna duschte. Sie hatte die ersten vierundzwanzig Stunden in Argentinien damit verbracht, zu duschen, zu laufen oder Stretchingübungen vor dem PKW-großen Fernseher zu machen, in dessen Licht ihr Gesicht bläulich und fremd aussah. Andrew versuchte, die schlimmsten Telefonate zu tätigen, wenn sie nicht da war.

»Ich verstehe Sie, Sir«, sagte die Frau am Telefon. Sie war darauf getrimmt, Feindseligkeiten zu überhören. Außerdem klang sie wie vierzehn – Andrew sah Zahnspangen und ein Sweatshirt mit Einhorn-Aufdruck vor sich –, und trotzdem war sie es und nicht Andrew, die Lily bereits besucht hatte und sie im Laufe der Woche womöglich noch einmal besuchen würde. »Aber da kann ich nichts machen.«

»Sie persönlich vielleicht nicht. Schon klar. Sie persönlich können da vielleicht nichts machen.« Andrew malte sich ein internationales Embargo aus, eine Invasion. Einen Putsch.

»In diesem Punkt sind der Botschaft die Hände gebunden«, sagte die Frau. Sie war darauf getrimmt, nicht nachzugeben. Theoretisch hätte die Botschaft über Lilys Festnahme benachrichtigt werden müssen, sagte die Frau, aber tatsächlich erfuhr sie häufig erst davon, wenn der Verhaftete ins Gefängnis überstellt wurde. In diesem Fall hatten sie erst davon erfahren, als Mr. Hayes’ Frau – seine Ex-Frau? Verzeihung, seine Ex-Frau – am Morgen nach Lilys Verhaftung gleich zu Beginn der Bürosprechzeit angerufen hatte. Die Frau versicherte Andrew, durch die Verzögerung seien keinerlei Nachteile entstanden. Andrew meinte ein leichtes Lispeln in ihrer Stimme zu hören, etwas Schludriges in den Zischlauten; jedenfalls sprach sie zu mädchenhaft süßlich, um derartige Informationen zu übermitteln. Lily war noch immer in Polizeigewahrsam, erklärte die Frau. Laut Protokoll sollte ein Häftling binnen 48 Stunden verlegt werden, doch tatsächlich verbrachten die Häftlinge oft Monate im Haftraum. Manchmal, wie auch in diesem Fall, waren die Gefängnisse zu voll für eine termingerechte Überführung.

»Was macht sie für einen Eindruck?«

»Es geht ihr gut.« Die Frau klang zurückhaltend. »Recht gut.«

Statt zu brüllen, dass »gut« ein verdammt dehnbarer Begriff sei, ließ Andrew die Frau erklären, dass es bis zum Gerichtsverfahren normalerweise sechs bis vierzehn Monate dauerte. Andrew hatte davon bereits gehört, doch die Sache mit Janie hatte ihn gelehrt, dass Statistiken und Schätzungen der beste Weg waren, sich in Verzweiflung zu stürzen. Er wusste auch, dass es sehr viel länger dauern konnte.

»Hat sie mit einem Anwalt gesprochen?«, fragte Andrew.

»Soweit wir wissen, hat sie öffentlichen Rechtsbeistand abgelehnt.«

»Sie hat was

Die auf rhetorische Fragen getrimmte Botschaftsangestellte schwieg. Andrew verspürte einen geradezu physischen Druck in der Brust. Er hörte, wie Anna in der Dusche die Shampooflasche fallen ließ.

»Sind Sie sicher, dass ihr welcher angeboten wurde?« Vielleicht war dem nicht so und vielleicht war das die beste Neuigkeit, die es geben konnte. Oder die schlimmste. Es war sehr schwer zu sagen.

»Uns wurde gesagt, ja«, sagte die Frau. Womöglich kaute sie Kaugummi. Wenn sie Kaugummi kaute, würde er eine Beschwerde einreichen.

»Von wem?«

»Von der Polizei.«

»Das ist unglaublich. Das ist doch unglaublich, verdammt noch mal!« Andrew hielt inne, um die Frau beim Kaugummikauen zu ertappen, doch er hörte nichts – nur grauenhaftes, seichtes Bürogenuschel. »Wurde ihr der Anwalt auf Englisch angeboten?«

»Das weiß ich nicht, Sir, aber normalerweise muss ein externer Dolmetscher dabei sein. Ich nehme an, Sie haben einen privaten Strafrechtler engagiert?«

»Ja.«

»Der öffentliche Rechtsbeistand ist hier im allgemeinen ziemlich gut.«

»Wir engagieren privaten Rechtsbeistand.« Die Dusche verstummte, und Andrew hörte das nasse Platschen von Annas Läuferfüßen auf dem Linoleum. Etwas kam ihm in den Sinn, etwas, das derart klar auf der Hand lag, dass es ihm fast peinlich war, nicht eher darauf gekommen zu sein. »Wurde sie auf Spanisch verhört?«

»Sie hat Spanisch gesprochen.«

Andrew schloss die Augen. Was ihr Spanisch betraf, war Lily geradezu unerträglich eitel; man konnte mit diesem Kind kein mexikanisches Restaurant betreten. Dabei war es College-Spanisch, allenfalls gut genug, um ein Konjugationsquiz zu gewinnen. »Verstehe«, sagte er. »Ohne einen Anwalt?«

Die Botschaftsangestellte, die sich nicht wiederholen wollte, schwieg.

Aus Verzweiflung machte Andrew am Nachmittag mit Anna eine Sightseeing-Tour. Sie waren sich sofort einig, das Buenos Aires überschätzt wurde. Es war großstädtisch dreckig und zersiedelt und hatte nichts von dem versprochenen europäischen Charme oder überhaupt irgendetwas Temperamentvolles an sich. Andrew hatte es sich wie Barcelona vorgestellt – die ganze Nacht Party auf den Straßen, große, baumgesäumte Boulevards bis hinunter zum Meer, südländische Ausgelassenheit an jeder Ecke – doch es war lediglich heiß und staubig, und die Leute schwitzten in ihren Polyesterstoffen und sahen aus, als wären sie ständig auf dem Weg zur Arbeit.

Auf dem Friedhof La Recoleta schlenderten Andrew und Anna lustlos zwischen den Gräbern umher. Sie blieben vor Eva Peróns Grab mit den kitschigen Blumen und den unvermeidlichen Schwertlinien stehen, die in der grellen Sonne vor sich hin welkten. Daneben waren verblichene Engel in ewig theatralischen Posen erstarrt. Anna schoss ein paar Fotos. In der Ferne stand eine Reihe gedrungener Bäume, kahl und grausig wie Kreuze, die Anna nicht fotografierte.

Danach saßen sie in einem Straßencafé und tranken Bier, obwohl es erst drei Uhr nachmittags war. Andrew las laut aus Eva Peróns Wikipediaeintrag vor, den er ausgedruckt und mitgebracht hatte.

»Sie wurde 1919 als viertes von fünf unehelichen, aber anerkannten Kindern im Dorf Los Toldos unweit von Buenos Aires geboren.«

Anna stierte stumm in ihr Bierglas.

»1951 zog Eva Perón ihre Kandidatur für die Vizepräsidentschaft zurück.«

»Dad.« Anna berührte seine Hand. »Du musst das nicht tun.«

Andrew faltete die Zettel zusammen und schob sie unter seinen leeren Teller. Sie hatten nichts zu essen bestellt. »Wie geht’s dir, Kumpel?« Er vergaß immer zu fragen. »Alles fit?«

Anna zuckte die Achseln. »Ich bin müde. Mir ist heiß.«

»Und wie geht’s dir gefühlsmäßig?« Anna hatte den Hang, Fragen zu ihrem Befinden nur äußerst prosaisch zu beantworten. So sehr Andrew sich bemühte, zu ihrem Kern vorzudringen, bekam er von ihr nur Meldungen zu gebrochenen Rekorden oder Schienbeinkantensyndromen oder absolvierten Prüfungen zu hören – als würde er damit alles erfahren, was er wissen musste.

»Ich will Lily sehen.« Anna drückte ihre Zitrone ins Bier, obwohl sie es schon fast ausgetrunken hatte, und blinzelte hinein. »Was glaubst du, wie es da ist?«

»Bestimmt nicht so schlimm, Kumpel«, sagte Andrew und hoffte, es träfe halbwegs zu. Lilys Haftraum war für langfristige Haft nicht ausgelegt – es gab keinen Hof, hatte Lily Maureen erzählt, und keinen getrennten Frauentrakt und die Wachen konnten ihr beim Pinkeln zusehen (darauf kam sie immer wieder zu sprechen) –, aber schließlich würde es keine langfristige Haft geben. Und kleine Abstriche an der Privatsphäre ließen sich durchaus in Kauf nehmen, wenn man bedachte, wie es sonst in den Gefängnissen zuging – Andrew hatte über offene Abwasserkanäle gelesen, über Hirnhautentzündung, über Häftlinge, die sich selbst Verbrennungen zufügten, um medizinisch versorgt zu werden. »Es ist sicher nicht das Ritz oder so. Kein Fünf-Sterne-Service. Aber bestimmt ist es nicht so schlimm.«

Der Grund, weshalb Andrew es nicht besser wusste, war, dass er mit Lily nur ein einziges Mal telefoniert hatte. Einmal am Tag durfte sie für fünfzehn Minuten mit einer eigenen Telefonkarte telefonieren; und irgendjemand – vermutlich irgendein Typ – hatte sie mit einem ganzen Packen versorgt. Trotzdem hatte sie Andrew nur einmal angerufen, sechsunddreißig Stunden nach ihrer Verhaftung und zwölf Stunden vor seinem Flug. Alle anderen Male hatte sie Maureen angerufen.

»Am Telefon meinte sie, es sei okay«, sagte Andrew. »Sie meinte, es sei machbar.« In Wirklichkeit hatte Lily »aushaltbar« gesagt, aber »machbar« brachte den gleichen Sinn rüber, ohne den beunruhigenden Unterton. Im Grunde hatte Andrew nichts dagegen, dass sein Kind zurechtkommen musste. Schließlich musste das jeder irgendwie.

»Dad.« Anna schüttelte fassungslos den Kopf. Die Zitrone schwamm wie eine kleine gelbe Boje in ihrem Bier. »Weißt du denn nicht, dass sie alles sagen würde?«

Sie verließen das Café und Andrew, der noch nicht bereit war, ins Hotel zurückzukehren, schleifte Anna ins Museum für Moderne Kunst, das sie mit freudloser Gründlichkeit erkundeten – Anna musterte mit ernstem Blick die Kunst und Andrew musterte mit ernstem Blick seine Tochter. Er verstand diese Kunst nicht. Er war zu alt für all das hier; alles Herausfordernde war für junge Menschen bestimmt. Er setzte sich auf die Bank in der Mitte des Saales. Er sah, wie sich Annas Schulterblatt unter ihrem T-Shirt abzeichnete, wenn sie ihre Tasche zurechtrückte; durch das Laufen hatte sie die Sehnigkeit einer streunenden Katze. Was würde dieser Moment einmal für Anna bedeuten, fragte er sich. Vielleicht wäre er nur eine weitere Episode im verrückten Leben ihrer verrückten Schwester – etwas, das man in Bars oder bei Dates zum Besten gab oder eines Tages Lilys staunenden, breitkieferigen Kindern erzählte (»Eure Mutter war irre«, würde sie vielleicht sagen).

Womöglich würde diese Stunde im Museum für Moderne Kunst lediglich eine der zahlreichen surrealen Fußnoten dieser Erzählung sein; schmückendes Beiwerk, das nicht in jeder Schilderung auftauchte. Oder vielleicht, dachte Andrew, würde dieser Moment zu etwas andrem werden. Vielleicht würde Anna ihn als den allerletzten Augenblick erinnern, in dem sie noch versucht hatten, so zu tun, als wären ihre Leben nicht vollends im Eimer. Vielleicht würde sie eines Tages in ihrer Therapie darüber reden und sich die beklommenen, tristen Versuche ins Gedächtnis rufen, die Stadt zu genießen, als wären sie verdammte Touristen; das war genau der krankhafte WASP-Verdrängungsmechanismus, der sie immer alles hatte überstehen lassen. In welcher Geschichte befanden sie sich gerade? Andrew war sich nicht sicher, ob er es wissen wollte.

Während der Taxifahrt zurück zum Hotel starrten Andrew und Anna wortlos aus ihren Fenstern.

Alle paar Blocks kamen sie an Graffitis vorbei, die Cristina Fernández unterstützten – nach dem Tod ihres Mannes und trotz der Steuererhöhung für Sojabohnen war sie wieder beliebt –, und Andrew verspürte ein zufriedenes Kribbeln. Auf etwas zu treffen, das sein Wissen von der Welt bestätigte, gab ihm stets das gute, geerdete Gefühl, in einem wirklichen Universum zu existieren – ein beruhigendes Gefühl, das ihm in den letzten Jahren immer häufiger abhanden gekommen war. Schon vor Lilys Verhaftung hatte Andrew sich haltlos gefühlt – als wäre sein Leben in großen, matschigen Klumpen auseinandergefallen; nichts hatte lange genug gehalten, um tatsächlich bedeutsam zu werden. Manchmal kam ihm der Sinn seines Seins wie ein wertvolles Gas in einer Flasche vor, die er aus Versehen entkorkt hatte – es war noch immer irgendwo da draußen, aber so diffus, dass es sich nicht mehr nachweisen ließ.

Seit Maureen hatte er mit keiner Frau mehr geschlafen. Nur selten gestand er es sich in dieser Deutlichkeit ein, doch so war es. Natürlich hatte es Gelegenheiten gegeben – Doktorandinnen: ehrgeizig und/oder mit Vaterkomplex und/ oder gelangweilt und betrunken –, aber er hatte keine davon wahrgenommen.

Der Sache am nächsten gekommen war eine Promotionsanwärterin namens Karen mit glattem Haar, weichem, ebenmäßig hübschem Vogelgesicht und Brille, mit der sie aussah wie ein Pornostar, der eine Bibliothekarin spielt – völlig ausgeschlossen, dass dieses Gestell tatsächlich Korrekturgläser hatte. Ihr Fachgebiet waren die zentralasiatischen Republiken, und sie hatte einen ganzen Sommer in Almaty verbracht, um die Kasachen nach ihren wahren Gefühlen zu Nursultan Nasarbajew zu befragen. Es hatte einen Abend gegeben, an dem sie beide zu viel Wein getrunken und zu hitzig darüber geredet hatten, ob sich die Revolution in Ägypten eher mit den Umwälzungen in den Ostblockstaten 1989 oder mit dem Iran 1979 oder mit dem Iran 1990 vergleichen ließ, was sie zu Mossadegs von der CIA angezettelten Sturz im Jahr 1953 und von da zu zynischem Grunzen über die Verstrickung der Vereinigten Staaten in Afghanistan in den Achtzigern und zur Ermordung von Ahmad Schah Massoud zwei Tage vor dem 11. September und schließlich auf skrupellose Geheimdienste im Allgemeinen und auf Verschwörungstheorien gebracht hatte, die sie vor den Studenten niemals aussprechen würden – er hatte vom pakistanischen ISI und Benazir Bhutto, sie vom FSB und Lech Kaczynskis Tod bei dem rätselhaften Flugzeugabsturz geredet, was Andrew zugegebenermaßen bewundernswert und geradezu verführerisch gewagt fand. Und vielleicht war da ein Moment gewesen, in dem er ihr auf den Mund geguckt hatte – was man, so ging ihm auf, normalerweise nur tut, wenn man gewisse Absichten hegt –, aber dann hatte er davon abgelassen, sich im Nacken gekratzt und war aufgestanden, um gewürfelten Käse zu holen, was, so bemerkte Karen, nicht gerade die gelungenste Art war, die Oberfläche von Käse zu maximieren.

Andrew wusste nicht, was Karen von ihm gewollt hatte. Es gab nichts, was er wirklich für sie hätte tun können, außer ihr eine glühende Empfehlung zu schreiben, die sie sowieso schon bekam. Dennoch musste er etwas haben – irgendeine noch nicht zum Einsatz gebrachte Befähigung –, denn ohne einen strategischen Hintergedanken hätte sie sich niemals so mit ihm unterhalten. Immerhin war sie Kissinger-Studentin, eine Realpolitik-Gläubige. Doch trotz möglicher nachhaltiger Interessen kam es zu keinen dauerhaften Bündnissen.

Anna starrte aus dem Taxifenster. »Hey«, sagte Andrew. Er zupfte sie am Pferdeschwanz, und sie wich ihm aus. »Was hältst du von der Stadt?«

»Ich mag sie nicht.« Sie blickte weiter aus dem Fenster. Das Nachmittagslicht, das in großen goldenen Balken niederfiel, hatte die Farbe antiker Münzen.

»Glaubst du, du würdest sie mögen, wenn das alles nicht passiert wäre?«

»Ich weiß nicht.« Sie machte eine lange Pause. »Nein.«

Am Dienstag ließ Andrew Anna im Hotel und ging zum Tribunales, um die Anwälte zu treffen. Obwohl es nur zwei waren – Franco Ojeda und Leo Velázquez –, wurde Andrew den Eindruck nicht los, eine ganze Phalanx vor sich zu haben; sie waren Söldner, die für Geld kämpften. Das Besprechungszimmer, in dem Andrew mit ihnen zusammenkam, hatte holzgetäfelte Wände und hohe Decken. Es erinnerte Andrew an 1987, ein schreckliches Jahr. Ojeda war sehr fett und Velázquez sehr glatzköpfig. Das Deckenlicht spiegelte sich verzerrt auf seinem polierten Schädel. Ojeda bot ihm Wasser an, das Andrew ablehnte, und Velázquez zog die Rollläden herunter, was Andrew nicht verstand. Dann fingen die beiden Anwälte an, Andrew mit audiovisuellen Hilfsmitteln die Strafsache gegen seine älteste lebende Tochter darzulegen.

»Erstens«, sagte Ojeda. Sein Englisch hatte nur einen ganz leichten Akzent; Andrew war perplex, wie sehr ihn das überraschte. »Die E-Mails.«

Die E-Mails – die die Anwälte nützlicherweise ausgedruckt und nach farblich gekennzeichnetem Datum in einen Hefter sortiert hatten – waren unmittelbar nach Lilys Verhaftung aufgetaucht. Andrew konnte nur annehmen, dass Lily versehentlich auf einem der Unicomputer eingeloggt geblieben war, was ihr ähnlich sah. Andrew hatte sie bereits zigmal gelesen, wodurch sie nicht weniger belastend geworden waren; er kniff ein Auge zusammen und stellte den Blick unscharf, um sie nicht sehen zu müssen. Was Lily von sich gab, konnte wirklich schrecklich klingen, wenn man sie nicht kannte.

»Zweitens«, sagte Velázquez und schlug einen weiteren Hefter auf. »Die Dreiecksbeziehung.«

Die Anwälte hatten sich Bilder der drei besorgt – Andrew erkannte das Foto von Lilys Facebookseite –, und wie er sie so nebeneinander liegen sah, ging ihm etwas Entscheidendes auf, über das die Anwälte kein Wort verloren. Lilys Aussehen war nicht hilfreich. Sie war hübsch, aber auf eine nachlässige, geradezu gleichgültige und laszive Weise, die unverdientes Privileg suggerierte. Den Busen hatte sie zu ihrem ewigen Leidwesen von ihrer Mutter geerbt. »Ich hab Titten wie eine mittelalterliche Bäuerin!«, hatte sie sich als Teenager einmal lautstark beschwert. Andrew hatte die Mädchen fürs Wochenende abholen wollen und im Eingangsflur gewartet. Er hatte die Augen gen Decke gerollt und so getan, als hätte er es nicht mitbekommen. »Wozu brauche ich die überhaupt?«

»Du wirst sie eines Tages mögen«, hatte er Maureen sagen hören.

»Werde ich nicht«, maulte Lily. »Ich hab beim SAT-Test 2300 Punkte, ich werde sie nie mögen.«

»Du hast 2280 Punkte«, sagte Maureen.

Lily kaschierte ihren Busen mal mehr, mal weniger vorteilhaft, und wenn es heiß war, gern besonders unvorteilhaft. Auf dem Facebookfoto trug sie etwas geradezu Lächerliches – ein Spaghettiträgerfähnchen, Andrew wusste nicht, wie er es bezeichnen sollte –, das ihre Brüste nicht annähernd adäquat verhüllte. Irgendwie gab Andrew Maureen dafür die Schuld; eine entscheidende, einfühlsame Unterhaltung war auf der Strecke geblieben, und nun standen sie hier und starrten dieses Foto an, das einen so krassen Gegensatz zu Katys gepflegtem Haar, ihren strahlenden Zähnen und ihrem festen Körper bildete – alles an ihr hatte etwas Jungfräuliches, alles an ihr hatte die eigentümliche Schönheit der Unschuld.

Zwischen Lily und Katy lag ein Bild von Sebastien Le-Compte – dieser Name! Auf dem Foto wirkte er jung und geckenhaft, mit überlangem Haar, das Andrew an das Balzgefieder eines Vogels erinnerte. Dass dieser Junge Mordlust wecken sollte war absolut lachhaft. Sobald er dieses Büro verlassen hatte, würde Andrew von Herzen darüber lachen.

»Verzeihen Sie, aber dieser Junge?« Andrew tippte auf das Foto. »Im Ernst? Sie erwarten, dass ich glaube, dass diese beiden Mädchen um diesen Jungen gestritten haben?«

»Wir erwarten nicht, dass Sie irgendetwas glauben«, sagte Ojeda. »Aber das wird die Staatsanwaltschaft behaupten, und wir müssen davon ausgehen, dass die Geschworenen es glauben werden.«

»Warum?«

»Es gibt Beweise«, sagte Velázquez. »Ein paar E-Mails der Verstorbenen, welche auf ein angehendes Liebesverhältnis hindeuten, das sie vor Ihrer Tochter geheim halten musste. Und Carlos Carrizo, so heißt der Gastvater …« – »Das weiß ich«, sagte Andrew. »… hat widerwillig eingestanden, dass er die Verstorbene einmal spätabends aus LeComptes Haus hat kommen sehen. Doch hinsichtlich des Prozesses ist das, was Ihre Tochter vermutete, ausschlaggebender als die tatsächlichen Fakten, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und Ihre Tochter hat vermutet, dass die Verstorbene und Sebastien LeCompte ein Liebesverhältnis hatten. Das hat sie bei ihrer ersten Vernehmung gesagt.«

»Ist das denn wirklich Sache der Justiz?« Andrew ließ sich gegen die Stuhllehne fallen. »Das erscheint mir alles ziemlich – geschmacklos, um nicht zu sagen trivial.«

Ojeda blinzelte ungerührt. »Den E-Mails Ihrer Tochter nach lässt sich das Verhältnis zu der Verstorbenen bestenfalls als angespannt bezeichnen. Der Aspekt der Dreiecksbeziehung liefert ein Motiv. Und dann ist da die Frage nach dem Verhalten Ihrer Tochter am Tag des Mordes.«

»Sie meinen, dass sie versucht hat, einen toten Körper wiederzubeleben und anschließend die Polizei alarmiert hat? Sie meinen, dass sie genau das getan hat, was man von ihr erwartet?«

»Das Blut in Lilys Gesicht, das der Fahrer des Lieferwagens gesehen hat, macht uns weniger Sorgen«, sagte Ojeda. »Wie Sie bereits sagten, hat Lily den Körper der Verstorbenen gefunden, und wir gehen davon aus, dass die DNA-Analyse diese Geschichte untermauern wird. Besorgniserregender ist vielmehr die aus den Protokollen der ersten Befragung hervorgehende recht verhaltene Reaktion ihrer Tochter auf Katys Tod. Und in Verbindung mit dem Radschlag kommt das natürlich einigermaßen gefühllos rüber.«

Andrew spürte, wie seine Zunge im Mund gefror. »Was für ein Radschlag?«

Die Anwälte tauschten einen Blick. »Sie wussten nichts davon?«, frage Velázquez.

»Sie hat ein Rad geschlagen?«

»Während der Vernehmung.«

»Während der Vernehmung?«

»Danach. Gleich nach der ersten Vernehmung, als sie allein gelassen wurde.«

»Okay«, sagte Andrew, und seine Zunge taute auf. »Tja. Das ist merkwürdig. Aber ich weiß nicht, was das zur Sache tut. Vielleicht wollte sie sich einfach nur lockern? Vielleicht hatte sie sich lange nicht bewegt? Wie auch immer, ich weiß wirklich nicht, wieso das eine Rolle spielt.«

Doch das wusste er sehr wohl, und die Anwälte sahen es ihm an und ihnen war klar, dass sie nichts dazu sagen mussten.

»Und dann«, sagte Ojeda entschuldigend, »ist da noch das.« Er drückte auf die Fernbedienung eines Fernsehers, auf dem ein Schwarzweißbild von Lily und Sebastien Le-Compte auftauchte, die offenbar in einer Art Walmart einkauften.

»Was ist das?«, fragte Andrew.

»Sicherheitsaufnahmen. Vom Tag des Mordes.«

»Wieso gucken wir das?«

»Sie werden sehen.«

Auf dem Bildschirm waren, körnig und düster, Lily und Sebastien zu sehen, die sich in der seltsam abgehackten, für Sicherheitsaufnahmen typischen Art bewegten, plötzlich verschwanden und drei Meter weiter wieder auftauchten. Andrew beugte sich vor. Sie sahen schuldbewusst aus, aber wieso? Es lag wohl daran, dass man nur Sicherheitsaufnahmen von Menschen zu Gesicht kriegte, die einer Straftat verdächtigt wurden; die Art, wie sie plötzlich weg waren und wieder aufploppten, bekam etwas Absichtsvolles, Verstohlenes. Auf dem Bildschirm wirkten Lily und Sebastien geisterhaft und sehr jung. Sie bewegten sich durch den Laden und sammelten unentbehrliche, zweckmäßige Dinge zusammen – eine Zahnbürste, Zahnpasta, die notwendige Grundausstattung für jemanden, der sich ausgeschlossen hatte. Am Ende des Ganges hielt Lily inne und zog unfassbarerweise ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche. Sie steckte sich eine in den Mund, ohne sie anzuzünden. Eine taube Verblüffung erfasste Andrew, die unter anderen Umständen sehr viel größer gewesen wäre – er hatte nicht geahnt, dass seine Tochter rauchte. Lily drehte sich nach Sebastien um und deutete mit einer Kopfbewegung auf das Regal hinter sich, das, wie Andrew jetzt erkannte, mit Kondompackungen bestückt war. Sie zog eine Augenbraue hoch. Ojeda hielt das Band an, und Lilys Gesicht gefror zu einer seltsamen, nahezu verschlagenen Maske.

»Das«, sagte Velázquez, »ist es, was sie zeigen werden.«

»Wer?«

»Das Fernsehen.«

»Was?«

»Dass sie diese provokante Geste zu den Kondomen hin gemacht hat.«

»Provokant würde ich das nicht nennen«, sagte Andrew, obwohl er wusste, dass das keine Rolle spielte. Allmählich dämmerte ihm, wie die Sache laufen würde. »Schließlich hat sie sie nicht gekauft, oder? Es ist einfach nur albern.«

»Sie müssen wissen, das ist fünf Stunden, nachdem sie von Katys Tod erfahren hat«, sagte Velázquez.

»Sie macht nur einen Scherz«, sagte Andrew.

Velázquez blickte Andrew ausdruckslos an und sagte, genau das habe er gemeint.

Am Donnerstag nahmen Andrew und Anna ein Taxi zum Polizeirevier von Lomas de Zamora.

»Ist dir nicht heiß?«, fragte er Anna. Er hatte sie gebeten, sich seriös anzuziehen, und sie hatte einen hochgeschlossenen Pullover gewählt, der aussah, als würde ihr darin heiß werden. Andrew war heiß.

»Nein«, sagte Anna.

Sie hatte den Kopf gegen die Scheibe gelehnt, wozu Andrew sich eine Bemerkung verkniff, obwohl er jedes Mal zusammenzuckte, wenn der Wagen über eine Bodenwelle rumpelte. Sie würde es schon lassen, wenn sie wollte.

Von außen sah die Polizeistation ziemlich unspektakulär aus – wie ein Ort, den man selbstverständlich aufsuchte, wenn man in Schwierigkeiten war. Dies ist nicht Russland, sagte sich Andrew zum zigsten Mal: Dies ist ein Land, das seine Bürger im Großen und Ganzen darin bestärkt, sich bei Problemen an die Polizei zu wenden. Andrew und Anna wurden durch einen mehrphasigen Eingangsbereich geschleust; sie mussten ihre Ausweise bei einem Mann in einer verglasten Kabine abgeben und wurden in einen kleinen Warteraum geführt. Abermals war Andrew erleichtert: Die Wände waren mit Flyern für soziale Dienstleistungen gepflastert; es waren weder schwärende Wunden noch mörderische Straßengangs zu sehen. Das riesige Deckenlicht war mit ein paar verdorrten, per Stromschlag getöteten Fliegen gesprenkelt; einige zuckten noch. In einer Ecke des Raumes hockte, monströs wie ein Hummer, ein riesiger, spinnenbeiniger Käfer. Etwas durchdringend Organisches hing in der Luft, das von einem süßlichen Desinfektionsgeruch notdürftig überlagert wurde. Doch insgesamt machte der Raum einen passablen Eindruck – wie ein Ort, an dem man bürokratischen Kleinkram erledigte. Eine Zulassungsplakette beantragen zum Beispiel. Dennoch entging Andrew nicht, welche Gefahr hinter dieser Harmlosigkeit lauerte. Vielleicht hatte Lily deshalb nicht begriffen, wie ernst es um sie stand – hatte spanisch gesprochen, versäumt, um einem Anwalt zu bitten. Hatte sie in ihrer Kindheit nicht genug ferngesehen, um zu wissen, dass man automatisch danach fragte, egal, was los war? Offenbar nicht – mit Fernsehen waren sie geizig gewesen und hatten ihren Töchtern nur die nervtötendsten und anspruchsvollsten Sendungen erlaubt, um sie vor verdummendem Schrott zu schützen. Wie komisch, dass sich die für Lily wichtigste Information als Klischee entpuppte, als ein winziges Aufzucken von Wahrheit im abgedroschenen Krimimuster. Was für bittere Ironie, dass sie ihr ausgerechnet das hätten beibringen müssen. Stattdessen hatten sie eine weltfremde Tochter aufgezogen, ein Kind, das so eingenommen von seinen Sprachfähigkeiten (immerhin die höchste Punktzahl im AP-Examen!), so stolz auf seinen ausgeprägten Scharfsinn (diese Hausarbeit über Quine!) und so überzeugt von seiner unfehlbaren Unschuld (!) war, dass es fälschlicher- und kühnerweise davon ausging, seine Qualitäten würden es vor Unglück schützen – dabei hatte das Leben sie alle gelehrt, dass dem nicht so war. Wie absurd komisch. Sobald er dieses Gefängnis verließe, würde er darüber lachen.

»Okay«, sagte der Mann in der Kabine. »Sie können jetzt rein.«

Andrew drückte Annas Schulter, und sie passierten eine weitere Reihe von Metalldetektoren und einen langen, von blauen Türen gesäumten Flur. Im schummrigen Licht ließ sich nicht ausmachen, ob die dunklen Flecken in den Ecken Dreck oder Schatten waren. Die blauen Türen endeten, ein verglaster Raum begann, und dort an einem Tisch saß, die Finger seltsam und verstörend akkurat gespreizt, Lily.

Sie hielt den Kopf gesenkt, und Andrew konnte sehen, dass ihr Haar sehr verdreckt war. Er konnte sich nicht erinnern, wann Lilys Haar das letzte Mal wirklich schmutzig gewesen war – vielleicht mit sieben, als sie zehn Tage lang mit Lungenentzündung im Bett gelegen hatte. Sie sah fahl und knochig aus – ein bisschen nach Dritter Welt, durchzuckte es Andrew, auch wenn das ein überholter Begriff aus der Zeit nach dem Kalten Krieg war. Er spürte, wie Anna zusammenfuhr, und umfasste ihr Handgelenk. Es war sehr wichtig, dass keiner von ihnen geschockt erschien.

Der Wachmann nestelte mit den klimpernden Schlüsseln. Noch immer sah Lily nicht auf, und Andrew begriff, dass sie sie nicht hören konnte. Allerdings wusste sie, dass sie kommen würden; sollte sie nicht mit erwartungsvoll erhobenem Kopf dasitzen? Dass sie es nicht tat, schien neben ihrem fettigen Haar und dieser abstoßenden Fingerübung ein weiteres schlechtes Zeichen zu sein.

Der Wärter öffnete die Tür, und endlich blickte Lily auf. Die Haut unter ihren Augen war dunkel und fahl; ihre Lippen sahen trocken aus. Ein Bild von Janie schoss ihm durch den Kopf – an Schläuchen hängend, ihr kleiner, kraftloser Mund grellrot, zu grellrot für eine Zweijährige. Lilys bleiche Haut erinnerte ihn an Janies Blässe; es war die Farbe der Abwesenheit, des baldigen Abgangs. Andrew hatte erwartet, dass Lily aufstand, vielleicht sogar aufsprang, doch sie tat es nicht – sie lächelte nur matt und wartete, bis sie bei ihr waren.

»Dad«, sagte sie. Andrew schloss sie in die Arme und machte eine rasche Bestandsaufnahme. Aus der Nähe schien sie die richtigen Maße zu haben, die des im Grunde robusten Kindes, das sie immer gewesen war (er erinnerte sich an ein Foto von ihrem fünften Geburtstag, auf dem sie einen albernen roten Pulli trug, den Anna später geerbt hatte, und mit strammen Waden auf Zehenspitzen stand, um einen Mann in einem riesigen Winnie-the-Pooh-Kostüm zu küssen, den Maureen zu dem Anlass gemietet hatte). Andrew strich mit der Hand über Lilys Stirn – ihre Temperatur erschien normal – und drückte ihre Fingerspitzen – wie ihre Mutter, wegen des niedrigen Blutdrucks waren ihre Extremitäten immer zu kalt –, aber sie fühlten sich in Ordnung an, nur kalt, nicht eisig. Mit einer Hand umfasste er ihren Hinterkopf, eine instinktiv mütterliche Geste, die er sich von Maureen abgeschaut hatte. Ihm kam die flüchtige Erkenntnis, dass es Jahre her war, seit Lily ihm solche Vertraulichkeiten zugestanden hatte; seit dem College war sie physisch ablehnend geworden, ihre Umarmungen vermittelten eine grundsätzliche Abneigung gegen das Konzept des Umarmens an sich. Einen Moment lang verharrte Andrews Hand an Lilys Hinterkopf, einfach nur, weil sie es zuließ. Dann trat er einen Schritt zurück, damit Anna sie umarmen konnte – heftig und kurz, um sich sogleich wieder loszumachen und auf ihre Füße zu starren.

Andrew setzte sich. Er legte seine Hand auf den Tisch, falls Lily irgendwann danach greifen wollte. »Mein Schatz«, sagte er. »Wie geht es dir?«

Sie blinzelte, und Andrew sah blaue Äderchen auf ihren Lidern zittern. Hatte sie die schon immer gehabt? Wahrscheinlich hatte sie die schon immer gehabt. »Wann kommt Mom?«, fragte sie.

»Nächste Woche. Am nächsten Besuchstag wird sie da sein. Am Donnerstag.«

»Warum ist sie nicht jetzt hier?«

»Wir wechseln uns wochenweise ab, mein Schatz.« Er musste mit dem dauernden »Schatz« aufhören. Lily würde das nicht lange ertragen, und er wollte nicht wissen, was es bedeutete, wenn doch. »Dann hast du immer Besuch. Jeden Donnerstag.« Lilys Unschuld war unbezweifelbar. Sie war unbezweifelbar. Andrew würde ihr Fragen stellen, die das ausdrückten. »Wie behandeln sie dich?«, sagte er im selben Moment, in dem Anna ein besorgtes »Lily, bist du okay?«, entfuhr.

In Lilys Augen blitzte es sarkastisch auf – was ermutigend, weil so typisch war –, doch schon war dieser Moment vorüber. »Geht schon«, sagte sie, und Andrew wusste, dass sie sie vor etwas bewahrte, und das machte ihm Angst.

Lily stand auf. »Dad.« Ein leises hysterisches Zittern lag in ihrer Stimme. Sie fing an, auf und ab zu tigern. »Ich muss dir erzählen, was passiert ist.«

Andrew hatte noch nie jemanden auf und ab tigern sehen, und es war quälend. Sie sah tatsächlich aus wie ein eingepferchtes Tier – am Ende jeder Runde schien ihr Körper zu spüren, dass kein weiterer Platz mehr da war, und ihr Kopf vollführte eine geradezu pferdeartige Bewegung. »Lily, willst du dich nicht hinsetzen?«

»Nein.« Ein kindlicher Trotz lag darin, die klägliche Genugtuung, überhaupt etwas ablehnen zu können, und Andrew begriff, dass sie ihr wenigstens das zugestehen sollten.

»Okay«, sagte er beschwichtigend. »Du musst dich nicht setzen.«

»Dad, ich muss dir das erzählen.« Lilys Blick verengte sich, und ihre Stimme war kurz vor dem Kippen.

»Lily«, sagte Andrew hastig. »Du musst uns gar nichts erzählen.«

»Doch.«

Andrew beugte sich vor und deutete zur Decke. »Lily. Verstehst du? Du musst uns gar nichts erzählen, wenn du meinst, du solltest es nicht tun.«

Lily schaute ihn mit einem völlig schutzlosen, zerrütteten Gesicht an, wie er es noch nie bei ihr gesehen hatte; ein gebrochener, fast leichenhafter Blick. »Dad«, sagte sie beinahe schluchzend. »Natürlich sollte ich. Was glaubst denn du? Natürlich sollte ich.«

»Okay, okay.«

Anna schwieg; mit gefalteten Händen und geschockter Miene saß sie da.

»Ich hab bei Sebastien geschlafen«, sagte Lily.

Andrew nickte. »Ist Sebastien dein Freund?«

Lily sah ihn trübe an. Zu anderen Zeiten hätte sie sich gegen diese Bezeichnung gewehrt; sie hätte »Lover« oder sogar »Geliebter« gesagt oder gemeckert, er solle nicht so spießig sein und in was für einem Jahrhundert sie denn lebten. Jetzt schüttelte sie nur den Kopf und sagte: »Nein, ich glaub nicht.«

»Okay. Aber du hast bei ihm geschlafen.«

»Die Carrizos waren übers Wochenende weg. Deshalb hab ich dort übernachtet.«

»Was habt ihr gemacht?«

»Dad.«

»Okay.« Andrew hatte sich vorgenommen, keine Fragen zu stellen, doch er wusste nicht, was er sonst sagen sollte. »Wann bist du zurückgekommen?«

»Ich glaub, so um elf? Ich bin ins Bad gegangen, um zu duschen. Irgendjemand hatte vergessen, die Klospülung zu ziehen, das kam mir komisch vor. Das war nicht Katys Art. Sie ist ein sehr ordentliches Mädchen.«

Andrew hörte, wie Lily mit dem Sprechen kämpfte. Das Zusammenspiel von Zähnen, Zunge und Speichel schien ihr nicht mehr zu gehorchen. Ihre Stimme klang belegt.

»Da war«, sagte sie. »Da war. Ich sehe nichts.«

»Nimm den Kopf zwischen die Knie«, sagte Anna.

»Gut«, sagte Lily und tat es. Dreißig Sekunden lang kauerte sie da und richtete sich dann vorsichtig wieder auf. »Da war auch Blut auf dem Boden.«

»Wie viel Blut?«, rutschte es Andrew heraus. Er wollte mit dem Fragen aufhören, aber er schaffte es nicht. Lily jedenfalls schien an Fragen gewöhnt zu sein.

»Nicht so viel. Ich dachte, vielleicht hat sie sich geschnitten. Oder sie hat ihre Tage, und das Blut ist runtergetropft, als sie aus der Dusche kam. Doch dass sie das nicht bemerkt hat, sah ihr nicht ähnlich.«

»Aber Katy hast du nicht gesehen?«

»Die Tür war zu. Ich dachte, sie schläft noch. Ich hab mir ein Stück Käse aus dem Kühlschrank geholt und mich ein paar Stunden aufs Sofa gehockt und irgendeine Gameshow gesehen. Ehrlich gesagt, hatte ich einen ziemlichen Kater. Ich bin eine Weile eingeschlafen. Als ich aufgewacht bin, war es viel später – vielleicht schon fast vier. Entschuldige.« Sie senkte abermals den Kopf. Andrew ging zu ihr und versuchte linkisch, ihr den Arm um die Schulter zu legen, doch sie schüttelte ihn ab. Als Anna es versuchte, ließ Lily sie gewähren.

»Ich muss immer daran denken, wie sie da lag, während ich auf dem Sofa geschlafen habe.«

»Denk nicht daran«, sagte Anna.

»Da möchte ich dich sehen«, sagte Lily und klang fast wie sie selbst. Sie setzte sich auf. »Also bin ich aufgestanden. Mir war wirklich komisch. Ich hatte wahnsinnigen Durst, war aber auch gefühlsmäßig seltsam matt. Es wurde noch gar nicht dunkel, doch ich hab diese gähnende Leere im Haus gespürt. Ich weiß nicht. Ich bin zum Schlafzimmer gegangen. Ich wollte Katy finden. Ich wollte fragen, ob sie Lust auf einen Spaziergang hat oder so. Raus aus dem Haus. Die Tür war noch immer zu. Und vor der Tür war ein blutiger Fußabdruck, von einem Turnschuh. Er sah riesig aus, wie von einem Monster. Und er war auf dem weißen Teppich so deutlich zu erkennen. Mann konnte jede Kerbe der Sohle sehen. Ich bin schreiend ins Zimmer gestürzt. Sie lag mitten auf dem Boden mit einem Handtuch über dem Kopf. Ich glaube, ich wusste, dass sie tot war. Ich bin zu ihr hin und hab das Handtuch runtergerissen. Ihr Gesicht war zur Seite gedreht. Ihre Lippen waren blau. Ich hab vielleicht eine Sekunde lang versucht, sie wiederzubeleben, aber ihre Lippen waren so kalt, und ich hab Blut ins Gesicht gekriegt.«

Lily zitterte so heftig, dass Annas Arm auf ihren Schultern mitbebte. Abermals versuchte Andrew, seinen Arm um sie zu legen, und diesmal ließ sie es zu.

»Ich hab laut gebrüllt. Ich bin aus dem Haus raus und zu Sebastien gerannt, und wir haben die Polizei angerufen. Dann sind die Cops gekommen und haben uns nicht mehr ins Haus gelassen. Die Carrizos haben erst für den nächsten Tag einen Rückflug gekriegt. Sebastien ist mit mir eine Zahnbürste kaufen gegangen. Ich durfte bei ihm schlafen. Ich hab die ganze Nacht gekotzt, ich weiß nicht warum. Und am nächsten Tag sind sie dann gekommen und haben mich hierher gebracht.«

Der Wachmann vor der Tür gab ihnen zu verstehen, dass sie nur noch unfassbare zwei Minuten hatten; Andrew hatte noch nichts erreicht, vor allem das Allerwichtigste nicht.

»Lily.« Er nahm ihre Hände so fest in seine, dass er spürte, wie sich die Knochen gegeneinanderschoben. Was er sagen wollte, war: Warte eine Minute. Warte eine verdammte Minute. Als bestünde die einzige Schwierigkeit darin, dass alles zu schnell ging. Als könnte er die Sache problemlos in den Griff kriegen, wenn er nur dreißig Sekunden ruhig dasitzen und richtig darüber nachdenken dürfte. »Wie behandeln sie dich?«

»Ich weiß nicht, ob ich das sagen soll.«

»Sag’s mir.«

»Ich muss vor den Wachen pinkeln.«

»Ich weiß.«

»Es gibt keinen Abfalleimer. Es gibt kein fließend Wasser, außer die Dusche. Es gibt keine Gabel. Die Zahnpasta funktioniert nicht.«

»Sie funktioniert nicht?«

»Wir kaufen dir richtige Zahnpasta«, sagte Anna.

»Könnt ihr mir richtige Tampons besorgen?«

»Richtige Tampons?«, fragte Andrew.

Der Wachmann war hereingekommen und stand mit stummer Aufdringlichkeit in der Ecke.

»Ja«, sagte Anna entschieden.

»Was sind richtige Tampons?«

»Dad.«

»Die Dusche ist eiskalt«, sagte Lily. »Ich meine, eiskalt. Das machen die extra, da bin ich mir todsicher.«

Der Wachmann stellte sich hinter sie und zog sie hoch – nicht grob, aber unmissverständlich. Am liebsten hätte Andrew dem Kerl eins aufs Maul gegeben. Er wollte Lily und Anna festhalten und an seiner Schulter weinen lassen und ihnen sagen, dass er sie immer beschützen würde. Doch er wusste, dass das nicht ging. Und er wusste, dass eine solche Szene ihnen allen Angst gemacht hätte. Es wäre wie ein Abschied, und das war es nicht. Sie würden Lily sehr bald wiedersehen. Hysterie gebar Hysterie. Sie führte zu nichts.

»Wir sehen uns in einer Woche«, sagte Andrew. Er drückte Lily fest, aber ohne klammernde Verzweiflung. »Am Donnerstag kommt deine Mutter.«

»Ich liebe euch«, sagte sie.

»Wir lieben dich auch«, sagten sie.

Sie traten auf den Flur hinaus und ließen Lily zurück. Als Andrew sich noch einmal umdrehte, hielt sie den Kopf wieder gesenkt, das lange fettige Haar vor dem Gesicht. Und obwohl sie ihr den ganzen Weg den Flur hinunter zuwinkten, sah sie nicht noch einmal auf.

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